1. Es gibt nur einen Mittelpunkt für die Gestirne und ihre Bahnen.

2. Der Erdmittelpunkt ist nicht auch der Mittelpunkt für die Welt,

sondern nur für die Mondbahn und für die Schwere.

3. Alle Planeten bewegen sich um die im Mittelpunkte ihrer Bahnen

stehende Sonne. In sie fällt also der Weltmittelpunkt.

4. Der Abstand Erde -- Sonne ist gegenüber dem Durchmesser des

Fixsternhimmels verschwindend klein.

5. Was als eine Bewegung am Himmel erscheint, leitet sich von einer

Bewegung der Erde her. Sie dreht sich nämlich täglich völlig um ihre

Axe. Dabei behalten ihre beiden Pole dauernd dieselbe Lage bei.

6. Was uns als eine Bewegung der Sonne erscheint, leitet sich auch

nicht von diesem Gestirn, sondern von der Erde und ihrer Bahn her, in

der sie sich um die Sonne ebenso bewegt, wie die übrigen Planeten es

tun.

7. Das Vorschreiten und Zurückbleiben der Planeten ist nicht ihre

eigene, sondern nur eine Folge der Erdbewegung.

Wie die ältere, so entsprach auch die neuere, von *Koppernikus*

entwickelte Theorie den Beobachtungen bei weitem nicht in dem Maße, als

ihr Begründer anfangs hoffen mochte. Es lag das daran, daß er gleich

den Alten daran festhielt, die Bewegung der Himmelskörper erfolge

gleichmäßig und im Kreise. *Aristoteles* hatte dies gelehrt. Für ihn

und alle, die sich nach ihm mit der Astronomie befaßten, *Koppernikus*

eingeschlossen, war dies ein von vornherein feststehender Satz. Die

Welt ist kugelförmig, die Erde ist gleichfalls kugelförmig, die

Bewegung der Himmelskörper erfolgt gleichmäßig, ununterbrochen und im

Kreise. So lauten die Überschriften der wichtigsten Abschnitte des

koppernikanischen Werkes. Und warum verhält es sich so? Weil Kreis

und Kugel die vollkommensten Formen sind und kein Grund für eine

ungleichförmige Bewegung vorliegt, lautet die Antwort. Auch *Kepler*

war, wie wir sehen werden, anfangs in dem erwähnten Vorurteil befangen.

Ihm gelang es aber, sich davon frei zu machen. Als er eingesehen,

daß die Beobachtungen sich mit den hergebrachten Anschauungen nicht

in Einklang bringen ließen, machte er die Annahme, daß sich die

Planeten nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen und daß ihre

Bewegung ungleichförmig sei. Jetzt waren alle Widersprüche, in denen

die heliozentrische Theorie sich den Beobachtungen gegenüber befand,

gelöst, und diese Theorie damit erst lebensfähig geworden. Was ihr

Begründer gut zu erklären wußte, waren vor allem das scheinbare

Zurückgehen und Stillstehen der Planeten, sowie die Veränderungen

in der scheinbaren Größe dieser Himmelskörper, die besonders beim

Mars beträchtlich sind. Zur Erklärung anderer Ungleichmäßigkeiten

blieb jedoch nichts weiter übrig, als auf die Epizyklentheorie

unter Beibehaltung der Sonne als Mittelpunkt des ganzen Systems

zurückzugreifen.

Wir erkennen, daß eine neue Wahrheit bei ihrer Entdeckung selten

vollendet ist. Sie geht gewöhnlich nicht aus dem Hirn eines einzelnen,

sondern als Errungenschaft des Geistes einer Zeit aus den Bemühungen

mehrerer, oft sogar zahlreicher Forscher und Denker hervor.

Aufnahme und Ausbreitung der heliozentrischen Lehre.

Für die Richtigkeit seines Weltsystems konnte *Koppernikus* noch keine

schlagenden Beweise, sondern lediglich die größere Einfachheit ins Feld

führen. Dem Einwand, daß die jährliche Bewegung der Erde sich in einer

scheinbaren Veränderung der Fixsternörter offenbaren müsse, wußte er

nur dadurch zu begegnen, daß er diese Himmelskörper in eine Entfernung

versetzte, gegen welche der Durchmesser der Erdbahn verschwindend

klein sei. Das Einzige, was *Koppernikus* den Angriffen seiner Gegner

gegenüberstellen konnte, waren Gründe der Vernunft. »Es ist«, sagt er,

»wahrscheinlicher, daß die Erde sich um ihre Achse dreht, als daß alle

Planeten mit ihren verschiedenen Entfernungen, alle herumschweifenden

Kometen und das unendliche Heer der Fixsterne dieselbe regelmäßige

vierundzwanzigstündige Bewegung um die Erde ausführen«.

Eigentliche Beweise, sowohl für die Drehung als auch für den Umlauf

der Erde, haben erst spätere Jahrhunderte gebracht und dadurch die

koppernikanische Lehre auf den Rang einer unumstößlichen Wahrheit

erhoben[910]. Neben ihrer Einfachheit konnte *Koppernikus* für seine

Theorie wie *Aristarch* auch den Umstand ins Feld führen, daß die

Sonne der bei weitem größere Weltkörper sei. Das Größenverhältnis von

Mond, Erde, Sonne ist nach *Koppernikus* gleich 1 : 43 : 6937[911].

Ferner nahm *Koppernikus* die Entfernung der Sonne auf Grund von

Beobachtungen, die nach dem von *Aristarch* herrührenden Verfahren

angestellt wurden, zu 1197 Erdhalbmessern an. Auch dieses Ergebnis

blieb weit hinter der Wahrheit zurück. Erst im 18. Jahrhundert

fand man durch Messungen, welche die Vorübergänge der Venus vor

der Sonnenscheibe zum Ausgang nahmen, einen zuverlässigen Wert für

jenes Grundmaß der Astronomie. Dieser übertraf den von *Koppernikus*

angegebenen Wert fast um das Zwanzigfache.

Das Erscheinen der »Kreisbewegungen«, deren erste Druckbogen

*Koppernikus* noch auf dem Sterbebette gelesen haben soll, veranlaßte

durchaus nicht einen solchen Aufruhr unter den Geistern, wie

man es in Anbetracht der Wichtigkeit der darin ausgesprochenen

Ansichten wohl hätte erwarten können. Dies hatte mehrere Gründe. Die

zeitgenössische Astronomie beachtete die Neuerung wenig. Einige dem

*Koppernikus* befreundete Astronomen ausgenommen, hielt man an der

*ptolemäischen* Lehre fest, zu der man überdies in jener Zeit, die

noch keine Lehrfreiheit kannte, verpflichtet war. Ferner gaben die dem

neuen System noch anhaftenden Unvollkommenheiten den berufsmäßigen

Astronomen, denen der praktische Wert ausschlaggebend sein mußte, ein

gewisses Recht, zunächst das Hergebrachte in Geltung zu belassen.

Brachte doch das heliozentrische System dem rechnenden Astronomen

zunächst kaum nennenswerte Vorteile. *Koppernikus* hatte es verstanden,

seine Neuerung in einer alles Polemische ausschließenden Weise

vorzutragen und jedes Hinüberspielen auf das Gebiet biblischer und

religiöser Anschauungen zu vermeiden. So kam es, daß auch die Kirche,

die von einer astronomischen Neuerung wohl eine Verbesserung ihres

Kalenders erhoffte, das Buch, dem ja sogar eine Widmung an den Papst

voranging, duldete und dem Gegensatz kein Gewicht beilegte, in den es,

vom Standpunkt des starren Wortglaubens aus betrachtet, zur biblischen

Überlieferung trat.

»Es scheint mir,« schrieb *Koppernikus* in jener Widmung, »daß die

Kirche aus meinen Arbeiten einigen Nutzen ziehen kann. War doch

unter *Leo* X. die Verbesserung des Kalenders nicht möglich, weil

die Größe des Jahres und die Bewegung der Sonne und des Mondes nicht

genau bestimmt waren. Ich habe gesucht, diese näher zu bestimmen.

Was ich darin geleistet habe, überlasse ich dem Urteile Deiner

Heiligkeit und der gelehrten Mathematiker.« Der großen Masse, selbst

der Gebildeten, fehlte bei der damals herrschenden Unkenntnis in

naturwissenschaftlichen Dingen durchaus das Vermögen, mit eigenem

Urteil an die neue Lehre heranzutreten. Deshalb läßt sich die

Äußerung *Luthers* wohl entschuldigen, der da meinte: »Der Narr will

die ganze Astronomie umkehren. Aber die heilige Schrift sagt uns,

daß Josua die Sonne stillstehen hieß und nicht die Erde.« Daran, daß

diese Neuerung auf dem Gebiete der Astronomie der Kirche schaden,

geschweige denn das religiöse Gefühl beeinträchtigen könnte, hat

*Luther* schwerlich gedacht. Etwas ängstlicher war schon *Melanchthon*,

der auch mehr Verständnis für das Unerhörte jener Neuerung besaß.

Selbst ein eifriger Astrologe, hatte er das Gebäude der damaligen

Astronomie in seinem Lehrbuch der Physik zur Darstellung gebracht.

Die neue heliozentrische Ansicht hielt er für so gottlos, daß er

sie zu unterdrücken empfahl[912]. Auch der viel später lebende

*Francis Bacon*, den übertriebene Schilderungen als den Begründer der

neueren Naturwissenschaft gefeiert haben, war ein erklärter Gegner

des *Koppernikus*, und zwar zu einer Zeit, als die Frage nach der

Richtigkeit des heliozentrischen Systems die Geister bewegte. Erst

damals, im Zeitalter *Galileis*, nahm die Kirche zu dieser Frage

entschieden Stellung und verbot die »Kreisbewegungen«. Der bezügliche

Erlaß stammt aus dem Jahre 1616 und wurde amtlich erst 1822 wieder

aufgehoben, nachdem sein Bestehen jedoch fast in Vergessenheit geraten

war. Er lautet: »Die heilige Kongregation[913] hat in Erfahrung

gebracht, daß die falsche, der Heiligen Schrift völlig widersprechende

Lehre der Pythagoreer, von der Bewegung der Erde, wie sie *Koppernikus*

und einige andere vorgetragen haben, gegenwärtig verbreitet und

vielfach angenommen wird. Damit sich eine derartige Lehre nicht zum

Schaden der katholischen Wahrheit ausbreitet, beschloß die heilige

Kongregation daß die Bücher des *Koppernikus* und alle anderen, die

dasselbe lehren, bis zur Verbesserung zu verbieten sind. Sie werden

daher alle durch diesen Erlaß verboten und verdammt.«

Zu den ersten Anhängern der koppernikanischen Lehre gehörte der

Dominikanermönch *Giordano Bruno*[914], *Spinozas* Vorläufer in der

Begründung einer pantheistischen Weltanschauung. Seinen divinatorischen

Blicken erweiterte sich das Fixsterngewölbe zu einem in Raum und Zeit

unendlichen Universum. *Bruno* war auch der erste, der die Fixsterne

als Sonnen und als Mittelpunkte ungezählter, dem unseren gleichartiger

Planetensysteme ansah.

Er hat manches intuitiv vorweggenommen, was erst spätere Zeiten auf

Grund der Beobachtung sichergestellt haben. So nahm er an, daß nicht

nur die Erde, sondern auch die Sonne um ihre Axe rotiere. Von der

Erde behauptet er, daß sie an den Polen abgeplattet sein müsse. Die

Präzession der Nachtgleichen erklärte er mit folgenden Werten: »Bei den

unabsehbar mannigfaltig ineinandergreifenden Bewegungen der Weltkörper

kann es nicht ausbleiben, daß auch die scheinbar festesten Punkte ihre

gegenseitige Lage nach und nach verschieben. Die Erde wird also ihre

Lage zum Himmelspol verändern[915]«. Die Kometen betrachtete *Bruno*

als eine besondere Gattung der Planeten. Da die Kometen ganz ohne Regel

erschienen, so sei auch die Zahl der unsere Sonne umkreisenden Planeten

noch nicht festgestellt[916]. Die Welten und die Weltsysteme endlich

sind nach *Bruno* stetigen Änderungen unterworfen. Ewig ist nur die der

Welt zu Grunde liegende schaffende Energie. Darin spricht sich schon

eine gewisse Ahnung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie aus.

*Brunos* lange als Schwärmerei betrachtete Lehre von der Beseeltheit

nicht nur der All-Materie, sondern auch der individuellen Beseeltheit

der einzelnen Weltkörper hat neuerdings *Fechner* zur Anerkennung zu

bringen gesucht.

Daß die Erde selbst ein lebendes Wesen ist, schloß *Bruno* aus ihrer

Bewegung und daraus, daß sie lebende Wesen hervorbringt. Auch die

übrigen Weltkörper sind belebt und ein Schauplatz des Lebens. Daß sich

letzteres in denselben Formen wie auf der Erde offenbart, darf man

allerdings nicht annehmen.

Man hat *Bruno* als den ersten monistischen Philosophen der neueren

Zeit zu betrachten. In seinen Schriften kam die geistige Eigenart der

italienischen Renaissance besonders zum Ausdruck. Der Lebensauffassung

jener Zeit entsprach auch seine, im Gegensatz zum Christentum stehende

Lehre vom heroischen Affekt. Die neue astronomische Ansicht, die sich

ihm und den Aufgeklärten unter seinen Zeitgenossen eröffnete, hat er im

Sinne der »Schönheitsherrlichkeit der Welt« verwertet[917].

*Giordano Brunos* Reformation des Himmels: Lo spaccio (Die Vertreibung)

della bestia trionfante (verdeutscht und erläutert von *L. Kuhlenbeck*,

Leipzig 1889), ist eine Moralphilosophie, die an die Betrachtung

der wichtigsten Sternbilder anknüpft. Die in italienischer Sprache

erschienenen Werke *Brunos* gab *P. de Lagarde* (Göttingen 1888)

heraus. Die astronomische Weltanschauung betrifft besonders das Werk

Del infinito Universo et de i mondi[918]. Einige charakteristische

Sätze aus diesem Werk mögen uns noch etwas eingehender mit *Brunos*

Vorstellungen bekannt machen: »In dem unermeßlichen zusammenhängenden

Raum, der alles in sich hegt und trägt, gibt es unzählige, dieser Welt

ähnliche Weltkörper. Von ihnen ist der eine nicht mehr in der Mitte des

Universums als der andere. Als unendliches All ist es ohne Mitte und

ohne Umfang. Wie um unsere Sonne sieben Wandelsterne kreisen, so gibt

es weitere Sonnen, die Mittelpunkte für andere Planetensysteme sind.

Jeder dieser Weltkörper dreht sich um sein eigenes Zentrum. Trotzdem

erscheint er seinen Bewohnern als eine stillstehende Welt, um die sich

alle übrigen Gestirne drehen. In Wahrheit gibt es so viel Welten wie

wir Fixsterne sehen. Sie befinden sich alle in dem einen Himmel, dem

einen Allumfasser, wie unsere Welt, die wir bewohnen.«

Daß es unendlich viele Einzelwelten geben müsse, folgert *Bruno* aus

dem Wesen Gottes, dem er ein unendliches Können zuschreibt.

Astronomie und wissenschaftliche Erdkunde.

In engster Beziehung zur Astronomie hat sich die wissenschaftliche

Erdkunde, d. h. eine Erdkunde, die mehr sein wollte, als eine bloße

Beschreibung der Länder und ihrer Erzeugnisse, entwickelt. Sie fand

in dem auf *Koppernikus* folgenden Zeitalter in Deutschland einen

hervorragenden Vertreter in *Gerhard Kremer* oder *Mercator*, wie

er sich selbst, nach damaliger Sitte seinen Namen latinisierend,

nannte[919] und in *Sebastian Münster*.

*Münster* verfaßte eine »Cosmographia, Beschreibung aller Länder«. Die

darin enthaltenen Karten haben die Grundlage gebildet, von der die

Kartographie in Deutschland ihren Ausgang nahm[920].

*Mercator* wurde 1512 in einem flandrischen Städtchen geboren, wo sich

seine, aus Jülich stammenden Eltern vorübergehend aufhielten. Als

Arbeitsfeld wählte er, angeregt durch *Gemma Frisius*[921], mit dem er

während seiner Studienzeit verkehrte, die mathematische Geographie,

als deren Neubegründer er von vielen Seiten anerkannt wurde[922].

Mit der Anfertigung von Landkarten, Globen und astronomischen

Instrumenten erwarb sich *Mercator* seinen Unterhalt. Von 1552 bis zu

seinem 1594 erfolgenden Tode lebte er in Duisburg, wo er neben seiner

wissenschaftlichen Tätigkeit mathematischen Unterricht am Gymnasium

erteilte.

Sein erstes größeres Werk war ein Erdglobus, auf dessen Verfertigung er

ein und ein halbes Jahr verwendete. Zehn Jahre später (1551) lieferte

*Mercator* einen großen Himmelglobus. Zu seinen Verehrern zählte auch

*Karl V.* Dieser Monarch nahm an den Fortschritten der Astronomie und

Geographie solch lebhaften Anteil, daß er während der Belagerung einer

Festung mit *Apianus* ein Gespräch über diese Wissenschaften führen

konnte, während die Kugeln rechts und links von ihnen einschlugen.

Mit *Apianus* und *Mercator* beginnt für die Kartographie eine neue

Zeit. Vor ihnen hatte man sich mit einem Abschätzen der Entfernungen

und mit Itinerarien begnügt, sowie sich abgemüht, das neu erworbene

Wissen mit dem des *Ptolemäos* in Einklang zu bringen. Jetzt entstanden

Karten, die auf genaueren Vermessungen beruhten. Unter diesen sind vor

allem *Apians*[923] »Bayrische Landtafeln« zu nennen. Sie erschienen

1568 auf 24 Blättern (Holzschnitt; Maßstab 1 : 144000) und gelten als

das topograhische Meisterwerk des 16. Jahrhunderts. Kein Land wurde in

jener Zeit mit gleicher Treue dargestellt.

Was *Apian* für ein engbegrenztes Stück der Erde leistete, strebte der

belgische Geograph *Ortelius*[924] für den gesamten Erdkreis an. In

seinem »Theatrum orbis terrarum« (53 Karten in Kupferstich, Antwerpen

1570) schuf er ein Werk, das sich von *Ptolemäos* freimachte. Die

Mehrzahl jener von *Ortelius* herausgegebenen 53 Karten war nach den

besten Arbeiten anderer Kartographen verfertigt.

Fast zu selben Zeit (1569) vollendete *Mercator* seine große Weltkarte.

Es war dies ein für die Geschichte der Erdkunde und der Nautik

hochbedeutsames Ereignis. Von diesem Zeitpunkt, sagt *Mercators*

Biograph, datiert die Reform der Kartographie, die kein zweites Werk

von gleicher Bedeutung zu verzeichnen hat. Die Vorschriften, die

*Mercator* den Seefahrern für die Benutzung seiner Karte gab, gelten

auch heute noch[925].

Ein für jene Zeit großes Verdienst erwarb sich *Mercator* dadurch, daß

er die damals noch in hohem Ansehen stehende Geographie des *Ptolemäos*

an Stelle der ungenauen Karten älterer Geographen mit Karten versah,

die sich den Angaben des *Ptolemäos* genau anschlossen. Eine Sammlung

von Karten europäischer Länder vereint mit Karten einzelner Erdteile

und Übersichten der ganzen Erde veranstaltete *Mercator* mit seinem

Sohne[926]. Sie erschien 1595 unter dem von *Mercator* gewählten

Titel »Atlas«[927], der seitdem für derartige Sammlungen gang und gäbe

geblieben ist.

Die Grundsätze der Kartographie entwickelte *Mercator*[928] so klar,

wie es kein anderer vor ihm vermocht hatte. Er war der erste, der die

Bedingungen, die jede Projektionsart voraussetzt, genauer untersuchte,

und den Begriff der Konformität aufstellte, d. h. der Forderung, daß

eine ebene Figur die größtmögliche Ähnlichkeit mit der Kugelfläche

erhalten müsse. Da die Alten immer nur Teile der Erdoberfläche

darzustellen hatten, und ihre Projektionsarten dieser Aufgabe

anpaßten, war *Mercator*, als es galt, die ganze Erde kartographisch

darzustellen, vor eine ganz neue Aufgabe gestellt. Er löste sie durch

das nach ihm benannte Verfahren in der trefflichsten, für den Gebrauch

geeignetsten Weise. »Wenn,« sagt *Mercator* in der Erläuterung, die er

seiner Weltkarte hinzufügt, »von den vier Beziehungen, die zwischen

zwei Orten in Ansehung ihrer gegenseitigen Lage stattfinden, nämlich

Breitenunterschied, Längenunterschied, Richtung und Entfernung, auch

nur zwei berücksichtigt werden, so treffen auch die übrigen genau zu,

und es kann nach keiner Seite hin ein Fehler begangen werden, wie

dies bei den gewöhnlichen Seekarten so vielfach und zwar um so mehr,

je höher die Breiten sind, der Fall sein muß.« *Mercator* erzielte

diesen Vorteil dadurch, daß er die Erdoberfläche auf einen die Erde im

Äquator berührenden Zylinder projizierte, dessen Achse der Erdachse

parallel ist. Die Ausbreitung, welche dadurch die Längengrade nach

den Polen hin erfahren, wird durch eine in demselben Verhältnis

stattfindende Ausdehnung der Breitengrade ausgeglichen. Eine solche

Karte ist winkeltreu, d. h. sie gibt die Winkel so wieder, wie sie

auf der Erdoberfläche erscheinen; sie wahrt auch die Formähnlichkeit

(Konformität) der Ländergestalten[929] sie ist jedoch nicht

flächentreu, da ihr Maßstab mit der Entfernung vom Äquator wächst.

12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen

Naturwissenschaften.

Wie auf dem astronomischen, so machte sich auch auf den übrigen

Gebieten der Naturwissenschaft während des 16. Jahrhunderts das

Bestreben geltend, die Fesseln der Autorität zu sprengen und

Beobachtung und Nachdenken an ihre Stelle zu setzen. Eine zweite

epochemachende Tat, die sich derjenigen des *Koppernikus* an die Seite

stellen ließe, haben wir jedoch in dieser Periode nicht zu verzeichnen.

Als Physiker ist unter den Zeitgenossen des *Koppernikus* vor allem

*Maurolykus* (1494-1575) zu nennen. Er lehrte in Messina und entstammte

einer derjenigen Familien, die nach der Eroberung Konstantinopels

diese Stadt verlassen hatten, um sich den Verfolgungen der Türken zu

entziehen. *Maurolykus* machte sich um die Mathematik verdient, indem

er in einem umfangreichen Sammelwerke alles das zusammenfaßte, was

er selbst an mathemathischem Wissen den griechischen und arabischen

Schriftstellern verdankte. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich

durch die Herausgabe der archimedischen Werke, sowie von Schriften

des *Apollonios*, dessen Lehre von den Kegelschnitten durch ihn sogar

erweitert wurde. Sein mathematisches Können betätigte *Maurolykus*

ferner auf dem Gebiete der Optik, das sich von jeher für die

mathematische Behandlung besonders geeignet erwiesen hatte. Sein

optisches Werk, das er »Über Licht und Schatten« betitelte[930],

enthält manchen Fortschritt und viele Richtigstellungen früherer

Irrtümer. *Maurolykus* ist z. B. der erste Physiker, der die Wirkung

der Linse im Auge erklärt, indem er dartut, daß sich die Strahlen

hinter der Linse schneiden. Die Kurz- und Übersichtigkeit leitet er

aus einem übermäßigen oder zu geringen Grad der Linsenkrümmung ab.

Wenn er damit auch nicht ganz das Wesen der Sache traf, da man heute

Unregelmäßigkeiten in den Abmessungen des Augapfels als den Grund

dieser Mängel betrachtet, so erschloß sich doch ein theoretisches

Verständnis der Brillen, die schon seit dem 13. Jahrhundert im Gebrauch

waren.

Ein schönes Beispiel, wie verschieden ein und dasselbe Problem in

aristotelischem Sinne und im Geiste der neueren, den wissenschaftlichen

Grundsätzen sich erschließenden Zeit behandelt wurde, bietet die

Erklärung des runden Sonnenbildchens. Es ist eine allbekannte

Erscheinung, daß die Sonnenstrahlen, die durch eine unregelmäßig

gestaltete Öffnung senkrecht auf eine ebene Fläche fallen, dort ein

kreisförmiges Bild hervorrufen. Die Aristoteliker waren mit ihrer

Erklärung, welche die Hohlheit des nicht durch genügende Induktion

gestützten philosophischen Denkens treffend dartut, bald fertig. Sie

schrieben die Erscheinung einer »Zirkularnatur« des Sonnenlichtes zu,

setzten also an Stelle der Erklärung ein Wort, welches das bezeichnet,

was zu erläutern ist. Geht man dagegen von der Tatsache aus, daß

jeder Punkt der Sonnenoberfläche Licht aussendet und ein Bild von der

Gestalt der Öffnung gibt, so werden die unzähligen Bilder, die sich

teilweise decken, insgesamt ein Flächengebilde entstehen lassen, das

sich als eine Projektion des leuchtenden Körpers darstellt. Daher muß

das Bildchen bei einer Sonnenfinsternis, der Gestalt der Sonnenscheibe

entsprechend, sichelförmig erscheinen, wie es die Beobachtung auch

dartut[931].

Die Erklärung des kreisförmigen Sonnenbildchens aus der »zirkulären

Natur« des Sonnenlichtes ist ein treffendes Beispiel für das, was man

eine »verborgene Qualität«, eine »qualitas occulta« genannt hat. Solch

unbestimmte Begriffe führten die Aristoteliker während des ganzen

Mittelalters, oft genug einer einzigen Erscheinung wegen, ein, wenn

sie eine aus den Tatsachen entspringende Erklärung nicht zu geben

vermochten.

Etwas später fällt die Wirksamkeit des Italieners *Johann Baptista

Porta* (1538-1615). Dieser Mann ist typisch für diejenige Stufe einer

Disziplin, auf der sie noch nicht zu strengerer Wissenschaftlichkeit

gelangt ist. Wir finden bei *Porta* und seinen Zeitgenossen, die

sich mit physikalischen und chemischen Dingen beschäftigen, eine

Verquickung von Richtigem und Unrichtigem, von Klarheit mit Mystik und

Aberglauben, die heute, nachdem das Niveau der gesamten Bildung ein so

viel höheres geworden ist, eigentümlich anmutet. Das Streben dieser

Männer nach größerer Einsicht ging ferner mit einem marktschreierischen

Treiben Hand in Hand, durch das sie ihr eigenes Ansehen und das ihrer

Wissenschaft den Zeitgenossen gegenüber heben wollten.

Das Buch, in dem *Porta*, ganz dem Geschmacke seiner Zeit

entsprechend, die Naturwissenschaften behandelt, ist »Die natürliche

Magie« betitelt[932]. Es ähnelt in manchen Teilen einem modernen

Zauberbuche, da es dem Verfasser nicht selten darauf ankommt, den

Leser zu unterhalten oder durch das Überraschende der Erscheinung in

Verwunderung zu setzen. Wichtig ist, daß *Porta* in seinem Buche eine

von ihm getroffene Verbesserung der Camera obscura beschreibt. Bis

dahin hatte man bei diesem Apparat das Licht durch eine Öffnung auf

einen dahinter befindlichen Schirm fallen lassen. *Porta* brachte in

der vergrößerten Öffnung eine Linse an, wodurch die Bilder bedeutend an

Schärfe gewannen[933].

Von Interesse ist ferner eine von *Porta* herrührende Einrichtung,

den Dampf zum Heben von Wasser zu benutzen. Das Wasser befindet sich

in einem Gefäß; der Dampf drückt auf die Oberfläche des Wassers und

treibt es durch ein heberartiges, bis auf den Boden tauchendes Rohr aus

dem Behälter heraus. Eine derartige Vorrichtung, die gegen das Dampfrad

*Herons* keinen wesentlichen Fortschritt bedeutet, als die erste

Stufe der Dampfmaschine zu bezeichnen, ist nicht gerechtfertigt. Doch

läßt sich nicht verkennen, daß man durch die von *Heron* und *Porta*

beschriebenen Versuche mit der Wirkung gespannter Dämpfe vertraut

wurde, und daß dadurch der Gedanke, diese Wirkung auf die einfachen

Maschinen der Mechanik zu übertragen, allmählich heranreifte. Erst von

diesem Fortschritt an, den wir später zu betrachten haben, kann von

einer eigentlichen Dampfmaschine die Rede sein.

Es zeigt sich hier wie auch bei *Galilei* und anderen Forschern, daß

die Physik der Gase und der Flüssigkeiten im 17. Jahrhundert besonders

infolge der Anregungen ausgebaut wurde, die man dem Altertum in

*Herons* Schriften verdankte[934]. So schuf *Porta* eine »Pneumatik«,

die zwar keine bloße Wiedergabe der »Pneumatik« *Herons* ist, indessen

auf ihn zurückgeht[935]. Auch *Schwenter* (s. folg. Seite) hat in

seinen »Erquickstunden« manche Angaben *Herons*, besonders diejenigen,

die in *Herons* Druckwerken enthalten sind, verwertet. Dasselbe gilt

von *Schott*, dem Freunde *Guerickes*, und seiner 1657 erschienenen

»Mechanica hydraulico-pneumatica«. Sogar *de Caus*, dem die Franzosen

die Erfindung der Dampfmaschine zuschreiben möchten, geht auf *Heron*

zurück[936]. Selbst die Wasserkünste der fürstlichen Gärten des 17.

Jahrhunderts sind teilweise den von *Heron* ausgehenden Anregungen zu

verdanken.

Auch den magnetischen Erscheinungen wandte man jetzt eine größere

Aufmerksamkeit zu. Indessen gerade dieses Gebiet wurde von *Porta*

und Männern verwandten Geistes noch außerordentlich mit Mystik und

Aberglauben verwoben. Mit der Deklination, deren Größe *Porta* für

Italien gleich 9° östlich angibt, war man schon vor *Columbus*

bekannt geworden. Letzterer machte die Beobachtung, daß sich die

Deklination (sie war damals im ganzen Gebiete des Mittelmeeres

östlich) bei einer Reise nach Westen verringerte und schließlich

in eine westliche überging. Auf Grund dieser Erkenntnis suchte sich

*Columbus* auf seiner zweiten Reise, wenn die Schiffsrechnung unsicher

war, durch einen Vergleich der Deklinationen zu orientieren. Es war

dies der erste, später oft wiederholte Versuch, die Deklination zur

Auffindung der geographischen Länge zu verwerten. Eine brauchbare

Lösung des Längenproblems, das schon *Hipparch* und *Ptolemäos* große

Schwierigkeiten bereitet hatte, sollte jedoch nicht auf diesem Wege,

sondern erst durch die Erfindung genauer Chronometer ermöglicht werden.

Das zweite Element des tellurischen Magnetismus, die Erscheinung

nämlich, daß die um eine horizontale Achse drehbare Nadel eine geneigte

Lage einnimmt, hat zuerst der Engländer *Norman* genauer beobachtet.

Er gab im Jahre 1576 die Größe dieser, als Inklination bezeichneten

Neigung für London zu 71° 50' an[937]. Auf die wechselnde Intensität

des Erdmagnetismus wurde man dann gegen das Ende des 18. Jahrhunderts

aufmerksam, so daß erst seit dieser Zeit eine allseitige, auch das

Quantitative in der Erscheinung berücksichtigende Kenntnis dieser

Naturkraft Platz greifen konnte.

Unter den Männern, die etwas später die Naturwissenschaften ganz

im Geiste *Portas* behandelten, ist *Daniel Schwenter* zu nennen

(geboren 1585; gestorben 1636 als Professor der Mathematik in

Altdorf). Sein bekanntes Werk, »Die mathematischen und philosophischen

Erquickstunden«[938], ist ein würdiges Seitenstück zu *Portas* »Magia

naturalis« und erscheint besonders geeignet, um den Standpunkt, den

die Naturwissenschaften zumal in Deutschland vor der großen, durch

*Galilei*, *Kepler* und ihre Mitarbeiter hervorgerufenen Umwälzung

einnahmen, erkennen zu lassen.

Bezeichnend ist zunächst, daß *Schwenter* es für nötig hält, die

Beschäftigung mit der Natur gegen den Vorwurf zu verteidigen, es

handele sich dabei um eine unnütze, ja kindliche Tätigkeit. Ein Kind,

sagt er, werfe wohl einen Stein ins Wasser und freue sich über die

vielen Kreise. Das sei eine kindliche Freude. Die Ursache dieser

Erscheinung nachzuweisen, sei dagegen kein Kinderwerk. Einige Beispiele

mögen dartun, wie unzulänglich und unbestimmt die Ansichten waren, die

man an der Schwelle des 17. Jahrhunderts noch hegte. Wir werden dann

den großen Fortschritt, den die Wissenschaft um jene Zeit durch die

Begründung der induktiven Forschungsweise erfuhr, um so besser würdigen

können. So ist das ganze Wissen *Schwenters* über die Fallbewegung in

folgenden Sätzen enthalten[939]: »Wenn ein Körper fällt, so bewegt

er sich um so geschwinder, je näher er der Erde kommt. Je höher der

Körper herabfällt, eine um so größere Gewalt besitzt er. Denn alles was

schwer ist, eilt nach der Philosophen Meinung unverhindert zu seinem

natürlichen Ort, d. i. zum Zentrum der Erde, wie der Mensch, der in

sein Vaterland zurückkehrt, um so begieriger ist, je näher er kommt,

und daher um so mehr eilt. Dazu kommt noch eine andere natürliche

Ursache. Die Luft nämlich, die von der Kugel zerteilt wird, eilt über

der Kugel geschwind wieder zusammen und treibt sie immer stärker an.

Was aber schon bewegt ist, läßt sich leichtlich weiter und geschwinder

bewegen«. Ein Fortschritt dem *Aristoteles* gegenüber ist in diesen

Auffassungen nirgends zu bemerken. Im Gegenteil, man muß sie als rein

aristotelisch bezeichnen. Nicht minder gilt dies von *Schwenters*

Auffassung der Wurfbewegung. Er setzt sie aus drei Bewegungen

zusammen, die er als genötigte, als gemischte und als natürliche

Bewegung bezeichnet. Danach treibt z. B. das Pulver die Kugel in einer

genötigten Bewegung schräg aufwärts, bis der höchste Punkt der Flugbahn

erreicht wird. Dann fängt, »nachdem eine solche gewalttätige Bewegung

schier ihr Ende nehmen will, die gemischte Bewegung durch einen Bogen

an«. Endlich gehe die Kugel in die natürliche Bewegung über und falle

senkrecht auf die Erde. Aus dieser Theorie sucht *Schwenter* die

Erfahrungstatsache abzuleiten, daß die größte Schußweite bei einem

Winkel von 45° erzielt wird.

Interessant sind auch die Bemerkungen über den senkrechten Schuß. Er

verleihe dem Geschoß weit mehr Gewalt als der horizontale Schuß, »weil

das Feuer von Natur über sich begehre«. Wenn ferner das Geschütz in die

Höhe gerichtet werde, so presse die Kugel das Pulver und widerstrebe

der Gewalt des Pulvers auch mehr. Dadurch werde bewirkt, daß sich das

Pulver gleichsam erzürne, ehe es die Kugel austreibe. Endlich werde

eine schwere Kugel, welche widerstreben könne, viel weiter getrieben

als eine leichte, z. B. eine solche von Holz, die nicht widerstreben

könne.

Die Tatsache, daß die Kugel beim senkrechten Schuß in der Nähe des

Geschützes wieder niederfällt, wird als Beweismittel gegen die

koppernikanische Lehre verwertet[940]: »So die Kugel 2 Minuten in der

Luft bleibt, müßte indessen der Böller 30 deutsche Meilen gelaufen

sein. Dies ist unmöglich, denn man würde dann keine Kugel mehr finden«.

Die Koppernikaner, sagt *Schwenter*, seien zwar der Ansicht, die Luft

bewege sich mit der Erde und zwar mit der gleichen Geschwindigkeit wie

die Erde. Die empor geworfene Kugel müsse daher von der Luft getrieben

nicht weit von dem Böller niederfallen. »Es ist aber«, fügt *Schwenter*

hinzu, »nicht glaublich, ja unmöglich, daß die Luft imstande ist, eine

schwere Kugel in solch kurzer Zeit 30 Meilen fortzutreiben.« Diese

Schwierigkeit stand der Annahme des koppernikanischen Systems also noch

100 Jahre nach seiner Aufstellung im Wege. Sie konnte erst durch die

allgemeine Anerkennung des Beharrungsgesetzes gehoben werden.

In dem optischen Teil werden die Camera obscura, das Glasprisma, die

Lichtbrechung und der Regenbogen abgehandelt. Trotzdem *Schwenter*

den letzteren auch an Springbrunnen und an mit Regentropfen

bedeckten Spinnengeweben beobachtet hat, hält er ihn dennoch für ein

übernatürliches Werk. Der Regenbogen ist für ihn »ein Spiegel, in

dem der menschliche Verstand seine Unwissenheit am hellen Tage sehen

kann«. Die Physiker hätten »durch ihr vielfältiges Nachsinnen nichts

anderes darin gefunden, als daß sie noch das Wenigste, so in der Natur

verborgen sei, ausspekuliert hätten«.

Gelegentlich der von ihm für glaubwürdig gehaltenen Erzählung von

den Brennspiegeln des *Archimedes* bemerkt *Schwenter*, daß man auch

durch eine Anzahl flacher Spiegel Pulver entzünden könne, wenn man die

Sonnenstrahlen durch die Spiegel sämtlich auf einen Punkt werfe.

In dem Abschnitt, der von der Wärme handelt, beschreibt *Schwenter*

auch ein Instrument, mit dem man den Grad der Hitze und der Kälte

messen könne. Er bringt in ein Gefäß mit langem Halse etwas Wasser und

kehrt das Gefäß dann unter Wasser um, so daß die Flüssigkeit einen Teil

des Halses füllt. Im Winter, sagt *Schwenter*, steigt das Wasser hoch

herauf, so daß es fast den ganzen Hohlraum füllt; im Sommer dagegen

sinkt es tief herab.

*Schwenter* ist noch mit *Porta* der Ansicht, daß sich das Wasser durch

einen Heber über hohe Berge leiten lasse. Man solle, meint er, eine

Röhre über den Berg legen und an der höchsten Stelle der Röhre einen

Trichter anbringen. Verstopfe man dann die beiden Mündungen der Röhre,

so könne man sie ganz mit Wasser füllen. Nach diesen Vorbereitungen

sei es nur nötig, die Mündungen gleichzeitig zu öffnen. Das Wasser

werde dann fort und fort aus dem Behälter, in den man die eine Mündung

getaucht, durch die Röhre ausströmen, wenn nur die zweite Mündung

tiefer gelegen sei. Jeder Versuch würde *Porta* und *Schwenter* gelehrt

haben, daß über einen »Berg« von 10 Metern Höhe das Wasser nicht durch

einen Heber geführt werden kann.

Daß *Schwenter* indessen fremde Angaben auch nachprüft, geht aus

manchen Stellen seiner Schrift hervor. So hat ihm jemand mitgeteilt,

das Wasser steige aus einem tiefer befindlichen Gefäß in ein höher

gelegenes, wenn man beide Gefäße durch einen wollenen Faden verbinde.

*Schwenter* bemerkt dazu: »Ich finde durch den Versuch, daß diese Kunst

nicht angeht, denn es ist damit wie mit einem Heber beschaffen. Das

Wasser läuft nämlich nicht durch das wollene Band, wenn sein Ende nicht

tiefer liegt als der Wasserspiegel, in den das andere Ende eintaucht«.

Wir haben *Schwenters* Werk etwas ausführlicher behandelt, nicht

etwa, weil es die Wissenschaft durch neue Gedanken oder Entdeckungen

bereichert hätte, sondern weil wenige von den in Deutschland zu Beginn

des 17. Jahrhunderts verfaßten Schriften über das gesamte Gebiet der

Naturlehre so geeignet sind, uns eine Vorstellung von dem Wissensstand

und den Anschauungen zu geben, die damals herrschten. Im gleichen Sinne

wie *Porta* und *Schwenter* wirkten während der ersten Hälfte des 17.

Jahrhunderts in Deutschland *Athanasius Kircher*, *Kaspar Schott* und

andere Männer. Sie alle waren Gelehrte von oft polyhistorischem Wissen,

die uns wohl dickleibige, zur Beurteilung jener Zeit wichtige Folianten

hinterlassen, die Wissenschaft selbst aber weder durch neue Ideen, noch

durch Entdeckungen bereichert haben. Insbesondere der gelehrte Jesuit

*Kircher* verdient mehr als bloße Erwähnung.

*Athanasius Kircher* wurde in der Nähe von Fulda im Jahre 1601 geboren.

Er wirkte als Professor der Mathematik zunächst an der Universität

Würzburg, später in Rom, wo er 1680 starb. Von *Kirchers* zahlreichen

Schriften sind besonders drei hervorzuheben, weil sie uns einen

Einblick in den damaligen Zustand der Naturwissenschaften gewähren.

Es ist das Werk vom Licht und vom Schatten (Ars magna lucis et umbrae

1646), ferner ein Werk über den Magnetismus (Magnes, sive de arte

magnetica 1643) und drittens die für die Entwicklung der geologischen

Vorstellungen wichtige Schrift über »Die unterirdische Welt« (Mundus

subterraneus 1664).

In dem optischen Werke *Kirchers* wird u. a. schon auf die Fluoreszenz

hingewiesen. *Kircher* nahm sie an dem wässerigen Auszug wahr, den man

aus einem mexikanischen Holz, dem »Nierenholz«, herstellt[941]. Diese

Lösung zeigte im auffallenden Lichte eine tiefblaue Farbe, während die

Flüssigkeit beim Hindurchblicken farblos wie Brunnenwasser aussah.

Unter Umständen erschien sie auch grün oder rötlich. Eine Erklärung

dieser auffallenden Erscheinung vermochte *Kircher* nicht zu geben.

Sehr ausführlich handelt er von dem bononischen (Bologneser)

Leuchtstein. Ein Alchemist hatte den in der Nähe von Bologna

vorkommenden Schwerspat unter Beimengung reduzierender Mittel im Ofen

erhitzt und wahrgenommen, daß der Rückstand im Dunkeln leuchtet, wenn

er vorher von der Sonne beschienen wurde. Die Entdeckung[942] erregte,

wie begreiflich, das größte Aufsehen. Auch *Galilei* beschäftigte sich

damit. Er meinte, sie spreche deutlich gegen die Ansicht, daß das

Licht eine unkörperliche Qualität sei, weil der Stein das Sonnenlicht

aufnehme, als ob es ein Körper wäre, und es nach und nach wieder

zurückgebe. *Kircher* ist derselben Meinung. Er stellte den Bologneser

Stein her, indem er den Spat mit Eiweiß und Leinöl mischte und das

Gemenge glühte.

Überraschende Entdeckungen sind fast immer in ihrer Tragweite

überschätzt und zu kühnen, nicht stichhaltigen Erklärungen verwertet

worden. Dies gilt auch von dem Bologneser Leuchtstein. So schrieb

*Kircher* dem Auge die gleichen Eigenschaften zu, die dieser Stein

besitzt, um die von ihm zuerst geschilderten physiologischen oder

subjektiven Farben zu erklären. Gemeint ist die Erscheinung, daß das

Auge, nachdem es längere Zeit auf farbige Gegenstände und dann auf eine

weiße Fläche gerichtet wird, die Umrisse jener Gegenstände in gewissen

Farben erblickt. Dies sollte daher rühren, daß das Auge, wie der

Leuchtstein, das Licht einsauge und es allmählich wieder ausstrahle.

Ein Zeitgenosse *Kirchers* suchte sogar das graue Licht des von der

Sonne nicht beleuchteten Teiles der Mondoberfläche durch die Annahme zu

erklären, daß auch der Mond ein Bologneser Stein sei.

Von gutem Beobachtungsvermögen zeugen *Kirchers* Bemerkungen über den

Farbenwechsel des Chamäleons. Er brachte das Tier auf weiße und rote

Tücher und zeigte, daß sein Farbenwechsel dadurch beeinflußt wird.

Bei *Kircher* begegnet uns ferner eine genaue Beschreibung der Laterna

magica. Man hat ihn daher als den Erfinder dieses Apparats bezeichnet,

wahrscheinlich aber mit Unrecht[943]. *Kircher* bediente sich schon

der transparenten Glasbilder. Ein erbauliches Beispiel für seinen

theologischen Eifer möge nicht unerwähnt bleiben. Die Zauberlaterne

erscheint ihm nämlich als ein vortreffliches Mittel, Gottlose durch

Vorführung des Teufels auf den rechten Weg zurückzubringen.

*Kirchers* Werk über den Magneten steht hinter der viel früher

erschienenen, den gleichen Gegenstand behandelnden Schrift des

Engländers *Gilbert* weit zurück. Hervorzuheben ist *Kirchers*

Verfahren, mittelst der Wage die Tragkraft des Magneten zu bestimmen.

Auch stellt er die durch Jesuitenmissionäre im Auslande gemachten

Beobachtungen über Größe und Änderungen der Deklination in einer

Tabelle zusammen. Wie kritiklos indessen auch auf diesem Gebiete

*Kircher* und *Schwenter* häufig verfahren, geht daraus hervor, daß

sie die alte Fabel, daß der Magnet durch gewisse Pflanzen seine Kraft

verliere, ohne Nachprüfung aufnehmen. Der Magnet verliert, sagt

*Schwenter*, durch Feuer und durch Knoblauch seine Kraft. »Wie die

Erfahrung bezeugt« setzt er sogar hinzu.

Wie *Schwenter* handelt *Kircher* im übrigen bei der Besprechung der

magnetischen Erscheinungen oft von Spielereien, deren Schilderung mit

starken Übertreibungen und Fabeln aller Art durchsetzt ist. Beide

Schriftsteller erörtern beispielsweise die Möglichkeit, vermittelst

des Magneten eine Art Telegraphie zu bewerkstelligen. Zwei Personen,

von denen die eine in Paris, die andere in Rom sein könne, müsse

man mit kräftigen Magneten ausrüsten. Bei genügender Stärke werde

der eine Magnet auf den anderen zu wirken vermögen. Es sei dann

nur erforderlich, unter jeder Nadel eine Scheibe mit Buchstaben

anzubringen. Der Sprechende habe nur seine Nadel auf die verschiedenen

Buchstaben einzustellen, um die Nadel des Empfängers zu den gleichen

Einstellungen zu veranlassen. Kurz, es ist der Grundgedanke des

Zeigertelegraphen, der uns hier entwickelt wird. Nur schade, daß das

Mittel zur Übertragung nicht ausreichte. Das sah auch *Schwenter* ein,

denn er fügt hinzu: »Die Invention ist schön, aber ich achte nicht

davor, daß ein Magnet solcher Tugend auf der Welt gefunden werde.«

Das bedeutendste Ereignis der folgenden Periode ist die Begründung

der Dynamik durch *Galilei*. Auch dies geschah nicht unvermittelt.

Fanden sich schon bei *Lionardo da Vinci* klare, wenn auch noch nicht

hinreichend durchgearbeitete Begriffe auf diesem Gebiete der Physik,

z. B. bezüglich des Fallens über die schiefe Ebene[944] vor, so mehren

sich die Ansätze, je weiter wir uns dem Auftreten *Galileis* nähern.

Vor allem greift eine bessere, schon auf physikalischen Grundsätzen

beruhende Auffassung der Wurfbewegung Platz. Man erkennt, daß die

Bahn des geworfenen Körpers eine einzige krumme Linie ist, nicht

aber aus geraden und krummen Stücken besteht, wie die Peripatetiker

behaupteten, sowie daß die größte Wurfweite bei einem Elevationswinkel

von 45° erzielt wird[945]. Auch die Meinung der Aristoteliker, daß

ein Körper um so schneller falle, je schwerer er ist, wird schon vor

*Galilei*, der sie glänzend widerlegt, durch den Italiener *Tartaglia*

erschüttert. Dieser lehrte, daß Körper von verschiedenem Gewicht

beim freien Fall in gleichen Zeiten gleiche Strecken zurücklegen,

sowie daß ein im Kreise geschwungener Gegenstand beim Aufhören der

Zentralbewegung sich in tangentialer Richtung fortbewegt.

Obwohl man solche Vorarbeiten als die Anzeichen des beginnenden

Umschwunges hoch bewerten muß, ist doch erst *Galilei* als der

eigentliche Begründer der Dynamik zu betrachten, weil durch ihn wie mit

einem Schlage fast alles beseitigt wurde, was jener Wissenschaft an

Verschwommenheit und aristotelischer Betrachtungsweise noch anhaftete.

Für die Chemie sollte ein entsprechender Fortschritt noch lange

auf sich warten lassen. Zwar wurde er hier durch anerkennenswerte

Leistungen weit mehr vorbereitet als die fast unvermittelt uns

entgegentretenden Errungenschaften *Galileis*. Die Umgestaltung zur

exakten Wissenschaft vollzog sich aber trotzdem auf dem Gebiete der

Chemie erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts. Während nämlich die

Grundlagen der Mathematik, der Astronomie und der Statik der neueren

Epoche schon in wissenschaftlicher Gestalt vom Altertum überliefert

wurden, war die Alchemie, deren Grundlagen zwar auch im Altertum, wenn

auch erst in den letzten Jahrhunderten dieses Zeitraums entstanden,

doch im wesentlichen ein Erzeugnis des Mittelalters und, dem Hange

jener Zeit entsprechend, durch mystische Zusätze stark getrübt. Wie

*Roger Bacon* und *Albertus Magnus* wandelten die Vertreter der

Chemie zu Beginn der neueren Zeit noch ganz in den vom Mittelalter

vorgezeichneten Bahnen. An den Stein der Weisen, dessen Herstellung

nach wie vor das Hauptziel aller Bemühungen blieb, knüpfte man die

abenteuerlichsten Hoffnungen. Der Stein sollte nicht nur, wie bei den

älteren Alchemisten, beim Zusammenschmelzen mit unedlen Metallen Gold

erzeugen, und zwar unbegrenzte Mengen, oder wenigstens 1000 × 1000

Teile, sondern er sollte auch das Leben verlängern, dem Alter die

Jugend zurückgeben und alle Krankheiten heilen. Doch begegnen uns diese

Vorstellungen auch schon in weit früherer Zeit[946].

Von der Überzeugung, daß die Darstellung der Materia prima gelungen,

und Gold mit ihrer Hilfe dargestellt sei, war man übrigens fest

durchdrungen. Die Alchemie erlangte sogar eine gewisse politische

Bedeutung. An den Fürstenhöfen besaßen Männer, die sich angeblich im

Besitze des Geheimnisses befanden, großen Einfluß. Nachdem z. B. die

englische Regierung die Gelehrten und die Geistlichen aufgefordert

hatte, die Hilfe Gottes zu erflehen, damit die Herstellung des Steins

der Weisen endlich gelinge und man die Staatsschulden bezahlen

könne[947], gedieh die Sache bald darauf schon weiter. Dasselbe Land

nahm nämlich keinen Anstand, aus alchemistischem Golde geprägte

Münzen in Umlauf zu bringen. Doch war man, zumal in den geschädigten

Nachbarländern, aufgeklärt genug, um bald zu erkennen, daß es sich hier

um eine arge Täuschung handelte[948].

So bildete denn während des langen Zeitraums von mehr als einem

Jahrtausend das Suchen nach Gold[949] die treibende Kraft für die

chemische Wissenschaft. Denn als eine Wissenschaft müssen wir die

Chemie auf jener Entwicklungsstufe gelten lassen, wenn auch als eine

rein empirisch betriebene. Wurden doch während dieses ausgedehnten

Zeitraums eine unübersehbare Fülle von Tatsachen über das chemische

Verhalten der Körper beobachtet, eine Unzahl neuer Verbindungen

hergestellt, die wichtigsten chemischen Operationen ausgebildet, kurz

eine breite Grundlage geschaffen, die für die spätere Errichtung

eines Lehrgebäudes ganz unerläßlich war. Wir dürfen ferner bei der

Beurteilung der Alchemisten nicht vergessen, daß viele von ihnen von

einem heißen, wenn auch noch unklaren Streben nach dem Eindringen

in die für sie mit dem tiefen Schleier des Geheimnisvollen und

Unerklärlichen verhüllte Natur erfüllt waren und weiter, daß auch heute

noch die Hoffnung auf materiellen Gewinn oder wenigstens auf Nutzen

für das Gemeinwohl für sehr viele wissenschaftliche Unternehmungen,

insbesondere für diejenigen, welche der Staat mit seinen Mitteln

fördert, die wichtigste Triebfeder ist.

Zu den eifrigsten Beschützern der Alchemisten und der Astrologen

gehörte der deutsche Kaiser *Rudolf II.*, der auf den Lebensgang des

großen *Kepler* einen solch tiefgreifenden Einfluß ausgeübt hat. Als

*Rudolf II.* im Jahre 1612 starb, fand man in seinem Nachlaß große

Mengen Gold und Silber, die als Erzeugnisse der alchemistischen Kunst

betrachtet wurden. Wenige Jahre später berichtet *van Helmont*,

ein Mann, von dessen Ehrlichkeit in wissenschaftlichen Dingen wir

überzeugt sein dürfen, der aber ein ganz unklarer Phantast war, daß es

ihm gelungen sei, acht Unzen Quecksilber mit 1/4 Gran der gesuchten

Substanz, die auf eine etwas mysteriöse Weise in seine Hände gelangt

war, in Gold zu verwandeln.

Unter den ersten, die sich von der Alchemie, wie auch von der

Astrologie, abwandten, ist der an anderer Stelle wegen seiner

Verdienste um die Geologie genannte Franzose *Palissy* (1510 bis 1590)

zu nennen. Für seinen Zeitgenossen *Rabelais* waren die Astrologen

und die Alchemisten sogar ein unerschöpflicher Gegenstand beißenden

Spottes. Etwa zur selben Zeit wandte sich auch *Lionardo da Vinci*

gegen die »lügnerische und verderbliche Kunst der Alchemie und ihre

betrügerischen Anhänger«. Er bestritt, daß Schwefel und Quecksilber

Bestandteile der Metalle seien und erklärte die künstliche Darstellung

des Goldes für ebenso unmöglich wie die Quadratur des Kreises und das

Perpetuum mobile[950].

Daß die alchemistischen Bestrebungen stets von neuem Nahrung fanden,

und sich bis in das 18. Jahrhundert[951] hinein fortsetzen konnten, so

daß wir auf sie noch zurückkommen müssen, darf unter solchen Umständen

nicht wundernehmen. Die Chemie erhielt jedoch in dieser Periode, wenn

sich ihr Gesamtcharakter zunächst auch wenig änderte, eine Anregung,

die für ihre weitere Entwicklung von Bedeutung werden sollte. Als

zweite wichtige, die Erzeugung des Steines der Weisen immer mehr in den

Hintergrund drängende Aufgabe wurde es nämlich betrachtet, geeignete

Präparate zum Heilen der Krankheiten herzustellen. Es beginnt damit das

Zeitalter der medizinischen oder Jatrochemie.

Der Hauptvertreter der Jatrochemie war *Paracelsus*. Dieser merkwürdige

Mann, dessen Lebenslauf hier nicht eingehender betrachtet werden kann,

wenn er auch ein Stück Kulturgeschichte zu entrollen geeignet ist,

wurde im Jahre 1493 zu Einsiedeln in der Schweiz geboren. *Theophrastus

Paracelsus* (von Hohenheim) bekleidete eine Zeitlang eine Professur

in Basel, führte jedoch im übrigen ein unstätes Leben, bis er 1541

gänzlich mittellos starb. Sein ganzes Auftreten kennzeichnet ihn als

einen Vertreter des reformatorischen Geistes jener Zeit, der sich

keineswegs auf das kirchliche Gebiet beschränkte. Insbesondere wandte

sich *Paracelsus* gegen die anerkannten wissenschaftlichen Autoritäten,

die bislang auf dem Gebiete der Chemie und dem der Medizin gegolten

hatten. *Paracelsus* spricht es unumwunden aus, daß der wahre Zweck der

Chemie nicht darin bestehe, Gold zu machen, sondern daß es ihre Aufgabe

sei, Arzneien zu bereiten, die man bis dahin nach dem Vorgange *Galens*

fast ausschließlich dem Pflanzenreiche entnommen hatte. In etwas

theatralischer Weise übergab *Paracelsus*, als er seine Vorlesungen

in Basel gegen alles Herkommen in deutscher Sprache eröffnete, ältere

Werke, deren Inhalt er bekämpfte, den Flammen. Und zwar geschah dies,

bald nachdem *Luther* die Brücke dadurch hinter sich vernichtet hatte,

daß er die päpstliche Bannbulle öffentlich verbrannte.

*Paracelsus* hat bis vor kurzem als umherschweifender, dem Trunke

ergebener Charlatan gegolten. Die neuere *Paracelsus*forschung[952] hat

mit dieser Auffassung gebrochen. Der Wandertrieb des *Paracelsus* ist

aus einer gründlichen Abkehr vom herkömmlichen Bücherstudium und aus

seinem Triebe zur Naturerkenntnis zu erklären. *Paracelsus* begründet

sein ihm oft zum Vorwurf gemachtes Verhalten mit folgenden Worten: »Mir

ist not, daß ich mich verantworte von wegen meines Landfahrens. Daß ich

so gar nirgends bleiblich bin, zeichnet den Weg derer, die den Büchern

den Rücken wenden und in die Natur hinaustreten. Mein Wandern hat mir

wohl erschlossen, daß keinem sein Meister im Haus wachset noch seinen

Lehrer hinter dem Ofen hat. Die Künste sind nicht verschlossen in Eines

Vaterland, sondern ausgeteilt durch die ganze Welt, sie sind nicht in

einem Menschen oder an einem Ort, sie müssen zusammengeklaubt werden

und gesucht, da sie sind. Die Kunst geht keinem nach, aber ihr muß

nachgegangen werden. Wie mag hinter dem Ofen ein guter Kosmographus

wachsen oder ein Geograph?« An einer andern Stelle sagt er: »Die

Weisheit ist eine Gabe Gottes. Da er sie hingibt, in demselbigen soll

man sie suchen. Also auch da er die Kunst hinlegt, da soll sie gesucht

werden ... Die Schrift wird erforschet durch ihre Buchstaben, die Natur

aber von Land zu Land, so oft ein Land so oft ein Blatt. Also ist Codex

Naturae, also muß man ihre Blätter umkehren«[953].

*Paracelsus* verhielt sich den Anhängern *Luthers* und *Zwinglis*

gegenüber ebenso ablehnend wie gegen das Papsttum und seine Lehre. Er

stand über den kirchlichen Streitereien seiner Zeit. Seine Frömmigkeit

war eine rein menschliche, sein Herz erfüllt von der Liebe zum

Nächsten. Diese solle die Berufstätigkeit des Arztes durchdringen[954].

Am größten ist der Einfluß des *Paracelsus* auf die damalige, häufig

nur auf verderbter Überlieferung der alten Literatur beruhende

Heilkunde gewesen. Die Werke *Galens*, das hervorragendste Erzeugnis

der antiken Heilwissenschaft, hatten nämlich einen großen Umweg

gemacht, um nach Mitteleuropa zu gelangen. Die Araber hatten sie

überliefert. Die Erläuterungen waren vorzugsweise in Spanien und

Italien entstanden, und schließlich waren *Galens* Werke noch in

jenes barbarische Latein übertragen, das vor dem Emporblühen des

Humanismus die Schriftsprache der mitteleuropäischen Universitäten war.

Als Lehrbuch wurde besonders der um das Jahr 1000 entstandene Kanon

des *Avicenna* (Ibn Sina) benutzt, ein umfangreiches Werk, welches

das Ganze der antiken und frühmittelalterlichen Chemie und Medizin

umfaßte[955].

Diesem Zustande machte *Paracelsus* durch sein kühnes Auftreten

ein Ende. Er war es, der zuerst die in bloßer Buchgelehrsamkeit

erstarrte Heilkunde wieder als reine Erfahrungswissenschaft auffassen

lehrte[956]. Im Verkehr mit Bergleuten, Handwerkern und den auf

sich angewiesenen, der Natur noch unbefangen gegenüberstehenden

Bewohnern einsamer Wälder und Gebirge sammelte er seine Kenntnisse.

Der Natur müsse man nachgehen von Land zu Land, und die Augen, die

»an der Erfahrenheit Lust« hätten, seien die wahren Professoren.

In *Paracelsus* lebte ein tiefer Geist, der aber »von dem einen

Punkte, den er ergriffen, die Welt erobern zu können meinte: viel zu

weit ausgreifend, selbstgenügsam, trotzig und phantastisch«[957].

Auf die wunderlichen medizinischen Vorstellungen des *Paracelsus*

näher einzugehen, nach denen z. B. eine schaffende Kraft alle

Lebenstätigkeiten regelt, ihrerseits aber wieder in einem engen

Zusammenhange mit den Gestirnen steht, verbietet sich von selbst. Die

Verbindung der Heilkunde mit der Chemie ergibt sich nach *Paracelsus*

daraus, daß die Krankheiten auf Änderungen in der chemischen

Zusammensetzung des Körpers zurückzuführen seien. Chemisch wirksame

Mittel müßten also den normalen Zustand wieder herbeiführen können.

Alle Krankheiten sind von diesem Gesichtspunkte aus entweder durch

Zufuhr oder durch Beseitigung des im gegebenen Falle in Betracht

kommenden Elementes heilbar. Fieber wird auf ein Überwiegen von Sulfur

(Schwefel), Gicht auf die Ausscheidung von Mercurius (Quecksilber)

zurückgeführt, Elemente, die nach der Lehre des *Paracelsus* neben

Sal (Salz) die Grundbestandteile aller Dinge sind. Kupfervitriol,

Quecksilberchlorid, die schon vor *Paracelsus* als Heilmittel

empfohlenen Verbindungen des Antimons und zahlreiche andere, teils

giftige, teils ungiftige Präparate wandern damit in das Arsenal der

ärztlichen Heilmittel. Aus den oben genannten drei Elementen sind nach

*Paracelsus* alle Mineralien, Pflanzen und Tiere zusammengesetzt.

Es ist im wesentlichen die alte, auf die aristotelischen Elemente

zurückzuführende Lehre der Alchemisten. Der Sulfur war für

*Paracelsus* das Prinzip der Verbrennlichkeit, Mercurius bedingte die

Verflüchtigung, Sal endlich galt als der feuerbeständige Anteil, der

nach dem Verbrennen übrig bleibt.

Seit dem Zeitalter der Jatrochemie entwickelt sich der Stand der

chemisch vorgebildeten Pharmazeuten, aus dem manches für den weiteren

Ausbau der Wissenschaft bedeutende Talent hervorgegangen ist. Waren

doch seit dem Verschwinden der schwarzen Küche der Adepten bis gegen

das Ende des 18. Jahrhunderts die Apotheken vorzugsweise diejenigen

Stätten, von denen die praktische Beschäftigung mit der Chemie und die

Fortbildung dieser Wissenschaft ihren Ausgang nahmen.

Schon Kaiser *Friedrich II.* erließ eine Verordnung, nach der die

Arznei genau nach Vorschrift des Arztes und zwar zu einem bestimmten

Preise herzustellen war. In Deutschland entstanden die ersten

eigentlichen Apotheken erst gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts. Die

Einrichtung breitete sich indessen nur langsam aus, denn die Gründung

der ersten Apotheke in Berlin erfolgte erst im Jahre 1488. Weit später

folgten die nordischen Länder (Schweden 1552)[958].

Mit der Entwicklung der Chemie ist das Emporblühen der Mineralogie

stets eng verknüpft gewesen. Um 1500 begegnet uns das erste, sogar

deutsch geschriebene mineralogische Lehrbuch, das nicht ein bloßer

Abklatsch der aus dem Altertum überkommenen Werke ist, sondern

Selbständigkeit und Beobachtungsgabe verrät. Es führt den Namen

»Bergbüchlein«[959] und wurde dem lange Zeit als Verfasser zahlreicher

chemischer Schriften geltenden *Basilius Valentinus* zugeschrieben. Wir

haben es indessen bei diesem nicht mit einer historischen, sondern mit

einer erst später (um 1600) erdichteten Persönlichkeit zu tun.

Auch *Paracelsus* schrieb über die Mineralien. Als der eigentliche

Vater der neueren Mineralogie ist jedoch *Georg Bauer* zu betrachten.

Er wurde 1494 in Zwickau geboren, wo er auch einige Jahre als

Rektor einer Schule vorstand, und nannte sich, nach der damaligen

Gelehrtenmode seinen Namen latinisierend, *Agricola*. Später studierte

er in Leipzig und Italien Heilkunde und wirkte von 1527 an zuerst in

Joachimstal, später in Chemnitz als Arzt. Er starb im Jahre 1555.

Das Interesse für den Bergbau und das Hüttenwesen seiner Heimat

bewogen *Agricola*, die Zeit, welche der Beruf ihm übrig ließ, auf

die Beobachtung jener Zweige der Gewerbtätigkeit zu verwenden und

alles, was er vorfand, mit den mineralogischen Kenntnissen der

Alten, deren Schriften ihm bekannt waren, zu vergleichen. *Agricolas*

Aufmerksamkeit wurde auch dadurch auf die Mineralogie gelenkt, daß in

der alten Literatur metallische Heilmittel erwähnt werden, deren man

sich besonders bei äußeren Krankheiten bediente. Er sammelte daher

alle mineralogischen Kenntnisse der Alten in der Hoffnung, damit

seinen, im gewerblichen Leben stehenden Zeitgenossen nützen zu können.

Zu seinem Erstaunen ward er aber gewahr, daß ohne jedes Zutun der

zunftmäßigen Wissenschaft in den deutschen Gebirgsländern eine Kenntnis

der Metalle, Mineralien und Gesteine, sowie der metallurgischen

Prozesse entstanden war, die eine neue, den Alten fast unbekannte Welt

bedeutete. Es galt nur, die Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen,

die man im Verlauf des Mittelalters gemacht hatte, in der Sprache der

Gelehrten darzustellen, um so eine neue Wissenschaft den früheren

anzureihen. »Dies getan zu haben und zwar mit eigener Einsicht und dem

unabhängigen Eifer, der allein wissenschaftliche Erfolge zu sichern

vermag, ist *Agricolas* Verdienst. Er hatte das Glück, nicht Anfänge

oder zweifelhafte Versuche, sondern erprobte und zusammenhängende

Kenntnisse, beinahe Systeme der Mineralogie und der Metallurgie

darbieten zu können, die eine Grundlage der späteren Studien geworden

sind[960].«

Als überzeugter Anhänger der Alchemie kann *Agricola* nicht betrachtet

werden. Jedenfalls sprach er sich offen gegen ihre Grundlehre aus, daß

die Metalle aus Sulfur und Mercurius beständen. Auch äußerte er sich

über die Möglichkeit der Metallverwandlung sehr zurückhaltend. Die

Ergebnisse seiner Bemühungen legte *Agricola* in mehreren Schriften

nieder, die, wie *Werner*, der Lehrer *Alexanders von Humboldt* und

*Leopolds von Buch* dankbar anerkannte, das Fundament der Mineralogie

bis zur neuesten, insbesondere durch die drei genannten Forscher

begründeten Epoche dieser Wissenschaft gewesen sind. Das bedeutendste

unter den Werken *Agricolas* ist das erst im Jahre 1556 vier Monate

nach dem Tode des Verfassers erschienene Bergwerksbuch[961]. Es bietet

ein vollständiges Bild des damaligen Berg- und Hüttenwesens, sowie

der Probierkunde und enthält zahlreiche treffliche Holzschnitte, die

nicht nur die hüttenmännischen Prozesse, sondern auch geologische

Einzelheiten, wie Erzgänge, Durchsetzungen, Verwerfungen usw.

darstellen.

[Illustration: Abb. 63. Hüttenwerk nach Agricola.]

Die Verwendung des Kompasses zu bergmännischen Zwecken wird in dem

Buche zum ersten Male geschildert. *Agricola* bringt auch eine

Abbildung des bergmännischen Kompasses. Das Verfahren, mit seiner Hilfe

Gruben anzulegen nennt er Marktscheidern. Etwas später begegnet uns die

erste ausführliche Anleitung zu dieser Kunst[962].

Die maschinellen Einrichtungen, die *Agricola* beschreibt,

unterscheiden sich nur wenig von den aus dem Altertum bekannten.

Doch tritt schon deutlich das Bemühen hervor, an die Stelle der

Menschenkraft diejenige der Tiere oder der unorganischen Natur zu

setzen. Die Pumpen z. B. werden durch Wasserkraft betrieben, ebenso

größere Hämmer, wie die aus *Agricolas* Werk herrührende Abb. 63

erkennen läßt. Die Ventilationsapparate werden durch den Wind in

Bewegung gesetzt usw. Man faßte also im Mittelalter die großen

Aufgaben, welche der Technik harrten, schon ins Auge, wenn auch die

Lösungen, zu denen man gelangte, noch recht unvollkommen waren[963].

Von den neueren metallurgischen Verfahrungsweisen erwähnt *Agricola*

auch den Amalgamationsprozeß, der für die Ausbeutung der neuentdeckten,

an Gold und Silber reichen Länder Amerikas später eine solch große

Bedeutung gewinnen sollte. Zwar war man schon im Altertum mit dem

Verhalten des Quecksilbers gegen Gold und Silber bekannt. Die

Verwendung des erstgenannten Metalles zur Gewinnung der Edelmetalle

aus dem Muttergestein blieb jedoch der Neuzeit vorbehalten. Erfunden

ist das Amalgamationsverfahren in Deutschland[964]. In großem Maßstabe

wurde es aber zuerst in Mexiko[965] und in Peru[966] angewandt.

*D'Acosta* beschrieb es in seiner Natur- und Sittengeschichte

Indiens[967], die uns auch über die ersten Entdeckungen auf botanischem

und zoologischem Gebiete Auskunft gibt. Das Silbererz wurde der

Einwirkung von Kochsalz und Quecksilber ausgesetzt und das gewonnene

Amalgam durch Erhitzen zerlegt. *Agricola* bringt auch Mitteilungen

über das Erdöl[968].

Zu der Zeit, als *Agricola* schrieb, glaubte man noch allgemein, die

Welt sei noch heute im wesentlichen in dem Zustande, in dem Gott sie

erschaffen habe. War es doch kein geringes Wagnis, dem in der Bibel

enthaltenen Schöpfungsbericht zu widersprechen, an dem selbst die

Gebildeten damals blindlings festhielten[969]. Dem gegenüber vertrat

*Agricola* die Anschauung, daß die Gesteine und die Mineralien den

Naturkräften ihren Ursprung verdanken. Durch welche Kräfte er sich die

Berge entstanden denkt, schildert er mit folgenden Worten[970]: »Da wir

sehen, daß die Gänge durch das Gestein der Gebirge gehen, so muß ich

zunächst die Entstehung der letzteren und darauf den Ursprung der Gänge

auseinandersetzen. Die Hügel und die Berge werden durch zwei Ursachen

hervorgebracht, nämlich durch den Andrang der Gewässer und durch die

Kraft der Winde. Zerstört und aufgelöst werden die Hügel und die Berge

durch drei Ursachen, denn zu den beiden soeben genannten kommt noch die

innere Glut der Erde hinzu.

Daß die Gewässer die meisten Berge erzeugen, liegt klar vor Augen.

Sie spülen zunächst die weiche Erde fort. Dann reißen sie die härtere

Erde weg und endlich wälzen sie die Steine herab. Indem sie auf diese

Weise Höhlungen hervorrufen, bewirken sie in vielen Menschenaltern,

daß das stehenbleibende Land bedeutend hervorragt. Von dem steilen

Abhang solcher Hervorragungen werden dann durch häufige Regengüsse

erdige Massen so lange abgelöst, bis sich ein steiler Abhang in

einen geneigten verwandelt.« *Agricola* schildert somit schon ganz

zutreffend den talbildenden Vorgang, den man als Erosion bezeichnet,

sowie die Abtragung der Gebirge. Hätte er schon eine Vorstellung von

der gebirgsbildenden Tätigkeit des Vulkanismus gehabt, so würden seine

Anschauungen sich den heutigen noch mehr genähert haben. Er fährt dann

fort: »Auch die Vertiefungen, die jetzt die Meere aufnehmen, waren

einst nicht sämtlich vorhanden. An vielen Stellen war Land, bevor die

Kraft der Winde das in der Brandung aufbrausende Meer in das Land

hineintrieb. In gleicher Weise zerstört auch der Andrang der Gewässer

die Hügel und die Berge vollständig. Obgleich all diese Veränderungen

in großem Maße stattfinden, bemerkt man sie gewöhnlich nicht, da sie

infolge der langen Zeiträume, die sie beanspruchen, aus dem Gedächtnis

der Menschen schwinden.«

Diese Worte erinnern an diejenigen des *Aristoteles* (S. 124), den

*Agricola* an vielen Stellen seiner Schriften zitiert.

Auch *Avicenna* (S. 312) hat eine Theorie der Entstehung der Gebirge

gegeben, die mit derjenigen *Agricolas* fast übereinstimmt, weil beide

direkt oder durch Vermittlung auf dieselben alten Schriftsteller

zurückgingen. Über die Ansichten *Avicennas* berichtet *Lyell*[971].

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, I. Band Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften · 第 32 / 58 题