7. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.

Der tiefste Eingriff, den die Entwicklung der allgemeinen Kultur und

der Wissenschaft erlitt, bestand in der Vernichtung des römischen

Weltreichs durch die germanischen Völker. Die meisten Städte wurden

zerstört. An die Stelle des Städtewesens, das in Griechenland und

in Italien zu hoher Blüte gelangt war und allein die feineren, auf

Kunst und Wissenschaft gerichteten Kräfte zu entwickeln vermochte,

trat wieder eine mehr ländliche, den geistigen Bestrebungen

abholde Lebensweise. Die Bevölkerung der Städte, wie diejenige der

Mittelmeerländer im allgemeinen, verminderte sich trotz des Zuflusses

von neuen, erobernd einbrechenden Völkermassen. Unermeßlich waren

auch die Verluste an den seit Jahrhunderten aufgespeicherten Schätzen

der Kunst und Wissenschaft. Hatte doch Rom z. B. zu Beginn des 5.

nachchristlichen Jahrhunderts, von den ältesten Zeiten abgesehen,

noch nie einen Feind in seinen Mauern beherbergt. Zwar hatten

blutige Kämpfe in seinen Straßen getobt, doch waren Verwüstung und

Plünderung bis dahin von Rom ferngehalten worden. Das erste Ereignis

dieser Art erfolgte durch *Alarich* und seine Westgoten im Jahre

410. »Ungeheuer war der Eindruck auf die Zeitgenossen. Die römische

Welt zuckte von Riesenschmerz überwältigt zusammen«[649]. Auf

diese erste Verwüstung folgten andere, weit schlimmere. Nicht nur

Rom, sondern auch andere Zentren der geistigen und künstlerischen

Bestrebungen wurden von solchen Ereignissen heimgesucht. Unter diesen

Verhältnissen war der Zerfall des gewaltigen römischen Weltreichs

unausbleiblich. Der Historiker, der es liebt, seinen Einteilungen

in die Augen springende Ereignisse zugrunde zu legen, läßt daher

das Mittelalter mit dem Eintritt der Völkerwanderung oder mit der

Errichtung der ersten germanischen Herrschaft auf italischem Boden

beginnen. In der Geschichte der Wissenschaften hat man wohl nach

ähnlichen, epochemachenden Ereignissen gesucht und die Auflösung der

Philosophenschule zu Athen oder die Eroberung Alexandriens durch die

Araber im Jahre 642 als solche betrachtet (so *Heller* in seiner Gesch.

der Physik). Man darf jedoch nicht vergessen, daß auf diesem Gebiet die

Ereignisse geräuschlos vor sich gehen, daß es wohl von den Katastrophen

der Weltgeschichte beeinflußt wird, aber niemals den Charakter einer

ruhigen Entwicklung verleugnet.

Der Geist der zweiten alexandrinischen Blüteperiode war um das Jahr

600 längst erloschen. Die alexandrinischen Gelehrten verstanden die

alten Schätze, von denen das meiste schon vernichtet war, kaum noch

zu hüten. Seitdem moralische Fäule auf der einen und das der Welt mit

ihrem Wissen abgewandte Christentum auf der anderen Seite das Leben

immer mehr durchdrangen, also schon eine ganze Reihe von Jahrzehnten

vor dem endgültigen Siege des germanischen Elementes, fanden auch

in Rom die Wissenschaften nicht mehr die frühere Pflege. Rom und

Alexandrien wurden Hauptsitze der christlichen Kirche. Und diese kehrte

sich, da es ihr Ziel war, die antiken Elemente zu überwinden und neue

an deren Stelle zu setzen, in mißverstandener Auslegung der heiligen

Schriften auch gegen die antike Wissenschaft. Das Verhältnis der Seele

zu Gott und gar nichts anderes sollte erkannt werden; dies allein

hielt man für erkennbar. Der Verstand dagegen galt als machtlos. Nur

die durch Gottes Gnade geschehene Offenbarung sollte imstande sein,

die Menschen zu erleuchten[650]. »Forschung«, sagt *Tertullian*[651],

»ist nach dem Evangelium nicht mehr vonnöten«. Und *Eusebius* meint

von den Naturforschern seiner Zeit: »Nicht aus Unkenntnis der Dinge,

die sie bewundern, sondern aus Verachtung ihrer nutzlosen Arbeit

denken wir gering von ihrem Gegenstande und wenden unsere Seele der

Beschäftigung mit besseren Dingen zu.« Konnten doch diese Kirchenväter

der ältesten christlichen Zeit selbst Meinungen heidnischer Philosophen

für ihre Ansicht ins Feld führen, wie diejenige des *Sokrates*, der die

menschliche Seele mit ihren inneren Zuständen für den einzigen, des

Nachdenkens würdigen Gegenstand erklärt hatte.

Mit einem wahren Ingrimm wandten sich die ersten christlichen Gelehrten

gegen den von *Leukipp*, *Demokrit* und *Epikur* herrührenden

Versuch einer mechanischen Welterklärung. »Es wäre mir besser«, ruft

*Augustinus* aus, »ich hätte den Namen *Demokrits* nie vernommen!« Die

Atomisten werden als blinde und bedauernswerte Menschen bezeichnet.

Besonders eifert gegen sie der alexandrinische Bischof *Dionysios der

Große* in seiner Schrift »Über die Natur«[652]. Die Mitteilungen,

welche *Dionysios* über die Lehren der Atomisten macht, dienen trotz

ihrer polemischen Richtung als wertvolle Quelle über diesen wichtigen

Abschnitt der griechischen Philosophie.

*Dionys* bekämpft die Atomisten vor allem, indem er die Zweckmäßigkeit

der Welt betont und für das Kunstwerk, als das sie dem Menschen

erscheint, in Gott den Künstler und Schöpfer erblickt. Kann doch nicht

einmal, so etwa lauten einige seiner Ausführungen, ein Kleid oder ein

Haus von selbst entstehen, sondern es bedarf dazu einer geregelten

Leitung. Und nun soll das große, aus Erde und Himmel bestehende Haus,

der Kosmos, die Ordnung selbst, aus dem Chaos geworden sein. Zu den

Gestirnen übergehend, sagt er: »Aber wenn auch jene Elenden es nicht

wollen, so ist es doch, wie die Gerechten glauben, der große Gott, der

sie gemacht hat und durch seine Worte ihre Bahn leitet.« Weder der Bau

der menschlichen Organe und ihr Zusammenwirken, noch weniger aber die

geistige Tätigkeit sind, wie *Dionys* ausführt, mit der Atomenlehre

vereinbar. Der Philosoph könne seine Vernunft doch nicht von den

vernunftlosen Atomen erhalten haben.

Während *Dionys* der mechanischen Naturerklärung gegenüber den

Standpunkt des eifernden Theologen einnimmt und mit Gründen ficht, die

sich der wissenschaftlichen Erörterung entziehen, erhebt *Lactantius*

gegen die atomistische Lehre physikalische und philosophische Einwürfe.

*Lactantius* fragt, woher denn jene Teilchen stammen sollten und wie

sich ihr Dasein beweisen lasse, da niemand sie gesehen oder gefühlt

habe. Aber, selbst das Vorhandensein der Atome zugegeben, würden diese

leichten und runden Teilchen doch keinen Zusammenhang äußern und feste

Körper bilden können. Wolle man, um dieser Schwierigkeit zu begegnen,

den Atomen Ecken und Haken beilegen, so habe man keine Atome mehr,

da solche Hervorragungen doch abgetrennt werden könnten. Das Bemühen,

die Gesetzmäßigkeit des Geschehens zu erklären oder es auch nur zu

verfolgen, wurde abgelehnt. Und dieser Standpunkt, den die Kirche

einnahm, hat sich, mit wenigen Zugeständnissen an die Fortschritte der

Wissenschaft, durch lange Zeiträume in ihr erhalten. »Je mehr[653] die

Macht der christlichen Lehre fortschreitet, um so mehr schwindet das

Verständnis für die kausale Erklärungsweise. Das Wunder reicht überall

aus. Was also sollen die Bemühungen, Erklärungen aufzufinden?«

Dies Verhalten, das die Kirchenlehrer der naturwissenschaftlichen

Erklärungs- und Betrachtungsweise gegenüber einnahmen, ist bei

dem Ansehen, das ihre Schriften bis in die neuere Zeit genossen

haben, für die weitere Entwicklung von schlimmen Folgen gewesen. Es

erregte auch sehr oft den Fanatismus der Menge, die sich keineswegs

mit dem Streit der Meinungen begnügte, sondern nicht nur gegen die

Wissenschaft, sondern auch gegen ihre Denkmäler und Schätze zu Felde

zog. So wurde z. B., lange bevor die Araber Alexandrien einnahmen, in

dieser Stadt, unter der Führung eines christlichen Patriarchen, die

wertvolle Bibliothek des Serapeions den Flammen überliefert. Schon im

3. Jahrhundert hatte ein Patriarch die Gelehrten der alexandrinischen

Akademie vertrieben. Unter Kaiser *Julian* durften sie zurückkehren.

Indessen unter *Theodosios* begann die Verfolgung von neuem. Damals

war es, daß der Patriarch *Theophilos* sich von dem Kaiser die

Erlaubnis erwirkte, das Serapeion zerstören zu dürfen. Mit dem gleichen

Unverstand, wie gegen die weltliche Wissenschaft, verfuhren die ersten

Bekenner des neuen Glaubens auch gegen die von den Alten überlieferte

Heilkunde. Krankheit wurde mit Gebet und Beschwörung bekämpft oder gar

als eine Strafe Gottes betrachtet, in die man sich willenlos fügen

müsse, während glückliche Heilungen als Teufelswerk galten.

Sogar die Lehre von der Kugelgestalt der Erde, eine Lehre, die auf

ein Alter von Jahrhunderten zurückblicken konnte und die allein die

geographische Ortsbestimmung ermöglicht hatte, ging im Mittelalter,

nachdem Kirchenväter wie *Lactantius* sie verdammt hatten, verloren

oder wurde wenigstens durch mystische Vorstellungen verdunkelt. So

begegnen wir der Ansicht, daß die Erde ein Hügel sei, um den sich

die Sonne im Laufe eines Tages bewege. *Augustin* sprach sich gegen

die Existenz von Antipoden aus, weil ein Geschlecht dieser Art in der

heiligen Schrift unter den Abkömmlingen Adams nicht aufgeführt werde.

Bei *Rhabanus Maurus* besitzt die Erde eine radförmige Gestalt und

wird vom Ozean umflossen. Welcher Rückschritt gegenüber den Astronomen

der alexandrinischen Schule! Befanden sich die Gelehrten des frühen

Mittelalters mit ihrer Weltauffassung doch fast wieder auf dem naiven

Standpunkt, den *Hesiod* im 8. Jahrhundert v. Chr. einnahm. Erst seit

dem 8. nachchristlichen Jahrhundert etwa schrieb man der Erde die

Gestalt einer Kugel zu. In einer Hinsicht wirkten die Kirchenväter

übrigens auch Gutes. Sie verhielten sich nämlich im allgemeinen den

astrologischen Lehren gegenüber, die während der Kaiserzeit das

astronomische Wissen verdunkelt hatten, ablehnend. Dies geschah zwar

weniger aus wissenschaftlicher Überzeugung, sondern weil es frevelhaft

sei, Menschen- und Völkerschicksal aus den Sternen erkennen zu

wollen[654].

In demselben Maße bildungsfeindlich wie die ersten Christen, wenn auch

aus anderen Gründen, verhielt sich die zweite Macht, die von der Welt

auf den Trümmern der Antike Besitz ergriffen hatte, das Germanentum.

Seine Träger waren Volksstämme, die erst von dem Augenblicke an, in

dem sie mit der alten Kultur in Berührung kamen, in das Licht der

Geschichte traten. Ihnen galten nicht nur die zivilisierten Bewohner

des südlichen Europas, sondern auch deren Geisteserzeugnisse zunächst

als feindliche Mächte. So erzählt *Prokop* von den Goten, die nach den

langen Wirren der Völkerwanderung in Italien zuerst wieder geordnete

Verhältnisse schufen, sie seien der Ansicht gewesen, daß derjenige, der

die Rute des Lehrers gefürchtet, keinem Schwert und keinem Speer mehr

festen Blickes begegnen könne.

Bedenkt man nun, daß diese beiden Mächte, das Christentum und

das Germanentum, das eine geistig, das andere physisch, von dem

abendländischen Teil der alten Welt Besitz ergriffen, während bald

darauf im Morgenlande der Islam mit ähnlichen Tendenzen ins Leben

trat, so läßt es sich begreifen, daß die im Altertum gegründete

Wissenschaft in dem Geistesleben des Mittelalters zunächst keinen

Platz fand. Man wird vielmehr darüber staunen, daß diese Wissenschaft

Kraft genug besaß, nicht gänzlich unterzugehen, sondern unter der

Asche fortzuglimmen, bis sie, seit dem 13. Jahrhundert etwa, von neuem

entfacht wurde.

Einer Fortentwicklung der vom Altertum geschaffenen Anfänge wirkte

nicht nur das geschilderte Streben entgegen, welches dem Christentum

und dem Germanentum zu Beginn ihres Auftretens innewohnte, es brach

auch eine Summe von Geschehnissen über die alte Welt herein, die an

Furchtbarkeit nicht ihresgleichen hatten und das südliche Europa in

einen Trümmerhaufen verwandelten, so daß dort der Wohlstand, der

doch bis zu einem gewissen Grade die Vorbedingung aller Kunst und

Wissenschaft ist, vernichtet wurde.

Während sich das oströmische Reich einer gewissen Beständigkeit

erfreute, wurde der Westen ein Spielball der germanischen Stämme. Auf

die Verwüstung durch die Goten folgte der Einfall der Vandalen, die

überall Ruinen als die Spur ihrer Züge zurückließen. »Sie zerstörten

alles«, berichtet der Chronist von ihnen, »was sie fanden. Die Pest

konnte nicht verheerender sein. Auch wütete eine fürchterliche

Hungersnot, so daß die Überlebenden die Körper der Gestorbenen

verzehrten.« Es klingt kaum glaublich, wenn uns die Geschichtsschreiber

jener Zeiten erzählen, daß man Festungen durch den Leichengeruch zur

Übergabe zwang, indem man die Gefangenen vor den Wällen niedermetzelte.

Fast zur selben Zeit, als die Vandalen Rom plünderten, wurde

Oberitalien durch die Hunnen verwüstet, deren Zug durch die von

*Aëtius* gewonnene Schlacht bei Châlons nach Süden abgelenkt worden

war. Nach diesen völkermordenden Kriegen nahmen todbringende Seuchen

von dem aus vielen Wunden blutenden Europa Besitz. Vielleicht war

infolge der vorhergegangenen Ereignisse eine allgemeine Schwächung

der europäischen Menschheit eingetreten und dadurch der Pest der

Boden bereitet worden. Zum ersten Male hatte diese Geißel unter *Marc

Aurel* ihren Zug durch das römische Reich gehalten und weit mehr Opfer

gefordert, als die Seuchen der Neuzeit. Nach dem von *Prokop*, dem

Geheimschreiber *Belisars*, hinterlassenen Bericht wütete sie volle 50

Jahre im ganzen römischen Reiche dermaßen, daß in Italien stellenweise

die Weinstöcke und das Getreide vermoderten, weil es an Arbeitskräften

fehlte.

Allmählich erhoben sich indes aus der Verworrenheit und der Verwüstung,

welche die ersten Jahrhunderte des Mittelalters kennzeichnen und

das Erlahmen des wissenschaftlichen Geistes begreiflich erscheinen

lassen, gefestigte Verhältnisse. Rom war dadurch, daß es im 5.

Jahrhundert in den Besitz der kirchlichen Vorherrschaft gelangt war,

wieder, wenn auch in anderem Sinne als im Altertum, zum geachteten

Mittelpunkt des Abendlandes und die römische Sprache zur Weltsprache

geworden. *Benedikt* von Nursia hatte im Anfang des 6. Jahrhunderts

das Klosterwesen in Westeuropa begründet. Der Gedanke, sich um der

Erfüllung religiöser Pflichten willen von der Welt zurückzuziehen, ist

orientalischen Ursprungs und schon dem Heidentum des Orients geläufig.

Er ergriff mit besonderer Macht die ersten Christen, welche die

Satzungen der neuen Religion mit den Forderungen und Schwierigkeiten

des Lebens nicht in Einklang zu bringen vermochten. So sehen wir bald

nach der Ausbreitung des Christentums Tausende sich in entlegene Teile

Syriens und Ägyptens zurückziehen. Es entstand ein von bestimmten

Regeln abhängiges Mönchstum, das für jene Zeiten eine berechtigte

Erscheinung war und die Erhaltung der geistigen Kultur begünstigte.

Schon um die Mitte des 4. Jahrhunderts verbreitete sich das Mönchswesen

besonders durch den Bischof *Basilius den Großen* in Kleinasien und auf

der Balkanhalbinsel. Bald fand es auch im weströmischen Reiche Eingang,

wo namentlich *Augustinus* für diese Form des religiösen Lebens den

Boden bereitet hatte. *Benedikt* von Nursia gebührt das Verdienst,

daß er zuerst die umherschweifenden, zuchtlosen, dem Mönchstum

ergebenen Scharen zum Zusammenleben und zu geordneter Tätigkeit

zwang. Die Beschäftigung mit den Wissenschaften bezeichnete er als

eine der wichtigsten Pflichten seines Ordens. »Den Klöstern«, sagt

*Lindner*[655], »verdanken wir alles oder das weitaus meiste, was von

antik-lateinischen Schriften und selbst von den alten germanischen auf

uns gekommen ist, sie haben den Rückweg zum Altertum offen gehalten.«

Zwar, das Studium der nicht philosophischen Schriften des Altertums

wurde von den kirchlichen Machthabern nur ungern gesehen. So

begegnet uns um 1200 ein Verbot[656], welches den Mönchen das Lesen

naturwissenschaftlicher Schriften als sündhaft untersagte. Im ganzen

war jedoch die Tätigkeit der Orden auf die Erhaltung der alten

Schriftwerke und die Ausbreitung der Bildung gerichtet, so daß die

Benediktiner mit Recht den Wahlspruch »Ex scholis omnis nostra salus«

führten.

Auch im politischen Leben Italiens machte die Brandung, welche dort

Jahrhunderte gewütet, endlich einer ruhigen Entwicklung Platz. Während

der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts herrschten hier die Ostgoten.

Unter ihrem großen König *Theoderich* (475-526), der eine Verschmelzung

des germanischen mit dem römischen Element herbeizuführen suchte,

erlebte das Land sogar einen kurzen Aufschwung. Der wissenschaftliche

Sinn wurde von neuem lebendig, die Schulen blühten und die Gelehrten

wurden wieder geachtet[657]. In diesem Zeitraum verdienen besonders

*Cassiodor* und *Boëthius* Erwähnung.

*Cassiodor* wurde in Süditalien geboren und war um 500 *Theoderichs*

Geheimschreiber und Ratgeber. Nach der Besiegung der Ostgoten durch

die Byzantiner zog er sich in die klösterliche Einsamkeit zurück.

Durch ihn und *Benedikt* von Nursia, der im Jahre 529 das Kloster zu

Monte Cassino bei Neapel gestiftet hatte, wurde an Stelle der früheren

Beschaulichkeit der Mönche rege Tätigkeit als oberster Grundsatz

hingestellt. Unermüdlich wurden in schöner Schrift die im Besitze

der Klöster befindlichen Werke auf Pergament übertragen und so neben

manchem Wertlosen doch auch das Wertvolle der Nachwelt erhalten.

*Cassiodor* selbst empfiehlt das Abschreiben von Büchern den Mönchen

als die verdienstlichste Arbeit. Seine letzte Schrift verfaßte er

im 93. Lebensjahre. Er hinterließ 12 Bücher Briefe[658] und eine

Enzyklopädie[659] der sogenannten sieben freien Künste (Grammatik,

Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie).

Indessen handelt es sich für ihn nicht um eine ausführliche Darstellung

dieser Wissenszweige, sondern mehr um eine Aufzählung derjenigen

griechischen und lateinischen Schriftsteller, deren Studium dem

Anfänger zu empfehlen sei.

Das Urbild derartiger, im Mittelalter so häufigen Sammelwerke über

die freien Künste rührt von *Marcus Terentius Varro* her, der im 1.

Jahrhundert v. Chr. lebte und neun Wissenschaften enzyklopädisch

behandelte[660]. Außer den genannten hatte er nämlich auch die Medizin

und die Baukunst in Betracht gezogen.

Der in einer Geschichte der Wissenschaften Erwähnung verdienende

Genosse *Cassiodors* war der aus altem römischen Geschlecht

entstammende *Boëthius*. Nachdem er in seiner Vaterstadt die

höchsten Ämter bekleidet, fiel er in Ungnade und wurde nach längerer

Gefangenschaft enthauptet. Im Kerker entstand seine berühmte Schrift

»Über die Tröstungen der Philosophie«, ein Werk, das in viele Sprachen

übersetzt wurde[661]. *Boëthius* machte das Studium der griechischen

Schriftsteller wieder zugänglich, indem er sie in das Lateinische

übersetzte und erläuterte. *Cassiodor*, der Geschichtsschreiber

der Ostgotenzeit, hat der Nachwelt eine Stelle aus einem Briefe

*Theoderichs* an *Boëthius* aufbewahrt, welche den König wie den

Empfänger in gleicher Weise ehrt. »In deinen Übertragungen«, heißt es

in diesem Schreiben, »wird die Astronomie des *Ptolemäos*, sowie die

Geometrie des *Euklid* lateinisch gelesen. *Platon*, der Erforscher

göttlicher Dinge, und *Aristoteles*, der Logiker, streiten in der

Sprache Roms. Auch *Archimedes*, den Mechaniker, hast du lateinisch

wiedergegeben. Welche Wissenschaften und Künste auch das fruchtbare

Griechenland erzeugte, Rom empfing sie in vaterländischer Sprache durch

deine Vermittlung«[662].

Lieblingsgebiete des *Boëthius* waren die Musik und die Akustik. Er

stellte zahlreiche Versuche mit dem Monochord und mit Pfeifen an und

schrieb ein Werk über die Musik[663], in dem manche klare Anschauung

entwickelt ist. Wichtiger ist dieses Buch dadurch, daß wir uns nach

ihm eine gewisse Vorstellung von der Tonkunst des Altertums und des

früheren Mittelalters machen können. Auch der Astronomie und der Physik

brachten die gebildeteren Goten, geschichtlichen Berichten zufolge, ein

großes Interesse entgegen.

Leider sollte dieser hoffnungsvolle Ansatz, den der italische Boden

gezeitigt, noch in der Blüte geknickt werden. Ebenso rasch, wie das

Ostgotenreich emporgekommen war, wurde es durch die furchtbaren Kriege,

welche der oströmische Kaiser gegen die Ostgoten führte, wieder

hinweggefegt. Zehn Jahre später fiel das verwüstete Italien in die

Hände der Langobarden. Einen ähnlichen Aufschwung, wie zur Zeit der

Ostgoten, hat es unter der, Jahrhunderte dauernden Herrschaft dieses

Volkes nicht wieder erlebt. Doch fand in dieser verhältnismäßig ruhigen

Zeit eine allmähliche Verschmelzung des germanischen Elementes mit

dem römischen statt, wodurch die Vorbedingung für eine höhere Kultur

geschaffen wurde.

Neben *Cassiodor* und *Boëthius* verdient für dieses Zeitalter der

Bischof *Isidor* von Sevilla erwähnt zu werden. Er wurde im Jahre

570 in Cartagena geboren und starb 636. In einem, aus 20 Büchern

bestehenden Werk, das den Titel »Origines« (die Ursprünge) führt,

gab er, wie es *Cassiodor* und *Martianus Capella* getan, eine Art

Enzyklopädie der Wissenschaften heraus. Die »Origines« berücksichtigen

nicht nur die freien Künste, das Trivium (Grammatik, Rhetorik und

Dialektik) und das Quadrivium (Arithmetik, Musik, Geometrie und

Astronomie), sondern auch die Medizin, die Naturgeschichte, die

Geographie usw. Das Werk verdrängte die Enzyklopädien des *Cassiodor*

und des *Martianus Capella* und war neben *Plinius* und *Aristoteles*

bis gegen das Ende des Mittelalters für alle späteren Sammelwerke die

wichtigste Fundgrube. Es führt auch wohl den Titel »Die Etymologien«

(Libri originum seu etymologiarum). Dementsprechend finden wir für alle

Gegenstände die Etymologien des Namens an die Spitze gestellt, ja oft

allein gegeben. In den meisten Fällen waren die Wortableitungen jedoch

sehr willkürlich und wertlos.

Männer, wie die Genannten, haben das Vorhandene nicht vermehrt,

sondern, wie *Plinius*, als literarische Sammler gewirkt. Als solche

sind sie aber für die Erhaltung des Wissens und des wissenschaftlichen

Interesses für das ganze Mittelalter von Bedeutung gewesen. Fast

allen lag daran, die Beschäftigung mit den Wissenschaften in weitere

Kreise zu tragen, indem sie für die Verbreitung und Verbesserung des

Schulwesens wirkten. Das ist nicht nur *Cassiodor* und *Rhabanus

Maurus*, sondern auch *Isidor* von Sevilla nachzurühmen.

Wie die Klöster zu Mittelpunkten literarischer Beschäftigung wurden, so

fand in ihnen auch, zumal in den sich erst der Kultur erschließenden

germanischen Ländern, die Heilkunde eine Stätte. Die Mönche bereiteten

Arzneien nicht nur für ihren eigenen Gebrauch, sondern auch für die

Bewohner der Umgegend. Die heilbringenden Kräuter wurden in besonderen

Gärten im Schutze der Klostermauern gezogen. Genauere Angaben besitzt

man über den Kräutergarten des Klosters St. Gallen, aus dem schon im

9. Jahrhundert die benachbarten Dörfer mit Arzneien versorgt wurden.

Von den zahlreichen Kräutern, die man in St. Gallen zu diesem Zwecke

zog, seien beispielsweise Salbei, Raute, Minze und Fenchel genannt.

Ein selbständiges Apothekenwesen entwickelte sich im germanischen

Kulturbereich erst im späteren Mittelalter[664]. Im Altertum hatte der

Arzt die Arzneien in der Regel selbst bereitet.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, I. Band Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften · 第 28 / 58 题