15. Mai 1847.

Lieber Engels!

Du weißt, daß Vogler seit Anfang Mai in Aachen arretiert ist. Das hat

für einstweilen den Druck der von Dir hergeschickten Broschüre unmöglich

gemacht. Das erste Drittel derselben hat mir sehr gut gefallen. An den

zwei anderen muß jedenfalls geändert werden. Mehr speziell das

nächstemal über diesen Punkt.

Einlege ich den Abdruck Deiner Karikatur. Ich hatte sie der Brüsseler

Zeitung zugeschickt.

Was den wirklich ekelhaften Artikel des Grün und Konsorten in der

Trierschen Zeitung angeht, so ist es zwar jetzt zu spät; ursprünglich

aber hättest Du gut getan, in zwei Zeilen eine Gegenerklärung in

demselben Schundblatt zu erlassen.

Nach London kann ich nicht. Die Geldmittel gestatten es nicht. Wolff[1]

werden wir aber hoffentlich hinbringen. Und dann wird’s genügen, daß ihr

beide da seid.

Ich kann Dir nicht mehr schreiben. Vor ungefähr zwölf Tagen ließ mir der

Breyer zu _Ader_, aber statt an dem _linken_, am _rechten_ Arm. Da ich

fortarbeitete, als sei nichts vorgefallen, eiterte die Wunde, statt zu

vernarben. Die Sache hätte gefährlich werden und mir den Arm kosten

können. Jetzt ist’s so gut wie geheilt. Aber der Arm noch schwach. Darf

nicht angestrengt werden.

Dein Marx.

----------

[1] Wilhelm Wolff, auch „Lupus“, „Kasematten“- oder

„Parlaments-Wolff“ genannt.

19

[Aus Brüssel.] Dienstag, 28. September 1847.

Lieber Marx!

Es ist hier dieser Tage eine höchst kuriose Geschichte vorgekommen.

Sämtliche mit uns und unserem Auftreten unzufriedenen Elemente unter den

hiesigen Deutschen haben nämlich eine Koalition gebildet, um Dich, mich

und überhaupt die Kommunisten zu stürzen und dem Arbeiterverein eine

Konkurrenz zu machen. _Bornstedt_ ist im höchsten Grade malkontent; die

von Otterberg ausgegangene, von Sandkuhl überbrachte und bestärkte, von

Crüger und Moras benutzte Redensart, wir benutzten ihn, Bornstedt, bloß,

hat ihn gegen uns alle wütend gemacht; Moras und Crüger, die da

herumjammern, sie würden von uns von oben herab behandelt, haben ihn

noch mehr aufgehetzt. _Seiler_ ist ärgerlich wegen der ihm widerfahrenen

unverzeihlichen Vernachlässigung bei Gründung des Arbeitervereins und

wegen des guten Fortganges des Vereins, der allen seinen Prophezeiungen

widerspricht. _Heilberg_ sucht für die ihm zuteil gewordenen und noch

tagtäglich werdenden Grobheiten eine eklatante, wenn auch unblutige

Rache. Bornstedt schäumt ebenfalls, daß er sich vermittels der

geschenkten Bücher und Karten nicht die Stellung eines einflußreichen

Demokraten, die Ehrenmitgliedschaft und Aufstellung seiner Büste im

Verein erkaufen konnte, sondern daß im Gegenteil sein Setzer morgen

abend über ihn wie über einen ganz gewöhnlichen Menschen abstimmen

lassen wird. Es ärgert ihn auch, daß er, der aristokratische _homme

d’esprit_[1], bei den Arbeitern viel weniger Gelegenheit findet, sich zu

mokieren, als er sich versprochen hatte. Dann ist Moras ärgerlich, daß

er die Brüsseler Zeitung nicht für Heinzen gewonnen. _Enfin_[2], alle

diese heterogenen Elemente vereinigten sich zu einem Coup, der uns

sämtlich zu einer sekundären Rolle gegenüber Imbert und den belgischen

Demokraten herabdrücken und eine viel großartigere, universellere

Gesellschaft ins Leben rufen sollte als unseren lumpigen Arbeiterverein.

Sämtliche Herren brannten danach, auch einmal in irgend etwas die

Initiative zu haben, und die feigen Canaillen hatten dazu den Moment

Deiner Abwesenheit für ausgezeichnet passend gefunden. Sie hatten sich

aber schändlich verrechnet.

Sie beschlossen also ganz im stillen, ein kosmopolitisch-demokratisches

Souper zu arrangieren und dort ganz unvorbereitet eine Gesellschaft _à

la fraternal Democrats_[3] nebst Arbeitermeetings usw. usw. zu

proponieren. Sie bildeten eine Art Komitee, wozu sie _pro forma_ den

ihnen ganz unschädlichen Imbert zuzogen. Nach allerlei vagen Gerüchten

erfuhr ich erst Sonntag abend im Verein von Bornstedt etwas Positives

darüber, und Montag war schon das Essen. Details waren aus Bornstedt

nicht herauszuziehen, außer daß Jottrand, General Mellinet, Adolf

Bartels, Kats usw. usw. hinkommen würden, Polen, Italiener usw. Obwohl

ich von der ganzen Koalition nichts ahnte (erst Montag morgen erfuhr

ich, daß Bornstedt etwas pikiert sei und Moras und Crüger jammerten und

intrigierten; von Seiler und Heilberg ahnte ich nichts), so kam mir die

Sache doch verdächtig vor. Hingehen mußte man aber wegen der Belgier und

um in dem kleinen Brüssel nichts Demokratisches geschehen zu lassen,

wobei wir nicht beteiligt seien. Aber für eine Partei mußte gesorgt

werden. Wallau und ich brachten also die Sache vor, unterstützten sie

stark, und gleich fanden sich an die dreißig, die hingehen wollten. Am

Montag morgen sagte mir Lupus, außer dem _président d’honneur_[4], dem

alten Mellinet, und dem wirklichen Präsident Jottrand müßten sie zwei

Vizepräsidenten haben, von denen einer Imbert, der andere ein Deutscher,

womöglich ein Arbeiter. Wallau sei leider unmöglich, weil er kein

französisch spreche. So habe ihm Bornstedt gesagt. Er, Lupus, habe

geantwortet, dann müsse ich es werden. Ich sagte dem Lupus nun, er solle

es sein, aber er wollte absolut nicht. Ich wollte es auch nicht, weil

ich so schrecklich jung aussehe, aber am Ende dachte ich, es sei doch

für alle Vorkommenheiten am besten, wenn ich es akzeptierte.

Wir kommen abends hin. Bornstedt tat sehr unwissend, als ob noch nichts

arrangiert, bloß die Beamten (_toujours à l’exception de

l’Allemagne_[5]) und einige inskribierte Redner, von denen ich außer

Crüger und Moras keinen Namen erfahren konnte; er drückte sich jeden

Augenblick wegen Arrangierung des Lokals, lief zu diesem und jenem,

mogelte, intrigierte, fuchsschwänzelte aus Leibeskräften. Ich sah indes

noch kein Symptom von besonderer Intrige, das stellte sich erst später

heraus. Wir waren im Estaminet Liégeois, Place du Palais de justice. Als

es zur Beamtenwahl kam, schlug Bornstedt gegen alle Absprache Wallau

vor. Dieser ließ sich durch Wolff (Lupus) ablehnen und mich vorschlagen,

was auch mit Glanz durchging. Hiermit war die ganze Intrige

auseinandergefallen und vereitelt. Jetzt verloren sie mehr oder weniger

die Besinnung und verrieten sich. Nach Imbert, der die _martyrs de la

liberté_[6] leben ließ, brachte ich einen französischen Toast _au

souvenir de la Révolution de 1792_[7] und nachträgliches _anniversaire

du 1er Vendémiaire an I de la République_[8] aus. Nach mir hielt Crüger

eine lächerliche Rede, in der er stecken blieb und sein Manuskript

hervorziehen mußte. Dann Moras, der eine Pauke ablas, in der es sich

fast nur von seiner Wenigkeit handelte. Beide deutsch. Ihre Toaste waren

so konfus, daß ich sie gar nicht mehr weiß. Dann Pellerin flämisch,

Advokat Spilthoorn von Gent französisch _au peuple anglais_,[9] dann zu

meinem größten Erstaunen die buckelige Spinne Heilberg mit einer langen

schulmeisterlichen abgeschmackten französischen Rede, worin er erstens

sich als Redakteur des Atelier Démocratique in die Brust warf; zweitens

erklärte, Er, Maximus Heilberg, verfolge seit mehreren Monaten – _mais

cela doit se dire en français: L’association des ouvriers belges, voilà

le but que Je poursuis depuis quelques mois (c. à d. depuis le moment où

J’ai daigné prendre connaissance du dernier chapitre de la Misère de la

philosophie)._[10] Also Er und nicht Kats und die anderen Belgier.

„_Nous entrerons dans la carrière quand nos aînés n’y seront plus_“[11]

usw. usw. Er wird das vollbringen, was Kats und Jottrand nicht konnten;

drittens vorschlug, eine _fraternelle democracy_[12] zu stiften und die

Meetings zu reorganisieren; viertens das erwählte Bureau mit der

Organisation beider zu beauftragen. – Also welche Konfusion! Erstens die

kosmopolitische Geschichte mit belgischen Meetings über belgische

Angelegenheiten zusammenzuwerfen, und zweitens diesen Vorschlag, statt

ihn ganz fallen zu lassen, weil ihnen doch alles verbrockt, dem

bestehenden Bureau zu übertragen! Und wenn er dachte, ich ginge weg,

mußte er nicht wissen, daß gar nicht daran zu denken war, irgend jemand

anders ins Bureau zu bringen als Dich? Aber der Schafskopf hatte seine

Rede mal fertig geschrieben, und seine Eitelkeit erlaubte ihm nicht,

etwas fallen zu lassen, wobei er die Initiative in irgend etwas

ergreifen konnte. Die Geschichte ging natürlich durch, und bei dem zwar

sehr _factice_ [äußerlich] gewordenen, aber doch lauten Enthusiasmus war

nicht daran zu denken, den konfusen Vorschlag besser zu arrangieren.

Dann sprach A. Bartels (Jules war nicht da), und dann verlangte Wallau

das Wort. Wie groß aber war mein Erstaunen, als plötzlich Bornstedt

vorsprang und mit großem Eifer das Wort für Seiler als früher schon

eingeschriebenen Redner verlangte. Seiler erhielt es und hielt eine

unendliche lange, schwatzhafte, alberne, lächerlich abgeschmackte,

wirklich blamable Rede (französisch), worin er von den _pouvoirs

législatif, administratif et exécutif_[13] schauderhaften Unsinn sprach,

den Demokraten allerhand weise Ratschläge gab (wie auch Heilberg, der

von Instruktion und _question de l’enseignement_[14] die wunderbarsten

Dinge gefaselt), worin Seiler ferner sich _en grand homme_[15] posierte,

von demokratischen Gesellschaften sprach, _auxquelles j’ai participé et

_que j’ai peut-être même dirigées_ (littéralement)_[16] und schließlich

auch richtig sein edles Bureau mit den _dernières nouvelles arrivées de

Paris_[17] usw. hereinbrachte. Kurz, es war scheußlich. Nachher sprachen

noch mehrere, ein schwyzer Esel, Pellerin, Kats (sehr gut) usw. usw.,

und um 10 Uhr schloß Jottrand (der sich zu Tode schämte für die

Deutschen) die Sitzung. Plötzlich reklamierte Heilberg Schweigen und

annoncierte: die Rede von Weerth auf dem _free trade_[18] Kongreß

erscheine morgen in dem Supplement des Atelier, __qui se vendra

séparément__!!![19] Auch hat der Zalewski noch etwas gegreint _sur

l’union de cette malheureuse Pologne et de cette grande, noble et

poétique Allemagne – enfin_,[20] alle gingen sehr ruhig, aber sehr

malkontent nach Hause.

_Donnerstag_, 30. September. Seit obiges geschrieben, ist allerlei Neues

vorgefallen und mancherlei entschieden. Am Dienstag morgen, wo mir die

ganze Intrige klar war, lief ich herum und konterkarrierte; noch in der

Nacht um 2 Uhr lief ich zu Lupus aufs Bureau: ob Bornstedt nicht im

Arbeiterverein auszuballottieren sei? Mittwoch überall herumgelaufen,

aber alle meinten, wir setzten es nicht durch. Ich kam Mittwoch abend in

den Verein, Bornstedt war schon da, er war zweideutig; endlich brachte

Thomis die neue Zeitung, mein Artikel gegen Heinzen, den ich Montag

schon zu ihm und, als er (mittags 2 Uhr) nicht da war, in die Druckerei

gebracht, _stand nicht drin_. Ich frug ihn, er sagte, es sei kein Platz

gewesen. Ich erinnerte an das, was Du mit ihm abgesprochen. Er leugnete

das; ich wartete, bis Wallau da war, der mir sagte, Platz genug sei

dagewesen, aber am Dienstag habe Bornstedt den Artikel aus der Druckerei

_holen lassen_ und nicht wieder geschickt. Ich ging zu Bornstedt und

erzählte ihm das sehr grob. Er suchte sich herauszulügen. Ich kam wieder

auf die Absprache, die er, bis auf ganz allgemeines Geschwätz, wieder

leugnete. Ich sagte ihm einige Grobheiten – Crüger, Gigot, Imbert usw.

usw. saßen dabei – und frug: Wollen Sie den Artikel am Sonntag geben,

_oui ou non_?[21] – Darüber müssen wir erst sprechen. – Ich spreche mit

Ihnen darüber gar nicht. Damit ließ ich ihn sitzen. Die Sitzung begann.

Bornstedt stützte seinen Kopf auf seinen Ellenbogen und sah mich mit

merkwürdiger Siegesgewißheit an. Ich sah ihn wieder an und wartete. Auf

trat Herr Thomis, der, wie Du weißt, das Wort verlangt hatte. Er zog

eine geschriebene Rede aus der Tasche und las eine Reihe der

sonderbarsten Ausfälle gegen unser Scheingefecht ab. Eine Zeitlang ging

das fort, aber als _cela ne finissait pas_,[22] entstand allgemeines

Murren, eine Masse verlangten das Wort, und Wallau rief Thomis zur

Ordnung. Dieser, Thomis, las dann sechs verrückte Worte über die Frage

und trat ab. Dann trat Heß auf und verteidigte uns ganz gut. Dann Junge.

Dann der Pariser Wolff[23], der zwar dreimal stecken blieb, aber sehr

applaudiert wurde. Dann noch mehrere. Wolff hatte verraten, daß wir bloß

_pro forma_ opponiert. Ich mußte also auftreten. Ich sprach – _à la

grande déconfiture de Bornstedt_,[24] der geglaubt hatte, ich wäre zu

sehr mit persönlichem Krakeel beschäftigt – ich sprach also über die

revolutionäre Seite des Schutzsystems, den pp. Thomis natürlich gänzlich

ignorierend, und schlug eine neue Frage vor. Angenommen. – Pause. –

Bornstedt, durch meine Heftigkeit ihm gegenüber, durch Thomis’

gänzliches Abfallen (_il y avait du Bornstedt dans son discours_[25])

und durch die Heftigkeit, mit der ich schließlich noch gesprochen, sehr

erschüttert, Bornstedt kam zu mir: Aber liebes Kind, Sie sind aber

schrecklich leidenschaftlich usw. Kurz, ich sollte den Artikel

unterschreiben. – Nein. – Dann sollten wir uns wenigstens über eine

kurze Redaktionseinleitung verständigen. – _Bien, à demain à onze heure

au Café Suisse._[26] – Dann kam die Aufnahme von Bornstedt, Crüger und

Wolff. Heß stand zuerst auf und richtete zwei Fragen an Bornstedt wegen

der Montagsversammlung. Bornstedt log sich heraus, und Heß war schwach

genug, sich für _satisfait_ zu erklären. Junge packte Bornstedt

persönlich, wegen seines Auftretens in der Gesellschaft und weil er den

Sandkuhl unter falschem Namen eingeführt. Fischer trat sehr energisch

gegen Bornstedt auf, ohne alle Verabredung, aber sehr gut. So noch

mehrere. Kurz, der siegestrunkene Herr v. Bornstedt mußte förmlich

zwischen den Arbeitern Spießruten laufen. Er wurde schändlich mißhandelt

und war so geschlagen – er, der natürlich durch seine Büchergeschenke

komplett eingekauft zu sein glaubte –, daß er nur ausweichend schwach,

konzedierend antworten konnte – trotzdem daß Wallau fanatisch für ihn

war, miserabel präsidierte und ihn jeden Augenblick die Redner

unterbrechen ließ. Noch stand alles zweifelhaft, als Wallau die

Vorgeschlagenen abtreten ließ und zur Abstimmung brachte. Crüger, von

mir als _höchst unschuldiger_ Mensch vorgeschlagen, _der der

Gesellschaft nicht schaden kann_, und von Wolff _purement et

simplement_[27] unterstützt, ging durch. Bei Bornstedt trat Wallau in

einer langen heftigen Rede für ihn auf. Jetzt trat ich auf, setzte die

ganze Intrige, soweit die Gesellschaft dabei beteiligt war, auseinander,

vernichtete die Evasionen [Ausflüchte] des Bornstedt eine durch die

andere und erklärte schließlich: Der Bornstedt hat gegen uns intrigiert,

uns Konkurrenz machen wollen, aber wir haben gesiegt, und darum können

wir ihn jetzt in der Gesellschaft zulassen. Während der Rede – es war

die beste, die ich je gehalten – wurde ich sehr häufig durch Applaus

unterbrochen, namentlich als ich sagte: diese Herren glaubten noch,

alles gewonnen zu haben, weil ich, ihr Vizepräsident, weggehe, aber sie

dachten nicht daran, daß einer unter uns ist, dem der Platz von Rechts

wegen gebührt, einer, der allein die deutschen Demokraten hier in

Brüssel vertreten kann, und das ist Marx – da wurde fürchterlich

applaudiert. Genug, nach mir sprach keiner mehr, und so wurde dem

Bornstedt nicht die Ehre angetan, ihn herauszuschmeißen. Er stand vor

der Tür und hörte alles an. Ich hätte es lieber gesagt, wo er noch im

Saale gegenwärtig war, _mais il n’y avait pas moyen_,[28] weil ich mich

für den letzten Coup aufsparen mußte und Wallau die Diskussion abbrach.

Aber er, wie Wolff und Crüger, hat jedes Wort gehört. Ihm gegenüber

wurde Wolff fast glänzend adoptiert. – Genug, in der gestrigen Sitzung

hat Bornstedt, Crüger usw. einen solchen Schimpf erlitten, daß sie

honorigerweise gar nicht in die Gesellschaft kommen können und für lange

Zeit genug haben. Aber sie werden doch kommen; der unverschämte

Bornstedt ist durch unsere noch größere Frechheit, durch das

gänzliche Fehlschlagen aller seiner Kalkulationen, durch unsere

Leidenschaftlichkeit so _caduc_ [hinfällig] geworden, daß er nichts mehr

kann als in Brüssel herumlaufen und seine Schande überall herumjammern,

_le dernier degré de l’abaissement_.[29] Er kam wütend in den Saal

zurück, aber ohnmächtig, und als ich nun von der Gesellschaft Abschied

nahm und mit allen nur möglichen Ehren entlassen wurde, ging er

schäumend weg. Während der Diskussion über ihn war Bürgers gegenwärtig,

der seit vorgestern abend hier ist. – Unsere Arbeiter haben sich bei der

ganzen Sache _ganz famos_ benommen; die geschenkten 26 Bücher und 27

Landkarten wurden mit keinem Worte erwähnt, Bornstedt wurde von ihnen

mit der größten Kälte und Rücksichtslosigkeit behandelt, und als ich

sprach und zur Konklusion kam, hatte ich es in meiner Hand, ihn mit

enormer Majorität durchfallen zu lassen. Das gibt selbst Wallau zu. Aber

wir haben ihn schlimmer behandelt, wir haben ihn mit Schimpf und Schande

aufgenommen.

Auf die Gesellschaft hat die Sache einen ausgezeichneten Eindruck

gemacht; zum erstenmal haben sie eine Rolle gespielt, ein Meeting, trotz

aller Intrigen, beherrscht, und einen Kerl, der sich ihnen gegenüber

eine Position machen wollte, in seine Schranken zurückgewiesen. Nur

einige Kommis usw. usw. sind malkontent, die Masse ist enthusiastisch

für uns. Sie haben gefühlt, was sie sind, wenn sie assoziiert sind.

Heute morgen ging ich aufs Café Suisse, und wer nicht kam, war

Bornstedt. Aber Weerth und Seiler begegneten mir, sie hatten den

Bornstedt eben gesprochen, und Seiler war die Unterwürfigkeit und

Insinuation selbst. Ich ließ ihn natürlich links liegen. Die gestrige

Sitzung war übrigens so dramatisch, sie arrangierte und steigerte sich

so famos, daß der Pariser Wolff aus reinem ästhetischen Gefühl darüber

momentan zum Parteimann geworden ist. Heute war ich auch bei A. Bartels

und erklärte ihm, daß die deutsche Gesellschaft für nichts

verantwortlich sei, was am Montag vorgefallen, daß Crüger, Bornstedt,

Moras, Seiler, Heilberg usw. usw. nicht einmal Mitglieder waren, und daß

die ganze _à l’insu_[30] der deutschen Gesellschaft veranstaltete

Geschichte vielmehr die Errichtung einer Konkurrenz gegen sie bezweckte.

Ein Brief gleichen Inhaltes, von allen Komiteemitgliedern unterzeichnet,

geht morgen ebenfalls an Jottrand ab. Zu Imbert gehe ich morgen mit

Lupus. Ferner habe ich folgendes an Jottrand wegen der durch meine

Abreise leer werdenden Stelle im Organisationskomitee der Brüsseler

_fraternal Democrats_[31] geschrieben:

„_Monsieur! Obligé de quitter Bruxelles pour quelque mois, je me trouve

dans l’impossibilité de remplir les fonctions dont la réunion du 27 de

ce mois a bien voulu m’investir. – Je vous prie donc d’appeler un

démocrate allemand résident à Bruxelles à assister aux travaux de la

commission chargée d’organiser une société démocratique universelle. –

Je me permettrai de vous proposer celui parmi les démocrates allemands

des Bruxelles, que la réunion, s’il avait pu y assister, aurait nommé à

la charge qu’en son absence on m’a fait l’honneur de me conférer. Je

parle de Mr. Marx qui dans mon intime conviction a le droit le plus

fondé de représenter à la commission la démocratie allemande. Ce ne

serait donc pas Mr. Marx qui m’y remplacerait, c’était plutôt moi qui à

la réunion ai remplacé Mr. Marx. Agréez etc._“[32]

Ich hatte nämlich vorher schon mit Jottrand abgesprochen, daß ich ihm

meine Abreise schriftlich anzeigen und Dich in die Kommission

vorschlagen würde. Jottrand ist auch verreist und kommt in vierzehn

Tagen wieder. Wird nichts aus der ganzen Geschichte, was ich glaube, so

ist es Heilbergs Vorschlag, der durchfällt: wird was draus, so sind wir

es, die die Sache zustande gebracht haben. Jedenfalls haben wir das

gewonnen, daß Du und nach Dir ich als Repräsentanten der deutschen

Demokraten in Brüssel anerkannt sind und sonst die ganze Intrige

schrecklich in den Dreck gefallen ist.

Heute abend war Gemeindesitzung. Ich präsidierte. Mit Ausnahme Wallaus,

der sich übrigens bekehren ließ und dessen gestriges Auftreten

allerdings diverse Entschuldigungsgründe findet, die ich ihm auch zugute

kommen ließ; mit dieser Ausnahme also war der Enthusiasmus über die

Geschichte mit Bornstedt einstimmig. Die Kerls fangen an sich zu fühlen.

Sie sind endlich einmal als Gesellschaft, als Macht gegenüber anderen

Leuten aufgetreten, und daß alles so famos flott ging, daß sie so

komplett gesiegt haben, macht sie ungeheuer stolz. Junge schwimmt im

siebenten Himmel, Riedel weiß sich vor Freude nicht zu lassen, selbst

der kleine Ohnemus triumphiert wie ein _fighting cock_.[33] Übrigens

wiederhole ich, daß diese Geschichte der Gesellschaft nach innen und

nach außen einen famosen Aufschwung gegeben hat und ferner geben wird.

Kerle, die sonst das Maul nicht auftun, haben den Bornstedt attackiert.

Und selbst die Intrige hat uns geholfen: erstens hat Bornstedt überall

verbreitet, die deutsche demokratische Arbeitergesellschaft habe das

Meeting gemacht, und zweitens haben wir das alles desavouiert, und durch

beides ist die Gesellschaft bei den belgischen Demokraten überall ins

Gespräch gekommen und gilt als eine höchst bedeutende, _plus ou

moins_[34] mysteriöse Macht.

_La démocratie allemande devient très forte à Bruxelles_,[35] sagte

Bartels heute morgen.

Übrigens kommst Du auch in den Brief des Komitees an Jottrand. Gigot

wird zeichnen: Sekretär während der Abwesenheit von Marx.

Mach’ nun Deine Geldgeschichten so rasch wie möglich ab und komm’ wieder

her. Mir brennt’s unter den Füßen; ich möchte fort und muß erst den

Verlauf dieser Intrigen abwarten. Ich kann jetzt absolut nicht fort. Je

eher Du also kommst, desto besser. Nur regle zuerst Deine

Geldgeschichten. Ich bleibe jedenfalls so lange auf meinem Posten wie

irgend möglich. _Si c’est possible_,[36] bis Du kommst. Aber eben

deswegen ist’s wünschenswert, daß Du bald kommst.

Dein Engels.

----------

[1] Mann von Geist.

[2] Schließlich, kurz.

[3] Nach Art der brüderlichen Demokraten [Chartistengruppe].

[4] Ehrenpräsident.

[5] Immer mit Ausnahme der Deutschen.

[6] Märtyrer der Freiheit.

[7] Auf das Andenken der Revolution von 1792.

[8] Jahrestag des 1. Vendémiaire des Jahres I der [ersten

französischen] Republik.

[9] Auf das englische Volk.

[10] Aber das muß auf französisch gesagt werden: Die Assoziation der

belgischen Arbeiter, das ist das Ziel, das ich seit mehreren Monaten

verfolge (das heißt seit dem Augenblick, wo ich geruht habe, vom

letzten Kapitel des [Marxschen] Elends der Philosophie Notiz zu

nehmen).

[11] Wir werden in die vorderen Reihen treten, wenn unsere Alten

nicht mehr [dort] sein werden.

[12] Brüderliche Demokratie.

[13] Gesetzgeberische, verwaltende und vollziehende Gewalten.

[14] Unterrichtsfrage.

[15] Als großer Mann.

[16] Deren Mitglied ich war und die ich vielleicht sogar geleitet

habe (wörtlich).

[17] Letzten Nachrichten von Paris.

[18] Freihandels-.

[19] Die gesondert verkauft werden wird.

[20] Über das Band zwischen diesem unglücklichen Polen und diesem

großen, edlen und poetischen Deutschland – kurz.

[21] Ja oder nein.

[22] Als das kein Ende nahm.

[23] Der Pariser Wolff ist Ferdinand Wolff, später Redakteur der

Neuen Rheinischen Zeitung, gewöhnlich der „rote Wolff“ genannt, zum

Unterschied von Lupus, dem „Kasematten“- oder „Parlaments-Wolff“.

[24] Zur großen Verblüffung Bornstedts.

[25] Aus seiner Rede hörte man Bornstedt heraus.

[26] Gut, morgen um 11 Uhr im Café Suisse.

[27] Schlechthin und einfach.

[28] Aber dazu fehlte die Möglichkeit.

[29] Die letzte Stufe der Demütigung.

[30] Ohne Wissen.

[31] Verbrüderte Demokraten.

[32] „Mein Herr! Genötigt, Brüssel auf einige Monate zu verlassen,

sehe ich mich außerstande, die Funktionen zu erfüllen, welche die

Versammlung vom 27. dieses Monats mir zu übertragen die

Freundlichkeit hatte. Ich bitte Sie daher, einen in Brüssel

wohnhaften deutschen Demokraten zur Teilnahme an den Arbeiten der

mit der Organisierung eines internationalen demokratischen Bundes

beauftragten Kommission zu berufen. Ich erlaube mir, Ihnen dafür

denjenigen deutschen Demokraten Brüssels vorzuschlagen, den die

Versammlung, wenn er ihr hätte beiwohnen können, zu dem Amte gewählt

hätte, mit dessen Übertragung man in seiner Abwesenheit mich

beehrte. Ich meine Herrn Marx, der nach meiner innersten Überzeugung

den größten Anspruch darauf hat, die deutsche Demokratie in der

Kommission zu vertreten. Es wäre daher nicht Herr Marx, der in ihr

an meine Stelle treten würde, sondern ich war es vielmehr, der in

der Versammlung Herrn Marx vertrat. Genehmigen Sie usw. usw.“

[33] Kampfhahn.

[34] Mehr oder weniger.

[35] Die deutsche Demokratie wird sehr stark in Brüssel.

[36] Wenn es möglich ist.

20

[Undatiert. Etwa 10. November 1847.]

Lieber Bartholomäus!

Ich kann Dir erst heute schreiben, weil ich erst heute den kleinen Louis

Blanc – nach erschrecklichen Kämpfen mit der Portierfrau – zu sehen

bekam. Das Resultat meiner langen Unterredung mit ihm ist, daß der

kleine Mann zu allem bereit ist. Er war die Höflichkeit und

Freundschaftlichkeit selbst und scheint nichts dringender zu wünschen,

als mit uns in die engste Verbindung zu treten. Auch das

französisch-nationale Protektionswesen hat er gar nicht an sich. Ich

hatte ihm geschrieben, ich käme mit _mandat formel_[1] der Londoner,

Brüsseler und Rheinischen Demokratie zu ihm, ebenso als _chartist

agent_.[2] Er erkundigte sich genau nach allem; ich schilderte ihm den

Stand unserer Partei als äußerst brillant, sprach von der Schweiz,

Jacoby, den Badensern als Alliierten usw. – Du seiest der Chef: _vous

pouvez regarder M. Marx comme le chef de notre parti (i. e. de la

fraction la plus avancée de la démocratie allemande, que je représentais

vis-à-vis de lui) et son récent livre contre M. Proudhon comme notre

programme_.[3] Dies nahm er sich sehr _ad notam_. Dann versprach er mir

schließlich, sich über Dein Buch in der Réforme zu prononcieren

[äußern]. Er erzählte mir eine Masse Zeugs über das _mouvement

souterrain_,[4] das jetzt bei den Arbeitern vor sich gehe; die Arbeiter

hätten seine _organisation du travail_[5] in 3000 Exemplaren wohlfeil

gedruckt und nach vierzehn Tagen sei eine neue Auflage von 3000

Exemplaren nötig geworden – er sagte, die Arbeiter seien revolutionärer

als je, aber hätten gelernt ihre Zeit abwarten, keine Emeuten, nur große

Schläge mit _gewissem_ Erfolg zu machen usw. Übrigens scheint er sich

auch in Beziehung auf die Arbeiter das Protegieren abgewöhnt zu haben.

_Quand je vois des choses comme ce nouveau programme de M. de Lamartine,

cela me fait rire! Pour bien juger de l’état actuel de la société

française, il faut être dans une position qui vous permet de voir un peu

de tout, d’aller le matin chez un ministre, l’après-dîner chez un

négociant, et le soir chez un ouvrier._[6] Die kommende Revolution werde

ganz anders und viel durchgreifender sein als alle früheren, und es sei

reine _bêtise_[7], fortwährend bloß gegen Könige usw. zu brüllen.

Schließlich war er sehr artig und ganz kordial. Du siehst, mit dem Mann

ist _all right, il a les meilleures dispositions du monde_.[8] Von Dir

sprach er mit großer Teilnahme; es tat ihm leid, daß Ihr etwas

_froidement_[9] voneinander gegangen seid usw. Eine besondere Vorliebe

hat er noch immer für eine in Paris herauszugebende deutsche _und_

französische Revue. Vielleicht später zu benutzen. – Über Ruge, nach dem

er frug, setzte ich ihm einen Floh ins Ohr; _il s’est fait le

panégyriste de la Diète prussienne, et cela même après que la diète

s’était séparée sans résultat. – Donc il a fait un pas en arrière?_[10]

Jawohl. – Mit _père_ Flocon bin ich ebenfalls im besten Zuge. Bei diesem

bin ich erst als Engländer aufgetreten und frug im Namen Harneys, warum

er den Star so ignoriere. Ja, sagte er, es täte ihm leid, er spräche gar

zu gern davon, nur sei kein Mensch auf der Redaktion, der englisch

verstehe! Ich bot mich an, ihm wöchentlich einen Artikel zu machen,

akzeptiert _de grand coeur_.[11] Als ich ihm sagte, ich sei

Korrespondent des Star, wurde er ganz gerührt. Wenn das so fortgeht, so

haben wir in vier Wochen diese ganze Richtung gewonnen. Flocon will von

mir einen Aufsatz über den Chartismus für Privatgebrauch haben, er weiß

nicht die blasseste Laus davon. Ich werde gleich zu ihm gehen und ihn

weiter in unsere Netze verstricken. Ich werde ihm sagen, das Atelier

mache mir Avancen (was wahr ist, ich gehe noch heute abend hin), und ich

werde sie ausschlagen, wenn er sich anständig benehme. Das wird sein

biederes Herz rühren. – Bin ich erst hier etwas weiter und im

französisch Schreiben etwas geübter, so geht’s auf die Revue

Indépendante los.

Ich vergaß ganz, den Louis Blanc zu fragen, warum er Deinen Artikel vom

Kongreß nicht aufgenommen. Ich werde ihm das nächstens vorrücken, wenn

er zu mir kommt. Übrigens zweifle ich, ob er Dein Buch _überhaupt

erhalten_ hat. Er wußte sich dessen heute gar nicht zu besinnen. Auch

vor meiner Abreise sprach er _sehr unbestimmt_ davon. Ich erfahre das in

ein paar Tagen. Hat er’s nicht, so gebe ich ihm mein Exemplar. –

Denke Dir, der kleine Bernays, der hier herumläuft und den „Märtyrer“

spielt, den von aller Welt Verratenen, „der aller Welt geholfen hat, mit

Geld oder gutem Rat“ (_littéralement_[12]), diese Bestie hat _a horse

and gig_,[13] ein Schimmelchen und ein Kabriolett! Natürlich Börnstein

hat’s, aber das ist wurst. Derselbe Kerl, der heute sich als gedrückten,

geldlosen Märtyrer hinstellt, renommiert morgen damit, daß er der

einzige sei, _der Geld zu verdienen wisse_. Er hat 21 Bogen! über die

Affäre Praslin gekaut, die in der Schweiz erscheinen. Der Kern der Sache

ist der, daß nicht _la duchesse_, sondern _le duc_[14] der Märtyrer

ist!! Auf seine Renommagen mit dem Märtyrtum habe ich ihm durch eine

Mahnung wegen alter, mir schuldiger 60 Franken antworten lassen. Er wird

vollständig Industrieller und prahlt damit. Übrigens ist er wahnsinnig.

– Ewerbeck selbst schäumt wider ihn. – Cabet habe ich noch nicht

gesehen. Er freut sich, wie es scheint, daß er wegkommt. Er merkt, daß

die Sachen hier anfangen bröcklig und mürb zu werden. Flocon will

losschlagen, Louis Blanc nicht; das ist ganz richtig, obwohl Louis Blanc

auch in allerlei Geschichten trempiert [mitmacht] und sich im voraus

freut über die plötzliche Aufschüttelung der Bourgeoisie aus ihrer

Sicherheit bei der plötzlich hereinbrechenden Revolution. – –

Ich bin bei _père_ Flocon gewesen. Der brave Mann war die Kordialität

selbst, und meine biedermännische Ehrlichkeit, mit der ich ihm meine

Geschichte mit dem Atelier erzählte, trieb ihm fast die Tränen in die

Augen. Ich kam vom Atelier auf den National zu sprechen: _Lorsque à

Bruxelles nous discutions la question à quelle fraction de la démocratie

française on s’adresserait, nous étions unanimement d’accord que dès le

premier abord on se mettrait en rapport avec la Réforme; car à

l’étranger il existe de fortes et de bien fondées préventions contre le

National. D’abord les préjugés nationaux de cette feuille empêchent tout

rapprochement_ – „_oui oui, c’est vrai_“, sagte Flocon, „_et ceci était

même la raison pour laquelle la Réforme fut fondée; nous avons déclaré

dès le premier jour que nous ne voulons pas de conquêtes_“ – _et puis_,

fuhr ich fort, _si je peux en croire mes prédécesseurs, car moi je n’ai

jamais été au National, ces messieurs se donnent toujours l’air de

vouloir protéger les étrangers, ce qui au reste est parfaitement

d’accord avec leurs préjugés nationaux; et nous autres, nous n’avons pas

besoin de leur protection, nous ne voulons pas de protecteurs, nous

voulons des alliés._ – „_Ah oui, mais c’est tout à fait différent avec

nous, nous n’y pensons pas._“ – _C’est vrai, aussi n’ai-je qu’à me louer

des procédés de Messieurs de la Réforme._[15] Aber wie das geholfen hat,

daß ich dem kleinen Blanc unsere Geschichten ins Gedächtnis

zurückgerufen. Deine Kongreßrede hatte er, _à ce qu’il paraît_,[16] ganz

verschmissen gehabt; heute hat er sie gleich hervorgesucht und an Flocon

geschickt mit einem sehr dringenden Billett, sie gleich abzudrucken. Ich

explizierte dem Flocon das Ding; der Mensch begriff das _cur, quomodo,

quando_[17] nicht, weil der Blanc sie ihm ohne alle weitere Erklärung

geschickt. Flocon bedauerte sehr, daß die Sache schon so alt geworden

sei; er sei _parfaitement d’accord_[18] damit, aber jetzt sei es zu

spät. Doch wolle er sehen, ob er’s nicht in einem Artikel unterbringen

könne. Er wolle sein möglichstes tun.

Der Artikel über Lamartines fromme Wünsche in der Réforme ist von Louis

Blanc, wie Du gesehen haben wirst. Er ist nicht übel, in jeder Beziehung

tausendmal besser als der ewige Flocon. Er würde den Lamartine gewiß

sehr derb angreifen, wenn er nicht jetzt gerade sein Konkurrent wäre.

Du siehst, die Leute sind so gut disponiert, wie man nur wünschen kann.

Ich stehe mit ihnen schon jetzt zehnmal besser, als Ewerbeck je mit

ihnen stand. Diesem werde ich jetzt gänzlich verbieten, zu schreiben für

die Réforme. Er mag sich an den National schmeißen und dort Venedey und

Komp. Konkurrenz machen; da ist er unschädlich und bekommt doch nichts

gedruckt.

Nachher war ich noch auf dem Atelier. Ich habe eine Berichtigung wegen

eines Artikels der vorigen Nummer über englische Arbeiter hingebracht,

die auch hereinkommt. Die Leute waren sehr artig; ich erzählte ihnen _un

tas d’anecdotes_[19] über englische Arbeiter usw. Sie forderten mich

dringend auf, mitzuarbeiten, was ich aber nur im Notfall tun werde.

Denke Dir, der _rédacteur en chef_ meinte, es wäre wohl gut, wenn die

englischen Arbeiter eine Adresse an die französischen erließen, sie

auffordernd, der _libre-échange_-Bewegung[20] entgegenzutreten und den

_travail national_[21] aufzustecken! _Quel héroïque dévouement!_[22]

Damit fiel er aber selbst bei seinen eigenen Leuten durch.

Übrigens habe ich den Leuten gegenüber gar keine Konzessionen zu machen

brauchen. Dem Louis Blanc sagte ich, _que nous étions d’accord avec eux

sur toutes les questions pratiques et d’actualité, et que dans les

questions purement théoriques nous marchions vers le même but; que les

principes énoncées dans son premier volume s’accordaient sous beaucoup

de rapports avec les nôtres, et que pour le reste il en trouverait de

plus amples développements dans ton livre. Quant à la question

religieuse, nous la considérions comme tout-à-fait subordonnée, comme

une question qui jamais ne devrait former le prétexte d’une querelle

entre les hommes du même parti._[23] Bei alledem sei eine

freundschaftliche Diskussion der theoretischen Fragen ganz gut möglich

und sogar wünschenswert, womit er _parfaitement d’accord_[24] war.

Der Lupus hatte mit seiner Vermutung, ich würde die Direktion sehr bald

treffen, ganz recht. Kaum drei Tage hier, laufe ich auf dem Boulevard

des Italiens dem Seiler in die Arme. Ihr werdet längst wissen, daß er

komplett durchgebrannt ist und nicht daran denkt, zurückzukommen. Er

läuft bei allerlei französischen Korrespondenzbureaus herum und sucht

unterzukommen. Ich habe ihn seitdem stets verfehlt und weiß nicht, wie

seine Affären stehen. Mischt er sich bei der Réforme ein, so wird man

ihn desavouieren müssen.

Sage doch dem verfluchten Bornstedt, was das heißen soll, daß er mir

seine Zeitung nicht schickt. Ich kann nicht immer bei den Straubingern

herumlaufen danach. Wenn er vorgibt, meine Adresse nicht zu wissen, gib

sie ihm, 5 Rue Neuve Saint-Martin. Ich schicke ihm einige Artikel,

sobald es irgend möglich. –

Bei den Straubingern höllische Konfusion. In den letzten Tagen vor

meiner Ankunft waren die letzten Grünianer herausgeworfen, eine ganze

Gemeinde, von denen aber die Hälfte wiederkommen wird. Wir sind jetzt

nur 30 Mann stark. Ich habe gleich eine Propagandagemeinde eingerichtet

und laufe fürchterlich herum und pauke. In den Kreis bin ich gleich

gewählt und habe die Korrespondenz bekommen. An 20 bis 30 Kandidaten zur

Aufnahme sind vorgeschlagen. Wir werden bald wieder stärker sein. Dem

Mosi habe ich, _ganz unter uns_, einen höllischen Streich gespielt. Er

hatte richtig ein gottvoll verbessertes Glaubensbekenntnis durchgesetzt.

Vorigen Freitag nun nahm ich dies im Kreise vor, Frage für Frage, und

war noch nicht an der Hälfte angekommen, als die Leute sich für

_satisfaits_[25] erklärten. _Ohne alle Opposition_ ließ ich mich

beauftragen, ein neues zu entwerfen, was nun nächsten Freitag im Kreis

wird diskutiert und _hinter dem Rücken der Ge[...]n_ nach London

geschickt werden. Das darf aber natürlich kein ..... Teufel merken,

sonst werden wir alle abgesetzt, und es gibt einen Mordskandal. Der Born

wird bei Euch in Brüssel eintreffen, er geht nach London. Vielleicht ist

er schon vor diesem Briefe da. Er reist, verwegen genug, den Rhein

herunter durch Preußen; wenn sie ihn nur nicht abfassen. Pauke ihn noch

etwas ein, wenn er hinkommt, der Kerl ist von allen für unsere Sachen am

zugänglichsten und wird auch in London gute Dienste leisten, wenn er

noch etwas präpariert wird.

Ach, mein Gott, da hätte ich ja bald ganz die Drecklawine vergessen, die

der große Heinzen von den Höhen der Alpen über mich losgelassen hat. Es

ist ein wahres Glück, daß das in einer Nummer dicht hintereinander

steht; kein Mensch arbeitet sich durch, ich selbst habe mehrere Male

pausieren müssen. Solch ein Rindvieh! Habe ich erst behauptet, er könnte

nicht schreiben, so muß ich jetzt hinzufügen, daß er auch nicht lesen

kann, und in den vier Spezies scheint er auch nicht fest zu sein. Der

Esel sollte doch den Brief von F. O’Connor im letzten Star an die

radikalen Blätter lesen, der anfängt: _You ruffians_ und schließt _you

ruffians_,[26] da kann er sehen, was er für ein elender Stümper im

Schimpfen ist. Nun, Du wirst diesem gemeinen dummen Rüpel gehörig aufs

Dach steigen. Es ist sehr gut, daß Du ganz _kurz_ antworten wirst. Ich

könnte auf so einen Angriff gar nicht antworten, das ginge absolut nicht

– höchstens durch Ohrfeigen.

_Dienstag._ Mein Artikel steht in der Réforme. Sonderbarerweise hat

Flocon keine Silbe daran verändert, was mich sehr wundert.

Bei _père_[27] Heine bin ich noch nicht gewesen. Du kannst leicht

denken, daß ich mit all diesen Geschichten höllisch viel zu tun habe und

furchtbar laufen und schreiben muß. – Nach Elberfeld habe ich

geschrieben wegen der _free trade_[28] – Schutzzollgeschichte und

erwarte täglich Antwort. Schreibe bald wieder. Grüße Deine Frau und

Kinder.

Dein Engels.

Lies doch ja den Artikel O’Connors im letzten Star gegen die sechs

radikalen Blätter, es ist ein Meisterstück genialer Schimpferei, oft

besser als Cobbett und an Shakespeare grenzend.

_Quelle mouche a donc piqué ce pauvre Moses qu’il ne cesse pas d’exposer

dans le journal ses fantaisies sur les suites d’une révolution du

prolétariat?_[29]

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[1] Formgerechtes Mandat.

[2] Agent der Chartisten.

[3] Sie können Herrn Marx als den Chef unserer Partei (das heißt des

vorgeschrittensten Flügels der deutschen Demokratie, den ich ihm

gegenüber vertrete) und sein kürzlich erschienenes Buch gegen Herrn

Proudhon als unser Programm betrachten.

[4] Unterirdische Bewegung.

[5] Organisation der Arbeit.

[6] Wenn ich Dinge sehe, wie dieses neue Programm des Herrn de

Lamartine, macht es mich lachen! Um den gegenwärtigen Zustand gut

beurteilen zu können, muß man in einer Lage sein, die einem erlaubt,

etwas von allem zu sehen, des Morgens zu einem Minister, des

Nachmittags zu einem Geschäftsmann, des Abends zu einem Arbeiter zu

gehen.

[7] Dummheit.

[8] Alles in Ordnung, er hat die besten Dispositionen von der Welt.

[9] Kühl.

[10] Er hat sich zum Lobredner des [vereinigten] preußischen

Landtags gemacht, und das sogar, nachdem der Landtag resultatlos

auseinandergegangen ist. – Er hat also einen Schritt nach rückwärts

gemacht?

[11] Aus vollem Herzen.

[12] Wörtlich.

[13] Ein Pferd und ein Kabriolett.

[14] Die Herzogin, [sondern] der Herzog.

[15] Als wir in Brüssel die Frage diskutierten, an welche Fraktion

der französischen Demokratie sich zu wenden, kamen wir einmütig

überein, gleich zuerst mit der Réforme in Verbindung zu treten; denn

im Ausland bestehen starke und wohlbegründete Abneigungen gegen den

National. Zunächst verhindern die nationalen Vorurteile jede

Annäherung. – Ja, ja, das ist wahr, sagte Flocon, und das war gerade

der Grund, weshalb die Réforme gegründet wurde; wir haben vom ersten

Tage an erklärt, daß wir keine Eroberungen wollen – und dann, fuhr

ich fort, wenn ich meinen Vorgängern glauben darf, denn ich bin

niemals selbst beim National gewesen, geben sich diese Herren stets

die Miene, die Ausländer begönnern zu wollen, was übrigens

vollständig ihren nationalen Vorurteilen entspricht; wir aber

brauchen ihre Begönnerung nicht, wir wollen keine Beschützer, wir

wollen Verbündete. – Ganz recht, aber mit uns ist es ganz etwas

anderes, wir denken nicht daran. – Das stimmt, ich kann mich über

das Verhalten der Herren von der Réforme nur lobend aussprechen.

[16] Wie es scheint.

[17] Warum, wie, wann.

[18] Durchaus einverstanden.

[19] Einen Haufen Anekdoten.

[20] Freihandelsbewegung.

[21] Nationale Arbeit.

[22] Welche heroische Hingabe.

[23] Daß wir mit ihnen über alle praktischen und Tagesfragen

einverstanden seien und in den rein theoretischen Fragen demselben

Ziele zustrebten; daß die in seinem ersten Bande verkündeten

Grundsätze in vielen Punkten mit den unseren übereinstimmten, und

daß er für den Rest umfassendere Entwicklungen in Deinem Buch finden

würde. Was die Frage der Religion anbetrifft, so betrachteten wir

sie als durchaus untergeordnet, als eine Frage, die niemals zwischen

Leuten ein und derselben Partei den Vorwand zu einem Streite bieten

dürfe.

[24] Völlig einverstanden.

[25] Befriedigt.

[26] Ihr Wegelagerer!

[27] Vater.

[28] Freihandel.

[29] Welche Fliege hat denn diesen armen Moses [Heß] gestochen, daß

er nicht aufhört, im Blatt [die Brüsseler deutsche Zeitung] seine

Phantasien über die Folgen einer Revolution des Proletariats zum

besten zu geben?

21

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 11 / 196 题