wissenschaftlicher Geist sich in den nördlichen Ländern Europas
auszubreiten. Unter seinem Einfluß entstanden die Schriften des
gleich zu erwähnenden *Gerbert*, des späteren Papstes Sylvester
II. (940-1003). Auch ging man damals unter Benutzung der im
Altertum geschaffenen Armillen und Astrolabien zu eigenen messenden
Beobachtungen über. Auch mit der Sonnenuhr wurde der germanische
Kulturkreis erst durch die Alten bekannt. Zuerst geschah dies in
England und Irland im 7. Jahrhundert. In Deutschland verfertigte
*Gerbert* die erste Sonnenuhr für *Otto III.* Er schrieb auch ein
Buch über diesen Gegenstand. Erst seit dem 15. Jahrhundert wurden
in Deutschland die zahlreichen Sonnenuhren an Burgen und an Kirchen
angebracht, die oft noch heute erhalten sind. Sie bestanden aus einer
vertikalen Scheibe mit einem Gnomon, der mit ihr einen Winkel von 45°
bildete.
Auch die Wagen, darunter die Schnellwagen, die in der Merowingerzeit
aufkamen und heute noch als Grabbeilagen gefunden werden, lassen schon
durch die Form erkennen, daß sie nach römischem Vorbild geschaffen
waren.
Während das wissenschaftliche Denken in den Ländern einer neuen, auf
den Trümmern der Antike sich entwickelnden germanischen Kultur nur in
engster Anlehnung an die vom Altertum empfangenen spärlichen Dokumente
erfolgte, verhielt es sich mit den im Mittelalter emporblühenden
Gewerben wesentlich anders. Auf diesem Boden waren es nicht selten die
Kelten, deren Erbe die Germanen übernahmen und selbständig vermehrten.
Dies galt z. B. vom Bergbau, den die Kelten vor dem Eindringen der
Germanen in Mitteleuropa schon auf eine ziemlich hohe Stufe gebracht
hatten. In der Salzgewinnung trat kaum ein Rückgang ein. In der
frühesten Zeit gewann man Salz, indem man nach dem Zeugnis römischer
Schriftsteller brennendes Holz mit dem Wasser salzhaltiger Quellen
übergoß. Um den Besitz solcher Quellen führten germanische Stämme nicht
selten untereinander Kämpfe. Später dampfte man die Soole in irdenen
Töpfen ein; schließlich kam der Pfännereibetrieb auf. Seit der Zeit der
Merowinger wurde Salz in zahlreichen größeren Betrieben gewonnen.
Bergbauliche Überreste, welche den Abbau der Erze bezeugen, reichen
bis in die vorgeschichtliche Zeit zurück. Nach *Tacitus* erzeugte
Deutschland indessen nur wenig Eisen und weder Gold noch Silber.
Urkundlich bezeugt wird der Abbau von Eisenerzlagern erst seit dem 8.
Jahrhundert, so der auf dem Wetzlarer Gebiet im Jahre 780. Er reicht
indessen viel weiter zurück. Auch Gold wird man früh in den Flüssen
der Alpen durch Waschen gewonnen haben. Zunächst gab es nur Tagebau.
Tiefbau war erst mit der Einrichtung größerer Betriebe möglich, und im
12. Jahrhundert war man mit der Herstellung von Schächten und Stollen
schon ziemlich vertraut.
Das Ausschmelzen der Metalle aus den Erzen setzte die Gewinnung von
Holzkohle voraus. Mit ihrer Hilfe wurden die Eisenerze in Vertiefungen
oder auf besonderen Herden niedergeschmolzen. Man erhielt durch diesen,
als Rennarbeit bezeichneten Prozeß, der anfangs durch Gebläse mit
Handbetrieb unterhalten wurde, sogenannte Luppen von schmiedbarem
Eisen. Indem man die Vertiefung, um die Flamme zusammenzuhalten, mit
einer ringförmigen Mauer versah und diese nach und nach erhöhte,
entstanden die Hochöfen, die uns in ihrer Urgestalt etwa zu Beginn des
15. Jahrhunderts begegnen. Ihr Erzeugnis war das kohlenstoffreiche
Gußeisen, das erst durch weitere hüttenmännische Prozesse in
Schmiedeeisen umgewandelt werden mußte.
Mit dem Abbau von Silber, Kupfer, Zinn und Blei wurde man in
Mitteleuropa erst verhältnismäßig spät bekannt. Der Goslarer Bergbau
auf Silber und Blei begann unter *Otto dem Ersten*[752]. Zinn wurde
in Böhmen etwa seit dem 13. Jahrhundert abgebaut. Um diese Zeit besaß
der Silberbergbau in Mitteleuropa schon eine große Ausdehnung. Er wurde
nicht nur am Harz, sondern auch in der Gegend von Meißen, in Freiberg,
im Jura und in den Alpen betrieben.
Zwischen diesen Anfängen der metallurgischen Technik und der
Wissenschaft bestand zunächst nur eine sehr geringe Fühlung. Erst seit
dem 15. Jahrhundert, nachdem *Agricola* seine gelehrten Werke über
den Bergbau geschrieben hatte, begannen die Gelehrten sich diesem für
das Emporblühen der neueren Naturwissenschaft so wichtigen Gebiete
menschlicher Tätigkeit zuzuwenden.
Die Elemente der Bildung, welche die Römer nach Frankreich, England
und Deutschland gebracht hatten, waren durch die Ereignisse der
Völkerwanderung zum größten Teile vernichtet worden. Als nach der
Beendigung der Wanderungen in Deutschland und im nördlichen Gallien
das Reich der Franken entstand, und die Ausbreitung des Christentums
durch diese politische Schöpfung sehr gefördert wurde, befanden sich
die genannten Länder daher wieder im Zustande tiefer Unkultur. Der
Gefahr einer Zersplitterung entging das neue Reich dadurch, daß es in
die Hände der Pippiniden gelangte. Diese setzten der Überschwemmung
Westeuropas durch die Araber einen Damm entgegen und begründeten
eine christlich-germanische Bildung in ihrem, sich immer gewaltiger
ausdehnenden Reiche. Durch die tatkräftige, persönliche Anteilnahme,
die *Karl der Große* trotz seiner zahlreichen Kriege für die
Wissenschaft bekundete, kam die geistige Entwicklung des Abendlandes in
etwas schnelleren Fluß. Insbesondere scheint sich nach der Eroberung
Italiens in dem Kaiser der Wunsch geregt zu haben, seinem eigenen Lande
literarische Hilfsmittel zuzuführen und dadurch das Wissen zu fördern.
Auch von Britannien her wurde die gelehrte Bildung in Deutschland
während jenes Zeitalters günstig beeinflußt. *Gregor der Große* hatte
um 600 nach diesem entlegenen Lande eine Anzahl Benediktinermönche
gesandt, und diese hatten dort durch Urbarmachen des Bodens und
Milderung der Sitten große Aufgaben gelöst, daneben aber auch die
Pflege der Wissenschaften nicht verabsäumt. Nachdem diese Mönche sich
auf solche Weise im nördlichen Europa einen Stützpunkt geschaffen,
traten sie belehrend und bekehrend unter den germanischen Stämmen
Mitteleuropas auf. Der hervorragendste unter ihnen war *Winfried*
oder *Bonifazius*[753]. Seine Schüler gründeten die Klosterschule zu
Fulda. Ein anderer britischer Mönch, *Alkuin*, unterwies den Kaiser
in gelehrten Dingen. Und so kam es, daß dieser, von dem günstigen
Einfluß der Mönche auf die besiegten Völker überzeugt, die Wirksamkeit
dieser Männer nach Kräften förderte. Gelehrte Ausländer wurden an
den Hof gezogen und eine Art Akademie gebildet, die indessen fast
ausschließlich aus Briten bestand. Die Schulen sollten nach der Absicht
*Karls* nicht ausschließlich der Erziehung der Geistlichen dienen,
sondern Bildung in weitere Kreise tragen.
*Alkuin* wurde berufen, eine Palastschule zu leiten. Sie umfaßte
Schüler sehr verschiedenen Alters und Standes, die der Kaiser für
leitende Stellungen ausersehen hatte. Auf *Alkuin* ist wahrscheinlich
auch die Anordnung zurückzuführen, daß die Geistlichen ein bestimmtes
Maß von wissenschaftlichen Kenntnissen haben sollten.
Den Gedanken, allgemeine Volksschulen zu gründen, hat der Kaiser
indessen noch nicht gehegt. Die Klosterschulen zu Fulda, zu St. Gallen
und Corvey wurden zu wissenschaftlichen Pflanzstätten ihrer Zeit und
ihres Landes. Der gelehrte Leiter der ersteren, *Rhabanus Maurus*,
welcher den Ehrennamen primus Germaniae praeceptor erhielt, hinterließ
ein Sammelwerk[754], das unter anderem einen Abriß der Naturkunde
bietet. Man erkennt, daß dieses Wissen weit geringer war als dasjenige
des Altertums. Der Abriß des *Rhabanus Maurus* enthält nämlich nichts
Eigenes, sondern fußt auf den Schriften der Alten, deren Inhalt in
verdorbener Darstellung wiedergegeben wird.
Sein Werk verfaßte *Rhabanus Maurus* in der Absicht, wie er sagt,
nach Art der Alten über die Natur der Dinge und den Ursprung
ihrer Benennungen zu schreiben. Daraus wird die vorwiegend
grammatisch-philologische Behandlung erklärlich, die nicht nur
seinen Vorgängern anhaftete, sondern bis in die neuere Zeit hinein
überwog. Dadurch, daß *Rhabanus Maurus* ferner alle Dinge in Beziehung
zur biblischen Überlieferung brachte, kam in sein Werk jener
mystisch-allegorische Zug, der fast alle Schriften des Mittelalters
kennzeichnet. Die erste Hälfte handelt von Gott, den Engeln, vom
christlichen Leben und Gebräuchen. Im zweiten Teile ist von der
Astronomie, der Geographie, der Medizin und anderen Wissenschaften die
Rede. Ein Buch handelt in neun Kapiteln vom Ackerbau, vom Getreide, von
den Hülsenfrüchten, vom Weinstock, von den Bäumen, von den aromatischen
Kräutern und vom Gemüse. Es sind im ganzen etwa hundert Pflanzen, die
nach ihrem Vorkommen und ihren Eigenschaften betrachtet werden.
Ein Seitenstück zu diesem botanischen Buche bildet das »Capitulare de
villis et cortis imperialibus«, eine ausführliche Verordnung über die
Verwaltung der kaiserlichen Güter. Es finden sich darin unter anderem
auch die Pflanzen verzeichnet, die in den Gärten des Kaisers gezogen
werden sollten. Das Capitulare de villis ist eine der wichtigsten
Quellen für die agrarischen Verhältnisse der Karolingischen Zeit.
Vorgeschrieben war z. B. der Bau von Krapp und Waid zum Färben, sowie
der Anbau der Kardendistel, die bei der Bereitung des Tuches benutzt
wurde. An Bäumen sollten die kaiserlichen Domänen neben Apfel-, Birn-
und Kirschbäumen auch Kastanien, Pfirsiche, Mandel- und Maulbeerbäume,
den Lorbeer und den Nußbaum ziehen.
Als das Frankenreich zerfiel und Kriege ohne Ende zwischen den
neu entstandenen Reichen, sowie Fehden im Innern und zur Abwehr
von außen herandrängender Feinde herrschten, wurden die geringen
wissenschaftlichen Ansätze welche insbesondere die Regierung des großen
Kaisers gezeitigt hatte, zum größten Teile wieder vernichtet. Vieles
ist gänzlich verloren gegangen, anderes besaß nicht mehr die Kraft zu
weiterer Entfaltung, weil das geistige Interesse durch den Wetteifer,
der zwischen der Theologie und der scholastischen Philosophie
entbrannte, völlig in Anspruch genommen wurde.
Erwähnenswert für die Zeit zwischen *Karl dem Großen* und *Albertus
Magnus* ist *Hildegard*, die Äbtissin des Klosters zu Disibodenberg,
die meist als *Hildegard von Bingen* bezeichnet wird. Sie ist die
Verfasserin von vier Büchern »Physica«. Ihr Werk enthält nicht nur
die ersten Anfänge vaterländischer Tier- und Pflanzenkunde, sondern
es bietet überraschenderweise eine, nicht allein aus *Dioskurides*
geschöpfte, sondern auch aus der Überlieferung des Volkes
hervorgegangene Heilmittellehre.
Die »Physica« wurden um 1150 geschrieben und enthalten viel
Selbstbeobachtetes. In der Hauptsache bieten sie eine Flora und Fauna
des Nahegebietes. Die Deutung der beschriebenen Arten, für welche die
zu jener Zeit beim Volke üblichen Namen gebraucht werden, ist meist
nicht leicht und häufig unsicher[755]. *Hildegard* hat fast alle
heutigen Obstarten, vor allem aber die im »Capitulare« aufgezählten
Pflanzen berücksichtigt und erweist sich weniger von den Alten
beeinflußt als zahlreiche Verfasser späterer botanischer Bücher.
Auf das Zeitalter *Karls des Großen* folgte eine Periode, in welcher
das Abendland fast ausschließlich in der Bekämpfung des Orients
aufging. Dann erst setzte eine stetige Aufwärtsbewegung ein. Zwar
hatten die Kreuzzüge dem westlichen Europa manche Wunde geschlagen;
sie hatten aber auch den Gesichtskreis in ähnlicher Weise erweitert,
wie es zur Zeit des Griechentums die Züge Alexanders bewirkt hatten.
Waren ferner in den vorhergehenden Jahrhunderten geistige Anregungen
besonders von den mohammedanischen Bewohnern Spaniens ausgegangen, so
kam man jetzt mit der während des Stillstandes der germanischen Völker
ihre Blütezeit erlebenden islamitischen Kultur auch vom südlichen
Italien her in Berührung. Dieser Einfluß erstreckte sich nicht nur
auf den Norden der Halbinsel, sondern er wurde, zum Teil infolge der
Romfahrten, auch auf den nördlich der Alpen gelegenen Teil Europas
ausgedehnt. Auch von Byzanz und dem Orient selbst gelangten mannigfache
Anregungen nach Mittel- und Westeuropa.
Wir haben im vorhergehenden Abschnitt erfahren, daß die Araber die
von den Griechen und den Indern empfangenen Kenntnisse nicht nur
zu erhalten, sondern auch weiterzuentwickeln und mit ihren eigenen
Geistesschöpfungen zu einer gewaltigen Literatur zu verschmelzen
verstanden. Diese arabische Literatur war während des späteren
Mittelalters, wenn auch meist in lateinischer Übersetzung, im
Abendlande die herrschende. Da der Hauptgegenstand der arabischen oder
aus arabischen Quellen entstandenen Schriften neben der Heilkunde die
Astronomie und die Mathematik war, so ist es begreiflich, daß sich zu
Beginn der Renaissance das Abendland zunächst diesen Wissenschaften
zuwandte.
Die erste Bekanntschaft mit den von den Arabern gehüteten
Geistesschätzen machte das Abendland in dem seit 711 im
mohammedanischen Besitze befindlichen Spanien. Dorthin strömten aus
Frankreich, England und Mitteleuropa wissensdurstige Männer in großer
Zahl, um die erworbenen Kenntnisse später ihrer Heimat zuzuführen.
Unter diesen Männern seien *Gerbert*, der spätere Papst *Sylvester der
Zweite* und *Gerhard von Cremona* genannt.
Durch *Gerbert* (940-1003) und seine Schüler lernte man unsere
heutigen, noch jetzt arabisch genannten Ziffern kennen[756].
*Gerhard von Cremona* (1114-1187) lieferte die erste Übersetzung des
Almagest, jenes von *Ptolemäos* verfaßten Hauptwerks der Astronomie,
das dieser Wissenschaft im Altertum und im Mittelalter ihre Bahnen
vorgezeichnet hat[757].
Auch die Elemente *Euklids* wurden aus dem Arabischen übersetzt[758].
Das mathematische Werk *Ibn Musas* und die arabischen Schriften, die
sich auf *Aristoteles* bezogen, wurden durch *Johannes von Sevilla*
(um 1150) in lateinischer Übersetzung den Abendländern zugänglich
gemacht. Von der aristotelischen Philosophie empfing man allerdings
nur einen höchst verderbten Abklatsch. Dies wird begreiflich, wenn man
bedenkt, daß das griechische Original zuerst ins Arabische, dann ins
Castilianische und endlich ins Lateinische übersetzt, und daß ferner
manche schwierige Stelle nicht verstanden und infolgedessen unrichtig
wiedergegeben wurde.
Nach Italien gelangten die mathematischen Kenntnisse der Araber um das
Jahr 1200 durch *Leonardo von Pisa*[759]. Die Geschichte dieses Mannes
und seines mathematischen Werkes zeigt uns, wie eng die Entwicklung und
die Ausbreitung der Wissenschaften mit den jeweiligen Kulturzuständen
verbunden sind. *Leonardos* Vaterstadt Pisa war um 1200, infolge
der im Zeitalter der Kreuzzüge entstandenen Beziehungen zum Orient,
die mächtigste Handelsstadt Italiens geworden. Ihr Reichtum hatte
mitgewirkt, um die ersten, noch heute jeden Besucher entzückenden
Schöpfungen der neueren italienischen Kunst entstehen zu lassen. Der
Handel entsprang praktischen Bedürfnissen und verfolgte materielle
Ziele. Er suchte daher jeden geistigen Fortschritt, insbesondere auf
dem Gebiete der Mathematik, unmittelbar nutzbringend zu machen.
Zu diesem Zwecke studierte *Leonardo*, der Sohn eines Pisaner
Handelsherrn, auf seinen Geschäftsreisen, die ihn nach Sizilien,
Griechenland, Ägypten und Syrien führten, die in jenen Ländern
gebräuchlichen Rechnungsweisen. So entstand um 1200 das mathematische
Hauptwerk des Mittelalters, *Leonardos* »Liber abaci«, mit dem die
Geschichte der Mathematik wohl einen neuen Zeitabschnitt beginnen
läßt[760].
In der Einleitung sagt *Leonardo*, die früheren Methoden seien
ihm, verglichen mit derjenigen der Inder, als ebensoviele Irrtümer
erschienen. Er habe daher das indische Verfahren seinem Werke zugrunde
gelegt, habe eigenes hinzugefügt, auch manches aus der geometrischen
Kunst des *Euklid* verwendet, damit das Geschlecht der Lateiner hinfort
nicht mehr unwissend in diesen Dingen befunden werde[761].
Die ersten Abschnitte handeln von den Grundoperationen mit ganzen
Zahlen und Brüchen. Zum ersten Male begegnet uns der Bruchstrich, der
auch als Zeichen für die Division gebraucht wird. An die ägyptische
Bruchrechnung erinnert die im Liber abaci vorkommende Zerlegung von
Brüchen in eine Summe von Stammbrüchen. Die weiteren Abschnitte
befassen sich mit Regel de tri, Gesellschafts- und Mischungsrechnung,
Potenzen und Wurzeln und endlich mit den Aufgaben der »Algebra und
Almukabala«, d. h. der Lehre von den Gleichungen, die im engen
Anschluß an *Ibn Musa* behandelt werden. Im einzelnen enthält das Buch
*Leonardos* auch manches, was dem Verfasser angehört; vor allem ist
dieser Herr über den von ihm behandelten Stoff, den er in eigener,
sicherer Auffassung seinen Landsleuten übermittelt.
Gleichzeitig mit den mathematischen wurden auch naturwissenschaftliche
Kenntnisse von den Arabern dem Abendlande übermittelt. Infolgedessen
treten hier zu Beginn des 12. Jahrhunderts Männer auf, die sich der
Alchemie und der von den Arabern besonders gepflegten Optik widmeten.
Unter ihnen sind vor allem *Albertus Magnus* und *Roger Bacon* zu
nennen, mit denen wir uns noch eingehend beschäftigen werden. Nach dem
Vorbild der Araber wurde ferner die Heilkunde im 12. Jahrhundert in
Salerno wieder zu einer Wissenschaft erhoben, während die Behandlung
der Krankheiten in den christlichen Ländern bis dahin vorzugsweise eine
Domäne des frommen Aberglaubens gewesen war.
Auf dem Gebiete der Optik verdient vor allem *Vitello* (Witelo)
Erwähnung. Er stammte aus Polen und schrieb in der zweiten Hälfte des
13. Jahrhunderts ein Werk über Optik, in dem er die Lehren *Alhazens*
in Verbindung mit den von *Euklid* und *Ptolemäos* herrührenden Sätzen
vortrug. *Vitellos* Werk wurde wiederholt gedruckt[762]. Es gehört zu
den umfangreichsten, die über Optik geschrieben sind, enthält aber
wenig Eigenes. Später hat *Kepler* seine optischen Untersuchungen an
*Vitello* angeknüpft und sie in einem »Zusätze zu Vitello« betitelten
Werk veröffentlicht[763].
Vergegenwärtigen wir uns, daß um 1200 der große, von den älteren
Völkern geschaffene Schatz von Anregungen und Keimen, die nur der
Weiterentwicklung harrten, den romanischen und den germanischen Völkern
durch die Verbreitung der arabischen Literatur zugänglich gemacht
war, so läßt es sich begreifen, daß dieser Zeitpunkt von der neueren
historischen Forschung wohl als ein Markstein in der Geschichte der
Wissenschaften hingestellt worden ist[764].
Von nicht geringem Einfluß war auch die Erweiterung des geographischen
Gesichtskreises durch die Reisen[765] des Venezianers *Marco Polo*.
*Marco Polo* gelangte bis nach Peking und im Süden bis nach Sumatra.
Er brachte viele Jahre (1275-1292) im Dienste eines mongolischen
Fürsten zu und richtete seine Aufmerksamkeit auf alles, was ihm in
den fremden Ländern begegnete. Seine Mitteilungen erstrecken sich
auf sämtliche drei Naturreiche. Er erwähnt zahlreiche Edelsteine und
Halbedelsteine. Durch ihn wurde erst allgemein bekannt, daß sich die
Steinkohle als Brennstoff verwenden läßt. Auch auf das Petroleum,
die Tusche, das Porzellan lenkte er die Aufmerksamkeit. Aus dem
Pflanzenreich erwähnt *Marco Polo* zahlreiche Drogen, Arzneimittel,
aromatische Stoffe, Farbhölzer, den Indigo usw. Die Verarbeitung des
Bambus, der Baumwolle und der Seide werden geschildert. Zahlreich sind
auch die Mitteilungen über die Fauna des ganzen asiatischen Kontinents.
Die Angaben erstrecken sich auf das Zebu, den Yack, verschiedene
Pferderassen, Elefant, Rhinozeros, Moschustier, menschenähnliche Affen,
Tiger, Schlangen usw. Von den Angaben über die Vogelwelt interessiert
besonders die Erwähnung eines Riesenvogels auf Madagaskar, dessen
Flügel sechzehn Schritt gespannt haben sollen[766].
Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Wissenschaften in dieser
wie in jeder anderen Periode war auch das Emporblühen des Handels. Der
Handel hob sich insbesondere durch die enge Fühlung, in die Italien,
Deutschland und Frankreich sowohl unter sich wie mit dem Morgenlande
traten. Mit dem Handel blühte das Städtewesen empor. Der in den Städten
sich mehrende Wohlstand weckte die Teilnahme weiterer Kreise an
geistigen Dingen. Reiche Städte haben auch stets die Wissenschaften im
wohlverstandenen eigenen Interesse begünstigt. Gegen den Ausgang des
Mittelalters entwickelten sich solche Städte besonders in Italien, wo
in erster Linie Venedig, Pisa, Florenz und Genua zu nennen sind. Sie
besaßen staatliche Macht und führten, wenn auch unter gegenseitiger
Befehdung, durch das Streben, ihren Einfluß weithin auszudehnen, zur
regsten Entfaltung aller gewerblichen, kommerziellen und künstlerischen
Tätigkeit. In hoher Blüte stand z. B. die Kunst Metalle zu gießen
und Glas zu formen. Etwas später entstanden im Norden städtische
Gemeinwesen, die nicht nur Handelsemporien, sondern gleichzeitig die
Pflegestätten eines ganz neuen Geistes waren. Die gewaltige Hansa
und der rheinische Städtebund sind hier vor allem zu nennen. »Es
ist«, sagt *Ranke*, »eine prächtige, lebensvolle Entwicklung, die
sich damit anbahnt. Die Städte bilden eine Weltmacht, an welche die
bürgerliche Freiheit und die großen Staatsbildungen anknüpfen«[767].
Als fernere Umstände, die für die gesamte Entwicklung von Bedeutung
waren, sind das Schwinden der Sklaverei, der Übergang von der Natural-
zur Geldwirtschaft[768] und endlich, vor allem für das Gebiet der
Geisteskultur, die Einführung der Papiererzeugung in Europa zu nennen,
alles Geschehnisse des 13. Jahrhunderts, in dem somit eine ganze
Reihe von Grundlagen für die gegen das Ende des Mittelalters vor sich
gehende Neugestaltung des staatlichen und geistigen Lebens geschaffen
wurde. Gleichzeitig begegnen uns der erste große Dichter der Neuzeit
in *Dante* und die ersten vorurteilsfreieren Denker des christlichen
Abendlandes in *Albertus Magnus* und *Roger Bacon*, deren Leben und
Wirken uns in den nächsten Abschnitten am besten in die Denkweise und
die wissenschaftlichen Bemühungen dieses Zeitraumes einführen werden.
Auch die bildnerische Kunst erlebte im 13. und 14. Jahrhundert ihre
Wiedergeburt. Zunächst geschah dies auf dem Boden Italiens. Es braucht
nur an die Schöpfungen *Nicolo Pisanos* und *Giottos* erinnert zu
werden[769], deren Erzeugnisse auf dem Gebiete der Bildhauerkunst und
der Malerei noch heute in ergreifender Weise Zeugnis von der Gewalt
jener künstlerischen Regungen des 13. und 14. Jahrhunderts ablegen,
die auch in den zahlreichen gotischen Domen jenes Zeitraums ihren
unvergänglichen Ausdruck fanden.
Die Wiederbelebung der alten Literatur.
Die Schwelle des 13. Jahrhunderts bedeutet nach *Chamberlains* Ausdruck
den Zeitpunkt, an dem »die Menschheit unter der Führung der Germanen«
ein neues geistiges Leben begann. Aus diesem Grunde hält dieser
Verherrlicher der Kulturmission des Germanentums es für angezeigt, das
Jahr 1200 als die Grenzscheide zwischen dem Mittelalter und der neueren
Zeit zu betrachten. Jedenfalls erscheint es berechtigt, den Beginn der
Renaissance bis an die Schwelle des 13. Jahrhunderts zurückzuverlegen.
Auch auf dem Gebiete des Bildungswesens fand die neue Zeit ihren
Ausdruck. Hochschulen nach dem Muster der arabischen gelehrten Schulen
entstanden in Neapel, Salerno und Bologna, darauf in Paris, Oxford
und Cambridge. Im 14. Jahrhundert folgte Deutschland mit der Gründung
der Universitäten zu Prag, Wien und Heidelberg. Zwar waren auch sie
anfangs vorwiegend Stätten scholastischen Gezänks. Die Gelehrten waren
jedoch vom klösterlichen Zwange befreit worden, ein Umstand, der für
die Folge von großer Bedeutung war. Um der Beengung zu entgehen,
welche die Kirche während des Mittelalters jeder wissenschaftlichen
Betätigung auferlegte, erfand man den Satz von der zwiefachen Wahrheit.
Man verstand darunter die Lehre, es könne etwas in kirchlichen Dingen
als wahr gelten, was in der Wissenschaft als falsch bewiesen sei.
Dieselbe Person durfte somit, je nachdem sie sich auf den Standpunkt
des Philosophen oder des Theologen stellte, ein und dieselbe Ansicht
für richtig halten und sie in demselben Atemzuge verdammen[770].
Man darf dieses auf den ersten Blick ganz unmoralisch erscheinende
Verhalten nicht allzusehr verurteilen. Gilt doch auch heute noch für
manchen der Satz, daß Glauben und Wissen als unvereinbare Gebiete
scharf zu trennen sind, während man sich auf der anderen Seite bemüht,
beide miteinander zu versöhnen. Man muß daher den zuerst in Paris
und in Padua aufkommenden Satz von der zwiefachen Wahrheit als den
ersten Versuch der Forschung ansehen, sich aus den Banden der Kirche
zu befreien. Diese Lehre ist, sagt einer ihrer Beurteiler[771], »ein
Denkmal des forschenden Geistes, sich ein freies, weites Gebiet zu
verschaffen«. Insbesondere gelangte der Geist der wiederauflebenden
Wissenschaften in zwei Männern zum Ausdruck, deren Lebensumstände und
Verdienste uns zunächst beschäftigen sollen. Es waren dies *Albertus
Magnus* in Deutschland und sein Zeitgenosse *Roger Bacon* in England.
Beide Männer gehören dem 13. Jahrhundert an. Es war die Zeit des
großen Staufenkaisers Friedrichs des Zweiten und seines vergeblichen
Ringens mit dem Papsttum. In das 13. Jahrhundert fallen einerseits
die letzten Kreuzzüge und das Umsichgreifen der von fanatischen
Mönchen geübten Ketzergerichte, während auf der anderen Seite Handel
und Gewerbe, sowie die Schulen aufzublühen begannen. Auch auf dem
Gebiete des geistigen Werdens war diese Zeit erfüllt von Gegensätzen.
Bis gegen das 13. Jahrhundert hatte im Mittelalter ausschließlich
die Macht der Kirche und ihrer Dogmen gegolten. Die philosophischen
Schriften des Altertums, insbesondere die Logik des *Aristoteles*,
hatten Geltung, weil sie spitzfindigen, theologischen Streitigkeiten
zu dienen vermochten. Was indessen die naturwissenschaftlichen Werke
des *Aristoteles* anbetraf, so war fast jede Erinnerung an sie verloren
gegangen. Auch die Auffassung von der Natur war zu einem Zerrbilde
geworden. Hatten die älteren Kirchenväter sie zum Teil noch als einen
Spiegel göttlicher Weisheit angesehen, so hatte später eine geradezu
verächtliche Vorstellung Platz gegriffen. Die Natur erschien dem
Menschen des eigentlichen Mittelalters im trüben Widerschein einer
Teufelslehre, geeignet, ihn mit Sinnenlust zu umstricken und von
seiner, im Überirdischen ruhenden Bestimmung abzulenken.
Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck auf ein so geartetes
Geschlecht das überraschend schnell erfolgende Bekanntwerden der
naturgeschichtlichen Schriften des *Aristoteles* zu Beginn des 13.
Jahrhunderts ausüben mußte. In lateinischer, teils aus dem Arabischen,
teils aus griechischen Originalen geschöpfter Übersetzung, verbreiteten
sie sich bald über das ganze Abendland. Mit den griechischen Originalen
war man im Verlauf der späteren Kreuzzüge in Konstantinopel und an
anderen Orten des Orients bekannt geworden[772]. Wie ganz anders
stellte sich in diesen, die Gemüter wie eine neue Offenbarung
ergreifenden Werken die Welt dar. Sie war hier nicht die Inkarnation
des Bösen und die Quelle der Verdammnis, sondern »ein wunderbar
harmonisches, ineinander greifendes Geflecht vernünftiger Zwecke
und Mittel«[773], deren Erforschung als die würdigste Aufgabe des
denkenden Menschen hingestellt wurde. Daß die Kirche der geschilderten
Bewegung der Geister gegenüber nicht gleichgültig blieb, läßt sich
denken. So verfügte sie z. B. im Jahre 1209 in Paris, daß bei Strafe
der Exkommunikation weder die naturwissenschaftlichen Schriften des
*Aristoteles*, noch die Kommentare dazu, sei es öffentlich, sei es
insgeheim, gelesen werden dürften.
Albertus Magnus.
Ein Mann war es vor allem, in welchem die Naturphilosophie des
*Aristoteles* einen begeisterten Vertreter fand. Das war *Albertus
Magnus*. Das Bild seines Lebens und Wirkens wird uns deshalb am besten
in den geschilderten Zeitraum zu versetzen vermögen.
*Albertus Magnus*, dessen eigentlicher Name *Albert von Bollstätt*
lautet, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts in einem schwäbischen
Städtchen geboren[774]. Er empfing seine Vorbildung in Padua.
Später lehrte er an der Dominikanerschule zu Köln, zeitweilig
auch an der Universität in Paris, wo sein Orden einige Lehrstühle
besetzen durfte. In die Zeit seines Kölner Aufenthaltes fallen die
Ausschachtungsarbeiten zur Fundamentierung des Domes. In Paris fand er
einen solchen Zulauf, daß kein Gebäude die Schar seiner Hörer zu fassen
vermochte. An Wissensdrang fehlte es im 13. Jahrhundert also nicht,
wohl aber an einem würdigen Gegenstand zur Befriedigung dieses Dranges.
Handelte es sich doch nur um Schriftwerke, die durch Übersetzungen
bekannt wurden. Ihr Inhalt war es, welcher das damalige Wissen
ausmachte. Jede selbständige Regung wurde durch einen Autoritätsglauben
niedergehalten, wie ihn kein Zeitalter in solchem Grade wieder besessen
hat. Verfolgung und Tod trafen denjenigen, der sich gegen diesen
Autoritätsglauben, der alles mit Blindheit geschlagen zu haben schien,
auflehnte. Man darf daher auch von *Albertus Magnus* nicht allzuviel
Eigenes erwarten, wenn er auch zu den hervorragendsten Gelehrten
gehört, die uns in der Geschichte des Mittelalters begegnen. Ihm ist es
vor allem zu danken, daß man auf dem Gebiete der Naturwissenschaften
wieder an die Schriften des Altertums anknüpfte. Und zwar begann man
auf den griechischen Texten zu fußen, die zum Teil um diese Zeit schon
von Konstantinopel aus in das Abendland gelangten, während man vorher
die arabischen Bearbeitungen in das Lateinische übertragen hatte,
eine zwiefache Hinüberleitung, durch welche der Inhalt entstellt und
unrichtig übermittelt worden war.
Was man vor *Albertus Magnus* an Kenntnissen über die Tier- und
Pflanzenwelt besaß, verdiente kaum noch den Namen einer Zoologie und
Botanik. Einiges Interesse brachte man zwar den in der Bibel erwähnten
Geschöpfen entgegen, die in dem »Physiologus«, einem sehr verbreiteten,
in vielen Bearbeitungen vorhandenen Buche, behandelt wurden[775]. Es
enthielt indessen die unglaublichsten Fabeln. Trotzdem erfüllte der
Physiologus fast 1000 Jahre die Rolle eines elementaren zoologischen
Lehrbuches[776], wenn auch nicht eines solchen in unserem Sinne, da er
in den Schulen in erster Linie zu religiös erbaulichen Zwecken benutzt
wurde[777]. Berücksichtigt sind besonders Säugetiere und Vögel, ferner
einige Reptilien und Amphibien und nur ein Geschöpf aus der Reihe der
Gliedertiere, nämlich die Ameise. An Pflanzen kommen der Feigenbaum,
der Schierling und die Nießwurz in Betracht. Auch einige Mineralien
werden erwähnt; es sind der Diamant, der Achat, der »indische Stein«,
welcher die Wassersucht heilen sollte, und die feuerbringenden Steine.
Noch dürftiger erscheint dieser Inhalt, wenn man bedenkt, daß der
Physiologus nicht etwa eine einigermaßen vollständige Schilderung
der erwähnten Geschöpfe enthält, sondern meist nur Hinweise auf
Bibelstellen, einzelne Züge aus der Lebensweise, Erzählungen und
Fabeln. So wird vom Panther erzählt, daß er bunt sei, nach der
Sättigung drei Tage schlafe, dann mit Gebrüll erwache und einen so
angenehmen Geruch verbreite, daß alle Tiere zu ihm kämen; nur der
Drache sei sein Feind. Der Prophet *Hosea* sage: Ich werde wie ein
Löwe sein dem Hause Juda und wie ein Panther dem Hause Ephraim usw.
An die meisten Tierfabeln werden moralische Bemerkungen geknüpft. Von
den Affen heißt es, man fange sie, indem man sie veranlasse, sich
die Augen mit Leim zu verschmieren. So jage uns der Teufel mit dem
Leim der Sünde. Wie der Biber sich die Hoden abbeiße, wenn man ihn
verfolge, so solle der Mensch seine bösen Leidenschaften austilgen
usw. Auch bloße Fabelwesen, wie die Sirenen und das in der Bibel
mehrfach erwähnte Einhorn, bilden einen Gegenstand verschiedener
Ausgaben des Physiologus. Welch gewaltiger Abstand zwischen dem
mittelalterlich-kirchlichen Naturwissen und demjenigen der Blütezeit
des griechischen Geisteslebens bestand, braucht nach dieser Probe nicht
weiter ausgeführt zu werden.
Der älteste Physiologus entstand im 2. Jahrhundert n. Chr. in
Alexandrien. Auf dieser griechischen Schrift beruhen eine Anzahl
orientalischer Bearbeitungen der biblischen Zoologie. *Albertus
Magnus* schöpfte aus einem lateinischen Physiologus, der auch ins
Althochdeutsche und andere nordische Sprachen übersetzt wurde. In
erster Linie ist aber das zoologische Werk *Alberts*, das in 26 Bücher
zerfällt, eine Wiedergabe der zoologischen Schriften des *Aristoteles*.
Indessen verraten insbesondere die letzten Bücher eine größere
Selbständigkeit. Auch die Naturgeschichte des gleichfalls dem 13.
Jahrhundert angehörenden *Thomas von Cantimpré* hat *Albert* benutzt,
doch ist dasjenige, was er selbst uns bietet, weit durchgearbeiteter.
Daß sich bei ihm noch die alten anatomischen Unrichtigkeiten des
*Aristoteles* finden, darf nicht wundernehmen. So nennt er gleichfalls
die Sehnen Nerven und legt ihnen die eigentliche bewegende Kraft bei.
Er läßt sie aus dem Herzen entspringen, während er von den eigentlichen
Nerven noch keine Vorstellung hat[778].
*Albertus Magnus* hat eine sehr umfangreiche literarische Tätigkeit
entfaltet[779]. Eine allerdings nur mangelhafte Ausgabe seiner
sämtlichen Werke rührt von *Jammy* her; sie erschien in 21
Foliobänden im Jahre 1651. Der 2., 5. und 6. Band enthalten die
naturwissenschaftlichen Schriften. Der 2. Band enthält neben einer
Wiedergabe der aristotelischen Physik die Grundzüge der Himmelskunde
und fünf Bücher über die Mineralien. Bemerkenswert ist, daß *Albert*
die Milchstraße für eine Anhäufung kleiner Sterne hielt, sowie seine
Meinung, das Erscheinen der Kometen könne nicht mit den Geschicken
einzelner Menschen verknüpft sein. Der 5. Band bringt Geographisches,
sowie die sieben Bücher über die Pflanzen. Hervorgehoben sei eine
Äußerung über die Antipoden. Nur rohe Unwissenheit, meint *Albertus*,
könne behaupten, daß diejenigen fallen müßten, die uns die Füße
zukehrten. Der 6. Band der Gesamtausgabe endlich umfaßt die 26
zoologischen Bücher.
Das Verdienst *Alberts* besteht darin, daß er über alle Dinge, über die
er aristotelische Schriften kannte, ausführlich schrieb. Dabei leiteten
ihn einerseits offener Sinn und liebevolle Hingabe an die Natur.
Andererseits beengte ihn das Streben, die Naturauffassung des Altertums
mit den Dogmen der katholischen Kirche in Einklang zu bringen. Aus
dieser Abhängigkeit sich zur Freiheit des Denkens durchzuringen,
war ihm nicht gegeben. Den Vortrag der aristotelischen Lehren wußte
*Albertus* mit seinen eigenen Ansichten in der Weise zu vereinigen,
daß er zunächst dem *Aristoteles* folgt und dann jedesmal hinzufügt,
er wolle eine Disgression einschalten. Als eine solche ist das ganze
zweite Buch der Botanik zu betrachten[780]. Es beginnt mit den Worten:
»Das alles -- nämlich den Inhalt des ersten Buches -- haben die alten
Naturforscher begründet. Doch scheint das etwas verworren zu sein. Ich
werde daher von neuem beginnen und die allgemeine Botanik nach der
Ordnung der Natur geben.«
Daß *Albertus* auch auf anderen Gebieten nach Selbständigkeit
strebte[781], bezeugen die Worte, mit denen er die spezielle Botanik
einleitet. Sie lauten: »Was ich hier schreibe, habe ich teils selbst
erfahren, teils verdanke ich es Leuten, von denen ich überzeugt bin,
daß sie nur das vorbringen, was sie selbst erfahren haben.« Bei dem
Wissen von den Einzelwesen handele es sich allein um Erfahrung, da hier
Vernunftschlüsse nicht möglich seien. Trotzdem finden sich, besonders
bei der Beschreibung der Tiere, dem Geist der Zeit entsprechend, manche
alten Fabeln wieder.
Sein Werk über die Pflanzen schrieb *Albert* in Anlehnung an eine
Schrift[782], die damals für aristotelisch gehalten wurde. Es umfaßt
sieben umfangreiche Bücher und gehört zu den bedeutendsten älteren
Werken botanischen Inhalts. Von *Aristoteles*, dem Begründer der
Botanik, bis auf die Zeit *Alberts des Großen* war diese Wissenschaft
immer tiefer gesunken; mit *Albert* erstand sie »wie der Phönix aus
seiner Asche«[783]. Zuerst befaßt sich *Albert* mit den Grundzügen der
allgemeinen Botanik. Insbesondere beschäftigt er sich mit der Frage,
ob die Pflanze beseelt ist. Sie ist es, führt er aus, gleich jedem
Körper, der sich aus eigener Kraft bewegt. Ohne jene Bewegung sei kein
Wachstum, keine Ernährung und keine Fortpflanzung möglich. Auf diese
Funktionen beschränke sich indes die Tätigkeit der Pflanzenseele.
Diesem geringen Umfang ihrer Tätigkeit entspreche auch die geringe
äußere Verschiedenheit der Pflanzenteile, sowie das Vermögen der
Pflanze, aus jedem ihrer Teile wie aus dem Samen neues zu erzeugen.
Bemerkenswert sind auch die Äußerungen *Alberts* über den Schlaf der
Pflanzen. Wenn die Pflanze während des Winters infolge der Kälte
zusammengezogen und ihr Saft und ihre Wärme nach innen zurückgedrängt
seien, so schlafe sie. Daß einige Pflanzen ihre Blüten abends
zusammenlegen und bei Tagesanbruch wieder öffnen, wird auch als Schlaf
gedeutet.
Bezüglich der Sexualität räumt *Albert* den Pflanzen nur eine sehr
entfernte Ähnlichkeit mit den Tieren ein. Das Wachstum der Pflanzen,
so meint er im Hinblick auf die Eiche, die Zeder und andere Bäume,
scheine wie das der Mineralien an kein bestimmtes Maß gebunden zu
sein. Das Fehlen der Sinnes- und der Bewegungsorgane, durch die sich
das höhere tierische Leben bekunde, sei der Grund, weshalb die Wurzel,
als Mund der Pflanze, in die Erde gesenkt sei. Ströme die Nahrung
nicht von selbst herbei, umgäbe sie die Wurzel nicht unablässig, so
könne die Pflanze gar keine Nahrung zu sich nehmen. Würde ferner die
geringe Eigenwärme der Pflanze nicht von außen durch die Sonnenwärme
unterstützt, so würde jene allein nicht hinreichen, den eingesogenen
Nahrungsstoff zu verdauen und zum Wachstum und zur Fortpflanzung
geeignet zu machen.
Da also die Pflanze ihre Nahrung auf weit einfachere Weise zu sich
nimmt und in sich verteilt wie das Tier, so hat sie nach *Albert* weder
Adern, noch einen Magen, sondern nur Poren, wie sie auch das Tier
unsichtbar auf seiner ganzen Oberfläche besitze. *Alberts* Kenntnisse
in der speziellen Botanik, die er im 6. Buche bekundet, sind nicht
gering. Doch teilt er mit vielen Schriftstellern des Altertums den
Glauben an eine Umwandlung der Pflanzen. So sollen sich infolge des
Alterns oder infolge mehr oder weniger guter Nahrung die Getreidearten
ineinander umwandeln können. Auch entständen durch die Fäulnis einer
Pflanze andere Arten. So überziehe sich ein kränkelnder Baum mit
Parasiten, namentlich mit Misteln.
*Alberts* Darstellung der allgemeinen Botanik ist der erste Versuch
einer solchen. Denn was er in der Schrift des *Nikolaos* vorfand,
hat sein Unternehmen eher ungünstig beeinflußt als gefördert.
Es verstrichen Jahrhunderte, bevor ein zweites, dem seinigen
vergleichbares Werk erschien. »Die Fehler des letzteren verschuldete
sein Zeitalter, die Vorzüge gehören ihm allein an«[784]. In seiner
speziellen Botanik handelt *Albert* von den Bäumen und Sträuchern,
den Stauden und Kräutern. Die Anordnung ist die alphabetische. Die
Schärfe der Beobachtungen ist anzuerkennen. Beschreibungen von einer
Genauigkeit, wie sie uns im Altertum nicht begegnet, widmete er z. B.
der Esche und der Erle, dem Mohn, dem Borretsch und der Rose.
Seit *Albertus Magnus* war man auch bestrebt, die von den Alten
beschriebenen Pflanzen wieder aufzufinden. Dies Bemühen war jedoch nur
von geringem Erfolg, da einmal die vorhandenen Beschreibungen meist
nicht hinlänglich genau waren, um danach die Arten feststellen zu
können, und da man ferner, ohne Berücksichtigung der geographischen
Verbreitung, die Pflanzen Griechenlands und Kleinasiens in Mitteleuropa
suchte. Immerhin war es ein großer Fortschritt, daß man sich mit
den Naturkörpern wieder unmittelbar zu beschäftigen begann. Die
Wiederbelebung der beschreibenden Naturwissenschaften war in erster
Linie die Folge eines solchen Bemühens. Dieses führte weiterhin zur
Anlegung von botanischen Gärten und zur Herausgabe von Kräuterbüchern,
den ersten botanischen Dingen, die uns an der Schwelle der neueren Zeit
begegnen.
Von *Albert dem Großen* bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
waren die Fortschritte auf dem Gebiete der Botanik im übrigen nur
gering[785]. Manche Nachricht über neue Pflanzen gelangte aus den durch
die Kreuzzüge dem Abendlande erschlossenen Ländern nach Europa, jedoch
ohne daß dadurch die wissenschaftliche Einsicht wesentlich gefördert
worden wäre. Auch durch die Reisen *Marco Polos* in Ostasien erfuhr die
spezielle Pflanzenkenntnis eine nicht unbeträchtliche Erweiterung, wenn
es sich naturgemäß in den Mitteilungen dieses Mannes auch in erster
Linie um solche Pflanzen handelte, die für den Handel in Betracht kamen.
Wie die botanischen, so enthalten auch die zoologischen Schriften des
*Albertus* zahlreiche Angaben über eigene Beobachtungen. Insbesondere
gilt dies von der deutschen Tierwelt. Es finden sich z. B. recht gute
Schilderungen des Maulwurfs, der Spitzmaus, des Eichhörnchens und des
Igels. *Albert* führt fast alle deutschen Nager auf und zeichnet das
Treiben des Eichhörnchens ganz musterhaft. Sehr zutreffend beschreibt
er auch das Gebiß der Nagetiere. Erwähnung findet auch der Eisbär. Vom
Walroß wird erzählt, daß es lange Eckzähne besitze, und daß man seine
Haut zu Riemen zerschneide, die in Deutschland in den Handel kämen.
Ferner wird der Grönlandwal beschrieben und sein Fang geschildert.
Die Robben und die Delphine bezeichnet *Albert* als »Säugetiere mit
festen Knochen, lebenden Jungen und einer Luftröhre«. Er fügt hinzu:
»Die Angaben der Alten übergehe ich, denn sie stimmen mit denen
erfahrener Leute nicht überein.« Über die Gliedertiere macht *Albertus*
sogar die Angabe, daß sich beim Krebs und Skorpion ein dem Rückenmark
entsprechender Strang findet, der auf der Bauchseite durch den Körper
läuft. Das Treiben des Ameisenlöwen schildert er mit folgenden Worten:
»Der Ameisenlöwe ist nicht vorher eine Ameise, wie viele sagen. Denn
ich habe oft beobachtet und habe es häufig Freunden gezeigt, daß dieses
Tier Zeckengestalt hat. Es versteckt sich im Sande und gräbt darin eine
halbkugelförmige Höhle, in deren Pol sein Mund ist. Läuft nun eine
Ameise futtersuchend darüber, so fängt und frißt er sie. Dem haben wir
oft zugesehen«[786].
*Albertus Magnus* war auch einer der ersten, der sich in Deutschland
auf dem Gebiete der Chemie schriftstellerisch betätigte, ohne
sich jedoch über die Araber zu erheben. Daß unedle Metalle sich
in edle verwandeln lassen, war für ihn eine ausgemachte Sache.
Dies geht aus dem von ihm verfaßten Werk »De rebus metallicis et
mineralibus« mit Bestimmtheit hervor. *Albertus* glaubte auch an die
Darstellbarkeit eines Elixiers, das imstande sei, allen Metallen
die schönste Goldfarbe zu verleihen. Er warnte zwar vor scheinbaren
Umwandlungen, indessen wurden durch das hohe Ansehen, das er genoß, die
alchemistischen Bestrebungen gefördert[787].
Auszüge aus dem Werke »De rebus metallicis et mineralibus« sind durch
*Kopp* bekannt geworden[788]. Aus ihnen geht hervor, daß es sich
bei *Albertus Magnus* zum Teil um rein aristotelische, zum Teil um
arabische Meinungen und Anschauungen handelt. Er nimmt an, daß die
Metalle wie alles aus den vier Elementen zusammengesetzt sind. Bestehen
sie auch zunächst aus Schwefel und Quecksilber, so ist ersterer doch
wieder aus Luft und Feuer, das Quecksilber dagegen aus Wasser und Erde
entstanden.
Roger Bacon.
Ein fast noch höheres Interesse als der »Doctor universalis«, wie
man *Albertus Magnus* nannte, beansprucht *Roger Bacon*, der »Doctor
mirabilis«. Seine Schriften umfassen nicht nur die Naturbeschreibung,
die Chemie und die Physik, sondern alle Wissenszweige, insbesondere
auch die Philosophie und die Theologie. Der englische Franziskanermönch
*Roger Bacon* ist ferner einer der ersten in der Reihe der Märtyrer,
welche die Geschichte seit der Zeit des Wiederauflebens der
Wissenschaften aufzuweisen hat.
*Roger Bacon* wurde im Jahre 1214 geboren[789]. Er studierte in Paris
und dann in Oxford, wo er später ein Lehramt bekleidete. Von großem
Einfluß auf die Entwicklung *Bacons* war *Petrus Peregrinus*, der in
Paris lehrte und als Experimentator gerühmt wurde. *Bacon* sagt von
ihm, was dunkel sei, ziehe *Peregrinus* als Meister des Experiments
ans Tageslicht[790]. Auch daß dieser für seine Zeit seltene Mann
keine Wortgefechte liebte, sondern Beweise und Tatsachen verlangte,
war für *Peregrinus* charakteristisch und für *Bacon*, der das Wort
»Scientia experimentalis« prägte, von bestimmendem Einfluß[791].
Schon *Gerbert*[792] hatte übrigens die Beschäftigung mit der Natur
als Gegengewicht gegen die scholastischen Streitereien empfohlen.
*Bacon* tat dasselbe, indes mit größerem Nachdruck[793]. Als Quellen
für seine Naturlehre benutzte *Bacon* die Griechen (*Aristoteles*,
*Euklid*, *Ptolemäos*), die Römer (*Plinius*, *Boëthius*, *Cassiodor*)
und die Araber. Unter den letzteren sind vor allem *Avicenna* (*Ibn
Sina*) und *Al Farabi* zu nennen. Das Werk des letzteren, das eine Art
Enzyklopädie darstellt, hatte *Gerhard von Cremona* unter dem Titel
»Liber de scientiis« ins Lateinische übersetzt. *Bacon* besaß nicht
nur die umfassende Gelehrsamkeit eines *Albertus Magnus*, sondern er
zeichnete sich vor diesem durch größere Klarheit und Freiheit des
Denkens aus. In seiner Schrift über die Nichtigkeit der Magie[794]
bekämpfte *Bacon* den Glauben an die Zauberei. Den Anhängern dieses
Glaubens verdankte er selbst gegen das Ende seines Lebens eine
zehnjährige Kerkerhaft. Sehr wahrscheinlich hat jedoch die Anklage auf
Zauberei seinem Orden nur als Vorwand gedient, um ihn daran zu hindern,
daß er fortfuhr, gegen die kirchlichen Mißstände zu eifern. Besaß doch
*Bacon* die Kühnheit, auf eine Reformation der Kirche an Haupt und
Gliedern, sowie auf eine kritische Behandlung der heiligen Schrift auf
Grund der Urtexte zu dringen.
Daß die Menschen in früheren Jahrhunderten nicht viel anders gewesen
sind als heute, lassen folgende Stellen aus *Bacons* »Compendium studii
theologiae« erkennen: »Das Haupthindernis für das Studium der Weisheit
ist die unermeßliche Verderbnis, die in allen Ständen herrscht. Der
ganze Klerus ist dem Hochmut, der Unzucht und der Habsucht ergeben. Wo
Kleriker zusammenkommen, geben sie dem Laien Ärgernis. Die Fürsten und
Herren drücken und plündern sich gegenseitig und richten das ihnen
untertänige Volk durch Krieg und Steuern zugrunde. In den Königreichen
geht man nur auf Vergrößerung aus. Man kümmert sich nicht darum, ob
etwas mit Recht oder mit Unrecht erreicht wird, wenn man nur seinen
Plan durchsetzt. Die oberen Stände dienen nur dem Bauch und den
fleischlichen Lüsten. Das Volk wird durch dies schlechte Beispiel
aufgereizt und zu Haß und Treubruch veranlaßt, oder es wird durch das
schlechte Beispiel der Großen verdorben. Unzucht und Genußsucht sind
schlimmer, als man es schildern kann. Bei den Kaufleuten herrschen
List, Betrug, maßlose Falschheit usw.« So sieht *Bacons* Sittengemälde
aus dem 14. Jahrhundert aus.
Was *Bacon* anstrebte, war eine freiere Gestaltung des religiösen
Lebens. Und zwar geschah dies fast zur selben Zeit, als die Albigenser
Südfrankreichs ihren Abfall von der Kirche schwer büßen mußten. Wenn
*Bacons* Mahnung auch verhallte und nicht imstande war, einen Sturm zu
entfesseln, wie ihn z. B. das Auftreten eines *Huß* zur Folge hatte,
so verdient *Bacon* doch unter den Vorboten der Reformationsbewegung
genannt zu werden. Daß er sich der Autorität des *Aristoteles* nicht
unbedingt unterwarf, war für die damalige Zeit ein nicht geringeres
Verbrechen.
Andererseits vermag auch *Bacon* es nicht, sich gänzlich von den
Fesseln der griechischen Philosophie und der mittelalterlichen
Theologie zu befreien. So hält er mit *Aristoteles* an dem Glauben
fest, daß die Welt räumlich begrenzt sei. Er sucht auch dialektisch zu
beweisen, daß es nicht mehrere Welten oder gar eine unendliche Welt
geben könne. Erst viel später, bei *Giordano Bruno*, tritt uns der
Begriff des unendlichen Alls entgegen. Wie *Aristoteles*, so weist auch
*Bacon* mit dialektischen Gründen die Lehre vom Vakuum zurück, das die
von *Aristoteles* bekämpften Anhänger der Atomenlehre als notwendige
Voraussetzung für die Bewegung der Atome angenommen hatten[795].
Als Herrin der Wissenschaften gilt *Bacon* nicht die Philosophie,
sondern die Theologie. Wenn ein Wissen, meint er, der heiligen Schrift
widerspricht, so ist es irrig[796]. Innerhalb dieser Beschränkung
verlangt er eine Erneuerung der Wissenschaften und eine Begründung
der Naturwissenschaften auf Beobachtung und Versuch. Manches, was
später, im 16. Jahrhundert, sein Namensvetter *Francis Bacon*
gesagt hat, klingt an die schon von *Roger Bacon* ausgesprochenen
Mahnungen und Forderungen an. »Diejenigen, die in den Wissenschaften
neue Bahnen einschlugen«, sagt *Roger Bacon*[797], »hatten alle Zeit
mit Widerspruch und Hindernissen zu kämpfen. Doch erstarkte die
Wahrheit und wird erstarken bis zu den Tagen des Antichrist.« Für
die Wissenschaft gibt es nach *Bacon* drei Wege, die Erfahrung, das
Experiment und den Beweis. Insbesondere wird die Mathematik gepriesen,
aber auch der Sprache, als dem formalen Ausdruck des Denkens, wird
die größte Bedeutung beigelegt. So heißt es bei ihm: »Wir müssen
bedenken, daß Worte den größten Eindruck ausüben. Fast alle Wunder
sind durch das Wort vollbracht worden. In den Worten äußert sich die
höchste Begeisterung. Deshalb haben Worte, welche tief gedacht, lebhaft
empfunden, gut berechnet und mit Nachdruck gesprochen werden, eine
bedeutende Gewalt.«
Selbst wenn man annimmt, daß *Bacons* Wissen vollständig auf den alten
Schriftstellern und den Arabern beruhe, muß man doch zugeben[798], daß
er kein bloßer Kompilator war, sondern das Vorhandene zu prüfen, sich
anzueignen und selbständig wiederzugeben verstand. Sein Hauptverdienst
bleibt aber, daß er zu den ersten Männern zählt, die auf den Weg des
eigenen Forschens im Gegensatz zum Autoritätsglauben, hingewiesen
haben, wenn es ihm selbst auch noch an Mitteln gebrach, diesen Weg
unbeirrt zu verfolgen. Aus diesem Mangel an Befriedigung eines
vorhandenen Dranges entspringt eine gewisse Sehnsucht, die sich darin
ausspricht, daß *Bacons* Schriften mit häufigen Ausblicken auf eine
größere Herrschaft des Menschen über die Natur erfüllt sind[799].
Dieser Grundzug seines Wesens wird uns im 17. Jahrhundert bei seinem
Namensvetter *Franz Bacon* wieder begegnen. Und es erscheint nicht
ausgeschlossen, daß letzterer *Roger* mehr zu verdanken hat, als er
durchblicken läßt[800]. Man kann dies als wahrscheinlich annehmen, ohne
damit den späteren *Bacon* etwa des Plagiats bezichtigen zu wollen.
*Bacons* Hauptwerk führt den Titel »Opus majus«. Es wurde 1267
vollendet und von *Bacon* dem Papste[801] gewidmet[802]. Im ersten
Teil des Opus majus spricht *Bacon* von den Hauptursachen der
herrschenden Unwissenheit. Als solche gelten ihm die Eitelkeit und der
Autoritätsglaube, die althergebrachten Vorurteile und die zahlreichen
unrichtigen und unzulänglichen Begriffe. Der zweite Abschnitt bietet
einen Überblick über die Fundamente, welche die Griechen und die Araber
geschaffen. Im Mittelpunkte dieser Darstellung steht selbstverständlich
*Aristoteles*, von dem in freimütiger Kritik gezeigt wird, daß seine
Schriften weder erschöpfend noch frei von Fehlern seien. Um die
bisherigen Leistungen würdigen zu können, fordert *Bacon* im dritten
Abschnitt das Studium der Urtexte an Stelle des bis dahin üblichen
Lesens lateinischer und arabischer Übersetzungen. Vor allem stellt
er diese Forderung in bezug auf die Bibel und die Schriften des
*Aristoteles* auf. Der vierte Abschnitt handelt von der Mathematik,
einschließlich der Astronomie und ihrer Anwendungen. *Bacon* erkannte
die Fehlerhaftigkeit des julianischen Kalenders und machte dem
Oberhaupt der Kirche Verbesserungsvorschläge. Der julianische Kalender,
so führt er aus, rechne das Jahr zu 365-1/4 Tagen. Es sei aber
erwiesen, daß es kürzer sei und in 130 Jahren ein Tag zuviel gerechnet
werde.
Der nächste Abschnitt, der sich auf *Alhazen* stützt, handelt von der
Optik. Die Reflexionen durch parabolische Spiegel, sowie die Anatomie
und Physiologie des Auges sind so klar und treffend dargestellt, daß
diese Abschnitte besonders den fortgeschrittenen Standpunkt *Bacons*
erkennen lassen. Den eigentlichen Vorgang des Sehens verlegt er in das
Gehirn, mit der Begründung, daß sich nur so die Vereinigung der in den
beiden Augen entstehenden Sinneseindrücke zu einer einzigen Wahrnehmung
erklären lasse[803].
*Bacons* optische Kenntnisse gingen über diejenigen *Alhazens* hinaus.
So ist *Bacon* die sphärische Aberration bekannt, d. h. die Tatsache,
daß Strahlen, die parallel der Achse einfallen, sich nur dann in
einem Punkte schneiden, wenn sie den Spiegel in gleichem Abstände
vom optischen Mittelpunkte treffen. Auch mit der Brennkugel[804]
und den Konvexspiegeln befaßt er sich in Anlehnung an *Alhazen*.
Ferner untersucht *Bacon*, ob der Brennpunkt eines Hohlspiegels im
Kugelmittelpunkte oder im Halbierungspunkte des Radius liegt. Er
entscheidet sich für das letztere, also für die richtige Ansicht,
und bemerkt ganz zutreffend, eigentlich könne nicht von einem Punkte
der Strahlenvereinigung die Rede sein, sondern nur von einer kleinen
Stelle. Damit ist schon das Wesen der Katakaustik angedeutet[805].
Von der Fata morgana heißt es, sie werde von manchen für eine
teuflische Gaukelei gehalten, während sie aus natürlichen Ursachen zu
erklären sei. *Bacon* beschreibt ferner die Instrumente zur Bestimmung
des Durchmessers von Mond und Sonne. Die Größe der Erde stehe zur
Größe des Himmels und der übrigen Gestirne in gar keinem Verhältnis.
So sei die Sonne 170 mal so groß wie die Erde. Auch die Milchstraße
bestehe aus vielen, zusammengedrängten Sternen, deren Licht sich mit
dem der Sonne mische. Ebbe und Flut sollen dadurch zustande kommen,
daß die Mondstrahlen beim senkrechten Auffallen die Dünste aufsaugen,
auf deren Anwesenheit auch das Funkeln der Sterne zurückgeführt
wird. Die Erscheinung, daß eine Flutwelle auch auf der dem Monde
entgegengesetzten Seite der Erde entsteht, erklärt *Bacon* auf folgende
Weise. Er nimmt an, die Fixsternsphäre sei fest; daher werfe sie die
Strahlen des Mondes zurück. Diese reflektierten Strahlen treffen dann
die dem Monde entgegengesetzte Seite der Erde und rufen dort dieselbe
Erscheinung hervor, die sie beim direkten Einfallen erzeugen. Nach
dieser Vorstellung sind der Fixsternhimmel und somit die Welt räumlich
begrenzt. Hatte doch auch *Aristoteles* angenommen, daß die Fixsterne
ihr Licht von der Sonne erhalten. Der Gedanke von der Unendlichkeit des
Weltalls und der Vielzahl der Sonnen- und Weltsysteme konnte erst nach
der Begründung des Kopernikanischen Systems aufkommen.
Der Regenbogen wird von *Bacon* in Anlehnung an *Aristoteles* und
*Avicenna* zu erklären gesucht. Daß der Regenbogen verschwindet,
sobald die Sonne sich 42° über den Horizont erhebt, ist *Bacon*
bekannt. Für das runde Sonnenbildchen, das entsteht, wenn die Sonne
durch unregelmäßige Öffnungen in dunkle Räume scheint, kann er keine
Erklärung finden. Das Licht erfordert nach seiner Meinung Zeit
und besteht nicht in einer Absonderung von Teilchen, da sonst die
leuchtenden Substanzen wie der Moschus sich verflüchtigen müßten. Zur
Erläuterung der Art, wie das Licht sich fortpflanzt, führt *Bacon*
folgenden, schon *Alhazen* bekannten Versuch an. Werden drei Lichter
vor die enge Öffnung eines Schirmes gestellt, so kreuzen sich die
Strahlen in dieser Öffnung. *Bacon* betrachtete dies als einen Beweis
dafür, daß sich die Spezies, d. h. dasjenige, worin er die Natur des
Lichtes erblickte, nicht vermischen. Wir würden dafür heute sagen, daß
die Lichtstrahlen, ohne sich gegenseitig zu stören, durch einen Punkt
hindurchgehen.
Der sechste Abschnitt ist der Wissenschaft vom Experiment gewidmet. Er
beginnt mit den Worten: »Ohne eigene Erfahrung (Versuche) ist keine
tiefere Erkenntnis möglich«[806]. Das Experiment wird hier schon als
das wichtigste Mittel hingestellt, die Theorie zu stützen und sie zu
neuen Folgerungen zu führen. Den Schluß des Werkes (7. Teil) bilden
Betrachtungen über die Aufgabe der Wissenschaft, die Menschheit nicht
nur zur Erkenntnis, sondern auch zu höheren sittlichen Zielen zu
leiten. Von besonderem Interesse ist die Stellung, die *Bacon* der
Mathematik gegenüber einnimmt. Er nennt sie das Tor und den Schlüssel
der übrigen Wissenschaften. Die mathematischen Grundwahrheiten sind
seiner Meinung nach dem Menschen eingeboren. Nur durch die Mathematik
können wir zur vollen Wahrheit gelangen[807]. In den übrigen
Wissenschaften herrscht umso weniger Irrtum und Zweifel, je mehr wir
sie auf die Mathematik zu gründen verstehen[808].
*Bacons* Schriften sind von phantastischen Ausblicken in die Zukunft
erfüllt. So schreibt er: »Es können Wasserfahrzeuge gemacht werden,
welche rudern ohne Menschen, so daß sie, während ein einziger Mensch
sie regiert, mit einer größeren Schnelligkeit dahinfahren, als wenn sie
voll schiffbewegender Leute wären. Auch können Wagen gebaut werden,
die ohne Tiere mit einem unermeßlichen Ungestüm in Bewegung gesetzt
werden«[809]. Wie *Bacon* sich indessen die Ausführung dieser Gedanken
dachte, gibt er nicht an. Es würde daher verfehlt sein, wollte man
solchen Aussprüchen, wie es wohl geschehen ist, eine weitergehende
Bedeutung beimessen.
Ferner finden sich Bemerkungen, auf Grund deren man *Bacon* die
Priorität hinsichtlich der Erfindung des Fernrohres zugeschrieben hat.
Da aber nicht erwiesen ist, daß Versuche oder auch nur eine klare
Einsicht in die Grundzüge der Konstruktion vorlagen, so sind solche
Ansprüche, die von englischer Seite herrühren, zurückzuweisen, ohne
daß hierdurch die Bedeutung des eigenartigen Mannes eine Schmälerung
erlitte. *Bacon* konnte in Wirklichkeit nicht einmal mit dem Gebrauch
der Brillen bekannt sein. Diese kamen wahrscheinlich erst um 1280
auf[810]. Wohl die erste handschriftliche Erwähnung findet sich in
einem Briefe vom Jahre 1299. Jemand sagt dort, daß er ohne Brille, die
vor kurzem zum Besten alter Leute mit geschwächtem Sehvermögen erfunden
sei, weder lesen noch schreiben könne.
Gleich allen seinen Zeitgenossen, war *Bacon* in dem Glauben an die
Möglichkeit der Metallveredelung befangen, wie er auch von dem Gedanken
durchdrungen war, daß die Gestirne einen Einfluß auf die Erde und das
Schicksal der Menschen ausüben.
Die astrologischen Lehren, zu denen das 13. Jahrhundert im Anschluß
an das Altertum und an das frühe Mittelalter gelangt war, finden
sich daher bei *Bacon* in großer Ausführlichkeit entwickelt. Die
Astrologie hatte damals ihren Höhepunkt erreicht. Später büßte sie an
überzeugender Kraft ein, bis sie im 17. Jahrhundert aus der gelehrten
Bildung ganz verschwand. Man muß sich eigentlich wundern, daß sich bei
einem im übrigen so hervorragenden Geist wie *Bacon* keine Zweifel
regten. Da die astrologischen Lehren besonders geeignet sind, den Geist
des Mittelalters zu kennzeichnen, soll noch einiges daraus in der ihnen
von *Bacon* gegebenen Fassung Platz finden.
Die Astrologen teilten den Himmel in zwölf »Häuser«. Jeder Planet
(Mond und Sonne eingerechnet) hat ein »Haus«, in dem er erschaffen
ist. Der Löwe ist das Haus der Sonne, der Krebs das des Mondes, die
Jungfrau dasjenige des Merkur usw. Jedem der fünf Planeten ist außerdem
noch eins der fünf übrigen Häuser zugeteilt. Jupiter und Venus sind
Glückssterne, Mars und Saturn Unglückssterne.
Von großem Einfluß sind die Konjunktionen der Planeten, d. h. ihr
Zusammentreffen in einem und demselben Hause. Solche Konjunktionen
zeigen Thronwechsel, Hungersnot und ähnliche Ereignisse an. Sie wirken
auch auf den einzelnen Menschen. Zwar sollen sie nicht den Willen
bestimmen. Wohl aber sollen die Himmelskräfte den Körper und, bei dem
engen Zusammenhang von Leib und Seele, auch letztere beeinflussen.
*Bacon* schloß sich auch den orientalischen Lehren an, nach welchen
bestimmte Planeten über gewissen Reichen dominieren, z. B. Saturn über
Indien, Jupiter über Babylon, Merkur über Ägypten, der Mond über Asien.
Vielleicht ist es auf astrologische Vorstellungen zurückzuführen, daß
der Halbmond das Abzeichen der Türkei geworden ist.
Was den chemischen Inhalt der *Bacon*ischen Schriften[811] anbetrifft,
so verdient hervorgehoben zu werden, daß *Bacon* ein Gemenge erwähnt,
dessen Entzündung eine furchtbare Erschütterung hervorbringe. Als einen
Bestandteil dieses Gemenges nennt er Salpeter[812]. Offenbar haben wir
es hier mit dem Schießpulver zu tun, das um diese Zeit von Ostasien her
seinen Weg nach Europa gefunden hatte. Es wurde zuerst in Bergwerken
zum Sprengen gebraucht[813]. Seit dem 14. Jahrhundert führte das Pulver
eine Umwälzung in der Art der Kriegsführung herbei, die von großem
Einfluß auf die politische Gestaltung Europas wurde[814].
Gewissermaßen gehört *Bacon* auch zu den geistigen Urhebern der großen
Entdeckungsreisen. Er vertrat nämlich die Ansicht, Asien erstrecke
sich so weit nach Osten, daß seine östliche Küste durch eine kurze
Fahrt über den atlantischen Ozean erreicht werden könne. Diese Ansicht
*Bacons* nebst ihrer Begründung nahm *Pierre d'Ailly* in sein »Imago
mundi« betiteltes Werk[815] auf. Und es ist bekannt, daß *Columbus*
später insbesondere auch durch das Lesen dieses Werkes zu seiner Fahrt
nach Westen angeregt wurde[816].
Aus allem geht hervor, daß wir es in *Bacon* mit einem hochbedeutenden
Menschen zu tun haben, der in der Entwicklung der Wissenschaften eine
hervorragende Rolle gespielt und die Bewunderung, die man ihm gezollt,
verdient hat[817]. *Bacon* ist einer der wenigen, das Dunkel des
christlichen Mittelalters durchdringenden Sterne. Daß er sich nicht
völlig von den Vorurteilen seiner Zeit frei zu machen wußte, darf die
Anerkennung, die wir ihm spenden müssen, nicht beeinträchtigen.
Auswüchse des mitteltalterlichen Denkens.
Auf dem Gebiete der Wissenschaften tritt die Eigenart des Mittelalters
besonders in den Bestrebungen der Astrologen und der Alchemisten
zutage. Astrologie und Alchemie sind Wörter, bei deren Klang man sich
sofort in jene Zeit, von der wir handeln, zurückversetzt fühlt. Nicht
nur die mit diesen Namen bezeichneten Pseudowissenschaften, sondern
mitunter auch Magie und Nekromantie waren damals Gegenstand von
Universitätsvorlesungen.
Die größten alchemistischen Torheiten bezüglich der Wirkung der Materia
prima oder des Steins der Weisen gingen von *Raymundus Lullus* aus.
*Lullus*, der Doctor illuminatissimus, wurde um 1230 geboren. Seine
Schriften, oder vielmehr was an solchen unter seinem Namen ging,
fanden besonders im 14. Jahrhundert zahlreiche Leichtgläubige. Als
eine Ausgeburt der Phantasie des *Lullus* begegnet uns seine Lehre von
der Multiplikation. Der Stein der Weisen verwandelt danach zunächst
die 1000fache Menge Quecksilber in Materia prima. Und dies konnte
mehrfach wiederholt werden, bis nach einer gewissen Abschwächung der
verwandelnden Kraft die Materia prima die 1000fache Menge Quecksilber
in reines Gold verwandelte. In Anbetracht derartiger Übertreibungen des
alchemistischen Gedankens kann es nicht wundernehmen, wenn er sich zu
dem Ausspruch verstieg: »Mare tingerem, si Mercurius esset« (das Meer
würde ich in Gold verwandeln, wenn es aus Quecksilber bestände).
Unter den Auswüchsen und Irrungen, die uns im Mittelalter begegnen,
sind neben der Alchemie, der Astrologie und der Magie der Hexenglauben
zu nennen. Auch von dieser so unheilvollen, in der Hand des kirchlichen
Fanatismus oft zur furchtbarsten Geißel[818] gewordenen Verirrung wurde
die Menschheit durch das Emporkommen einer naturwissenschaftlichen
Weltanschauung in Jahrhunderte dauerndem Kampf befreit. Zu den ersten,
die den Kampf gegen die Astrologie aufnahmen, zählt der in der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts lebende *Pico von Mirandola*.
*Pico von Mirandola* gehörte den humanistischen Gelehrten an, die
im allgemeinen der Astrologie zugetan waren, da letztere ja dem
späteren Altertum entsprungen war. Gehörte doch selbst *Melanchthon*
zu ihren Anhängern, während *Luther* sich von den Sterndeutereien
abwandte und sie für grobe Lügen erklärte, denen gegenüber man bei
seinem einfachen Verstande bleiben müsse. Aus diesem heraus ist auch
*Pico von Mirandolas* Einspruch hervorgegangen. Will man sich von der
Trüglichkeit aller Wahrsagerei überzeugen, so frage man die Sterndeuter
und die Handlinienbeschauer zu gleicher Zeit und sehe, wie sie
einander widersprechen. Ihre Wetterprophezeiungen sind nicht minder
unzuverlässig. So und ähnlich lauten seine Gründe. Daß der Himmel die
allgemeine Ursache des irdischen Geschehens sei, erkennt *Pico* an.
Alles Besondere müsse aber aus den nächstliegenden Ursachen erklärt
werden.
Über das Unheil, das die astrologische Lehre anrichtete, sagt *Pico*,
sie zerstöre die Philosophie, verfälsche die Heilkunde, untergrabe
die Religion, erzeuge den Aberglauben, begünstige die Abgötterei,
verunreinige die Sitten, verleumde den Himmel und mache den Menschen
zum unglücklichen Sklaven von Vorurteilen und Verführern.
Schon ein Jahrhundert vor *Pico* hat einer der größten unter den
Humanisten, *Francesco Petrarca*, den Kampf gegen die Astrologie, die
Magie und andere Ausflüsse des Aberglaubens geführt. Sein Bemühen war
jedoch nicht minder erfolglos gewesen wie dasjenige seines Nachfolgers.
Beide Männer haben indessen das Verdienst, daß sie den späteren
Geschlechtern die Waffen in diesem Kampfe geschmiedet haben[819].
Mit ähnlichen überzeugenden Gründen, wie *Pico von Mirandola* die
Astrologie, bekämpfte der Arzt *Jacob Weyer* den Hexenglauben und
die damit im Zusammenhange stehenden Verfolgungen. Er wies z. B.
nach, daß das Alpdrücken eine Folge körperlicher Zustände sei und
nicht etwa durch einen Dämon veranlaßt werde. Er erkannte die Rolle,
welche die Phantasie, sowie die Neigung der Frauen zur Hysterie beim
Zustandekommen abergläubischer Vorstellungen spielt. Doch fand er nur
wenig Anhänger und zahlreiche Widersacher. Die angeblichen Hexen wurden
noch bis in das 18. Jahrhundert hinein von Geistlichen, Inquisitoren
und der fanatisierten Menge verfolgt und verbrannt.
Das Heilmittel für all diese Gebrechen der Zeit konnten nur die
Naturwissenschaften sein. Sie waren zwar auf dem Marsche. Um die
Beseitigung von Aberglauben und Vorurteilen, sowie um Anerkennung als
Bildungsmittel für die breite Masse des Volkes mußten sie aber noch
lange, ja selbst bis auf den heutigen Tag ringen.
Die Naturwissenschaften im 14. Jahrhundert.
Von den naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Vorstellungen, die um
die Mitte des 14. Jahrhunderts herrschten, erhält man ein in mancher
Hinsicht zutreffendes Bild durch *Megenbergs* Buch der Natur.
*Konrad von Megenberg* wurde um 1309 in der Maingegend geboren. Er
empfing seine Vorbildung in Deutschland und Paris, wo er den Doktorgrad
erwarb. Darauf lehrte er in Wien und schließlich wirkte er als
Kanonikus in Regensburg. Dort schrieb er sein Werk, das er um 1350
bekannt gab[820]. Er starb in Jahre 1374.
*Megenbergs* Hauptquelle ist eine von *Thomas von Cantimpré* um 1250
verfaßte Schrift: Über die Natur der Dinge (De naturis rerum). Sie
bietet eine Übersicht über das damalige Wissen von den lebenden und
den leblosen Naturgegenständen. Und zwar ist *Cantimprés* Buch das
erste Werk dieser Art, welches das Mittelalter hervorbrachte[821].
In zwanzig Büchern behandelt *Thomas* die Anatomie des Menschen, die
Tiere, die Pflanzen, die Metalle und Edelsteine, die vier Elemente
und das Himmelsgewölbe mit den sieben Planeten. Das Werk ist indessen
nicht auf eigene Anschauung gegründet, sondern aus den verschiedensten
Schriftstellern geschöpft. Am meisten benutzt sind *Aristoteles*,
*Galen* und *Plinius*. Aber auch *Theophrast*, *Isidor von Sevilla*
und die Kirchenväter werden herangezogen.
*Megenbergs* Buch der Natur lehnt sich so eng an die besprochene
Schrift des *Thomas* an, daß es als eine gekürzte und dem Fortschritt
des seitdem verflossenen Jahrhunderts Rechnung tragende deutsche
Bearbeitung bezeichnet werden kann[822]. Doch hat *Megenberg*, wie
er ausdrücklich bemerkt, wenn ihn das Buch des *Thomas* im Stiche
ließ, auch andere Bücher benutzt. Dabei ist er durchaus kein bloßer
Kompilator. Er weist sogar manches, was *Thomas* unbeanstandet
aufnimmt, als unglaubwürdig zurück. Daß er trotzdem an Wunder,
Zauberei und Beschwörungen glaubt, muß man auf Rechnung des Geistes
seiner Zeit setzen. So ist das Buch *Megenbergs* eins der geeignetsten
Zeugnisse für das vor dem Wiederaufleben der Wissenschaften selbst
bei aufgeklärten Männern anzutreffende Fühlen und Denken. Einige
Mitteilungen aus dem Inhalt des Buches mögen dies des Näheren dartun.
Der erste Abschnitt betrifft den Menschen. Es sind die Lehren des
*Aristoteles* und des *Galen*, die uns hier in derjenigen Gestalt
begegnen, die sie durch spätere Schriftsteller erfahren haben[823].
Das Gehirn soll von Natur kalt, das Herz dagegen warm sein. Das
Gehirn liege oberhalb des Herzens, damit seine Kälte durch die Wärme
des Herzens gemildert werden könne. Die Natur lasse zuerst das Herz
entstehen und danach das Gehirn. Vom Auge heißt es, es sei von dünnen
Häuten umgeben. Diese umschlössen die kristallinische Feuchtigkeit,
auf welcher die Sehkraft beruhe. Der Sehnerv wird als eine hohle
Ader bezeichnet, deren Aufgabe es sei, den Augen die eigentliche
geistige Sinnestätigkeit zuzuführen. Man sieht, es sind verworrene
Vorstellungen, aus denen nicht ersichtlich ist, wie sich *Megenberg*
den Vorgang des Sehens eigentlich denkt. Über das Herz und die Lungen
äußert er sich mit folgenden Worten: Das Herz ist das erste Lebendige
und das letzte Organ, das stirbt. Es besitzt zwei Kammern, eine rechte
und eine linke. Sie bergen das Blut und die besonderen Geister,
welche das Leben bedingen. Die Geister und das Blut strömen durch
die Adern vom Herzen zu den übrigen Organen hin. Das Herz ist der
Lunge angelagert, weil die weiche Lunge durch ihre Tätigkeit, Luft
aufzunehmen, das Herz kühl halten kann, so daß es nicht in seiner
eigenen Hitze erstickt. Eine genauere Unterscheidung zwischen Adern,
Nerven und Sehnen findet auch bei *Megenberg* noch nicht statt.
Der zweite Abschnitt handelt »von den Himmeln und den sieben
Planeten«. Außerhalb des Firmaments, an dem die Fixsterne befestigt
sind, unterscheidet *Megenberg* noch zwei Sphären, den Wälzer und
den Feuerhimmel. Nach innen folgen die sieben Planetenhimmel, von
denen jeder nur einen Stern trägt. Alles bewegt sich in verschiedenen
Zeiträumen um den Mittelpunkt der Welt, die Erde. Jeder Planet hat
seine besonderen Eigenschaften und Wirkungen. So ist Jupiter warm und
trocken. Deshalb macht er das Erdreich fruchtbar und bringt ein gutes
Jahr, wenn er in seiner vollen Kraft und günstigsten Stellung scheint.
Mars ist heiß und trocken; daher erhitzt er der Menschen Herz und macht
sie zornig. Der Sonne werden fünfzehn Eigenschaften zugeschrieben, die
dann in allegorischer Weise auf die heilige Jungfrau bezogen werden.
Hinsichtlich der Kometen begegnen wir einer Auffassung, die von
*Aristoteles* bis zu *Tychos* und *Keplers* Zeiten die herrschende
blieb. Ein Komet ist danach kein eigentlicher Stern, sondern ein
»Feuer, das im obersten Luftreich brennt«. Genährt wird dieses
Feuer durch fettigen, der Erde entstammenden Dunst. Die Dauer des
Kometen hängt davon ab, wie lange dieser Dunst in hinreichender
Menge nachströmt. Betrachtete man die Kometen als atmosphärische
Erscheinungen, so war die Annahme, daß sie auf die Erde eine tiefere
Wirkung als die Gestirne ausüben, ganz folgerichtig. Der Komet muß für
das Land, dem er den Schweif zukehrt »ein Hungerjahr bringen, weil dem
Boden dort die Feuchtigkeit entzogen wird«. Die Milchstraße endlich
wird ganz zutreffend auf »zahlreiche, nahe beieinander befindliche
Sterne zurückgeführt, deren Schein vereint leuchtet«.
*Megenberg* bespricht dann die atmosphärischen Vorgänge. Der Wind wird
nicht etwa als eine Bewegung der Luft in ihrer ganzen Masse aufgefaßt,
sondern als ein »angesammelter irdischer Dunst« betrachtet, der sich
durch die Luft bewegt. Aus dem irdischen fetten Dunst, der gegen die
Wolken stößt, sucht *Megenberg* auch Blitz und Donner zu erklären.
Die Kraft des Anpralls bewirke die Entzündung, d. h. den Blitz. Der
Regenbogen endlich wird als eine Spiegelung des Sonnenlichtes in den
Wolken aufgefaßt. Durch die Annahme von Dünsten im Innern der Erde
wird, unter Zurückweisung alter Fabeleien, auch das Erdbeben erklärt.
Auf die in den Höhlen der Gebirge befindlichen Dünste sollen die
Gestirne, besonders Mars und Jupiter in der Art wirken, daß sie ihren
Andrang gegen die Wände der einschließenden Hohlräume vermehren.
Dadurch komme eine Erschütterung der Erde zustande. *Megenberg*
berichtet dann über ein starkes Erdbeben, das 1348 in den Alpen und in
Süddeutschland verspürt wurde. In demselben Jahre wurde Europa durch
den schwarzen Tod heimgesucht, das »größte Sterben, das je nach oder
vielleicht auch vor Christi Geburt dagewesen«. Allein in Wien seien
an dieser Seuche 40000 Menschen in wenigen Monaten zugrunde gegangen.
*Megenberg* ist nun geneigt, zwischen dem Erdbeben und jener Krankheit
einen ursächlichen Zusammenhang anzunehmen. Bei dem Erdbeben entweiche
nämlich giftiger Dunst aus dem Innern der Erde. Das Weltbild, das sich
das Mittelalter nach dem Vorgange der Alten geschaffen und wie es uns
in *Megenbergs* Schrift entgegentritt, wird durch eine Schilderung
der Tiere, der Pflanzen und der wichtigsten anorganischen Naturkörper
vervollständigt. Auf die Beschreibung des Tieres im allgemeinen, die
ganz im Geiste und oft in wörtlicher Übereinstimmung mit *Aristoteles*
gehalten ist, folgen Mitteilungen über das Aussehen und die Lebensweise
der einzelnen Geschöpfe. Von einer systematischen Einteilung nach
irgend welchen wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist dabei noch
keine Rede. Die Anordnung ist vielmehr die alphabetische. Auch wird
über manches Tierwunder berichtet, das sich später als eine Ausgeburt
der Phantasie älterer Schriftsteller erwiesen hat. So wird auch die
alte Geschichte des Physiologus von dem Walfisch, dessen Rücken für
eine Insel gehalten wird, wieder aufgefrischt. Manche Bemerkung über
einheimische Tiere beruht auf eigener Beobachtung oder wenigstens auf
der Beobachtung Mitlebender. Doch fehlen auch nicht Angaben alter
Schriftsteller, die ohne Nachprüfung aufgenommen werden, so heißt es
beim Pferde, *Aristoteles* sage, aus dem Haare dieses Tieres entstehe
im Wasser ein Wurm. Nicht selten wird aber derartigen Mitteilungen ein
treuherziges: »Das glaube ich nicht« hinzugefügt, so der Erzählung des
*Plinius*, daß der Luchs durch eine Wand zu sehen vermöge.
Die nächsten Abschnitte handeln -- gleichfalls in alphabetischer Folge
-- von den Bäumen und von den Kräutern. Die Beschreibungen beschränken
sich auf den äußeren Habitus der ganzen Pflanze und das Aussehen der
Früchte. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die physiologischen
Wirkungen, die von den Pflanzen ausgehen. Zur Erklärung dieser
wunderbaren Wirkungen genügt nach *Megenberg* jedoch nicht die Mischung
der in den Kräutern enthaltenen Elemente, sondern er nimmt daneben den
Einfluß der Gestirne an. Oft komme auch der Einfluß der heiligen Worte
in Betracht, mit denen man Gott anrufe, und durch die man die Kräuter
beschwöre und segne, wie man ja auch das Weihwasser einsegne.
Durch den göttlichen Willen haben auch die Steine wunderbare
Eigenschaften und Kräfte, vor allem besitzen sie einen segenbringenden
Einfluß. Manche Mineralien sind giftwidrig, ja sie zeigen sogar durch
Ausschwitzungen an, ob sich Gift in der Nähe befindet. Der Karneol
besänftigt den Zorn und stillt Blutungen. Offenbar wurde ihm seit
jeher diese Eigenschaft seiner roten Farbe wegen zugeschrieben. Auch
bei den übrigen Mineralien werden die Eigenschaften ganz obenhin
erwähnt, dagegen um so ausführlicher wird ihre Verwendung zu Amuletten
gewürdigt, ohne daß *Megenberg* Zweifel an der Richtigkeit der an
die Mineralien sich knüpfenden, damals herrschenden, abergläubischen
Vorstellungen kamen.
Wir haben das Buch der Natur etwas eingehender gewürdigt, weil eine
derartige Probe lehrreicher ist als lange Betrachtungen über den Geist
des Mittelalters. Erst wenn wir uns den geistigen Besitz und das Fühlen
und Denken jener Zeit an einem Schriftsteller wie *Megenberg* oder
*Thomas von Cantimpré* vergegenwärtigt haben, können wir den Umschwung
ermessen, der mit dem Wiederaufleben der Wissenschaften eintrat und
der neueren mit *Koppernikus*, *Galilei* und *Kepler* anhebenden
Naturforschung den Weg bereiten half.