durch die »Land erhoben wird und einen Berg bildet«. Eine weitere
Ursache ist nach ihm wie nach *Agricola* »die Aushöhlung durch Wasser,
wodurch Hohlräume entstehen und bewirkt wird, daß das angrenzende Land
hervorragt und ein Gebirge bildet«.
Die zur Zeit des Wiederauflebens der Wissenschaften unter dem Einfluß
der antiken Schriftsteller entstandenen geologischen Elemente fanden
ihre Fortsetzung besonders durch *Steno*, von dem an einer späteren
Stelle die Rede sein wird.
Ein Jahrzehnt vor dem Erscheinen des Bergwerksbuches veröffentlichte
*Agricola* sein grundlegendes Buch über die Mineralien[972]. In diesem
Werk begründete er das erste, auf den äußerlichen Kennzeichen beruhende
Verfahren zum Bestimmen der Mineralien. Trotz aller Unvollkommenheiten
verdient es doch Beachtung, weil die späteren Versuche von dem
System *Agricolas* ausgingen. *Agricola* berücksichtigt Farbe,
Glanz, Durchsichtigkeit, Geschmack, Geruch und die Wirkung auf den
Tastsinn (Fettigkeit, Glätte, Rauhigkeit usw.). Ferner kommen für ihn
als Mittel zur genauen Beschreibung der Mineralien die Zähigkeit,
Biegsamkeit, Schwere und Spaltbarkeit in Betracht. Seine Angaben über
die Gestalt der Mineralien sind noch sehr unbestimmt. Er unterscheidet
tafelförmige, eckige (drei- bis sechseckige und vieleckige) und
gewissen Gegenständen ähnliche Mineralien (pfeilförmig, sternförmig,
linsenförmig usw.). Die Brauchbarkeit dieser Übersicht wurde für
spätere Mineralogen dadurch erhöht, daß jedes der erwähnten Kennzeichen
nicht nur angegeben, sondern durch typische Mineralien erläutert und
auf diese Weise gute Vergleichspunkte geschaffen wurden.
Schon während des Altertums hatte man die Versteinerungen von den
Mineralien unterschieden und erstere ganz richtig als die Überreste
organischer Wesen gedeutet. Im Mittelalter dagegen war man auf Grund
der aristotelischen Lehre von der elternlosen Zeugung niederer Tiere zu
der sonderbaren Vorstellung gelangt, daß die Versteinerungen einem im
Erdinnern wirkenden Bildungstrieb, einer vis plastica oder formativa,
ihren Ursprung verdankten[973]. Es dauerte Jahrhunderte, bis die im
15. Jahrhundert wieder auflebende Wissenschaft sich von dieser Lehre
frei zu machen wußte. Ihren letzten Ausläufern begegnen wir sogar
noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Nach *Agricolas* Auffassung
waren also die Versteinerungen Überreste von Organismen. Insbesondere
macht *Agricola* diesen Ursprung für fossiles Holz, Blattabdrücke,
Knochen und die bekannten Fischabdrücke des Mannsfelder Kupferschiefers
geltend. Dagegen hält er die in den Gesteinen eingeschlossenen
Muscheln, Ammonshörner und Belemniten für »verhärtete Wassergemenge.«
Auch in Frankreich und in Italien, wo es geringere Schwierigkeiten bot,
die Ähnlichkeit fossiler Konchylien mit noch jetzt in den benachbarten
Meeren lebenden Arten zu erkennen, neigten aufgeklärte Zeitgenossen
*Agricolas* der richtigen Annahme zu, daß die Versteinerungen
organischen Ursprungs seien. Erst als die Geologie ihr Hauptziel in
der Deutung des mosaischen Schöpfungsberichtes erblickte und die
Versteinerungen für die wichtigsten Zeugen der Sintflut ausgab, fand
diese Lehre allgemeinen Anklang. Die heute geltende Ansicht findet
sich wohl zuerst bei *Lionardo da Vinci* und vor allem bei dem in
Verona lebenden Arzt *Fracastoro* (1483-1553) ganz klar ausgesprochen.
Als man in Verona, bei der Errichtung von Bauten, Muscheln aus dem
Erdinnern zutage förderte, erklärte *Fracastoro*, daß es sich hier
weder um die Schöpfungen einer vis plastica noch um Zeugen der Sintflut
handeln könne. Etwaige Beweisstücke einer allgemeinen Überflutung
müßten nämlich, wie er ausführt, die Oberfläche der Erde bedecken,
während die gefundenen Dokumente tief im Boden gefunden seien. Als
einzige Annahme bleibe übrig, daß die Versteinerungen von Geschöpfen
herrühren, die an der Stelle, wo sie sich befinden, früher gelebt haben
und so erkennen lassen, daß das Meer einst dort wogte, wo jetzt festes
Land ist.
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts begegnen uns auch die ersten,
mit Abbildungen versehenen Werke über Versteinerungen, unter denen
dasjenige *Gesners*, des deutschen *Plinius*, hervorzuheben ist[974].
Allerdings gelangte auch er hinsichtlich der Versteinerungen zu keiner
klaren Ansicht. Er vergleicht sie zwar mit Pflanzen und Tieren, ohne
sie indessen bestimmt als Überreste organischer Wesen anzusprechen[975].
Den Standpunkt *Fracastoros* vertrat unter den Schriftstellern, die
im 16. Jahrhundert über Gegenstände der Geologie schrieben, vor
allem der Franzose *Bernhard Palissy*. In einem, klares Denken und
vorurteilsfreie Beobachtung bezeugenden Werke weist er darauf hin[976],
daß manche Versteinerungen den noch jetzt lebenden Tieren und Pflanzen
gleichen und offenbar an Orten entstanden sind, die früher vom Meere
oder von süßem Wasser bedeckt waren[977].
Die häufig anzutreffende Annahme, daß *Lionardo da Vinci*, *Fracastoro*
und *Palissy* lediglich durch eigenes, vorurteilsfreies Denken zu
richtigen Vorstellungen über die Versteinerungen und den Wechsel von
Meer und Land gekommen seien, ist nicht zutreffend. Auch diese Männer
empfingen die Anregung zu ihren Spekulationen ganz offenbar aus den
Schriften der Alten, besonders aus den Büchern des *Aristoteles*,
welche der Neuzeit die Vorstellungen übermittelten, zu denen die
griechischen Forscher, besonders *Demokrit*, in geologischen Dingen
gelangt waren. *Palissy* bedient sich in seinem »Discours admirable«
betitelten Buche der Form des Dialogs. Seine eigenen Ansichten legt er
der »Praxis«, die gegnerischen der »Theorie« in den Mund. Auf einen
Einwurf der »Theorie« antwortet *Palissy*: »Wie wäre es möglich, daß
Holz sich in Stein verwandelt, wenn es sich nicht längere Zeit in
mineralhaltigen Gewässern befunden hätte. Wären letztere nicht ebenso
flüssig und fein wie die gewöhnlichen, so hätten sie nicht in das Holz
eindringen und es in allen seinen Teilen durchtränken können, ohne ihm
irgendwie seine ursprüngliche Form zu nehmen. Wie das Holz, so wurden
auch die Muscheln in Stein verwandelt, ohne ihre Form zu verlieren«.
*Palissy* war ein einfacher Töpfer. Er hatte indessen bei dem gelehrten
*Cardanus* gelesen, daß die Schalen der Muscheln an vielen Orten
dadurch versteinert seien, daß die Substanz sich änderte, während
die Form erhalten blieb[978]. Wie es kommt, daß die versteinerten
Organismen sich nicht nur an der Oberfläche der Erde finden, sondern
das ganze Gebirge durchsetzen, schildert *Palissy* zutreffend mit
folgenden Worten: »Die versteinerten Organismen wurden an demselben
Orte erzeugt, an dem wir sie finden und zwar zu einer Zeit, während
sich an der Stelle der Felsen nur Schlamm und Wasser vorfand. Letzterer
ist seitdem mit den Organismen versteinert. Und zwar versteinerten
die Erde und der Schlamm durch dieselbe Kraft, die auch die Fossilien
erzeugt hat, nämlich durch die alles durchdringenden Minerallösungen.«
In einem Punkte urteilt *Palissy* richtiger als *Cardanus*. Letzterer
glaubte nämlich mit den meisten Gelehrten seiner Zeit, soweit sie nicht
die Versteinerungen für bloße Naturspiele oder »Schöpfungsübungen
Gottes« hielten, die versteinerten Organismen seien Überbleibsel einer
die gesamte Erde bis zu den Spitzen der Berge bedeckenden Flut, also
gewissermaßen Zeugen der Sintflut. Gegen diese Ansicht wendet sich
*Palissy* mit dem Hinweis darauf, daß sich die Fossilien nicht nur an
der Oberfläche der Erde befänden, sondern auch an den tiefsten Stellen,
an die man durch das Ausbrechen der Steine gelange. »Durch welches
Tor«, fragt er seine Gegner, »drang denn das Meer ein, um die Fossilien
in das Innere der dichtesten Felsen zu tragen?«
13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen
Naturwissenschaften.
Nicht nur für die anorganischen Naturwissenschaften, einschließlich
der Mineralogie und der Geologie, wurden im 16. Jahrhundert Grundlagen
geschaffen, auf denen sich mit Erfolg weiter bauen ließ, sondern das
Gleiche gilt auch von den übrigen Gebieten der Naturbeschreibung,
der Botanik, der Zoologie, sowie der Lehre vom Bau und von den
Verrichtungen des menschlichen Körpers. Diese Gebiete wurden zunächst
durch das Bekanntwerden der auf sie bezüglichen Schriften der Alten zu
neuem Leben erweckt. Dann trat aber für sie noch ein zweiter günstiger
Umstand hinzu. Infolge der Entdeckungsreisen und durch die daran sich
anknüpfenden neuen Handelsverbindungen wurde nämlich die europäische
Menschheit mit einer solchen Fülle neuer Naturerzeugnisse bekannt, wie
es nie zuvor in gleichem Maße geschehen war.
Naturbeschreibung und Entdeckungsreisen.
Die Geschichte der Entdeckungsreisen gilt schon in der üblichen,
mehr das Persönliche und Zufällige schildernden Darstellung als
eine der fesselndsten Episoden der Weltgeschichte. Sie gewinnt aber
außerordentlich an allgemeinem Interesse, wenn wir sie in ursächliche
Beziehung zu dem Gange der wissenschaftlichen Entwicklung setzen.
Letztere ist es, welche die Entdeckungsreisen bedingt hat, um
andererseits durch sie auch wieder den gewaltigsten Impuls zu empfangen.
Wir haben schon an anderer Stelle erfahren, daß die Schiffahrt gegen
den Ausgang des Mittelalters durch die Einführung des Kompasses,
sowie die Entwicklung der Astronomie und der auf astronomischen
Prinzipien beruhenden nautischen Instrumente viel von ihren Gefahren
und Zufälligkeiten verloren hatte. Infolgedessen vermochte die Nautik
sich auch weitere Ziele zu stecken. Da der Verkehr zu Lande mit den
südlichen und östlichen Teilen Asiens, die ja schon im Altertum in
den Gesichtskreis der Europäer getreten waren und für Europa gegen
den Ausgang des Mittelalters immer mehr an Bedeutung gewannen, in
hohem Grade mühsam, kostspielig und gefährlich war, so regte sich in
weiterschauenden Männern der Gedanke, ob jene asiatischen Länder nicht
durch eine Fahrt nach Westen oder durch eine Umschiffung Afrikas zu
erreichen seien. Dieser Gedanke fand den günstigsten Boden in Portugal
und Spanien, die durch ihre Lage mehr als Italien auf das offene
Meer hinausgewiesen waren und durch das Übergewicht, das Venedig im
Mittelmeere ausübte, auf neue Wege für ihren Handel hingedrängt wurden.
In Portugal wurde dieses Streben besonders durch *Heinrich* »*den
Seefahrer*«[979] unterstützt. Um diesen scharten sich gelehrte
und kühne Männer, unter anderen der Geograph und Astronom *Martin
Behaim*[980] aus Nürnberg. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts begann das
Vordringen entlang der Westküste Afrikas. Das Auftauchen bewaldeter
Vorgebirge zerstörte zunächst das mittelalterliche Vorurteil, daß in
der Nähe des Äquators alles Leben von der Glut der Sonne versengt sei.
Ferner bemerkte man, daß die Küste Afrikas immer weiter nach Osten
zurückweicht, wodurch die Hoffnung, einen östlichen Seeweg nach Indien
zu entdecken, neue Nahrung empfing. Durch *Bartholomeo Diaz*, der
1486 die Südspitze des dunklen Erdteils erreichte, und durch *Vasco
da Gama*, der 1498 nach der Umschiffung Afrikas in Ostindien landete,
wurde diese Hoffnung endlich verwirklicht. Rasch breiteten sich die
Herrschaft und der Handel der Portugiesen über das südliche Asien und
die im Südosten dieses Kontinentes gelegenen Inseln aus.
Mit welcher Fülle von neuen Naturerzeugnissen die europäische
Menschheit dadurch bekannt wurde, kann hier nur angedeutet werden.
An den Küsten und auf den Inseln Ostafrikas fielen besonders die
gewaltigen Dracaenen und der riesige Brotfruchtbaum (Adansonia
digitata) auf. In Ceylon gelangte man in den Besitz der Zimtwälder. Man
wurde mit der wunderbaren maledivischen Nuß, mit dem Gewürznelkenbaum
und denjenigen Pflanzen bekannt, welche die Muskatnüsse, den Kampfer,
Benzoe, Indigo, Strychnin usw. liefern. In nicht geringerem Maße wurde
die Wissenschaft durch die Entdeckung zahlreicher neuer Tierformen
bereichert. Und der gelehrte *Clusius* (geb. zu Arras 1526) unternahm
es, das Wichtigste über die neuen fremdländischen Naturerzeugnisse
zusammenzustellen[981]. Bei *Clusius* begegnen uns zum ersten Male, in
Abbildungen und Beschreibungen, der fliegende Hund, der Molukkenkrebs,
die gewaltigen, plumpen, zur Ordnung der Waltiere gehörenden Sirenen,
der heute ausgestorbene Dodo, jener unbeholfene Vogel, den *Vasco da
Gama* auf den Mascarenen in so großer Menge antraf. Auch die Bewohner
Amerikas, seine Faultiere, Gürteltiere und Kolibris und endlich die
so abenteuerlich gestalteten Fische, die das Meer der Tropen beleben,
schildert *Clusius*.
Den Portugiesen wurde der indische Handel durch die Niederländer
entrissen, deren Seegeltung so machtvoll emporwuchs, nachdem sie das
spanische Joch abgeschüttelt hatten. Die wissenschaftliche Erforschung
der neuentdeckten Länder nahm unter diesem Volke, das auch daheim
den regsten wissenschaftlichen Sinn bekundete, einen bedeutenden
Aufschwung. War doch auch *Clusius* ein Niederländer.
Der Gedanke, durch eine Seefahrt nach Westen die Küsten Ost- und
Südasiens zu erreichen, tauchte im Renaissancezeitalter zuerst in dem
Florentiner Astronomen *Toscanelli* (1397-1482) auf. Dieser Mann, der
auch durch seine Einwirkung auf *Nicolaus von Cusa* zum Wiederaufleben
der Astronomie in Deutschland beigetragen hatte, wußte den großen
Genuesen, dem Europa die Entdeckung der westlichen Hemisphäre verdankt,
für seinen Gedanken zu erwärmen. Dennoch sollten zehn Jahre nach
dem Tode *Toscanellis* verfließen, bis *Columbus* nach Überwindung
zahlloser Schwierigkeiten in Westindien landete. Schon auf der ersten
Reise wurde man mit dem Tabak, der Yamswurzel und dem Mais bekannt.
Bald folgte die Entdeckung der Ananas, von Agave Americana, Theobroma
Cacao, der Batate, der Sonnenblume, von Manihot und zahlreichen
anderen, wichtigen und charakteristischen amerikanischen Pflanzen.
Nachdem *Cabot* (1497) das nordamerikanische Festland, *Cabral*
(1500) Brasilien entdeckt hatten, und *Cortez* und *Pizzaro* erobernd
in das Innere des neuen Kontinentes eingedrungen waren, begann eine
sorgfältige naturgeschichtliche Erforschung der entdeckten Länder.
Vor allem waren es gelehrte Kleriker, die sich dieser Aufgabe mit
Eifer und Erfolg widmeten. So schrieb der Jesuit *d'Acosta* eine
»Natur- und Sittengeschichte der Indier«, in der auch die gewaltigen
fossilen Knochen Südamerikas Erwähnung finden. *d'Acosta* hielt sie für
Überreste von Riesen und erörtert ganz ernsthaft die Frage, wie die
Tiere Amerikas nach ihrem heutigen Wohnsitz gelangten, da sie doch in
der Arche Noahs eingeschlossen gewesen seien.
Mit noch größerem Eifer als den Pflanzen und den Tieren wandte man
sich den Bodenschätzen der neu entdeckten Länder zu. In Mexiko und
Peru wurde der Bergbau bald mit so großem Erfolge betrieben, daß
die Einfuhr des dort gewonnenen Edelmetalls in Europa umgestaltend
auf die wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Erdteils wirkte. Auf
die Erschließung des neuen Kontinentes folgte ein Austausch seiner
Erzeugnisse mit denjenigen der alten Welt. So wird der Tabak schon
1559 in Portugal gebaut[982], um in Europa zunächst als Mittel gegen
Geschwüre Verwendung zu finden. Zu den ersten, die ihn rauchten,
gehörte der große Naturforscher *Gesner*. Die neue Welt empfing dagegen
u. a. den Kaffeebaum, das Zuckerrohr und die Obstarten.
Hand in Hand mit der unendlichen Bereicherung, welche die Wissenschaft
durch die Entdeckungsreisen erfuhr, ging ein Aufschwung der gesamten
Kultur und eine Erweiterung des gesamten Gesichtskreises, wie ihn
kein früheres oder späteres Zeitalter erfahren. Der Handel hörte
auf, das Privilegium einiger mächtigen süd- und mitteleuropäischen
Städte zu sein und wurde Welthandel. Die Mittelmeerländer waren nicht
fürder eine Welt für sich, sondern die ganze Erde wurde zu einer
Domäne der weißen Rasse. Und innerhalb dieser Rasse erlangte endlich
immer mehr das germanische Element das Übergewicht. Waren doch die
Völker germanischen Stammes den Romanen an Tatkraft überlegen, an
Intelligenz mindestens gleichwertig, und endlich durch ihre Wohnsitze
am offenen Weltmeer auf die Fortentwicklung des durch die Entdecker
und Konquistadoren eröffneten Welthandels ganz besonders hingewiesen.
Alles Momente, welche in Verbindung mit der im nördlichen Europa
entstehenden Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Verpflanzung der in
Italien wiedergeborenen Wissenschaft nach Mittel- und Nordwesteuropa
ganz besonders begünstigten.
Die Erneuerung der Botanik.
Wir wenden uns nach diesen allgemeineren Ausführungen den organischen
Naturwissenschaften im einzelnen zu. Daß man im Zeitalter der
Renaissance und der Entdeckungsreisen die Augen öffnen lernte und die
Fesseln des Autoritätsglaubens und der Büchergelehrsamkeit abstreifte,
ist für die weitere Entwicklung der beschreibenden Naturwissenschaften
von großem Einfluß gewesen. Waren diese Wissenszweige früher nur
nebenbei und meist zu Heilzwecken gepflegt worden, so bot sich jetzt
eine solche Fülle von neuem Material, daß die Tätigkeit derjenigen,
die sich der Naturbeschreibung widmeten, dadurch vollauf in Anspruch
genommen wurde. Damit trat die Beziehung dieser Fächer zur Heilkunde,
ihrer eigenen Bedeutung gegenüber, allmählich zurück.
Besonders für die Botanik trat im 16. Jahrhundert der Zeitpunkt ein,
in dem dieser Wissenszweig sich über die Grenzen der Heilmittellehre
hinaus entwickelte, da man die Pflanzen ihrer selbst wegen zu
betrachten begann[983]. Auch wurde mit dem lange herrschenden
Vorurteil gebrochen, als hätten die Alten schon die ganze Fülle der
Pflanzenwelt erschöpft. Der Trieb nach eigener wissenschaftlicher
Betätigung äußerte sich auf botanischem Gebiete in diesem Zeitalter
vor allem darin, daß eine Anzahl von Spezialfloren mit Abbildungen,
die sogenannten Kräuterbücher, entstanden. In weiten Kreisen wurde
diesen Erzeugnissen des emporblühenden Buchgewerbes Interesse
entgegengebracht. Infolgedessen verwandten die Verleger die größte
Sorgfalt auf die Ausstattung der Kräuterbücher mit musterhaften
Abbildungen. Und in dem Maße, wie die Kunst des Holzschnittes auf
diesem Gebiete Fortschritte machte, nahm auch die Fähigkeit des
Beschreibens mit zutreffenden Worten einen Aufschwung. Infolge der
wachsenden Pflanzenkenntnis und der Verschärfung der Beobachtung wurde
aber auch die natürliche Verwandtschaft immer mehr durchgefühlt, so daß
man häufig zur Vereinigung verwandter Arten zu Gattungen, ja selbst
ähnlicher Gattungen zu familienähnlichen Gruppen gelangte. Einen
Ansatz zu dieser Art von Systematik hatte zwar schon das Altertum zu
verzeichnen, indem z. B. *Theophrast* verschiedene Arten von Eichen,
Fichten usw. zusammenfaßte. Da jedoch die allgemeine Botanik, abgesehen
von dem vereinzelt gebliebenen Bemühen des *Albertus Magnus*, keine
Fortschritte gemacht hatte, so verfuhr man bei diesen ersten Schritten
an der Schwelle der Neuzeit mehr intuitiv, ohne imstande zu sein, die
gewonnenen Begriffe durch klare Definitionen festzuhalten.
Der im vorstehenden kurz gekennzeichnete Fortschritt der Botanik ist
vor allem das Verdienst einiger deutschen Gelehrten, die man wohl als
die Väter der Pflanzenkunde bezeichnet hat. Sie heißen *Brunfels*,
*Bock* und *Fuchs*. Mit demselben Rechte, mit dem man *Agricola* den
Vater der neueren Mineralogie genannt hat, kann man die Genannten
als die Begründer der neueren Botanik bezeichnen. Ihre Kräuterbücher
wurden dadurch veranlaßt, daß die kommentatorischen Bemühungen, die
man auf die botanischen Werke der Alten verwendet hatte, aus mehreren
Gründen gescheitert waren. Bei dem Glauben an die Unfehlbarkeit der
Alten war man nämlich an ihre botanischen Schriften in der Meinung
herangetreten, daß die darin abgehandelten Pflanzen das gesamte
Pflanzenreich darstellten. Des weiteren suchte man die von den Alten
beschriebenen Pflanzen, ohne von der geographischen Verbreitung
eine klare Vorstellung zu besitzen, in Mitteleuropa, wo sie bei der
bedeutenden Verschiedenheit der Floren Griechenlands und Deutschlands
nur zum kleinsten Teil gefunden werden konnten. Erst als man die
Unhaltbarkeit jener Voraussetzungen einsah, verlegte man sich auf das
genaue Beschreiben derjenigen Gewächse, die man in der Heimat vorfand.
An der Spitze der neueren Botaniker steht *Otto Brunfels*. *Brunfels*
wurde um 1490 in der Nähe von Mainz geboren und empfing dort gelehrten
Unterricht. Nachdem er einige Zeit ein Schulamt bekleidet, erwarb
er die Würde eines Doktors der Medizin[984]. Sein Hauptverdienst
um die Botanik besteht darin, mit Hilfe eines hervorragenden
Künstlers die erste Sammlung naturgetreuer, künstlerisch vollendeter
Pflanzenabbildungen herausgegeben zu haben. Das Werk erschien unter
dem Titel »Herbarum vivae eicones« im Jahre 1532. Es enthielt mehrere
hundert Abbildungen in so sicheren Umrissen, daß die dargestellten
Pflanzen gar nicht verkannt werden konnten. Es handelte sich dabei in
erster Linie um die wildwachsenden, häufiger vorkommenden Pflanzen der
oberrheinischen Tiefebene.
Der Text, den *Brunfels* diesen Abbildungen beigegeben, ist von
geringerem Wert. Er lehnt sich noch in der Hauptsache an die älteren
Schriftsteller an und ist bestrebt, die heimatlichen Pflanzen
mit den von *Dioskurides*, *Plinius* und *Galen* beschriebenen
zu identifizieren. *Brunfels* gab seinem Kräuterbuche folgende
Einrichtung. Unter jede Abbildung setzte er zuerst einen deutschen
Namen. Hinzugefügt wurden dann die lateinischen und die griechischen
Benennungen, sowie Angaben aus *Theophrast*, *Dioskurides*, *Plinius*
usw. Den Schluß bildeten Mitteilungen über die Wirkungen der Pflanzen.
Gewisse Versuche, die heimatlichen Pflanzen naturgetreu abzubilden,
wurden übrigens in Deutschland schon vor *Brunfels* im 15. Jahrhundert
gemacht. Vorbildlich war nach dieser Richtung vor allem die Kunst eines
*Albrecht Dürer* (1471-1528). Die Pflanzendarstellungen, die sich auf
seinen Gemälden, sowie denjenigen mancher älteren deutschen Künstler
finden, waren recht naturgetreu. *Dürer* liebte es, auf seinen Bildern
als Beiwerk Pflanzen und Tiere zu malen. Er folgte darin einem damals
herrschenden Brauche. Im ganzen hat *Dürer* etwa 180 verschiedene
Pflanzen und Tiere dargestellt. Zumal im reiferen Alter des Künstlers
zeigen diese Bilder, wie z. B. Veilchen, Pfingstrosen, Lilien usw.,
einen unübertrefflichen Grad von Naturwahrheit. »*Dürer* gebührt daher
in der Geschichte der naturkundlichen Illustration, die freilich erst
geschrieben werden muß, ein dauernder Ehrenplatz«[985].
Kunst und Wissenschaft wetteiferten somit darin, die Naturkunde wieder
auf eigene Beobachtung zu gründen und sich von den überkommenen
Schriften der Alten, die bis zum 15. Jahrhundert als einzige Quelle
dem Studium zugrunde gelegt wurden, frei zu machen. Daß trotzdem der
neueren Wissenschaft nur nach und nach die Flügel wuchsen, hat die
verschiedensten Gründe.
Ein Mitarbeiter des *Brunfels* ist *Hieronymus Bock*[986]. *Bock* wurde
1498 in der Nähe von Zweibrücken geboren, studierte alte Sprachen
und wurde durch den Pfalzgrafen von Zweibrücken mit der Aufsicht über
dessen Garten betraut. Zu gleicher Zeit bekleidete er die Stelle eines
Lehrers. *Bock* stellte botanische Wanderungen in der Eifel, dem
Hunsrück, den Vogesen, dem Jura, den Schweizer Alpen an und beobachtete
überall die dort wachsenden Pflanzen mit der größten Sorgfalt. Sein
Fehler, dem jedoch sein Zeitgenosse *Fuchs*, wie wir gleich hören
werden, entgegentrat, bestand darin, daß er den von ihm aufgefundenen
Pflanzen griechische und lateinische Namen der alten Botaniker
beilegte, mit welchen diese ganz andere, in Südeuropa heimische
Gewächse bezeichnet hatten.
*Bock* wagt sogar den Versuch einer natürlichen Anordnung und stellt
zum Beispiel die Lippenblüter, die Kompositen und die meisten
Kreuzblüter zusammen. Das Werk, das ihn in der Geschichte der Botanik
unsterblich gemacht hat, führt den Titel »New Kreutterbuch«[987]. Es
erschien zuerst im Jahre 1539, und zwar ohne Abbildungen, während die
späteren Auflagen mit solchen versehen waren. Die Abbildungen *Bocks*
bleiben hinter denjenigen des *Brunfels* zurück, dafür hat es aber
*Bock* in der Kunst des Beschreibens viel weiter gebracht als jener,
so daß er sich den Ruhm erwarb, er vermöge in seinen Beschreibungen
die Natur wirklich zu malen. Vor allem versteht es *Bock*, den ganzen
Habitus der Pflanze vortrefflich zu beschreiben, während er auf die
Beschreibung der Blumen und Früchte geringere Sorgfalt verwendet.
Auch berücksichtigt er keine Pflanze, die er nicht selbst gesehen,
»soviel derselben im Teutschen Land ihm zu handen gestoßen«. Auch das
Vorkommen und die Zeit des Blühens der beschriebenen Pflanzen findet
man berücksichtigt. Ferner erklärt sich *Bock* entschieden gegen die
alphabetische Anordnung, durch welche ähnliche Pflanzen getrennt
würden. Im ganzen hat *Bock* sechshundert Pflanzen beschrieben.
Als Probe möge hier seine Beschreibung der Ackerwinde (Convolvulus
arvensis) und der Zaunwinde (Convolvulus sepium) Platz finden.
Sie lautet: »Zwei gemeine Windenkräuter wachsen in unserem Land
allenthalben mit weißen Schellen- oder Glockenblumen. Das größte sucht
seine Wohnung gern bei den Zäunen, kriecht über sich, wickelt und
windet sich. Das kleine Glockenkraut (C. arvensis) ist dem großen in
der Wurzel, den runden Stengeln, den Blättern und den Glocken gleich,
in allen Dingen aber dünner und kürzer. Etliche Glockenblumen an diesem
Gewächs werden ganz weiß, etliche schön leibfarben, mit braunroten
Strömlein gemalt. Diese wachsen in dürren Wiesen und Gärten. Es schadet
dadurch, daß es mit seinem Kriechen und Umwickeln andere Gartenkräuter
zu Boden drückt. Auch ist es schwer auszurotten«.
Die Anordnung der Pflanzen in den Kräuterbüchern war meist die
alphabetische. Allmählich entwickelte sich aber auf Grund der zahllosen
Einzelbeobachtungen das Gefühl für die Zusammengehörigkeit des
Ähnlichen und damit die Voraussetzung zur Begründung eines natürlichen
Systems. So wurden bald die Nadelhölzer, die Lippenblüter, die
Korbblüter und andere Familien als natürliche Gruppen herausgefühlt,
ein großer Fortschritt gegen die Einteilung in Bäume, Sträucher und
Kräuter, der wir im Altertum zumeist begegnen. Das medizinische
Element nahm jedoch in den Kräuterbüchern immer noch einen breiten
Raum ein, wie es auch bei der Anlage botanischer Gärten maßgebend
war. Naiv genug mutet uns noch manches in den Kräuterbüchern, diesen
Erstlingserzeugnissen der neueren botanischen Wissenschaft an. So
beginnt *Bock* mit folgenden Worten: »Nach Erkundigung aller Geschrift
erfindet sichs klar, daß der allmächtige Gott und Schöpfer der
allererste Gärtner, Pflanzer und Baumann aller Gewächse ist.« Sodann
wird *Adam* als der zweite Botaniker gepriesen, weil er alle Pflanzen
mit ihrem rechten Namen belegt habe. Auf ihn folgen die Botaniker
*Kain*, *Noah* usw.
Als dritter in der Reihe der Begründer der neueren Botanik ist der
Bayer *Leonhard Fuchs* zu nennen. Er wurde 1501 geboren, studierte wie
seine Vorgänger Medizin und alte Sprachen und gab im Jahre 1542 seine
berühmte »Historia stirpium«, eine Beschreibung vieler in Deutschland
wild wachsender Pflanzen heraus, zu denen noch etwa 100 Gartenpflanzen
kamen. Das Werk stellt sich denjenigen von *Bock* und *Brunfels* als
ebenbürtig an die Seite. *Fuchs* war ein sehr gelehrter Mann. Seine
eindringende Gelehrsamkeit ließ ihn die Mängel, die den arabischen
Schriften über Medizin und Botanik und ihren lateinischen Nachahmungen
anhafteten, klar erkennen. Er drang deshalb darauf, daß man in der
Medizin auf die griechischen Urschriften, in der Botanik aber auf
die Natur selbst zurückgehen solle. Letzteres erschien ihm als der
einzige Ausweg, aus der Verwirrung herauszukommen, welche durch die
Übertragung der alten Pflanzennamen auf die heimatlichen Gewächse
entstanden war[988].
Unter den Botanikern des 16. Jahrhunderts ist auch der Niederländer
*Dodonaeus* zu nennen, wie denn überhaupt die Niederländer frühzeitig
unter den Neubegründern der Naturwissenschaften und der Philosophie
hervorragten, eine Erscheinung die sicherlich in der geographischen
Lage des Wohnsitzes und in der staatlichen und religiösen Entwicklung
dieses Volkes begründet ist.
*Dodonaeus* wurde 1517 in Mecheln geboren. Sein Hauptwerk[989],
»Die Naturgeschichte der Gewächse«, erschien im Jahre 1583. Was
*Dodonaeus* unter den zeitgenössischen Botanikern besonders hervorhob,
war das bewußte Streben, eine wissenschaftliche Anordnung der
Pflanzen zu finden. Zwar blieb es bei einem rohen Versuch, doch hat
er viele Gattungen und Familien und manche wenig ins Auge fallende
verwandtschaftliche Beziehungen der Pflanzen schon erkannt. Die
Pflanzen, die er beschreibt, gehören teils der heimatlichen Flora an,
teils sind sie den Gärten entnommen, die von den Niederländern schon
damals sehr gepflegt und infolge der ausgedehnten Handelsbeziehungen
dieses Volkes mit mancher seltenen Art versehen wurden[990]. Selbst
*Dodonaeus* vergleicht noch die ihm vorliegenden Pflanzen mit den
von den alten Schriftstellern erwähnten. Doch hindert ihn das nicht,
seine eigenen Beschreibungen auf genaue und eingehende Beobachtungen
zu stützen, so daß seine Beschreibungen ausführlicher als diejenigen
irgendeines seiner Vorgänger ausgefallen sind.
Weit vielseitiger und vorgeschrittener als die genannten Männer war der
große Polyhistor *Konrad Gesner*, ein Mann, der für sein Zeitalter
etwa die Bedeutung besaß, wie sie *Albert dem Großen* für das 13.
Jahrhundert beizumessen ist. *Konrad Gesner* wurde im Jahre 1516 in
Zürich als der Sohn eines armen Kürschners geboren. Er erhielt jedoch
mit Unterstützung seines Oheims eine gute Schulbildung. Sein Oheim,
der ein großer Gartenfreund war, erweckte auch in dem jungen *Gesner*
die Liebe zur Naturwissenschaft. *Gesner* studierte in Straßburg und
Paris Medizin und Naturwissenschaften. Bedenkt man, daß derselbe
Mann auch praktischer Arzt war und eine Zeitlang eine Professur der
griechischen Sprache bekleidete, so erhalten wir einen Begriff von
der vielseitigen Gelehrsamkeit, die uns in der auf das Emporblühen
des Humanismus folgenden Zeit so häufig begegnet. Seine Neigung zur
universalen Bildung brachte ihn mit den mannigfaltigsten älteren
und neueren Schriftwerken in Berührung[991]. Zunächst verwaltete
*Gesner* ein Lehramt. Dann ließ er sich als Arzt in Zürich nieder,
wo er gleichzeitig eine Professur für Philosophie bekleidete. Erst
1558 erhielt er die sichere und besser besoldete Professur für
Naturgeschichte. Aber schon wenige Jahre später, im Dezember 1565 wurde
er durch die Pest dahingerafft.
Das Lebenswerk *Gesners* ist eine große Naturgeschichte der Pflanzen
und Tiere, ein Unternehmen, das Zeit und Kräfte des Einzelnen trotz
unermüdlicher Arbeit bei weitem überstieg. Für die Naturgeschichte der
Pflanzen hat *Gesner* im wesentlichen nur die Abbildungen, etwa 1500
an der Zahl, gesammelt und gezeichnet oder zeichnen lassen. Das große
Verdienst, das er sich trotzdem um die Botanik erworben hat, besteht
darin, daß uns in seinen Abbildungen zum ersten Male genaue Zeichnungen
der Blütenteile und der Früchte begegnen, die seine Vorgänger fast ganz
vernachlässigt hatten[992].
Aus *Gesners* Briefen geht hervor, daß er diesen Teilen der Pflanze
besonderen Wert beilegte, wenn es sich um die Verwandtschaft handelte.
Er unterscheidet auch mit klaren Worten Gattungen und Arten. »Ich
halte dafür«, sagt er, »daß es fast keine Pflanzen gibt, die nicht
eine Gattung bilden, welche wieder in zwei oder mehr Arten zu
teilen ist«[993]. Auch der Begriff der Spielart begegnet uns schon
bei *Gesner*. Als ihm einst ein Zweig von Ilex aquifolium gesandt
wurde, dessen Blätter nur eine Spitze aufwiesen, bat er den Einsender
festzustellen, ob diese Abweichung konstant sei oder nicht.
Der Gedanke, medizinisch wertvolle und auch andere Pflanzen nicht,
nur vom Zufall geleitet, im Freien zu suchen, sondern sie in Gärten
anzubauen, um dadurch jederzeit über sie verfügen zu können,
begegnet uns zu allen Zeiten. Von den Gärten, welche *Theophrast*
und *Mithridates* unterhalten haben sollen, können wir uns keine
Vorstellung mehr machen. Besser sind wir durch die Kapitularien
über die Gärten zur Zeit *Karls des Großen* unterrichtet[994]. Von
dem Kalifen *Abdurrahman I.* wird erzählt, daß er einen botanischen
Garten bei Cordova anlegen und ihn mit Gewächsen Asiens bepflanzen
ließ[995]. Die Gärten, die in Salerno und in Venedig im 14. Jahrhundert
entstanden, dienten wohl nur medizinischen Zwecken. Den venetianischen
Garten legte ein Arzt an, um »die für seine Kunst erforderlichen
Kräuter zur Hand zu haben«[996]. Ein im eigentlichen Sinne botanisches
Forschungsmittel von höchstem Werte wurde aus solchen Gärten erst,
als man sie seit der Mitte des 16. Jahrhunderts als ein notwendiges
Lehrmittel der Universitäten zu betrachten anfing und gleichzeitig die
Botanik über eine bloße Heilmittellehre hinaushob.
Die ersten Universitätsgärten entstanden in Padua und Pisa[997].
In Pisa waren es die Mediceer, die Land für einen solchen Garten
zur Verfügung stellten und dafür sogar Samen und Pflanzen im fernen
Orient sammeln ließen. Bald darauf erhielten auch Florenz und
Bologna botanische Gärten. In Venedig sorgten die Cornaros und die
Morosinis durch ihren weitverzweigten Handel und die Anlage von
Gärten gleichfalls für die Belebung des botanischen Interesses.
Nachdem die reichen italienischen Handelsstädte ein solch rühmliches
Beispiel in der Pflege der mit ihren Interessen Hand in Hand gehenden
Naturwissenschaft gegeben, wollten auch die übrigen Länder in der
Betätigung dieses Sinnes nicht zurückstehen. So entstanden denn in
Montpellier, in Bern, Basel, Straßburg, Antwerpen, Leipzig, Nürnberg
und an manchen anderen Orten, teils in Verbindung mit Universitäten,
teils aus privaten Mitteln, noch im 16. Jahrhundert Einrichtungen, die
als botanische Gärten bezeichnet werden können.
Etwa zur selben Zeit begegnet uns zum erstenmale das Verfahren,
Pflanzen zu pressen und in Herbarien auf Papier geklebt aufzubewahren.
Das Herbarium *Bauhins* (1550-1624) wird noch heute in Basel
gezeigt[998]. Als der Erfinder der Herbarien gilt *Luca Ghini*, der von
1534-1544 in Bologna lehrte[999].
Die Erneuerung der Zoologie.
Wie auf botanischem, so regte sich auch auf zoologischem Gebiete das
Bestreben, über das von den Alten überlieferte Maß an Kenntnissen
hinauszuschreiten und die bekannten Tierformen, deren Zahl sich durch
Entdeckungsreisen immerfort vergrößerte, auf Grund eigener Beobachtung
zu beschreiben und mit möglichster Naturtreue darzustellen. So
entstanden mehrere umfassende Werke, wie diejenigen des Schweizers
*Konrad Gesner* (1516-1565) und des Italieners *Aldrovandi* (1522-1607).
Weit größer als in der Botanik war *Gesners* Einfluß auf die
Entwicklung der Zoologie. Hier gebührt ihm das große Verdienst, zum
ersten Male die zu seiner Zeit bekannten Tierformen vom Standpunkte
des Naturforschers aus geschildert zu haben. Dies geschah in seiner
großen, vom Jahre 1551 ab erschienenen Geschichte der Tiere (Historiae
animalium lib. V). Von den fünf Foliobänden behandelt der erste die
Säugetiere, der zweite die eierlegenden Vierfüßer, der dritte die Vögel
und der vierte die Fische und Wassertiere. Ein fünfter, die Insekten
behandelnder Band wurde aus *Gesners* Nachlaß zusammengestellt.
*Gesner*, dem sein Vaterland das erste Naturalienkabinett verdankt,
beschrieb in seinem Werke den äußeren Bau der Tiere unter
Berücksichtigung ihres Vorkommens, ihrer Lebensweise, des Nutzens, den
sie gewähren usw. Seine Anordnung ist die alphabetische, was in bezug
auf Systematik gegen *Aristoteles*, der die großen natürlichen Gruppen,
wie wir sahen, schon erkannt hatte, einen offenbaren Rückschritt
bedeutet. Doch macht sich bei *Gesner* das Bestreben geltend, die
Zoologie von den gerade auf diesem Gebiete so sehr überwuchernden
Fabeln zu reinigen. Letztere werden zwar gewissenhaft angeführt, doch
geschieht dies nicht, ohne daß Bedenken dagegen erhoben werden.
Während *Albert der Große* das zoologische Wissen im engen Anschluß an
die dem Abendlande übermittelten naturwissenschaftlichen Schriften des
*Aristoteles* wiederzugeben suchte, ging *Gesners* Plan dahin, unter
Einschränkung des in den mittelalterlichen Schriften überwuchernden,
philologischen Verbalismus, alles was man zu seiner Zeit vom Tierreich
wußte, zusammenfassend darzustellen. Gleichzeitig suchte er jede
Tierform, die er zum Gegenstande seiner Betrachtung machte, unter
Berücksichtigung der Medizin und der Kulturgeschichte zu schildern.
War auch die Anordnung, die er innerhalb der großen, natürlichen,
schon *Aristoteles* geläufigen Gruppen befolgte, die alphabetische,
so erkennt er doch selbst an, daß ein solches Verfahren sich nur aus
Gründen der Bequemlichkeit empfiehlt und naturwissenschaftlich von
keinem Wert sei. Jedes Geschöpf wird in *Gesners* Geschichte der
Tiere nach folgenden Gesichtspunkten behandelt. Der erste Abschnitt
gilt der Nomenklatur. Der zweite ist der wertvollste; er betrifft das
Vorkommen und bringt die Beschreibung des Tieres. Dann folgt eine
Schilderung der biologischen Erscheinungen unter Berücksichtigung der
Krankheiten. Hieran schließt sich eine Schilderung des seelischen
Lebens, d. h. der dem Instinkt entspringenden Handlungen. Die folgenden
Abschnitte handeln dann von dem Nutzen der Tiere, insbesondere ihrer
Jagd, Haltung und Zähmung, ferner von ihrer Nahrung, den Heilmitteln,
die sie etwa darbieten usw. Mitunter fehlen auch nicht die Fabeln,
Wundergeschichten und Weissagungen, die man von jeher an manche
Tierarten geknüpft hatte. Solche Mitteilungen gibt *Gesner* indessen
mehr der Vollständigkeit halber und nicht etwa kritiklos wie manche
seiner Vorgänger. Dabei versäumt er selten, das Unwahrscheinliche
zurückzuweisen oder wenigstens seinem Zweifel Ausdruck zu verleihen.
Besteht doch der große Fortschritt, der sich bei *Gesner* geltend
macht, darin, daß er seine Beschreibungen nach planmäßiger Beobachtung
abfaßte, während man vor ihm die eigene Beobachtung nur gelegentlich
zur Bestätigung der überlieferten Angaben anwandte und diesen stets den
ausschlaggebenden Wert beimaß. Ferner beschränkt sich *Gesner* nicht
auf eine Beschreibung des äußeren Körperbaues, sondern er geht auch auf
anatomische Eigentümlichkeiten ein. Doch werden diese noch nicht durch
Vergleichen in Beziehung gesetzt, so daß es an einer wissenschaftlichen
Verwertung der anatomischen Kenntnisse zur festeren Begründung
natürlicher Gruppen bei *Gesner* noch fehlt.
In bezug auf die Abbildungen ragt sein Werk über alle früheren
zoologischen Schriften hervor. Unter den Künstlern, die ihm zur Seite
standen, ist *Albrecht Dürer* zu nennen.
Beruht das Werk *Gesners* auch zum größten Teile auf der Verarbeitung
des zu seiner Zeit vorhandenen zoologischen Wissens, so ist ihm deshalb
doch nicht etwa der Vorwurf der bloßen Kompilation zu machen. »Das
Talent zu einer solchen«, sagt *Ranke*[1000], »ist nicht so häufig, wie
man meint. Soll sie der Wissenschaft dienen, so muß sie nicht allein
aus vielseitiger Lektüre hervorgehen, sondern auf echtem Interesse und
eigener Kunde beruhen und durch feste Gesichtspunkte geregelt sein. Ein
Talent dieser Art von der größten Befähigung war *Konrad Gesner*«.
*Gesner* ist als der früheste deutsche Zoologe zu bezeichnen. Sein Werk
über das Tierreich[1001] ist die Grundlage für die neuere Zoologie
geworden. *Gesners* Grundsatz war, nichts zu wiederholen und nichts
fortzulassen. Da ein einzelner die unermeßliche Arbeit nicht bewältigen
konnte, setzte er zahlreiche einheimische und auswärtige Hilfskräfte
in Bewegung. War somit auch sein Werk in erster Linie die Leistung
eines geschickten, seinen Stoff beherrschenden Sammlers, so ist doch
sein Nutzen für das Leben nicht minder wie für die Wissenschaft ein
bedeutender gewesen. Dem Menschen hat *Gesner* keinen Platz innerhalb
des Tierreiches angewiesen.
Auf dem Boden Italiens erstand *Gesner* ein gleichstrebender Genosse in
dem etwas jüngeren *Aldrovandi*. Auch er versuchte eine enzyklopädische
Darstellung der Tierkunde, die zwar im ganzen die Arbeit *Gesners*
nicht erreicht, in Hinsicht auf die anatomischen Verhältnisse und die
Anordnung indessen einen Fortschritt darbietet[1002]. Den Versuch
einer mehr systematischen, auf die großen aristotelischen Gruppen
zurückgehenden Anordnung des Tierreichs hatte in der Zeit zwischen dem
Erscheinen des *Gesner*schen Werkes und desjenigen *Aldrovandis* mit
gutem Erfolge der Engländer *Edward Wotton* (geboren in Oxford 1492)
gemacht. Auf dieser Grundlage konnte *Aldrovandi* fußen. *Wotton* gab
im Jahre 1552 eine Schrift »Über die Verschiedenheiten der Tiere«[1003]
heraus, die nicht nur eine allgemeine Schilderung des tierischen
Organismus und seiner Teile enthält, sondern auch eine auf den
Grundzügen der natürlichen Verwandtschaft beruhende Übersicht bietet.
Gleich *Aristoteles* beginnt *Wotton* die Reihe der blutführenden
Tiere mit dem Menschen. Es begegnen uns die Gruppen der Einhufer, der
Zweihufer und der Spaltfüßer. Die eierlegenden Vierfüßer werden mit
den Schlangen zusammengefaßt. Die niederen Tiere werden in Insekten,
Weichtiere (Kopffüßer), Krustentiere, Schaltiere und Pflanzentiere
eingeteilt. Zu letzteren rechnet *Wotton* schon die Seesterne, Medusen,
Holothurien und Schwämme.
*Wotton* machte also, im Anschluß allerdings an *Aristoteles*, zum
ersten Male unter den Neueren den Versuch einer naturgemäßen Einteilung
des gesamten Tierreichs, und hierin folgte ihm *Aldrovandi*, der im
Jahre 1599 die Herausgabe seines großen zoologischen Werkes begann.
Es sollte zwar die ganze Naturgeschichte umfassen, doch konnte
*Aldrovandi* selbst nur fünf Bände erscheinen lassen, nämlich drei
Bände über die Vögel, einen Band über die Insekten und endlich einen
Band über die »übrigen Blutlosen«. Die weiteren Bände wurden von
anderen Zoologen herausgegeben.
*Aldrovandi* konnte infolge der ausgedehnten Entdeckungsreisen seines
Zeitalters manche Tierform berücksichtigen, die *Gesner* noch nicht
kannte, doch verfuhr er im allgemeinen mehr kompilatorisch und weniger
kritisch als sein großer Vorgänger. Trotz seines Strebens nach besserer
systematischer Gruppierung bringt er es noch fertig, die Fledermaus
und den Strauß zu einer Abteilung der »Vögel mittlerer Natur« zu
vereinigen, während schon *Wotton* die Fledermäuse den Säugetieren
zugerechnet hatte.
Ein weiterer, wichtiger Fortschritt auf zoologischem Gebiete bestand
darin, daß man sich nicht mehr auf das Beschreiben der äußeren Form
beschränkte, sondern in den Bau der Tiere einzudringen suchte. Wir
finden bei *Aldrovandi* schon Abbildungen des Skeletts, der Muskulatur,
sowie der Eingeweide. So wird z. B. das Skelett des Adlers abgebildet.
Beim Huhn sind mehrere, allerdings nur ungenaue Zeichnungen zur
Erläuterung des inneren Baues beigegeben. Das Skelett der Fledermaus
und des Straußes finden sich gleichfalls unter den Zeichnungen, die
mitunter anatomische Einzelheiten, wie die Zunge mit ihrer Muskulatur
beim Spechte, das Brustbein des Schwans und anderes mehr betreffen. Die
Muskulatur wird bei mehreren Vögeln genauer beschrieben.
Groß waren die Opfer, welche die Naturhistoriker jener Zeit mitunter
bringen mußten, um ihre Pläne zu verwirklichen. So beschäftigte
*Aldrovandi*, wie er in der Vorrede mitteilt, zur Herstellung seiner
Originalfiguren 30 Jahre einen Maler gegen ein Gehalt von 200
Goldstücken. Außerdem setzte er noch mehrere Zeichner und Holzschneider
in Tätigkeit. Das Verdienst von Männern wie *Gesner* und *Aldrovandi*
ist darum besonders hoch zu schätzen, weil sie zuerst Klarheit und
Übersicht in dem immer mehr anschwellenden zoologischen Material zu
schaffen suchten und in weiteren Kreisen ein lebhaftes Interesse für
die Tierkunde und damit für die Naturkunde im allgemeinen erweckten.
Das Wiederaufleben der Anatomie.
Das Wiederaufleben der Anatomie läßt sich bis in das 13. Jahrhundert
zurückverfolgen. Ein besonderes Interesse wandte der freigeistige
Staufenkaiser *Friedrich II.*[1004] diesen Wissenszweigen zu. Er
verfaßte eine Schrift über die Falken[1005], ließ ausländische Tiere
nach Europa kommen und gestattete die anatomische Untersuchung
menschlicher Leichen. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurden
diese Zergliederungen zu medizinischen und rein wissenschaftlichen
Zwecken immer häufiger ausgeübt. Wurde schon dadurch der Sinn für die
Natur erschlossen und das Studium von der bloßen Buchgelehrsamkeit
abgelenkt, so steigerte sich das Interesse für die Anatomie dadurch um
ein Bedeutendes, daß nicht nur die Gelehrten, sondern auch die großen
Künstler der Renaissance mit offenem Auge und frei von Vorurteilen in
den Wunderbau des Organismus einzudringen suchten. Hier ist vor allem,
als einer der größten unter ihnen, *Lionardo da Vinci* zu nennen. Seine
anatomischen Zeichnungen sind von einer derartigen Vollendung und
Treue, daß sie alles bisher auf diesem Gebiete Geleistete übertrafen.
Die Zeit für eine Neubegründung der Anatomie, ohne Rücksicht auf die
Autorität *Galens* und aufgebaut auf selbständige Erforschung der
Natur, war also gekommen. Diese Neubegründung erfolgte durch die
Italiener *Fallopio* († 1562) und *Eustachio* († 1571)[1006], vor allem
aber durch den Niederländer *Vesal*. Letzterer ist als der eigentliche
Begründer der wissenschaftlichen Anatomie des Menschen zu nennen.
*Andreas Vesal* (1514-1564) war der Sprößling einer aus Wesel
stammenden deutschen Ärztefamilie. Er wurde in Brüssel geboren.
Schon als Knabe wandte sich der spätere Professor der Anatomie und
Chirurgie und Leibarzt Kaiser *Karls V.* der anatomischen Untersuchung
kleinerer Tiere zu. In den letzten Jahrhunderten des Mittelalters
hatten zwar hin und wieder Zergliederungen menschlicher Leichen
stattgefunden; man verfolgte dabei indes keinen anderen Zweck als den,
die Lehren *Galens*, der eine unbedingte Autorität genoß, als richtig
zu bestätigen. Wie schwierig es selbst später war, sich Material zum
Studium der Anatomie zu verschaffen, geht unter anderem daraus hervor,
daß der junge *Vesal*, um in den Besitz eines menschlichen Skeletts zu
gelangen, einen Gehenkten mit Gefahr seines Lebens vom Galgen entwenden
mußte.
Ähnlich lagen die Verhältnisse in Deutschland. So galt es als eine
Aufsehen erregende Neuerung, daß im Jahre 1526 ein Anatom einen
menschlichen Kopf zergliederte[1007]. Es blieb aber zunächst bei
solchen gelegentlichen Versuchen, die Anatomie auf die Untersuchung
von Leichen zu gründen. Erst *Vesal* brach gänzlich mit den
alten Vorurteilen, indem er das Lehrgebäude der Anatomie von
Grund aus und sogleich in fast unübertrefflicher Weise als reine
Erfahrungswissenschaft errichtete.
Sein großes Hauptwerk führt den Titel »Über den Bau des menschlichen
Körpers«. Als es erschien, hatte *Vesal* noch nicht das dreißigste
Lebensjahr überschritten. Durch scharfe Erfassung und klare Wiedergabe
des Gegenstandes, durch Ursprünglichkeit des Inhalts und Schönheit
der sprachlichen Darstellung ragt sein Werk weit über alle ähnlichen
Erzeugnisse jener Periode hervor und erregte die höchste Bewunderung
der späteren Jahrhunderte. Die meisterhaften Abbildungen des Werkes,
die besonders zu seiner großen Verbreitung beitrugen, rühren von
einem Schüler[1008] *Tizians* her. Um dem Leser einen Begriff von
ihrer naturgetreuen Ausführung zu geben, ist in der nachfolgenden
Abbildung 64 eine der zahlreichen, das Muskelsystem betreffenden Tafeln
wiedergegeben.
Das Abhängigkeitsverhältnis, in das *Vesal* zum Hofe *Karls V.* geriet,
hat ihn leider gehindert, seine Untersuchungen zu vollenden. Auch hatte
er am Hofe von den Anhängern *Galens* zu leiden[1009].
Im Beginn seiner Laufbahn hatte *Vesal* mehrere Male in Padua die
Anatomie nach *Galen* vorgetragen, sich dann aber entschieden davon
losgesagt. Seine wissenschaftliche Überzeugung über die anerkannte
Autorität zu setzen, war damals kein geringes Wagnis. Freunde hatten
ihn vor der Herausgabe seines großen Werkes gewarnt. Als es erschienen
war, erhob sich zunächst ein Sturm der Entrüstung. Man erklärte
*Vesal* für einen wahnsinnigen Ketzer. Das Buch wurde der Inquisition
vorgelegt. *Vesal* verließ deshalb Italien. Später lebte er in Spanien
als Leibarzt *Philipp des Zweiten*. Schließlich wurde er, vielleicht
infolge neuer Verfolgungen seitens der Inquisition, schwermütig[1010].
*Vesal* beschränkte sich keineswegs auf den Menschen, sondern er flocht
zahlreiche Hinweise auf die Anatomie der Tiere in seine Darstellung
ein. Es war das um so weniger zu verwundern, als er ja von der
anatomischen Untersuchung der Tiere ausgegangen und sich erst später
der Anatomie des Menschen zugewandt hatte. *Vesals* Hauptwerk erschien
1543[1011]. Die sieben Bücher behandeln: 1. Das Skelett. 2. Bänder und
Muskeln. 3. Gefäße. 4. Nerven. 5. Eingeweide. 6. Herz. 7. Gehirn und
Sinnesorgane.
Große Verdienste um die Fortbildung der Anatomie auf der von *Vesal*
geschaffenen Grundlage hat sich auch *Eustachio* erworben. Doch ist
bezeichnend, daß dieser, obgleich auch ihm die Abweichungen seiner
Befunde von den Angaben *Galens* klar zutage lagen, lieber eine
Veränderlichkeit des Körperbaues annehmen als der gefeierten Autorität
des Altertums Abbruch tun wollte.
[Illustration: Abb. 64. Abbildung aus Vesals De humani corporis
fabrica. 1543.
(Zweite, das Muskelsystem betreffende Tafel.)]
Vor dem Auftreten eines *Vesal* und *Eustachio* waren bei dem großen
Mangel auf eigener Anschauung beruhender anatomischer Kenntnisse
erfolgreiche chirurgische Eingriffe kaum möglich. Erst nach der durch
diese Männer bewirkten Erneuerung der Anatomie konnte sich aus den bis
dahin üblichen, rohen, ja oft barbarischen Operationsverfahren eine auf
wissenschaftlicher Grundlage beruhende Chirurgie entwickeln. Daß dies
geschah, war vor allem das Verdienst von *Ambroise Paré* (1517-1590),
der sich den Ehrennamen eines Reformators dieses Zweiges der Medizin
verdient hat.
*Paré* war gleich *Vesal* Militärchirurg und als solcher dem
Stande der gelehrten Ärzte verhaßt, zumal er kein Latein verstand.
Sein hervorragendes Buch über Schußwunden (1545) ist das erste in
französischer Sprache geschriebene wissenschaftliche medizinische
Werk[1012]. *Paré* wandte bei Amputationen zuerst das Verfahren des
Abbindens der Arterien an. Vor ihm hatte man sich der Cauterisation
mittelst des Glüheisens bedient. Auch der Gebrauch des Bruchbandes
ist auf *Paré* zurückzuführen. Die Feindschaft der Ärztezunft
wurde besonders heftig, als *Paré* die Wirksamkeit einiger der
gebräuchlichsten Arzneien anzweifelte. Trotzdem wurde *Paré* vom Könige
sehr geschätzt. Er soll einer der wenigen Hugenotten gewesen sein, die
der König in der Bartholomäusnacht zu schonen befahl.
Die Erkenntnis, daß sich ein volles Verständnis der Form erst
durch das Studium ihrer Entwicklung erschließen läßt, begegnet uns
gleichfalls schon im 16. Jahrhundert, wenn sich auch diese Erkenntnis
erst in späteren Perioden, gestützt auf die Verschärfung, welche
der Gesichtssinn durch das Mikroskop erfuhr, allseitig Bahn brechen
konnte. So wird die Entwicklung des Hühnchens im Ei, ein Problem, das
schon *Aristoteles* beschäftigt hatte, zum Gegenstand eingehender
Untersuchungen gemacht. Dies geschah durch den verdienten italienischen
Anatomen *Fabricio*[1013]. Er bemerkte auch, daß sich die Klappen der
Venen nach dem Herzen zu öffnen. Diese Entdeckung hat nebst anderen,
die Organe des Kreislaufs betreffenden Beobachtungen[1014] einen
der größten Fortschritte des 17. Jahrhunderts, die Entdeckung des
Blutkreislaufs durch *Harvey* nämlich, vorbereitet.
Hiermit schließt der erste Teil dieser Schilderung, die von den
Anfängen bis gegen den Ausgang des 16. Jahrhunderts geführt hat. Der
zweite Band wird die Begründung der neueren Naturwissenschaft, die etwa
mit der Schwelle des 17. Jahrhunderts anhebt, zur Darstellung bringen.
Verzeichnis der im I. Bande enthaltenen Abbildungen.
-----------------------------------------+-------------------------------
Figur | aus
=========================================+===============================
1. Gleichschenkliges Dreieck |
|
2. Geometrische Elemente aus | Cantor, Bd. I. 1880, S. 58,
altägyptischen Verzierungen | Abb. 6 u. 7.
|
3. Keilschriftprobe |
|
4. Babylonischer Grenzstein |
|
5. Der Tierkreis von Dendera |
|
6. Altbabylonisches Gewicht | nach Layard.
|
7. Wage, einem altägyptischen Totenbuche | Ibel, Die Wage im Altertum und
entnommen | Mittelalter.
|
8. Gewinnung von Eisen nach | A. de Rochas, Les origines de
altägyptischen Wandgemälden | la science et ses premières
| applications.
|
9. Geometrische Konstruktionen der Inder |
|
10. Die Quadratur des Kreises bei den |
Indern |
|
11. Radkarte der Erde |
|
12. Der Satz des Hippokrates |
|
13. Konstruktion zur Lösung des | Cantor, Geschichte der
delischen Problems | Mathematik. Bd. I. 1880.
| Fig. 34.
|
14. Der Tragbalken des Aristoteles |
|
15. Der Satz vom Parallelogramm der |
Kräfte |
|
16. Der Embryo des glatten Hais des | Claus, Lehrbuch der Zoologie.
Aristoteles | 1883. S. 677.
|
17. Vorrichtung zum Heben großer Lasten | Heronausgabe von Schmidt. Op.
| II. 1 Fig. 62.
|
18. Das Verhalten des Hohlspiegels nach | Euklidausgabe von Heiberg und
Euklid | Menge. Bd. 7.
|
19. Die Spiegelung an einem Konkav- und | desgl.
einem Konvex-Spiegel nach der |
Darstellung Euklids |
|
20. Das zum Messen der Sonnenhöhe | Schaubach, Geschichte der
dienende Instrument der Alten | griechischen Astronomie.
| Tab. III Fig. 2.
|
21. Die Gradmessung des Eratosthenes |
|
22. Aristarchs Verfahren, die |
Entfernungen des Mondes und der Sonne|
zu bestimmen |
|
23. Breitenbestimmung mit dem Gnomon | Peschel, Geschichte d.
| Erdkunde 1877. S. 44.
24. Stereographische und orthographische |
Projektion |
|
25. Die Feuerspritze nach Heron | Herons Pneumatik. Ausgabe v.
| Schmidt. Bd. I. Fig. 29.
|
26. Heron verwendet den Dampf zum | Herons Pneumatik. Ausgabe v.
Betreiben einer maschinellen | Schmidt.
Einrichtung |
|
27. Der Heronsball | desgl.
|
28. Herons Abbildung eines Hebers | desgl.
|
29. Herons Automat zum Öffnen der Tempel | Mach, Prinzipien der
| Wärmelehre. Leipzig 1896.
| S. 5.
|
30. Wasserorgel |
|
31. Philons Thermoskop | Heronausgabe v. Schmidt.
| Fig. 115.
|
32. Philons Saugkerze | desgl.
|
33. Herons Flaschenzug | Opera omnia. Ausgabe v.
| Schmidt. Bd. II. S. 102.
|
34. Herons Wegmesser |
|
35. Herons Winkelmeßapparat | Jahrbuch des kaiserl.
| deutschen archäolog.
| Instituts. Bd. XIV 1899.
| 3. Heft.
|
36. Herons Vermessung eines Feldes | Herons Opera omnia. Ausgabe
| v. Schmidt.
|
37. Herons Tunnelaufgabe | desgl.
|
38. Der Meßapparat der Römer | Neue Jahrbücher f. d. klass.
| Altertum. Bd. 13 (1904).
|
39. Die Rekonstruktion der Groma | desgl.
|
40. Peutingers Karte |
|
41. Römisches Hebezeug | Gerland u. Traumüller,
| Geschichteder physikal.
| Experimentierkunst. 1899.
| Fig. 58.
|
42. Römische Schnellwagen | desgl.
|
43. Chirurgische Instrumente |
|
44. Zur Erläuterung der Epizyklentheorie |
|
45. Das parallaktische Lineal | Montucla, Histoire des
| mathématiques. Bd. I.
| S. 307.
|
46. Solstitial-Armille des Ptolemäos | Repsold, Zur Geschichte der
| astronomischen Meßwerkzeuge.
47. Ptolemäos mißt die Brechungswinkel |
|
48. Destillierapparat |
|
49. Probe aus dem Stockholmer Papyrus |
|
50. Albirunis Bestimmung des Erdumfanges | Archiv für Geschichte der
| Naturwissenschaften und der
| Technik. Bd. I. S. 66.
|
51. Trigonometrische Berechnungen |
|
52. Einführung der Tangensfunktion |
|
53. Alhazens Darstellung des Auges | Gerland u. Traumüller,
| Geschichte der physikal.
| Experimentierkunst. Fig. 62.
|
54. Alhazen untersucht die Brechung | Gerland u. Traumüller,
| Geschichte der physikal.
| Experimentierkunst. Fig. 65.
|
55. Alhazen bestimmt die Höhe der |
Atmosphäre |
|
56. Lionardo da Vincis Hygrometer | Gerland u. Traumüller. Fig.
| 99.
|
57. Lionardos Windmesser |
|
58. Lionardos Erläuterung des Sehens |
|
59. Peurbachs Quadratum geometricum | Repsold, Zur Geschichte der
| astronomischen Meßwerkzeuge.
| Fig. 7.
|
60. Der Kreuzstab | Repsold, a. a. O. Fig. 12.
|
61. Schematische Erläuterung des |
Kreuzstabes |
|
62. Das Koppernikanische Weltsystem | Aus Koppernikus Werk über die
| Bewegung der Weltkörper.
|
63. Hüttenwerk nach Agricola |
|
64. Das Muskelsystem darstellende Tafel | Aus Vesals Werk: De humani
| corporis fabrica.
Namen- und Sachverzeichnis.