Bis zur Beendigung der Kreuzzüge hatte Westeuropa unter einer
überwiegend kirchlichen Führung gestanden. Probleme religiöser und
scholastisch-philosophischer Art nahmen während dieser Zeit das Denken
vorzugsweise in Anspruch. Das nunmehr eintretende Sinken der Hierarchie
hatte zur Folge, daß man sich auch anderen Gegenständen zuwandte.
Es sind vor allem zwei mächtige neue Bewegungen von nie versiegender
Wirkung, welche die europäische Menschheit gegen den Ausgang des
Mittelalters ergreifen, die Wiederbelebung des klassischen Altertums
und die durch die Entdeckungsreisen erfolgende Ausdehnung des
geographischen Gesichtskreises über die gesamte Erde.
Vorbereitet wurde der große geistige Umschwung, dessen Vorboten bis
in das 13. Jahrhundert zurückreichen, durch einen wirtschaftlichen
Vorgang, nämlich durch das Emporblühen des Städtewesens. Vor allem
sind hier Pisa, Florenz, Venedig und Genua zu nennen. Diese waren
durch den Handel zu Wohlstand und Macht und schließlich sogar zu einer
meerbeherrschenden Stellung gelangt. Die Berührung mit sämtlichen
Völkern des Mittelmeeres, das Emporblühen der Kunst und der Gewerbe,
kurz die Erweiterung des gesamten Gesichtskreises brachten es mit sich,
daß an diesen Stätten die Nacht des Mittelalters zuerst der Morgenröte
eines neuen, besseren Tages wich.
Die ältere Geschichtsschreibung liebte es, die Renaissance als
ein fast blitzartiges Aufleuchten hinzustellen, wodurch das tiefe
Dunkel des Mittelalters verscheucht und von Italien aus das übrige
Europa allmählich erhellt worden sei. Es war dies die besonders
durch *Burkhardt*[824] vertretene Anschauung. *Burkhardt* stand
noch allzusehr unter dem Einflüsse *Vasaris*, des frühesten
Geschichtsschreibers der Renaissance. *Vasari*[825], der um die Mitte
des 16. Jahrhunderts schrieb, stand offenbar den von ihm geschilderten
Begebenheiten zeitlich noch zu nahe, um ein zutreffendes, allgemeines
Urteil fällen zu können. Auch war er bestrebt, die von ihm behandelte
Epoche der vorangehenden Zeit gegenüber in hellem Glanze hervortreten
zu lassen[826].
Die neuesten Forschungen über die Entwicklung des geistigen Lebens
und der Kunst lassen immer deutlicher erkennen, daß sich zwischen
Mittelalter und Renaissance keine scharfe Grenze ziehen läßt. Vielmehr
reicht die Bewegung, die wir mit dem Worte Renaissance kennzeichnen,
in ihren Anfängen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Auch war sie
keineswegs auf den Boden Italiens beschränkt. Erlebte sie auch dort
ihre höchste Blüte, so begegnet uns die Wiedergeburt der Künste und
der Wissenschaften doch auch in Frankreich, in Deutschland und den
Niederlanden. Und zwar lassen sich auch in diesen Ländern das Streben
nach selbständiger Auffassung und eine dadurch bedingte Abkehr von der
bisherigen Denkweise, gewissermaßen eine allmähliche Umwertung der
Werte, bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Dennoch darf man,
im Gegensatz zur älteren historischen Schule (*Burkhardt*, *Voigt*,
*Libri*) nicht so weit gehen, die Renaissance »als das Resultat und
die feinste Blüte des Mittelalters« zu bezeichnen[827]. Ist doch die
Renaissance, die wenn auch lange vorbereitete, allmähliche Überwindung
derjenigen Momente, welche das christliche Mittelalter kennzeichnen.
Als diese im geistigen Leben des Mittelalters überwiegenden
Momente werden stets gelten müssen: erstens die Unterordnung der
wissenschaftlichen und künstlerischen Betätigung unter den Einfluß der
Kirche, ferner die Herrschaft der Autorität des geschriebenen Wortes
und drittens die Abkehr von realistischer und die Versenkung in die
spiritualistische Denkweise.
Die Wiederbelebung der römischen und der griechischen Literatur
erfolgte seit dem 14. Jahrhundert in immer größerem Umfange und führte
zu einer wachsenden Vertiefung in den Geist der Antike. Es entstand
die Richtung, die man als den Humanismus bezeichnet. Brachte sie den
Naturwissenschaften auch keinen unmittelbaren Gewinn, so bewirkte
sie doch, daß mit den erwähnten mittelalterlichen Elementen, welche
das Denken bisher gefangen hielten, gebrochen und für die Behandlung
und die Darstellung wissenschaftlicher Gegenstände Vorbilder gewonnen
wurden. Es wurde, wie ein hervorragender Geschichtsschreiber der
Periode des Humanismus sagt[828], »die vergessene Tiefe der Vorzeit
heraufbeschworen und diese in ihren edelsten Schöpfungen noch einmal
durchlebt«. Das Land, wo der Humanismus seine erste Blüte erlebte, war
Italien. Dort waren nämlich die Scholastik, die romantische Poesie und
die gotische Baukunst nie zur vollständigen Herrschaft gelangt und
immer noch eine Erinnerung an das Altertum übrig geblieben, die endlich
im 15. Jahrhundert alle Geister ergriff und der Literatur ein neues
Leben einhauchte[829].
Auf dem Boden Italiens hatte die Berührung der antiken Welt mit
dem germanischen Elemente vorzugsweise stattgefunden. War Italien
dabei auch von vielen Völkern zertreten worden, so hatten sich doch
manche Reste und Vermächtnisse der alten Kultur in die neue Zeit
hinübergerettet. Die führenden Männer, denen wir die Wiederbelebung
dieser Keime verdanken, waren vor allem *Petrarka* und *Boccaccio*.
In den Beginn der großen literarischen Epoche, welche diese Männer
verkörpern, gehört der bewundertste Dichter der italienischen Nation,
*Dante*. Geboren wurde *Dante* 1265 in Florenz; er starb im Jahre
1321. *Dante* hat zwar von den besten römischen Dichtern, wie *Horaz*,
*Ovid* und *Vergil*, manche Anregung empfangen, doch gehört er noch
nicht zu den Erneuerern der alten Literatur. Seine Bildung beruht
vielmehr noch vorzugsweise auf dem Trivium und dem Quadrivium der
mittelalterlichen Philosophen. Der Geist, der aus *Dante* spricht, ist
aus der Vereinigung der Scholastik mit der provenzalischen Romantik
hervorgegangen. Und diesen Geist verrät auch sein geniales Meisterwerk,
die göttliche Komödie. Sie ist nicht nur als ein hervorragendes Werk
der Dichtkunst, sondern auch als eine Fundgrube für den Stand der
Kenntnisse zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu schätzen[830]. Es war
nicht viel mehr als eine dunkle Ahnung, mit der *Dante* das Wesen der
Antike erfaßte, in ihre Tiefen ist er noch nicht eingedrungen. Das
geschah erst durch *Francesco Petrarka*[831].
*Petrarkas* Vater besaß einige Schriften *Ciceros*. Sie und die
Dichtungen *Vergils*, die das Mittelalter nie vergessen hatte, kamen
dem jungen *Petrarka* in die Hände und wurden von ihm weniger des
Inhalts als des Wohllauts der Sprache und des beredten Ausdrucks wegen
mit Begeisterung gelesen. Da man nur einen kleinen Teil der Schriften
*Ciceros* besaß -- die Briefe z. B. waren in Vergessenheit geraten
--, so begann *Petrarka*, als er heranwuchs, nach den verschollenen
Werken des von ihm so hoch verehrten Schriftstellers zu suchen. Sein
Umherstöbern in alten Klosterbibliotheken wurde mit Erfolg belohnt.
Er selbst begab sich ans Abschreiben und wußte zahlreiche Männer in
den Dienst seiner Bestrebungen zu stellen. Nach Spanien, Frankreich,
Deutschland und Britannien, ja selbst nach Griechenland sandte er die
Aufforderung, nach bestimmten, verschollenen Schriften zu forschen.
Oft fügte er seinen Bitten und Mahnungen auch Geldbeträge bei. Die
Schriften der Alten wurden aber nicht nur gesammelt und vervielfältigt,
man betrachtete sie auch als Muster für den Ausdruck und bemühte sich,
den eigenen Ausdruck danach zu vervollkommnen.
*Petrarka* wandte sein Interesse nicht nur den Literaturwerken, sondern
auch allen übrigen antiken Überresten, wie Bauwerken, Münzen usw. zu,
an denen der Boden Italiens so reich ist. Auch auf die griechische
Kultur lenkten *Petrarka* und seine Nachfolger die Aufmerksamkeit des
Abendlandes. Zwar fehlte es im 14. Jahrhundert zunächst noch sehr an
der Kenntnis der griechischen Sprache. Hierin trat aber eine Änderung
nach dem Fall Konstantinopels ein, da viele griechische Flüchtlinge
infolge dieses Ereignisses sich nach Italien wandten. Der treueste
und eifrigste Jünger *Petrarkas* war *Giovanni Boccaccio*. Der Eifer
von den alten Schätzen zu sammeln, was noch zu retten war, wurde fast
durch die Besorgnis übertroffen, daß es schon zu spät sein möchte. Daß
diese Besorgnis sehr gerechtfertigt war, beweist *Boccaccios* Bericht
über seinen Besuch der Bibliothek zu Monte Cassino. Er fand sie in
einem vernachlässigten Raume und weder durch Schlösser noch durch Türen
abgesperrt. Als er die Codices öffnete, bemerkte er Verstümmelungen
aller Art. Weinend vor Unwillen verließ er den Raum. Seine Frage, warum
man die herrlichen Schätze so schmählich behandle, wurde von den
Mönchen dahin beantwortet, daß man das herausgeschnittene Pergament
zu Psaltern und Breven verwende, die an Frauen und Kinder verkauft
würden[832]. Und das geschah in Monte Cassino, einer Pflanzstätte der
Gelehrsamkeit.
Die Wissenschaften im Zeitalter des Humanismus.
Auf die Zeit des Beginns des Humanismus folgte seine Ausbreitung.
Sie geschah besonders durch Wanderlehrer und durch die Gründung von
Gelehrtenrepubliken nach platonischem Muster. Es ist als eine große
Tat der ersten Humanisten zu betrachten, daß sie die Fürsten, vor
allem die Mediceer, ja den gesamten Adel des Landes, aber nicht minder
das wohlhabende Bürgertum der italienischen Stadtrepubliken für ihre
Bemühungen zu begeistern wußten. Dies war um so schwieriger, als ja zu
jener Zeit die beweglichen Lettern noch nicht der Wissenschaft Flügel
verliehen hatten, sondern die gehobenen literarischen Schätze noch
durch Abschreiben vervielfältigt werden mußten. Per Humanismus fand
auch an den Universitäten und bei den kirchlichen Machthabern eine
Heimstätte. Vor allem war es Papst *Nikolaus* V., der nach mediceischem
Vorbilde große Mittel für literarische Bestrebungen hergab. Auf seine
Anregung hin wandte man sich besonders der griechischen Literatur
zu. An Stelle der alten scholastischen Bearbeitungen traten jetzt
im Abendlande die wirklichen aristotelischen und platonischen
Schriften. Papst *Nikolaus*, dem es in erster Linie auf das Sammeln
der Bücher ankam, der Begründer der großen, dem Ansehen des Papsttums
entsprechenden vatikanischen Bibliothek, zog viele griechische Gelehrte
nach Rom und ließ nach dem Fall Konstantinopels durch reisende Händler
zahlreiche Bücher in Griechenland und in Kleinasien aufkaufen. Seitdem
die humanistischen Bestrebungen durch *Nikolaus V.* ihren Mittelpunkt
in Rom gefunden hatten, dehnte sich ihr Einfluß auch nördlich von
den Alpen aus. Mit den Gelehrten waren zahlreiche griechische Texte,
darunter z. B. die Werke des *Archimedes*, von Konstantinopel nach
Italien gelangt. Der Humanismus erlebte jetzt nicht nur hier die Zeit
seiner höchsten Blüte, sondern auch im übrigen Europa, vor allem in
Deutschland, wo er durch den Kardinal *Nicolaus von Cusa* besonders
Eingang fand, sowie in England.
Hatte Papst *Nikolaus V.* die humanistischen Studien mehr aus
Liebhaberei und in der Absicht gefördert, Rom zum Mittelpunkt auch für
die geistigen Bestrebungen zu machen, so bestieg bald nach ihm in *Pius
II.*[833] ein wirklicher Humanist den päpstlichen Stuhl. Er wandte sich
der Geographie und der Geschichte zu, suchte beide Wissenschaften in
Beziehung zu setzen und schuf eine Kosmographie, die auch *Columbus*
angeregt hat[834].
*Pius II.* verdient um so mehr Anerkennung, als die übrigen
Humanisten dem wissenschaftlichen Vermächtnis des Altertums zunächst
wenig Interesse und Verständnis entgegenbrachten. Mathematik,
Naturwissenschaften und Medizin, kurz, strengere Wissenschaften fanden
nur geringe Beachtung. Der Humanismus war herrschende Mode geworden
und diese verlangte schöngeistige Leistungen. Das größte Gewicht
wurde bei allem literarischen Schaffen auf die Form gelegt, und durch
dieses Bestreben erlangte, wiederum unter der Führung *Petrarkas* und
*Boccaccios*, die heimatliche Sprache eine solche Vollendung, daß
*Galilei* und seine Schüler es vorzogen, in der Sprache ihres Landes
zu schreiben, während in Deutschland und den übrigen Ländern unter den
Gelehrten kaum jemand daran dachte, sich einer anderen Sprache als der
lateinischen zu bedienen.
Trotz aller Bestrebungen der Päpste, Rom zum Mittelpunkt der
humanistischen Bestrebungen zu machen, gebührt Florenz der Ruhm,
nicht nur die Wiege, sondern in der Folge auch der bedeutendste Hort
des Humanismus gewesen zu sein. Die Geschicke von Florenz hingen
während des gesamten 15. Jahrhunderts auf das Engste mit der über
ungemessene Reichtümer verfügenden, gleichzeitig aber für Kunst und
Wissenschaft begeisterten Familie der Mediceer zusammen. In *Cosmo* und
in seinem Enkel *Lorenzo*, dem »Prächtigen«, fanden die Künstler und
die Gelehrten Gönner, die ihren Bestrebungen nicht nur eine jederzeit
offene Hand, sondern auch ein volles Verständnis entgegenbrachten.
*Cosmo* selbst war der Stifter einer Akademie, in der sich die
geistig und künstlerisch hervorragenden Männer aneinanderschlossen.
Dem Beispiele der Päpste und der Mediceer folgte, wie nicht anders
zu erwarten, alles, was Anspruch auf Reichtum und vornehme Herkunft
machte. Auch die Frauen nahmen einen hervorragenden Anteil an dieser
Bewegung, die ihre Kehrseite leider in den politischen und sittlichen
Zuständen des damaligen Italiens fand. Die Freude, welche jene Bewegung
in ihrer Lebensfülle hervorruft, wandelt sich in Anbetracht mancher
Ergebnisse der neueren Geschichtsforschung mitunter in das Gefühl
des Schauderns, während die älteren Schilderer jenes Zeitalters jene
Kehrseite zu wenig beachteten und in dem Gemälde, das sie uns von der
Renaissance entwarfen, nur die lichten Seiten hervortreten ließen[835].
Es war für die weitere Entwicklung des geistigen Lebens von der größten
Bedeutung, daß mit dem Einsetzen der humanistischen Strömung die
Erfindung des Buchdrucks und die Errichtung der ersten Universitäten
auf deutschem Boden zusammenfielen. Das Universitätswesen war
im 13. Jahrhundert in Spanien, Italien, Frankreich und England
herangeblüht. In Deutschland fehlte es zwar nicht an Privat-, Pfarr-
und Stadtschulen, eine weitergehende wissenschaftliche Bildung und
akademische Würden konnten aber nur im Auslande erlangt werden. Eine
Änderung trat erst ein, als *Karl IV.*, gestützt auf Erfahrungen,
die er selbst in Paris gemacht hatte, die erste deutsche Universität
in Prag (1348) begründete. Noch in demselben Jahrhundert wurden die
Universitäten zu Wien (1365) und Heidelberg (1386) ins Leben gerufen.
Auch die norddeutschen Städte wollten nicht zurückstehen. Unter ihnen
sind vor allem Köln und Erfurt zu nennen, weil sie gleichfalls noch im
14. Jahrhundert in ihren Mauern Hochschulen gründeten.
Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Institute war, mit heutigem
Maßstabe gemessen, allerdings noch gering. Ihre wichtigste Aufgabe
erblickten sie in der Vorbildung der Geistlichkeit. Im Zusammenhange
damit war im Universitätswesen der geistliche Einfluß der überwiegende.
Die freie Forschung sollte sich an diesen Stätten erst allmählich und
mit Überwindung des hartnäckigsten Widerstandes entwickeln. Im 15.
Jahrhundert und weit darüber hinaus übte Hand in Hand mit der Kirche
die scholastische Philosophie eine fast unbestrittene, jedes freiere
Geistesleben einengende Herrschaft aus. Der Universitätsunterricht
regte nicht zum Forschen an, sondern er vermittelte wesentlich durch
Diktate und Disputierübungen Wortglauben und Autoritätsdünkel.
Durch das Eindringen des Humanismus in Deutschland wurden die deutschen
Universitäten wesentlich gehoben. Sie übernahmen die Pflege jener
neuen Richtung, wodurch ein freierer Zug in die bisherigen Stätten
scholastischen Gezänkes, theologischer Disputierwut und Unduldsamkeit
kam. Am erfreulichsten trat dieser günstige Einfluß in der Um- und
Fortbildung des Unterrichts in die Erscheinung. Man schuf bessere
Lehrbücher, ersetzte das Diktieren und Auswendiglernen durch fleißige
Lektüre der durch bessere Textkritik geläuterten, alten Schriften und
kehrte mit offenerem Blick zu den Erscheinungen zurück, die Natur-
und Menschenleben darboten. Auch das Emporblühen einer volkstümlichen
Kunst wirkte in dem Deutschland des 15. Jahrhunderts befreiend und
fördernd[836]. Erlebte doch Deutschland damals in *Albrecht Dürer*
eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft, wie wir sie in Italien an
*Lionardo da Vinci* bewundern.
Die hervorragendsten unter den Humanisten Mitteleuropas waren
*Agricola*, *Erasmus von Rotterdam*, dem wir die erste griechische
Ausgabe des Neuen Testaments verdanken, *Reuchlin*, der die hebräischen
Studien ins Leben rief, und *Melanchthon*. Letzterer entfaltete
eine ähnliche Tätigkeit wie *Rhabanus Maurus* und hat deshalb in
der Geschichte des Bildungswesens gleichfalls den Ehrentitel eines
Praeceptor Germaniae erhalten. Er setzte sich vor allem das Ziel,
in der Philosophie eine Reformation durch das Zurückgehen auf die
echten Schriften des *Aristoteles* zu bewirken, wie sie Luther in der
Theologie dadurch herbeizuführen suchte, daß er einzig und allein
das reine Evangelium als die wahre Quelle des religiösen Glaubens
hinstellte[837].
In Deutschland wurde *Wittenberg* zum Mittelpunkt des Humanismus. Von
hier ging auch, durch letzteren gefördert, diejenige freiere Gestaltung
des religiösen Lebens aus, die für das mittlere und nördliche Europa
einen Aufschwung von nie gesehenem Umfang einleiten sollte. Hatte
doch bis dahin die hierarchische Gewalt nicht nur die Normen für
den Glauben, sondern alle weltlichen Einrichtungen und Anschauungen
beherrscht. Daß diese Gewalt ins Wanken geriet, mußte nicht nur
in den Zuständen jener Zeit, sondern auch im Reiche der Gedanken
eine unermeßliche Veränderung hervorbringen[838]. Zu diesen beiden
Elementen, der Renaissance, die erst wieder »das Auge für den Menschen
und für die Dinge öffnete«[839] und als das Grundelement bezeichnet
werden muß, und zu der Reformation trat die Naturwissenschaft hinzu,
um im Verein mit ihnen die Weltanschauung und die Welt von Grund aus
umzugestalten. An die Stelle der Lehre wurde die Forschung und an die
Stelle des Himmels die veredelte Weltlichkeit gesetzt. Die Verheißung
lautete nicht mehr »Unsterblichkeit«, sondern »ewiger Ruhm«[840].
Der Angriff des Humanismus gegen die Scholastik ging besonders von
*Erasmus von Rotterdam* aus. Er machte den Kampf gegen die Scholastiker
der Klöster und der Universitäten zu seiner Lebensaufgabe. Sein »Lob
der Narrheit« ist voll Spott und Bitterkeit gegen die Fesseln, welche
die Philosophie und die Theologie jener Zeit beengten und jede freie
Regung erstickten[841]. Das Büchlein, das in zahllosen Auflagen
erschien und in viele Sprachen übersetzt wurde, hat besonders dazu
beigetragen, dem 16. Jahrhundert eine antiklerikale Richtung zu
geben[842]. Mit dem populären Angriff verband *Erasmus* den gelehrten.
Wie die Humanisten Italiens forderte er, man solle die Wissenschaften
aus den Schriften des Altertums erlernen, so die Naturgeschichte aus
*Plinius*, die Erdbeschreibung aus *Platon*, die Gottesgelehrtheit
nicht aus den Kirchenvätern, sondern aus dem neuen Testamente,
usw. Es war also noch kein Kampf gegen den Autoritätsglauben, der
mit den Humanisten anhob, sondern zunächst nur ein Zurückgehen auf
ursprüngliche, reinere Quellen. Indes schon diese Wandlung, obgleich so
maßvoll in ihren Zielen, ging nicht ohne den heftigsten Widerstand von
seiten der kirchlichen Scholastiker vor sich.
Mit welcher Erbitterung gekämpft wurde, zeigt uns der Lebensgang eines
*Hutten*. Daß es den Führern an Siegeszuversicht und an Begeisterung
für die große Sache nicht fehlte, bekundet uns derselbe *Hutten* durch
sein Wort: »O Jahrhundert, die Studien blühen, die Geister erwachen; es
ist eine Lust zu leben«[843]. Dieses Erwachen der Geister machte sich
zunächst weniger durch Neuschöpfungen geltend, als dadurch, daß man
den Unterricht naturgemäßer gestaltete und auf wertvolleren Grundlagen
errichtete, sowie vor allem dadurch, daß das ausschließlich kirchliche
Denken, die »hierarchische Weltansicht«, wenn auch nicht gebrochen, so
doch eingeschränkt und daneben wenigstens die Duldung anders gearteter
Ansichten erkämpft wurde.
Fast unvermittelt schloß sich an das Zeitalter des Humanismus für die
Naturwissenschaften die Periode an, die auch den alten Schriftstellern
keine unbedingte Autorität zuerkannte, mit dem Glauben brach und
an seine Stelle die freie, unabhängige Forschung setzte. Diese
Periode wird in Deutschland vor allem durch *Koppernikus* und durch
*Paracelsus*, sowie durch die Begründung der neueren Naturbeschreibung
(*Brunfels*, *Bock*, *Gesner* und *Agricola*) eröffnet. Mit dem Wirken
dieser Männer werden wir uns in den nächsten Abschnitten eingehend zu
befassen haben.
Die Wiederbelebung der Wissensschätze des Altertums kam auf
naturwissenschaftlichem Gebiete vor allem der Astronomie zu gute, für
welche selbst die Kirche immer ein, wenn auch zunächst nur praktisches,
Interesse bewiesen hatte. Kleriker wie Laien waren nämlich ängstlich
darauf bedacht, eine Verschiebung der Fasttage auf profane Tage,
wie sie jede Unvollkommenheit des Kalenders mit sich bringen mußte,
zu vermeiden. So waren, um ein Beispiel zu erwähnen, die Begleiter
*Magelhaens* in hohem Grade bestürzt, als sich nach der ersten
Weltumsegelung bei ihrem Eintreffen in Spanien aus der Schiffsrechnung
ergab, daß man um einen Tag hinter dem Kalender zurückgeblieben war und
infolgedessen zu unrechter Zeit gefastet hatte. Anfangs glaubte man
an einen Irrtum, bis man die Notwendigkeit einer solchen Erscheinung
einsah und infolgedessen später die Datumsgrenze einführte[844].
Nicolaus von Cusa.
Bei der Wiederbelebung der naturwissenschaftlichen Forschung spielte
in diesem Zeitalter der Kardinal *Nicolaus von Cusa* eine bedeutende
Rolle. Wie einst *Roger Bacon*, so machte er[845] Vorschläge zur
Verbesserung des Kalenders, sowie der alfonsinischen Tafeln, ohne
jedoch damit durchzudringen. *Nicolaus von Cusa* wurde im Jahre 1401
zu Cues an der Mosel als Sohn eines armen Fischers geboren. Seiner
Begabung wegen fand er Unterstützung, studierte in Padua und zeichnete
sich durch große, mit gewandtem Wesen vereinigte Gelehrsamkeit aus.
In päpstlichem Auftrage reiste er nach Konstantinopel und brachte von
dort wertvolle griechische Manuskripte nach Italien. Hier war er auch
mit dem fast gleichaltrigen *Paolo Toscanelli* (geb. 1397 zu Florenz)
bekannt geworden, welcher, durch die alten Schriftsteller angeregt, die
beobachtende Astronomie auf europäischem Boden zu neuem Leben erweckte.
*Toscanelli* hatte im Dome zu Florenz einen Gnomon angebracht, mit
dem er die Kulmination der Sonne auf die Sekunde genau zu ermitteln
vermochte. Die Einrichtung bestand in einer Platte, die sich 270 Fuß
über dem Boden des Domes befand. Sie besaß eine Öffnung, durch welche
ein Sonnenstrahl auf den Boden fiel. *Nicolaus von Cusa* zählte zu
den Schülern *Toscanellis*, der auch eine, leider verloren gegangene,
Seekarte entwarf. Sie ist sehr wahrscheinlich von *Behaim* bei der
Anfertigung seines Globus verwertet worden. Zur Zeit *Toscanellis*
kamen wahrscheinlich auch die ersten in Kupfer gestochenen Karten auf.
Daran schlossen sich noch vor Ablauf des 15. Jahrhunderts die ersten in
Holz geschnittenen und gedruckten Karten[846].
In Italien wurde *Nicolaus von Cusa* mit den aristotelischen Schriften
im griechischen Original bekannt, und zwar geschah dies zu einer Zeit,
als man in Deutschland nur die arabisch-lateinischen Bearbeitungen
des *Aristoteles* kannte. Die Folge war, daß *Nicolaus* sich um die
Ausbreitung des Humanismus in seiner deutschen Heimat sehr verdient
gemacht hat. Im Verein mit dem Papste *Nicolaus* V. bemühte er sich,
griechische Werke durch Übersetzung ins Lateinische zugänglicher zu
machen. So hat er an der Herausgabe des *Archimedes* auf Grund des
griechischen Originals hervorragenden Anteil genommen. Bei seiner
Beschäftigung mit Mathematik, Mechanik und Astronomie knüpfte er
überall an *Euklid*, *Archimedes* und andere alte Schriftsteller an. Er
war es auch, der zuerst unter den Neueren die eingewurzelte Ansicht,
daß die Erde der Mittelpunkt der Welt sei, erschütterte. Nach seiner
Lehre ist sie ein Gestirn und befindet sich, wie alles in der Natur, in
Bewegung.
Gleich einer Stelle aus dem Dialog des *Galilei* mutet es uns an, wenn
*Nicolaus von Cusa*[847] schreibt: »Es ist jetzt klar, daß die Erde
sich wirklich bewegt, wenn wir es gleich nicht bemerken, da wir die
Bewegung nur durch den Vergleich mit etwas Unbeweglichem wahrnehmen.«
Auf den Gedanken, daß die Fixsterne ein solches Unbewegliches sind,
kam *Nicolaus von Cusa* indessen nicht. Er würde sonst den Kern der
koppernikanischen Lehre vorweg genommen haben. »Wüßte jemand nicht,«
so fährt er fort, »daß das Wasser fließt und sähe er das Ufer nicht,
wie würde er, wenn er in einem auf dem Wasser dahingleitenden Schiffe
steht, bemerken, daß das Schiff sich bewegt? Da es daher jedem, er
mag auf der Erde, der Sonne oder einem anderen Sterne sich befinden,
vorkommen wird, als stände er im unbeweglichen Mittelpunkte, während
alles um ihn her sich bewege, so würde er in der Sonne, im Monde, im
Mars stehend, immer wieder andere Pole angeben.«
Die Bewegung der Erde um die Sonne hat *Nicolaus von Cusa* indessen
noch nicht gelehrt. Auch gründen sich seine Behauptungen oft mehr auf
allgemeine Überlegungen, denn auf Beobachtungen und mathematische
Schlüsse. Blieb somit sein System[848] auch weit von der Wahrheit
entfernt, so wurde doch zum erstenmal an der durch tausendjähriges
Bestehen geheiligten Autorität des *Ptolemäos* gerüttelt und der großen
Umwälzung, die 100 Jahre später durch *Koppernikus* auf dem Gebiete der
Astronomie eintrat, vorgearbeitet[849].
Auch um die Kartographie hat *Nicolaus von Cusa* sich Verdienste
erworben. Sogar der Versuch, eine Weltkarte zu entwerfen, rührt von
ihm her. Er bediente sich dabei der Kegelprojektion. Seine Karte, die
während der Renaissancezeit sehr geschätzt wurde, ist noch in mehreren
Exemplaren erhalten[850].
Auch mit mechanischen Dingen hat sich *Nicolaus von Cusa* beschäftigt.
So erdachte er zur Bestimmung der Tiefe eines Gewässers ein Bathometer.
Eine leichte Kugel sollte mit einem Gewichte beschwert und dadurch
zum Untersinken gebracht werden. Beim Berühren des Bodens sollte sich
das Gewicht loslösen und die Kugel emporsteigen. Aus dem für beide
Bewegungen erforderlichen Zeitaufwand konnte man dann die Tiefe des
Gewässers berechnen. *Nicolaus von Cusa* ist einer der ersten gewesen,
der verlangte, man solle bei allen Untersuchungen messend verfahren.
Er knüpft diese Bemerkung an seine Betrachtungen über die Wage[851]
und erläutert sie durch Beispiele. So heißt es, man könne leicht
feststellen, ob die Pflanzen ihre Nahrung aus der Luft oder aus dem
Boden bekämen. Man brauche nur die Samen und die erforderliche Menge
Erde abzuwägen und die Wägung nach dem Heranwachsen der Pflanze zu
wiederholen. Solche Anregungen blieben jedoch zunächst noch vereinzelt.
Sie wurden oft von denen, die sie aussprachen, nicht einmal verfolgt.
So sollten noch zwei Jahrhunderte verfließen, bis *Stephan Hales*
als der Erste die Methode des Wägens und des Messens in ausgedehnten
Versuchsreihen auf pflanzenphysiologische Vorgänge anwandte.
Lionardo da Vinci.
Ein ähnliches Verhältnis wie zwischen dem *Cusaner* und *Koppernikus*
begegnet uns auf dem Boden Italiens zwischen *Lionardo da Vinci* und
*Galilei*. *Lionardo da Vinci* wurde im Jahre 1452 in der Nähe von
Florenz geboren. (Er starb 1519.) Da er frühzeitig künstlerische
Begabung zeigte, führte ihn sein Vater einem Meister zu, bei dem
er malen und modellieren, sowie Metall gießen und Gold schmieden
lernte. Ein späterer Kunsthistoriker[852] erzählt, *Lionardo* sei die
Darstellung einer kleinen Nebenfigur auf dem Gemälde dieses Meisters
in solchem Grade gelungen, daß letzterer sich verschworen habe, keinen
Pinsel mehr anzurühren, weil ihn ein Knabe übertroffen. Im beginnenden
Mannesalter entwickelte *Lionardo* eine Vielseitigkeit sondergleichen.
Er vereinigte mit körperlichen Vorzügen ungewöhnliche Verstandesschärfe
und Genialität des künstlerischen Wirkens. Als Architekt, Bildhauer und
Maler hat er Werke von unübertroffener Schönheit geschaffen[853].
Der Herzog *Ludwig Sforza* zog *Lionardo* nach Mailand. Den Anlaß dazu
bot ein Sieg, den letzterer als Violinspieler in einem musikalischen
Wettstreit errungen hatte. Und wie lohnte der Künstler die fürstliche
Gunst! Er beteiligte sich mit Eifer an dem Bau des Mailänder
Domes und gründete, indem er schon damals seine Vorliebe für die
mathematisch-naturwissenschaftliche Richtung bekundete, eine Art
Akademie. Auch die Schöpfung des Abendmahles, jenes Kolossalgemäldes,
durch das sich *Lionardo* mit *Raphael* und *Michel Angelo* auf eine
Stufe stellte, fällt in die Zeit seines Aufenthalts in Mailand.
Später sehen wir *Lionardo da Vinci* an verschiedenen Orten seines
Vaterlandes als Ingenieur und Architekt mit Arbeiten großen Umfangs,
wie Kanalbauten[854], der Anlage von Befestigungswerken, sowie der
Anfertigung von Maschinen aller Art -- selbst Flugmaschinen fehlen
nicht -- beschäftigt. Aus dieser, auf das Praktische gerichteten
Tätigkeit erklärt es sich, daß er viel über mechanische Probleme
nachgedacht und Schriften darüber verfaßt hat, die allerdings infolge
ungünstiger Umstände die Entwicklung der Wissenschaften wenig
beeinflußt und erst in neuerer Zeit ihre Würdigung gefunden haben[855].
Diese Aufzeichnungen enthalten nämlich manche bemerkenswerten Ansätze,
die zu den Arbeiten *Galileis* hinüberleiten.
Zwölf Codices von *Lionardos* Manuskripten werden in der Bibliothek
der französischen Akademie aufbewahrt. Vorher befanden sie sich in
der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand. Von dort wurden sie 1796
von den Franzosen nach Paris gebracht, wo sie *Venturi* eingehend
studierte. Er bezeichnete die dreizehn Folianten mit den Buchstaben A
bis N. Im Jahre 1815 erhielt die Ambrosiana den Codex atlanticus (N),
der sich besonders mit technischen Dingen befaßt, zurück. Mit der
Veröffentlichung dieses wertvollen Nachlasses wurde erst 1881 begonnen:
Les manuscrits de *Lionarde de Vinci*, publiés en facsimilés avec
transcription littérale, traduction française etc. Im Druck erschienen
war vor dem Ende des 19. Jahrhunderts nur *Lionardos* Abhandlung über
die Malkunst (1651).
*Lionardos* wissenschaftliche und technische Bedeutung wurde
anfangs kaum beachtet. Erst nachdem *Libri* und *Venturi* darauf
hingewiesen hatten, fand *Lionardo* auch auf diesen Gebieten die
verdiente Anerkennung, die allerdings nicht selten in ein kritikloses
Überschätzen ausartete[856].
Unter den alten Schriftstellern, auf welchen *Lionardo da Vinci* fußt,
ist besonders *Heron* zu nennen. Er findet sich im Codex Atlanticus
auch zitiert. *W. Schmidt* wies darauf hin, daß manche Ausführungen
*Lionardos* augenfällig mit solchen der *Heron*schen Pneumatik
übereinstimmen (Math. Bibl. [3.] III. 180-187).
Eine genauere Untersuchung über die Quellen, welche *Lionardo* benutzt
hat, verdankt man dem französischen Physiker *P. Duhem* (Études sur
*Léonard de Vinci*, ceux qu'il a lus et ceux qui l'ont lu. Paris
1906.). Danach hat *da Vinci* weit mehr gelesen, als es den Anschein
hat. Er zitiert nämlich sehr selten. Infolgedessen kann man seine
Quellen nur schwer ermitteln.
Nach *Duhem* (Études sur *Léonard de Vinci*, Troisième série. Paris
1913) und nach den »Origines de la Statique« (2 Bde. Paris 1905/6)
desselben Verfassers hat die Scholastik auf dem Gebiete der Mechanik
weit mehr geleistet als man bisher anzunehmen geneigt war. *Duhem*
kommt zu dem Ergebnis, daß die dynamischen Lehren, die im 14.
Jahrhundert insbesondere von französischen Scholastikern ausgingen, die
Grundlagen gebildet haben, auf der *Galilei* und seine unmittelbaren
Vorgänger weiter arbeiten konnten. Bei der Beurteilung der Ergebnisse
*Duhems* darf aber nicht vergessen werden, daß der französische
Historiker dazu neigt, dasjenige besonders hoch einzuschätzen, was
für das eigene Land und Volk als rühmlich gelten kann. Unter den
Scholastikern, die zu richtigen dynamischen Vorstellungen gelangten,
ist auch *Albert von Sachsen* zu nennen. Er erkannte etwa 1368, daß der
freie Fall ein Beispiel für die gleichförmig beschleunigte Bewegung
sei. Man darf dabei aber nicht vergessen, daß es den Scholastikern mehr
um spekulative Definitionen als um die Untersuchung physikalischer
Vorgänge zu tun war[857].
Auf dem Gebiete der Mechanik stützte sich *Lionardo* auf *Heron*,
*Vitruv* und auf die mittelalterlichen Lehrbücher des *Jordanus
Nemorarius* und anderer. Die Lehre vom Erdschwerpunkt und die
Gleichgewichtstheorie der Meere läßt sich auf *Albert von Sachsen*
zurückführen, den *Lionardo* auch gelegentlich zitiert. Bezüglich der
Erklärung von Ebbe und Flut stützt sich *Lionardo* auf den Scholastiker
*Themon*. Andererseits hat *Lionardo* aber auch einen nachweisbaren
Einfluß auf *Roberval*, *Cardano*, *Palissy* und andere ausgeübt[858].
Bekannt ist *Lionardos* Ausspruch, daß die Mechanik das Paradies der
mathematischen Wissenschaften sei, weil man durch die Mechanik erst
zu den Früchten dieser Wissenschaften gelange. *Lionardo da Vinci*
handelt aber auch nach diesem Ausspruch, dessen Bedeutung erst die
nächsten Jahrhunderte in vollem Maße gewürdigt haben. So untersucht
er die Wirkung des Hebels für den Fall, daß die Kräfte in beliebiger
Richtung auf ihn wirken. Die Rolle und das Rad an der Welle werden auf
den Hebel zurückgeführt. Seine auf das Praktische gerichtete Tätigkeit
brachte es mit sich, daß er theoretisch und durch Versuche den
Einfluß untersuchte, den der Reibungswiderstand auf die Bewegung der
Maschinen ausübt. Es sind die ersten genaueren Untersuchungen dieser
Art, die uns bei *Lionardo* begegnen. Ferner werden der freie Fall und
der Fall auf der schiefen Ebene in Betracht gezogen, wenn auch hier
*Galilei* die erschöpfende Behandlung vorbehalten blieb. In einigen
Äußerungen *Lionardos* lassen sich schon die Keime des Trägheits- und
des Energiegesetzes erkennen; so, wenn er sagt, jedes Ding »trachte in
seinem gegebenen Zustande zu verharren« oder der bewegte Körper besitze
»Wirkungsfähigkeit« und »wuchte in der Richtung seiner Bewegung«.
Für die einfachen Maschinen sprach *Lionardo* schon das Prinzip aus,
daß die im Gleichgewicht befindlichen Kräfte sich umgekehrt wie die
virtuellen Geschwindigkeiten verhalten[859]. Seine klare Auffassung des
Beharrungsvermögens bezeugen folgende Sätze[860]: »Keine vernunftlose
Sache bewegt sich von selbst.« »Jeder Impuls neigt zu ewiger Dauer.«
Ferner stellt *Lionardo* die Möglichkeit des Perpetuum mobile[861] in
Abrede und entwickelt unter Ablehnung aller Wunder- und Geheimkräfte,
insbesondere der scholastischen qualitates occultae, den Kraftbegriff
in einem fast modernen Sinne. So heißt es bei *Lionardo da Vinci*:
»Kraft ist Ursache der Bewegung und die Bewegung ist die Ursache der
Kraft«. Wenn er letztere eine geistige Wesenheit nennt, die sich mit
den schweren Körpern verbinde, so erläutert er dies mit folgenden
Worten: »Geistig, sage ich, weil in ihr unsichtbares Leben ist, weil
der Körper, in dem sie geboren wird, weder in der Form noch im Gewichte
wächst. Die berührte Saite einer Laute bewegt ein wenig eine andere
gleiche Saite von gleicher Stimme einer anderen Laute. Du wirst dies
sehen durch Auflegen eines Strohhalmes auf die zweite Saite[862].«
[Illustration: Abb. 56. Lionardos Hygrometer.]
Beobachtungen, die *Lionardo* beim Wägen hygroskopischer Substanzen
machte, führten ihn zur Konstruktion eines, wenn auch noch recht
unvollkommenen Hygrometers. An den Enden eines zweiarmigen Hebels
brachte er zwei gleich schwere Kugeln an, von denen die eine mit
Wachs, die zweite dagegen mit Baumwolle überzogen war. Nahm die
Feuchtigkeit der Luft zu, so sank die zweite Kugel. Der Ausschlag
konnte auf einer ringförmigen Skala abgelesen werden.
Ein Seitenstück zu diesem Feuchtigkeitsmesser ist der von *Lionardo*
abgebildete und beschriebene Windmesser[863]. Er besteht aus einem
mit Gradeinteilung versehenen Quadranten, der, wie aus der Abbildung
ersichtlich ist, mit einer beweglichen Platte verbunden wird. Diese
wird durch den Wind gehoben, so daß man die jeweilige Stärke des Windes
auf der Gradeinteilung ablesen kann. Die gleiche Einrichtung besaß das
fast 200 Jahre später erfundene Pendelanemometer *Hookes*, der bisher
als der Erfinder dieses Instrumentes galt[864].
[Illustration: Abb. 57. Lionardos Windmesser.]
Auch die Theorie der Reibung und das schwierige Gebiet der
Festigkeitslehre[865] beschäftigten *Lionardo da Vinci*, der auf fast
allen Gebieten der Naturwissenschaft Anschauungen entwickelte, die
ihn als einen seine Zeit und deren Denken überragenden Geist erkennen
lassen.
So spricht er sich über die Rolle, welche die Luft bei der Verbrennung
und der Atmung spielt, mit folgenden Worten aus: »Wo eine Flamme
entsteht, da erzeugt sich ein Luftstrom um sie. Dieser dient dazu,
die Flamme zu erhalten. Das Feuer zerstört ohne Unterlaß die Luft,
durch die es unterhalten wird. Sobald die Luft nicht geeignet ist, die
Flamme zu unterhalten, kann in ihr kein Geschöpf leben. Die Flamme
disponiert zuerst die Materie, aus der sie entsteht, und kann sich dann
davon ernähren. Indem sie Nahrung für die Flamme wird, formt sie sich
in sie um.« Daß *Lionardo* mit diesen Erklärungen fast überall den
wahren Sachverhalt traf, setzt geradezu in Erstaunen. Um das Zuströmen
der Luft zu erhöhen und dadurch die Leuchtkraft zu vergrößern, erfand
*Lionardo* den Lampenzylinder. Auch die Idee des Fallschirmes, »mit
dem sich ein Mensch aus beliebiger Höhe herunterlassen könne«, ist auf
*Lionardo* zurückzuführen. Der Gedanke wurde erst dreihundert Jahre
später verwirklicht[866].
Auf die Versteinerungen und andere geologische Dinge, z. B. die
Entstehung der Schichten durch Ablagerung, sowie auf mineralogische
Fragen war *Lionardo* gelegentlich der Wasserbauten, die er als
Ingenieur ausführte, aufmerksam geworden.
Die Versteinerungen, die man, entgegen den Lehren der Alten, immer noch
meist für Naturspiele hielt, wurden von ihm als Überreste von Lebewesen
gedeutet.
Um *Lionardo* voll zu würdigen, muß man bedenken, daß er einem vom
Mystizismus noch ganz durchdrungenen Zeitalter angehörte. So mußte er
in seinen Betrachtungen über die Versteinerungen besonders die Ansicht
zurückweisen, daß die Versteinerungen als Naturspiele unter dem Einfluß
der Sterne hervorgebracht seien. Auch zwei andere Vorstellungen seiner
Zeit, die Quadratur des Zirkels und das Perpetuum mobile, bekämpfte
*Lionardo* schon mit wissenschaftlichen Gründen.
Seine Tätigkeit als Künstler hat ihn veranlaßt, sich eingehend mit
anatomischen Studien zu befassen. Zu diesem Zwecke setzte er sich mit
einem Arzte in Verbindung[867]. Die Frucht der gemeinsamen Tätigkeit
des Künstlers und des Naturforschers sind etwa 800 Bilder, die wir
als die ersten, naturgetreuen anatomischen Zeichnungen ansprechen
müssen[868]. Sie betreffen vor allem das Knochen- und das Muskelsystem.
Doch sind auch Abbildungen der inneren Organe (Herz, Leber usw.)
vorhanden.
*Lionardo* war wohl der erste, der sich eingehender mit Untersuchungen
über die Mechanik des Körpers beschäftigte. Er studierte die Beugung
und Streckung der Glieder, sowie das Gehen ganz im Sinne der heutigen
Physiologie. Ferner setzte er auseinander, wie die Beschäftigung auf
die Haltung wirkt, und welche Muskeln beim Werfen, Heben, Tragen usw.
in Betracht kommen. Mit Vorliebe belehrte er sich und seine Schüler
auf dem Fechtboden über die verschiedenen Bewegungen des Körpers. Aus
künstlerischem Drange hat sich *Lionardo* auch mit der Anatomie des
Pferdes beschäftigt[869].
Eine der wichtigsten unter den wissenschaftlichen Grundlagen der
Kunst hat *Lionardo* erst geschaffen. Das ist die Lehre von der
Perspektive, um die sich außer ihm auch die Brüder *van Eyck* und
*Battista Alberti* verdient gemacht haben. Daß die Alten mit den Lehren
der Perspektive nicht vertraut waren, haben schon *Lessing*[870] und
*Lambert* nachgewiesen. *Lambert* pries *Lionardo* als »den ersten,
der an die Verfeinerung der Malkunst und an die Perspektive gedacht«
habe. Dem Verfahren lag folgender Gedanke zugrunde. Bringt man zwischen
das Auge und den Gegenstand, den man perspektivisch richtig zeichnen
will, eine durchsichtige Tafel, so wird jeder Lichtstrahl die Tafel in
einem bestimmten Punkte schneiden. Die Gesamtheit dieser Schnittpunkte
gibt uns das perspektivische Bild, und die Lehre von der Perspektive
läuft darauf hinaus, wie man ein solches Bild zeichnet, ohne die zur
Erläuterung dienende Tafel zu benutzen.
Vom Auge handelt *Lionardo* eingehender im Manuskript D[871]. Seine
Ausführungen betreffen die Größe des Gesichtswinkels und den Vorgang
des Sehens. Aus Versuchen wird geschlossen, daß der Gesichtssinn
seinen Sitz in den Endigungen des Sehnerven habe (Manuskript D. S. 3).
Zu dieser Erkenntnis war übrigens auch schon *Roger Bacon* gelangt.
Im Manuskript C wird die Lehre vom Schatten durch viele Zeichnungen
erläutert. Hier wie überall finden sich nur Ansätze. Ihre Bedeutung
liegt darin, daß stets experimentell und geometrisch verfahren, und
daß jedes Problem frei von vorgefaßten Meinungen in Angriff genommen
wird.
Bemerkenswert sind auch *Lionardos* gelegentliche Äußerungen über
astronomische Gegenstände. Von der Erde heißt es, sie müsse den
Bewohnern des Mondes und anderer Gestirne als Himmelskörper erscheinen,
auch befinde sie sich nicht im Mittelpunkt der Sonnenbahn, ebensowenig
wie sie die Mitte des Weltalls einnehme. »Die Erde«, heißt es an einer
Stelle[872], »ist ein Stern ähnlich wie der Mond.« Und ferner: »Mache
Gläser, um den Mond groß zu sehen«[873].
[Illustration: Abb. 58. Lionardos Erläuterung des Sehens[874].]
Das Sehen führt *Lionardo* darauf zurück, daß das Auge nach Art einer
Camera obscura Bilder hervorbringe. Er erläutert dies in folgender
Weise: »Man lasse durch eine kleine Öffnung (Abb. 58, M) das Bild eines
beleuchteten Gegenstandes in ein dunkles Zimmer treten. Dann fange man
dieses Bild auf einem weißen Papier, das man in dem dunklen Raum nahe
der Öffnung anbringt, auf. Man wird dann den Gegenstand auf dem Papier
in seiner wirklichen Gestalt und Farbe sehen, aber viel kleiner und
umgekehrt. Es sei ABCDE der von der Sonne erleuchtete Gegenstand. ST
sei der Schirm, der die Strahlen auffängt. Weil die Strahlen gerade
sind, wird der von A ausgehende nach K, der von E ausgehende nach F
gelangen. Dasselbe findet bei der Pupille statt«. Dazu bemerkt er
noch beim Studium der Natur des Auges[875]: »Hier sind die Figuren,
die Farben, alle Wirkungen des Weltalls in einem Punkt gesammelt, und
dieser Punkt ist ein solches Wunder! O staunenswerte Notwendigkeit! Du
zwingst mit deinem Gesetz alle Wirkungen, auf kürzestem Wege an ihren
Ursachen teilzuhaben. Schreibe in deiner Anatomie, wie in dem winzigen
Raume des Auges das Bild der sichtbaren Dinge wiedergeboren wird und
sich in seiner Ausdehnung wiederherstellt«.
Ähnlich tief empfunden zeigt sich die Darstellung *Lionardos* an vielen
Stellen seiner Aufzeichnungen. Man wird an die später von *Fechner*
entwickelten Anschauungen erinnert, wenn man bei *Lionardo da Vinci*
liest, die Erde sei gleichsam ein organisches Wesen, das Meer ihr Herz
und das Wasser ihr Blut. Und wenn er schließlich das Wasser als den
»Kärrner der Natur« bezeichnet, so dürfte der moderne Geologe kaum
einen treffenderen Ausdruck für die Rolle des flüssigen Elementes
finden.
Die Sonne hielt *Lionardo* für einen sehr heißen Weltkörper. Auch wußte
er das sogenannte aschfarbene Licht des Mondes, das wir neben der
leuchtenden Sichel wahrnehmen, aus dem Wiederschein des von der Sonne
auf die Erde gelangenden Lichtes zu erklären[876].
Leider haben sich die Aufzeichnungen *Lionardo da Vincis* nirgends zu
einer abgeschlossenen, in sich abgerundeten Leistung verdichtet. Es
sind meist geistreiche, treffende Einzeleinfälle, die erst die neuere
Zeit voll Staunen über die Eigenart des Menschen, dem sie entstammen,
der Vergessenheit entrissen hat. Die gelehrte Zunft würde ihn wohl
schwerlich verstanden und gewürdigt haben. Für sie galt in erster
Linie die Autorität, die *Lionardo* mit den Worten geißelt: »Wer sich
auf die Autorität beruft, verwendet nicht seinen Geist, sondern sein
Gedächtnis«. »Das Experiment irrt nie«, ruft er den Zeitgenossen zu,
»sondern es irren nur eure Urteile«. Auf den Weg, den seiner Meinung
nach die Forschung zu gehen hat, weist *Lionardo* mit folgenden Worten
hin: »Der Interpret der Wunderwerke der Natur ist die Erfahrung. Sie
täuscht niemals; es ist nur unsere Auffassung, die zuweilen sich selbst
täuscht. Wir müssen die Erfahrung in der Verschiedenheit der Fälle und
der Umstände solange zu Rate ziehen, bis wir daraus eine allgemeine
Regel ziehen können. Wenngleich die Natur mit der Ursache beginnt und
mit dem Experiment endet, so müssen wir doch den entgegengesetzten Weg
verfolgen, d. h. wir beginnen mit dem Experiment und müssen mit diesem
die Ursache untersuchen«[877].
Diese Worte bekunden, daß *Lionardo* schon ein Jahrhundert vor
*Francis Bacon* die Induktion für die allein sichere Methode der
Naturwissenschaft hielt. Auf Grund dieser Erkenntnis vermochte er
es, einen bewunderungswürdig tiefen Einblick in die Natur zu tun.
Die Vorstellungen, zu denen er gelangte, blieben leider in seinen
Manuskripten vergraben, sonst würde sein Einfluß auf die Entwicklung
der neueren Naturwissenschaft ein ganz anderer gewesen sein, worauf
schon *A. v. Humboldt* hinwies.
Haben Männer wie *Lionardo da Vinci*[878] und *Nicolaus von Cusa* auch
keine derartigen Grundlagen für die weitere Entwicklung geschaffen,
wie *Koppernikus* und *Galilei*, welche das zur Ausführung brachten,
wozu jenen das volle Vermögen fehlte, so erkennen wir doch aus der
Betrachtung, die wir ihnen widmeten, daß das Wirken der großen
Begründer der Wissenschaft kein unvermitteltes ist und keineswegs
mit dem bisher Erstrebten und Erreichten außer Beziehung steht. Jene
Großen haben häufig das, was ihre Zeitgenossen zwar ahnten, aber nur
unvollkommen zum Ausdruck zu bringen vermochten, in voller Klarheit
erfaßt und so begründet, daß es zum unveräußerlichen Besitz der
Menschheit wurde. Auf dieser Errungenschaft bauten dann bescheidenere
Kräfte weiter, bis ihr unverdrossenes Mühen, das für den Fortgang der
Entwicklung aber unumgänglich nötig ist und nicht gering geachtet
werden darf, wieder einem der Großen auf dem Gebiete der Wissenschaft
den Weg geebnet. So hatte auch die Astronomie, bevor *Koppernikus* sein
Wirken begann, in Deutschland eine besondere Pflege durch *Peurbach*
und *Regiomontan* gefunden. Diese Männer, die ihrerseits wieder an die
Alten anknüpften, haben *Koppernikus* besonders dadurch vorgearbeitet,
daß sie die Beobachtungskunst förderten.
Das Wiedererwachen der astronomischen Wissenschaft.
Die Astronomie war zwar durch *Cusa* und *Toscanelli* zu neuem Leben
erweckt worden. An Einsicht und an Kenntnissen standen diese Männer
jedoch tief unter *Hipparch* und *Ptolemäos*. Die astronomische
Wissenschaft mußte zunächst wieder auf diejenige Höhe gebracht
werden, die sie im Altertum zur Zeit der Alexandriner besaß. Daß dies
geschah, war vor allem das Verdienst *Peurbachs*, des Begründers
der beobachtenden und rechnenden Astronomie im Abendlande[879].
*Georg Peurbach* wurde im Jahre 1423 in Oberösterreich geboren. Als
Zwanzigjähriger war er in Rom mit *Nicolaus von Cusa* in Berührung
gekommen. Um 1450 kehrte er nach Wien, wo er studiert hatte, zurück und
erhielt dort den Lehrstuhl für Astronomie und Mathematik.
*Peurbach* übersetzte den Almagest. Er erkannte, daß eine Verbesserung
der vorhandenen Planetentafeln die erste Bedingung für jeden weiteren
Fortschritt der Astronomie sei. Die Abweichungen, die sich zwischen
den alfonsinischen Tafeln[880] und *Peurbachs* Beobachtungen ergaben,
erreichten für den Mars z. B. Werte von mehreren Graden. Auch die
trigonometrischen Tafeln des Almagest erfuhren durch *Peurbach* eine
wesentliche Verbesserung, indem er statt der Sehne den Sinus einführte
und eine Berechnung für alle Werte von 10 zu 10 Sekunden unter
Zugrundelegung eines Radius von 60000 Einheiten lieferte.
[Illustration: Abb. 59. Peurbachs Quadratum geometricum[881].]
Für seine astronomischen Messungen benutzte *Peurbach* das »Quadratum
geometricum« (s. Abb. 59). Dies ist ein quadratischer Rahmen, an dem
ein bewegliches Lineal mit Dioptervorrichtungen angebracht ist. Die
Seiten des Quadrats waren in 120 Abschnitte eingeteilt. Auf diese
Weise ließ sich die Tangente des beobachteten Winkels mit ziemlicher
Genauigkeit ablesen.
Mit dem Almagest, dem Hauptwerk der griechischen Astronomie, war das
Abendland zuerst durch die im 10. und 11. Jahrhundert in Spanien
entstandenen arabischen Hochschulen bekannt geworden. Der Almagest,
die Schriften des *Euklid* und des *Aristoteles* wurden von hier
aus den Hochschulen des christlichen Abendlandes in lateinischer
Übersetzung zugänglich. Durch diese Übertragung und die Vermengung
mit Zutaten aller Art hatte der ursprüngliche Text natürlich manche
Änderung erlitten und dadurch viel von seinem Werte eingebüßt. Auch
die Astronomie der Griechen hatte durch die Araber keine wesentliche
Förderung, dagegen eine Vermengung mit astrologischen Zutaten erfahren
und so an wissenschaftlichem Gehalt Einbuße erlitten. Es war daher
ein wichtiges Ereignis, daß im 15. Jahrhundert das astronomische Werk
des *Ptolemäos* von Griechenland nach Italien gelangte. *Peurbach*
war zwar auf das griechische Manuskript aufmerksam geworden[882].
Er benutzte aber dennoch den aus dem Arabischen ins Lateinische
übersetzten minderwertigen Text, da er die griechische Sprache nicht
verstand. Erst sein begabter Schüler, sein Nachfolger auf dem Wiener
Lehrstuhl, *Johann Müller* aus Königsberg[883], genannt *Regiomontanus*
(1436-1476) fußte auf dem griechischen Text des Almagest. Er gab im
Jahre 1475 neue Tafeln heraus, die nicht nur für die Astronomie,
sondern auch für die Entdeckungsreisen jener Zeit ein wichtiges
Hilfsmittel wurden.
*Regiomontan* war ferner in Deutschland einer der ersten, der das
Studium der Algebra förderte. Auch soll er die alte Hypothese von
der Erdbewegung, die ihm schon wenigstens 60 Jahre vor *Koppernikus*
zu gleicher Zeit mit *Cusa* »in den Sinn gekommen sei, zum besseren
Verständnis der Astronomie wieder hervorgeholt haben«[884]. In
mechanischen Dingen, erzählt sein Biograph[885] weiter, war er
einer der ersten, der »eine künstliche Einrichtung mit Rädern, durch
welche die eigentliche Bewegung der Sterne wiedergegeben wurde, zu
vieler Verwunderung anfertigte«. Ferner stellte *Regiomontan* einen
parabolischen Brennspiegel von fünf Fuß Durchmesser aus Metall her.
*Regiomontans* Tafeln wurden von ihm als »Ephemeriden« bezeichnet. Sie
erschienen 1473, umfaßten den Zeitraum von 1474-1560 und enthielten
für Sonne und Mond die Längen- und außerdem für den Mond die
Breitenangaben. Ferner boten sie ein Verzeichnis der für die Zeit von
1475-1530 zu erwartenden Finsternisse.
Große Verdienste hat sich *Regiomontan* auch um die Trigonometrie,
die wichtigste Hilfswissenschaft der Astronomie, erworben. Er war es,
der die Tangensfunktion, mit welcher die Araber gleichfalls schon
vertraut waren, im Abendlande einführte. Ein weiterer Fortschritt
bestand darin, daß er sich der dezimalen Teilung bediente, indem
er für seine Tangententafeln den Radius r = 100000 zugrunde legte.
Unzweifelhaft schöpfte *Regiomontan* bei seiner Darstellung der
Trigonometrie auch aus arabischen Quellen. Doch ist der Zusammenhang
im einzelnen nicht mehr nachzuweisen, da er in der Darstellung wie in
der Fortbildung des empfangenen Wissenstoffes sehr selbständig verfuhr.
Sein trigonometrisches Hauptwerk »De triangulis« entstand 1464. Durch
letzteres lernte das Abendland den Sinussatz und die Tangensfunktion
kennen. Auch entwickelte *Regiomontan* als erster darin den allgemeinen
sphärischen Cosinussatz.
*Regiomontans* Tafeln waren in den Händen von *Bartholomäos Diaz*,
sowie in denen *Vasco da Gamas* auf seinem Wege nach Ostindien. Sie
halfen *Columbus* den neuen Weltteil entdecken. *Amerigo Vespucci*
benutzte sie, um 1499 Längenbestimmungen in Südamerika auszuführen.
So sehen wir, wie dasjenige, was der stille Gelehrte in einsamen
Nachtwachen erdacht und erforscht, die kühnen Seefahrer und
Konquistadoren befähigte, dem europäischen Teil der Menschheit die Erde
in ihrem ganzen Umfange zu erschließen. Trotz der schon um das Jahr
1200 erfolgten Einführung des Kompasses wagten nämlich die Portugiesen,
selbst nachdem Heinrich der Seefahrer die Entdeckungsreisen organisiert
hatte, zunächst nicht, von der Küstenschiffahrt abzugehen. Viele Jahre
kamen ihre Fahrzeuge nicht über Kap Bojador hinaus, weil man dort ein
Riff sah, dessen Brandung sich weit hinaus ins Meer erstreckte. Dem
Ungewissen, das die Wasserwüste des atlantischen Ozeans in sich barg,
vermochte man erst zu begegnen, nachdem die Astronomie der Schiffahrt
die zur Ortsbestimmung geeigneten Hilfsmittel verliehen hatte.
Zu diesen gehörte in erster Linie der Kreuz- oder Jakobsstab (siehe
Abb. 60), ein Werkzeug, das zum Messen von Winkeln auf bewegter
See geeigneter war als die von *Ptolemäos* und *Koppernikus*
benutzten Instrumente, unter denen das mit Kreisteilung versehene
Astrolabium[886] und das parallaktische Lineal an erster Stelle zu
nennen sind[887]. Der Kreuz- oder Jakobsstab mit verschiebbarem
Querriegel, den *Regiomontan* benutzte, besaß eine Länge von 2-1/2
Metern. Seine Anwendung hat man bis ins 14. Jahrhundert zurück
verfolgen können. Waren die erwähnten Meßinstrumente fest aufgestellt
und von hinlänglicher Größe, so ließen sich ziemlich scharfe Messungen
damit anstellen. *Tycho*, dessen Arbeiten infolge ihrer Genauigkeit
die Entdeckungen *Keplers* erst ermöglichten, berichtet, an seinen
Astrolabien noch eine sechstel Bogenminute abgelesen zu haben.
[Illustration: Abb. 60. Der Kreuzstab[888].]
Wahrscheinlich hat der Nürnberger *Martin Behaim* (1459 bis 1506), dem
man den ersten neueren Erdglobus verdankt, den Kreuzstab nach Portugal
gebracht und letzteren zu Messungen auf bewegter See empfohlen[889].
Aus Abbildung 61 ersehen wir den Gebrauch dieses Instrumentes. Der
Querstab a wurde so lange verschoben, bis das am Ende des Längsstabes b
befindliche Auge die beiden Gegenstände, deren Winkelabstand gefunden
werden sollte, über die Enden von a anvisierte; b trug eine Skala, von
der man unmittelbar die jeder Stellung entsprechenden Winkel ablesen
konnte. Mit einiger Zuverlässigkeit vermochte man indes um diese Zeit
nur die geographische Breite zu bestimmen. Hinsichtlich der Länge mußte
man sich mit einem Abschätzen begnügen. Die enge Beziehung, in welche
zu Beginn des neueren Zeitalters die Astronomie zur Nautik trat, war
beiden Gebieten sehr förderlich. Während der nächsten Jahrhunderte
wurde die Mitarbeit der Astronomen außerdem durch hohe Belohnungen
angeregt, welche die Schiffahrt treibenden Nationen auf die Lösung
praktisch wichtiger Aufgaben setzten. Geister ersten Ranges, wie
*Galilei* und *Euler*, verschmähten es nicht, ihre Arbeit in den Dienst
dieser Sache zu stellen.
[Illustration: Abb. 61. Schematische Erläuterung des Kreuzstabes.]
Den ersten, noch erhaltenen Globus, fertigte *Behaim* 1492 an[890].
Erhalten sind auch noch Globen aus den Jahren 1515, 1520 und
1532. *Mercator* machte aus der Herstellung vorzüglicher Erd- und
Himmelsgloben schon ein Gewerbe. Zu seinen Abnehmern gehörten Kaiser
Karl V. und andere Fürsten. Von *Mercator* herrührende Globen finden
sich noch in Duisburg, Nürnberg, Weimar und Wien[891].
Das Duisburger Museum, das sich bemüht, die Werke *Mercators* entweder
im Original oder in Nachbildungen zu erwerben, besitzt einen von
ihm verfertigten Erd- und Himmelsglobus. Sie wurden 1908 bei einem
toskanischen Edelmann gefunden und gelangten durch Kauf in den Besitz
des Museums. Der Erdglobus stammt aus dem Jahre 1541, der andere
ist 1551 hergestellt. Auf ihm sind die Sternbilder farbenprächtig
ausgeführt. Während die früheren Globen aus Holz oder Metall verfertigt
waren, benutzte *Mercator* eine Mischung aus Gips, Sägespänen und Leim,
die er auf eine aus Stäben hergestellte Hohlkugel auftrug.
Die Anregung zu den Entdeckungsreisen ist nicht nur auf die
Fortschritte der Astronomie und die Bedürfnisse des Handels, sondern
auch auf die Lektüre der alten Schriftsteller zurückzuführen.
Insbesondere gilt dies von *Columbus*. Die von den Alten
herrührenden Nachrichten, welche die allmähliche Ausdehnung ihres
geographischen Horizontes erkennen lassen, waren ihm durch das
Weltbuch *Alliacos*[892] geläufig geworden. Je weiter die Alten die
östlichen Grenzen Asiens hinaus verlegt hatten, um so größer war die
Wahrscheinlichkeit, daß eine Fahrt nach Westen bald zu bewohnten
Ländern führen würde.
Dieser Gedanke erfüllte außer *Columbus* besonders den italienischen
Astronomen *Toscanelli*, dessen Lieblingsprojekt die Verbindung
Europas und Asiens auf dem Seewege nach Westen war. *Toscanelli*
war der Meinung, daß die asiatische Küste höchstens 120 Längengrade
von Lissabon entfernt sein könne. Er stand mit *Columbus* in
Briefwechsel und hat ihn in einem Schreiben vom 25. VI. 1474 von
der Durchführbarkeit des Gedankens, der ihn erfüllte, zu überzeugen
gewußt. Nach allem, was an eigenen und fremden Überlegungen, von
denen sich *Columbus* leiten ließ, bekannt geworden, muß man seine
Entdeckungsreisen über die früheren Unternehmungen dieser Art stellen.
Welche Schwierigkeiten es zu überwinden galt, braucht hier nicht
des näheren erörtert zu werden. Erinnert sei nur an die Versammlung
zu Salamanca, welche den Plan des *Columbus* prüfen sollte. Was mag
letzterer wohl empfunden haben, als man ihm entgegenhielt, wenn es auch
gelingen sollte, zu den seiner Ansicht nach vorhandenen Gegenfüßlern
hinunter zu fahren, so würde es doch unmöglich sein, wieder nach
Spanien hinauf zu gelangen?
Daß sich trotz des gelehrten, am Buchstaben klebenden Dünkels, der
nicht etwa nur diese Versammlung erfüllte, das Neue siegreich Bahn
brach, ist vor allem der Erfindung der Buchdruckerkunst, sowie dem
Umstande zu verdanken, daß man im Latein eine Weltsprache besaß, die
einen raschen Austausch der Gedanken zwischen den Angehörigen aller
Völker ermöglichte.
Es war um 1450, als *Gutenberg* das erste, mit beweglichen Lettern
hergestellte Buch herausgab. In Paris, in Nürnberg und an anderen Orten
entstanden darauf große Druckereien, die für die damalige gelehrte
Welt arbeiteten. Mit der Ausbreitung des Buchdruckes verringerte sich
allmählich der Abstand zwischen dem zunftmäßigen Gelehrten- und dem
Laientum. Die Errungenschaften des Forschens und Denkens wurden immer
mehr zu einem Gemeingut.
Eins der glänzendsten Beispiele für die Vereinigung geistigen und
gewerblichen Schaffens und für das Zusammengehen des gebildeten
Bürgertums mit Künstlern und Gelehrten bot vor allem Nürnberg,
wo vorübergehend auch *Regiomontan* und *Behaim* wirkten. Für
*Regiomontan* errichtetete ein Nürnberger Kaufherr mit fürstlicher
Freigebigkeit eine Sternwarte, die von hervorragenden Mechanikern mit
Astrolabien, Armillarsphären und anderen astronomischen Instrumenten
ausgerüstet wurde. Öffentliche Vorträge belebten das Interesse für
die Mathematik und die Naturwissenschaften. Eine im Jahre 1470, kurz
vor der Ankunft *Regiomontans* in Nürnberg gegründete Druckerei wurde
bald die bedeutendste in Deutschland[893]. *Behaim* übermittelte die
gewonnenen astronomischen Kenntnisse den seefahrenden Völkern. Er hielt
sich von 1480-1484 in Portugal auf, zur Zeit, als auch *Columbus* dort
weilte, und stand den Portugiesen bei ihren Unternehmungen zur Seite.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß *Diaz*, *Columbus* und *da Gama* ihm
die Bekanntschaft mit den Ephemeriden *Regiomontans*, sowie manche
Belehrung über die Kunst, nach der Beobachtung der Sterne zu segeln,
verdanken[894].
Man darf jedoch neben den gelehrten Deutschen, die hier, wie so oft
in der Entwicklung der Wissenschaften, wohl den Gedanken, aber nicht
die Tat brachten, den Portugiesen *Pedro Nunez* aus Coimbra nicht
vergessen. Er war es, der zuerst ein Werk schuf, in dem die Nautik auf
wissenschaftliche Grundlagen gestellt wurde (De arte atque ratione
navigandi). Er war es ferner, der die Genauigkeit der Ablesung an den
astronomischen Instrumenten verbesserte. Der Nonius wird nach ihm
fälschlich so benannt. Der Erfinder dieser Einrichtung ist *Pierre
Vernier* (1580-1637).
Die Wiederbelebung der Naturbeschreibung.
Auch die beschreibenden Naturwissenschaften, die Zoologie und die
Botanik, erfuhren gegen den Anfang des Mittelalters manche Förderung.
Das Wiederaufleben der alten Literatur, insbesondere das Bekanntwerden
mit den zoologischen Schriften des *Aristoteles*, den man vorher ja nur
aus arabischen und lateinischen Bearbeitungen kannte, war auch hier
von Einfluß. Noch wichtiger war es aber, daß man sich immer mehr mit
offenen Sinnen der eigenen Beobachtung zuwandte und nach naturgetreuer
Darstellung des Gesehenen strebte. Erinnert sei nur an die oben
erwähnten anatomischen Abbildungen *Lionardo da Vincis*. Die Ausdehnung
des geographischen Gesichtskreises führte dazu, daß man schon gegen
den Ausgang des Mittelalters mit zahlreichen neuen Tieren und Pflanzen
bekannt wurde. Das Wiederaufleben des wissenschaftlichen Sinnes machte
sich auf dem Gebiete der Botanik nicht nur durch die zunehmende Neigung
für eigenes Beobachten, sondern auch durch das allmähliche Zurücktreten
der Rücksicht auf die Nutzanwendung der Pflanzen geltend. Das
Beobachtungsvermögen wurde insbesondere durch zwei Umstände gefördert.
Es waren dies die Einrichtung botanischer Gärten und die Anfertigung
von Herbarien.
Den ersten botanischen Garten der neueren Zeit legte ein venetianischer
Arzt[895] im Jahre 1333 an, nachdem ihm die Republik dazu einen wüsten
Platz überlassen hatte. Der erste Universitätsgarten begegnet uns in
Padua. Er wurde 1545 gegründet. Einige Jahre später folgte Pisa. Und
noch während des 16. Jahrhundert ahmten viele Universitäten des übrigen
Europas das von Italien gegebene Beispiel nach[896].
Nicht minder wichtig für die Erweckung selbsttätiger Beobachtung
und Forschung war das Aufkommen der Herbarien. Ein eigentlicher
Erfinder dieser Einrichtung läßt sich wohl nicht angeben. Die ersten
Nachrichten über umfangreichere Sammlungen getrockneter Pflanzen
stammen aus dem 16. Jahrhundert[897]. Die älteste Anweisung zur
Einrichtung von Herbarien begegnet uns nach *Meyer* (Gesch. der
Botanik. Bd. IV. S. 267) indes erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts.
»Im Winter«, heißt es dort, »muß man, da fast alle Pflanzen umkommen,
die Wintergärten betrachten. So nenne ich die Bücher, in denen man
getrocknete Pflanzen, auf Papier geklebt, verwahrt.«
Ein weiteres Mittel, die Beobachtung anzuregen, war das Abbilden von
Pflanzen und anderen Naturkörpern. Zwar, das Altertum hatte sich
dieses Mittels ebenso bedient wie der Pflanzengärten. Kennt man doch
noch heute mit Abbildungen versehene Ausgaben des *Dioskurides*, die
aus dem 6. Jahrhundert stammen. Während des Mittelalters hatte die
philologische Gelehrsamkeit und der Autoritätsglauben indessen die
Wissenschaft in solchem Maße überwuchert, daß die Kunst, das Studium
der Natur durch Abbildungen zu fördern, erst wieder zu neuem Leben
erweckt werden mußte.
Zu den ältesten gedruckten Büchern mit Abbildungen von Naturkörpern
gehört auch *Konrad Megenbergs* »Buch der Natur«, auf das wir schon
an anderer Stelle eingegangen sind. *Megenbergs* Buch enthält
in Holzschnitt hergestellte, charakteristische Abbildungen von
Säugetieren, Vögeln, Bäumen und Kräutern, unter denen sich z. B.
Ranunculus acris, Viola odorata, Convallaria majalis und andere recht
gut erkennen lassen. Allerdings fehlt es bei der Beschreibung der
Meeresungeheuer, der wunderlichen Menschen und anderer Dinge nicht
an Abbildungen, die nur als fratzenhafte Phantasieerzeugnisse gelten
können.
Erwähnenswert ist auch der gegen 1485 erschienene »Ortus sanitatis«
(Garten der Gesundheit), der zahlreiche, oft nachträglich kolorierte
Abbildungen enthält, von denen manche der Natur ziemlich nahe kommen,
während die Abbildungen exotischer Pflanzen meist erfunden sind[898].
Wir haben hiermit die Betrachtung desjenigen Zeitabschnitts beendet,
in dem das Wiederaufleben der Wissenschaften anhob. Zwar stützte
man sich noch auf allen Gebieten auf die seit der Mitte des 15.
Jahrhunderts aus reinerer Quelle fließenden Kenntnisse der Alten. Doch
gab man sich nicht mehr wie früher gänzlich der Autorität gefangen.
Selbstbeobachten, eigenes Forschen wurde in den hervorragendsten Köpfen
dieses Zeitalters zum Losungswort. Und wenn auch noch kein neues
Gebäude der Wissenschaften erstand, so wurde doch auf allen Gebieten
mit den Vorarbeiten begonnen und die Tätigkeit des nachfolgenden
Zeitalters erst ermöglicht, dessen Aufgabe es war, die Fundamente der
neueren Naturwissenschaft zu legen.
Wenn wir uns die hier skizzierte Entwicklung vergegenwärtigen, welche
die Wissenschaft seit ihrem Wiederaufleben im 14. und 15. Jahrhundert
genommen, so sehen wir, daß sie nicht mehr in solchem Maße wie früher
von den Geschicken eines oder einiger Völker abhängt, sondern daß
ihr Gang stetiger und weniger als bisher durch gewaltsame Ereignisse
der äußeren Geschichte beeinflußt erscheint. Die Geschichte der
Wissenschaften ist auch in der Folge nicht so eng mit dem Gange der
Weltgeschichte verknüpft wie in den früheren Perioden, in denen wir
häufig genötigt waren, das Verständnis der Wissenschaftsgeschichte
durch Heranziehen der allgemeinen Geschichte zu erschließen.
11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch
Koppernikus[899].
Das 16. Jahrhundert war auf allen Gebieten eine Zeit der Vorbereitung.
Nur zögernd und langsam, gleichsam tastend, entwickelte sich während
dieses Zeitraumes die neuere Methode der Naturforschung. Das 17.
Jahrhundert bietet uns dagegen das Schauspiel eines nie vorher
gesehenen Siegeslaufes unter der Führung eines *Galilei*, *Kepler*
und *Newton*. Nunmehr vollzog sich die innige Verschmelzung der
Naturwissenschaften mit der Mathematik, sowie die Ausgestaltung einer
streng induktiven Forschungsweise. Durch diese beiden Momente wurde
ein Umschwung herbeigeführt, wie ihn die Geschichte der Wissenschaften
nicht wieder erlebt hat.
Das wichtigste Ereignis des 16. Jahrhunderts ist die Aufstellung
des heliozentrischen Weltsystems durch *Koppernikus* und die
hierdurch herbeigeführte Umgestaltung des gesamten Weltbildes.
*Nicolaus Koppernikus* wurde am 19. Februar (alten Stils) des Jahres
1473 in Thorn geboren. Polen und Deutsche haben sich um den Ruhm
gestritten, ihn zu den Ihren zählen zu dürfen. Ein solcher Streit
ist müßig. *Koppernikus* war einer der großen Geister, die durch ihr
Wirken der Welt gehören. Tatsache ist, daß Thorn zur Zeit seiner
Geburt unter polnischer Oberhoheit stand, im übrigen aber, was den
gebildeten Teil der Bevölkerung anbetraf, eine deutsche Stadt war.
Die Mutter des *Koppernikus* ist deutscher Abkunft gewesen. Über
die Stammeszugehörigkeit des Vaters läßt sich dagegen keine sichere
Entscheidung treffen. Soviel ist jedoch gewiß, daß *Koppernikus* selbst
in seinem Fühlen und Denken ein Deutscher war und sich in allen
Dokumenten, die auf uns gelangt sind, wenn er nicht Latein schrieb, der
deutschen Sprache bediente.
Nachdem *Koppernikus* das Vaterhaus verlassen, bereitete er sich in
Krakau für den medizinischen Beruf vor. Bei der Vielseitigkeit, mit
der man in früheren Jahrhunderten die Universitätsstudien betrieb,
wurde er indes auch mit der Mathematik und mit der Astronomie vertraut.
Auf letzterem Gebiete genoß die Universität Wien, wo *Peurbach* und
*Regiomontan* gelehrt hatten, einen vorzüglichen Ruf. Dorthin begab
sich deshalb nach Beendigung seiner medizinischen Studien der spätere
Reformator der astronomischen Wissenschaft. Zum Glück für letztere
war *Koppernikus* nicht gezwungen, sofort dem ärztlichen Berufe
nachzugehen. Er war nämlich dadurch günstig gestellt, daß sein Oheim
mütterlicherseits, der Bischof von Ermeland, sich seiner annahm und
ihm später eine Domherrenstelle des Frauenburger Kapitels verschaffte.
Von 1495-1505 hielt sich *Koppernikus* meist in Italien auf. Dort
war im Zeitalter der Renaissance die Astronomie emporgeblüht. In
Florenz war unter den Mediceern die erste Akademie nach platonischem
Vorbild entstanden. Sternwarten wurden errichtet und Lehrstellen
geschaffen. In Italien hatte auch *Nicolaus von Cusa* seine Anregungen
empfangen und sie von dort nach Deutschland verpflanzt. Diesem Vorbild
folgte *Koppernikus*, indem er sich in Italien fast ein Jahrzehnt
in der praktischen Astronomie vervollkommnete. Doch ist aus diesem
langen Abschnitt seines Lebens, der für die Entwicklung seiner
wissenschaftlichen Vorstellungen ohne Zweifel von großer Bedeutung
gewesen ist, sehr wenig bekannt geworden. Auch von den astronomischen
Hilfsmitteln, deren sich *Koppernikus* bediente, weiß man nur wenig.
Jedenfalls besaßen sie keinen hohen Grad von Genauigkeit. Wie die
astronomischen Instrumente im Zeitalter des *Koppernikus* beschaffen
waren, erfahren wir aus dem von dem Astronomen *Apian*[900] um jene
Zeit verfaßten »Instrument-Buch«.
Der Gedanke, der seinem System zugrunde liegt, bemächtigte sich des
*Koppernikus*, sobald er in der Blütezeit des Mannesalters selbständig
forschend an die Natur herantrat. Diesen Gedanken zu verfolgen und
zu begründen, erschien ihm als eine Aufgabe, wohl wert, sein ganzes
übriges Leben in stiller Forscherarbeit ihr zu widmen. Seit der im
Jahre 1505 erfolgten Rückkehr aus Italien bis zu seinem Tode am 24. Mai
des Jahres 1543 blieb er deshalb, von einigen kleinen Reisen abgesehen,
in seinem Bistum. Ein beschauliches Leben hat *Koppernikus* jedoch in
dieser Zurückgezogenheit nicht geführt. Die Zeit, welche ihm die mit
dem Domherrnamt verbundenen Pflichten übrig ließen, war der Armenpraxis
in Frauenburg und der sorgfältigen Ausarbeitung jenes großen Werkes
gewidmet, in dem er seine Theorie, sowie die jahrelangen Beobachtungen,
auf die er sie stützte, niedergelegt hat.
Das für die neuere Astronomie grundlegende Hauptwerk des *Koppernikus*
erhielt den Titel »Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper«. In
der an den Papst gerichteten Vorrede wird der Anlaß zu dem Werke und
seine Geschichte mitgeteilt. Wir erfahren daraus, daß die Schrift »bis
in das vierte Jahrneunt hinein«[901] verborgen blieb, bis sie zum
Druck gelangte. Obgleich *Koppernikus* um das Jahr 1530 den Ausbau der
heliozentrischen Lehre beendet hatte, schwankte er, ob er mit seinen
Ansichten an die Öffentlichkeit treten sollte. »Die Verachtung«, sagt
er, »die ich wegen der Neuheit und der scheinbaren Widersinnigkeit
meiner Meinung zu befürchten hatte, bewog mich fast, das fertige Werk
beiseite zu legen.«
Jedoch hatten befreundete Astronomen, sowie Geistliche, die sich mit
Astronomie beschäftigten, Kenntnis von dem Werk erhalten. Ihrem Drängen
nach Veröffentlichung setzte *Koppernikus* nicht nur aus dem erwähnten
Grunde anfangs Widerstand entgegen, sondern er zögerte auch, weil ihn
der Wunsch beseelte, wirklich Besseres an die Stelle des Vorhandenen
zu setzen. Kam es ihm doch vor allem darauf an, der beobachtenden
Astronomie einen Dienst zu erweisen und ihr das neue Lehrgebäude in
einem solch vollkommenen Zustande zu übermitteln, daß es an die Stelle
des alten, mit den praktischen Bedürfnissen eng verwachsenen Systems
treten konnte. Von einem völligen Gelingen blieb *Koppernikus*, wie
er wohl selbst am besten wußte, indes noch weit entfernt. Auch mochte
er wohl ahnen, welchen Sturm sein Versuch entfesseln sollte. Galt es
doch, einer seit Jahrtausenden geheiligten Anschauung den Boden zu
entziehen[902] und an ihre Stelle eine neue Lehre zu setzen, welche
der bisher den wesentlichsten Teil der Welt ausmachenden Erde eine nur
bescheidene Stelle unter zahllosen Körpern gleichen, ja selbst höheren
Ranges einräumte. Ganz zu geschweigen der Gefahr, der eine solche
Neuerung ausgesetzt war, als ketzerisch verdammt zu werden.
Erst ein Jahr vor seinem Tode vermochte man *Koppernikus* zur
Herausgabe seiner »Kreisbewegungen«[903] zu bestimmen. *Osiander*,
welcher den in Nürnberg erfolgenden Druck des Buches überwachte, hielt
es, ohne von *Koppernikus* hierzu ermächtigt zu sein, für geraten,
in einer besonderen Einleitung das Ganze als eine bloße Hypothese
hinzustellen. Wenn die Wissenschaft Hypothesen ersinne, so beanspruche
sie damit keineswegs, daß man nun auch davon überzeugt sei. Sie
wolle nur eine Grundlage für ihre Berechnungen schaffen. Hypothesen
brauchten also nicht einmal wahrscheinlich zu sein. Es genüge vielmehr,
daß sie eine Rechnung ermöglichen, die zu den Beobachtungen paßt.
Mit diesen Ausführungen hat *Osiander* dasjenige, was wir heute als
bloße Arbeitshypothese bezeichnen, durchaus richtig gekennzeichnet.
Daß eine Abschwächung seiner Lehre jedoch durchaus nicht im Sinne
des Verfassers lag, geht aus der von *Koppernikus* herrührenden
Vorrede deutlich genug hervor. Er sei, sagt er, entgegen der Meinung
der Astronomen, ja beinahe gegen den gemeinen Menschenverstand
dazu gekommen, sich eine Bewegung der Erde vorzustellen. Zu dieser
Annahme habe ihn der Umstand veranlaßt, daß die Astronomen bei
ihren Untersuchungen sich über die Bewegungen der Himmelskörper gar
nicht einig seien und die Gestalt der Welt und die Symmetrie ihrer
Teile bisher nicht hätten finden können. Man habe zur Erklärung der
astronomischen Erscheinungen die verschiedensten Arten von Bewegungen
angenommen. Die einen bedienten sich nur der konzentrischen, die
anderen der exzentrischen und epizyklischen[904] Kreise. Doch sei das
Erstrebte dadurch nicht erreicht worden. Endlich habe er durch viele
und fortgesetzte Beobachtungen gefunden, daß, wenn die Bewegungen der
übrigen Wandelsterne auf einen Kreislauf der Erde bezogen, und dieser
dem Kreislauf jedes Gestirns zugrunde gelegt werde, nicht nur die
Erscheinungen der Wandelsterne daraus folgten, sondern daß dann auch
die Gesetze und Größen der Gestirne und ihre Bahnen so zusammenhingen,
daß in keinem Teile des Systems ohne Verwirrung der übrigen Teile und
des ganzen Weltalls irgend etwas geändert werden könne. Die Astronomen
möchten die neue Lehre prüfen, und er zweifle nicht, daß sie ihm
beipflichten würden. Damit aber Gelehrte und Ungelehrte sähen, daß er
durchaus niemandes Urteil scheue, so wolle er sein Werk lieber dem
Papste als irgend einem andern widmen.
Die Anregung zu seinem System empfing *Koppernikus* offenbar aus
den Schriften der Alten. Nachdem er über die Unzulänglichkeit der
bestehenden Theorien nachgedacht, durchforschte er alle Schriften,
deren er habhaft werden konnte, um festzustellen, ob nicht irgend
jemand einmal andere Ansichten als die herrschenden über die Bewegungen
der Weltkörper geäußert habe. Da fand er denn zuerst bei *Cicero*,
daß *Nicetas* geglaubt habe, die Erde bewege sich. Nachher fand er
auch bei *Plutarch*, daß andere ebenfalls dieser Meinung gewesen
seien. Hierdurch veranlaßt, fing er an, über die Bewegung der Erde
nachzudenken, obgleich diese Ansicht ihm zuerst selbst widersinnig zu
sein schien.
Indessen nicht nur unbestimmte Meinungen, sondern auch einen recht
brauchbaren Ansatz zu seiner Theorie fand *Koppernikus* bei den Alten
vor. Es war ihm nämlich die Meinung einiger alten Schriftsteller
begegnet, daß Venus und Merkur sich um die Sonne als ihren Mittelpunkt
bewegten und deswegen von ihr nicht weiter fortgehen könnten, als es
die Kreise ihrer Bahnen erlaubten. *Koppernikus* nennt *Martianus
Capella* (5. Jahrhundert nach Chr. Geb.) als seinen Gewährsmann. Es
heißt bei ihm: »Venus und Merkur bewegen sich nicht um die Erde, die
nicht für alle Planetenbahnen den Mittelpunkt bildet, wenngleich sie
unzweifelhaft der Mittelpunkt der Welt ist. Beide Planeten gehen zwar
täglich auf und unter, sie bewegen sich aber um die Sonne. In dieser,
die viel größer als die Erde ist, haben sie ihren Bahnmittelpunkt.«
*Martianus Capella* verlegte gleich anderen Berichterstattern den
Ursprung der erwähnten Lehre nach Ägypten. Neuere Forschungen haben
jedoch den Beweis geliefert, daß sie auf *Herakleides Pontikos*, einen
Schüler *Platons*, zurückzuführen ist[905]. *Herakleides* war auch
darin ein Vorläufer des *Koppernikus*, daß er die tägliche, scheinbare
Bewegung der Himmelkugel aus einer Drehung der Erde von West nach
Ost erklärte. Ihre Fortsetzung fanden diese Lehren durch *Aristarch
von Samos*. *Aristarch*[906] setzte die Sonne, die er für 300 mal
so groß wie die Erde hielt, in den Mittelpunkt und ließ die Erde
sich in jährlichem Umlauf um die Sonne bewegen. Die heliozentrische
Weltansicht war dem Altertum also wohl bekannt. Sie fand sogar den
Beifall vieler, trug indes ihrem Urheber, ganz ähnlich, wie es später
den ersten erklärten Anhängern des koppernikanischen Systems erging,
von gegnerischer Seite eine Anklage wegen Gottlosigkeit ein. Doch
konnte die heliozentrische Theorie im Altertum nicht recht Wurzel
schlagen, da sie noch nicht imstande war, den Anforderungen der
praktischen Astronomie zu genügen. Letztere erblickte ihre Aufgabe ja
weniger darin, die beobachteten Bewegungen der Sonne, des Mondes und
der Planeten zu erklären, als sie genau zu messen und im voraus zu
bestimmen.
Indem nun *Koppernikus* von der Ansicht des *Martianus Capella* ausging
und Saturn, Jupiter und Mars auf denselben Mittelpunkt, die Sonne
nämlich, bezog, gleichzeitig aber die große Ausdehnung der Bahnen der
genannten Planeten berücksichtigte, die außer den Bahnen des Merkur
und der Venus auch die der Erde umschließen, gelangte er zu seiner
Erklärung der Planetenbewegung. Es stehe nämlich fest, führt er des
weiteren aus, daß Saturn, Jupiter und Mars der Erde immer dann am
nächsten seien, wenn sie des Abends aufgingen, d. h. wenn sie in
Opposition zur Sonne ständen, oder die Erde sich zwischen ihnen und
der Sonne befinde. Dagegen seien Mars und Jupiter am weitesten von der
Erde entfernt, wenn sie des Abends untergingen, wir also die Sonne
zwischen ihnen und der Erde hätten. Dies beweise hinreichend, daß
der Mittelpunkt ihrer Bahn die Sonne und somit derselbe sei, um den
auch Venus und Merkur kreisen. Da somit alle Planeten sich um einen
Mittelpunkt bewegen, sei es notwendig, daß der Raum, der zwischen dem
Kreise der Venus und dem des Mars übrig bleibe, die Erde mit dem sie
begleitenden Monde aufnehme. Er scheue sich daher nicht, zu behaupten,
daß die Erde mit dem sie umkreisenden Monde zwischen den Planeten
einen großen Kreis in jährlicher Bewegung um die Sonne durchlaufe. Auf
solche Weise finde die Bewegung der Sonne in der Bewegung der Erde ihre
Erklärung. Die Welt aber sei so groß, daß die Entfernung der Planeten
von der Sonne, mit der Fixsternsphäre verglichen, verschwindend klein
sei. Er halte dies alles für leichter begreiflich, als wenn der
Geist durch eine fast endlose Menge von Kreisen verwirrt werde, was
diejenigen herbeiführten, welche die Erde in den Mittelpunkt der Welt
setzten.
[Illustration: Abb. 62. Das koppernikanische Weltsystem.
(Aus Koppernikus' Werk über die Bewegung der Weltkörper.)]
*Koppernikus* bringt dann die vorstehend wiedergegebene Abbildung (62)
seines Weltsystems und erläutert sie mit folgenden Worten: »Die erste
und höchste von allen Sphären ist diejenige der Fixsterne, die sich
selbst und alles übrige enthält und daher unbeweglich ist. Es folgt der
äußerste Planet, Saturn[907], der in 30 Jahren seinen Lauf vollendet;
hierauf Jupiter mit einem zwölfjährigen Umlauf; dann Mars, der in zwei
Jahren seine Bahn beschreibt. Die vierte Stelle nimmt der jährliche
Kreislauf ein, in dem die Erde mit der Mondbahn enthalten ist. An
fünfter Stelle kreist Venus in neun Monaten. Den sechsten Platz nimmt
Merkur ein, der in einem Zeitraum von 80 Tagen seinen Umlauf vollendet.
In der Mitte aber von allem steht die Sonne. Denn wer möchte in diesem
schönsten Tempel diese Leuchte an einen anderen oder besseren Ort
setzen?«
»So lenkt in der Tat die Sonne, auf dem königlichen Throne sitzend,
die sie umkreisende Familie der Gestirne. Wir finden also in dieser
Anordnung einen harmonischen Zusammenhang, wie er anderweitig nicht
gefunden werden kann. Denn hier kann man bemerken, warum das Vor- und
Zurückgehen beim Jupiter größer erscheint als beim Saturn und kleiner
als beim Mars und wiederum bei der Venus größer als beim Merkur.
Außerdem, warum Saturn, Jupiter und Mars, wenn sie des Abends aufgehen,
der Erde näher sind als bei ihrem Verschwinden in den Strahlen der
Sonne. Vorzüglich aber scheint Mars, wenn er des Nachts am Himmel
steht, an Größe dem Jupiter gleich zu sein, während er bald darauf
unter den Sternen zweiter Größe gefunden wird. Und dies alles ergibt
sich aus derselben Ursache, nämlich aus der Bewegung der Erde. Daß aber
an den Fixsternen nichts davon in die Erscheinung tritt, ist ein Beweis
für die unermeßliche Entfernung dieser Sterne, eine Entfernung, welche
selbst die Bahn der Erde oder das Abbild dieser Bahn am Himmel für
unsere Augen verschwinden läßt[908].«
Die Grundlagen seines Systems hat *Koppernikus* am klarsten in einem
»kurzen Abriß«[909] niedergeschrieben, den er wahrscheinlich schon bald
nach 1530 verfaßte. Er stellt diese Grundlagen in folgenden Sätzen
zusammen: