Lieber Marx!
Ich hoffe morgen einen Brief von Dir zu haben.
Hier ist alles ruhig. Sonntag abend hat Jottrand die Geschichte mit Dir
und Deiner Frau in der Association Démocratique erzählt. Ich kam zu
spät, um sie anzuhören, und hörte bloß noch einige wütende flämische
Bemerkungen von Pellering. Auch Gigot sprach und kam darauf zurück. In
die Emancipation brachte Lubliner einen Artikel deswegen. Die Advokaten
hier sind wütend, Maynz will, man soll die Sache gerichtlich verfolgen
und Du sollst Dich als _Partie civile_[1] konstituieren, wegen der
Domizilverletzung usw. usw. Auch Gigot soll klagen. Es wäre sehr gut,
wenn man’s täte, obwohl die Regierung hat sagen lassen, man würde den
Kerl absetzen. Castiau ist gestern von Maynz mit den nötigen Akten
versehen worden, um deswegen zu interpellieren, ich denke morgen oder
übermorgen kommt’s vor. Die Sache hat große Sensation gemacht und sehr
geholfen, den Deutschenhaß zu besänftigen.
Lupus ist vorigen Sonntag 11 Uhr morgens auf die Eisenbahn gebracht und
nach Valenciennes besorgt, von wo aus er geschrieben und wo er noch sein
wird. Er war vor keinem Tribunal. Man hat ihn nicht einmal zu [am] Hause
vorbeigeführt, um seine Sachen zu nehmen! – Mir hat man nichts getan.
Nach Redensarten, die die Kerls haben fallen lassen, scheuen sie sich,
mich auszuweisen, weil sie mir damals einen Paß gegeben haben, was man
gegen sie geltend machen könnte.
Die Geschichte in Köln ist unangenehm. Die drei besten Leute sitzen. Ich
habe einen aktiven Teilnehmer an der Geschichte gesprochen. Sie wollten
losschlagen, aber statt sich mit Waffen zu versehen, die leicht zu haben
waren, gingen sie vors Rathaus, unbewaffnet, und ließen sich zernieren.
Es wird behauptet, daß der größte Teil der Truppen für sie war. Die
Sache war unvernünftig dumm angefangen; wenn die Berichte des Kerls
richtig sind, so hätten sie ruhig losschlagen können und wären in zwei
Stunden fertig gewesen. Aber schrecklich dumm war alles angelegt.
Unsere _alten_ Freunde in Köln scheinen sich sehr zurückgehalten zu
haben, obwohl sie mit beschlossen hatten loszubrechen. Der kleine
D’E[ster], D[aniels], B. [?], waren einen Augenblick da, gingen aber
gleich wieder fort, obwohl der kleine Dr. im Stadtrat grade nötig war.
Die Nachrichten aus Deutschland sind sonst famos. In Nassau eine
vollendete Revolution, in München die Studenten, Maler und Arbeiter in
voller Insurrektion, in Kassel die Revolution vor der Tür, in Berlin
grenzenlose Angst und Zaudern, in ganz Westdeutschland Preßfreiheit und
Nationalgarde proklamiert; vorderhand ist das genug.
Wenn doch der F. W. IV.[2] sich starrköpfig hielte! Dann ist alles
gewonnen, und wir haben in ein paar Monaten die deutsche Revolution.
Wenn er nur an seinen feudalen Formen hielte! Aber der Teufel weiß, was
dies launige und verrückte Individuum tun wird.
In Köln ist die ganze kleine Bourgeoisie für Anschluß an die
französische Republik; die 1797er Erinnerungen herrschen augenblicklich
vor.
Tedesco sitzt noch immer. Ich weiß nicht, wann er vor Gericht kommen
wird.
Wegen Deiner Geschichte ist ein fulminanter Artikel an den Northern Star
abgegangen.
Sonntag abend in der Sitzung der demokratischen Gesellschaft merkwürdige
Ruhe. Eine Petition an die Kammern beschlossen wegen sofortiger
Auflösung und neuer Wahlen nach dem neuen Zensus. Die Regierung will
nicht auflösen, aber sie wird müssen. Morgen abend wird die Petition
angenommen und _séance tenante_[3] gezeichnet werden. Die
Jottrand-Petition an den Bürgermeister und Stadtrat hat eine sehr
höflich ablehnende Antwort erhalten.
Von der Ruhe, die hier herrscht, hast Du keinen Begriff. Gestern abend
Karneval, ganz wie sonst; von der französischen Republik ist kaum noch
die Rede. Die französischen Blätter erhält man in den Cafés fast ohne
Schwierigkeiten und Warten. Wenn man nicht wüßte, daß sie _müssen_,
_tant bien que mal_,[4] so sollte man glauben, hier sei alles aus.
Jottrand hat Sonntag – in seiner Wut über Deine Verfolgung – eine recht
gute Rede gehalten; die _sévices_[5] des Rogier haben ihn dahin
gebracht, den Klassengegensatz anzuerkennen. Er schimpfte sehr auf die
großen Bourgeois und ließ sich in – allerdings ziemlich platte und
illusorische, aber doch ökonomische Detail ... [Lücke], um der kleinen
Bourgeoisie zu beweisen, daß ... [Lücke] wohlbezahlte und viel
konsumierende Arbeiterklasse in einer Republik bessere Kunden für sie
seien als ein Hof und eine wenig zahlreiche Aristokratie. Ganz _à la_
O’Connor. – Die Zeit ist vorbei, diesen Brief auf die Post zu geben –
ich schließe morgen.
_Donnerstag._ Nichts Neues – Deinen Artikel habe ich in der Réforme
gesehen – in England ist ja auch Krawall, _tant mieux_.[6] Wenn Du bei
Ankunft dieses noch nicht geschrieben haben solltest, so schreibe mir
doch gleich. Eben kommt aus lauter Ironie meine Bagage von Paris an –
kostet mich 50 Franken mit Zoll usw. Der Polizeikommissar-Adjoint, der
zu Dir kam, soll schon abgesetzt sein. Die Geschichte hat hier bei den
Kleinbürgern große Entrüstung gesetzt.
Adieu!
Dein Engels.
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[1] Zivilkläger.
[2] Friedrich Wilhelm IV.
[3] Während der Sitzung.
[4] Wohl oder übel.
[5] Gewalttätigkeiten des [Ministers] Rogier.
[6] Um so besser.
26
Paris, 10 Rue neuve Ménilmontant (Boulevard Beaumarchais). Anfang
März 1848.
Lieber Engels!
Laß Dir von Breyer die 100 _Franken_ zahlen, die er mir hoch und teuer
versprach, in einer Woche wiederzugeben, von Gigot 30, von Heß 10. Ich
hoffe, daß Breyer in diesem Augenblick sein Versprechen halten wird.
Maynz wird den Wechsel bei Cassel von 114 Franken einlösen und Dir
auszahlen. Diese verschiedenen Summen nimm zusammen und verbrauche sie.
Auf der Réforme sprach man freundlich von Dir. Flocon ist krank, ich
habe ihn noch nicht gesehen. Das von Seiler ausgebreitete Gerücht ist
unter den Deutschen allgemein zirkulierend. Allard ist bis jetzt noch
nicht von der Revolution beiseite geschoben. Ich rate Dir, herzukommen.
Zentralbehörde ist hier konstituiert worden, da Jones, Harney, Schapper,
Bauer, Moll sich hier befinden. Man hat mich zum Präsidenten und
Schapper zum Sekretär ernannt. Mitglieder sind: Wallau, Lupus, Moll,
Bauer und Engels.
Jones ist gestern nach England abgereist. Harney ist krank.
_Salut!_
Dein K. M.
27
[Brüssel, erste Hälfte März 1848.]
Lieber Marx!
Ich werde Deine Sachen besorgen.
Schreibe ein paar Zeilen an M. Victor Faider, _avocat_, entweder direkt
oder durch Einlage an Bloß: wodurch Du ihm dankst für die Schritte, die
er in Deinem und Deiner Frau Interesse getan hat, und ihn autorisierst,
fernere Schritte zu tun. Faider, der sich plötzlich als eifriger
Republikaner herausgebissen hat, hat sich nämlich zu Deinem Verteidiger
konstituiert und wird dem Moniteur Belge als solcher antworten und die
Sache betreiben. Er hofft, Du werdest ihn nicht desavouieren, und damit
er entschieden auftreten kann, ist es gut, daß er das Blättchen von Dir
bekommt. Es ist besser, daß ein Belgier die Sache betreibt, als wenn
Maynz es tut, und da er sich dazu angeboten hat, so wird er seine Sache
auch wohl ordentlich machen.
Die _Feuille de Route_[1] schicke doch ja. Das Ding ist sehr
wünschenswert; Maynz fragt mich alle Tage danach.
Tedesco ist frei und gleich nach Lüttich fort, ohne einen Menschen zu
sehen. Esselenz war einige Tage hier, aber er hatte ihn nicht gesehen.
Hier herrscht eine Finanz-, Börsen-, Industrie- und Handelskrisis
ohnegleichen. Der Commerce jammert arbeitslos auf dem Café Suisse herum,
die Herren Kauwerz, Laufs und Konsorten schleichen umher wie bepißte
Pudel, die Arbeiter haben Rassemblements[2] gemacht und petitioniert;
große Brotnot allgemein. Bares Geld nirgends zu haben, und dabei ein
_emprunt forcé_[3] von 60 Millionen! Sie kriegen hier die Republik durch
die Börse aufgedrängt.
Lüning findet bei seiner Rückkehr hierher die Nachricht vor, daß in
Preußen auf ihn gefahndet wird; er wird seine Frau herkommen lassen und
nach Paris kommen. Der Dronke war vor seiner Flucht durch Willich und
Konsorten in den Bund aufgenommen worden. Ich habe ihn hier einem neuen
Examen unterworfen, ihm unsere Ansichten vorgetragen, und da er sich
einverstanden erklärte, ihn bestätigt. Man hätte nichts anderes tun
können, selbst wenn mehr oder weniger Bedenken dagewesen wären. Indes
ist der Kerl sehr bescheiden, sehr jung und scheint sehr zugänglich, so
daß ich glaube, daß er mit einiger Aufsicht und einigem Studium gut
werden wird. Er revozierte mir gegenüber alle seine früheren Schriften.
Er wohnt leider bei Moses, der ihn einstweilen also bearbeiten wird,
aber das hat bekanntlich nichts zu sagen. Bei Lüning, an den er sich
schrecklich angekittet hatte, bedurfte es zweier Worte, um ihn aus dem
Sattel zu heben.
Moses ist übrigens freundschaftlicher denn je – den Kerl begreife einer!
Bei Cassel kann ich nichts tun, da Maynz, nicht ich, Order hat. Breyer
beruft sich aus die Finanzkrisis, auf die Unmöglichkeit, seine alten
Wechselschulden jetzt prolongieren zu lassen, auf die Zahlungsweigerung
seiner gesamten Klientel. Er erklärt sogar, sein einziges Roß verkaufen
zu wollen. Ich werde indes sehen, was zu kriegen ist, denn mit dem Geld
von Maynz komme ich kaum aus, und das von Heß, der zuerst gezahlt, ist
bereits den Weg alles Fleisches. Gigot ist auch in Schwulitäten. Ich
werde noch heute mal zu Breyer gehen.
In den _Débat social_[4] kommt morgen eine ausführliche Widerlegung,
_mot pour mot_,[5] des Moniteurs.
Dem Faider füge noch hinzu: wenn er eine spezielle Vollmacht haben
müsse, so werdest Du sie ihm schicken.
Schreibe auch ein paar Zeilen an M. Bricourt, _membre de la Chambre des
Représentants_, der sehr gut für Dich in der Kammer aufgetreten ist und
den Minister auf Maynz’ Ansuchen scharf interpelliert und die Enquete
wegen der Geschichte durchgesetzt hat. Er ist Repräsentant für Charleroi
und nach Castiau der beste. Castiau war gerade in Paris.
Sieh den inliegenden Wisch durch und schicke ihn an die Réforme. Die
hiesigen Kerls müssen fortwährend geärgert werden.
_Si c’est possible_,[6] so reise ich Montag ab. Aber die Geldwirtschaft
kommt mir immer in die Quere.
Von England höre ich durchaus nichts, weder durch Briefe noch Stars.
In Deutschland geht die Sache wahrhaftig sehr schön; überall Emeuten,
und die Preußen geben nicht nach. _Tant mieux._[7] Wir werden
hoffentlich nicht lange in Paris zu bleiben haben.
Daß Ihr den Bornstedt hinauswerft, ist sehr gut. Der Kerl hat sich so
unzuverlässig erwiesen, daß man ihn wirklich beseitigen muß aus dem
Bund. Er und Weerth sind jetzt all ... und Weerth läuft als wütender
Republikaner hier herum.
Der Lamartine wird jeden T[ag] ....rlicher. Dieser Mensch wendet sich ja
in allen seinen Reden nur an die Bourgeois und sucht sie zu beruhigen.
Auch die Wahlproklamation der provisorischen Regierung ist ja ganz an
die Bourgeois gerichtet, um sie zu reassurieren.[8] Kein Wunder, daß die
Kerls dabei frech werden.
_Adios, au revoir!_[9]