Dein [Fr. Engels.]

----------

[1] Geheimnisse. [Es ist Eugen Sues Roman „Die Geheimnisse von

Paris“ gemeint.]

[2] Die friedfertige Demokratie. [So bezeichneten sich in den

vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts diejenigen

Fourieristen, deren Haupt Victor Considérant war.]

1845

3

[Poststempel Barmen, 20. Januar 1845.]

Lieber Marx!

Wenn ich Dir nicht früher geantwortet habe, so liegt das hauptsächlich

daran, daß ich auf den von Dir versprochenen Vorwärts wartete. Da das

Ding indes bis jetzt noch nicht hier ist, so habe ich das Warten

aufgegeben und ebenso das Warten auf die Kritische Kritik, von der ich

weiter gar nichts höre. Was den Stirner betrifft, so bin ich durchaus

mit Dir einverstanden. Als ich Dir schrieb, war ich noch zu sehr unter

dem unmittelbaren Eindruck des Buches befangen, seitdem ich es habe

liegen lassen und mehr durchdenken können, finde ich dasselbe, was Du

findest. Heß, der noch immer hier ist und den ich vor vierzehn Tagen in

Bonn sprach, ist nach einigen Meinungsschwankungen ebendahin gekommen

wie Du; er las mir einen Artikel über das Buch vor, den er bald drucken

lassen wird, worin er, ohne Deinen Brief gelesen zu haben, dasselbe

sagt. Ich habe ihm Deinen Brief dagelassen, weil er noch einiges

benutzen wollte, und muß ihn daher aus dem Gedächtnis beantworten. Was

mein Herüberkommen betrifft, so ist daran kein Zweifel, daß ich in etwa

zwei Jahren dort sein werde, auch bin ich darüber im reinen, daß ich um

jeden Preis nächsten Herbst auf vier bis sechs Wochen herüberkomme. Wenn

die Polizei mir mein Wesen hier legt, so komme ich ohnehin, und wie die

Sachen hier stehen, kann es dem Gesindel alle Tage einfallen, unsereins

zu molestieren. Wir werden an Püttmanns Bürgerbuch sehen, wie weit man

etwa gehen darf, ohne gefaßt oder geschaßt zu werden. – Meine

Liebesgeschichte hat ein Ende mit Schrecken genommen. Erlaß mir die

langweilige Auseinandersetzung, es kann doch nichts mehr helfen, und ich

habe so schon genug mit der Sache durchgemacht. Ich bin froh, daß ich

wenigstens wieder arbeiten kann, und wenn ich Dir den ganzen Bettel

erzählte, wäre ich für den Abend verdorben.

Das Neueste ist, daß Heß und ich vom 1. April an bei Thieme & Butz in

Hagen eine Monatsschrift: „Gesellschaftsspiegel“ herausgeben und darin

die soziale Misere und das Bourgeoisieregime schildern werden.

Prospektus usw. nächstens. Einstweilen wird es gut sein, wenn sich der

poetische „Ein Handwerker“ die Mühe geben will, uns aus der _dortigen_

Misere Material zuzuschicken. Besonders einzelne Fälle, das klappt für

den auf den Kommunismus vorzubereitenden Philister. Das Ding kann mit

wenig Mühe redigiert werden, für Material, um monatlich vier Bogen zu

füllen, werden sich Mitarbeiter genug finden – wir haben wenig Arbeit

dabei und können viel wirken. Außerdem wird Püttmann bei Leske eine

Vierteljahrsschrift: Rheinische Jahrbücher überzensurgroß erscheinen

lassen, worin lauter Kommunismus erscheinen soll. Du kannst Dich wohl

auch dabei beteiligen. Es schadet ohnehin nichts, wenn wir einen Teil

unserer Arbeiten zweimal – erst in einer Zeitschrift und dann apart und

im Zusammenhang – drucken lassen; die verbotenen Bücher zirkulieren doch

weniger frei, und wir haben so doppelte Chance zu wirken. Du siehst, wir

haben hier in Deutschland genug zu tun, um alle diese Geschichten mit

Stoff zu versehen und dabei doch größere Sachen auszuarbeiten – aber wir

müssen doch klotzen, wenn wir was zustande bringen wollen, und da ist’s

gut, wenn’s einem etwas auf den Fingern brennt. Mein Buch über die

englischen Arbeiter wird in vierzehn Tagen bis drei Wochen fertig, dann

nehme ich mir vier Wochen Zeit für kleinere Sachen, und dann gehe ich an

die historische Entwicklung Englands und des englischen Sozialismus.

Was mir einen aparten Spaß macht, ist diese Einbürgerung der

kommunistischen Literatur in Deutschland, die jetzt ein _fait

accompli_[1] ist. Vor einem Jahre fing sie an, sich außer Deutschland in

Paris einzubürgern, eigentlich erst zu entstehen, und jetzt sitzt sie

dem deutschen Michel schon auf dem Nacken. Zeitungen, Wochenblätter,

Monats- und Vierteljahrsschriften und eine heranrückende Reserve von

schwerem Geschütz ist alles in bester Ordnung. Es ist doch verflucht

rasch gegangen! Die Propaganda unterderhand war auch nicht ohne Früchte

– jedesmal, wenn ich nach Köln, jedesmal, wenn ich hier in eine Kneipe

komme, neue Fortschritte, neue Proselyten. Die Kölner Versammlung hat

Wunder getan – man entdeckt allmählich einzelne kommunistische Cliquen,

die sich ganz im stillen und ohne unser direktes Zutun entwickelt haben.

– Auch das Gemeinnützige Wochenblatt, das früher mit der Rheinischen

Zeitung zusammen ausgegeben [wurde], ist jetzt in unseren Händen.

D’Ester hat es übernommen und wird sehen, was zu machen ist. Was uns

jetzt aber vor allem not tut, sind ein paar größere Werke, um den vielen

Halbwissenden, die gern wollen, aber nicht allein fertig werden können,

einen gehörigen Anhaltspunkt zu geben. Mache, daß Du mit Deinem

nationalökonomischen Buche fertig wirst, wenn Du selbst auch mit vielem

unzufrieden bleiben solltest, es ist einerlei, die Gemüter sind reif,

und wir müssen das Eisen schmieden, weil es warm ist. Meine englischen

Sachen werden zwar auch ihre Wirkung nicht verfehlen, die Tatsachen sind

zu schlagend, aber trotzdem wollte ich, daß ich die Hände freier hätte,

um manches auszuführen, was für den jetzigen Augenblick und die deutsche

Bourgeoisie schlagender und wirksamer wäre. Wir theoretischen Deutschen

– es ist lächerlich, aber ein Zeichen der Zeit und der Auflösung des

Nationaldrecks – können noch gar nicht zur Entwicklung unserer Theorie

kommen, wir haben noch nicht einmal die Kritik des Unsinns publizieren

können. Jetzt ist aber hohe Zeit. Darum mache, daß Du vor April fertig

wirst, mach’s wie ich, setze Dir eine Zeit, bis wohin Du positiv _fertig

sein willst_, und sorge für einen baldigen Druck. Kannst Du es da nicht

drucken lassen, so laß in Mannheim, Darmstadt oder so drucken. Aber

heraus muß es bald.

Daß Du die Kritische Kritik bis auf zwanzig Bogen ausgedehnt, ist mir

allerdings verwunderlich genug gewesen. Es ist aber ganz gut, es kommt

so vieles schon jetzt an den Mann, was sonst wer weiß wie lange noch in

Deinem Sekretär gelegen hätte. Wenn Du aber meinen Namen auf dem Titel

hast stehen lassen, so wird das sich kurios ausnehmen, wo ich kaum

anderthalb Bogen geschrieben habe. Wie gesagt, habe ich von dem Löwental

noch nichts gehört, auch nichts vom Erscheinen des Buches, auf das ich

natürlich sehr begierig bin. – Gestern bekam ich den Vorwärts, von dem

ich seit meiner Abreise nichts gesehen. Einige Witze von Bernays haben

mich köstlich amüsiert, der Kerl kann einem so ein recht gründliches

Lachen abgewinnen, was mir sonst beim Lesen selten passiert. Sonst ist

es freilich schlecht und nicht interessant und belehrend genug, als daß

viele Deutsche es auf die Dauer halten sollten. Wie steht es jetzt

äußerlich, und ist es wahr, was ich in Köln höre, daß es in eine

Monatsschrift verwandelt werden soll? Wir sind hier so fürchterlich mit

Arbeit überladen, daß von hier aus nur gelegentlich Beiträge kommen

können. Ihr müßt Euch dort auch angreifen. Schreibe doch alle vier bis

sechs Wochen einen Artikel dafür, laß Dich nicht von Deiner Stimmung

„maßregeln“. Warum schreibt Bakunin nichts, und warum ist der Ewerbeck

nicht dazu zu kriegen, daß er wenigstens trivial schreibt? Der arme

Bernays wird jetzt wohl im Brummstall sitzen, grüße ihn von mir und laß

ihn sich den Dreck nicht zu sehr zu Herzen nehmen, zwei Monate gehen

auch herum, obwohl es scheußlich genug ist. Was machen überhaupt die

Bengels? Du schreibst gar nichts darüber. Ist Guerrier wieder dort,

schreibt Bakunin französisch? Was treibt die ganze Bande, die im August

jeden Abend den Quai Voltaire frequentierte? Und was fängst Du

eigentlich an? Wie geht’s mit Deiner Stellung dort? Wohnt Fouine noch

unter Deinen Füßen? Fouine hat sich ja neulich wieder im Telegraphen

losgelassen. Wie sich von selbst versteht, über den Patriotismus. Es ist

groß, wie er den zu Tode reitet, wie ihm alles wurst ist, wenn es ihm

nur gelingt, den Patriotismus zu vernichten. Wahrscheinlich war das des

Pudels Kern, den er Fröbeln nicht geben wollte. Die deutschen Zeitungen

ließen neulich Fouine nach Deutschland zurückkehren wollen. Wenn’s wahr

ist, so gratuliere ich, aber es kann nicht wahr sein, er müßte sich ja

zum zweitenmal zur Anschaffung eines Omnibus mit Abtritt verstehen, und

das geht doch nicht.

Ich sprach neulich einen, der von Berlin kam. Die Auflösung des _caput

mortuum_[2] der Freien scheint vollständig zu sein. Außer den Bauers

scheint auch Stirner keinen Umgang mehr mit ihnen zu haben. Der kleine

Rest, Meyen, Rutenberg und Konsorten lassen sich durch nichts stören,

gehen wie vor sechs Jahren täglich 2 Uhr nachmittags zu Stehely und

klugscheißen über die Zeitungen. Jetzt sind sie aber doch schon bei der

„Organisation der Arbeit“ angelangt, und dabei wird’s bleiben. Auch Herr

Nauwerk scheint diesen Schritt gewagt zu haben, denn er eifert ja in

Volksversammlungen. Ich sagte Dir ja, die Leute werden alle _Démocrates

pacifiques_[3]. Dabei haben sie die Klarheit usw. unserer Artikel in den

Jahrbüchern sehr „anerkannt“. Wenn mich nächstens mal wieder der Teufel

reitet, so setze ich mich mit dem kleinen Meyen in Korrespondenz, man

kann möglicherweise Spaß _von_ den Kerls haben, wenn auch keinen Spaß

_an_ ihnen. Ohnehin fehlt einem hier alle Gelegenheit, seinen Übermut

von Zeit zu Zeit auszulassen, denn ich führe Dir hier ein Leben, wie es

der glänzendste Philister nur verlangen kann, ein stilles und geruhiges

Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, sitze auf meinem Zimmer und

arbeite, gehe fast gar nicht aus, bin solide wie ein Deutscher, wenn das

so fortgeht, so fürchte ich gar, daß der Herrgott mir meine Schriften

übersieht und mich in den Himmel läßt. Ich versichere Dich, ich fange

an, hier in Barmen in guten Ruf zu kommen. Ich bin’s aber auch leid, ich

will Ostern weg von hier, wahrscheinlich nach Bonn. Ich hatte mich durch

die Zureden meines Schwagers und die trübseligen Gesichter meiner beiden

Alten noch einmal zu einem Versuch mit dem Schacher bestimmen lassen und

seit vierzehn Tagen etwas auf dem Kontor gearbeitet, auch die Aussicht

wegen der Liebesgeschichte veranlaßte mich mit dazu – aber ich war es

leid, ehe ich anfing zu arbeiten, der Schacher ist zu scheußlich, Barmen

ist zu scheußlich, die Zeitverschwendung ist zu scheußlich, und

besonders ist es zu scheußlich, nicht nur Bourgeois, sondern sogar

Fabrikant, aktiv gegen das Proletariat auftretender Bourgeois zu

bleiben. Ein paar Tage auf der Fabrik meines Alten haben mich dazu

gebracht, diese Scheußlichkeit, die ich etwas übersehen hatte, mir

wieder vor die Augen zu stellen. Ich hatte natürlich darauf gerechnet,

nur so lange im Schacher zu bleiben, als mir paßte, und dann irgend

etwas Polizeiwidriges zu schreiben, um mich mit guter Manier über die

Grenze drücken zu können, aber selbst bis dahin halte ich’s nicht aus.

Wenn ich nicht täglich die scheußlichsten Geschichten aus der englischen

Gesellschaft hätte in mein Buch registrieren müssen, ich glaube, ich

wäre schon etwas versauert, aber das hat wenigstens meine Wut im Kochen

erhalten. Und man kann wohl als Kommunist der äußeren Lage nach

Bourgeois und Schachervieh sein, wenn man _nicht schreibt_, aber

kommunistische Propaganda im großen und zugleich Schacher und Industrie

treiben, das geht nicht. Genug, Ostern gehe ich hier fort. Dazu das

erschlaffende Leben in einer ganz radikal christlich-preußischen Familie

– es geht nicht mehr, ich würde auf die Dauer ein deutscher Philister

werden können und das Philisterium in den Kommunismus hineintragen. –

Nun laß mich nicht so lange auf einen Brief von Dir warten wie ich Dich

diesmal. Grüße Deine Frau unbekannterweise und wer es sonst wert ist.

Einstweilen schreibe noch hierher, man wird, falls ich schon fort sein

sollte, mir Deine Briefe nachschicken.

Dein F. E.

----------

[1] Vollzogene Tatsache.

[2] Restbestand [wörtlich: Toter Kopf].

[3] Friedfertige Demokraten [Bezeichnung des politischen Flügels der

Fourieristen].

4

Barmen, 22. Februar 1845.

Lieber Marx!

Soeben erhalte ich nach langem Hin- und Herschreiben von Köln aus

endlich Deine Adresse und setze mich gleich hin, an Dich zu schreiben.

Sowie die Nachricht von der Expulsion herkam, hielt ich es für nötig,

gleich eine Subskription zu eröffnen, um die Dir dadurch verursachten

Extrakosten auf uns alle kommunistisch zu repartieren. Das Ding hatte

guten Fortgang, und vor drei Wochen schickte ich 50 und einige Taler an

Jung, forderte auch die Düsseldorfer auf, die ebensoviel

zusammengebracht haben, und habe auch in Westfalen die deshalb nötige

Agitation durch Heß anstiften lassen. Hier ist die Zeichnung indes noch

nicht geschlossen, der Maler Köttgen hat indes die Sache verschleppt,

und so bin ich noch nicht im Besitz aller zu erwartenden Gelder. Indes

wird in ein paar Tagen alles hoffentlich einkommen, und dann werde ich

Dir einen Wechsel auf Brüssel schicken. Da ich übrigens nicht weiß, ob

das genügen wird, um Dir Deine Einrichtung in Brüssel zustande zu

bringen, so versteht es sich von selbst, daß mein Honorar für das erste

englische Ding, was ich hoffentlich bald wenigstens teilweise ausbezahlt

bekomme und für den Augenblick entbehren kann, da mein Alter mir pumpen

muß, Dir mit dem größten Vergnügen zur Disposition steht. Die Hunde

sollen wenigstens das Pläsier nicht haben, Dich durch ihre Infamie in

pekuniäre Verlegenheit zu bringen. Daß man Dich gezwungen hat, die

Hausmiete für die Zukunft noch zu bezahlen, ist doch die Krone der

Scheußlichkeit. Ich fürchte aber, man wird Dich am Ende in Belgien auch

molestieren, so daß Dir zuletzt nur England übrig bleibt.

Doch kein Wort weiter von der ganzen niederträchtigen Geschichte. Kriege

wird bei Ankunft dieses schon bei Dir sein. Der Kerl ist ein famoser

Agitator. Er wird Dir von Feuerbach viel erzählen. – Den Tag nach seiner

Abreise von hier traf ein Brief von Feuerbach an mich ein, wir hatten

dem Kerl nämlich geschrieben. Feuerbach sagt, er müsse erst den

religiösen Dreck gründlich vernichtet haben, ehe er sich so mit dem

Kommunismus beschäftigen könne, daß er ihn schriftstellerisch vertrete.

Auch sei er in Bayern zu sehr von dem ganzen Leben abgeschlossen, als

daß er dazu kommen könne. Übrigens sei er Kommunist, und es handle sich

für ihn nur um das Wie der Ausführung. Womöglich kommt er diesen Sommer

an den Rhein, und dann soll er auch nach Brüssel, das wollen wir ihm

schon beibringen.

Hier in Elberfeld geschehen Wunderdinge. Wir haben gestern im größten

Saale und ersten Gasthof der Stadt unsere dritte kommunistische

Versammlung abgehalten. Die erste 40, die zweite 130, die dritte

wenigstens 200 Menschen stark. Ganz Elberfeld und Barmen, von der

Geldaristokratie bis zur _épicerie_[1], nur das Proletariat

ausgeschlossen, war vertreten. Heß hielt einen Vortrag. Gedichte von

Müller, Püttmann und Stücke aus Shelley wurden gelesen, ebenso der

Artikel über die bestehenden Kommunistenkolonien im Bürgerbuch. Nachher

diskutiert bis 1 Uhr. Das Ding zieht ungeheuer. Man spricht von nichts

als vom Kommunismus, und jeden Tag fallen uns neue Anhänger zu. Der

Wuppertaler Kommunismus ist eine _vérité_[2], ja beinahe schon eine

Macht. Was das für ein günstiger Boden hier ist, davon hast Du keine

Vorstellung. Das dümmste, indolenteste, philisterhafteste Volk, das sich

für nichts in der Welt interessiert hat, fängt an beinahe zu schwärmen

für den Kommunismus. Wie lange man dem Ding noch so zusehen wird, weiß

ich nicht, aber die Polizei ist jedenfalls in der höchsten Verlegenheit,

sie weiß selbst nicht, woran sie ist, und der Hauptschweinehund, der

Landrat, ist gerade in Berlin. Aber wenn man’s auch verbietet, so

umgehen wir das, und geht das auch nicht, so haben wir jedenfalls so

ungeheuer angeregt, daß alles, was in unserem Interesse erscheint, hier

furchtbar gelesen wird. Da ich nun Ostern weggehen werde, so ist es um

so besser, daß Heß sich hier ansiedelt und zugleich bei Bädeker in

Elberfeld eine Monatsschrift herausgibt, wovon Kriege, glaube ich, einen

Prospektus hat. Ich gehe, wie ich Dir wohl schon schrieb, jedenfalls

nach Bonn. Meine projektierte Reise nach Paris wird nun zu Wasser, da

ich dort nichts mehr zu suchen habe, dafür aber komme ich jedenfalls

nach Brüssel, um so eher, als meine Mutter und meine beiden Schwestern

im Sommer nach Ostende gehen werden. Ich muß außerdem noch mal nach

Bielefeld unter die dortigen Kommunisten, und wenn Feuerbach nicht

kommt, so gehe ich zu ihm, und dann, wenn ich Geld und Zeit habe, auch

noch einmal nach England. Du siehst, ich hab’s gut vor. Bergenroth

erzählte mir ebenfalls, er werde wahrscheinlich in einigen Wochen oder

so nach Brüssel kommen. Er war, nebst einigen Düsseldorfern, bei unserer

zweiten Versammlung anwesend und hat mitgesprochen. Es ist übrigens doch

ein ganz anderes Ding, da vor den wirklichen leibhaftigen Menschen zu

stehen und ihnen direkt, sinnlich, unverhohlen zu predigen, als dies

verfluchte abstrakte Schreibertum mit seinem abstrakten Publikum vor den

„Augen des Geistes“ zu treiben.

Ich soll Dich nochmals in Heß’ Namen – auch in dem meinigen tue ich es –

auffordern, dem Püttmann was für seine Vierteljahrsschrift zu schicken.

Wir müssen durchaus gleich im ersten Hefte alle erscheinen, damit das

Ding Charakter bekommt. Ohnehin kommt es ohne uns gar nicht einmal

zustande. –

25. Februar. Gestern abend kam die Nachricht an, daß unsere nächste

Versammlung mit Gendarmen gesprengt und die Redner verhaftet werden

sollten. – 26. Februar. Gestern morgen untersagte der Oberbürgermeister

der Frau Obermeyer, in ihrem Lokal solche Zusammenkünfte zu gestatten,

und mir wurde gesteckt, daß, wenn trotzdem die Versammlung gehalten

würde, eine Verhaftung und Klage folgen würde. Wir haben’s jetzt

natürlich drangegeben und müssen erwarten, ob man uns einklagen wird,

was aber kaum zu erwarten steht, da wir schlau genug waren, keine

Handhabe zu bieten, und der ganze Dreck nur in einer großartigen Blamage

der Regierung endigen könnte. Ohnehin waren die Staatsanwälte und das

ganze Landgericht gegenwärtig, und der Oberprokurator hat selbst

mitdiskutiert.

7. März. Ich bin, seitdem ich das Vorstehende schrieb, eine Woche in

Bonn und Köln gewesen. Die Kölner dürfen ihre Versammlung wegen des

Vereins jetzt halten. In unserer hiesigen Angelegenheit ist ein Reskript

der Regierung zu Düsseldorf eingetroffen, wodurch fernere Versammlungen

verboten werden. Heß und Köttgen haben protestiert. Nutzt natürlich

nichts, aber die Leute werden aus der Haltung des Protestes ersehen, daß

sie uns nichts anhaben können. Heß ist wieder ungeheuer sanguinisch,

weil alles sonst so famos abläuft und unsere Fortschritte wirklich

ungeheuer sind, der gute Kerl macht sich nur immer Illusionen. – Unser

Gesellschaftsspiegel wird prächtig, der erste Bogen ist schon zensiert

und alles durch. Beiträge in Masse. Heß wohnt in _Barmen_ in der „_Stadt

London_“. Bergenroth wird wahrscheinlich doch sobald nicht dorthin

kommen, dagegen ein anderer, den ich nicht nenne, weil dieser Brief doch

wohl erbrochen wird. Wenn es irgend geht, komme ich auch noch einmal im

April hinüber. Der Geldpunkt ist jetzt die Hauptsache für mich, da ich

infolge der Versammlung Familientuck gehabt habe, wonach mein Alter

resolviert ist, mich nur für meine „_Studia_“, nicht aber für

kommunistische Zwecke irgend einer Art zu unterstützen.

Ich würde Dir noch eine Masse Zeugs schreiben, wenn ich eine sichere

Adresse nach Brüssel wüßte, die Du mir jedenfalls verschaffen mußt.

Viele Sachen, die hier vorgefallen, könnten vielen schaden, wenn sie in

einem _cabinet noir_[3] gelesen würden. Ich bleibe nun noch vier Wochen

hier und gehe anfangs April nach Bonn. Schreibe mir jedenfalls nochmals

vorher, damit man weiß, wie Dir’s geht. Die Gelder sind so ziemlich

zusammen, ich habe noch nicht erfahren, wieviel es ist, es soll

unverzüglich abgehen. Mein Manuskript geht dieser Tage ab. – Die

Kritische Kritik ist _noch immer nicht hier_! Der neue Titel: _Die

heilige Familie_ wird mich wohl in Familienhäkeleien mit meinem frommen,

ohnehin jetzt höchst gereizten Alten bringen, das konntest Du natürlich

nicht wissen. Wie aus der Ankündigung hervorgeht, hast Du meinen Namen

zuerst gesetzt, warum? Ich habe ja fast nichts daran gemacht, und Deinen

Stil kennt doch jeder heraus.

Schreibe mir nun umgehend, ob Du noch Geld nötig hast. Wigand muß mir in

zirka 14 Tagen was schicken, und dann hast Du nur zu disponieren. Ich

fürchte, die Rückstände der Subskription werden nicht über 120 bis 150

Franken betragen.

Apropos. Wir haben hier vor, den Fourier zu übersetzen und überhaupt

womöglich eine „Bibliothek der vorzüglichsten sozialistischen

Schriftsteller des Auslandes“ zu geben. Fourier wäre der beste, um

anzufangen. Leute zum Übersetzen sind gefunden. Heß erzählt mir soeben

von einem in Frankreich herausgekommenen Wörterbuch zu Fourier, von

einem beliebigen Fourieristen. Du wirst davon wissen. Gib mir doch auch

hierüber sogleich Auskunft und womöglich schicke ein Exemplar per Post

an mich. Empfiehl zu gleicher Zeit die Sachen der Franzosen, von denen

Du glaubst, daß sie sich zum Übersetzen in der Bibliothek eignen. Aber

rasch, die Sache hat Eile, da wir schon mit einem Verleger am

Unterhandeln sind. Wie weit bist Du mit Deinem Buch? Ich muß jetzt an

mein Manuskript. Darum lebe einstweilen wohl und schreibe über die

erwähnten Punkte sogleich.

Grüße Kriege und Bürgers. Ist Bernays da?

Dein F. E.

----------

[1] Krämertum.

[2] Wahrheit, Tatsache.

[3] Schwarzes Kabinett [für Erbrechung von Briefen].

5

Barmen, 17. März 1845.

Lieber Marx!

Gestern gab mir Heß Deinen Brief. Was die Übersetzungen betrifft, so ist

das Ganze noch gar nicht organisiert. In Bonn wollte ich den Fourier von

einigen dortigen Leuten unter meinen Augen und meiner Leitung übersetzen

lassen, natürlich den kosmogonischen Unsinn weglassen, und wenn der

Verleger einverstanden wäre, das Ding als erste Sektion einer solchen

Bibliothek herausgeben. Ich sprach gelegentlich mit B[utz], dem Verleger

des Gesellschaftsspiegels, darüber, und er schien nicht übel Lust dazu

zu haben, obgleich er zu einer _größeren_ Bibliothek nicht die Fonds

hat. Geben wir aber das Ding in dieser Gestalt, so wird es allerdings

besser sein, es Leske oder sonst jemand zu geben, der auch was

dranwenden kann. Die Sachen _selbst_ zu übersetzen, habe ich für den

Sommer durchaus keine Zeit, da ich die englischen Sachen abschließen

muß. Das erste Ding ist diese Woche an Wigand abgegangen, und da ich mit

ihm stipuliert habe, daß er mir 100 Taler bei Empfang des Manuskriptes

auszahlen soll, so denke ich in 8 bis 12 Tagen Geld zu bekommen und Dir

schicken zu können. Einstweilen liegen 122,22 Franken per 16. März auf

Bons.

Hierbei den Rest der Subskriptionen; wenn die Sache nicht durch die

Elberfelder so scheußlich verschleppt worden wäre, die von ihren

_amis-bourgeois_[1] noch wenigstens 20 Taler hätten zusammentreiben

können, so wäre es eher und mehr gekommen.

Um auf die Bibliothek zurückzukommen, so weiß ich nicht, ob die

_historische_ Reihenfolge der Sachen die beste sein würde. Da Franzosen

und Engländer doch abwechseln müßten, so würde der Zusammenhang der

Entwicklung doch fortwährend unterbrochen werden. Ohnehin glaube ich,

daß es besser wäre, hierbei das _theoretische_ Interesse der praktischen

Wirksamkeit aufzuopfern und mit den Sachen anzufangen, die den Deutschen

am meisten Stoff geben und unseren Prinzipien am nächsten stehen; also

die besten Sachen von Fourier, Owen, den Saint-Simonisten usw. – Morelly

könnte auch ziemlich vornehin kommen. Die historische Entwicklung könnte

man ganz kurz in der Einleitung zum Ganzen geben, und so würde sich auch

bei einer solchen Anordnung jeder leicht zurechtfinden. Die Einleitung

könnten wir zusammen machen – Du Frankreich, ich England nehmen –,

vielleicht ginge das schon, wenn ich, wie ich vorhabe, in drei Wochen

herüberkomme – wenigstens könnten wir das Ding besprechen –, jedenfalls

scheint mir aber durchaus nötig, gleich von vornherein mit Sachen

anzufangen, die von praktischer, einschlagender Wirkung auf die

Deutschen sind und uns ersparen, das noch einmal zu sagen, was andere

vor uns gesagt haben. Wenn wir eine Quellensammlung zur Geschichte des

Sozialismus oder vielmehr die Geschichte in und durch die Quellen geben

wollten, so würden wir mit dem Ding, fürchte ich, in langer Zeit nicht

fertig und obendrein langweilig werden. Deshalb bin ich dafür, daß wir

nur solche Sachen geben, deren positiver Inhalt wenigstens zum größten

Teil heute noch zu brauchen ist. Godwins _Political Justice_[2] würde,

als Kritik der Politik vom politischen und bürgerlich-gesellschaftlichen

Standpunkt, trotz der vielen famosen Sachen, in denen Godwin an den

Kommunismus anstreift, wegfallen, da Du doch die _vollständige_ Kritik

der Politik geben wirst. Um so eher, als Godwin am _Ende_ seiner Schrift

zum Resultat kommt, der Mensch habe sich möglichst von der Gesellschaft

zu emanzipieren und sie nur als einen Luxusartikel zu gebrauchen

(_Political Justice_, II, Buch 8, Anhang zu Kapitel 8) und überhaupt in

seinen Resultaten so entschieden anti_sozial_ ist. Ich habe übrigens das

Buch vor sehr langer Zeit, wo ich noch arg im unklaren war, exzerpiert

und muß es jedenfalls noch einmal durchnehmen, deswegen ist es leicht

möglich, daß mehr in dem Ding steckt, als ich damals darin fand. Nehmen

wir aber Godwin, so dürfen wir sein Supplement Bentham auch nicht fehlen

lassen, obwohl der Kerl arg langweilig und theoretisch ist. – Schreibe

mir hierüber, und dann wollen wir weiter sehen, was zu machen ist. Da

diese Idee uns beiden gekommen ist, so muß sie jedenfalls durchgeführt

werden – ich meine die Bibliothek. Heß wird sich gewiß mit Vergnügen

dabei beteiligen und ich desgleichen, sobald ich irgendwie Zeit habe –

Heß hat sie, da er augenblicklich außer der Redaktion des

Gesellschaftsspiegels nichts im Schilde führt. – Sind wir über die

Grundlage einverstanden, so können wir bei meiner Dorthinkunft, die ich

wegen dieser Sache noch mehr betreiben werde, die Sache vollständig ins

reine bringen und gleich ans Werk gehen. –

Die Kritische Kritik – ich glaube, ich schrieb Dir schon, daß sie

angekommen ist – ist ganz famos. Deine Auseinandersetzungen über

Judenfrage, Geschichte des Materialismus und _mystères_[3] sind prächtig

und werden von ausgezeichneter Wirkung sein. Aber bei alledem ist das

Ding zu groß. Die souveräne Verachtung, mit der wir beide gegen die

Literatur-Zeitung auftreten, bildet einen argen Gegensatz gegen die 22

Bogen, die wir ihr dedizieren. Dazu wird doch das meiste von der Kritik

der Spekulation und des abstrakten Wesens überhaupt dem größeren

Publikum unverständlich bleiben und auch nicht allgemein interessieren.

Sonst aber ist das ganze Buch prächtig geschrieben und zum Kranklachen.

Die Bauers werden kein Wort sagen können. Bürgers kann übrigens, wenn

er’s im Püttmannschen ersten Heft anzeigt, gelegentlich den Grund

erwähnen, aus welchem ich nur wenig und nur das, was ohne tieferes

Eingehen auf die Sache geschrieben werden konnte, bearbeitet habe –

meine zehntägige kurze Anwesenheit in Paris. Es sieht ohnehin komisch

aus, daß ich vielleicht anderthalb Bogen und Du über zwanzig drin hast.

Das über die „Hurenverhältnisse“ hättest du besser gestrichen. Es ist zu

wenig und zu total unbedeutend.

Es ist merkwürdig, wie ich außer mit der Bibliothek noch in einem

anderen Plane mit Dir zusammengekommen bin. Auch ich wollte für Püttmann

eine Kritik Lists schreiben – glücklicherweise erfuhr ich durch Püttmann

Deine Absicht früh genug. Da ich den List übrigens _praktisch_ fassen

wollte, die _praktischen_ Folgen seines Systems entwickeln, so werde ich

eine meiner Elberfelder Reden (die Verhandlungen werden im Püttmannschen

Ding gedruckt), worin ich dies unter anderem in kurzem tat, etwas weiter

ausarbeiten – ich vermute ohnehin nach dem Bürgersschen Brief an Heß und

nach Deiner Persönlichkeit, daß Du Dich mehr auf seine _Voraussetzungen_

als auf seine Konsequenzen einlassen wirst.

Ich lebe Dir jetzt ein wahres Hundeleben. Durch die

Versammlungsgeschichten und die „Liederlichkeit“ mehrerer unserer

hiesigen Kommunisten, mit denen ich natürlich umgehe, ist der ganze

religiöse Fanatismus meines Alten wieder erweckt, durch meine Erklärung,

den Schacher definitiv dranzugeben, gesteigert – und durch mein offenes

Auftreten als Kommunist hat sich nebenbei noch ein glänzender

Bourgeoisfanatismus in ihm entwickelt. Jetzt denke Dir meine Stellung.

Ich mag, da ich in vierzehn Tagen oder so weggehe, keinen Krakeel

anfangen; ich lasse alles über mich ergehen, das sind sie nicht gewohnt

und so wächst ihnen der Mut .... Wär’s nicht um meiner Mutter willen,

die einen schönen menschlichen Fonds und nur meinem Vater gegenüber gar

keine Selbständigkeit hat, und die ich wirklich liebe, so würde es mir

keinen Augenblick einfallen, meinem fanatischen und despotischen Alten

auch nur die elendeste Konzession zu machen. Aber so grämt sich meine

Mutter ohnehin jeden Augenblick krank und hat gleich jedesmal, wenn sie

sich speziell über mich ärgert, acht Tage Kopfschmerzen – es ist nicht

mehr auszuhalten, ich muß fort und weiß kaum, wie ich die paar Wochen,

die ich hier bin, noch aushalten soll. Doch das wird auch schon gehen.

Im übrigen ist hier nichts Neues. Die Bourgeoisie politisiert und geht

in die Kirche, das Proletariat tut, wir wissen nicht was, und können’s

kaum wissen. Die Adresse, an die Euer letzter Brief abging, ist

einstweilen noch sicher. Heute abend hoffe ich das Geld zu bekommen –

eben versichert mir Köttgen, daß er, sobald er etwas mehr Zeit hat – in

ein paar Tagen – noch etwas wird auftreiben können. Ich traue dem Ding

aber nicht recht, der Köttgen ist bei der Hand, wo er sich hervortun

kann, aber sonst taugt er und tut er nichts. Addio!

Dein E.

----------

[1] Bourgeois-Freunden

[2] Politische Gerechtigkeit.

[3] Geheimnisse [bezieht sich auf die Kritik von Sues „Die

Geheimnisse von Paris“].

1846

6

Cercle Valois, Palais Royal, 19. August 1846.

Lieber Marx!

Freitag abend nach einer strapaziösen Reise und viel Langeweile hier

endlich angekommen. Ewerbeck gleich getroffen. Der Junge ist sehr fidel,

vollständig traktabel, empfänglicher wie je, kurz, ich hoffe mit ihm in

allen Dingen – mit einiger Geduld – ganz gut herumzukommen. Von Jammer

über Parteistreitigkeiten ist keine Rede mehr – aus dem einfachen

Grunde, weil er selbst in die Notwendigkeit versetzt ist, hier einige

Weitlingianer herauszubugsieren. Was er mit Grün eigentlich gehabt hat,

wodurch der Bruch mit ihm eintrat, darüber ist bis jetzt wenig

verlautet; gewiß ist, daß ihn Grün durch ein abwechselnd kriechendes,

abwechselnd hochfahrendes Betragen in einer gewissen respektvollen

Zuneigung erhielt. Ewerbeck ist über Heß vollständig im klaren, _il n’a

pas la moindre sympathie pour cet homme-la_![1] Er hatte ohnehin noch so

einen alten Privathaß gegen ihn von der Zeit her, da sie

zusammenwohnten. Ewerbeck hat übrigens den Proudhon vor Grün gewarnt.

Grün ist wieder hier, wohnt hinten auf dem Ménilmontant und schmiert die

scheußlichsten Artikel in die Triersche. Mäurer hat dem Cabet die

bezüglichen Stellen aus dem Grünschen Buche übersetzt, Du kannst Dir

Cabets Wut denken. Auch beim National ist er außer allem Kredit.

Bei Cabet war ich. Der alte Knabe war recht kordial, ich ging auf all

seinen Kram ein, erzählte ihm von Gott und dem Teufel usw. Ich werde

öfter hingehen. Aber mit der Korrespondenz müssen wir ihm vom Halse

bleiben. Er hat erstens genug zu tun und ist zweitens zu mißtrauisch.

_Il y verrait un piège_,[2] um seinen Namen zu mißbrauchen.

Ich habe in den Epigonen „Das Wesen der Religion“ von Feuerbach etwas

durchgeblättert. Abgesehen von einigen netten Aperçus ist das Ding ganz

im alten Stiefel. Anfangs, wo er sich rein auf die Naturreligion

beschränkt, ist er schon gezwungen, sich mehr auf empirischem Boden zu

verhalten, aber später wird’s kunterbunt. Wieder lauter Wesen, Mensch

usw. Ich werde es genau lesen und Dir in kürzester Frist die

Hauptstellen, wenn sie interessant sind, exzerpieren, damit Du es für

den Feuerbach noch gebrauchen kannst. Einstweilen nur zwei Sätze. Das

Ganze – zirka sechzig Seiten – beginnt mit folgender, vom menschlichen

Wesen unterschiedenen Definition der Natur: „Das vom menschlichen Wesen

_oder Gott_(!!), dessen Darstellung das ‚Wesen des Christentums‘ ist,

unterschieden als unabhängige Wesen (1), das Wesen _ohne_ menschliches

Wesen (2), menschliche Eigenschaften (3), menschliche Individualität

(4), _ist_ *in Wahrheit nichts anderes* als – die Natur.“ Dies ist doch

das Meisterstück einer mit Donnerton ausposaunten Tautologie. Dazu kommt

aber noch, daß er das religiöse, vorgestellte _Phantom_ der Natur an

diesem Satz vollständig hinten und vorn mit der wirklichen Natur

identifiziert. _Comme toujours._[3] – Ferner, etwas weiter. „Religion

ist die Beherzigung und Bekennung dessen, was ich bin(!) ... Die

Abhängigkeit von der Natur sich zum Bewußtsein erheben, sie sich

vorstellen, beherzigen, bekennen, heißt _sich zur Religion erheben_.“

Der Minister Dumon wurde dieser Tage im Hemde bei der Frau eines

Präsidenten ertappt. Der „Corsaire“ erzählt: Eine Dame, die bei Guizot

suppliziert hatte, sagte, es ist schade, daß ein so ausgezeichneter Mann

wie Guizot, _est toujours si sévère et boutonné jusqu’au cou_[4]. Die

Frau eines _employé_ der _Travaux publics_[5] sagt: _On ne peut pas dire

cela de M. Dumon, on trouve généralement qu’il est un peu trop

déboutonné pour un ministre._[6] –

_Quelques heures après_,[7] nachdem ich dem Weilchen zu Gefallen umsonst

ins Café Kardinal geloffen – das Weilchen ist etwas traurig, weil ihm

die _Démocratie pacifique_[8] seine Honorare, zirka 1000 Franken, nicht

zahlt; es scheint eine Art _great crisis and stopping of cash

payments_[9] bei ihr eingetreten zu sein, und Weilchen ist zu sehr Jude,

um sich mit Banknoten auf das erste Phalanstère der Zukunft abfertigen

zu lassen. Übrigens werden die Herren Fourieristen alle Tage

langweiliger. Die Phalange enthält nichts als Unsinn. Die Mitteilungen

aus Fouriers Nachlaß beschränken sich alle auf das _mouvement

aromal_[10] und die Begattung der Planeten, die _plus ou moins_[11] von

hinten zu geschehen scheint. Aus der Begattung des Saturn und Uranus

entstehen die Mistkäfer, welche jedenfalls die Fourieristen selber sind

– der Hauptmistkäfer aber ist der Herr Hugh Doherty, der Irländer, der

eigentlich noch nicht einmal Mistkäfer, sondern erst Mistengerling,

Mistlarve ist – das arme Tier wälzt sich schon zum zehnten Male (_10^me

article_[12]) in der _question religieuse_[13] herum und hat noch immer

nicht heraus, wie er mit Anstand sein _exit_[14] machen kann.

Bernays habe ich noch nicht gesehen. Wie Ewerbeck aber sagt, ist es so

gar arg mit ihm nicht und sein größtes Leiden die Langeweile. Der Mann

soll sehr robust und gesund geworden sein, seine Hauptbeschäftigung, die

Gärtnerei, scheint in Beziehung auf seinen Kadaverzustand den Sieg über

seinen Kummer davongetragen zu haben. Auch hält er, _dit-on_,[15] die

Ziegen bei den Hörnern, wenn seine –? Gattin? –, die nur zwischen zwei

Fragezeichen zu denken ist, sie melkt. Der arme Teufel fühlt sich in

seiner Umgebung natürlich unbehaglich, er sieht außer Ewerbeck, der

wöchentlich hinauskommt, keine Seele, läuft in einer Bauernjacke herum,

geht nie aus dem Sarcelles, das das elendeste Dorf der Welt ist und

nicht einmal ein Kabarett hat, heraus, kurz, er ennuyiert sich zum

Sterben. Wir müssen sehen, daß wir ihn wieder nach Paris kriegen, dann

ist er in vier Wochen wieder der alte. Da der Börnstein in seiner

Qualität als Mouchard nicht wissen soll, daß ich hier bin, so haben wir

dem Bernays erst geschrieben wegen eines Rendezvous in Montmorency oder

sonst in der Nähe, nachher schleifen wir ihn nach Paris und wenden ein

paar Franken daran, ihn einmal tüchtig aufzuheitern. Dann wird er schon

anders werden. Übrigens laß ihn nicht merken, daß ich Dir so über ihn

geschrieben habe, in seiner überspannten romantischen Stimmung könnte

der gute Junge sich moralisch verletzt fühlen ....

Antworte bald.

Dein E.

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 6 / 196 题