Es versteht sich, daß, was ich Dir hier und später über Ewerbeck,
Bernays und andere Bekannte schreibe, strikt konfidentiell ist.
Ich frankiere nicht, da ich knapp bei Gelde bin und vor dem 1. Oktober
nichts zu erwarten habe. An selbigem Tage werde ich aber einen Wechsel
schicken, um meinen Anteil an den Portoauslagen zu decken.
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[1] Er hat nicht die geringste Sympathie für diesen Menschen.
[2] Er würde darin eine Falle sehen.
[3] Wie immer.
[4] immer so streng und bis und den Hals zugeknöpft ist.
[5] Beamten der öffentlichen Arbeiten.
[6] Man kann das nicht von M. Dumon sagen, man findet allgemein, daß
er für einen Minister etwas zu aufgeknöpft ist.
[7] Einige Stunden später.
[8] [Das Blatt] Friedfertige Demokratie.
[9] Große Krise und Einstellung der Barzahlungen.
[10] Bewegung nach Ausströmungen [in Charles Fouriers Theorie].
[11] Mehr oder weniger.
[12] Zehnter Artikel.
[13] Religiöse Frage.
[14] Ausgang.
[15] Sagt man.
[16] _Arbre sec_ [dürrer Baum], Straße.
7
Poststempel Paris, 21. August 1846.
Brief an das Brüsseler Komitee. Nr. 1.
_Carissimi!_[1] Unsere Geschichte wird hier sehr gut gehen. Ewerbeck ist
ganz voll davon und wünscht nur, daß die offizielle Organisation eines
Komitees nicht übereilt werde, weil eine Spaltung bevorsteht. Der Rest
der Weitlingianer, eine kleine Schneiderclique, steht nämlich im
Begriff, hier herausgeschmissen zu werden, und Ewerbeck hält es für
besser, daß dies erst abgemacht wird. Ewerbeck glaubt indes nicht, daß
mehr als vier bis fünf der Hiesigen zur Korrespondenz zugezogen werden
können, was auch vollständig hinreichend ist. In meinem Nächsten hoffe
ich die Konstituierung anzeigen zu können.
Diese Schneider sind wirklich gottvolle Kerls. Neulich haben sie über
Messer und Gabeln, ob die nicht besser an die Kette zu legen seien, ganz
ernsthaft diskutiert. Es sind ihrer aber nicht viele. Weitling selbst
hat auf den letzten, durch uns ihm besorgten, sehr groben Brief nicht
geantwortet. Er hatte 300 Franken für seine Erfindung zu praktischen
Experimenten verlangt, ihnen aber zugleich geschrieben, das Geld sei
wahrscheinlich in den Dreck geschmissen. Ihr könnt Euch denken, wie sie
ihm antworteten.
Die Schreiner und Gerber dagegen sollen famose Kerls sein. Ich habe sie
noch nicht gesehen, Ewerbeck betreibt das alles mit bekannter
Bedächtigkeit.
Ich will Euch jetzt einiges aus französischen Blättern mitteilen,
versteht sich aus solchen, die nicht nach Brüssel kommen.
Das Monatsblatt von Pierre Leroux wird fast ganz mit Artikeln über
Saint-Simon und Fourier von Pierre Leroux selbst gefüllt. Er erhebt
darin Saint-Simon in die Wolken und sucht Fourier möglichst schlecht zu
machen und als verfälschenden und verschlechternden Nachtreter von
Saint-Simon darzustellen. So plagt er sich ab, zu beweisen, daß die
_Quatre Mouvements_[2] nur ein vermaterialistisiertes Plagiat der
_Lettres d’un habitant de Genève_[3] seien. Der Kerl ist rein verrückt.
Weil es dort einmal heißt, ein System, das alle Wissenschaft
enzyklopädisch zusammenfasse, ließe sich am besten durch die
Zurückführung aller Erscheinungen usw. auf die _pesanteur
universelle_[4] durchführen, so muß Fourier darauf seine ganze Lehre von
der Attraktion genommen haben. Natürlich sind alle Beweise, Zitate usw.
nicht einmal hinreichend, zu beweisen, daß Fourier die _Lettres_ auch
nur gelesen hatte, als er die _Quatre Mouvements_ schrieb. Dagegen wird
die ganze Richtung Enfantin als in die Schule hereingeschmuggelter
Fourierismus bezeichnet. Das Blatt heißt: _Revue Sociale ou solution
pacifique du problème du prolétariat_.[5]
Das Atelier erzählt nachträglich über den reformistischen
Journalkongreß: Es sei nicht dort gewesen und daher sehr erstaunt, sich
auf der Liste der dort repräsentierten Journale zu finden. Man habe __le
peuple de la presse__[6] so lange ausgeschlossen, bis die Basen der
Reform festgestellt waren, und als man dann den Ouvrierjournalen die
Türen zum Jasagen geöffnet, habe es es unter seiner Würde gehalten,
hinzugehen. Das Atelier erzählt ferner, daß 150 _Ouvriers_[7],
wahrscheinlich Buchesisten – welche Partei nach Versicherung von
Franzosen zirka 1 000 Mann stark sein soll –, am 29. Juli die Julitage
ohne Erlaubnis der Polizei durch ein Bankett feierten. Die Polizei
mischte sich ein, und weil sie sich nicht verpflichten wollten, keine
politischen Reden zu führen und keine Bérangerschen Lieder zu singen,
wurden sie aufgelöst.
Die „Epigonen“ des Herrn Wigand sind hier. Herr Wigand wirft sich hier
mit furchtbarem Gepolter in die aufgeblähte Brust: „An A. Ruge.“ Er hält
diesem ihre beiderseitigen Pechheiten vor, die sie seit vier Jahren
ausgestanden. Ruge konnte – in Paris – „mit den _fanatischen Kommunisten
nicht Hand in Hand gehen_“. Der Kommunismus ist ein Zustand „im eigenen
dünkelvollen Hirn ausgeheckt, eine _beschränkte und dünkelvolle
Barbarei_, die der Menschheit gewaltsam aufgedrängt werden soll“.
Schließlich renommiert er, was er nicht alles tun will, „solange es noch
Blei zu Lettern in der Welt gibt“. Ihr seht, der _candidat de la
potence_[8] hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, es bis zum _candidat
de la lanterne_[9] zu bringen.
Ich mache Euch aufmerksam auf den Artikel im heutigen „National“
(_mercredi_[10] 19) über die Abnahme der Wähler in Paris von über 20 000
auf 17 000 seit 1844.
_11, rue de l’Arbre sec_, 19. August 1846.
Euer E.
Paris ist tief gesunken. Danton verkauft Holz am Boulevard Bourdon,
Barbaroux hat einen Kattunladen, Rue St. Honoré, die Réforme hat nicht
die Kraft mehr, den Rhein zu verlangen, die Opposition sucht die
Kapazitäten und findet sie nicht, die Herren Bourgeois legen sich so
früh schlafen, daß um 12 Uhr alles zu sein muß, und _la jeune
France_[11] läßt sich das ruhig gefallen. Die Polizei hätte das gewiß
nicht durchgesetzt, aber die frühen Comptoirstunden der Herren
Prinzipale, die nach dem Sprichwort leben: Morgenstunde hat usw. usw.
Herrn Grüns auf Kosten der Arbeiter gedruckte Broschüre ist dieselbe,
die ich einmal bei Seiler gesehen habe: „Die preußischen
Landtagsabschiede, ein Wort zur Zeit“ (anonym), enthält hauptsächlich
Plagiate aus Marx’ Aufsätzen (Deutsch-französische Jahrbücher) und
kolossalen Unsinn. „Nationalökonomische“ und „sozialistische“ Fragen
sind ihm _identisch_. Folgende Entwicklung der absoluten Monarchie: „Der
Fürst machte sich eine _abstrakte Domäne_, und diese geistige Domäne
hieß der Staat. Der Staat ward die Domäne der Domänen; als Ideal der
Domäne hebt er die einzelne Domäne ebensowohl auf, als er sie stehen
läßt, er hebt sie immer dann auf, wenn sie absolut selbständig werden
will usw.“ Diese „geistige“ Domäne „Preußen“ verwandelt sich gleich
darauf in eine Domäne, „auf der gebetet wird, eine geistliche Domäne“!
Resultat des Ganzen: der Liberalismus ist in Preußen _theoretisch_
bereits _überwunden_, _daher_ werden sich die Reichsstände gar nicht
mehr mit Bourgeoisfragen, sondern _directement_ mit der sozialen Frage
beschäftigen. „Die Schlacht- und Mahlsteuer ist die _wahre Verräterin
vom Wesen der Steuer_, sie verrät nämlich, _daß jede Steuer eine
Kopfsteuer ist_. Wer aber eine _Kopfsteuer_ erhebt, _der sagt_: Eure
Köpfe und Leiber sind mein eigen, ihr seid _kopf- und leibeigen_. Die
Schlacht- und Mahlsteuer _entspricht zu sehr dem Absolutismus_ usw.“ Der
Esel hat zwei Jahre lang Oktroi bezahlt und weiß es noch nicht, er
glaubt, so was existiere nur in Preußen. Schließlich ist das Broschürli,
einige Plagiate und Phrasen abgerechnet, durch und durch _liberal_, und
zwar deutsch-liberal.
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[1] Teuerste [Freunde].
[2] Vier Bewegungen. [Der Titel der ersten Hauptschrift Charles
Fouriers.]
[3] Briefe eines Bewohners von Genf. [Der Titel der ersten
Hauptschrift Saint-Simons.]
[4] Allgemeine Schwere.
[5] Soziale Rundschau oder die friedliche Lösung der Frage des
Proletariats.
[6] Das Volk der Presse.
[7] Arbeiter, beziehungsweise Handwerker.
[8] Kandidat des Galgens.
[9] Kandidat für die Laterne.
[10] Mittwoch.
[11] Das junge Frankreich.
8
Brief an das Brüsseler Komitee. Nr. II.
Poststempel Paris, 19. [16.] September 1846.
Liebe Freunde!
Eure Nachrichten über Belgien, London und Breslau waren mir sehr
interessant. Ich habe an Ewerbeck und Bernays davon mitgeteilt, was sie
interessierte. Haltet mich zugleich etwas _au fait_[1] über den Sukzeß
unseres Unternehmens und die _plus ou moins_[2] eifrige Teilnahme der
verschiedenen Lokalitäten, damit ich mich hier den Arbeitern gegenüber,
soweit es politisch, auslassen kann. Was machen die Kölner? – Von hier
aus ist allerlei:
1. Mit den hiesigen Arbeitern bin ich mehrere Male zusammen gewesen, das
heißt mit den Hauptleuten der Schreiner aus dem Faubourg St. Antoine.
Die Leute sind eigentümlich organisiert. Außer ihrer – durch eine große
Dissension mit den Weitlingschen Schneidern – sehr in Konfusion
geratenen Vereinsgeschichte kommen diese Kerls, das heißt zirka zwölf
bis zwanzig von ihnen, jede Woche einmal zusammen, wo sie bisher
diskutierten; da ihnen aber der Stoff ausging, wie das gar nicht anders
möglich, so war Ewerbeck genötigt, ihnen Vorträge über deutsche
Geschichte – _ab ovo_[3] – und eine höchst verworrene Nationalökonomie –
vermenschentümlichte Deutsch-französische Jahrbücher – zu halten.
Dazwischen kam ich. Zweimal hab’ ich, um mich mit ihnen in Konnex zu
setzen, die deutschen Verhältnisse seit der französischen Revolution,
von den ökonomischen Verhältnissen ausgehend, auseinandergesetzt. Was
sie nun in diesen Wochenversammlungen loskriegen, wird Sonntags in den
Barriereversammlungen, wo Krethi und Plethi hinkommt, Weib und Kind,
durchgepaukt. Hier wird – _abstraction faite de toute espèce de
politique_[4] – so etwas „soziale Fragen“ diskutiert. Das Ding ist gut,
um neue Leute hinzuzuziehen, denn es ist ganz öffentlich, vor vierzehn
Tagen war die Polizei da, wollte Veto einlegen, ließ sich aber beruhigen
und hat nichts weiter getan. Oft sind über 200 Leute zusammen. – Wie
diese Geschichte jetzt ist, kann sie unmöglich bleiben. Es ist eine
gewisse Schläfrigkeit unter den Kerls eingerissen, die aus ihrer
Langeweile über sich selbst hervorgeht. Was sie nämlich dem
Schneiderkommunismus entgegensetzen, ist weiter nichts als Grünsche
menschentümliche Phrasen und vergrünter Proudhon, den ihnen teils Herr
Grün höchstselbst, teils ein alter aufgeblasener Schreinermeister und
Knecht Grüns, Papa Eisermann, teils aber auch Amicus E[werbeck] mit Mühe
und Not eingebleut hat. Das ist ihnen natürlich bald alle geworden, eine
ewige Repetition trat ein, und um sie vor dem _Einschlafen_
(buchstäblich, dies riß furchtbar in den Sitzungen ein) zu bewahren,
quälte sie Ewerbeck mit spitzfindigen Disquisitionen über den „wahren
Wert“ (den ich teilweise auf dem Gewissen habe) und ennuyiert sie mit
den germanischen Urwäldern, Hermann dem Cherusker und den scheußlichsten
altdeutschen Etymologien nach Adelung, die alle falsch sind.
Übrigens ist nicht Ewerbeck der eigentliche Chef dieser Leute, sondern
J[unge], der in Brüssel war; der Kerl sieht sehr gut ein, was geändert
werden muß, und könnte sehr viel tun, denn er hat sie alle in der Tasche
und zehnmal mehr Verstand wie die ganze Clique, aber er ist zu
wackelhaft und macht immer neue Projekte. Daß ich ihn seit beinahe drei
Wochen nicht gesehen – er kam nie und ist nirgends zu finden –, ist die
Ursache, daß noch so wenig ausgerichtet ist. Ohne ihn sind die meisten
schlapp und schwankend. Man muß aber mit den Kerls Geduld haben; zuerst
muß der Grün ausgetrieben werden, der wirklich direkt und indirekt einen
schauderhaft erschlaffenden Einfluß ausgeübt hat, und dann, wenn man
ihnen diese Phrasen aus dem Kopf gebracht, hoffe ich, mit den Kerls zu
etwas zu kommen, denn sie haben alle einen großen Drang nach
ökonomischer Belehrung. Da ich Ewerbeck, der bei bekannter, jetzt im
höchsten Grade blühender Konfusion den besten Willen von der Welt hat,
ganz in der Tasche habe, und J[unge] auch vollständig auf meiner Seite
ist, so wird sich das bald machen. Wegen der Korrespondenz habe ich mit
Sechsen beraten. Der Plan fand, besonders bei J[unge], sehr großen
Anklang und wird von hier aus ausgeführt werden. Solange aber nicht
durch Zerstörung des persönlichen Einflusses des Grün und Ausrottung
seiner Phrasen wieder Energie unter die Leute gebracht ist, so lange ist
bei großen materiellen Hindernissen (besonders Engagement fast aller
Abende) nichts zu machen. Ich habe ihnen offeriert, dem Grün in ihrer
Gegenwart seine persönlichen Schuftereien ins Gesicht zu sagen, und
B[ernay]s will auch kommen – Ewerbeck hat auch ein Hühnchen mit ihm zu
pflücken –. Dies wird geschehen, sobald sie ihre eigenen Sachen mit Grün
abgemacht, das heißt Garantie für das zum Druck des Grünschen
Landtagsmistes vorgeschossene Geld bekommen haben. Da J[unge] aber nicht
kam und die übrigen sich wie Kinder benahmen gegenüber dem Grün, so ist
auch das noch nicht in Ordnung, obwohl bei einiger Energie das Ding in
fünf Minuten abgemacht wäre. Das Pech ist, die meisten dieser Kerls sind
Schwaben.
2. Jetzt etwas Ergötzliches. Proudhon hat in dem neuen, noch
ungedruckten Buche, was Grün verdolmetscht, einen großen Plan, Geld aus
Nichts zu machen und allen Arbeitern das Himmelreich nahe zu rücken.
Niemand wußte, was das war. Grün hielt sehr hinter dem Berge,
renommierte aber sehr mit seinem Stein der Weisen. Allgemeine Spannung.
Endlich vorige Woche war Papa Eisermann bei den Schreinern, ich auch,
und allmählich rückt der alte Zierbengel höchst naiv-geheimnisvoll
heraus. Herr Grün hat ihm den ganzen Plan vertraut. Jetzt hört die Größe
dieses Welterlösungsplanes: _ni plus ni moins_[5] als die in England
längst dagewesenen und zehnmal bankrottierten _Labour bazars_ oder
_labour-markets_[6], Assoziationen aller Handwerker aller Zweige, großes
Depot, alle von den Associés eingelieferten Arbeiten genau nach den
Kosten des Rohproduktes plus der Arbeit taxiert und in anderen
Assoziationsprodukten bezahlt, die ebenso taxiert werden. Was mehr
geliefert, als in der Assoziation verbraucht wird, soll auf dem
Weltmarkt verkauft, der Ertrag den Produzenten ausbezahlt werden. Auf
diese Weise, spekuliert der pfiffige Proudhon, umgeht er und seine
Mitassociés den Profit des Zwischenhändlers. Daß er dabei auch den
Profit auf _sein Assoziationskapital_ umgeht, daß dies Kapital und
dieser Profit _genau so groß_ sein müssen wie das Kapital und der Profit
der umgangenen Zwischenhändler, daß er also mit der Rechten wegwirft,
was die Linke bekommt, daran hat der feine Kopf nicht gedacht. Daß seine
Arbeiter nie das nötige Kapital aufbringen können, weil sie sich sonst
ebensogut separat etablieren könnten, daß die etwaige, aus der
Assoziation hervorgehende Kostenersparnis durch das enorme Risiko mehr
als aufgewogen wird, daß die ganze Geschichte darauf hinausläuft, den
Profit aus der jetzigen Welt herauszueskamotieren und alle Produzenten
des Profits stehen zu lassen, daß sie eine wahre Straubingeridylle ist,
die von vornherein alle große Industrie, Bauhandwerke, Ackerbau usw.
ausschließt, daß sie nur die _Verluste_ der Bourgeois zu tragen haben,
ohne ihren Gewinn zu teilen, alles das und hundert andere auf platter
Hand liegende Einwände vergißt er über dem Glück seiner plausiblen
Illusion. Die Geschichte ist zum Totschießen. Familienvater Grün glaubt
natürlich an die neue Erlösung und sieht sich schon im Geiste an der
Spitze einer Assoziation von _20 000 Ouvriers_ (man will gleich _groß_
anfangen), wobei natürlich seine Familie kostenfrei gespeist, gekleidet
und logiert wird. Der Proudhon aber blamiert sich und alle französischen
Sozialisten und Kommunisten auf ewig, wenn er damit herausrückt, vor den
Bourgeoisökonomen. Daher jene Tränen, jenes Polemisieren gegen die
Revolution, weil er ein friedliches Heilmittel _in petto_ hatte. Der
Proudhon ist gerade wie der John Watts. Dieser setzt seinen Beruf
darein, trotz seines disrespektablen Atheismus und Sozialismus bei den
Bourgeois respektabel zu werden; Proudhon bietet alles auf, um trotz
seiner Polemik gegen die Ökonomen ein großer anerkannter Ökonom zu
werden. _So sind die Sektierer._ Dabei noch so eine alte Geschichte!
3. Jetzt wieder eine höchst kuriose Geschichte. – Augsburger Allgemeine
Zeitung vom 21. Juli, Paris 16. Juli. Artikel über die _russische_
Gesandtschaft .... „Das ist die offizielle Gesandtschaft – aber ganz
außerhalb oder vielmehr über derselben steht ein gewisser Herr von
*Tolstoi*, der keinen Titel hat, übrigens als ‚_Vertrauter des Hofes_‘
bezeichnet wird. Früher im Unterrichtsministerium beschäftigt, kam er
mit einer _literarischen Mission_ nach Paris, schrieb hier einige
Memoirs für sein Ministerium, lieferte einige Übersichten der
französischen Tagespresse. Dann schrieb er nichts mehr, tat aber desto
mehr. Er macht ein glänzendes Haus, geht zu aller Welt, empfängt alle
Welt, beschäftigt sich mit allem, weiß alles und arrangiert vieles. Er
scheint mir der _eigentliche russische Botschafter_ in Paris ... seine
Verwendung bewirkt Wunder“ (alle Polen, die begnadigt sein wollen,
adressierten sich an ihn), „auf der Gesandtschaft _beugt sich alles vor
ihm, und in Petersburg erfreut er sich großer Rücksichten_.“ – Dieser
Tolstoi ist niemand anders als unser Tolstoi, der Edle, der uns vorlog,
in Rußland seine Güter verkaufen zu wollen. Der Mann hatte außer seiner
einen Wohnung, wo er uns hinführte, noch ein glänzendes Hotel in der Rue
Mathurin, wo er die Diplomatie empfing. Die Polen und _viele_ Franzosen
haben das längst gewußt, nur die deutschen Radikalen nicht, bei denen er
es für besser hielt, sich als Radikalen zu insinuieren. Der obige
Artikel ist von einem Polen geschrieben, den Bernays kennt, und sogleich
in den _Corsaire-Satan_ und _National_ übergegangen. Tolstoi hat, als er
den Artikel las, weiter nichts bemerkt, als sehr gelacht und Witze
darüber gerissen, daß er endlich ausgefunden sei. Er ist jetzt in London
und wird, da seine Rolle hier ausgespielt ist, dort sein Glück
versuchen. Es ist schade, daß er nicht wiederkommt, ich würde sonst
einige Witze mit ihm versucht und schließlich in der Rue Mathurin meine
Karte abgegeben haben. Daß nach diesem der von ihm empfohlene Annenkow
ebenfalls ein russischer Mouchard ist, _c’est clair_.[7] Selbst Bakunin,
der die ganze Geschichte _wissen mußte_, da die anderen Russen sie
gewußt haben, ist sehr verdächtig. Ich werde mir gegen ihn natürlich
nichts merken lassen, sondern Revanche an den Russen nehmen. So
ungefährlich diese Spione für uns sind, so darf man ihnen das doch nicht
passieren lassen. Sie sind gute Sujets, um an ihnen Intrigenexperimente
in _corpore vili_[8] zu machen. Dazu sind sie sonst so übel gar nicht.
4. Vater Heß. Nachdem ich dessen ... Gattin hier glücklich der
Vergessenheit, das ist dem äußersten Ende des Faubourg Saint-Antoine, wo
da ist Heulen und Zähneklappern (Grün und Gesellschaft), überliefert
habe, erhalte ich vor einiger Zeit vermittels eines gewissen Reinhardt
ein ferneres Wiederanknüpfungsschreiben des Kommunistenpapas. Das Ding
ist zum Totlachen. Natürlich als ob nichts vorgefallen wäre, ganz _in
dulci jubilo_[9] und dazu ganz der alte Heß. Nachdem er konstatiert hat,
daß er mit „der Partei“ wieder einigermaßen ausgesöhnt (das
Judde-Gränzchen scheint falliert zu haben) – „auch wieder Lust am
Arbeiten hat“ (welches Ereignis mit Glocken eingeläutet werden sollte),
folgende historische Notiz (_de dato_ 19. August): „Hier in Köln wär’s
vor einigen Wochen _auf ein Haar_ zu einer _blutigen Emeute_ gekommen,
es waren schon *sehr viele* bewaffnet (wozu Moses gewiß nicht gehörte).
Das Ding kam nicht zum Ausbruch, weil die Soldaten _sich nicht zeigten_
(enormer Triumph des Kölner Schöppchesphilisters) usw. usw. usw.“ – Dann
von den Bürgerversammlungen, wo „wir“, _id est_ „die Partei“ und „Herr
Moses“, _qua_ Kommunisten „_so vollständig siegten_, daß wir usw. Wir
haben zuerst die Geldaristokraten ... und dann die kleinen Bourgeois
_mit Glanz_ (da sie keine Talente unter sich haben) _aus dem Felde_
geschlagen. Wir _*hätten*_ (!) in den Versammlungen zuletzt _alles
durchsetzen können_ (zum Beispiel den Moses zum Oberbürgermeister
machen); ein Programm, worauf die Versammlung ihre Kandidaten
verpflichtete, ging durch, welches (hört, hört!) _von den englischen und
französischen Kommunisten nicht radikaler hätte abgefaßt_ (und von
niemandem unsinniger als von Moses aufgefaßt) _werden können_ (!!!) ...
Sehe (_sic_!) Dich zuweilen nach meiner [Frau] um ... und teile dem
Ewerbeck zur Herzensstärkung dieses mit.“ Gesegn’ Euch Gott diese
„Herzensstärkung“, dies Manna aus der Wüste. Ich ignoriere das Vieh
natürlich komplett – jetzt hat er auch an Ewerbeck geschrieben (und zwar
bloß, um seiner weiblichen Seite einen Brief auf dessen Kosten zukommen
zu lassen) und droht in zwei Monaten herzukommen. Wenn er mich besucht,
denk’ ich ihm auch etwas „zur Herzensstärkung“ mitteilen zu können.
Da ich einmal im Zuge bin, so will ich Euch schließlich noch mitteilen,
daß [Heinrich] Heine wieder hier ist und ich vorgestern mit Ewerbeck bei
ihm war. Der arme Teufel ist scheußlich auf dem Hund. Er ist mager
geworden wie ein Gerippe. Die Gehirnerweichung dehnt sich aus, die
Lähmung des Gesichts desgleichen. Ewerbeck sagt, er könne sehr leicht
einmal an einer Lungenlähmung oder an irgend einem plötzlichen
Kopfzufall sterben, aber auch noch drei bis vier Jahre abwechselnd
besser oder schlechter sich durchschleppen. Er ist natürlich etwas
deprimiert, wehmütig, und was am bezeichnendsten ist, äußerst
wohlwollend (und zwar ernsthaft) in seinen Urteilen – nur über Mäurer
reißt er fortwährend Witze. Sonst bei voller geistiger Energie, aber
sein Aussehen, durch einen ergrauenden Bart noch kurioser gemacht (er
kann sich nun den Mund nicht mehr rasieren lassen), reicht hin, um
jeden, der ihn sieht, höchst trauerklötig zu stimmen. Es macht einen
höchst fatalen Eindruck, so einen famosen Kerl so Stück für Stück
absterben zu sehen.
Auch den großen Mäurer habe ich gesehen. „Männlein, Männlein, was wiegen
Sie so leicht!“ Der Mann ist wirklich sehenswert, ich habe ihm die
größten Grobheiten gemacht, zum Danke nimmt mich der Esel in seine
besondere Affektion und sagt mir nach, ich hätte ein sanftes Gesicht. Er
sieht freilich aus wie Karl Moor sechs Wochen nach seinem Tode.
Antwortet bald!
Euer E.
Mittwoch, 16. September 1846.
Amüsiert Euch an folgendem: Journal des Économistes, August dieses
Jahres, enthält in einem Artikel über die Biedermännischen Artikel ...
[über] den Kommunismus folgendes: Erst Heß’ ganzer Unsinn komisch
französiert, dann heißt es, der nächste ist M. Marx. „_M. Marx est un
_cordonnier_, comme un autre Communiste allemand, Weitling est un
tailleur. Le premier (Marx) n’a pas une grande estime pour le communisme
français (!) qu’il a été assez heureux d’étudier sur les lieux. M. ne
sort du reste non plus_ (erkennst Du an dieser Elsässer Phrase nicht
Herrn Fix?) _des formules abstraites_ und _il se garde ... bien
d’aborder aucune question véritablement pratique. Selon lui_ (gib acht
auf den Unsinn) _l’émancipation du peuple allemand sera le signal de
l’émancipation du genre humain; la tête de cette émancipation serait la
philosophie et son coeur le prolétariat. Lorsque tout sera préparé, le
coq gaulois sonnera la résurrection germanique ... Marx dit qu’il faut
créer en Allemagne un prolétariat universel (!!) afin de réaliser la
pensée philosophique du communisme. Signé J. F. (mort depuis)_.“[10] Das
war sein letztes Werk. Der vorherige Band brachte eine gleich komische
Kritik meines Buches. Das Septemberheft enthält eine Kritik über Julium,
die ich noch nicht gelesen.
In der Fraternité ist großer Streit zwischen Materialisten und
Spiritualisten gewesen. Die Materialisten, mit 23 gegen 22 überstimmt,
sind ausgetreten. Das hindert aber die Fraternité nicht, sehr hübsche
Artikel über die verschiedenen Zivilisationsstufen und ihre Fähigkeit,
sich zum Kommunismus fortzuentwickeln, zu bringen.
----------
[1] Auf dem laufenden.
[2] Mehr oder weniger.
[3] Wörtlich: vom Ei an, das heißt von den allerersten Anfängen an.
[4] Abgesehen von jeder Art [Tages-]Politik.
[5] Weder mehr noch weniger.
[6] Arbeitsmärkte. Hier im Sinne von: Märkte von Erzeugnissen
eigener Arbeit.
[7] Das ist klar.
[8] Am wertlosen Körper.
[9] In seligem Jubel.
[10] Herr Marx ist ein _Schuhmacher_, wie ein anderer deutscher
Kommunist, Herr Weitling, ein Schneider ist. Der erstere (Marx) hat
keine hohe Meinung vom französischen (!) Kommunismus, den er das
Glück hatte, an Ort und Stelle zu studieren. Übrigens geht auch Herr
Marx ebensowenig über abstrakte Formeln hinaus und hütet sich ...
sehr, auf irgendwelche wahrhaft politische Frage einzugehen. Nach
ihm wird die Befreiung des deutschen Volkes das Zeichen geben für
die Befreiung des Menschengeschlechts, der Kopf dieser Befreiung
werde die Philosophie und ihr Herz das Proletariat sein. Wann alles
vorbereitet ist, wird der gallische Hahn die deutsche Erhebung
einläuten .... Marx sagt, daß in Deutschland ein universelles (!!)
Proletariat geschaffen werden muß, um den philosophischen Gedanken
des Kommunismus zu verwirklichen. Gezeichnet J. F. [Seitdem
verstorben.]
9