1844
1
[Barmen], Ende September 1844.
Lieber Marx!
Du wirst Dich wundern, daß ich nicht früher schon Nachricht von mir gab,
und Du hast ein Recht dazu; indes kann ich Dir auch jetzt noch nichts
wegen meiner Rückkehr dorthin sagen. Ich sitze jetzt hier seit drei
Wochen in Barmen und amüsiere mich so gut es geht mit wenig Freunden und
viel Familie, unter der sich glücklicherweise ein halbes Dutzend
liebenswürdiger Weiber befinden. An Arbeiten ist hier nicht zu denken,
um so weniger, als meine Schwester sich mit dem Londoner Kommunisten
Emil Blank, den Ewerbeck kennt, verlobt hat und jetzt natürlich ein
verfluchtes Rennen und Laufen im Hause ist. Übrigens sehe ich wohl, daß
meiner Rückkehr nach Paris noch bedeutende Schwierigkeiten werden in den
Weg gelegt werden, und daß ich wohl werde auf ein halbes oder ganzes
Jahr mich in Deutschland herumtreiben müssen. Ich werde natürlich alles
aufbieten, um dies zu vermeiden, aber Du glaubst nicht, was für
kleinliche Rücksichten und abergläubische Befürchtungen mir
entgegengestellt werden.
Ich war in Köln drei Tage und erstaunte über die ungeheure Propaganda,
die wir dort gemacht haben. Die Leute sind sehr tätig, aber der Mangel
an einem gehörigen Rückhalt ist doch sehr fühlbar. Solange nicht die
Prinzipien logisch und historisch aus der bisherigen Anschauungsweise
und der bisherigen Geschichte und als die notwendige Fortsetzung
derselben in ein paar Schriften entwickelt sind, so lange ist es doch
alles noch halbes Dösen und bei den meisten blindes Umhertappen. Später
war ich in Düsseldorf, wo wir auch einige tüchtige Kerls haben. Am
besten gefallen mir übrigens noch meine Elberfelder, bei denen die
menschliche Anschauungsweise wirklich in Fleisch und Blut übergegangen
ist; diese Kerls haben wirklich angefangen, ihre Familien wirtschaftlich
zu revolutionieren, und lesen ihren Alten jedesmal den Text, wenn sie
sich unterfangen, die Dienstboten oder Arbeiter aristokratisch zu
behandeln. Und so was ist schon viel in dem patriarchalischen Elberfeld.
Außer dieser einen Clique existiert aber auch noch eine zweite in
Elberfeld, die auch sehr gut, aber etwas konfuser ist. In Barmen ist der
Polizeikommissär Kommunist. Vorgestern war ein alter Schulkamerad und
Gymnasiallehrer bei mir, der auch stark angesteckt ist, und [dies] ohne
daß er irgendwie mit Kommunisten in Berührung gekommen wäre. Könnten wir
unmittelbar aufs Volk wirken, so wären wir bald obendrauf, aber das ist
so gut wie unmöglich, besonders da wir Schreibenden uns still halten
müssen, um nicht gefaßt zu werden. Im übrigen ist es hier sehr sicher,
man kümmert sich wenig um uns, solange wir still sind. Ich bin hier noch
nicht im allergeringsten molestiert worden, und bloß der Oberprokurator
hat sich einmal bei einem unserer Leute angelegentlich nach mir
erkundigt. Das ist alles, was mir bis jetzt zu Ohren gekommen ist.
Hier hat in der Zeitung gestanden, der Bernays sei dort von der hiesigen
Regierung belangt worden und vor Gericht gewesen. Schreibe mir doch, ob
das wahr ist, und auch was die Broschüre macht, sie wird jetzt doch wohl
fertig sein. Von den Bauers hört man hier nichts, kein Mensch weiß was
von ihnen. Dagegen um die Jahrbücher reißt man sich bis auf die heutige
Stunde. Mein Artikel über Carlyle hat mir bei der „Masse“ ein enormes
Renommee verschafft, lächerlicherweise, während den über Ökonomie nur
sehr wenige gelesen haben. Das ist natürlich.
Auch in Elberfeld haben die Herren Pastoren ... gegen uns gepredigt,
vorläufig bloß gegen den Atheismus der jungen Leute, indes hoffe ich,
daß bald auch eine Philippika gegen den Kommunismus folgen werde.
Vorigen Sommer sprach ganz Elberfeld bloß von diesen gottlosen Kerls.
Überhaupt ist hier eine merkwürdige Bewegung. Seit ich fort war, hat das
Wuppertal einen größeren Fortschritt in jeder Beziehung gemacht als in
den letzten fünfzig Jahren. Der soziale Ton ist zivilisierter geworden,
die Teilnahme an der Politik, die Oppositionsmacherei ist allgemein, die
Industrie hat rasende Fortschritte gemacht, neue Stadtviertel sind
gebaut, ganze Wälder ausgerottet worden, und das ganze Ding steht jetzt
doch eher über als unter dem Niveau der deutschen Zivilisation, während
es noch vor vier Jahren tief darunter stand – kurz, hier bereitet sich
ein prächtiger Boden für unser Prinzip vor, und wenn wir erst unsere
wilden, heißblütigen Färber und Bleicher in Bewegung setzen können, so
sollst Du Dich über das Wuppertal noch wundern. Die Arbeiter sind so
schon seit ein paar Jahren auf der letzten Stufe der alten Zivilisation
angekommen, sie protestieren durch eine reißende Zunahme von Verbrechen,
Räubereien und Morden gegen die alte soziale Organisation. Die Straßen
sind bei Abend sehr unsicher, die Bourgeoisie wird geprügelt, mit
Messern gestochen und beraubt; und wenn die hiesigen Proletarier sich
nach demselben Gesetz entwickeln wie die englischen, so werden sie bald
einsehen, daß diese Manier, als _Individuen_ gewaltsam gegen die soziale
Ordnung zu protestieren, nutzlos ist, und als _Menschen_ in ihrer
allgemeinen Kapazität durch den Kommunismus protestieren. Wenn man den
Kerls nur den Weg zeigen könnte! Aber das ist unmöglich.
Mein Bruder ist jetzt Soldat in Köln und wird, solange er unverdächtig
bleibt, eine gute Adresse sein, um Briefe für H[eß] und Komp.
einzuschicken. Einstweilen weiß ich indes seine Adresse selbst noch
nicht genau und kann sie Dir auch nicht angeben. –
Seit ich das Vorstehende schrieb, war ich in Elberfeld und bin wieder
auf ein paar mir früher total unbekannte Kommunisten gestoßen. Man mag
sich hindrehen und hinwenden, wohin man will, man stolpert über
Kommunisten. Ein sehr wütender Kommunist, Karikaturen- und angehender
Geschichtsmaler namens Seel geht in zwei Monaten nach Paris, ich werde
ihn an Euch adressieren, der Kerl wird Euch durch sein enthusiastisches
Wesen, seine Malerei und Musikliebhaberei gefallen und ist sehr gut zu
gebrauchen als Karikaturenmacher. Vielleicht bin ich dann selbst schon
da, das ist aber noch sehr zweifelhaft.
Der Vorwärts kommt in ein paar Exemplaren her, ich habe dafür gesorgt,
daß andere bestellen werden; lasse die Expedition Probeexemplare
schicken nach Elberfeld an Richard Roth, Wilhelm Blank-Hauptmann
_junior_, J. W. Strücker, bayerisch Bierwirt Meyer in der Funkenstraße
(Kommunistenkneipe), und zwar alle durch den kommunistischen Buchhändler
Bädeker daselbst und kuvertiert. Wenn die Kerls erst sehen, daß
Exemplare herüberkommen, so werden sie auch bestellen. Nach Düsseldorf
an Dr. med. W. Müller, nach Köln meinetwegen an Dr. med. D’Ester,
Bierwirt Löllchen, an Deinen Schwager und Ko. Alles natürlich per
Buchhandel und kuvertiert.
Nun sorge dafür, daß die Materialien, die Du gesammelt hast, bald in die
Welt hinausgeschleudert werden. Es ist verflucht hohe Zeit. Ich werde
mich auch tüchtig an die Arbeit setzen und gleich heute wieder anfangen.
Die Germanen sind alle noch sehr im unklaren wegen der praktischen
Ausführbarkeit des Kommunismus; um diese Lumperei zu beseitigen, werde
ich eine kleine Broschüre schreiben, daß die Sache schon ausgeführt ist,
und die in England und Amerika bestehende Praxis des Kommunismus populär
schildern. Das Ding kostet mich drei Tage oder so und muß die Kerls sehr
aufklären. Das habe ich schon in meinen Gesprächen mit den Hiesigen
gesehen.
Also tüchtig gearbeitet und rasch gedruckt. Grüße Ewerbeck, Bakunin,
Guerrier und die anderen, Deine Frau nicht zu vergessen, und schreibe
mir recht bald über alles. Schreibe, falls dieser Brief richtig und
uneröffnet ankommt, unter Kuvert an „J. W. Strücker und Ko., Elberfeld“,
mit möglichst kaufmännischer Handschrift auf der Adresse, sonst an
irgend eine andere Adresse, von denen, die ich Ewerbeck gab. Ich bin
begierig, ob die Posthunde sich durch das damenhafte Aussehen dieses
Briefes täuschen lassen werden.
Nun lebe wohl, lieber Kerl, und schreibe recht bald. Ich bin seitdem
doch nicht wieder so heiter und menschlich gestimmt gewesen, als ich die
zehn Tage war, die ich bei Dir zubrachte. Wegen des zu etablierenden
Etablissements hatte ich noch keine Gelegenheit, Schritte zu tun.
[Fr. Engels.]
2
[Fragment.]
Barmen, 19. November 1844.
Lieber Marx!
Ich habe vor etwa vierzehn Tagen ein paar Zeilen von Dir und Bernays
erhalten, datiert 8. Oktober, und mit Poststempel Brüssel, 27. Oktober.
Ungefähr um dieselbe Zeit, als Du das Billett schriebst, schickte ich
einen Brief für Dich, adressiert an Deine Frau, ab und hoffe, daß Du ihn
erhalten hast. Um in Zukunft sicher zu sein, daß mit unseren Briefen
kein Unterschleif getrieben wird, wollen wir sie numerieren, mein
jetziger ist also Nr. 2, und wenn Du schreibst, so zeige eben an, bis zu
welcher Nummer Du erhalten hast und ob einer in der Reihenfolge fehlt.
Ich war vor ein paar Tagen in Köln und Bonn. In Köln geht alles gut.
Grün wird Dir von der Tätigkeit der Leute erzählt haben. Heß gedenkt in
vierzehn Tagen bis drei Wochen auch dort hinzukommen, wenn er die
gehörigen Gelder dazu bekommt. Den Bürgers habt Ihr ja jetzt auch da,
und damit ein gehörig Konzilium. Um so weniger werdet Ihr mich nötig
haben und um so nötiger bin ich hier. Daß ich jetzt noch nicht kommen
kann, ist klar, weil ich mich sonst mit meiner ganzen Familie überwerfen
müßte. Zudem hab’ ich eine Liebesgeschichte, die ich auch erst ins reine
bringen muß. Und einer von uns muß jetzt doch hier sein, weil die Leute
alle nötig haben, gestachelt zu werden, um in der gehörigen Tätigkeit zu
bleiben und nicht auf allerhand Flausen und Abwege zu geraten. So ist
zum Beispiel Jung und eine Menge anderer nicht zu überreden, daß
zwischen uns und Ruge ein prinzipieller Unterschied obwaltet, und noch
immer der Meinung, es sei lediglich persönlicher Skandal. Wenn man ihnen
sagt, Ruge sei kein Kommunist, so glauben sie das nicht recht und
meinen, es sei immer schade, daß eine solche „literarische Autorität“
wie Ruge unbedachtsam weggeworfen sei! Was soll man da sagen? Man muß
warten, bis Ruge sich einmal wieder mit einer kolossalen Dummheit
losläßt, damit es den Leuten _ad oculos_ demonstriert werden kann. Ich
weiß nicht, es ist mit dem Jung doch nichts Rechtes, der Kerl hat nicht
Entschiedenheit genug.
Wir haben jetzt überall öffentliche Versammlungen, um Vereine zur Hebung
der Arbeiter zu stiften, das bringt famose Bewegung unter die Germanen
und lenkt die Aufmerksamkeit des Philistertums auf soziale Fragen. Man
beruft diese Versammlungen ohne weiteres, ohne die Polizei zu befragen.
In Köln haben wir die Hälfte des Komitees zur Statutenentwerfung mit
Unsrigen besetzt, in Elberfeld war wenigstens einer drin, und mit Hilfe
der Rationalisten brachten wir in zwei Versammlungen den Frommen eine
famose Schlappe bei; mit ungeheurer Majorität wurde alles Christliche
aus den Statuten verbannt. Ich hatte meinen Spaß daran, wie gründlich
lächerlich sich diese Rationalisten mit ihrem theoretischen Christentum
und praktischen Atheismus machten. Im Prinzip gaben sie der christlichen
Religion vollkommen recht, in der Praxis aber sollte das Christentum,
das nach ihrer eigenen Aussage doch die Basis des Vereins bilde, auch
mit keinem Worte in den Statuten erwähnt werden; die Statuten sollten
alles enthalten, nur nicht das Lebensprinzip des Vereins! Die Kerle
hielten sich aber so steif auf dieser lächerlichen Position, das ich gar
nicht nötig hatte, ein Wort zu sagen, und wir doch solche Statuten
bekamen, wie sie bei den bestehenden Verhältnissen nur zu wünschen sind.
Nächsten Sonntag ist wieder Versammlung, ich kann aber nicht beiwohnen,
weil ich morgen nach Westfalen gehe.
Ich sitze bis über die Ohren in englischen Zeitungen und Büchern
vergraben, aus denen ich mein Buch über die Lage der englischen
Proletarier zusammenstelle. Bis Mitte oder Ende Februar denke ich fertig
zu sein, da ich durch die schwierigste Arbeit, die Anordnung des
Materials, seit acht bis vierzehn Tagen durch bin. Ich werde den
Engländern ein schönes Sündenregister zusammenstellen; ich klage die
englische Bourgeoisie vor aller Welt des Mordes, Raubes und aller
übrigen Verbrechen in Masse an und schreibe eine englische Vorrede dazu,
die ich apart abziehen lassen und an die englischen Parteichefs,
Literaten und Parlamentsmitglieder einschicken werde. Die Kerls sollen
an mich denken. Übrigens versteht es sich, daß ich den Sack schlage und
den Esel meine, nämlich die deutsche Bourgeoisie, der ich deutlich genug
sage, sie sei ebenso schlimm wie die englische, nur nicht so couragiert,
so konsequent und so geschickt in der Schinderei. Sobald ich damit
fertig bin, geht’s an die soziale Entwicklungsgeschichte der Engländer,
die mir noch weniger Mühe kosten wird, weil ich das Material dazu fertig
und im Kopfe geordnet habe, und weil mir die Sache ganz klar ist. In der
Zwischenzeit schreibe ich wohl einige Broschüren, namentlich gegen
_List_, sobald ich Zeit habe.
Du wirst von dem Stirnerschen Buche „Der Einzige und sein Eigentum“
gehört haben, wenn es noch nicht da ist. Wigand schickte mir die
Aushängebogen, die ich mit nach Köln nahm und bei Heß ließ. Das Prinzip
des edlen Stirner – Du kennst den Berliner Schmidt, der in der Buhlschen
Sammlung über die _mystères_[1] schrieb – ist der Egoismus Benthams, nur
nach der einen Seite hin konsequenter, nach der anderen weniger
konsequent durchgeführt. Konsequenter, weil Stirner den einzelnen als
Atheist auch über Gott stellt oder vielmehr als Allerletztes hinstellt,
während Bentham den Gott noch in nebeliger Ferne darüber bestehen läßt,
kurz, weil Stirner auf den Schultern des deutschen Idealismus steht, in
Materialismus und Empirismus umgeschlagener Idealist, wo Bentham
einfacher Empiriker ist. Weniger konsequent ist Stirner, weil er die
Rekonstruierung der in Atome aufgelösten Gesellschaft, die Bentham
bewerkstelligt, vermeiden möchte, aber es doch nicht kann. Dieser
Egoismus ist nur das zum Bewußtsein gebrachte Wesen der jetzigen
Gesellschaft und des jetzigen Menschen, das letzte, was die jetzige
Gesellschaft gegen uns sagen kann, die Spitze aller Theorie innerhalb
der bestehenden Dummheit.
Darum ist das Ding aber wichtig, wichtiger als Heß zum Beispiel es dafür
ansieht. Wir müssen es nicht beiseite werfen, sondern eben als
vollkommenen Ausdruck der bestehenden Tollheit ausbeuten und, _indem wir
es umkehren_, darauf fortbauen. Dieser Egoismus ist so auf die Spitze
getrieben, so toll und zugleich so selbstbewußt, daß er in seiner
Einseitigkeit sich nicht einen Augenblick halten kann, sondern gleich in
Kommunismus umschlagen muß. Erstens ist es Kleinigkeit, dem Stirner zu
beweisen, daß seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter Egoismus
Kommunisten werden müssen. Das muß dem Kerl erwidert werden. Zweitens
muß ihm gesagt werden, daß das menschliche Herz von vornherein,
unmittelbar, in seinem Egoismus uneigennützig und aufopfernd ist, und er
also doch wieder auf das hinauskommt, wogegen er ankämpft. Mit diesen
paar Trivialitäten kann man die _Einseitigkeit_ zurückweisen. Aber was
an dem Prinzip wahr ist, müssen wir auch aufnehmen. Und wahr ist daran
allerdings das, daß wir erst eine Sache zu unserer eigenen, egoistischen
Sache machen müssen, ehe wir etwas dafür tun können – daß wir also in
diesem Sinne, auch abgesehen von etwaigen materiellen Hoffnungen, auch
aus Egoismus Kommunisten sind, aus Egoismus _Menschen_ sein wollen,
nicht bloße Individuen. Oder, um mich anders auszudrücken: Stirner hat
recht, wenn er „den Menschen“ Feuerbachs, wenigstens [den] des Wesens
des Christentums verwirft; der Feuerbachsche „Mensch“ ist von Gott
abgeleitet. Feuerbach ist von Gott auf den „Menschen“ gekommen, und so
ist „der Mensch“ allerdings noch mit einem theologischen Heiligenschein
der Abstraktion bekränzt. Der wahre Weg, zum „Menschen“ zu kommen, ist
der umgekehrte. Wir müssen vom Ich, vom empirischen, leibhaftigen
Individuum ausgehen, um nicht, wie Stirner, drin stecken zu bleiben,
sondern uns von da aus zu „dem Menschen“ zu erheben. „Der Mensch“ ist
immer eine Spukgestalt, solange er nicht an dem empirischen Menschen
seine Basis hat. Kurz, wir müssen vom Empirismus und Materialismus
ausgehen, wenn unsere Gedanken und namentlich unser „Mensch“ etwas
Wahres sein sollen; wir müssen das Allgemeine vom Einzelnen ableiten,
nicht aus sich selbst oder aus der Luft _à la_ Hegel.
Das sind alles Trivialitäten, die sich von selbst verstehen, die von
Feuerbach schon einzeln gesagt sind, und die ich nicht wiederholen
würde, wenn Heß nicht – wie mir scheint, aus alter idealistischer
Anhänglichkeit – den Empirismus, namentlich Feuerbachs und jetzt
Stirners, so scheußlich heruntermachte. Heß hat in vielem, was er über
Feuerbach sagt, recht, aber auf der anderen Seite scheint er noch einige
idealistische Flausen zu haben – wenn er auf theoretische Dinge zu
sprechen kommt, geht es immer in Kategorien voran, und daher kann er
auch nicht populär schreiben, weil er viel zu abstrakt ist. Daher haßt
er auch allen und jeden Egoismus und predigt Menschenliebe usw., was
wieder auf die christliche Aufopferung herauskommt. Wenn aber das
leibhaftige Individuum die wahre Basis, der wahre Ausgangspunkt ist für
unsere „Menschen“, so ist auch selbstredend der Egoismus – natürlich
nicht der Stirnersche Verstandesegoismus _allein_, sondern auch der
_Egoismus des Herzens_ – Ausgangspunkt für unsere Menschenliebe, sonst
schwebt sie in der Luft. Da Heß jetzt bald herüberkommt, so wirst Du
selbst mit ihm darüber sprechen können. Übrigens langweilt mich all dies
theoretische Geträtsch alle Tage mehr, und jedes Wort, das man noch über
„den Menschen“ verlieren, jede Zeile, die man gegen die Theologie und
Abstraktion wie gegen den krassen Materialismus schreiben oder lesen
muß, ärgert mich. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn man sich statt
all dieser Luftgebilde – denn selbst der noch nicht realisierte Mensch
bleibt bis zu seiner Realisierung ein solches – mit wirklichen,
lebendigen Dingen, mit historischen Entwicklungen und Resultaten
beschäftigt. Das ist wenigstens das Beste, solange wir noch allein auf
den Gebrauch der Schreibfeder angewiesen sind und unsere Gedanken nicht
unmittelbar mit den Händen oder, wenn es sein muß, mit den Fäusten
realisieren können.
Das Stirnersche Buch zeigt aber wieder, wie tief die Abstraktion in dem
Berliner Wesen steckt. Stirner hat offenbar von den Freien am meisten
Talent, Selbständigkeit und Fleiß, aber bei alledem purzelt er aus der
idealistischen in die materialistische Abstraktion und kommt zu nichts.
Wir hören von Fortschritten des Sozialismus in allen Teilen
Deutschlands, aber von Berlin keine Spur. Diese superklugen Berliner
werden sich noch eine _Démocratie pacifique_[2] auf der Hasenheide
etablieren, wenn ganz Deutschland das Eigentum abschafft – weiter
bringen es die Kerle gewiß nicht. Gib acht, nächstens steht in der
Uckermark ein neuer Messias auf, der Fourier nach Hegel
zurechtschustert, das Phalanstère aus den ewigen Kategorien konstruiert
und es als ein ewiges Gesetz der zu sich kommenden Idee hinstellt, daß
Kapital, Talent und Arbeit zu bestimmten Teilen am Ertrag partizipieren.
Das wird das Neue Testament der Hegelei werden, der alte Hegel wird
Altes Testament, der „Staat“ das Gesetz wird ein „Zuchtmeister auf
Christum“, und das Phalanstère, in dem die Abtritte nach logischer
Notwendigkeit placiert werden, das wird der „neue Himmel“ und die „neue
Erde“, das neue Jerusalem, das herabfährt vom Himmel, geschmückt wie
eine Braut, wie das alles des breiteren in der neuen Apokalypse zu lesen
sein wird. Und wenn das alles vollendet sein wird, dann kommt die
Kritische Kritik, erklärt, daß sie alles in allem ist, daß sie Kapital,
Talent und Arbeit in ihrem Kopfe vereinigt, daß alles, was produziert
sei, durch sie sei und nicht durch die ohnmächtige Masse – und nimmt
alles für sich in Beschlag. Das wird das Ende der Berliner Hegelschen
friedlichen Demokratie sein.
Wenn die Kritische Kritik fertig ist, so schicke mir ein paar Exemplare
kuvertiert und versiegelt auf dem Wege des Buchhandels zu – sie wer
[...] konfisziert werden. Für den Fall, daß Du meinen letzten Brief
nicht erhalten haben solltest, setze ich nochmals her, daß Du mir
entweder [...] für E. junior, Barmen, oder per Kuvert an F. W. Strücker
und Ko., Elberfeld, schreiben kannst. Dieser Brief geht Dir auf einem
Umweg zu.
Nun schreibe aber bald – es sind über zwei Monate, daß ich nichts von
Dir höre –, was macht der Vorwärts? Grüße die Leute alle.