8. Das arabische Zeitalter.

Ein neuer Anlaß zur Beschäftigung mit der Wissenschaft des Altertums

sollte im Abendlande nicht mehr, wie zur Zeit *Theoderichs*,

auf eigenem Boden ersprießen, sondern von einem orientalischen

Volke ausgehen, das bis dahin kaum eine Rolle gespielt hatte.

Diese Erscheinung ist eine der merkwürdigsten, die uns in der

Entwicklung der Wissenschaften begegnet, weshalb wir ihr eine etwas

eingehendere Betrachtung schenken müssen. Während das Christentum die

abendländischen Völker durchdrang, bemächtigte sich der Islam des

gesamten Orients. Die Ausbreitung der neuen Lehre erfolgte durch Feuer

und Schwert und ging Hand in Hand mit der Errichtung eines Weltreiches

durch die Araber. Auch die letzteren traten, wie die ersten Bekenner

des Christentums, den vorhandenen Bildungselementen zunächst feindlich

gegenüber. Von fanatischem Eifer verblendet, soll der Kalif *Omar*

dem arabischen Feldherrn, der Alexandrien eroberte, den Befehl zur

Vernichtung der noch vorhandenen Bücherschätze mit den Worten gegeben

haben: »Wenn diese Bücher das enthalten, was im Koran steht, so sind

sie unnütz, wenn sie etwas anderes enthalten, so sind sie schädlich.

Sie sind deshalb in beiden Fällen zu verbrennen.«

Nach anderen Nachrichten[665] soll dieses Wort bei der Eroberung

Persiens gefallen sein. Bei diesem Ausspruch und manchen anderen,

geschichtlichen Persönlichkeiten zugeschriebenen Worten ist der

Nachweis, daß es sich um eine verbürgte Äußerung handelt, in vielen

Fällen nicht zu erbringen. Wenn sie trotzdem, wie beispielsweise

*Galileis* Wort: »Und sie bewegt sich doch«, in der Geschichte der

Wissenschaften Erwähnung finden, so geschieht dies, weil sie häufig

Personen, Zeitverhältnisse oder geistige Strömungen vortrefflich

kennzeichnen.

Wie groß der Verlust an Bücherschätzen infolge der von den Arabern

zu Beginn ihres Auftretens bewiesenen Zerstörungswut gewesen ist,

läßt sich nicht mehr ermessen. Diese Verluste begannen übrigens in

Alexandria schon weit früher, nämlich zur Zeit der Belagerung durch

*Julius Caesar*. Unter *Kleopatra* wurden sie jedoch durch die

Erwerbung der pergamenischen Bibliothek ausgeglichen. Die Zerstörung

des Serapeions fand unter *Theodosios* statt. Es wurde jedoch soviel

gerettet, daß eine neue Bibliothek gegründet werden konnte. Mit den

etwa noch vorhanden gewesenen Überresten an literarischen Schätzen

scheinen dann die Araber bei der Eroberung Alexandriens nicht allzu

glimpflich umgegangen zu sein, wenn auch die Nachrichten über den von

ihnen bewiesenen Vandalismus ohne Zweifel stark übertrieben sind[666].

Im allgemeinen waren die Bekenner des Islams nämlich duldsamer als die

Christen. Während letztere die Unterworfenen zur Bekehrung zwangen

und keine Religion neben der christlichen anerkannten, war der Islam

mehr darauf bedacht, zu herrschen. Die Christen behielten unter

dieser Herrschaft ihre Glaubensfreiheit, ja selbst ihre Kirchen und

Klöster. Der Islam ließ den unterworfenen Völkern mehr ihre Eigenart.

Auch behielten die von ihm unterjochten Städte als Mittelpunkte des

geistigen Lebens und eines größeren Wohlstandes ihre Bedeutung,

während das Abendland durch die Germanen einer mehr ländlichen,

naturalwirtschaftlichen Lebensweise anheimfiel. Die Kultur des

Morgenlandes erlitt daher durch den Islam in ihrer Entwicklung keine

solch gewaltsame Unterbrechung, wie sie das Abendland erfuhr. Die

morgenländische Kultur des Mittelalters verdient auch die Bezeichnung

einer arabischen weniger ihrer Eigenart wegen als dem Umstande, daß

die Sprache der Araber die herrschende wurde. Mit dieser Erkenntnis

fällt auch die Paradoxie, die darin liegen würde, wenn man einem bis

dahin unbekannten Nomadenvolke alle Schöpfungen, welche der Orient im

Mittelalter hervorbrachte, zuschreiben wollte.

Die Araber verstanden es vortrefflich, dasjenige, was die unterjochten

Völker an Kulturelementen besaßen, zu sammeln und zu sichten. Nachdem

sie in der kurzen Zeit vom Auftreten *Mohammeds* bis zum Beginn des

8. Jahrhunderts Syrien, Palästina, Ägypten, Persien, Nordafrika

und Spanien erobert hatten, nahmen sie die Bildungselemente, die

sie in diesen Ländern vorfanden, in sich auf, um sie später den

abendländischen Völkern zu übermitteln. Den letzteren blieb es

vorbehalten, auf diesen Grundlagen erfolgreich weiter zu bauen, was die

Araber nur in bescheidenem Maße vermocht hatten. Es ist ein Verdienst

der arabischen Literatur, wichtige Teile der griechischen Wissenschaft

erhalten und sie durch das Dunkel des Mittelalters in die neuere Zeit

hinüber gerettet zu haben.

Nach dem Untergange der alten Kultur wurden die Wissenschaften in

Syrien und Persien in griechisch-christlichen und jüdischen Schulen

gepflegt. Als die Araber diese Länder eroberten, fanden sie dort

ein reiches geistiges Leben vor[667]. Wahrscheinlich ist aber bei

dem ersten Anprall die ältere Literatur jener Länder zum Teil

vernichtet worden, so daß man sich bei dem erwachenden Interesse für

wissenschaftliche Dinge veranlaßt sah, auf die griechischen Originale

zurückzugehen, woraus sich z. B. das später zu erwähnende Verhalten

des Kalifen *Al Mamûn* erklärt[668]. Mit dem Übersetzen ging das

Kommentieren Hand in Hand. So soll *Ibn Sina* (Avicenna, 980-1037)

die Schriften des *Aristoteles* in 20 Bänden kommentiert haben. Seine

Arbeit ging verloren, doch blieb sein Kommentar zu den aristotelischen

Schriften über die Tiere in lateinischer Übersetzung (von *Michael

Scotus*) erhalten.

Trotz aller Verfolgungen, denen die griechische Wissenschaft ausgesetzt

gewesen, fanden sich also im Orient doch noch zahlreiche, wertvolle

Überreste. Vor allem war es die zur Zeit der Eroberungskriege der

Araber in Syrien und Persien verbreitete christliche Sekte der

Nestorianer, die sich um die Erhaltung dieser Überreste ein großes

Verdienst erworben hatte[669]. Seit dem Zeitalter *Alexanders*

hatten sich viele Griechen in den bedeutenderen Städten Syriens und

Persiens niedergelassen und ihr Wissen und ihre Sprache in Vorderasien

verbreitet. Mit dem Griechentum berührte sich dort alsbald das

jüdische Element. Beide wurden nach Beginn unserer Zeitrechnung durch

die Ausbreitung des christlichen Glaubens noch enger verbunden. Der

den Griechen eigene Drang, überall, wo sie in fremden Ländern sich

niederließen, als Lehrer ihrer neuen Landsleute aufzutreten, empfing

dadurch eine neue Anregung. Die Schulen wurden christlich, behielten

aber ihre Richtung auf die Pflege und Verbreitung der weltlichen

Wissenschaft, getreu dem Geiste des Griechentums, bei.

Als Sitz einer Akademie sei Edessa erwähnt. Dort entstand auch eine

bedeutende Bibliothek. Vom 5. Jahrhundert etwa an wurden die Werke des

*Aristoteles*, sowie griechische Schriften über Medizin, Mathematik,

Astronomie usw. ins Syrische übertragen. Die Syrer sind als die

unmittelbaren Schüler der Griechen zu betrachten. Eine nennenswerte

Förderung der Wissenschaften scheint durch die Syrer aber nicht

stattgefunden zu haben. Ihr Hauptverdienst besteht darin, daß sie die

Kenntnisse und Anschauungen der Alten den Arabern übermittelten. Die in

Mesopotamien entstandenen Nestorianerschulen blühten vom 5. bis ins 11.

Jahrhundert. Und hier war es, wo die Elemente der antiken Wissenschaft,

darunter auch diejenigen der Alchemie, den Arabern bekannt wurden,

durch die sie dann nach Spanien und darauf zu den übrigen Ländern

Europas gelangten. Durch die Beschäftigung mit chemischen Vorgängen

sind die syrischen Gelehrten Mesopotamiens vielleicht auf die Erfindung

des sogenannten griechischen Feuers gelangt, das seit dem Ende des 7.

Jahrhunderts bei Belagerungen und in Seeschlachten benutzt wurde[670].

Das griechische Feuer wurde im Jahre 678 durch einen Syrer in

Konstantinopel eingeführt und bestand vermutlich aus einer Mischung

von leichtflüchtigen Erdölen, Asphalt und gebranntem Kalk. Letzterer

bewirkte, daß sich die Masse beim Zusammentreffen mit Wasser

entzündete. Die Verwendung von Salpeter zu Zündsätzen, Raketen usw. ist

hingegen erst weit später anzusetzen[671].

Von den syrischen Handschriften, die sich mit chemischen Dingen

beschäftigen, sind noch mehrere erhalten und durch *Berthelot* ihrem

Inhalt nach bekannt geworden. Es gehört dahin eine Aufzählung[672] der

Metalle, der sieben Erden, der zwölf als Amulette dienenden Steine und

einer Anzahl zum Färben des Glases dienender Mineralien. Als Amulette,

denen man Zauberkräfte zuschrieb, galten z. B. der Amethyst (gegen

Trunkenheit) und der Bernstein (gegen die Gelbsucht). Eine zweite

syrische Handschrift[673] kann als das älteste methodische Buch über

Chemie betrachtet werden. Seine Abschnitte sind überschrieben: Die

Bearbeitung des Kupfers, des Quecksilbers, des Bleies, des Eisens usw.

Die syrische Alchemie besteht in der Hauptsache aus der Übersetzung

griechischer Quellenschriften. In der erwähnten Aufzählung finden sich

dem Namen jedes Metalls der Name eines bestimmten Planeten und einer

bestimmten Gottheit beigefügt.

Dogmatische Streitigkeiten riefen einen Gegensatz zwischen den

syrischen, an der Lehre des Bischofs *Nestorios*[674] festhaltenden

Christen und der Hierarchie von Alexandrien und Byzanz hervor. Die

Bedrückung, welche die in Syrien an den Schulen wirkenden Gelehrten

infolgedessen erfuhren, veranlaßte diese Männer, sich in den persischen

Christengemeinden, und zwar besonders in Mesopotamien, niederzulassen

und dort im 5. Jahrhundert neue Pflanzstätten zu gründen[675]. Dadurch

wurden die Nestorianer die Vermittler zwischen dem Osten und dem Westen

der alten Welt. Die in Indien entstandenen Wissenselemente fanden

nämlich in Persien Eingang und wurden später den Arabern und durch sie

Europa übermittelt.

Als in Bagdad unter *Almansur* das Kalifat allen Glanz des Morgenlandes

um sich verbreitete, wurden die Nestorianer, sowie andere griechische

Gelehrte an den Hof gezogen und damit betraut, die in ihrem Besitz

befindlichen Wissensschätze ins Arabische zu übertragen. Die

mohammedanischen Machthaber scheint dabei zuerst mehr eine Art von

Sammeleifer als ein Verständnis für die Bedeutung des Errungenen

geleitet zu haben. So wird z. B. berichtet, daß *Harun al Raschid*, der

zur Zeit *Karls des Großen* lebende Kalif aus dem Hause des Omejaden,

sich von den griechischen Kaisern alles ausgebeten habe, was ihr Land

an philosophischen Werken besaß. Die Stellung, welche die Araber

diesen Werken gegenüber einnahmen, war zunächst die blinde Achtung

gegenüber der Autorität. Wie der Koran in der Religion und im Leben,

so dienten die vorhandenen, insbesondere die griechischen Vorbilder

ihnen als unbedingte Richtschnur für das Studium der Wissenschaften.

Bei diesem Grundzug ihres Wesens war zwar ein wesentlicher Fortschritt

nicht zu erwarten, doch hatte die von ihnen geübte Überschätzung das

Gute im Gefolge, daß ihre Literatur in erster Linie der Erhaltung der

gewonnenen Geistesschätze diente. Darauf und weniger auf dem Inhalt an

eigenen Gedanken beruht die weltgeschichtliche Bedeutung der arabischen

Literatur[676].

Die Begierde, Bücher zu sammeln, war in den Ländern, in denen die

arabische Kultur aufblühte, allgemein. So gab es in Bagdad angeblich

über hundert Buchhandlungen, und viele Privatleute besaßen größere

Bibliotheken. Es entstanden sogar gelehrte Gesellschaften, wie sie uns

im Abendlande erst mit dem Wiederaufleben der Wissenschaften zu Beginn

der neueren Zeit begegnen. Auch der Mittelstand war in den Städten

bemüht, sich die Elemente der Bildung anzueignen, für deren Ausbreitung

Schulen sorgten. Während in Rom zur Kaiserzeit etwa 30 öffentliche

Bibliotheken vorhanden waren, bestanden in Bagdad deren weit mehr.

Die Lehrer, die an den mohammedanischen Schulen wirkten, wurden vom

Staate besoldet. Legten sie ihrem Vortrage auch meist Bücher zugrunde,

so gestaltete sich der Unterricht, der meist das theologische und das

juristische Gebiet betraf, doch zu einem belehrenden Gespräch mit den

Schülern. Er befand sich also auf einer hohen Stufe. Als weiteres

Ausbildungsmittel waren ausgedehnte Studienreisen üblich. Solche Reisen

gaben wieder den Anlaß zur Entstehung vortrefflicher geographischer

Werke. Mit offenem Blicke schildern ihre Verfasser nicht nur die

topographischen, sondern auch die klimatologischen Verhältnisse der

besuchten Länder, sowie ihre Erzeugnisse. Ja, wir besitzen arabische

Berichte, die uns sogar über den Zustand von Mainz, Fulda und anderen

deutschen Städten des frühen Mittelalters wertvolle Aufschlüsse geben.

Auch das Interesse für mechanische Dinge war bei den Arabern nicht

gering. So übersandte, wie *Einhard* berichtet, *Harun al Raschid*

*Karl dem Großen* unter den zur Krönungsfeier bestimmten Geschenken

eine Wasseruhr, die ein Zeigerwerk besaß und die Stunden dadurch

ankündete, daß eine Metallkugel in ein aus Erz gefertigtes Becken

fiel[677].

Tatsache ist, daß die Präzisionsmechanik bei den Arabern einen hohen

Grad der Ausbildung erreicht hatte und daß sie bei der Herstellung von

verschiedenen Arten der Wasseruhren »ein fabelhaftes Talent an den Tag

legten«[678].

Nicht minder groß war die Vorliebe, welche der Sohn und Nachfolger

*Haruns*, der Kalif *Al Mamûn*, für die Wissenschaft bekundete. Er

errichtete in Bagdad eine Sternwarte und gründete in zahlreichen

Städten seines Reiches Schulen und Bibliotheken. Hatte schon *Harun*

eigene Übersetzer angestellt, so gründete sein Nachfolger zu diesem

Zwecke ein förmliches Institut, zu dem eine große Anzahl, der

verschiedenen Sprachen kundiger, Gelehrten vereinigt wurden. In

Syrien, Armenien und Ägypten wurden durch besondere Abgesandte Bücher

aufgekauft. Vor allem übertrug man sämtliche Werke des *Aristoteles*

und des *Galen*. Auch *Euklid*, *Ptolemäos* und *Hippokrates* lernte

man kennen. Selbst aus dem Persischen und dem Indischen wurde eifrig

übersetzt. Nach einem erfolgreichen Kriege gegen den byzantinischen

Kaiser legte *Al-Mamûn* letzterem die Bedingung auf, ihm von

sämtlichen, in den Bibliotheken des griechischen Reiches befindlichen

Werken je ein Exemplar zu überlassen, damit diese Werke ins Arabische

übertragen würden. Darunter befand sich auch das oben erwähnte

astronomische Hauptwerk des *Ptolemäos*, das in der Folge Almagest

genannt wurde.

Mathematische Geographie und Astronomie bei den Arabern.

Die Araber haben oft bewiesen, daß sie sich den Alten gegenüber nicht

bloß rezeptiv verhalten wollten. So wurde z. B. die Messung eines

Breitengrades zur Bestimmung des Erdumfanges unter *Al Mamûn* wieder

vorgenommen und zwar, ohne daß man sich an das von den Griechen

geschaffene Verfahren klammerte[679]. Ein wesentlicher Fortschritt dem

*Eratosthenes* gegenüber lag bei diesem Unternehmen nämlich darin, daß

die zugrunde gelegte Strecke nicht in Tagereisen ausgedrückt, sondern

in der Richtung des Meridians mit Hilfe der Meßschnur ausgemessen

wurde. Man fand die Länge des Grades gleich 56 und bei einer zweiten

Messung gleich 56-2/3 arabischen Meilen[680] oder gleich etwa 113040 m,

woraus sich der Erdumfang zu 40700 km berechnet.

[Illustration: Abb. 50. Albirunis Bestimmung des Erdumfanges.]

*Albiruni* (um 1000) berichtet über das eingeschlagene Verfahren mit

folgenden Worten[681]: »Man wähle einen Ort in einer ebenen Wüste und

bestimme dessen Breite. Dann ziehe man die Mittagslinie und schreite

längs derselben nach dem Polarstern. Miß den Weg in Ellen. Dann miß

die Breite des zweiten Ortes. Ziehe die Breite des ersten davon ab

und dividiere die Differenz durch den Abstand der Orte in Parasangen.

Das Resultat, multipliziert mit 360, ergibt den Umfang der Erde in

Parasangen.«

Von Interesse ist ein zweites Verfahren, das *Albiruni* zur Ermittlung

des Erdumfanges anwandte. Es besteht darin, daß man einen hohen Berg

besteigt, der sich in der Nähe des Meeres befindet, und von hier

aus durch Beobachtung des Sonnenunterganges den Winkel α, d. h. die

Depression (Abb. 50) bestimmt. *Albiruni* zeigt dann weiter, wie man

aus diesem Winkel und der Höhe des Berges den Radius der Erde durch

trigonometrische Rechnung ermittelt. Eine solche Bestimmung hat er

wirklich ausgeführt. Er hat in Indien einen Berg, der 652 Ellen über

das Meer emporragt, bestiegen und den Winkel gemessen, den die nach

dem Horizont gerichtete Sehlinie mit der Horizontalen auf dem Gipfel

bildet. Dieser Winkel wurde mit Hilfe des Astrolabs gefunden und belief

sich auf 34'. Aus diesem Werte und der Höhe des Berges wurde der Radius

und die Länge eines Grades berechnet. Die Berechnung ergab für den

Umfang der Erde etwa 5600 Meilen[682], das sind 41550 km.

Auf Befehl des *Al Mamûn*, der die erwähnte Gradmessung in der Nähe des

Roten Meeres anstellen ließ, wurde auch die Schiefe der Ekliptik mit

großer Genauigkeit ermittelt. Der gefundene Wert belief sich auf 23°

35'. Heute beträgt er 23° 27'. Die Änderung beläuft sich also in einem

Jahrhundert auf etwa 48''.

Die Astronomie fand bei den Arabern eine zusammenfassende Bearbeitung

durch den unter *Al Mamûn* lebenden *Alfragani* oder *Alfergani*. Dem

Werk, das *Melanchthon* 1537 unter dem Titel »Alfragani rudimenta

astronomiae« aus dem Nachlaß *Regiomontans* herausgab, lag zwar der

Almagest zugrunde, es zeigt aber, daß sein Verfasser ein fleißiger

Astronom war, der die Methoden seiner Vorgänger zu verbessern

suchte. Auch beschrieb *Alfragani* die zu seiner Zeit gebrauchten

astronomischen Instrumente. Er stellte seine Beobachtungen auf der von

*Al Mamûn* errichteten Sternwarte an und wurde dabei häufig von dem

Kalifen unterstützt.

*Alfragani* wurde weit übertroffen durch den etwa ein Jahrhundert

später lebenden *Al Battani* (Albategnius haben ihn seine Übersetzer

genannt). *Al Battani* war prinzlichen Geblütes und hat sich

nicht nur um die Astronomie, sondern auch um die Einführung der

trigonometrischen Funktionen große Verdienste erworben. Seine

Beobachtungen, die er etwa von 880-910 anstellte, wurden von den

Arabern als die genauesten gepriesen. *Albattani* hat viele Angaben

des *Ptolemäos* nachgeprüft und verbessert. Das von ihm verfaßte Werk

»Über die Bewegung der Sterne« erschien in lateinischer Übersetzung

und mit Zusätzen *Regiomontans* im Jahre 1537. Aus diesem Werke

ist die Bezeichnung Sinus, für das Verhältnis der halben Sehne zum

Radius, in die mathematische Literatur aller Völker übergegangen.

Die mit der Anwendung der ganzen Sehnen verknüpfte rechnerische

Unbequemlichkeit, welche der Almagest aufwies, kam damit in Fortfall.

Die trigonometrischen Sätze nehmen ferner bei *Albattani* mehr den

Charakter für die Rechnung bestimmter Formeln an. Aus sin α/cos α =

D wird sin α = D/√(1 + D^2) berechnet und α dann in den Sinustafeln

aufgefunden. Auch der Bruch cos α/sin α wird einer Rechnung zugrunde

gelegt. Bedeutet nämlich α die Höhe der Sonne über dem Horizont und ist

h die Höhe eines Schattenmessers, l die Länge des Schattens, dann ist

[Illustration: Abb. 51. Trigonometrische Berechnungen.]

*Albattani* berechnete danach die Länge von l bei einer bestimmten Höhe

von h (= 12) für α = 1°, 2°, 3° usw. Er erhielt auf diese Weise eine

kleine Tabelle für die Kotangenten der ganzen Winkel.

Die Trigonometrie erscheint als eines der Gebiete, das die Araber

nicht nur wegen ihrer Beziehung zur Astronomie, sondern auch seiner

selbst wegen mit Vorliebe angebaut haben. Auf die Tangensfunktion

mußte schon *Albattani* kommen, als er den Stab h horizontal in der

Wand AB befestigte und das Verhältnis der Schattenlänge l zu der Länge

des Stabes h zur Bestimmung des Winkels α benutzte. Daß sich die

Tangensfunktion zur Berechnung von Dreiecken vorzüglich eignet, wurde

bald nach *Albattani* erkannt[683].

[Illustration: Abb. 52. Einführung der Tangensfunktion.]

Ihren Höhepunkt erreichte die Trigonometrie der Araber um 1250 in

dem Werke »Über die Figur der Schneidenden«. Es wird darin das

rechtwinklige und, ausgehend vom Sinussatz, das schiefwinklige Dreieck

behandelt. Auch die Trigonometrie des schiefwinkligen sphärischen

Dreiecks wird in dem genannten Werke in den Grundzügen entwickelt. Der

weitere Ausbau der Trigonometrie, vor allem die Formulierung des so

wichtigen Cosinussatzes, erfolgte erst einige hundert Jahre später, als

im Abendlande die Wissenschaften wieder auflebten, durch *Regiomontan*.

Wir haben an früherer Stelle den hohen Grad von Kunstfertigkeit

erwähnt, den die alexandrinischen Mechaniker bei der Herstellung

astronomischer Meßinstrumente, insbesondere der Astrolabien, bewiesen.

In dieser Kunst war die praktische Astronomie der Araber derjenigen der

Griechen mindestens ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen[684]. Neben

den ringförmigen Astrolabien benutzten die Araber als Meßwerkzeuge

auch Quadranten und Halbkreise, ferner parallaktische Lineale und

Instrumente, welche die trigonometrischen Funktionen, wie den Sinus

und den Sinus versus, anzeigten[685]. Die Einführung dieser Funktionen

in die Astronomie ist an den Namen *Al Battanis* (Albategnius)

geknüpft, der in den Jahren 882-910 seine Beobachtungen anstellte und

Tabellen entwarf[686]. Auf Grund der astronomischen Beobachtungen der

arabischen Sternwarten in Damaskus und Bagdad wurde eine Revision der

ptolemäischen Tafeln vorgenommen[687].

Die Blüte der arabischen Wissenschaft war keine kurze, wie man hin und

wieder behauptet hat, denn ein Jahrhundert später begegnen wir wieder

einem hervorragenden Astronomen *Ibn Junis* (gestorben 1008), der in

Kairo auf Befehl des Kalifen *Al Hâkim* wertvolle astronomische Tafeln

über die Bewegung der Sonne, des Mondes und der Planeten anfertigte.

Auch dort stand den Astronomen eine mit großer Freigebigkeit

eingerichtete Sternwarte zu Gebote. Auf Grund der Sternverzeichnisse

verstand man es, vortreffliche Himmelsgloben aus Silber oder Kupfer

anzufertigen, von denen einige erhalten geblieben sind. Eine

weitgehende Genauigkeit der Winkelmessung suchte man dadurch zu

erreichen, daß man den mit der Gradeinteilung versehenen Instrumenten

gewaltige Dimensionen gab. So soll ein in Bagdad aufgestellter Sextant,

mit dem man im Jahre 992 die Schiefe der Ekliptik maß, einen Radius

von 58 Fuß gehabt und einzelne Sekunden angezeigt haben. Auch das

Verfahren, zum Messen der Kulmination bestimmte Instrumente fest im

Meridian aufzustellen, indem man Mauerquadranten errichtete, treffen

wir bei den Arabern. Sogar ein Instrument mit einem Horizontalkreis,

über dem zwei Quadranten drehbar angebracht waren, findet man bei ihnen

in Gebrauch. Dieses Instrument, dem später *Tychos* Azimutalquadrant im

wesentlichen entsprach, ermöglichte es, von zwei Gestirnen gleichzeitig

Azimut und Höhe zu bestimmen. Jene »drehenden Quadranten« der Araber

und *Tychos* Instrument sind grundlegend für die Konstruktion des

heutigen Theodoliten gewesen.

Die Astronomie, die immer mehr in Astrologie ausartete, die Mathematik

und die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik, ferner auch die

Chemie in ihrem ersten, von mystischen Vorstellungen durchwebten

Gewande, waren die Gebiete, denen sich die Araber mit Vorliebe

zuwandten. Auf diesen haben sie, zumal was die, wenn auch nicht

ihrem Ursprunge, so doch ihrer ersten Entwicklung nach vorwiegend

arabische Wissenschaft der Chemie betrifft, anerkennenswerte Leistungen

aufzuweisen.

Eine Anregung zur Beschäftigung mit der Mathematik empfingen die Araber

nicht nur durch die griechischen Schriften, die von einem vorzugsweise

für die Geometrie veranlagten Volke herrührten, sondern in nicht

geringerem Maße von den Indern, die sich durch ihre rechnerische

Begabung auszeichneten. Von den letzteren erhielten sie, soweit die

vorliegenden, noch mangelhaften Angaben zu schließen gestatten,

vermutlich auch das auf dem Stellenwert beruhende Ziffernsystem, das

wir noch heute als das arabische bezeichnen, weil die Araber es den

abendländischen Völkern übermittelt haben. Auch die Algebra, soweit

sie indischen Ursprungs ist, erfuhr durch die Araber eine wesentliche

Fortbildung.

Von den griechischen Mathematikern ist *Euklid* für die Entwicklung

der Mathematik bei den Arabern von großem Einfluß gewesen. Zur

Weiterentwicklung der Arithmetik wurden sie besonders durch die

Übernahme des indischen Ziffernsystems angeregt. Die indischen

Zahlzeichen verbreiteten sich übrigens schon sehr früh von Alexandrien

aus nach Rom[688].

Bevor wir auf die Weiterentwicklung der Mathematik durch die Araber

näher eingehen, sei noch erwähnt, daß gegen den Ausgang des

Mittelalters das westliche Europa, wahrscheinlich gleichfalls durch

Vermittlung dieses Volkes, in den Besitz der in Ostasien erfundenen

Bussole und sehr wahrscheinlich auch des Schießpulvers gelangt ist.

Eine Nachricht über die Bussole begegnet uns in einer chinesischen

Schrift aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Dort wird der Magnet als ein

Stein bezeichnet, mit dem man der Nadel Richtung gebe[689]. Ferner ist

nachgewiesen, daß die Chinesen schon im 12. Jahrhundert n. Chr. mit der

Erscheinung der magnetischen Deklination bekannt waren. Die betreffende

Stelle der chinesischen Literatur lautet[690]: »Wenn man die Spitze

einer Nadel mit dem Magnetstein bestreicht, so zeigt sie nach Süden,

jedoch nicht genau, sondern etwas nach Osten. Die Abweichung beträgt

etwa 1/24 des Kreisumfanges (also etwa 15°).«

Daß die Bussole durch den Schiffer *Flavio Gioja* aus Amalfi erfunden

oder in Europa bekannt geworden sei, hat sich als eine der vielen, in

der Geschichte der Wissenschaften vorkommenden Legenden erwiesen. Es

unterliegt keinem Zweifel, daß man mit dem Gebrauche der Magnetnadel

in Europa lange vor dem im 14. Jahrhundert lebenden *Gioja* bekannt

war. So erwähnt ein provenzalisches, im 12. Jahrhundert entstandenes

Buch[691], daß der Schiffer, wenn er weder Mond noch Sterne sehen

könne, sich nach der Magnetnadel richte. Auch in einer um 1180

entstandenen Schrift[692] heißt es, die Eisennadel erlange durch die

Berührung mit dem Magneten die Fähigkeit, nach Norden zu zeigen,

was für den Schiffer wichtig sei. *Gioja* gebührt vielleicht das

Verdienst, daß er die Nadel mit der Windrose verbunden und damit für

den Gebrauch geeigneter gemacht hat[693]. Ob die Bussole in Europa

selbständig erfunden ist oder durch die Vermittlung der Araber von

Ostasien nach dort gelangte, ließ sich bisher nicht mit Sicherheit

nachweisen. Letztere Annahme ist aber bei dem regen Handelsverkehr,

den die Länder des Islams mit Indien und China unterhielten, die

wahrscheinlichere[694].

Interessant ist auch, wie sich die Anbringung der Magnetnadel

allmählich immer praktischer gestaltete. Zuerst ließ man die Nadel

schwimmen. So heißt es an einer Stelle[695] in dem 1232 verfaßten

»Buche des Schatzes der Kaufleute in Kenntnis der Steine«: »Wenn die

Nacht so dunkel ist, daß die Kapitäne keinen Stern wahrnehmen können,

um sich zu orientieren, so füllen sie ein Gefäß mit Wasser und stellen

dieses im Innern des Schiffes, gegen den Wind geschützt, auf; dann

nehmen sie eine Nadel und stecken sie in einen Strohhalm, derart, daß

beide ein Kreuz bilden. Dieses werfen sie auf das in dem erwähnten

Gefäß befindliche Wasser und lassen es auf dessen Oberfläche schwimmen.

Hierauf nehmen sie einen Magneten, nähern ihn der Wasseroberfläche

und geben ihrer Hand eine Drehung. Dabei dreht sich die Nadel auf

der Wasseroberfläche; dann ziehen sie ihre Hände plötzlich und rasch

zurück, worauf die Nadel nach zwei Punkten, nämlich Nord und Süd,

zeigt.«

Die nächste Verbesserung bestand darin, daß man den Magneten auf einer

Nadel schweben ließ. Die Verbindung des Magneten mit der Windrose, die

man auf solche Weise beweglich machte, erfolgte wahrscheinlich im 14.

Jahrhundert. Seine Vollendung erhielt der Kompaß, als ihn *Cardanus*

(im 16. Jahrhundert) mit der nach ihm benannten Aufhängung versah[696].

Wie mit der Bussole verhält es sich wahrscheinlich auch mit dem

Schießpulver, das in China weit früher als in Europa bekannt war. Die

älteste Nachricht, welche die europäische Literatur über das Pulver

aufweist, enthält wohl das Manuskript des *Marcus Graecus*[697]. Es

gibt an, man solle Schwefel, Kolophonium oder Kohle und Salpeter

zusammenreiben und mit dieser Mischung lange Röhren füllen. Zünde man

die Mischung dann an, so flögen die Röhren in die Luft oder sie würden

mit donnerähnlichem Knall zerplatzen.

Nach *M. Graecus* wurden 1 Teil Kolophonium, 1 Teil Schwefel, 6 Teile

Salpeter gepulvert, mit Öl gebunden und dann in ein Rohr gefüllt. Nach

einer anderen dort mitgeteilten Vorschrift wurden 1 Teil Schwefel,

2 Teile Linden- oder Weidenkohle und 6 Teile Salpeter gepulvert

und zur Füllung einer Art Rakete benutzt, um »fliegendes Feuer«

herzustellen[698]. Derartige Raketen wurden auch gegen feindliche

Schiffe geschleudert, um sie in Brand zu stecken[699].

Die Rechenkunst der Araber.

Zur Beschäftigung mit der Mathematik gelangten die Araber dadurch,

daß ihnen die Schriften der Griechen und der Inder bekannt wurden.

*Ptolemäos* und *Euklid*, *Apollonios*, *Heron* und *Diophant* wurden

in zahlreichen arabischen Übersetzungen verbreitet[700]. Welche Rolle

hierbei christlich-griechische Schulen spielten, die unter dem Einfluß

der Sekte der Nestorianer in Syrien entstanden waren, haben wir schon

erwähnt. Im 8. Jahrhundert gelangte ein Auszug aus dem Werke des Inders

*Brahmagupta* nach Bagdad. Dieser Auszug wurde um 820 durch *Mohammed

ibn Musa Alchwarizmi* einer Umarbeitung unterzogen.

*Ibn Musa* (*ben Musa*), der bekannteste arabische Mathematiker,

lebte unter *Al Mamûn*. Er war nicht nur an der Herausgabe indischer

Werke, sondern auch an einer Neubearbeitung der ptolemäischen Tafeln,

sowie an der erwähnten arabischen Gradmessung beteiligt[701]. Ferner

schrieb *Ibn Musa* über die Rechenkunst und die Algebra. Ein Übersetzer

des Buches über die Rechenkunst hat aus *Alchwarizmi* den Namen

*Algorithmus* gemacht, der noch jetzt für jedes zur Regel gewordene

Rechnungsverfahren benutzt wird.

Den Ziffern wird von *Ibn Musa* nach indischem Vorbild ein Stellenwert

beigelegt. Übersteigt beim Addieren die Summe der Ziffern 9, so sollen

die Zehner der folgenden Stelle zugerechnet und an der ursprünglichen

Stelle nur das geschrieben werden, was unter 10 übrig ist. »Bleibt

nichts übrig«, fährt *Ibn Musa* fort, »so setze den Kreis (die Null),

damit die Stelle nicht leer sei. Der Kreis muß sie einnehmen, damit

nicht durch das Leersein die Zahl der Stellen vermindert und die zweite

für die erste gehalten wird«[702].

*Ibn Musas* Werk über die »Algebra« ist das erste, das diese

Bezeichnung trägt. Das Wort Algebra bedeutet soviel wie Ergänzung und

bezieht sich auf die Auflösung der Gleichungen. Das Verfahren der

Ergänzung (Algebr) besteht darin, daß man, um die negativen Glieder aus

einer Gleichung zu entfernen, auf beiden Seiten die gleichen, positiven

Werte hinzufügt.

Das Buch war weniger für den wissenschaftlichen als für den praktischen

Gebrauch bestimmt. Dies geht auch aus folgenden Worten hervor, mit

denen *Ibn Musa* sein Buch einleitet: »Die Liebe zu den Wissenschaften,

durch die Gott den *Al Mamûn*, den Beherrscher der Gläubigen,

ausgezeichnet hat, und seine Freundlichkeit gegen die Gelehrten haben

mich ermuntert, ein kurzes Werk über Rechnungen durch Ergänzung und

Reduktion zu schreiben. Hierbei beschränke ich mich auf das Leichteste

und das, was die Menschen am meisten bei Teilungen, Erbschaften,

Handelsgeschäften, Ausmessung von Ländereien usw. gebrauchen.«

*Ibn Musa* unterscheidet sechs Arten von Gleichungen, die in heutiger

Schreibweise folgendermaßen lauten würden:

bx = c

ax^2 = c

x^2 + bx = c

x^2 = bx + c

x^2 + c = bx

ax^2 = bx

Für die Gleichung x^2 + c = bx gibt er die Lösung:

x = b/2 ± √((b/2)^2 - c).

Er erwähnt, daß die Aufgabe für den Fall, daß c > (b/2)^2 unmöglich

sei. Auch die Regel de tri, und zwar nach indischen Mustern, ist in

dem Werke behandelt, das nicht nur für die arabische, sondern auch für

die Entwicklung der abendländischen Mathematik von großer Wichtigkeit

gewesen ist.

Die Ausbreitung der arabischen Wissenschaft.

Nach der Eroberung Spaniens errichteten die Araber das Kalifat zu

Cordova, das für den westlichen Teil ihres Reiches eine ähnliche

Bedeutung erhielt, wie sie Bagdad für den Osten besaß. Handel und

Gewerbe gelangten zu hoher Blüte. Prächtige Bauten entstanden. Neue

Pflanzen, vor allem die Dattelpalme, wurden verbreitet. In Spanien

war es, wo die Berührung der abendländischen Christenheit mit der

Wissenschaft des Islams vorzugsweise stattfand. Von hier erfolgte die

Wiederbelebung der gelehrten Studien in den christlichen Ländern, die

im 9. und 10. Jahrhundert die griechischen Schriftsteller in arabischer

Übersetzung und kommentiert von arabischen Gelehrten, wie *Avicenna*

und *Averroes*, kennen lernten.

*Avicenna* (*Ibn Sina* lautet sein arabischer Name) lebte von 980-1037

in Persien. Als Philosoph schließt er sich an *Alfarabi* an, welcher

die platonische und die aristotelische Philosophie zu übermitteln

gesucht und der Astrologie diejenige Form gegeben hat, die sie durch

das ganze Mittelalter behielt[703]. *Avicenna* befaßte sich besonders

mit der Medizin. Was seine Zeit auf diesen Gebieten an Kenntnissen

besaß, vereinigte er in einem großen Werk, dem Kanon[704].

Die Bedeutung des *Averroes* (*Ibn Roschd*, 1120-1198) besteht vor

allem darin, daß er die Werke des *Aristoteles* dem arabischen und

christlichen Mittelalter zugänglich machte. Seine Verehrung für diesen

Philosophen war so groß, daß er behauptete, die Welt sei erst durch

die Geburt des *Aristoteles* vollständig geworden. Trotzdem kann man

*Averroes* eine gewisse Selbstständigkeit bei seinem Philosophieren

nicht absprechen[705]. Seine ganze Naturauffassung trägt einen, man

könnte fast sagen, modernen Grundzug. Gott und die Materie sind

danach ewig. Eine Schöpfung aus dem Nichts, die beliebte Vorstellung

orientalisch-christlicher Mystik, ist undenkbar. Das Geistige ist

dasjenige, was die Materie bewegt und ihre Form bestimmt. Auch die

menschliche Seele ist nichts anderes als die formbestimmende Kraft

unseres Seins. Daß die Kirche solche Lehren als ketzerisch verwarf,

läßt sich wohl denken. Es ist sogar wahrscheinlich, daß man die

Naturanschauung des *Averroes*, weil sie mit den physikalischen Lehren

des *Aristoteles* verknüpft wurde, durch das zeitweilige Verbot der

physikalischen Schriften dieses Philosophen zu bekämpfen suchte.

Für die hohe Blüte der Wissenschaft unter der westarabischen Herrschaft

spricht auch, daß in Cordova um das Jahr 900 eine hohe Schule mit einer

Bibliothek von mehreren hunderttausend Bänden entstand. Ähnliches wurde

in anderen, unter der maurischen Herrschaft durch Handel und Wohlstand

emporblühenden Plätzen, wie Granada, Toledo und Salamanca, geschaffen.

Aus allen Teilen des übrigen Westeuropas zogen Wißbegierige an diese

Stätten, denen man daheim nichts an die Seite zu stellen hatte. Nachdem

die Araber in Süditalien Fuß gefaßt hatten, wußte der hochsinnige

Staufenkaiser *Friedrich II.* auch dort arabische Weisheit wohl zu

schätzen. Auf seine Anregung wurde der Almagest nach einer arabischen

Handschrift ins Lateinische übersetzt. Den Naturwissenschaften wandte

dieser Kaiser, gleichfalls auf arabischen Quellen, jedoch auch auf

eigenen Beobachtungen fußend, ein großes Interesse zu. So entstand

sein Werk über die Jagd mit Vögeln, in dem er an manchen Stellen den

zoologischen Betrachtungen eine anatomische Begründung zu geben

wußte[706]. Das Buch enthält eine gute Beschreibung des Vogelskeletts,

sowie eine Anatomie der Eingeweide. Es handelt von den mechanischen

Bedingungen des Fliegens, den Wanderungen der Vögel usw. Die Anleitung

zur anatomischen Untersuchung des Vogels verdankte der Kaiser wohl den

Gelehrten der medizinischen Schule zu Salerno.

*Friedrich II.* soll auch als erster Herrscher die Zerlegung

menschlicher Leichen gestattet haben, weil er von der Überzeugung

durchdrungen war, daß nur dadurch eine Förderung der Heilkunde zu

erwarten sei.

Optik und Mechanik bei den Arabern.

Wie schon erwähnt, wurde neben der Mathematik und der Astronomie

besonders die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik von den

Arabern gepflegt. Das auf diesem Gebiete teils gesammelte, teils

erworbene Wissen ist uns am vollständigsten in dem Werke des im

11. Jahrhundert in Spanien lebenden Physikers *Alhazen* (*Ibn al

Haitam*) übermittelt worden[707]. Dieses Werk stand in hohem Ansehen

und verdient es, daß wir uns mit seinem Inhalt etwas eingehender

beschäftigen, um uns einen Begriff von den damaligen Kenntnissen zu

verschaffen. Zunächst handelt *Alhazen* von dem Organ des Sehens. Zwar

hatten sich schon die Alexandriner mit dem Bau des Auges befaßt. Die

Beschreibung, die uns *Alhazen* liefert, ist jedoch die erste, die

den Namen einer anatomischen verdient. Die noch heute gebräuchlichen

Bezeichnungen für die Hauptteile des Auges, wie Humor vitreus

(Glaskörper), Cornea (Hornhaut), Retina (Netzhaut) usw. gehen auf

*Alhazens* Optik zurück.

Das Verhältnis von Linse und Netzhaut in seiner Bedeutung für das

Zustandekommen des Bildes zu erkennen, blieb allerdings späteren

Untersuchungen vorbehalten. Wie aus der beistehenden, der Ausgabe

*Risners* entnommenen Abbildung ersichtlich ist, verlegte *Alhazen*

die Linse in die Mitte des Auges. Dorthin sollten alle, die vordere

Wölbung des Auges senkrecht treffenden Strahlen gelangen. Nur diese

Strahlen vermitteln nach seiner Annahme das deutliche Sehen und werden

von der Linse empfunden[708]. Die Gesamtheit dieser Strahlen bildet die

Sehpyramide. Ihre Spitze liegt also im Mittelpunkte des Auges, während

ihre Grundfläche die Oberfläche des gesehenen Gegenstandes ist.

[Illustration: Abb. 53. Alhazens Darstellung des Auges.]

Im 2. Buche werden die 22 Eigenschaften untersucht, welche das Auge an

den Körpern unterscheide, nämlich Licht, Farbe, Entfernung, Gestalt,

Größe, Zahl, Bewegung, Ruhe, Durchsichtigkeit usw.

Das Licht braucht nach *Alhazens* Annahme zu seiner Fortpflanzung Zeit.

Auch den optischen Täuschungen widmet er eine Betrachtung[709].

In der Behandlung der Reflexion und der Brechung, denen das Werk der

Hauptsache nach gewidmet ist, zeigt sich ein Fortschritt den Griechen

gegenüber[710]. Nicht nur ebene, sondern auch sphärische, zylindrische

und konische Konkav- und Konvexspiegel werden zur Erzeugung von

Bildern herangezogen und Lage und Größe der letzteren bestimmt. Für

sämtliche untersuchten Spiegel fand *Alhazen* das Reflexionsgesetz

bestätigt. Er kennt die Lage des Brennpunktes, den *Euklid* noch in den

Krümmungsmittelpunkt verlegt hatte. Auch mit der Tatsache, daß nicht

alle Strahlen in einem und demselben Punkte vereinigt werden, zeigt

sich *Alhazen* vertraut. Seine Messungen an der Brennkugel führten zu

dem Ergebnis, daß bei jeder glatten, durchsichtigen Kugel aus Glas

oder einer ähnlichen Masse die Strahlen in einer Entfernung von der

Kugel vereinigt werden, die etwa ein Viertel des Durchmessers beträgt.

Selbst die Eigenschaft des Rotationsparaboloids, die vom Brennpunkte

ausgehenden Strahlen parallel zu reflektieren, wird erörtert. In

*Alhazens* Optik[711] wird ferner auf die Erscheinung hingewiesen,

daß ein aus durchsichtigem Material verfertigtes Kugelsegment die

Gegenstände größer erscheinen läßt.

[Illustration: Abb. 54. Alhazen untersucht die Brechung.]

Hatte *Ptolemäos* gefunden, daß jedem Einfallswinkel ein bestimmter

Brechungswinkel entspricht, so fügte *Alhazen* die Erkenntnis hinzu,

daß der einfallende und der gebrochene Strahl mit dem Einfallslot in

einer Ebene liegen. Die ältere Annahme, daß das Verhältnis zwischen dem

Einfalls- und dem Brechungswinkel ein konstantes sei, erkennt *Alhazen*

nur für kleine Werte als richtig an. Bei seinen Untersuchungen über

die Brechung des Lichtes bediente er sich eines Apparates, der dem

von *Ptolemäos* (siehe S. 265) benutzten entspricht. Er nahm eine

kreisförmige Scheibe aus Kupfer, die einen Rand mit Gradeinteilung

besaß (siehe Abb. 54). In dem Rande befand sich eine Öffnung c. Eine

zweite Öffnung (d) war in einer nahe der Mitte der Scheibe gelegenen

Platte angebracht. Dieser Apparat wurde bis zum Mittelpunkt in die

Flüssigkeit getaucht. Fiel dann ein Lichtstrahl durch die beiden

Öffnungen c und d, so traf er die Flüssigkeit im Mittelpunkt der

Scheibe, auf deren Rand der Einfallswinkel und der Brechungswinkel

abgelesen werden konnten.

Aus der Spiegelung und der Brechung erklärt *Alhazen* einige wichtige

astronomische Erscheinungen. So wird die Dämmerung auf die Reflexion

des Lichtes zurückgeführt. Die Tatsache, daß die Dämmerung nur so

lange dauert, bis die Sonne sich 19° unter dem Horizont befindet,

gibt *Alhazen* ein Mittel an die Hand, die Höhe unserer Atmosphäre zu

bestimmen[712]. Es sei M, so führt er aus, die äußerste Luftschicht,

welche den Strahl SM noch zu reflektieren vermag, und A der Ort des

Beobachters. Der Winkel *HMS*, den der Sonnenstrahl *SM* mit dem

Horizont bildet, beträgt dann 19°. Nach dem Reflexionsgesetz ist nun

*∡BMC* = *∡AMC*. Da ferner die Summe der drei Winkel bei M = 180° ist,

so ergibt sich für den Winkel *AMC* der Wert (180° - 19°)/2 = 80° 30'.

Da die Seite *AC* = r bekannt ist, so ist das rechtwinklige Dreieck ACM

bestimmt. Die gesuchte Höhe ergibt sich, wenn man aus den gegebenen

Stücken die Hypotenuse *MC* berechnet (*MC* = r : sin 80° 30') und

davon r abzieht. *MD* = h ist also = (r : sin 80° 30') - r. Diese Größe

beträgt nach der Berechnung *Alhazens* 52000 Schritt (5-6 Meilen),

während wir dafür 10 Meilen annehmen[713].

[Illustration: Abb. 55. Alhazen bestimmt die Höhe der Atmosphäre.]

Gegen diese Berechnung läßt sich ein Einwand erheben, den *Alhazen*

selbst schon hätte machen können. Er wußte nämlich, daß ein

Lichtstrahl, der schräg in die Atmosphäre einfällt, keine gerade Linie

beschreibt, sondern, da er auf immer dichtere, das Licht in wachsendem

Maße brechende Schichten trifft, einen krummen Weg nimmt. Diese, mit

dem Namen der astronomischen Refraktion bezeichnete Erscheinung war

schon dem *Ptolemäos* bekannt. Man führte sie im Altertum jedoch nicht

auf die zunehmende Dichte der Atmosphäre, sondern auf die in ihr

enthaltenen Dünste zurück. Das Funkeln der Sterne rührt nach *Alhazen*

von raschen Änderungen in der Atmosphäre her, während die Erscheinung,

daß Mond und Sonne in der Nähe des Horizontes abgeplattet erscheinen,

aus der astronomischen Refraktion erklärt wird.

Außer der »Optik« gibt es auch eine kleinere Abhandlung *Alhazens*, in

der er von der Durchsichtigkeit und über die Natur des Lichtes handelt.

Sie beginnt mit folgenden Worten[714]: »Die Behandlung des >Was<

des Lichtes gehört zu den Naturwissenschaften. Aber die Behandlung

des >Wie<, der Strahlung des Lichtes, bedarf der mathematischen

Wissenschaften wegen der Linien, auf denen sich das Licht ausbreitet.

Ebenso verhält es sich mit den durchsichtigen Körpern, in die das Licht

eindringt. Die Behandlung des >Was< ihrer Durchsichtigkeit gehört zu

den Naturwissenschaften und die Behandlung des >Wie<, der Ausbreitung

des Lichtes in ihnen, zu den mathematischen Wissenschaften.« Von

Interesse sind auch die in dieser Schrift entwickelten Ansichten über

den Grad der Durchsichtigkeit, für die es nach *Alhazen* keine Grenzen

gibt.

Durch *Alhazen* wurde man besonders auf die vergrößernde Kraft

gläserner Kugelsegmente aufmerksam[715]. Es ist sehr wohl möglich,

daß sein Hinweis auf die Herstellung von Brillen geführt hat. Wenn

sich *Alhazen* auch auf die antiken Optiker stützt, so ragt er über

*Ptolemäos* als den letzten und bedeutendsten, den wir erwähnt haben,

doch hinaus. Während die frühere Geschichtsschreibung *Alhazen* nur

gering einschätzte[716], ist sein Verdienst und die Selbständigkeit,

die er in vielen Teilen seiner Schriften zeigt, durch die neuere

Forschung gewürdigt worden[717].

Neben der Optik wurde auch die Mechanik von den Arabern gepflegt. So

begegnen uns bei ihnen genauere Bestimmungen der spezifischen Gewichte.

Eine aus dem 12. Jahrhundert herrührende Tabelle[718] enthält folgende

Werte:

Gold 19,05 (statt 19,26 nach neuerer Bestimmung),

Quecksilber 13,56 ( » 13,59 » » » ),

Kupfer 8,66 ( » 8,85 » » » ),

Blei 11,32 ( » 11,35 » » » ),

Seewasser 1,041 ( » 1,027 » » » ),

Blut 1,033 ( » 1,045 » » » ).

Die Bestimmungen erfolgten vermittelst der Wage oder eines Gefäßes, das

die von einer gewogenen Menge des zu untersuchenden Körpers verdrängte

Menge Wassers zu finden gestattet. Für Flüssigkeiten bediente man sich

des Aräometers, das schon die späteren Alexandriner zu diesem Zwecke

benutzten[719].

Die Wägungen waren schon recht genau. Bei einem Gesamtgewicht von mehr

als zwei Kilogramm wurden noch 0,06 g angezeigt[720].

Diese Leistungen der Araber verdienen um so mehr Bewunderung, wenn man

bedenkt, daß zur selben Zeit das christliche Abendland meist noch von

scholastischen Zänkereien erfüllt war. So befindet sich z. B. in dem

Hauptwerk des *Thomas von Aquino*[721] unter mehreren hundert Kapiteln

nur ein einziges, das von den »natürlichen Wirkungen der Dinge«

handelt, während sich eine ganze Anzahl mit der Nahrung, der Verdauung

und dem Schlaf der Engel beschäftigen. Derselbe *Thomas von Aquino*,

den die Scholastiker als ihren großen Meister verehrten, erklärte das

Streben nach Erkenntnis der Dinge für Sünde, soweit es nicht auf die

Erkenntnis Gottes abziele[722].

Die Chemie im arabischen Zeitalter.

Große Verdienste haben sich die Araber auch um die Entwicklung

der Chemie erworben. Zwar wurde man schon lange vor ihnen durch

hüttenmännisches und gewerbliches Schaffen mit einer Reihe stofflicher

Veränderungen vertraut. Auch empfingen zweifelsohne die Araber die

erste Anregung zu ihrer Beschäftigung mit der Chemie in Syrien,

Mesopotamien und Ägypten, wo man zahlreiche Erfahrungen gesammelt

hatte. Bei den späteren Alexandrinern und den Arabern finden wir

indes die Beschäftigung mit den stofflichen Veränderungen losgelöst

von den alltäglichen Nützlichkeitszwecken und in den Dienst eines

Strebens gestellt, das einen Ansporn verlieh, wie es kein rein

wissenschaftliches Interesse in höherem Grade vermocht hätte.

Zahlreiche, aus dem Orient stammende, chemische Kenntnisse gelangten

durch die Araber nach Spanien. Von hier aus wurden sie dem christlichen

Abendlande übermittelt, wo sie einen besonders günstigen Boden fanden.

Seit dem 13. Jahrhundert stand infolgedessen die alchimistische Kunst

in Frankreich, in Deutschland und in England in Blüte. Eine nicht

geringe Zahl von Kenntnissen, die sich auf das Verhalten und die

Verarbeitung der Metalle beziehen, war zweifelsohne im Abendlande

selbst aus dem Altertum ins Mittelalter hinüber gerettet worden. Man

darf daher die Rolle, welche die Araber gespielt haben, auch nicht zu

hoch einschätzen. So existiert noch heute ein Manuskript aus der Zeit

*Karls des Großen*[723], das den Titel »Compositiones ad tingenda«

führt und Vorschriften über das Färben von Mosaiken und Häuten, über

das Vergolden, das Löten usw. enthält. Unter den Manuskripten des 10.

Jahrhunderts ist man ferner mit einem größeren Werke über Färberei

(Mappae clavicula) bekannt geworden, das nach *Berthelot* keine Spur

von arabischer Beeinflussung zeigt. Die Vorschriften, welche diese

abendländischen Schriften des Mittelalters enthalten, sind vielmehr

oft wörtlich den griechischen Alchemisten entnommen. Die Mappae

clavicula enthält nämlich Vorschriften, die mit solchen der kürzlich

bekannt gewordenen antiken chemischen Urkunden (des Leydener und des

Stockholmer Papyrus, s. S. 279) wörtlich übereinstimmen. Die frühere

Meinung, daß man es in der Alchemie ausschließlich mit einer Schöpfung

der Araber zu tun habe, hat sich somit als unhaltbar erwiesen. Trotzdem

ist das Verdienst der Araber auf dem Gebiete der Alchemie nicht gering

einzuschätzen. Sie haben diese Wissenschaft, wie sie ihnen aus dem

Altertum überkommen war, nicht nur erhalten und verbreitet, sie haben

sie auch fortgeführt und wesentlich bereichert.

Bereits im 8. und 9. Jahrhundert erlangte die arabische Literatur

über Alchemie einen bedeutenden Umfang. Etwas später haben die schon

erwähnten arabischen Gelehrten (s. S. 312) *Alfarabi* und *Avicenna*

neben vielem anderen auch über Alchemie geschrieben. *Avicenna*, den

spätere Alchemisten als einen ihrer Gewährsmänner ausgaben, erklärte,

Gold und Silber entständen unter dem Einfluß des Mondes und der Sonne

aus den Dünsten der Erde mit allen ihren besonderen Eigenschaften, die

kein Mensch künstlich nachzuahmen vermöge. Auch den astrologischen

Lehren gegenüber hat sich *Avicenna* skeptisch verhalten[724].

Über die chemischen Einzelkenntnisse der Araber erfahren wir manches

aus dem um 975 von *Abu Mansur* verfaßten »Buch der pharmakologischen

Grundsätze«[725]. *Abu Mansur* erwähnt z. B. die Anwendung des

Gipsverbandes bei Knochenbrüchen, ein Verfahren, das die neuere Medizin

erst im 19. Jahrhundert wieder aufnahm. Trinkbares Wasser, heißt es

an einer anderen Stelle des Buches, läßt sich durch Destillation von

Meerwasser in ähnlicher Weise bereiten, wie man Rosenwasser destilliert.

Hatte man die Schwefelverbindungen des Arsens (Realgar und

Auripigment) schon im Altertum unterschieden, so bringt uns das

Buch *Abu Mansurs* eine der ersten Nachrichten über den weißen

Arsenik. Die Arsenikverbindungen werden als flüchtig und giftig,

aber als heilkräftig bezeichnet. Das Gleiche wird beim Quecksilber

hervorgehoben, das in Form von Salbe gegen Ungeziefer empfohlen wird.

Die mineralischen Säuren finden dagegen bei *Abu Mansur* noch keine

Erwähnung. Es ist daher wohl anzunehmen, daß sie zu seiner Zeit noch

nicht dargestellt waren. Die Salpetersäure und das Königswasser

begegnen uns in der Literatur des Mittelalters zuerst im 13.

Jahrhundert[726]. Diese chemischen Agentien können auch nicht viel

früher bekannt geworden sein, weil der Salpeter dem Altertum unbekannt

war und erst um 1200 durch die Araber als »Salz von China« nach Europa

gelangte. In China selbst ist dieses Salz zu explosiven Mischungen

wahrscheinlich nicht schon vor Beginn unserer Zeitrechnung, sondern

erst viel später angewendet worden[727].

Durch die Araber wurde auch der Anbau des Zuckerrohrs von Indien nach

den westlichen Kulturländern verbreitet. Das Zuckerrohr hatte man

durch den Zug *Alexanders des Großen* kennen gelernt. Die Bereitung des

festen Zuckers wurde erst mehrere hundert Jahre n. Chr. erfunden[728].

Seit etwa 750 n. Chr. wurde das Zuckerrohr in Ägypten angebaut. Bald

nach der Entdeckung Amerikas wurde es nach St. Domingo verpflanzt.

So sehen wir, wie die Ausbreitung einer Pflanze, die uns eine der

wichtigsten organischen Verbindungen liefert, aufs engste mit dem Gange

der geschichtlichen Ereignisse verknüpft ist.

Technisch und wissenschaftlich von großer Wichtigkeit, aber auch von

unheilvollen Folgen war die früher den arabischen Chemikern und Ärzten

zugeschriebene Entdeckung, daß sich durch Destillation aus dem Wein

der berauschende Stoff dieses Getränkes absondern läßt. Später nannte

man ihn *Al-kohol* und nahm ihn zum größten Unsegen für die Menschheit

unter die Arzneimittel auf[729]. Insbesondere wurde der Alkohol als

Vorbeugungsmittel gegen die großen Seuchen (Pest, schwarzer Tod)

betrachtet, die im Mittelalter Europa heimsuchten.

Als der bedeutendste arabische Schriftsteller des alchemistischen

Zeitalters hat lange Zeit *Geber* gegolten, der während der ersten

Hälfte des 8. Jahrhunderts gelebt haben soll. Er wurde als der

Verfasser einer Anzahl Schriften genannt, die in lateinischer

Übersetzung auf uns gekommen seien[730]. Diese Schriften, insbesondere

das »Summa perfectionis magisterii« betitelte Hauptwerk, sind in der

Form, in der sie sich erhalten haben, im christlichen Europa etwa seit

dem 13. Jahrhundert bekannt. Nach den Untersuchungen[731] *Berthelots*

und *Steinschneiders* sind *Gebers* Person und seine Bedeutung in

geschichtlicher Hinsicht sehr in Dunkel gehüllt. Diejenigen arabischen

Originalschriften, als deren Verfasser er allenfalls angesehen werden

kann, enthalten nämlich wenig von dem Inhalt der später unter seinem

Namen gehenden lateinischen Übersetzungen. Eine Probe aus einer dieser

Schriften hat *Berthelot* mitgeteilt[732]. Danach handelt es sich

meist um marktschreierische Anpreisungen und unklare Darstellungen.

*Geber* empfiehlt in seinen Schriften, seine Mitteilungen geheim

zu halten. Er beruft sich oft auf seinen religiösen Standpunkt als

Muselmann, um dem etwaigen Verdacht, daß er übertreibe oder schwindele,

zu begegnen. Die Metalle vergleicht *Geber* mit lebenden Wesen, wie

es schon die alexandrinischen Alchemisten taten. Auch begegnet uns

bei ihm die Lehre, daß jedes Ding neben seinen äußeren, erkennbaren

noch geheime (okkulte) Eigenschaften habe. So sagt er »Das Blei ist

im Äußeren kalt und trocken und im Innern warm und feucht, während

das Gold warm und feucht ist im Äußern, dagegen kalt und trocken im

Innern«. Dem entspricht die Anschauung, die uns bei *Rhases* begegnet,

nach der das Kupfer in seinen verborgenen Eigenschaften Silber sei. Wem

es gelänge, die rote Farbe aus dem Kupfer auszuscheiden, der führe es

in das Silber, das es seiner verborgenen Natur nach sei, zurück. Eine

kurze Darstellung des Inhalts der Pseudo-*Geber*schen Schriften[733]

wird am besten über das Ziel und den Umfang der chemischen Kenntnisse

des späteren Mittelalters belehren, wenn sich auch, in Anbetracht

der großen Unvollständigkeit, in der die Literatur des Mittelalters

durchforscht ist, nicht sicher feststellen läßt, wieviel die

Verfasser jener Schriften selbständig gefunden und was sie früheren

Schriftstellern entlehnt haben.

Die wichtigste Tatsache, die uns in den Pseudo-*Geber*schen Werken

begegnet, ist die, daß man mit der Salpetersäure, der Schwefelsäure

und dem Königswasser bekannt ist, während sich das Altertum nur im

Besitz der Essigsäure befand. Die erstgenannten Säuren erhielt man

durch Erhitzen von Salzen und Salzgemischen, eine Darstellungsart, die

für die Schwefelsäure bis zur Erfindung des englischen Verfahrens die

einzige blieb. Salpetersäure erhielt man durch Erhitzen eines Gemenges

von Salpeter und Vitriol. Ein Zusatz von Salmiak zur Salpetersäure

lieferte das Königswasser, dessen Eigenschaft, das Gold, den König der

Metalle, aufzulösen, den Alchemisten nicht entging. Die Herstellung

einer solchen Lösung hatte man lange angestrebt, weil man sich von ihr

die Heilung aller Krankheiten versprach.

Auf Grund der Kenntnis der Mineralsäuren konnte sich nun eine

Chemie entwickeln, die auf nassem Wege verfuhr, während man bis

dahin vorzugsweise eine Chemie der Schmelzprozesse betrieben hatte.

So gelangte man durch Auflösen von Silber und anderen Metallen in

Salpetersäure zum Höllenstein und vielen Salzen, welche den Alten, wie

z. B. die Salze des Quecksilbers, nicht bekannt waren. Es bedarf kaum

der Erwähnung, daß die erhaltenen Verbindungen zunächst sehr unrein

waren. Doch kannte man auch schon die wichtigsten Verrichtungen, die

auf eine Reindarstellung der gewonnenen Präparate abzielten. Es waren

dies außer der Destillation, die man schon bei den Alexandrinern

erwähnt findet, vor allem das Umkristallisieren, die Sublimation und

das Filtrieren. Auch Wasserbäder und Öfen zu chemischem Gebrauch finden

sich in den Pseudo-*Geber*schen Werken beschrieben[734].

Mit dem chemischen Verhalten der Metalle waren die Verfasser jener

Werke weit besser als das Altertum bekannt; sie stellten z. B. aus den

Metallen eine Reihe von Sauerstoffverbindungen her. So finden wir bei

ihnen die erste Nachricht über die Gewinnung des Quecksilberoxyds[735],

einer Substanz, die in der späteren Entwicklung der Chemie die größte

Rolle gespielt hat. Nicht nur mit Sauerstoff, sondern auch mit Schwefel

wußte man die Metalle zu verbinden. Die entstandenen Sulfide fand

man schwerer als das zur Verwendung kommende Metall, während man

unrichtigerweise annahm, daß mit der Oxydation eine Verminderung des

Stoffes verbunden sei.

Auch in der Kenntnis der Verbindungen der Leichtmetalle war

man in dieser Periode einen Schritt weiter gekommen. Pottasche

wurde durch Verbrennen von Weinstein, Soda nach dem bis zur

Einführung des Leblancprozesses üblichen Verfahren (Einäschern von

Seepflanzen) dargestellt. Durch einen Zusatz von Kalk machte man

die Lösungen dieser beiden Salze ätzend und erhielt so Kalilauge und

Natronlauge[736]. Letztere dienten zur Auflösung von Schwefel, der

aus der alkalischen Lösung durch Säuren in feinster Verteilung als

Schwefelmilch wieder ausgefällt wurde[737].

Die chemischen Einzelkenntnisse suchte man auch unter den Gesichtspunkt

einer Theorie (sie ist durch *E. v. Lippmann* in seiner »Alchemie«

als alexandrinisch nachgewiesen) zu bringen, die bei dem damals noch

herrschenden Mangel an Einsicht in den chemischen Prozeß die Wahrheit

allerdings noch gänzlich verfehlte. Die Metalle hielt man für Gemenge

von Quecksilber und Schwefel[738]. Der Schwefel (Sulphur) war in den

Metallen, wie in den brennbaren Substanzen überhaupt, der Träger

der Brennbarkeit. Er sollte den Metallen auch die Farbe verleihen.

Mercurius (Quecksilber) dagegen galt als derjenige Grundbestandteil,

der die Schmelzbarkeit, den Glanz und die Dehnbarkeit bedingte. Unter

dem Sulphur und dem Mercurius der Alchemisten muß man sich indessen

nicht den gemeinen Schwefel und das gewöhnliche Quecksilber vorstellen.

Diese Elemente bestanden nur vorwiegend aus Sulphur, beziehungsweise

Mercurius, waren aber nicht damit identisch. Der gemeine Schwefel und

der Sulphur der Alchemisten verhielten sich vielmehr zueinander etwa

wie die Steinkohle und das Element Kohlenstoff. In den edlen Metallen

sollte Mercurius überwiegen. Durch Abänderung des Verhältnisses dieser

vermeintlichen Bestandteile konnten die Metalle ineinander übergeführt

werden. So nahm das Kupfer eine Stelle zwischen Gold und Silber ein.

Es mußte sich daher leicht in das eine oder in das andere umwandeln

lassen. Durch Erhitzen mit Galmei[739] wurde es dem Golde, durch

Zusammenschmelzen mit Arsenik dem Silber angenähert. Die auf solche

Weise herbeigeführte Änderung der roten Farbe in Gelb und Weiß hielt

man für den Beginn des Überganges in ein anderes Metall[740]. Zinn war

reiner und enthielt mehr Mercurius als Blei. Daß letzteres sich durch

Zusatz von Quecksilber in Zinn umwandeln lasse, galt als Tatsache. Bei

allem weiteren Herumprobieren verfolgte man das Ziel, zunächst einen

Stoff herzustellen, mit dem die Metallverwandlung völlig gelingen

sollte. Diesen hypothetischen Stoff nannte man den Stein der Weisen.

Die späteren Alchemisten des christlichen Abendlandes legten ihm die

wunderbarsten Wirkungen bei. Da sie, wie auch die späteren arabischen

Alchemisten im wesentlichen den gleichen, soeben entwickelten

Ansichten huldigten und da zunächst auch keine bedeutende Vermehrung

der Einzelkenntnisse stattfand, so kann von einem nennenswerten

Fortschritt der Chemie im weiteren Verlaufe dieser Periode kaum die

Rede sein. Vielmehr fand zwischen den beiden Pseudowissenschaften, der

Alchemie und der Astrologie, eine immer größere Verschmelzung unter

gleichzeitiger Durchtränkung mit mystischen Elementen statt.

Die Frage, woher das in den Pseudo-*Geber*schen Schriften enthaltene

Wissen stammt, das uns in ihnen gegen das Ende des 13. Jahrhunderts

»in völliger Vollendung und demnach als das Ergebnis einer längeren

Entwicklung« entgegentritt, gehört auch heute noch zu den dunkelsten in

der Geschichte der Chemie[741].

Die Pflege der Naturbeschreibung und der Heilkunde.

Wir wenden uns jetzt den Verdiensten zu, die sich die Araber um die

Erhaltung der alten naturgeschichtlichen Schriften erworben haben. Von

einem wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Zoologie und der

Botanik kann im Zeitalter dieses Volkes nicht die Rede sein, zumal

die Araber vor anatomischen Untersuchungen geradezu einen Abscheu

hegten. Auf dem Gebiete der menschlichen Anatomie beschränkten sie sich

daher ganz auf *Aristoteles* und *Galen*, während sie sich bei der

Beschäftigung mit der Tier- und Pflanzenwelt, wie das spätere Altertum,

vorzugsweise von dem Bestreben leiten ließen, den Schatz der Heilmittel

kennen zu lernen und zu vermehren.

Von dem gleichen Standpunkt aus wandten die Araber den Mineralien

ihr Interesse zu. Ein Bild von den mineralogischen Kenntnissen

und Anschauungen der Araber erhält man aus der im 13. Jahrhundert

entstandenen Kosmographie des *Ibn Mahmud al Qazwini*[742]. Danach

entstehen die durchsichtigen Mineralien aus Flüssigkeiten, die übrigen

aus der Mischung des Wassers mit der Erde. Das Wasser soll ebenso

zu Stein werden, wie sich Wasser aus der Luft verdichtet. »Wenn es

möglich ist«, sagt *Al Qazwini*, »daß das Wasser Luftform annimmt,

so muß es auch möglich sein, daß es die Form des Wassers ablegt und

diejenige der Erde annimmt.« Die Besprechung im einzelnen wird mit der

Bemerkung eingeleitet, daß nicht alle, sondern nur die wunderbarsten

Eigenschaften der Mineralien beschrieben werden sollen. Unter diesen

Eigenschaften sind vor allem Heil- und Zauberwirkungen verstanden. So

heißt es vom Bleiglanz: »*Aristoteles* sagt: Dies ist ein bekannter

Stein, der in vielen Gruben gewonnen wird. Es ist ein bleihaltiges

Mineral; als Augenpulver ist es gut für die Augen, es verschönt sie und

beseitigt das Fließen der Tränen.« Die Eigenschaften des Bergkristalls

werden mit folgenden Worten beschrieben: »Der Bergkristall ist eine

Art Glas, nur daß er härter ist. Die Könige benutzen Gefäße aus

Bergkristall auf Grund der Überzeugung, daß das Trinken daraus gesund

sei.«

Die Darstellung des roten Quecksilberoxyds durch längeres Erhitzen des

Quecksilbers war bekannt. Die entstehende rote Masse wurde indessen für

künstlichen Zinnober gehalten. Der natürliche Zinnober entstehe dagegen

durch die Vereinigung von Quecksilber und Schwefel im Innern der Erde.

Unter den Eigenschaften des Alauns wird erwähnt, daß er Blutungen zum

Stillstand bringe. Weiter heißt es: »Wenn die Färber ein Kleid färben

wollen, tauchen sie es zuvor in Alaun. Die Farbe geht dann nie wieder

weg.« Besondere Zauberkräfte wurden dem Amethyst beigelegt: »Das ist

ein Stein, der das Feuer auslöscht, wenn er darin liegt. Legt man

ihn unter die Zunge und trinkt ein berauschendes Getränk darüber weg,

so steigen die Dünste nicht zu Kopf, und man wird nicht betrunken.«

Interessant ist, daß das Bohren mit Diamanten schon Erwähnung findet.

Die Werkleute befestigen nach *Al Qazwini* Stücke des Diamanten an

den Rand des Bohrers und bohren damit die harten Steine. Mit einem

auf geeignete Weise gefaßten Diamanten dringt ferner der Arzt in die

Harnröhre ein, um steinige Konkretionen zu zerbröckeln. Vom Magneten

wird berichtet: »Im indischen Ozean befindet sich eine Insel aus diesem

Mineral. Wenn die Schiffe in die Nähe gelangen und etwas an ihnen aus

Eisen ist, so fliegt es wie ein Vogel fort und heftet sich an den

Magneten.« Die Kosmographie *Al Qazwinis* gestattet auch einen Einblick

in die zoologischen Kenntnisse und Anschauungen der Araber. Auch auf

diesem Gebiete sind die letzteren im wesentlichen nur die Vermittler

zwischen dem Altertum und der neueren Zeit gewesen. Selbständige

Leistungen und neue Auffassungen lassen sich in den auf uns gekommenen

arabischen Schriften zoologischen Inhalts kaum nachweisen, wenn es auch

an einzelnen zutreffenden Bemerkungen nicht fehlt. So sagt *Al Qazwini*

an einer Stelle, jedes Tier besitze die Glieder, die zu seinem Körper

stimmen und solche Gelenke, welche zu seinen Bewegungen passen. Auch

sei die Haut so beschaffen, wie es der Schutz der Tiere erfordere.

Die Einzelkenntnis der Tierformen erhielt durch die Araber eine

bedeutende Erweiterung, da sich ihre Forschungsreisen nach China,

Südasien, Ostafrika, ja selbst bis Sumatra und Java erstreckten. Wie in

den zur Zeit des Mittelalters im Abendlande entstandenen zoologischen

Schriften[743], so nahmen auch in den Kosmographien der Araber die

Tierfabeln einen großen Raum ein. Die Erzählung von dem Walfisch, der

für eine Insel gehalten wird, an welcher die Schiffe landen, begegnet

uns mit der Abänderung, daß die Rolle dieses Tieres bei den Arabern

eine riesige Seeschildkröte einnimmt.

Neben den arabischen Bearbeitungen der Naturgeschichte der Tiere

sind die Übersetzungen der Werke des *Aristoteles* und des *Galen*

zu nennen. *Ibn Sina* (Avicenna), der zu Beginn des 11. Jahrhunderts

lebte, soll sämtliche Schriften des *Aristoteles* in 20 Bänden

erläutert haben. Ein Kommentar zu den von *Aristoteles* verfaßten

Büchern über die Tiere hat sich in lateinischer Übersetzung

erhalten[744]. Auch *Ibn Roschd* (Averroes), der gleich *Avicenna*

für die Philosophie des Mittelalters von hervorragender Bedeutung

war, schrieb Kommentare zu den naturgeschichtlichen Schriften des

*Aristoteles*.

Rein botanische Werke entstanden bei den Arabern ebensowenig wie

bei den auf *Theophrast* folgenden griechischen Schriftstellern.

Die Pflanzenkunde verfolgte auch bei ihnen fast ausschließlich

praktische Zwecke, indem sie als Heilmittelkunde, Ackerbau oder

Gartenbaulehre auftrat. Gleichzeitig schleppte sie dabei einen immer

mehr anschwellenden, auf Nomenklatur und Synonymik hinauslaufenden Wust

philologischer Gelehrsamkeit mit sich. Von den Schriften griechischen

Ursprungs wurde besonders *Dioskurides* ins Arabische übersetzt und

kommentiert. Zu allgemeineren Betrachtungen über die Pflanze hat

sich wohl nur *Avicenna* erhoben. Letzterer unterschied drei Stufen

der Beseelung: die Pflanzen-, die Tier- und die Menschenseele. Der

Pflanzenseele schrieb er eine ernährende, eine auf das Wachstum

gerichtete und eine erzeugende Kraft zu.

Unter den auf Landwirtschaft bezüglichen arabischen Schriften ist das

Werk von *Ibn Alawwâm* zu nennen, von dem noch mehrere vollständige

Handschriften vorhanden sind. Es entstand im 12. Jahrhundert in Spanien

und handelt vom Boden, von der Düngung und der Bewässerung, ferner von

der Baumzucht, vom Getreide- und vom Gartenbau[745]. Am genauesten wird

über die Baumzucht berichtet. Zahlreiche Arten der Veredelung werden

beschrieben und zum Teil durch Abbildungen erläutert. Ein besonderer

Abschnitt handelt von dem Alter der Bäume. Viele, die Pflanzen und

ihre Verbreitung betreffenden Mitteilungen finden sich auch in der

umfangreichen geographischen Literatur der Araber zerstreut.

Im 14. Jahrhundert ragt das Reisewerk *Ibn Batutas*, das demjenigen

*Marco Polos* an die Seite gestellt werden kann, hervor[746]. Sein

Verfasser bereiste nicht nur die Mittelmeerländer, sondern gelangte

auch nach Indien und China. Es wird manche Pflanze der bereisten Länder

beschrieben und ihre Verwendung gewürdigt. Doch hat *Ibn Batuta*

seine Kenntnisse mehr auf den Marktplätzen als in der freien Natur

gesammelt, so daß der botanische Inhalt des Werkes dem geographischen

gegenüber an Bedeutung zurücktritt.

Endlich ist noch zu erwähnen, daß im Anschluß an die Chemie und die

Botanik auch die Heilkunde bei den Arabern eifrig gefördert wurde.

Sie knüpften dabei an die ihnen von den Griechen (*Galen*) und von

den Indern übermittelten Kenntnisse an. Was sie neu schufen, war

insbesondere die Pharmazie, die im 8. Jahrhundert, in enger Verbindung

mit der Chemie, in den arabischen Ländern zuerst als selbständige

Wissenschaft aufkam[747]. Auch auf den Gebieten der Krankenpflege,

des Hospitalwesens und der Heilmittellehre ist manches auf die Araber

zurückzuführen. Da ihnen ihre Satzungen die Zergliederung von Leichen

verboten, blieben sie hinsichtlich der Anatomie auf *Galen* angewiesen.

Daß die Chirurgie bei ihnen dennoch Fortschritte machte, ist auf

indische Einflüsse zurückzuführen. Die Bearbeitung, welche *Galens*

Schriften durch *Ibn Sina* (Avicenna) erfuhr, erschien um das Jahr 1000

unter dem Namen des »Kanon« und blieb für das Mittelalter maßgebend,

bis *Paracelsus* die Werke *Avicennas* den Flammen übergab. Auch

auf dem Gebiete der Augenheilkunde haben sich die Araber Verdienste

erworben. Zwar fußten sie auf der von den Griechen geschaffenen

Grundlage. Doch versahen sie diesen Teil der Medizin »mit eigenen

Zutaten« und gestalteten ihn »nach eigenem Plan«[748].

Nachdem die arabische Kultur ihren anregenden Einfluß auf das

christliche Abendland ausgeübt hatte, ging sie einem raschen Verfall

entgegen. Das mächtige Kalifat von Bagdad löste sich in eine Anzahl

kleinerer Reiche auf. Durch den im 13. Jahrhundert daherbrausenden

mongolischen Völkerstrom wurden aber auch sie vernichtet. »Bis

heute hat sich der Orient von den Schlägen jener grausigen Zeit

noch nicht wieder erholen können[749].« Ähnlich erging es der

maurischen Herrschaft in Spanien. Die kleinen Reiche mohammedanischen

Bekenntnisses, die sich dort gebildet hatten, wurden durch die von

Norden her vordringende christliche Bevölkerung unterjocht. Dadurch

wurde über die blühende Halbinsel zunächst der Fluch der Verödung

gebracht. Die fanatische Zerstörungswut, welche die ersten Christen,

wie auch die Araber im Beginn ihrer Laufbahn an den Schätzen der

Wissenschaft ausließen, schien wieder aufgelebt zu sein. Als nach der

Vereinigung von Kastilien und Aragon Granada fiel, ging z. B. die

dortige große Bibliothek mit ihren Hunderttausenden von Bänden in

Flammen auf, ein unersetzlicher Verlust, da sie zahlreiche arabische

Ausgaben der alten Schriftsteller enthielt. Nach der durch die Mongolen

herbeigeführten Vernichtung der arabischen Kultur in Vorderasien

fand die arabische Wissenschaft zwar Zufluchtsstätten in Syrien und

in Ägypten. Die arabische Literatur bildete aber seitdem kein Ganzes

mehr, sondern sie fristete nur noch in den einzelnen Ländern ein

Sonderdasein[750]. Die Astronomie sank zu einer Art Küsterdienst an

den Moscheen herab. Die Naturwissenschaften endeten in Zauberspuk und

Spielereien. Schließlich gerieten Syrien und Ägypten in die Hände der

osmanischen Sultane. Ein Glück war es noch immerhin, daß die Osmanen

während der Blüte ihrer Herrschaft im Gegensatz zu den sinnlos wütenden

Mongolen die Pflege der geistigen Güter nicht vernachlässigten.

*Muhammed*, der Eroberer Konstantinopels, hat sich sogar eingehender

mit wissenschaftlichen Dingen beschäftigt. Doch hatte damals der Orient

schon längst die Führung auf den Gebieten des geistigen Lebens an den

Occident, vor allem an Italien, abgetreten.

Indessen nicht nur die Befehdung durch andere Staaten brachte die

Entwicklung der arabischen Kultur zum Stillstand. Es fehlte ihr

vielmehr, gleich allen übrigen, dem Orient entsprungenen älteren

Kulturen, an innerer Kraft, um dauernd Neues aus sich hervorzubringen.

So kam es, daß mit dem Nachlassen des arabischen Einflusses gegen

das Ende des Mittelalters der Orient aufhörte, in der allgemeinen

Geistesentwicklung eine Rolle zu spielen. Die Führung ging vielmehr um

jenen Zeitpunkt auf das Abendland mit seinen in Italien, Deutschland,

England und Frankreich nach der Völkerwanderung seßhaft gewordenen

Bewohnern germanischer Abstammung über.

9. Die Wissenschaften unter dem Einfluß der christlich-germanischen

Kultur.

Während die arabische Wissenschaft und Literatur vom 9. bis zum 12.

Jahrhundert einen fast ununterbrochenen Aufschwung nahm, finden wir

während dieses Zeitraums im Abendlande nur unbedeutende Reste einer

früheren Epoche und nur selten neue verheißungsvolle Ansätze. Was dort

an Kenntnissen und an Kunstübung vorhanden war, kann in der Hauptsache

nur als ein Überbleibsel der römischen Kulturwelt gelten, dem die

germanischen Völker zunächst wenig hinzuzufügen wußten. Kennzeichnend

für diese gesamte Periode in der Entwicklung des westlichen Europas

ist das Übergewicht der religiösen Vorstellungen auf geistigem Gebiete

und dasjenige der Kirche im gesamten öffentlichen Leben gegenüber

allen anderen Regungen und Institutionen. Alle Wissenschaften sollten

zur Erhöhung der Ehre Gottes beitragen. In Wahrheit dienten sie der

Kirche und ihren Machthabern. Die sieben freien Künste oder das Trivium

und das Quadrivium umfaßten die Summe des damaligen gelehrten Wissens

unter jenem einen und einzigen Gesichtspunkt. Grammatik trieb man, um

die Kirchensprache zu verstehen, Rhetorik, um sie anwenden zu können.

Die Arithmetik offenbarte in mystischer Deutung die Geheimnisse der

Zahlen. Die Hauptaufgabe der Astronomie bestand darin, den kirchlichen

Kalender festzustellen. Auch die unter den sieben freien Künsten

aufgeführte Musik verleugnete nicht ihren kirchlichen Charakter. Was

man im Mittelalter anfangs an astronomischen Kenntnissen besaß, waren

nur spärliche Reste der griechisch-römischen Literatur über diesen

Gegenstand. Zumal die germanischen Völker hatten nichts Eigenes auf dem

Gebiete der Astronomie geschaffen. Erst durch die Berührung mit den

Arabern trat hierin eine Änderung ein.

Daß die Araber schon so frühzeitig wissenschaftliche astronomische

Kenntnisse besaßen, liegt daran, daß sie bald nach ihrem Auftreten in

der Geschichte mit dem wichtigsten astronomischen Werk des Altertums,

dem Almagest, bekannt geworden waren. Dadurch wurden sie in die Lage

gesetzt, die vorbildliche griechische Wissenschaft fortzuführen und

wesentlich zu bereichern.

Die nördlichen Länder Europas, die sich im frühen Mittelalter

der Kultur erschlossen, lernten die Astronomie dagegen durch das

wissenschaftlich ganz unbedeutende Werk des *Martianus Capella*

kennen, das man dem Unterrichte im Quadrivium zugrunde legte. Es

vermittelte einige Kenntnisse über die Sternbilder, die Planeten,

die Sphärenharmonie, die Jahreszeiten usw., gab aber nirgends eine

Begründung, sondern überall nur Zusammenfassungen. Außerdem wurde

man mit einfachen astrologischen Texten griechischen Ursprungs durch

lateinische Vermittlung bekannt. Das selbstgewonnene Wissen war so

geringfügig, daß man nicht einmal zu Begriffen wie den Äquinoktien

und den Solstitien gelangt war[751]. Neben *Martianus Capella* war

*Plinius* in Geltung. Auf diese beiden stützten sich besonders *Isidor*

von Sevilla und *Rhabanus Maurus*.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, I. Band Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften · 第 29 / 58 题