Lieber Marx!
Eine Masse Sachen, die ich Dir privatim schreiben wollte, sind mir in
den Geschäftsbrief hereingeraten, weil ich den zuerst schrieb. Diesmal
macht es nichts, daß die anderen den Dreck mitlesen. – Die Auszüge aus
Feuerbach zu machen, habe ich mich aus einem gewissen Grauen bisher
nicht entschließen können. Hier in Paris kommt einem das Zeug vollends
lasch [matt] vor. Ich habe das Buch aber jetzt im Hause und setze mich
ehestens dran. Daß Dein Geldpech noch immer anhält, ist schändlich. Ich
weiß für unsere Manuskripte keinen Verleger außer Leske, den man während
der Unterhandlung über die Kritik seines Verlags in Unwissenheit halten
müßte. Löwenthal nimmt’s gewiß nicht, er hat dem Bernays eine _sehr
gute_ Spekulation (Das Leben des hiesigen Alten, in zwei Bänden, den
ersten gleich zu drucken und mit dem Tode des Alten sofort zu
expedieren, den zweiten dann gleich folgen zu lassen) unter allerlei
lausigen Vorwänden abgeschlagen. Er ist auch feig, er sagt, er könne aus
Frankfurt geschaßt werden. Bernays hat Aussicht, bei Brockhaus
unterzukommen, der natürlich glaubt, das Buch werde bourgeoismäßig
abgefaßt. – Haben die Westfalen die Manuskripte an Daniels geschickt? –
Hast Du von dem Kölner Projekt etwas Näheres gehört, wovon Heß schrieb?
Du weißt. – Gottvoll ist aber vor allem der Lüningsche Kohl .... Wenn
wir ihre ganze Lumperei kritisieren, so erklärt der Edle das für eine
„_Selbst_kritik“. Es wird diesen Kerls aber bald widerfahren, was
geschrieben steht: „Und wenn er keinen Hintern hat, wo will der Edle
sitzen?“ Und Westfalen scheint allmählich zu merken, daß es keinen
Hintern hat, oder, um mit Mose zu sprechen, keine „materielle Basis“ für
seinen Kommunismus. –
Die Londoner Adresse habe ich gestern abend hier bei den Arbeitern
bereits gedruckt gelesen. Schund. Adressieren sich an das „Volk“, das
heißt die vorausgesetzten Proletarier in Schleswig-Holstein, wo nichts
wie plattdeutsche Bauernlümmel und zünftige Straubinger herumstrolchen.
Haben von den Engländern gerade den Unsinn, die totale Ignorierung aller
wirklich vorliegenden Verhältnisse, Unfähigkeit, eine historische
Entwicklung aufzufassen, gelernt. Statt die Frage zu beantworten, wollen
sie, daß das in ihrem Sinne gar nicht dort existierende „Volk“ sie
ignorieren, sich friedlich, passiv verhalten soll; sie denken nicht
dran, daß die Bourgeois doch tun, was sie wollen. Mit Abzug der ziemlich
überflüssigen und gar nicht mit ihren Schlußresultaten im Zusammenhang
stehenden Schimpfereien auf die Bourgeois (die ebensogut durch
_free-trade_-Phrasen ersetzt werden könnten) könnte die
_free-trade-press_ von London, die Schleswig-Holstein nicht im
Zollverein sehen will, das Ding erlassen haben. –
Die Kölner Bourgeois haben einen Protest gegen die Herren Minister
erlassen, der für deutsche Bürger das Mögliche ist. Der arme Berliner
Kanzelredner! [Friedrich Wilhelm IV.] Mit allen Stadträten seines
Reiches liegt er in den Haaren; erst die Berliner theologische
Disputation, dann die Breslauer _item_, jetzt die Kölner Geschichte. Der
Bengel gleicht übrigens auf ein Haar dem Jakob dem Ersten von England,
den er sich wirklich zum Muster genommen zu haben scheint. Nächstens
wird er wohl, wie dieser, auch noch Hexen verbrennen lassen.
Dem Proudhon habe ich im Geschäftsbrief [siehe Brief 8] wirklich
himmelschreiendes Unrecht getan. Ich muß es hier redressieren. Ich habe
nämlich geglaubt, er habe einen kleinen Unsinn, einen Unsinn innerhalb
der Grenzen des Sinnes gemacht. Gestern kam die Sache nochmals und
ausführlich zur Diskussion, und da erfuhr ich, daß dieser neue Unsinn
wirklich ein _ganz unbegrenzter Unsinn_ ist. Stelle Dir vor: Proletarier
sollen kleine Aktien _sparen_. Davon wird (unter 10 000 bis 20 000
Arbeitern fängt man natürlich gar nicht an) zuerst ein oder mehrere
Ateliers in einem oder mehreren Handwerken errichtet, ein Teil der
Aktionäre dort beschäftigt und die Produkte 1. zum Preise des
Rohmaterials plus der Arbeit an die Aktionäre (die so keinen Profit zu
zahlen haben) und 2. der etwaige Überschuß zum laufenden Preise im
Weltmarkt verkauft. Sowie sich das Kapital der Gesellschaft durch
Neuhinzutretende oder durch neue Ersparnisse der alten Aktionäre
vermehrt, wird es zur Anlage neuer Ateliers und Fabriken verwandt usf.
usf., bis – _alle_ Proletarier beschäftigt und _alle_ im Lande
befindlichen Produktivkräfte aufgekauft und dadurch die in den Händen
der Bourgeois befindlichen Kapitalien die Macht verloren haben, Arbeit
zu kommandieren und Profit zu bringen! So hebt man dann das Kapital auf,
indem man „eine Instanz findet, wo das Kapital, das heißt das Zinswesen“
(Vergrünung des einigermaßen näher ans Tageslicht gerückten _droit
d’aubaine_[1] von ehedem) „sozusagen verschwindet“. Du wirst in diesem
von Papa Eisermann zahllose Male wiederholten, also von Grün auswendig
gelernten Satze die ursprünglichen Proudhonschen Floskeln noch deutlich
durchschimmern sehen. Die Leute haben nichts mehr und nichts weniger im
Sinne, als einstweilen _ganz Frankreich_, später vielleicht auch die
übrige Welt vermöge proletarischer Ersparnisse und unter Verzichtung auf
den Profit und die Zinsen ihres Kapitals _aufzukaufen_. Ist so ein
famoser Plan je erdacht worden, und ist es nicht ein viel kürzerer Weg,
wenn man einmal einen _tour de force_[2] machen will, lieber gleich aus
dem Silber–schein des Mondes Fünffrankentaler zu prägen? Und die dummen
Arbeiter hier, die Deutschen meine ich, _glauben_ daran; sie, die nicht
sechs Sous in der Tasche behalten können, um am Abend ihrer
Zusammenkünfte zu einem _marchand de vins_[3] zu gehen, wollen mit ihren
Ersparnissen das ganze schöne Frankreich aufkaufen. Rothschild und
Konsorten sind wahre Stümper neben diesen kolossalen Akkapareurs. Es
ist, um die Schwerenot zu kriegen. Die unsinnigste Phrase hat für sie
mehr Sinn als die einfachste, zum ökonomischen Argument vernutzte
Tatsache. Daß man gegen solchen barbarischen Unsinn noch pauken muß, ist
doch niederträchtig.
Aber man muß Geduld haben, und ich lasse die Kerls nicht laufen, bis ich
den Grün aus dem Felde geschlagen und ihnen die verduselten Schädel
geöffnet habe. Der einzige klare Kerl, der auch den ganzen Unsinn
einsieht, ist unser J[unge], der in Brüssel war. Der Ewerbeck hat ihnen
auch den Kopf voll des tollsten Zeugs gesetzt. Er ist jetzt in einer
Konfusion und grenzt von Zeit zu Zeit an Wahnsinn und kann, was er
gestern mit seinen eigenen Augen gesehen, Dir heute nicht
wiedererzählen. Geschweige was er gehört. Wie sehr er aber unter der
Fuchtel des Grün gestanden, davon nur dies: Als der Trierer Walth.
vorigen Winter über die Zensur nach allen Seiten hin jammerte, stellte
Grün ihn als einen Märtyrer der Zensur dar, der den edelsten und
tapfersten Kampf führe usw., und exploitierte Ewerbeck und die Arbeiter
dazu, daß sie eine höchst pomphafte Adresse an diesen Esel von Walth.
aufsetzten und unterzeichneten und ihm Dank sagten für seinen Heldenmut
im Kampfe für die Freiheit des Wortes!!!! Ewerbeck schämt sich wie ein
Mops und ärgert sich wütend über sich selbst; aber der Unsinn ist
geschehen, und jetzt hat man ihm und den Arbeitern die paar _Worte_
wieder auszupauken, die er sich selbst mit saurem Schweiß in den Kopf
hineinge[quält] und den Arbeitern dann mit ebenso saurem Schweiß
eingebleut hat. Denn er versteht nichts, bis er’s nicht auswendig
gelernt hat, und dann versteht er’s meist noch falsch. Wenn er nicht den
enormen guten Willen hätte und dabei sonst so ein liebenswürdiger Kerl
wäre, was er jetzt mehr als je ist, so wäre gar nicht mit ihm fertig zu
werden. Es soll mich wundern, wie es mir mit ihm gerät; zuweilen macht
er ganz nette Bemerkungen, gleich darauf aber wieder den größten Unsinn
– so seine jetzt in Gott ruhenden deutschen Geschichtsvorträge, bei
denen man sich wegen der in jedem Worte befindlichen Schnitzer und
Tollheiten kaum das Lachen verbeißen konnte. Aber, wie gesagt, enormer
Eifer und Eingehen auf alles, mit merkwürdiger Bereitwilligkeit, und ein
unverwüstlicher guter Humor der Selbstironie. Ich mag den Kerl, trotz
seines Unsinns, besser leiden als je. – Von Bernays ist nicht viel zu
sagen. Ich war mehrmals draußen, er einmal hier. Kommt wahrscheinlich im
Winter her, fehlt nur an Geld. Ist auch dahin gekommen, über die
Parteistreitigkeiten klarere und verständigere Ansichten zu hegen; wegen
seiner Meinungen über das Recht ist ihm jetzt nicht gut beizukommen,
weil er mit dem Einwurf: Ökonomie, Industrie usw. sei nicht sein Fach,
jedesmal abzubrechen sucht und bei den seltenen Zusammenkünften keine
ordentliche Diskussion zustande kommt; ich glaube indes schon etwas
Bresche geschossen zu haben, und wenn er herkommt, werde ich ihm sein
Mißverständnis wohl schließlich nehmen können. – Was machen die Leute
dort?
Dein E.
_Query:_ Ist die Geschichte mit dem Tolstoi, die _vollständig richtig_
ist, nicht den Londonern mitzuteilen? Die Deutschen könnten, falls er
bei ihnen seine Rolle fortspielte, einmal ein paar Polen scheußlich
kompromittieren. Wenn sich der Kerl _auf Dich beriefe_?
Bernays hat eine Broschüre in der Rothschildschen Polemik geschrieben;
kommt in der Schweiz deutsch und in einigen Tagen hier französisch
heraus.
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[1] Heimfallsrecht.
[2] Kraftstück.
[3] Wein- [und Spirituosen-]Ausschänker.
10
Oktober 1846.
Lieber Marx!
Die Geschichte gegen Kr[iege] erhalten. Ist ganz gut. Kriege wird nun
zwar, da Du allein unterzeichnet, den absprechenden Ton des ersten
Dokumentes auf meine Privatrechnung schreiben und gegen dies zweite zu
Kreuze kriechen, aber das ist mir wurst. Er kann mich in seiner
Privatmalice den amerikanischen Straubingern so schwarz wie möglich
schildern, wenn ihm das Pläsier macht.
Aus dem Komiteebrief wirst Du sehen, wie ich hier bei den Straubingern
durchgedrungen. Ich habe sie, hol mich der Teufel, nicht geschont, ich
habe ihre ärgsten Vorurteile, sie selbst als gar keine Proletarier
attackiert. Aber der Grün arbeitete mir auch zu schön in die Hände.
Frankieren tut um Gottes willen nicht an mich. Wenn mich der verdammte
Leske, der mir endlich wegen der dem P[üttmann] geschickten alten Drecke
einen nichtsnutzigen Wechsel zuschicken ließ, den ich retournieren mußte
– wenn mich Leske nicht im Stiche ließe, schickte ich Euch sogleich 25
Franken für die Komiteekasse. Einstweilen aber übernehme ich die Kosten
wenigstens der Korrespondenz mit mir. Wenn ich den vorigen Brief nicht
frankierte, so geschah dies, weil es zu spät war und ich ihn nur noch
durch Hineinschmeißen in den Briefkasten wegbekam. Sowie der Leske mir
das Geld schickt, erhaltet ihr ein Quotum.
Keiner der Straubinger kriegt die Antwort an Kriege zu sehen. Sonst wäre
sie vor Grün nicht sicher. Wir müssen namentlich dem Kerl alles vom
Halse halten, bis seine Bearbeitung des Proudhonschen Buches, nebst
Noten von K. Grün, fertig ist. Dann ist er gefangen. Er revoziert darin
vollständig eine Masse früher gesagter Geschichten und überliefert sich
mit Leib und Seele dem Proudhonschen Erlösungssystem. Nachher hat es
dann mit dem Exploitieren ein Ende, wenn er nicht wieder tournieren
will. Ist der Weitling noch in Brüssel?
Mit den Straubingern hier denke ich durchzukommen. Die Kerle sind
freilich gräßlich unwissend und durch ihre Lebenslage gar nicht
präpariert. Konkurrenz unter ihnen gibt es gar nicht. Der Lohn hält sich
immer auf einem und demselben Niveau, der Kampf mit dem Meister dreht
sich gar nicht um Lohn, sondern um den Gesellenhochmut usw. Bei den
Schneidern wirken jetzt die fertigen Kleiderläden revolutionierend.
Wenn’s nur nicht so ein faules Handwerk wäre.
Der Grün hat scheußlich geschadet. Er hat bei den Kerls alles Bestimmte
in bloße Duselei, Menschheitsstreben usw. verwandelt. Unter dem Scheine,
den Weitlingschen und sonstigen Systemkommunismus anzugreifen, hat er
ihnen den Kopf voll unbestimmter Belletristen- und Kleinbürgerphrasen
gesetzt und alles andere für Systemreiterei ausgegeben. Selbst die
Schreiner, die nie Weitlingianer gewesen – oder doch nur einzelne –
haben eine abergläubische Gespensterfurcht vor dem „Löffelkommunismus“
und schließen sich – wenigstens _vor_ dem durchgesetzten Beschluß –
lieber der größten Duselei, friedlichen Beglückungsplänen usw. an, als
diesem „Löffelkommunismus“. Es herrscht eine grenzenlose Konfusion hier
vor. An Harney habe ich dieser Tage einen leisen Angriff gegen die
Friedlichkeit der _fraternal Democrats_[1] geschickt, ihm übrigens
geschrieben, daß er mit Euch in Korrespondenz bleiben soll.
Dein E.
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[1] Brüderliche Demokraten. [Titel einer von G. Julian Harney
geführten Chartistenverbindung internationaler Tendenz.]
11
Paris, 23. Oktober 1846.
Brief an das Brüsseler Komitee. Nr. III.
Über die hiesigen Straubingergeschichten ist wenig zu sagen. Die
Hauptsache ist, daß die verschiedenen Streitpunkte, die ich bisher mit
den Jungens auszufechten hatte, jetzt entschieden sind: der
Hauptanhänger und Schüler Grüns, Papa Eisermann, ist herausgeschmissen,
die übrigen sind in ihrem Einfluß auf die Masse vollständig gestürzt,
und ich habe einen Beschluß einstimmig gegen sie durchgesetzt.
Der kurze Verlauf ist der:
Über den Proudhonschen Assoziationsplan wurde drei Abende diskutiert.
Anfangs hatte ich beinahe die ganze Clique, zuletzt nur noch Eisermann
und die übrigen drei Grünianer gegen mich. Die Hauptsache dabei war, die
Notwendigkeit der gewaltsamen Revolution [zu beweisen] *und* überhaupt
den Grünschen wahren Sozialismus, der in der Proudhonschen Panacee neue
Lebenskräfte gefunden, als antiproletarisch, kleinbürgerlich,
straubingerisch nachzuweisen.
Zuletzt wurde ich wütend über die ewige Wiederholung derselben Argumente
von seiten meiner Gegner und attackierte die Straubinger geradezu, was
bei den Grünianern große Entrüstung erregte, wodurch ich aber dem edlen
Eisermann einen _offenen Angriff_ auf den Kommunismus entlockte. Darauf
deckelte ich ihn so rücksichtslos, daß er gar nicht wiederkam.
Jetzt knüpfte ich an die mir von Eisermann gegebene Handhabe – die
Attacke gegen den Kommunismus – an, um so mehr, als Grün in einem fort
intrigierte, auf den Ateliers herumlief, Sonntags die Leute zu sich
zitierte usw. usw., und den Sonntag nach obiger Sitzung selbst die
grenzenlose Dummheit beging, vor acht bis zehn Straubingern den
Kommunismus zu attackieren. Ich erklärte also, ehe ich mich auf eine
Diskussion einließe, müsse abgestimmt werden, ob wir hier _qua_
Kommunisten zusammenkämen oder nicht. Im ersten Falle müsse Sorge
getragen werden, daß Angriffe auf den Kommunismus, wie die von
Eisermann, nicht mehr vorkämen, im anderen Falle, wenn sie bloß
beliebige Individuen seien, die hier über dies und jenes Beliebige
diskutierten, könnten sie mir gestohlen werden und würde ich nicht
wiederkommen. Dies erregte großes Entsetzen bei den Grünianern, sie
seien hier „für das Wohl der Menschheit“ zusammen, um sich aufzuklären,
Männer des Fortschritts und nicht einseitige Systemfänger usw. usw., und
solche Biedermänner könne man doch unmöglich „beliebige Menschen“
nennen. Übrigens _müßten sie erst wissen_, was Kommunismus eigentlich
sei (sie, die sich seit Jahren Kommunisten genannt haben und bloß durch
die Furcht vor Grün und Eisermann abspenstig wurden, nachdem diese sich
unter dem Vorwand des Kommunismus bei ihnen eingeschlichen hatten!). Ich
ließ mich natürlich nicht durch ihre liebevolle Bitte fangen, ihnen, den
Unwissenden, in zwei bis drei Worten zu sagen, was Kommunismus sei. Ich
gab ihnen eine höchst simple Definition, die gerade so weit ging wie die
vorliegenden strittigen Punkte, die die Friedlichkeit, die Zartheit und
Rücksicht gegen die Bourgeois respektive das Straubingertum und endlich
die Proudhonsche Aktiengesellschaft nebst beibehaltenem individuellen
_Besitz_, und was sich daran knüpft, durch Behauptung der
Gütergemeinschaft _ausschloß_, und im übrigen nichts enthielt, was Anlaß
zu Abschweifungen und Umgehung der vorgeschlagenen Abstimmung geben
könnte. Ich definierte also die Absichten der Kommunisten dahin: 1. die
Interessen der Proletarier im Gegensatz zu denen der Bourgeois
durchzusetzen; 2. dies durch Aufhebung des Privateigentums und Ersetzung
desselben durch die Gütergemeinschaft zu tun; 3. kein anderes Mittel zur
Durchführung dieser Absichten anzuerkennen als die gewaltsame,
demokratische Revolution. Hierüber zwei Abende diskutiert. Am zweiten
ging der beste der drei Grünianer, die Stimmung der Majorität merkend,
vollständig zu mir über. Die anderen beiden widersprachen sich
fortwährend einer dem anderen, ohne es zu merken. Mehrere Grünianer, die
noch nie gesprochen, taten auf einmal das Maul auf und erklärten sich
ganz entschieden für mich. Bisher hatte dies nur Junge getan. Einige
dieser _homines novi_[1] sprachen, obwohl zitternd vor Todesangst,
stecken zu bleiben, ganz nett und scheinen überhaupt ganz gesunden
Verstand zu haben. Kurz, als es zur Abstimmung kam, wurde die
Versammlung für eine kommunistische im Sinne der obigen Definition
erklärt, von 13 Stimmen gegen die beiden der zwei treu gebliebenen
Grünianer, von denen einer auch nachträglich erklärt hat, daß er die
größte Begierde habe, sich zu bekehren.
Hiermit ist endlich einmal _Tabula rasa_ gemacht und man kann jetzt
anfangen, etwas aus den Kerls zu machen, soweit dies geht. Grün, der
sich aus seiner Geldgeschichte leicht herausreißen konnte, weil die
Hauptgläubiger eben selbige Grünianer waren, seine Hauptanhänger, ist
jetzt bei der Majorität und einem Teile seiner Anhänger selbst sehr
herunter und trotz aller Intrigen und Experimente (zum Beispiel in der
Mütze auf die Barriereversammlungen gehen usw. usw.) mit seiner
Proudhonschen Sozietät glänzend durchgefallen. Wäre ich nicht da
gewesen, so hätte sich unser Freund Ewerbeck allerdings _tête
baissée_[2] dahinein gegeben.
Was der Grün für ein schönes Stratagem hatte! An der Intelligenz seiner
Kerls verzweifelnd, repetiert er ihnen seine Geschichten so oft vor, bis
sie sie auswendig können. Nach jeder Sitzung – es war natürlich nichts
leichter, als so eine Opposition zum Schweigen zu bringen – lief die
ganze geschlagene Bande zu Grün, erzählten, was ich gesagt hatte –
natürlich alles entstellt –, und ließen sich wieder wappnen. Wenn sie
dann das Maul auftaten und zwei Worte gesagt, so wußte man jedesmal den
ganzen Satz vorher. Natürlich nahm ich mich bei dieser Zwischenträgerei
sehr in acht, den Leuten irgend etwas Allgemeines zu sagen, was Herrn
Grün zu neuen Ausschmückungen seines wahren Sozialismus dienen könnte;
dennoch aber hat er neulich in der Kölner mit diversen Entstellungen bei
Gelegenheit der Genfer Revolution Sachen exploitiert, die ich den
Straubingern sagte, während er ihnen hier das Gegenteil einpaukte. Er
treibt jetzt Nationalökonomie, der Brave.
Das Buch von Proudhon werdet Ihr angezeigt gesehen haben. Ich werde es
dieser Tage bekommen, es kostet 15 Franken, man kann es nicht kaufen,
das ist zu teuer.
Das obige Publikum, vor dem die Geschichte aufgeführt worden, besteht
aus zirka zwanzig Schreinern, die sonst nur auf der Barriere noch mit
allerlei Volks sich versammeln, außer einem Sängerklub keine
geschlossene Verbindung, sonst aber teilweise Rudera [Reste] des Bundes
der Gerechtigkeit sind. Könnte man sich öffentlich versammeln, so würden
wir bald über hundert Kerls aus den Schreinern allein haben. Von den
Schneidern kenne ich nur einige, die auch in die Schreinerversammlungen
kommen. Von Schmieden und Gerbern ist in ganz Paris nichts zu erfahren.
Kein Mensch weiß was von ihnen.
Kriege hat dieser Tage seinen Bericht als Mann der Gerechtigkeit an die
„Halle“ (Zentralverwaltung) abgestattet. Natürlich habe ich das
Sendschreiben gelesen, da dies aber Eidesverletzung war, worauf
Todesstrafe, Dolch, Strang und Gift stehen, so müßt Ihr das nirgends
hinschreiben. Der Brief beweist, gerade wie seine Replik auf unseren
Angriff, daß dieser Angriff ihm sehr genützt hat und er sich jetzt doch
mehr um die Dinge dieser Welt kümmert. Er gab eine lange Erzählung ihrer
Schwierigkeiten. Der erste Abschnitt dieser amerikanischen
Straubingergeschichte enthielt ihr Pech – offenbar stand Kriege an der
Spitze und betrieb die Geldgeschichten vom Standpunkt des
weltumfassenden Herzens aus. Der „Tribun“ wurde verschenkt, nicht
verkauft, Liebesgaben bildeten den Fonds, kurz, man wollte Kapitel 3 bis
6 der Apostelgeschichte wieder aufführen, Ananias und Sapphira fehlten
auch nicht, und zum Schlusse fand man sich voller Schulden. Die zweite
Periode, wo Kriege zum bloßen „Registrator“ wird und andere Kerle an die
Verwaltung der Geldgeschäfte getreten zu sein scheinen, die des
Aufkommens. Statt an die volle Brust der Menschen zu appellieren, wurde
jetzt an ihre tanzlustigen Beine und überhaupt an die unkommunistischen
Seiten appelliert, und man fand zu seinem Erstaunen, daß durch Bälle,
Landpartien usw. das nötige Geld vollständig aufzubringen sei, und daß
auch die Schlechtigkeit der Menschen für den Kommunismus exploitiert
werden könne. Jetzt seien sie vollständig pekuniär auf dem Strumpf.
Unter den „Hindernissen“, die sie zu überwinden hatten, zählte der
tapfere Tecklenburger auch die allseitigen Verleumdungen und
Verdächtigungen auf, die sie, unter anderem „zuletzt noch von den
‚kommunistischen‘ Philosophen in Brüssel“, zu erdulden hätten. Im
übrigen schwatzt er einiges triviale Zeug gegen die Kolonien, empfiehlt
ihnen (das heißt seinen entschiedensten Feinden) den „Bruder Weitling“,
hält sich aber im ganzen ziemlich irdisch, wenn auch etwas gesalbt, und
nur von Zeit zu Zeit so etwas Gestöhn von Brüderlichkeit usw.
Habt Ihr dort die Réforme? Wenn Ihr sie nicht habt, schreibt es mir, ich
werde Euch dann berichten, wenn was Besonderes drin steht. Seit vier
Tagen reitet sie auf dem National herum wegen seines _refus_, einer
Petition, die wegen Wahlreform hier zirkuliert, seine unbedingte
Adhäsion zu geben. Dies geschehe, behauptet sie, aus bloßer Hinneigung
für [zu] Thiers. Vor einiger Zeit zirkulierte sie, Bastide und Thomas
seien vom National ausgetreten, Marrast sei allein geblieben, und dieser
habe mit Thiers Allianz gemacht. Der National widerrief. Veränderungen
in seiner Redaktion sind allerdings vorgegangen, Genaueres weiß ich
nicht; daß er seit einem Jahre besonders günstig für Thiers ist, ist
bekannt; die Réforme setzt ihm nun auseinander, wie sehr er sich durch
diese Hinneigung in Blamagen verritten hat. Übrigens hat der National,
aus bloßer Opposition gegen die Réforme, in der letzten Zeit einige
Dummheiten gemacht, so die von der Réforme zuerst erzählte
portugiesische Konterrevolution aus bloßer Malice geleugnet, bis er
nicht mehr konnte usw. Die Réforme plagt sich jetzt, eine ebenso
brillante Polemik zu führen wie der National, aber es geht nicht. –
Nachdem ich bis hierher geschrieben, ging ich noch zu den Straubingern,
wo sich folgendes herausstellte. Der Grün, zu ohnmächtig, mir irgendwie
Schaden anzutun, läßt mich jetzt auf der Barriere denunzieren. Der
Eisermann attackiert in der öffentlichen und von Mouchards besuchten
Barriereversammlung den Kommunismus, wo ihm natürlich keiner antworten
kann, ohne sich der Gefahr des Geschaßtwerdens auszusetzen. Der Junge
hat ihm sehr wütend geantwortet, ist aber von uns gestern verwarnt.
Darauf hat der Eisermann den Junge für das Sprachrohr eines Dritten
erklärt (der natürlich ich bin), und der plötzlich wie eine Bombe unter
die Leute gefahren sei, und er wisse wohl, wie da die Leute zu den
Barrierediskussionen eingepaukt würden usw. usw. Kurz, er schwatzte da
Dinge aus, die einer _vollständigen Denunziation_ bei der Polizei
gleichkommen, denn der Wirt, bei dem die Geschichte sich zutrug, sagte
noch vor vier Wochen: _il y a toujours des mouchards parmi vous_[3], und
der Polizeikommissar war zu jener Zeit auch einmal da. Den Junge griff
er geradezu als „Revolutionär“ an. Herr Grün war während der ganzen Zeit
gegenwärtig und paukte dem Eisermann ein, was er zu sagen habe. Diese
Gemeinheit übersteigt doch alles. Der Grün ist mir, wie ich die Sachen
kenne, vollständig verantwortlich für alles, was der Eisermann sagt.
Dagegen ist nun platterdings nichts zu machen. Der Schafskopf Eisermann
kann auf der Barriere nicht attackiert werden, weil man da die
Wochenversammlung nochmals denunzieren würde, der Grün ist zu feig, in
eigenem Namen _selbst_ etwas zu tun. Das einzige, was man tun kann, ist,
auf der Barriere die Leute erklären zu lassen, über Kommunismus
diskutierten sie nicht, weil das die ganze Versammlung bei der Polizei
gefährden könne.
Schreibt endlich einmal.
Euer E.
----------
[1] Neulinge.
[2] Mit gesenktem Kopf.
[3] Ihr habt stets unter euch Spitzel.
12
[Undatiert.] 23 Rue de Lille, Faubourg St. Germain, [Sommer 1846.]
Lieber Marx!
Ich habe mich endlich nach langem Widerstreben darangemacht, das Zeug
von Feuerbach durchzulesen, und finde, daß wir in unserer Kritik darauf
nicht eingehen können. Weshalb, wirst Du sehen, nachdem ich Dir den
Hauptinhalt mitgeteilt.
Das Wesen der Religion, Epigonen, 1. Band, Seite 117 bis 178. – „Das
_Abhängigkeitsgefühl_ des Menschen ist der Grund der Religion“, Seite
117. Da der Mensch zuerst von der Natur abhängig, so „ist die Natur der
erste ursprüngliche Gegenstand der Religion“, Seite 118. („Natur ist ein
allgemeines Wort zur Bezeichnung der Wesen, Dinge usw. usw., die der
Mensch von _sich und seinen Produkten_ unterscheidet.“)
Die ersten religiösen Äußerungen sind Feste, in denen Naturprozesse,
Wechsel der Jahreszeiten usw. usw. dargestellt. Die speziellen
Naturverhältnisse und Produkte, in deren Umgebung ein Stamm oder Volk
lebt, gehen in deren Religion über. – Der Mensch wurde in seiner
Entwicklung von anderen Wesen unterstützt, die aber nicht Wesen
_höherer_ Art, Engel waren, sondern Wesen niederer Art, _Tiere_. Daher
Tierkultus (folgt eine Apologie der Heiden gegen die Angriffe der Juden
und Christen, trivial). Die Natur bleibt fortwährend, auch bei den
Christen, der verborgene Hintergrund der Religion. Die den Unterschied
Gottes vom Menschen begründenden Eigenschaften sind Eigenschaften der
Natur (ursprünglich, der Grundlage nach). So Allmacht, Ewigkeit,
Universalität usw. usw. Der wirkliche Inhalt Gottes ist nur die Natur;
das heißt insofern Gott nur als Urheber, nicht als politischer und
moralischer Gesetzgeber vorgestellt wird. – Polemik gegen die Schöpfung
der Natur durch ein verständiges Wesen, gegen die Schöpfung aus Nichts
usw. – meist „vermenschlichter“, das heißt in gemütliches,
„Bürgerherzen“ ergreifendes Deutsch übersetzter _materialismus
vulgaris_[1]. – Die Natur in der Naturreligion ist nicht Gegenstand als
Natur, sondern „als persönliches, lebendiges, empfindendes Wesen ... als
Gemütswesen, das ist subjektives, menschliches Wesen“, Seite 138. Daher
betet man sie an, sucht sie durch menschliche Beweggründe usw. usw. zu
bestimmen. Dies kommt hauptsächlich daher, daß die Natur veränderlich
ist. „Das Gefühl der Abhängigkeit von der Natur in Verbindung mit der
Vorstellung der Natur als eines willkürlich tätigen, persönlichen Wesens
ist der Grund des Opfers, des wesentlichsten Aktes der Naturreligion,“
Seite 140. Da aber der Zweck des Opfers ein „_selbstsüchtiger_“ ist, so
ist der Mensch doch das _Endziel_ der Religion, die Gottheit des
Menschen ihr Endzweck. – Folgen triviale Glossen und feierliche
Auseinandersetzungen darüber, daß rohes Volk, das noch Naturreligion
hat, auch Dinge zu Göttern macht, die ihm unangenehm sind, Pest, Fieber
usw. „So wie der Mensch aus einem nur physikalischen Wesen ein
_politisches_, überhaupt von der Natur sich unterscheidendes und sich
auf sich selbst konzentrierendes Wesen (!!!) wird, so wird auch sein
Gott zu einem politischen, von der Natur unterschiedenen Wesen.
„*Daher*“ kommt „der Mensch zur Unterscheidung seines Wesens von der
Natur und folglich zu einem von der Natur unterschiedenen Gott zunächst
nur durch seine Vereinigung mit anderen Menschen zu einem _Gemeinwesen_,
wo ihm von der Natur unterschiedene, *nur in Gedanken oder in der
Vorstellung existierende Mächte* (!!!) die Macht des Gesetzes, der
Meinung, der Ehre, der Tugend Gegenstand seines Abhängigkeitsgefühls ...
wird.“ (Dieser scheußlich stilisierte Satz steht Seite 149.) Die
Naturmacht, die Macht über Leben und Tod, wird herabgesetzt zu einem
Attribut und Werkzeug der politischen und moralischen Macht. Intermezzo
Seite 151 über Orientalen-Konservative und Okzidentalen-Progressisten.
„Im Orient _vergißt_ der Mensch _nicht_ über den Menschen die Natur ....
Der König selbst ist ihm nicht als ein irdisches, sondern als ein
himmlisches, göttliches Wesen Gegenstand. Neben einem Gotte aber
verschwindet der Mensch, erst wo die Erde sich entgöttert ... erst da
haben die Menschen Raum und Platz für sich.“ (Schöne Erklärung, weshalb
die Orientalen stabil. Wegen der vielen Götzenbilder, die den Raum
wegnehmen.) Der Orientale verhält sich zum Okzidentalen wie der Landmann
zum Städter, jener ist abhängig von der _Natur_, dieser vom _Menschen_
usw. usw., „nur die Städter machen darum Geschichte“ (hier der einzige
leise, aber etwas übelriechende Anhauch von Materialismus). „Nur wer die
Macht der _Natur_ der Macht der _Meinung_, sein _Leben_ seinem _Namen_,
seine Existenz im _Leibe_ seiner Existenz im Munde und Sinne der
Nachwelt aufzuopfern vermag, nur der ist fähig zu geschichtlichen
Taten.“ _Voilà._[2] Alles, was nicht Natur ist, ist Vorstellung,
Meinung, Flause. Daher ist auch „nur die menschliche ‚_Eitelkeit_‘ das
Prinzip der Geschichte“! – Seite 152: „Sowie der Mensch zum Bewußtsein
kommt, daß ... Laster und Torheit Unglück usw. usw., Tugend und Weisheit
dagegen ... Glück zur Folge haben, folglich die _das Schicksal der
Menschen bestimmenden Mächte_ Verstand und Wille sind ... so ist ihm
auch die Natur ein von Verstand und Wille abhängiges Wesen.“ (Übergang
zum Monotheismus – Feuerbach teilt das obige illusorische „Bewußtsein“
von der Macht des Verstandes und Willens.) Mit der Herrschaft von
Verstand und Willen über die Welt kommt dann der Supernaturalismus, die
Schöpfung aus Nichts, und der Monotheismus, der noch speziell aus der
„Einheit des menschlichen Bewußtseins“ erklärt wird. Daß der Eine Gott
ohne den _Einen König_ nie zustande gekommen wäre, die Einheit des die
vielen Naturerscheinungen kontrollierenden, die widerstreitenden
Naturkräfte zusammenhaltenden Gottes nur das Abbild des Einen, die
widerstreitenden, in ihren Interessen kollidierenden Individuen
scheinbar oder wirklich zusammenhaltenden orientalischen Despoten ist,
hat Feuerbach für überflüssig gehalten zu sagen. – Langer Kohl gegen die
Teleologie, Kopie der alten Materialisten. Dabei begeht Feuerbach
denselben Schnitzer gegenüber der wirklichen Welt, den er den Theologen
vorwirft, gegen die Natur zu begehen. Er reißt schlechte Witze darüber,
daß die Theologen behaupten, ohne Gott müsse sich die Natur in Anarchie
auflösen (das heißt ohne den Glauben an Gott fiele sie in Fetzen),
Gottes _Wille, Verstand, Meinung_ sei das Band der Welt; und er selbst
glaubt ja, die _Meinung_, die Furcht vor der öffentlichen _Meinung_, vor
_Gesetzen_ und anderen _Ideen_ hielte jetzt die Welt zusammen. – Bei
einem Argument gegen die Teleologie tritt Feuerbach ganz als _laudator
temporis praesentis_[3] auf. Die enorme Sterblichkeit der Kinder in den
ersten Lebensjahren kommt daher, weil „die _Natur_ bei ihrem Reichtum
ohne Bedenken Tausende der einzelnen Glieder aufopfert; es ist eine
Folge natürlicher Ursachen, daß ... zum Beispiel im ersten Jahre ein
Kind von drei bis vier, im fünften _eins_ von fünfundzwanzig usw. usw.
stirbt“.
Mit Ausnahme der wenigen, hier spezifizierten Sätze ist nichts zu
bemerken. Über die geschichtliche Entwicklung der verschiedenen
Religionen erfährt man nichts. Höchstens werden Beispiele aus ihnen
zu[ge-]geben, um die obigen Trivialitäten zu beweisen. Die Hauptmasse
des Artikels besteht aus Polemik gegen Gott und die Christen, ganz in
der Weise, wie er’s bisher gemacht, nur daß jetzt, wo er sich erschöpft
hat, trotz aller Wiederholungen des alten Kohls die Abhängigkeit von den
Materialisten viel frecher hervortritt. Wenn man über die Trivialitäten
über Naturreligion, Polytheismus, Monotheismus etwas sagen wollte, müßte
man die wirkliche Entwicklung dieser Religionsformen dagegenstellen,
wozu man sie erst studieren müßte. Das geht uns aber für unsere Arbeit
ebensowenig an, wie seine Erklärung des Christentums. Für Feuerbachs
positiv-philosophischen Standpunkt gibt der Aufsatz nichts Neues. Die
paar zu kritisierenden Sätze, die ich oben exzerpiert habe, bestätigen
nur, was wir schon gesagt haben. Sieh doch, wenn Dich Feuerbach weiter
interessiert, daß Du von Kießling direkt oder indirekt den ersten Band
seiner gesammelten Werke einmal in die Finger bekommst, da hat er noch
eine Art Vorwort geschrieben, worin noch was sein könnte. Ich habe
Auszüge gesehen, wo Feuerbach von „Übeln des Kopfes“ und, „Übeln des
Magens“ spricht, so eine schwache Art Apologie, warum er nicht sich um
wirkliche Interessen bekümmert. Gerade wie er mir vor anderthalb Jahren
schrieb. –
Eben erhalte ich Deinen Brief, der wegen meines Wohnungswechsels ein
paar Tage in der alten Wohnung liegen blieb. Die Versuche mit den
Schweizer Buchhändlern werde ich machen. Ich glaube aber schwerlich, daß
ich unterkomme. Die Kerls haben alle kein Geld, um fünfzig Bogen zu
drucken. Ich bin der Ansicht, daß wir nichts gedruckt kriegen, wenn wir
die Sachen nicht _trennen_ und die Bände einzeln unterzubringen suchen.
Zuerst die philosophische Geschichte, die pressiert am meisten, und dann
das andere. Fünfzig Bogen auf einmal ist so gefährlich groß, daß viele
Buchhändler es schon deswegen nicht nehmen, weil sie es nicht können. Da
war ja auch noch der Bremer Küttmann oder wie er hieß, den uns Moses und
Weitling abspenstig machten; er wollte verbietenswürdige Bücher drucken,
aber nicht viel bezahlen; wir können uns mit diesem Manuskript an ihn
wenden, ganz gut. Was meinst Du, wenn man die Geschichte teilte, und dem
einen den ersten, dem anderen den zweiten Band anböte? Der Vogler weiß
die Adresse des Küttmann in Bremen. Der List ist so gut wie fertig.
Die Geschichten im Volkstribunen habe ich gesehen, vor ungefähr drei
Wochen. Mir ist so was lächerlich Dummes noch nicht vorgekommen. Die
Infamie des Bruder Weitling erreicht ihre Spitze in diesem Briefe an
Kriege. Was übrigens das Detail angeht, so ist es mir nicht mehr
erinnerlich genug, um darüber etwas sagen zu können. Ich bin aber
ebenfalls der Meinung, daß man sowohl auf Krieges wie der Straubinger
Proklamation repliziert, sie mit der Nase draufstößt, wie sie leugnen
gesagt zu haben, was wir ihnen vorwerfen, während sie zugleich dieselben
geleugneten Dummheiten wieder in ihrer Antwort proklamieren, und daß
namentlich der Kriege mit seinem hochmoralischen Pathos und seiner
Entrüstung über unseren Spott gehörig was aufs Dach kriegt. Da die
Nummern eben jetzt unter den hiesigen Straubingern zirkulieren, so kann
ich sie mir nicht verschaffen, ohne vier bis fünf Tage warten zu müssen.
Die hiesigen Straubinger bellen fürchterlich gegen mich. Namentlich drei
bis vier „gebildete“ Arbeiter, die Ewerbeck und Grün in die Geheimnisse
des wahren Menschentums eingeweiht. Aber ich bin vermöge einiger Geduld
und etwas Terrorismus durchgedrungen, die große Menge geht mit mir. Der
Grün hat sich vom Konnex losgesagt, und diese „Gebildeten“ hatten große
Lust, mitzugehen. Da habe ich gerade durchgehauen, den alten Eisermann
so eingeschüchtert, daß er nicht mehr kommt, und den _Komm[unismus]_
oder _Nicht-Komm[unismus]_ kontradiktorisch diskutieren lassen. Heute
abend wird abgestimmt, ob die Versammlung kommunistisch ist oder, wie
die Gebildeten sagen, „für das Wohl der Menschheit“. Die Majorität ist
mir sicher. Ich habe erklärt, wenn sie nicht _Komm[unisten]_ wären,
könnten sie mir gestohlen werden, da käme ich nicht mehr. Heute abend
werden die Schüler Grüns definitiv gestürzt, und dann werde ich ganz aus
dem Rohen anzufangen haben. – Von den Forderungen, die diese jebildeten
Straubinger an mich machten, hast Du gar keine Vorstellung. „Milde“,
„Sanftmut“, „warme Brüderlichkeit“. Ich habe sie aber gehörig gerüffelt,
jeden Abend brachte ich ihre ganze Opposition von fünf, sechs, sieben
Kerls (denn im Anfang hatte ich die ganze Butike gegen mich) zum
Schweigen. Nächstens mehr über die Historie, die allerlei Lichter auf
Herrn Grün wirft.
Proudhon soll in vierzehn Tagen nach hier kommen. Das wird schön werden.
Hier ist so was im Werke von einer Zeitschrift. Das Zigarrenmännlein
Mäurer behauptet, Geld dazu bekommen zu können. Ich glaube dem Kerl aber
nicht, bis das Geld da ist. Wird was daraus, so ist schon alles so
eingerichtet, daß das Ding _uns_ ganz in die Hände kommt. Mäurer, dem
ostensiblen Redakteur, habe ich das Recht gelassen, seinen eigenen
Unsinn drin zu drucken, das ging nicht anders. Alles übrige geht durch
meine Hände, ich habe absolutes Veto. Was ich schreibe, natürlich
pseudonym oder anonym. Jedenfalls wird das Ding, wenn es zustande kommt,
weder dem Heß, noch dem Grün, noch sonst einer wüsten Richtung in die
Hände geraten. Es wäre ganz gut, um etwas zu _fegen_. Sprich aber
niemanden davon, ehe es zustande ist, es muß sich noch diese Woche
entscheiden.
Lebe wohl und schreibe bald.