Wir haben uns in den ersten Abschnitten diejenige Periode in ihren
Grundzügen vergegenwärtigt, in der die Keime der Naturwissenschaften
entstanden, eine Periode, die in der zusammenfassenden,
systematisierenden Tätigkeit des *Aristoteles* ihren Höhepunkt
erreichte. Frühzeitig traten uns geistige Regungen in den ionischen
Kolonien entgegen, wo die Berührung des Griechentums mit der
älteren, orientalischen Kultur besonders innig war. Zu Hauptsitzen
der Wissenschaft wurden darauf Athen und die blühenden Städte
Unteritaliens, dort durch *Aristoteles* und seine Schule, hier durch
die Pythagoreer.
Wie *Alexander* durch gewaltige Machtentfaltung die Welt, so hatte
*Aristoteles* das gesamte Wissen seiner Zeit zu umspannen gesucht. Zu
einer dauernden Beherrschung der übrigen Völker waren die Griechen
indessen nicht imstande. Mit dem Tode des großen Eroberers zerfiel
auch sein Reich. Anders gestalteten sich die Dinge auf dem Gebiete
der Wissenschaft. Hier kann wohl von einer das Altertum überdauernden
Herrschaft der Griechen die Rede sein. Sie wurden die Lehrer der alten
Völker, während Rom die Rolle der Weltbeherrscherin zufiel.
Bei den Griechen hatte die persönliche Eigenart eine bisher unerreichte
Bedeutung erlangt, doch war die Schaffenskraft dieses Volkes nicht
mehr die frühere, nachdem es seine politische Selbständigkeit verloren
hatte. Zwar machte sich diese Schwächung mehr auf dem Gebiete der
Kunst, vor allem auf dem der Dichtkunst, und weniger auf dem Gebiete
der Wissenschaften bemerkbar. Doch zeigte sich hier eine andere,
eigenartige Erscheinung. Während des nationalen und wirtschaftlichen
Niederganges, der im Mutterlande selbst, schon im dritten Jahrhundert,
eintrat, wurde nämlich das gelehrte Griechentum kosmopolitisch. Der
Hauptsitz griechischer Weisheit wurde gleichzeitig von Athen nach
Alexandrien verlegt, das durch seine günstige Lage, seinen Reichtum,
sowie durch das Interesse, das die ägyptischen Herrscher bekundeten,
besonders geeignet war, die weitere Pflege der Wissenschaften zu
übernehmen.
Sehr eng gestalteten sich seit der Hellenisierung Vorderasiens auch die
schon seit Jahrhunderten vorhandenen Beziehungen der griechischen zur
babylonischen Wissenschaft. Die Griechen rechneten sich den Besuch der
Tempelschulen Babylons geradezu als Ehre an. Besonders rege war dieser
Verkehr unter der Herrschaft der Seleukiden und der Ptolemäer.
Die Herrschaft über Ägypten war nach dem Tode *Alexanders* (323 v.
Chr.) in die Hände des *Ptolemäos Lagi* übergegangen. Dieser Fürst,
dessen Geschlecht den ägyptischen Thron inne hatte, bis im Jahre 30 v.
Chr. das Land römische Provinz wurde, zog viele griechische Gelehrte,
insbesondere aus Athen, an seinen Hof. Er wurde dadurch der Begründer
der alexandrinischen Akademie, die berufen war, die Wissenschaft durch
eine Reihe von Jahrhunderten zu fördern und sie für die nachfolgenden
Zeiten zu erhalten. Die äußeren Einrichtungen für jene gelehrte
Körperschaft fanden ihre Vollendung durch *Ptolemäos Philadelphos*.
Letzterer errichtete ein prächtiges Gebäude, das den Gelehrten
Wohnungen und Räume zur Ausübung ihrer Tätigkeit bot. Auch gründete
er die berühmte alexandrinische Bibliothek. In einem in der Nähe des
Königsschlosses gelegenen Garten wurden Tiere aus den tropischen
Regionen Afrikas, darunter auch riesige Schlangen, unterhalten.
Der dritte *Ptolemäos*, welcher den Beinamen *Euergetes* führte
(247-222 v. Chr.), hat der Bibliothek den Bücherschatz hinzugefügt,
den einst *Aristoteles* und *Theophrast* besaßen[373]. In späteren
Zeiten umfaßte die große Bibliothek des alexandrinischen Museums
etwa 400000 Rollen. Dazu kam noch eine zweite Büchersammlung im
Serapeion. Bei der Belagerung Alexandriens durch *Cäsar* (47 v.
Chr.) wurden die dort befindlichen Bücherschätze, die *Cäsar* nach
Rom zu schaffen beabsichtigte, teilweise zerstört. Später wurden sie
durch Einverleibung der pergamenischen Bibliothek um 200000 Rollen
bereichert[374].
Fast sämtliche Gelehrte der alten Zeit, von denen noch die Rede sein
wird, gehörten entweder der alexandrinischen Akademie an, oder
standen mit ihr in mehr oder weniger enger Fühlung. Im allgemeinen
ist das Wirken dieser Männer indes nicht mehr grundlegend, sondern
auf die Erhaltung und die Fortentwicklung aller während des Altertums
gewonnenen Ansätze gerichtet gewesen. Ihre Arbeiten betrafen
dementsprechend nicht nur die Mathematik und die Naturwissenschaften,
sondern das ganze Gebiet des damaligen Wissens, von der Philosophie
und anderen Gebieten des reinen Denkens bis zu der Beschäftigung mit
den konkretesten Dingen, gehörte zu ihrem Bereich. Häufig beschränkten
sie sich auf bloßes Kommentieren der vorhandenen Schriften, wie es
bezüglich der Zoologie und der Botanik der Fall war. Wo aber das
deduktive Verfahren Anwendung finden konnte, wie auf dem Gebiete der
reinen Mathematik, fand eine Fortentwicklung der übermittelten Keime
statt. Auch einige Teilgebiete der Physik erfuhren eine namhafte
Förderung. Vor allem gilt dies von der Physik der Gase. In der späteren
alexandrinischen Zeit begegnen uns endlich die Anfänge der Alchemie und
somit die Wurzeln der chemischen Wissenschaft.
Als Mathematiker sind unter den Mitgliedern der alexandrinischen
Akademie besonders *Euklid*, *Apollonios* und *Diophant* zu nennen. Als
Astronomen wirkten *Hipparch* und *Ptolemäos*, während die Physik durch
*Ktesibios* und *Heron* gefördert wurde.
Die Begründung eines Systems der Mathematik.
Zu den frühesten Mitgliedern der alexandrinischen Schule gehört
*Euklid* (*Eukleides*), dessen Name eng mit der Geschichte der
Mathematik verbunden ist, einer Wissenschaft, die nicht etwa erst in
der neueren Zeit, sondern auch schon im Altertum in hohem Grade das
Emporblühen der Naturwissenschaften bedingt hat. Die Lebensumstände
*Euklids* sind wenig bekannt. Bezüglich seines Geburtsortes, sowie
seines Studienganges schwanken die Angaben[375]. Sicher ist, daß
*Euklid* zu Beginn der Ptolemäerzeit, also um 300 v. Chr., in
Alexandrien gelebt hat. Dem *Ptolemäos Lagi* gegenüber, der das
mathematische Studium erleichtert zu sehen wünschte, soll er den
bekannten Ausspruch: »Es gibt keinen Königsweg zur Mathematik!« getan
haben.
Unter den auf uns gekommenen Werken *Euklids* nehmen die »Elemente« den
ersten Platz ein. Sie wurden wegen ihrer Vollständigkeit und ihrer
strengen Beweisführung in solchem Grade als mustergültig anerkannt,
daß sie bis in die neueste Zeit hinein sehr oft dem Anfangsunterricht
zugrunde gelegt wurden. In seine »Elemente« hat *Euklid* im
wesentlichen das damals bekannte mathematische Wissen aufgenommen und
es, wo dies noch nicht geschehen war, auf strenge Beweise gestützt. Das
Werk umfaßt die Geometrie der Ebene und des Raumes und geht auch auf
die Lehre von den Zahlen, als der Grundlage allen Messens, ein.
Eine genauere Inhaltsangabe der 13 Bücher, in welche die »Elemente«
*Euklids* zerfallen, findet sich bei *Cantor* (Gesch. d. Mathematik
Bd. I. S. 221-252)[376]. Das 1. Buch handelt von den Linien, Dreiecken
und Parallelogrammen. Den Abschluß bildet der pythagoreische Lehrsatz.
Das 2. Buch gipfelt in der Aufgabe, für jede gegebene, geradlinige
Figur ein gleich großes Quadrat zu zeichnen. Im folgenden Buch wird
dann die Lehre vom Kreise behandelt. Das vierte handelt von den ein-
und umgeschriebenen Vielecken. Die Konstruktion des Fünfecks macht
die Anwendung des goldenen Schnitts erforderlich. Das 6. Buch ist
dadurch besonders fesselnd, daß uns darin die erste Lösung einer
Maximum-Aufgabe begegnet. Es wird nämlich gezeigt, daß x(a - x) seinen
größten Wert erhält, wenn x = a/2 wird.
Im 7., 8. und 9. Buche findet sich die Lehre von den Zahlen. Begonnen
wird mit teilerfremden Zahlen und solchen, die ein gemeinsames Maß
besitzen. Die Auffindung geschieht wie heute durch fortgesetzte Teilung
des letztmaligen Divisors durch den erhaltenen Rest. Ferner werden die
Proportionen und die Primzahlen untersucht und z. B. bewiesen, daß es
unendlich viele Primzahlen gibt. Dann lehrt *Euklid* die Summierung der
geometrischen Reihe und befaßt sich mit Untersuchungen über irrationale
Zahlen. Das 12. Buch handelt von der Pyramide, dem Kegel, dem Zylinder
und der Kugel. *Euklid* läßt den Zylinder durch Drehung eines Rechtecks
um eine feststehende Seite und den Kegel, sowie die Kugel durch eine
entsprechende Drehung eines Dreiecks bzw. eines Halbkreises entstehen.
Er erwähnt zwar, daß sich die Inhalte von Kugeln wie die Kuben ihrer
Durchmesser verhalten, den Inhalt der Kugel vermochte jedoch erst
*Archimedes* zu bestimmen. Auch findet sich bei *Euklid* schon die
Bemerkung, daß man durch den schrägen Schnitt eines Zylinders oder
eines Kegels eine wie ein Schild aussehende Kurve (die Ellipse)
erhalte[377].
Das 13. Buch endlich handelt von den Polyedern, die sich aus
regelmäßigen Vielecken bilden lassen. Es schließt mit der Bemerkung,
daß es nur fünf regelmäßige Polyeder geben könne, nämlich das
Tetraeder, das Oktaeder und das Ikosaeder, die von Dreiecken begrenzt
sind, den Würfel und das von Fünfecken eingeschlossene Dodekaeder[378].
Die Klarheit und die strenge Form der Beweisführung, die *Euklid*
geschaffen, sind den späteren griechischen Mathematikern eigen
geblieben. Doch fehlt ihnen meist noch der Sinn für eine allgemeinere
Fassung der Probleme. Soviel Fälle bezüglich der Lage von Linien
in einer Aufgabe möglich sind, soviel Probleme waren auch für die
griechische Mathematik vorhanden[379]. Daher sehen wir oft ihre
hervorragendsten Schöpfer sämtliche, mitunter sehr zahlreichen Fälle
eines Problems erledigen, ohne durch eine Erweiterung der Begriffe zu
allgemeineren Sätzen zu gelangen. Daß der neueren Mathematik in dieser
Hinsicht gelang, was der griechischen versagt blieb, liegt daran, daß
erst in der viel später entstehenden Verknüpfung der Geometrie mit der
Algebra ein Mittel zur allgemeineren Lösung mathematischer Aufgaben
gewonnen wurde.
Die Bedeutung der *Euklid*ischen »Elemente« wird durch folgende Worte
treffend gekennzeichnet: »Was der Alexandriner *Euklid* um 300 vor
Beginn unserer Zeitrechnung schrieb, ist auch heute in Form und Inhalt
der eiserne Bestand der Schulmathematik. Nur wenig Zusätze sind dem
Euklidischen System eingegliedert worden. Stolzer als ein Denkmal
von Stein, schärfer und reiner in der Linienführung als irgend ein
Kunstwerk, hat es sich der Jetztzeit erhalten. Was der junge Grieche
durchdenken, lernen und üben mußte, das arbeitet mit gleicher Andacht
heute der strebsame Schüler durch[380].«
*Euklid* hatte das mathematische Wissen seiner Zeit in ein System
gebracht[381]. Er hatte zwar viel Eigenes hinzugefügt. Der weitere
Ausbau und die Erschließung neuer Gebiete erfolgte jedoch durch
*Archimedes*. In ihm begegnet uns der genialste Mathematiker des
Altertums. Zwischen *Aristoteles*, dem Hauptrepräsentanten des
vorigen Zeitabschnitts, und *Archimedes* liegt ein Zeitraum von
etwa hundert Jahren. Dieser Zeitraum ist geschichtlich dadurch von
Bedeutung, daß seit dem Eroberungszuge *Alexanders* der Orient mit
den Völkern des Mittelmeeres in die engste Fühlung kam, während
gleichzeitig ein neues Reich, dasjenige der Römer, zunächst das
westliche Mittelmeerbecken, später aber die gesamte alte Kulturwelt
zu umfassen strebte. Eine ähnliche Expansivkraft entfaltete auf dem
Gebiete der Kunst und der Wissenschaft das Griechentum, das überall,
im fernen Orient, in Ägypten, in Italien, ja selbst an den Küsten
des westlichen Mittelmeeres seine Stützpunkte fand. Griechentum und
Römerherrschaft sollten dann im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte
die Bindemittel abgeben, welche die so verschiedenartigen Völker
Südeuropas, Vorderasiens und Nordafrikas bis zu einem gewissen Grade
zu einer staatlichen, geistigen und Handelsgemeinschaft verband, einer
Gemeinschaft, welche den Boden für die so überraschend schnelle, alles
bezwingende Ausbreitung des Christentums bereiten half.
Das Leben und die Bedeutung des Archimedes.
Bevor wir uns mit dem weiteren Ausbau der reinen und der angewandten
Mathematik durch *Archimedes* beschäftigen, wollen wir uns in aller
Kürze die bisherige Entwicklung der Mathematik vergegenwärtigen und
dann einen Blick auf die Lebensverhältnisse des großen Mathematikers
werfen.
Überwog im 4. Jahrhundert v. Chr. noch der philosophierende, auf die
Entwicklung von umfassenden Lehrsystemen gerichtete Grundzug des
griechischen Geistes, so tritt uns in dem auf *Alexander den Großen*
folgenden Zeitabschnitt mehr die Richtung auf das Empirische und
Nützliche, in Verbindung mit einer raschen Entwicklung der Mathematik
und einer Beschränkung der Spekulation auf ein bescheideneres Maß,
entgegen. Neben den Forderungen des praktischen Lebens (Handel,
Vermessungen usw.) waren es drei Probleme der reinen Wissenschaft,
welche die Mathematik bei den Griechen schon vor *Archimedes*[382]
auf eine ungewöhnliche Höhe gebracht hatten. Es waren dies die
Quadratur des Kreises, die Würfelverdoppelung und die Dreiteilung des
Winkels. So hatten die vergeblichen Versuche, den Kreis zu quadrieren,
*Hippokrates* zur Auffindung des Satzes geführt, der noch jetzt
unter dem Namen der Lunulae (kleine Monde) Hippokratis bekannt ist.
*Hippokrates*[383] hatte mit Hilfe des erweiterten pythagoreischen
Lehrsatzes bewiesen, daß sich zwei von krummen Linien begrenzte Flächen
auf ein aus geraden Linien gebildetes Flächenstück zurückführen
lassen[384]. Die Würfelverdoppelung oder das Delische Problem forderte,
die Seite (a) eines Würfels zu finden, der doppelt so groß ist wie ein
gegebener Würfel. Anders ausgedrückt, wenn x^3 = 2a^2 gegeben ist, soll
x durch Konstruktion gefunden werden. Das Bemühen, dies Problem zu
lösen, wurde durch die Auffindung einer Anzahl neuer Kurven (Cissoide,
Konchoide, Kegelschnitte) belohnt. Auch das Problem der Dreiteilung
des Winkels führte zur Auffindung neuer, bestimmte Eigenschaften
aufweisender und auf Grund derselben konstruierbarer, krummer Linien.
Eine Zusammenfassung der mathematischen Kenntnisse der Griechen
erfolgte durch *Euklid*, von dem zu Beginn des vorigen Abschnitts die
Rede gewesen ist.
[Illustration: Abb. 17. Vorrichtung zum Heben großer Lasten.]
Über *Archimedes* ist wenig Zuverlässiges bekannt. Er wurde um 287 v.
Chr. in Syrakus geboren, gehört also in die für Sizilien so bewegte
Zeit der großen Entscheidungskämpfe, welche Rom und Karthago um die
Weltherrschaft führten. Die Geschichtsschreiber dieser Periode,
*Livius*, *Polybios* und *Plutarch*, sind es auch, denen wir die
meisten Nachrichten über *Archimedes* verdanken. Was diese und andere
über ihn erzählen, setzt sich indessen zum großen Teil aus Anekdoten
zusammen, mit denen das Altertum das Leben seiner berühmten Männer,
insbesondere seiner hervorragenden Denker, auszuschmücken liebte.
*Archimedes* war nach *Plutarch*[385] ein Verwandter *Hierons* II., des
Tyrannen von Syrakus. Sein Vater war Astronom und machte ihn sehr früh
mit astronomischen Beobachtungen vertraut. *Archimedes* lebte, ohne
ein öffentliches Amt zu bekleiden, ganz der Wissenschaft. Eine Zeitlang
hielt er sich in Ägypten auf. Dort war nach dem Tode *Alexanders des
Großen* in der alexandrinischen Akademie, zu der man *Archimedes*
rechnen kann, eine Stätte hellenischer Weisheit emporgeblüht, die
berufen war, in den nachfolgenden Jahrhunderten die Fackel der
Wissenschaft hochzuhalten. Die alexandrinische Schule soll deshalb
auch noch in einem späteren Abschnitt Gegenstand der Betrachtung sein.
In Alexandrien zählte *Archimedes* zu den Schülern des Mathematikers
*Konon*. Diesem soll *Archimedes* auch nach seiner Rückkehr nach
Syrakus, wo er den größten Teil seines Lebens zubrachte, Schriften
zur Durchsicht geschickt haben, auch stand er mit ihm in regelmäßigem
brieflichen Verkehr. Seine Beziehungen zu den syrakusanischen
Machthabern veranlaßten ihn, sein außerordentliches Geschick in
mechanischen Dingen auf die Vervollkommnung der Schleuderwerkzeuge und
anderer Kriegsgeräte zu verwenden. Die Alten schrieben *Archimedes* die
Erfindung zahlreicher Maschinen zu. Unter diesen werden der Flaschenzug
und die Archimedische Schraube genannt. Letztere findet noch heute in
Ägypten zum Bewässern der dem Nil benachbarten Ländereien Verwendung.
Bei manchen Angaben, insbesondere denjenigen, die sich auf die von
*Archimedes* geleitete Verteidigung seiner Vaterstadt beziehen, ist es
nicht leicht, Wahrheit und Irrtum voneinander zu scheiden. *Archimedes*
dürfte z. B. wohl selbst die Wirkung der Brennspiegel besser gekannt
haben als die späteren Schriftsteller, die ihm das Unmögliche
zuschrieben, er habe die Schiffe der Belagerer mit Brennspiegeln in
Brand gesetzt. Es wird ferner erzählt, *Hieron* habe ihn aufgefordert,
vermittelst einer geringen Kraft eine große Last zu bewegen. Dies
habe *Archimedes* zur Erfindung des Flaschenzuges geführt, mit dem
er dann vor den Augen des erstaunten Königs eine schwer beladene
Triëre ohne Anstrengung an das Land zog. Vielleicht hat *Archimedes*
auch zu diesem Zwecke die Schraube ohne Ende in Verbindung mit einer
Zahnradübersetzung benutzt[386], einen Apparat, den uns die vorstehende
Abbildung vorführt.
Große Bewunderung erregte ferner eine Art Planetarium, das *Archimedes*
konstruierte. Im Mittelpunkt befand sich die Erde. Mond, Sonne und
Planeten wurden durch einen, wahrscheinlich hydraulisch betriebenen,
Mechanismus um den Zentralkörper herumgeführt. *Cicero* erwähnt dieses
Kunstwerk, das als Vorbild für die im Mittelalter (z. B. an der Uhr des
Straßburger Münsters) entstandenen Planetarien diente[387].
Ausführlicher lauten die Berichte über die letzten Lebensjahre des
*Archimedes*, da sie in die Zeit der Belagerung von Syrakus fallen.
Hierbei hat *Archimedes*, den Nachrichten der Geschichtsschreiber[388]
zufolge, eine wichtige Rolle gespielt und schließlich ein trauriges
Ende gefunden. Auch bezüglich der über diese Begebenheit auf uns
gelangten Nachrichten sind Wahrheit und Dichtung vermengt. Der
zweite punische Krieg, der über das Schicksal Siziliens entscheiden
sollte, hatte im Jahre 218 v. Chr. mit einem Siegeslauf Hannibals
begonnen, wie ihn die Welt seit den Tagen Alexanders nicht gesehen.
Bald jedoch wandte sich das Glück, und während Hannibal sich nur
durch geschickte Züge in Italien zu halten wußte, brachten die Römer
eine Stadt Siziliens nach der andern zu Fall, bis sich endlich die
ganze Insel in ihren Händen befand. Am meisten Schwierigkeiten
bereitete dem römischen Feldherrn *Marcellus* die Stadt Syrakus.
Daß sie viele Monate der Belagerung zu trotzen vermochte, wird vor
allem den Verteidigungsmaßregeln des *Archimedes* zugeschrieben.
Wurfmaschinen von ganz hervorragender Wirkung und Treffsicherheit, die
nach *Plutarch* Steinblöcke von Zentnerschwere auf große Entfernung
schleuderten, schreckten die Stürmenden zurück. Dem Angriff der Flotte
suchte man mit Feuerbränden zu begegnen. Spätere Berichterstatter
haben daraus die erwähnte, völlig unglaubwürdige Erzählung gemacht,
*Archimedes* habe die Schiffe der Belagerer mit Hilfe von Hohlspiegeln
in Brand gesetzt.
Als endlich die Römer Syrakus einnahmen und die Soldaten, voll Wut
über die erlittenen Mühsale und Verluste, ein furchtbares Gemetzel
anstellten, zählte *Archimedes* zu den Opfern. Über sein Ende, das
*Marcellus* sehr betrübt haben soll, lauten die Berichte verschieden.
Am bekanntesten ist die Erzählung, *Archimedes* sei, in Nachdenken über
ein mathematisches Problem versunken, von einem römischen Soldaten
niedergestoßen worden. Seine letzten Worte sollen »Noli turbare
circulos meos« gelautet haben. Das Grab des Gelehrten wurde mit einem
Stein geschmückt, in den die von dem Zylinder eingeschlossene Kugel
eingemeißelt war. So soll *Archimedes* es selbst gewünscht haben, ein
Zeichen, welchen Wert er auf seine Entdeckung legte, daß der Inhalt der
Kugel zum Inhalt des umschließenden Zylinders sich wie 2 : 3 verhält.
Dieses Grabmal, das *Marcellus* errichten ließ, wurde später von
*Cicero* in einem sehr vernachlässigten Zustande wieder aufgefunden und
der Vergessenheit entrissen[389].
Seine Bewunderung für den größten Mathematiker des Altertums hat
*Cicero* in die Worte gekleidet, *Archimedes* habe mehr Genie
besessen, als mit der menschlichen Natur verträglich zu sein
scheine[390]. An Vielseitigkeit und Genialität kann ihm unter den
Neueren vielleicht nur *Gauß* an die Seite gestellt werden[391].
Die Probleme, welche etwa 100 Jahre nach *Aristoteles* den *Archimedes*
beschäftigten, betrafen insbesondere das Gebiet der Statik. Sie
wurden nach echt naturwissenschaftlichem Verfahren, d. h. gestützt
auf Versuche und mathematische Ableitung und deshalb mit dem besten
Erfolge, behandelt. Seine Werke sind daher als das hervorragendste
Erzeugnis des griechischen Geistes auf exaktem Gebiete zu bezeichnen.
Es scheint kein Zufall zu sein, daß diese Werke nicht in dem vorwiegend
der Kunst und der Philosophie zugewandten Mutterlande, sondern in
Großgriechenland entstanden sind, wo der Handel blühte und eine
gewisse, die forschende Tätigkeit begünstigende Nüchternheit des
Verstandes vorherrschte.
Die griechische Mathematik erreicht in Archimedes und in Apollonios
ihren Höhepunkt.
Die wissenschaftliche Bedeutung des *Archimedes*[392] ist in gleicher
Weise auf den Gebieten der reinen Mathematik und der Mechanik zu
suchen. Außer dem soeben erwähnten, wichtigen Satze über den Inhalt der
Kugel und des sie umschließenden Zylinders, deren Oberflächenverhältnis
er gleichfalls auffand, lieferte *Archimedes* eine Arbeit über die
Kreismessung, die eine Berechnung der Zahl π enthält. Diese Arbeit
ist, sowohl nach ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Geometrie,
als auch für die Geschichte der Rechenkunst, von Wichtigkeit. Sein
Verfahren ist das in der elementaren Geometrie noch jetzt gelehrte.
Ausgehend von dem Satze, daß der Umfang des Kreises kleiner als der
Umfang des umschriebenen und größer als derjenige des eingeschriebenen
regelmäßigen Vielecks ist, berechnet *Archimedes* als Grenzwerte für
π die Zahlen 3,141 und 3,142. Es sind dies die Werte, die sich für den
Umfang des ein- und umgeschriebenen regelmäßigen 96-Ecks ergeben. Das
erwähnte Verfahren wird als Exhaustionsverfahren bezeichnet, könnte
aber auch die Integrationsmethode der alten Mathematik genannt werden.
Aus dem Bestreben, bei derartigen Aufgaben die Grenzwerte beliebig nahe
zu rücken, ohne dazu umständliche, zeitraubende Berechnungen nötig zu
haben, ist im 17. Jahrhundert die Infinitesimalrechnung erwachsen.
Auch mit isoperimetrischen Problemen, d. h. Aufgaben, bei denen
es sich um die Bestimmung größter oder kleinster Werte handelt,
beschäftigte sich schon das Altertum. So war schon vor *Aristoteles*
bekannt, daß der Kreis unter allen Flächen gleichen Umfangs den größten
Flächeninhalt und die Kugel unter allen Körpern von gleicher Oberfläche
den größten Rauminhalt besitzt[393].
Das Exhaustionsverfahren wurde von den Alten nicht nur auf krummlinige
Figuren, sondern auch auf Flächen und auf Raumgebilde angewandt.
Das Verfahren lief stets darauf hinaus, den Unterschied zwischen
der zu messenden Linie, Fläche oder Raumgröße und den diesen Formen
sich nähernden, leicht zu berechnenden Hilfsgebilden immer kleiner
zu machen. Man erhielt eine noch größere Sicherheit, wenn man zwei
Hilfsgebilde, z. B. das ein- und umgeschriebene Polygon beim Kreise,
wählte und auf diese Weise zwei Grenzwerte für die zu messende
Größe ermittelte. Was den Inhalt des Kreises anbetrifft, so bewies
*Archimedes*, daß er gleich demjenigen eines rechtwinkeligen Dreiecks
ist, dessen eine Kathete gleich dem Halbmesser und dessen andere gleich
dem Umfang des Kreises ist.
Die Behandlung ebener Figuren wurde von *Archimedes* jedoch über das
Gebiet der elementaren Mathematik hinausgeführt, indem er den Inhalt
der Parabel und der Ellipse berechnen lehrte und die Eigenschaften von
Kurven höherer Ordnung, wie der Spiralen, ermittelte. Mit Hilfe der
soeben besprochenen Exhaustionsmethode wies *Archimedes* z. B. nach,
daß das Parabelsegment 4/3 eines Dreiecks von gleicher Grundlinie und
Höhe beträgt. Für die Ellipse zeigte er, daß sich ihre Fläche zur
Fläche eines mit der großen Achse als Durchmesser geschlagenen Kreises
wie die kleine Achse zur großen Achse verhält usw. Die merkwürdigste
Schrift über die Kurven ist sein Buch von den Schneckenlinien. Die nach
ihm als archimedische Spirale bezeichnete Schneckenlinie definiert
er mit folgenden Worten: »Wenn eine gerade Linie in einer Ebene um
einen ihrer Endpunkte, der unbeweglich bleibt, mit gleichförmiger
Geschwindigkeit sich dreht, und wenn gleichzeitig in der bewegten
Linie ein Punkt vom unbewegten Endpunkte aus sich gleichförmig bewegt,
so beschreibt dieser Punkt eine Schneckenlinie.« Eine derartige,
zuerst bei *Hippias* anzutreffende Verbindung von zwei bestimmt
gekennzeichneten Bewegungen stellte eine nicht geringe Bereicherung der
Wissenschaft dar[394].
Auch gelang es *Archimedes*, durch ein ähnliches Verfahren, wie
er es beim Kreise und bei der Parabel anwandte, die Quadratur der
Schneckenlinie zu finden. Sogar das Tangentenproblem vermochte er für
diese Kurve zu lösen, indem er zeigte, wie die Berührungslinie an
irgend einen ihrer Punkte gezogen werden kann.
Daß *Archimedes* sich schon einer Methode bediente, die in ihrem Wesen
unserem heutigen Integrationsverfahren entsprach, läßt sich noch
deutlicher, als aus den hier besprochenen Werken, aus der vor kurzem
durch *Heiberg* entdeckten Methodenlehre (Ephodion) ersehen[395].
Es hat den Anschein, als ob *Archimedes* die im Ephodion enthaltene
Infinitesimalmethode gewissermaßen nur zu seinem Privatgebrauch
entwickelt hätte, weil die Anwendung der Unendlichkeitsbegriffe bei
den Mathematikern, welche die Einwände der Philosophen fürchteten,
verpönt war. Als vollgültig wurde für die hier in Betracht kommenden
Probleme nur das Exhaustionsverfahren angesehen. In dieses kleidete
*Archimedes*, offenbar der herrschenden Schule zuliebe, Sätze,
die er zunächst ausgehend von der Mechanik oder mit Hilfe seiner
Infinitesimalmethode gefunden hatte. Als Beispiel dafür verdient
der Satz vom Zylinderhuf genannt zu werden[396]. Für diesen gibt
*Archimedes* einen mechanischen Beweis, einen Beweis nach dem
Exhaustionsverfahren und einen solchen mit Hilfe seiner jetzt bekannt
gewordenen Infinitesimalmethode. Letztere bestand darin, daß er die
Flächen auf Gerade und die Körper auf Flächen zurückführte, wie es
unter den neueren Mathematikern zuerst *Cavalieri* getan. Erläutert
wird die neue Methode unter anderem an dem Satz vom Flächeninhalt
des Parabelsegments und an mehreren Sätzen über Volum- und
Schwerpunktsbestimmungen.
Ein Buch des *Archimedes* über das Siebeneck im Kreise und ein anderes
über die Berührung von Kreisen sind leider verlorengegangen. Von
hervorragender Wichtigkeit sind die erhalten gebliebenen archimedischen
Schriften über die Kugel und den Zylinder. Es wird darin bewiesen,
daß die Kugeloberfläche dem Vierfachen ihres größten Kreises gleich
ist (O = 4 r^2 π). Ferner wird die Oberfläche der Kalotte oder des
Kugelabschnittes berechnet. Und endlich wird gezeigt, daß ein Zylinder,
der zur Grundfläche einen größten Kreis der Kugel, zur Höhe aber den
Durchmesser der Kugel hat, mit anderen Worten, daß ein der Kugel
umschriebener Zylinder seinem Inhalt nach sich zur Kugel selbst wie 3 :
2 verhält. Die Oberfläche dieses Zylinders fand *Archimedes* gleich dem
Anderthalbfachen der Kugeloberfläche. Die betreffende Figur hat nicht
nur auf seinem Grabstein Platz gefunden. Sie erhielt sich auch auf
Münzen der Stadt Syrakus.
Seine Untersuchungen über die Kugel führten *Archimedes* endlich noch
auf die Rotationskörper, welche durch die Umdrehung von Kegelschnitten
entstehen, seine Konoide und Sphäroide. Auch in diesen Fällen bediente
er sich der Exhaustionsmethode, indem er die zu kubierenden Körper in
Scheiben von gleicher Dicke zerlegte und die ein- und umgeschriebenen
Zylinder summierte. Die erhaltenen Summen stellen Grenzwerte dar, die
sich dem zu ermittelnden Rauminhalt um so mehr nähern, je geringer der
Abstand der Schnitte ist.
Über die Kegelschnitte hatte schon *Euklid* geschrieben. Doch hat sich
um die Begründung dieses Gegenstandes keiner unter den alexandrinischen
Mathematikern ein so großes Verdienst erworben wie *Apollonios* von
Pergä. Er war ein Zeitgenosse von *Archimedes* und *Eratosthenes*.
Seine Werke entstanden in der Zeit von 240-200 v. Chr. Erhalten ist
nur das bedeutendste, als κωνικά (Kegelschnitte) bezeichnete Werk. In
diesem zeigte *Apollonios*, daß die als Ellipse, Parabel und Hyperbel
bezeichneten Kurven auf der Oberfläche eines Kegels entstehen, wenn
durch letzteren Ebenen gelegt werden. Auch das schwierige Gebiet
der Asymptoten, die sich den Ästen der Hyperbel nähern, ohne sie zu
schneiden, hat *Apollonios* erschlossen. Seine acht Bücher über die
Kegelschnitte[397] erregten nicht nur bei den Zeitgenossen, sondern
auch bei den späteren Geschlechtern die größte Bewunderung, wenn auch
von einigen Verkleinerern dem *Apollonios* mit Unrecht vorgeworfen
wurde, daß er sich zu sehr auf die von *Euklid* und *Archimedes*
geschaffenen, indes verlorengegangenen Vorarbeiten über diesen
Gegenstand gestützt habe[398]. Besteht doch eine grundlegende Neuerung
des *Apollonios* schon darin, daß er sich nicht wie seine Vorgänger
auf den geraden Kegel beschränkte, sondern nachwies, daß alle Schnitte
auch an dem schiefen Kegel hervorgebracht werden können. Auch war
er der erste, welcher an den Kegelschnitten die Mehrzahl derjenigen
Eigenschaften nachwies, die man heute aus den Gleichungen dieser Kurven
ableitet. Der Inhalt seines Werkes ist der Hauptsache nach folgender.
Zunächst wird der Kegel als die Oberfläche definiert, welche durch
eine Linie entsteht, wenn man sie in einer Kreisperipherie herumführt,
während diese Linie zugleich durch einen festen, außerhalb der Ebene
des Kreises liegenden Punkt geht. Jeder Schnitt, welcher durch den
festen Punkt geht, erzeugt ein Dreieck. Liegt in der Schnittebene
auch die Verbindungsgrade zwischen dem Mittelpunkt des Kreises und
dem festen Punkt, welcher die Spitze des Kegels bildet, so nennt man
das entstandene Dreieck, weil es jene Verbindungsgrade oder die Achse
enthält, ein Achsendreieck. Neue Schnittebenen liefern dann, je nach
ihrer Richtung, die verschiedenen Kegelschnittkurven auf der Oberfläche
des Kegels. Es werden sodann Betrachtungen über konjungierte
Durchmesser, über die Tangente an irgendeinen Punkt des Kegelschnittes,
sowie über die Asymptoten der Hyperbel angestellt. Eingehend wird auch
von denjenigen Punkten gehandelt, die wir heute als die Brennpunkte
der Kegelschnitte bezeichnen. Bewiesen wird der wichtige Satz über
die Gleichheit der Winkel, welche die Normallinie mit den beiden
Brennstrahlen des Berührungspunktes bildet, sowie auch der Satz von
der Konstanz der Summe, bzw. der Differenz der Brennstrahlen. Die
betreffenden Abschnitte des Werkes enthalten also fast sämtliche
grundlegenden Sätze der Lehre von den Kegelschnitten.
Auf dem Satz, daß die Summe der Brennstrahlen gleich der großen
Achse ist (r + r' = 2a), beruht bekanntlich die gebräuchliche
Fadenkonstruktion der Ellipse. Dies Verfahren findet sich jedoch
noch nicht bei *Apollonios*, sondern es kam erst weit später auf.
Hinsichtlich der Hyperbel sei bemerkt, daß man vor *Apollonios* die
Zusammensetzung der Kurve aus zwei Ästen nicht kannte, sondern die
Untersuchungen immer nur an einem Ast anstellte. *Apollonios* selbst
führte den zweiten Ast noch unter einem besonderen Namen auf. Die
Quadratur der Hyperbel gelang den alten Mathematikern nicht. Sie
erfolgte erst, als im 17. Jahrhundert neuere, die höhere Mathematik
ausmachende Methoden gefunden waren.
Den Höhepunkt des Werkes bildet das Buch, das von größten und
kleinsten Werten handelt, die in Verbindung mit den Kegelschnitten
auftreten[399]. Insbesondere sind es Untersuchungen über die längsten
und kürzesten Linien, die von irgendeinem Punkte der Ebene an einen
Kegelschnitt gezogen werden können.
Infinitesimalbetrachtungen, die sich schon bei *Euklid* und
*Archimedes* finden, vermochten die Alten noch nicht zu einer
allgemeinen Methode zu erweitern. Die alte Mathematik hat vielmehr
in den Werken des *Archimedes* und des *Apollonios* das erreicht,
was ohne den Besitz der Infinitesimalmethode und des analytischen
Kalkuls, die erst im 16. und 17. Jahrhundert zu allgemeinerer Anwendung
gelangten, zu erreichen möglich war[400]. Mit der Lehre von den
Kegelschnitten wurde für die spätere Entwicklung der Astronomie und
der Mechanik eine wichtige Grundlage geschaffen. Das gleiche gilt
auch von der Trigonometrie, die aus den Bedürfnissen der Astronomie
entsprang und von den späteren Alexandrinern begründet wurde. Wie wir
später sehen werden, konnte *Aristarch*, als er den Sonnenabstand aus
gegebenen Stücken eines Dreiecks ohne die Hilfsmittel der Trigonometrie
berechnete, die gesuchte Größe nur auf umständlichem Wege durch
Näherungswerte bestimmen.
Anhangsweise sei hier noch eine Schrift des *Archimedes* erwähnt, die
früher viel gelesen wurde und auch heute noch Beachtung verdient. Es
ist dies seine »Sandesrechnung«. Zum Verständnis der in dieser Schrift
gelösten Aufgabe müssen wir vorausschicken, daß die Griechen etwas
unserem heutigen Ziffernsystem Entsprechendes noch nicht besaßen. Die
Zahlen wurden durch Buchstaben bezeichnet. Größere Zahlen zu schreiben,
war daher sehr unbequem, weil man das Prinzip des Stellenwertes, das
erst durch Vermittlung der Araber aus dem Orient nach Europa gelangte,
noch nicht kannte und auch noch kein Zeichen für die Null besaß. Es ist
erstaunlich, wie weit es die Alten trotzdem in der Arithmetik gebracht
haben. Wagte sich *Archimedes* doch sogar an die geometrische Reihe 1,
1/4, 1/16, 1/64..., deren Summe er gleich 4/3 fand. Sie diente ihm bei
der Berechnung der Fläche des Parabelabschnittes. Auch vermochte er es
schon, schwierige Quadratwurzeln zu berechnen[401].
In der Sandesrechnung[402] wird gezeigt, daß sich jede, noch so
große Menge durch eine Zahl ausdrücken läßt. Indem *Archimedes* die
Abmessungen der aristarchischen Fixsternsphäre zugrunde legt, berechnet
er, wieviel Sandkörner von bestimmter Größe darin Platz finden können.
Die meisten Sternkundigen verstanden zur Zeit des *Archimedes* unter
dem Ausdruck Welt eine Kugel, deren Zentrum der Mittelpunkt der Erde
und deren Radius eine gerade Linie zwischen den Mittelpunkten von Erde
und Sonne ist. In seiner Schrift »Wider die Sternkundigen«, so erzählt
uns *Archimedes*, suchte nun *Aristarch* von Samos zu beweisen, daß
die Welt ein Vielfaches der oben bezeichneten Kugel ist. Er sei zu
der Annahme gelangt, die Fixsterne samt der Sonne seien unbeweglich,
die Erde aber werde in einer Kreislinie um die Sonne, die inmitten
der Erdbahn stehe, herumgeführt. »Der Durchmesser der Fixsternkugel
möge sich«, sagt *Archimedes*, »zu demjenigen der Welt (in dem zuerst
erwähnten Sinne) verhalten, wie der letztere zum Durchmesser der
Erde.« Er behauptet dann, wenn es auch eine Sandkugel gäbe von der
Größe dieser aristarchischen Fixsternsphäre, so lasse sich doch eine
Zahl angeben, deren Größe selbst die Menge der Körner in der gedachten
Kugel übertreffe. Nach einigen Voraussetzungen über den Umfang der
Erde, das Größenverhältnis von Erde und Sonne, aus dem, nach Bestimmung
des scheinbaren Sonnendurchmessers, die Entfernung der Sonne zu 10000
Erdhalbmessern ermittelt wird, berechnet *Archimedes* die Zahl der
Sandkörner, die innerhalb der Fixsternsphäre Platz finden, auf 10^{63}
oder 1000 Dezillionen.
Archimedes entwickelt die Prinzipien der Mechanik.
An hervorragenden Mathematikern besaß das Altertum keinen Mangel. Wir
brauchen neben *Archimedes* nur *Euklid* und *Apollonios* zu nennen.
Es gab aber niemanden bis in die neuere Periode der Geschichte der
Wissenschaften, der ähnliche Leistungen auf dem Gebiete der Mechanik
vollbracht hätte wie *Archimedes*. Letzterer muß als der Hauptbegründer
dieser Wissenschaft bezeichnet werden. Es sind die wichtigsten Sätze
vom Hebel, vom Schwerpunkt und aus der Hydrostatik, die uns bei
*Archimedes*, zum ersten Male klar ausgedrückt, begegnen. Die Gesetze
vom gleicharmigen Hebel spricht *Archimedes* in folgenden Worten aus:
a) Gleich schwere Größen, in ungleichen Entfernungen wirkend, sind
nicht im Gleichgewicht, sondern die in der größeren Entfernung wirkende
sinkt.
b) Ungleich schwere Größen sind, bei gleichen Entfernungen, nicht im
Gleichgewicht, sondern die schwerere wird sinken.
c) Wenn ungleich schwere Größen in ungleichen Entfernungen im
Gleichgewicht sind, so befindet sich die schwerere in der kleineren
Entfernung.
d) Ungleiche Gewichte stehen im Gleichgewicht, sobald sie ihren
Entfernungen umgekehrt proportional sind.
An den letzten, das Hebelgesetz zum Ausdruck bringenden Satz knüpft
sich das *Archimedes* zugeschriebene Wort: »Gib mir einen Ort, wo ich
mich hinstellen kann, und ich will die Erde bewegen[403].«
Die Schwerpunktsbestimmungen dehnt *Archimedes* im zweiten Teile
der Abhandlung vom Gleichgewicht[404] sogar auf das Parabelsegment
aus, nachdem er zuvor die Quadratur der Parabel gelehrt hat. In
den Büchern, die von den schwimmenden Körpern handeln, leitet er
aus den Grundeigenschaften der Flüssigkeiten, nämlich der leichten
Verschiebbarkeit ihrer Teilchen und der Druckfortpflanzung, eine Reihe
von Sätzen ab, von denen die wichtigsten folgendermaßen lauten:
a) Die Oberfläche einer jeden zusammenhängenden Flüssigkeit im Zustande
der Ruhe ist sphärisch, und ihr Mittelpunkt fällt mit dem Mittelpunkt
der Erde zusammen.
b) Feste Körper, die bei gleichem Rauminhalt einerlei Gewicht mit einer
Flüssigkeit haben, sinken, in diese eingetaucht, so weit ein, daß
nichts von ihnen über die Oberfläche der Flüssigkeit hervorragt.
c) Jeder feste Körper, der leichter ist als eine Flüssigkeit und in
diese eingetaucht wird, sinkt so tief, daß die Masse der Flüssigkeit,
die dem eingesunkenen Teil an Volumen gleich ist, ebensoviel wiegt wie
der ganze Körper.
d) Wenn Körper, die leichter sind als eine Flüssigkeit, in diese
eingetaucht werden, so erheben sie sich wieder mit einer Kraft, die
gleich ist dem Gewichte des dem Körper gleichen Volumens Flüssigkeit,
vermindert um das Gewicht des Körpers selbst.
e) Feste Körper, die bei gleichem Rauminhalt schwerer als eine
Flüssigkeit sind und in diese eingetaucht werden, sinken, solange sie
noch tiefer kommen können, und werden in der Flüssigkeit um so viel
leichter, wie das Gewicht einer Masse Flüssigkeit von der Größe des
eingetauchten Körpers beträgt.
Das zuletzt erwähnte Gesetz, das archimedische Prinzip, ist für die
Mechanik der Flüssigkeiten von derselben fundamentalen Bedeutung wie
das Hebelgesetz für die Mechanik der festen Körper[405]. Auf das
nach ihm benannte hydrostatische Prinzip soll *Archimedes* nach der
Erzählung des *Vitruv*[406] durch einen besonderen Anlaß gekommen
sein. Danach hatte *Hieron* aus einer abgewogenen Menge Gold einen
Kranz anfertigen lassen. Als man ihm nun hinterbrachte, daß ein Teil
des Goldes unterschlagen und durch Silber ersetzt worden sei, wurde
*Archimedes* zu Rate gezogen, um den Betrug nachzuweisen. »Dieser,
eifrig damit beschäftigt,« fährt *Vitruv* fort, »kam zufällig in ein
Bad. Als er dort in die gefüllte Wanne stieg, bemerkte er, daß das
Wasser in gleichem Maße austrat, in welchem er seinen Körper in die
Wanne niederließ. Sobald er auf den Grund dieser Erscheinung gekommen
war, verweilte er nicht länger, sondern sprang, von Freude getrieben,
aus dem Bad und rief, nackend seinem Hause zulaufend, mit lauter
Stimme: Εὕρηκα! εὕρηκα! (Ich habe es gefunden!).«
Die Lösung des von *Hieron* gestellten Problems, der sogenannten
Kronenrechnung, erzählt *Vitruv* mit folgenden Worten: »Dann soll
*Archimedes*, von jener Entdeckung ausgehend, zwei Klumpen von
demselben Gewicht, das der Kranz besaß, den einen von Gold, den andern
von Silber, hergestellt haben. Hierauf füllte er ein weites Gefäß bis
zum obersten Rande mit Wasser und senkte dann den Silberklumpen hinein,
worauf das Wasser in gleichem Maße ausfloß, wie der Klumpen in das
Gefäß getaucht wurde. Nachdem er den Klumpen wieder herausgenommen
hatte, füllte er das Wasser um so viel wieder auf, als es weniger
geworden war, und maß dabei die zugegebene Menge. Daraus ergab sich,
welches Gewicht Silber einem bestimmten Rauminhalt Wasser entspricht.
Nachdem er dies erforscht hatte, senkte er den Goldklumpen in das volle
Gefäß und füllte das verdrängte Wasser vermittelst eines Hohlmaßes
nach. Es ergab sich, daß diesmal von dem Wasser um soviel weniger
abgeflossen war, wie der Goldklumpen einen minder großen Rauminhalt
besaß als ein Silberklumpen von gleichem Gewicht. Nachdem er hierauf
das Gefäß abermals gefüllt und den Kranz selbst in das Wasser
gesenkt hatte, fand er, daß mehr Wasser bei dem Kranze als bei dem
gleichschweren Goldklumpen abfloß, und entzifferte aus dem, was mehr
bei dem Kranze abfloß, die Beimischung an Silber und machte so die
Unterschlagung offenbar.«
Im weiteren Verlaufe seiner Abhandlung über das Schwimmen untersucht
*Archimedes* die Stabilität gewisser schwimmender Körper, wie des
Kugelabschnitts und des parabolischen Konoids, wobei es ihm offenbar
mehr auf eine Betätigung seines mathematischen Geschicks als auf eine
Bereicherung der Mechanik ankam.
Auch mit Schwerpunktsbestimmungen befaßte sich *Archimedes*. So war
ihm bekannt, daß der Punkt, in welchem sich zwei Seitenhalbierende
treffen, der Schwerpunkt des Dreiecks ist. Überhaupt erweisen sich die
mathematischen Hilfsmittel des *Archimedes* den ihn beschäftigenden
mechanischen Problemen gegenüber als der überlegene Teil, während in
der neueren Periode mitunter das umgekehrte Verhältnis obwaltete, so
daß der von *Leibniz* herrührende Ausspruch: »Wer in die Werke des
*Archimedes* eindringt, wird die Entdeckungen der Neueren weniger
bewundern« wohl gerechtfertigt erscheint.
Fortschritte der Optik und Akustik.
Durch die bedeutenden Fortschritte der Mathematik wurden vor allem die
Physik, die Astronomie und die mathematische Geographie gefördert.
Die ältesten Ansichten über den Schall und über das Licht haben
wir bei den Pythagoreern und bei *Aristoteles* kennen gelernt. Den
Alexandrinern, die ja besonders zur Zusammenfassung des Wissens
neigten, verdanken wir die erste zusammenfassende Bearbeitung der
Optik. Diese Bearbeitung wird dem *Euklid* zugeschrieben. Sie erfolgte
in zwei Büchern, der »Optik« und der »Katoptrik«, und ist wohl der
erste Versuch, die Geometrie, unter Benutzung des Satzes von der
geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes und des Reflexionsgesetzes, auf
die Erklärung der scheinbaren Größe, der Gestalt, der Spiegelung und
anderer optischen Erscheinungen anzuwenden[407]. Von Interesse ist
der Satz[408], daß »von Hohlspiegeln, welche gegen die Sonne gehalten
werden, Feuer erzeugt wird«. Doch wird irrtümlich behauptet, die
Entzündung erfolge im Krümmungsmittelpunkt.
[Illustration: Abb. 18. Das Verhalten des Hohlspiegels nach
Euklid[410].]
*Euklid* sucht dies geometrisch durch obige Figur[409] (Abb. 18)
darzutun und bemerkt zu seiner Konstruktion: »Alle Strahlen, die
von der Sonne (Δ Ε Ζ) aus durch das Zentrum Θ des Spiegels (Α Β Γ)
gehen, fallen in das Zentrum Θ zurück. Durch diese Strahlen wird
daher im Zentrum die Sonnenwärme gesammelt und infolgedessen ein dort
befindlicher Körper entzündet.« Die Annahme, daß die Sonnenstrahlen
parallel in den Hohlspiegel fallen, hätte *Euklid* zur Auffindung des
richtigen Verhältnisses leiten müssen. Den Irrtum *Euklids* erkannte
schon *Apollonios*[411].
Die Spiegelung an Konkav- und Konvexspiegeln wird von *Euklid* dahin
erläutert, daß an ihnen, wie an ebenen Spiegeln, die Strahlen unter
gleichen Winkeln zurückgeworfen werden. Zur Erläuterung dient folgende
Abbildung[412]. Auch mit einem der bekanntesten Versuche über die
Brechung des Lichtes war *Euklid* schon vertraut. Er berichtet darüber
mit folgenden Worten[413]: »Legt man einen Gegenstand auf den Boden
eines Gefäßes und schiebt letzteres so weit zurück, daß der Gegenstand
eben verschwindet, so wird dieser wieder sichtbar, wenn wir Wasser in
das Gefäß gießen.«
[Illustration: Abb. 19. Die Spiegelung an einem Konkav- (links) und an
einem Konvex-Spiegel (rechts) nach der Darstellung Euklids.]
Wie die Geometrie von gewissen Grundsätzen ausgeht, die sich auf
wenige Axiome zurückführen lassen, so geht auch die Optik *Euklids*
von einer Anzahl -- es sind acht -- Grunderfahrungen aus, aus denen
*Euklid* seine Theoreme durch geometrische Konstruktion ableitet. Die
wichtigsten der von *Euklid* hervorgehobenen optischen Grundtatsachen
sind die folgenden: Die Lichtstrahlen[414] sind gerade Linien. Die
von den Strahlen eingeschlossene Figur ist ein Kegel, dessen Spitze
im Auge liegt, während der Grundfläche dieses Kegels die Umgrenzung
des gesehenen Gegenstandes entspricht. Unter größerem Winkel gesehene
Gegenstände erscheinen größer als unter kleinerem Winkel gesehene,
oder die scheinbare Größe eines Gegenstandes hängt von dem Sehwinkel ab.
Auch in der Katoptrik wird von bestimmten Erfahrungssätzen -- es sind
deren 7 -- ausgegangen. Aus ihnen werden etwa 30 Theoreme abgeleitet.
Höchstwahrscheinlich sind die optischen Schriften *Euklids* in sehr
verdorbener Gestalt auf uns gekommen. Sie waren indes trotz mancher
Mängel und Unrichtigkeiten bis zur Zeit *Keplers*, der die Optik um ein
Bedeutendes förderte, allgemein im Gebrauch.
Auch mit akustischen Problemen hat man sich in Alexandrien befaßt.
Hatten die Pythagoreer die Erscheinung der Konsonanz und Dissonanz von
Tönen einfach als Tatsache hingenommen, so finden wir bei *Euklid* zum
ersten Male das Bestreben, sich von der Ursache dieser merkwürdigen
Erscheinung Rechenschaft zu geben. Dissonanz ist für ihn die
Unfähigkeit der Töne, sich zu mischen, wodurch der Klang für das Gehör
rauh werde, während konsonierende Töne sich zu mischen vermöchten.
*Euklid* kommt damit vorahnend der später gegebenen Erklärung nahe[415].
Die Grundlagen der wissenschaftlichen Erdkunde.
Im engsten Zusammenhange mit dem Fortschreiten der gesamten
Kultur, der politischen Entwicklung und den übrigen Wissenschaften
erreichte in diesem Zeitalter die Erdkunde eine Höhe, die sie bis
zum Beginn der Neuzeit nicht überschritten hat. Vor allem kommt für
das alexandrinische Zeitalter in Betracht, daß das Verkehrs- und
Nachrichtenwesen den damaligen Gelehrten schon ausgedehnte Reisen
und weitreichende Erkundigungen gestattete. Die Bekanntschaft mit
dem fernen Osten wurde der wissenschaftlichen Erdkunde durch den
Alexanderzug erschlossen. Daß die auf diesem Zuge gesammelten
Erfahrungen die Grundlagen der Pflanzengeographie entstehen ließen,
haben wir schon an früherer Stelle gesehen. Afrika wurde seit der
Ptolemäerzeit immer weiter von Ägypten aus erschlossen. Nach Norden
hatte sich der geographische Gesichtskreis fast bis zum Lande der
Mitternachtssonne erweitert.
Mit den nördlichen Ländern Europas wurde das Altertum besonders durch
die Reisen des Massiliers *Pytheas*, eines Zeitgenossen *Alexanders*
des Großen, bekannt. *Pytheas* unternahm eine Forschungsreise bis zur
Nordspitze Britanniens. Die frühere Annahme, er sei bis nach Island
vorgedrungen, hat man nicht aufrechterhalten können. Jedenfalls
brachte er aber Kunde von der Erscheinung, daß im hohen Norden in
der Mittsommerzeit die Sonne nicht untergehe. Im Zusammenhange damit
erwähnt er das sagenhafte Thule[416].
Der geographische Gesichtskreis der Alten hat sich also von der
südlichen Halbkugel bis zum nördlichen Polarkreis erstreckt[417].
Die Ergebnisse der alten Forschungsreisen waren besonders wertvoll,
wo es sich, wie bei *Pytheas*, um einen Mann handelte, der mit
physikalischen und astronomischen Kenntnissen ausgerüstet war. Leider
sind eigene Schriften von *Pytheas* nicht erhalten und die von ihm
gewonnenen Ergebnisse nur zum geringen Teil durch Fragmente bei anderen
Schriftstellern bekanntgeworden[418].
Verarbeitet wurde das reiche, durch die Züge *Alexanders* und durch
Entdeckungsreisen gleich derjenigen des *Pytheas* gewonnene Material
durch *Dikaiarchos*, einen Schüler des *Aristoteles*, und etwa ein
halbes Jahrhundert später am umfassendsten durch *Eratosthenes*.
*Dikäarch* schätzte die Breite der den Alten bekannten Welt von Meroë
bis zum Polarkreis auf 40000 Stadien. (Die Länge des attischen Stadiums
belief sich auf 177,6 Meter.) Die Längenausdehnung von den Säulen des
Herkules (der Straße von Gibraltar) bis zur Mündung des Ganges wurde
von ihm auf 60000 Stadien veranschlagt[419].
Nach *Dikäarch* (350-290) sollten die Säulen des Herkules, die Straße
von Messina, die peloponnesische Halbinsel, die Südküste Kleinasiens
und Indien auf dem nämlichen Breitenkreise liegen und dieser sollte
die Ökumene, d. h. den als bewohnt angenommenen Teil der Erde, etwa
halbieren. Die Orientierungsfehler, die *Dikäarch* bei der Feststellung
dieser Linie beging, waren also nicht unerheblich.
Von *Dikäarch* rühren auch die ersten Höhenbestimmungen her, die über
bloße Schätzungen hinausgingen. Anfangs hatten die Alten übertriebene
Vorstellungen von der Höhe der Gebirge. So ließ *Aristoteles* die
Höhen des Kaukasusgebirges noch 4 Stunden, nachdem die Sonne für den
Fuß des Gebirges untergegangen war, in ihrem Lichte glänzen, und
*Plinius* schätzte die Alpen zehnmal zu hoch[420]. Er hätte eine solche
Übertreibung vermeiden können, wenn er die Werte mehr beachtet hätte,
die *Dikäarch* und nach ihm *Eratosthenes* schon für bedeutende Höhen
ermittelt hatte. So bestimmte *Dikäarch* die Höhe des Pelion (1620
Meter) und die Höhe von Akrokorinth (575 Meter) annähernd richtig. Als
allgemeines Ergebnis hob er schon hervor, daß solche Werte im Vergleich
zum Durchmesser der Erde verschwindend klein seien. *Dikäarch* ist wohl
als der Begründer der mathematischen Erdkunde bezeichnet worden[421].
Dieser Ehrentitel bleibt indessen besser dem etwa ein halbes
Jahrhundert nach ihm lebenden *Eratosthenes* vorbehalten.
*Eratosthenes* wurde 275 v. Chr. in Kyrene geboren. *Ptolemäos III
Euergetes* berief ihn nach Alexandria und ernannte ihn zum Bibliothekar
der großen alexandrinischen Bibliothek. Des *Eratosthenes* Hauptwerk
war seine »Erdbeschreibung«, das erste wissenschaftliche Werk über
Geographie, das indes nur aus Bruchstücken bei *Strabon* bekannt
ist[422]. Es zerfiel in drei Bücher. Das erste handelte von der
physikalischen, das zweite von der mathematischen Geographie, während
das dritte die Chorographie, d. h. die Beschreibung der einzelnen
Länder, enthielt. Außerdem hat *Eratosthenes* auch auf den Gebieten der
Astronomie Hervorragendes geleistet. Vorhanden ist ferner ein Brief,
in dem er sich mit dem berühmten delischen Problem der Verdoppelung
des Würfels beschäftigt. Auch eine Regel zur Auffindung der Primzahlen
rührt von ihm her. Im Jahre 220 v. Chr. soll *Eratosthenes* in
Alexandrien Armillen[423] aufgestellt und damit den Abstand der
Wendekreise zu 11/83 des Kreisumfanges, das sind 47,7 Bogengrade,
ermittelt haben.
Nachdem man erkannt hatte, daß die Erde die Gestalt einer Kugel
besitzt, lag der Gedanke nahe, die Größe dieser Kugel zu bestimmen. Der
Ruhm, den richtigen Weg zu einer solchen Messung eingeschlagen und auf
ihm ein, im Verhältnis zu den vorhandenen Mitteln annähernd richtiges,
Ergebnis gefunden zu haben, gebührt gleichfalls dem *Eratosthenes*[424].
Bei größerer Ausdehnung der Reisen mußte es den Alten auffallen, daß
die täglichen Kreise, welche bekannte Sterne beschreiben, nicht überall
die gleiche Neigung zur Ebene des Horizontes besitzen. Insbesondere
konnte ihnen dies nicht lange bezüglich der Sonne verborgen bleiben. So
wußte *Eratosthenes*, daß dies Gestirn zur Zeit der Sommersonnenwende
im südlichen Ägypten mittags durch den Zenit geht, während es in
Alexandrien an diesem Tage einen südlich vom Zenit gelegenen Punkt
durchläuft. Infolgedessen zeigte der Gnomon an dem Mittag jenes Tages
in Syene[425] keinen Schatten. Anknüpfend an diese, ihm bekannte
Tatsache, ging *Eratosthenes* bei der Lösung seiner Aufgabe von einigen
Voraussetzungen aus, die zwar nicht ganz zutreffend sind, der Wahrheit
aber doch so nahe kommen, daß bei dem nur rohen Verfahren, um das es
sich hier handelt, das Ergebnis dadurch nicht wesentlich beeinflußt
wird. Zunächst war dies die Annahme, daß die Erde eine vollkommene
Kugel sei. Ferner, daß die genannten Städte auf demselben Meridian
gelegen seien, während sie in Wahrheit einen Längenunterschied von
mehreren Graden[426] aufweisen.
[Illustration: Abb. 20. Das zum Messen der Sonnenhöhe dienende
Instrument der Alten[427].]
In A (Abb. 20) befindet sich das Instrument, das die Alten bei der
Bestimmung der Sonnenhöhe gewöhnlich benutzten. Es war dies eine
halbkugelige Höhlung, aus deren Mitte sich ein Gnomon (GC) erhob.
Dieses Werkzeug wurde so aufgestellt, daß der Gnomon senkrecht zum
Horizonte stand, also die Verlängerung des Erdradius bildete. Der
Winkel EDA (Abb. 21) ließ sich auf einer Gradeinteilung ablesen.
Er war gleich dem zu messenden Bogen AB des Meridians (siehe Abb.
21). *Eratosthenes* fand nun EDA gleich 1/50 des Kreisumfanges oder
gleich 7° 12'. Er schätzte ferner die Strecke Syene-Alexandrien auf
5000 Stadien. Genauere Landesvermessungen gab es nämlich nur für das
untere Ägypten, so daß *Eratosthenes* auf die Angabe von Reisenden
angewiesen war, welche die Entfernungen in Tagesmärschen aufgezeichnet
hatten[428]. Der Umfang der Erde ergab sich somit gleich 5000 × 50 =
250000 Stadien, eine Größe, die sich in heutigem Maße auf etwa 45000
Kilometer beläuft, während der wahre Wert 40000 Kilometer beträgt[429].
Diese wissenschaftliche Tat des *Eratosthenes* erregte die Bewunderung
des Altertums, das nur in den besprochenen Messungen des *Aristarch*
etwas Ähnliches aufzuweisen hatte.
[Illustration: Abb. 21. Die Gradmessung des Eratosthenes.]
Das Nächstliegende wäre nun gewesen, die Gradmessung auf einem nicht
lediglich abgeschätzten, sondern genauer gemessenen Teil des Meridians
zu wiederholen. Eine solche Untersuchung gelangte jedoch erst viel
später zur Ausführung.
Wie *Dikäarch*, so hat auch *Eratosthenes* die Messung der
Erdoberfläche durch die Bestimmung der sie überragenden Höhen zu
ergänzen gesucht. *Eratosthenes* verfuhr dabei wie *Dikäarch* auf
trigonometrischem Wege und gelangte zu dem Ergebnis, daß es sich bei
den höchsten von ihm gemessenen Berghöhen um Werte von etwa 10 Stadien
handele.
Die Anfänge der heliozentrischen Lehre.
Daß schon während der ersten Periode der alexandrinischen Akademie
die Astronomie zur Wissenschaft heranreifte, indem sie sich von der
Spekulation der messenden Beobachtung zuwandte, ersehen wir vor allem
aus den im dritten vorchristlichen Jahrhundert entstandenen Arbeiten
der Alexandriner *Aristyllos* und *Timocharis*, sowie des mit der
alexandrinischen Schule in enger Fühlung stehenden *Aristarchos*
von Samos. Dem letzteren gebührt das Verdienst, die heliozentrische
Theorie in voller Klarheit entwickelt zu haben. Daran, daß die Erde im
Mittelpunkt der Welt ruhe, haben zuerst die Pythagoreer gezweifelt.
Unter ihnen entwickelte *Philolaos* eine Theorie[430], nach der sich
die Erde innerhalb eines Tages um ein Zentralfeuer drehe. Auf diese
Weise wurde die tägliche Bewegung des Himmels als eine nur scheinbare
erklärt. Sobald man das Zentralfeuer in die Mitte der Erdkugel
verlegte, hatte man den einen Bestandteil der koppernikanischen
Lehre, nämlich die Drehung unseres Weltkörpers um seine Achse, schon
vorweggenommen.
Der Kern dieser Lehre, die Umlaufsbewegung der Erde und der übrigen
Planeten um die Sonne, läßt sich heute in seiner allmählichen
Entwicklung zurückverfolgen. Den Ausgang bilden die Beobachtungen an
Venus und Merkur. Sie führten, wie wir sahen[431], zu der Lehre des
*Herakleides Pontikos*, nach welcher diese Himmelskörper um die Sonne
kreisen. Von dieser Lehre, die früher wohl den Ägyptern zugeschrieben
wurde, hat *Koppernikus* nach seinen eigenen Worten sehr wohl gewußt.
Von hier aus konnte man leicht zu einer richtigen Auffassung des
Weltsystems gelangen, wenn man die Sonne als Mittelpunkt der Bahnen
auch der übrigen Planeten betrachtete. Sieht man von den heute schwer
sicherzustellenden Spekulationen der Pythagoreer ab, so war es vor
allem *Aristarch*, der die heliozentrische Weltansicht mit voller
Klarheit aussprach. Ihn soll die Überzeugung, daß die Sonne weit
größer als die Erde und der Mond sei, zur Aufstellung seines Systems
geführt haben. Auch ohne eine Kenntnis der Gesetze der Dynamik
fühlte *Aristarch* sozusagen durch, daß es ungereimt sei, den Umlauf
eines gewaltigen Weltkörpers um einen im Verhältnis winzig kleinen
anzunehmen. *Koppernikus* fügte zu diesem Grund noch den hinzu, daß die
Sonne als Leuchte der Welt auch in deren Mitte gehöre[432].
Bis zum Ende der ersten, etwa bis *Aristoteles* reichenden Periode der
griechischen Astronomie hatte die Spekulation überwuchert. Zum Glück
traten jedoch in der alexandrinischen Schule, und im Zusammenhange
mit dieser, Männer auf, die sich mit nüchternem Sinne der Erforschung
der Himmelserscheinungen zuwandten. Die Astronomie ging damit von den
durch mangelhafte Beobachtung gestützten Philosophemen zum messenden
Verfahren über und erhob sich dadurch auf die Stufe einer Wissenschaft
im strengen Sinne des Wortes. Als diejenigen unter den Griechen, die
zuerst diesen Weg beschritten haben, sind die Alexandriner *Aristyll*
und *Timocharis* und vor allem der schon erwähnte *Aristarch* von Samos
zu nennen. Mit der Forschertätigkeit dieser Männer heben zwei Probleme
an, die seitdem den menschlichen Geist beschäftigt haben und mit immer
größerer Schärfe ihrer Lösung zugeführt worden sind. Es sind dies die
Topographie des Fixsternhimmels, d. h. die genaue Bestimmung möglichst
vieler Sternörter, sowie die Ermittelung der Abmessungen der Erde und
unseres Planetensystems, zunächst der Entfernung der Sonne und des
Mondes. In welchem Maße die Ägypter und ganz besonders die Chaldäer
den alexandrinischen Astronomen durch das Sammeln eines reichen, sich
über lange Zeiträume erstreckenden Beobachtungsmaterials vorgearbeitet
hatten, wurde an früherer Stelle dargetan.
*Aristyll* und *Timocharis*, die ihre Beobachtungen um das Jahr 300 v.
Chr. anstellten, bedienten sich der Armillen, d. h. geteilter Kreise,
von denen der eine in der Ebene des Äquators lag, während der andere
um die Weltachse gedreht werden konnte. Mit Hilfe dieses Apparates
bestimmten sie die Lage einzelner Sterne, indem sie ihre Deklination
oder den Bogenabstand vom Äquator bis auf Bruchteile von Graden
ermittelten und gleichzeitig den Ort der Sterne auf den Frühlingspunkt
bezogen. Das von ihnen herrührende Verzeichnis, das bis auf wenige
Angaben verlorengegangen ist, gab 170 Jahre später *Hipparch* die
Möglichkeit, das Vorrücken der Nachtgleichen zu entdecken[433].
*Timocharis* bediente sich bei seinen astronomischen Beobachtungen auch
der Stundenangaben. Die (babylonische) Zwölfteilung des Tages läßt sich
bei den Griechen nicht vor *Alexander* dem Großen nachweisen[434].
Vorher richtete man sich im praktischen Leben nach der Länge des
eigenen Schattens und verabredete z. B. eine Zusammenkunft für die
Tageszeit, wann der Schatten 6 oder 8 Fuß lang sei.
[Illustration: Abb. 22. Aristarchs Verfahren, die Entfernung des Mondes
und der Sonne zu bestimmen.]
Über die Größenverhältnisse des Planetensystems hat *Aristarch* die
ersten Untersuchungen angestellt. Er war ohne Zweifel einer der
bedeutendsten Astronomen seiner Zeit. Von seinem Leben ist indessen
keine nähere Kunde auf uns gelangt. *Aristarch* wurde um das Jahr
270 v. Chr. in Samos geboren. Das einzige, was von seinen Schriften
erhalten blieb, sind Teile einer Abhandlung, die von der Größe und
den Entfernungen des Mondes und der Sonne handelt[435]. Die Abstände
dieser Weltkörper von der Erde verhalten sich nach *Aristarch* etwa wie
1 : 19, während das wahre Verhältnis annähernd 1 : 400 ist. Zu seinem
Ergebnis gelangte *Aristarch* durch folgende Überlegung. Erscheint von
einem Punkte E der Erde (siehe Abb. 22) der Mond genau zur Hälfte von
der Sonne beleuchtet, so bildet jener Punkt E mit den Mittelpunkten
des Mondes und der Sonne ein rechtwinkliges Dreieck, in welchem der
Abstand des Mondes eine Kathete (ME) und die Entfernung der Sonne die
Hypotenuse (ES) ist. Der Winkel bei E mißt nun nach *Aristarch* 87°,
während er in Wahrheit viel weniger von einem Rechten abweicht und
sich auf 89° 50' beläuft. Das gesuchte Verhältnis, das *Aristarch* auf
mühsame Weise in die Grenzen 1 : 18 und 1 : 20 einschloß, ist gleich
dem Cosinus des Winkels bei E, unter dem beide Weltkörper in dem
angegebenen Falle von der Erde aus gesehen werden (EM : ES, siehe Abb.
22).
Auch die Raumverhältnisse der Weltkörper berechnete *Aristarch*. So
fand er, daß der Mond etwa 25 (statt 48) mal so klein, die Sonne
dagegen 300 (statt 1300000) mal so groß wie die Erde sei[436].
Der Weg, auf dem *Aristarch* seine Aufgabe zu lösen suchte, ist,
theoretisch genommen, zwar richtig. Daß sich trotzdem ein Resultat
ergab, das von dem heute gültigen Wert in solch erheblichem Maße
abwich, ist aus mehreren Umständen zu erklären. Einmal war man zu
jener Zeit noch nicht imstande, solch kleine Winkelunterschiede wie
diejenigen, um die es sich hier handelt, zu messen. Zum andern aber
besitzt die gesuchte Grenze zwischen dem beleuchteten und dem dunklen
Teile des Mondes keine hinlängliche Schärfe. Immerhin verdiente
*Aristarch* in vollem Maße die Anerkennung, die ihm das Altertum
dieser Bestimmung wegen zollte. Daß *Aristarch* die heliozentrische
Theorie 1-1/2 Jahrtausende vor *Koppernikus* klar aussprach, geht auch
aus einer Äußerung des *Archimedes* hervor. Sie lautet: »*Aristarch*
gelangt zu der Annahme, die Fixsterne samt der Sonne seien unbeweglich.
Die Erde aber werde in einer Kreislinie um die Sonne, die in der Mitte
der Erdbahn stehe, herumgeführt[437].«
Zu den Vorläufern des *Koppernikus* ist auch der Pythagoreer *Niketas*
zu rechnen. Auf ihn führt *Koppernikus* selbst die Anregung zurück,
die ihn veranlaßte, den geozentrischen Standpunkt aufzugeben. Von der
Lehre des *Niketas* gibt uns eine kurze Bemerkung Kunde, die sich bei
*Cicero* findet und auf die sich später *Koppernikus* berufen hat. Sie
lautet: »*Niketas* aus Syrakus nimmt an, wie *Theophrast* erzählt, daß
der Himmel, die Sonne, der Mond und die Sterne stillstehen, und daß
sich außer der Erde nichts im Weltall bewegt. Die Erde dreht sich um
eine Achse. Dadurch scheint sich der Himmel zu bewegen.« Ohne Zweifel
ist dies ein deutliches Zeugnis dafür, daß man im frühen Altertum, wenn
auch nur vereinzelt, den Versuch gemacht hat, die scheinbare tägliche
Umdrehung des Himmels aus einer Rotation der Erde zu erklären. Auch auf
*Plutarch* konnte sich *Koppernikus* berufen, da *Plutarch* in seiner
Schrift »Von den Meinungen der Philosophen« die astronomischen Lehren
des *Philolaos* und des *Herakleides Pontikos* erwähnt sowie an anderer
Stelle auch auf die Ansichten *Aristarchs* bezug genommen hat.
Fortschritte der messenden Astronomie.
Die bedeutendste Förderung während des vorchristlichen Abschnittes des
alexandrinischen Zeitalters erfuhr die Astronomie durch *Hipparch*.
Seine wissenschaftliche Tätigkeit fällt etwa in die Zeit von 160-125
v. Chr. Von seinem Leben ist wenig bekannt. Er lebte in Rhodos,
hielt sich wahrscheinlich aber auch in Ägypten auf[438]. *Hipparch*
erleichterte die Arbeit des Astronomen vor allem dadurch, daß er als
trigonometrisches Hilfsmittel eine Sehnentafel schuf. Sie enthielt für
die Winkel im Kreise den Wert der zugehörigen Sehnen, in Teilen des
Halbmessers ausgedrückt. Die Berechnung war sehr mühsam. Sie geschah,
indem man von den Sehnen der Winkel 120°, 90°, 72°, 60°, 36° ausging.
Diese Sehnen ließen sich als Seiten des regelmäßigen 3-, 4-, 5-, 6-
und 10-Ecks leicht in Teilen des Radius ausdrücken. Mit Hilfe des
Pythagoreischen Lehrsatzes und eines Hilfssatzes bestimmte man dann
die Sehnen von halben Bogen, sowie die Sehnen von Bogensummen und
Bogendifferenzen und gelangte so zu einer Tafel von zahlreichen Bogen
nebst den entsprechenden Sehnen. Anfangs wies diese Tafel bedeutende
Lücken auf, die man indessen durch Interpolation nach und nach
ausfüllte. Erst von *Ptolemäos* wurden die Sehnen aller Winkel, nach
halben Graden fortschreitend, mit hinreichender Genauigkeit bestimmt.
Seine Tafel, die einen wesentlichen Teil des 1-1/2 Jahrtausende die
Astronomie beherrschenden *Ptolemäi*schen Werkes ausmachte, hat während
jenes langen Zeitraumes den Astronomen an Stelle unserer heutigen
trigonometrischen Tabellen große Dienste geleistet.
*Ptolemäos* teilte den Radius in 60 Teile und führte diese Teilung
sexagesimal weiter. Die Sehnen wurden dann für die verschiedenen
Winkel in Sechzigsteln des Radius ausgedrückt. So wurden feststehende
Verhältnisse gewonnen, da die absolute Größe des Radius und der Sehnen
nicht in Betracht kam. Es kam auch vor, daß *Ptolemäos* mitunter statt
der ganzen die halben Sehnen benutzte, doch blieb die konsequente
Durchführung dieser Maßregel, die ja die Einführung der Sinusfunktion
bedeutet haben würde, den Indern vorbehalten.
Die Trigonometrie beschränkte sich bei den Alten auf das rechtwinklige
Dreieck. Die Ausdehnung der trigonometrischen Funktionen auf Winkel von
90°-180° erfolgte erst durch die Araber, die auch die Trigonometrie
des schiefwinkligen Dreiecks begründeten[439]. Kamen solche Dreiecke
für die alten Astronomen in Betracht, so wurden sie in rechtwinklige
Dreiecke, die man berechnen konnte, zerlegt.
Aus den Fortschritten, welche die Mathematik im alexandrinischen
Zeitalter erfuhr, zog unter allen Wissenschaften die Astronomie auch
weiterhin den größten Nutzen. Es begann für sie die Periode der
systematischen, messenden Beobachtungen. Und wenn das Ergebnis auch
noch nicht in der allgemeinen Annahme des wahren Weltsystems bestand,
so gelangte man doch zur klaren Auffassung vieler, nur vermöge exakter
Messung wahrnehmbarer Erscheinungen. Vor allem ist hier *Hipparch*
zu nennen, der für die Astronomie dieselbe Bedeutung besitzt, die
*Aristoteles* hinsichtlich der Zoologie und *Archimedes* in bezug auf
die Mechanik zugeschrieben werden muß.
Während der ersten Entwicklungsstadien der Astronomie hatte man sich
darauf beschränkt, die Stellung der wichtigeren Fixsterne dadurch
festzulegen, daß man am Himmel gewisse Figuren einzeichnete. Mitunter
brachten diese Sternbilder auch äußerliche Ähnlichkeiten zum Ausdruck,
wie z. B. beim Wagen.
In die Blütezeit der alexandrinischen Schule fällt nun der Versuch
einer genaueren, durch Winkelmessung ermittelten Ortsbestimmung der
wichtigsten Fixsterne. Man bezog ihre Stellungen auf die Punkte, in
denen die Ekliptik den Himmelsäquator schneidet, und bestimmte bei
einer größeren Anzahl auch den Abstand vom Äquator bis auf Teile eines
Grades. Ein solches, von *Aristyll* und *Timocharis* herrührendes
Fixsternverzeichnis, das etwa 150 Angaben umfaßte, befand sich in
den Händen des *Hipparch*, als plötzlich, im Jahre 134 v. Chr., ein
seltenes astronomisches Ereignis, nämlich das Auftreten eines neuen
Sternes erster Größe, eintrat[440]. Bot aber die Fixsternregion, die
*Aristoteles* als den Ort des unwandelbaren Seins bezeichnet hatte,
derartige plötzliche Veränderungen dar, so mußte sich in den Astronomen
der Wunsch nach einer genauen Topographie des Himmels regen, um auf
solche Weise späteren Zeiten eine stete Kontrolle zu ermöglichen. In
den auf jenes Ereignis folgenden Jahren bestimmte deshalb *Hipparch*
etwa tausend Sternörter[441]. *Hipparch* löste dadurch nicht nur die
gestellte Aufgabe, sondern er machte außerdem die wichtige Entdeckung,
daß der Frühlings- und der Herbstpunkt ihre Lage langsam ändern. Für
einen der hervorragendsten Sterne des Tierkreises, die Spica in der
Jungfrau nämlich, ergab sich, daß er 6° vom Herbstpunkte entfernt war,
während der 170 Jahre früher gemessene Abstand 8° betrug. Die Breite
der Fixsterne war dagegen unverändert geblieben. Dieses Vorrücken der
Äquinoktialpunkte[442] glaubte *Hipparch* aus seinen und den älteren
Beobachtungen auf mindestens einen Grad für ein Jahrhundert, also auf
36'' für das Jahr ansetzen zu dürfen, während es in Wahrheit 50''
beträgt.
Die Arbeiten, in denen *Hipparch* von der Präzession der Nachtgleichen
handelt, sind leider bis auf dasjenige, was der »Almagest« darüber
bringt, verlorengegangen. Nach *Tannery* beläuft sich der von
*Hipparch* gefundene Betrag des Vorrückens auf 1° 23' 25'' für das
Jahrhundert[443]. Auf die Entdeckung der Präzession gründet sich
die Vorstellung von einem 26000 Jahre umfassenden Zeitraum (dem
platonischen Jahr), der mit der Lehre von der steten Wiederkehr in
Beziehung gebracht wurde. Auf diese Lehre abzielende Andeutungen
finden sich schon bei *Platon*, später auch bei *Cicero*, *Seneca* und
anderen Schriftstellern des Altertums. Die Vorstellung, daß die Natur
einem regelmäßig wiederkehrenden Wechsel unterliegt, hatte ja auch
manches für sich. Die Kirchenväter verhielten sich jedoch ihr gegenüber
ablehnend, weil sie den christlichen Vorstellungen nicht entsprach.
Unter den Arabern finden sich dagegen wieder Anhänger der Lehre von der
steten Wiederkehr[444].
Auch daß sich die Erde in der Sonnennähe schneller bewegt als in der
Sonnenferne, wurde von *Hipparch* beobachtet, wenn er auch diese
Bewegung auf unser Zentralgestirn übertrug, an dem sie ja scheinbar
vorsichgeht. Da man im Altertum an der aristotelischen Voraussetzung
festhielt, daß die Bewegung der Himmelskörper gleichförmig und in
Kreisen erfolge, so erklärte *Hipparch* die beobachtete Erscheinung aus
der Epizyklentheorie, indem er die Sonne einen Kreis durchlaufen ließ,
dessen Mittelpunkt sich auf einem größeren, um die Erde gespannten
Kreise fortbewegen sollte.
Die genauere Erforschung der scheinbaren Sonnenbewegung führte
*Hipparch* ferner zu der Entdeckung, daß die Länge des Jahres, d.
h. der Zeit zwischen zwei Durchgängen des Sonnenzentrums durch den
Frühlingspunkt, nicht, wie vor ihm angenommen, 365-1/4 Tage beträgt,
sondern daß sie etwas kürzer ist[445].
Eine schärfere Bestimmung der Mond- und der Planetenbewegungen, wie sie
am Himmelsgewölbe vorsichzugehen scheinen, hat *Hipparch* gleichfalls
in Angriff genommen. Die Lösung dieser Aufgabe gelang jedoch erst
mehrere Jahrhunderte später dem *Ptolemäos*, dessen Bedeutung für die
astronomische Wissenschaft späterer Würdigung vorbehalten bleibt.
Auch das durch die Zahlenmystik der Pythagoreer angeregte, schon von
*Aristarch* behandelte Problem, die Entfernungen und die Größe der
Himmelskörper zu bestimmen, beschäftigte *Hipparch*. Behufs der Lösung
dieser Aufgabe führte er den Begriff der Parallaxe ein. Man versteht
darunter den Winkel, unter dem der Erdhalbmesser von dem Gestirne
aus erscheint, dessen Abstand gemessen werden soll. *Hipparchs*
Bestimmungen ergaben für die Entfernung des Mondes 59 Erdhalbmesser.
Dieser Wert kommt der Wahrheit ziemlich nahe[446], während die von
*Hipparch* herrührenden Werte für die Entfernung und die Größe der
Sonne von der Wirklichkeit erheblich abweichen.
Die wichtigsten Lehren der antiken Astronomie wurden nach dem von
*Hipparch* gewonnenen Standpunkte von *Geminos* zusammengestellt.
*Geminos* aus Rhodos lebte um 70 v. Chr. in Rom. Seine Einführung
in die Astronomie (εἰσαγωγή) wurde 1590 unter dem Titel Elementa
astronomiae herausgegeben[447]. Sie zeugt von großer Sachkunde,
ist frei von allem hergebrachten Aberglauben, kurz, durchaus
wissenschaftlich gehalten. Einen entschieden ablehnenden Standpunkt
nimmt *Geminos* manchen herrschenden Lehren gegenüber ein. So
spricht er sich z. B. dahin aus, daß die Hitze des Sommers nicht
von dem Hundsstern (Sirius) abhänge, sondern in dem Stande der
Sonne ihre Ursache habe. Für *Geminos* liegen ferner die Fixsterne
nicht sämtlich in einer Sphäre. Ihre Entfernung von der Erde werde
wohl sehr verschieden sein. Es fehle uns nur an einem Mittel, diese
Verschiedenheit wahrzunehmen. Das Werk des *Geminos* hat späteren
Zeiten als wertvolle Quelle für die antike Astronomie gedient.
Die Anfänge der wissenschaftlichen Kartographie.
[Illustration: Abb. 23. Breitenbestimmung mit dem Gnomon.]
Die geschilderten Fortschritte der Astronomie trugen dazu bei, daß
auch die Geographie immer mehr einen wissenschaftlichen Grundzug
erhielt. Dies sprach sich vor allem darin aus, daß man sich der
astronomischen Ortsbestimmung zu bedienen anfing. Anfangs waren die
geographischen Karten bloße Itinerarien, d. h. sie wurden auf Grund
der von den Reisenden angegebenen Wegelängen und der eingeschlagenen
Himmelsrichtung entworfen. Während *Eratosthenes* bei seiner
Bearbeitung der Länderkunde sich auf die Angabe der Polhöhe eines Ortes
oder einer Landschaft beschränkte, führte *Hipparch* die Bestimmung
nach geographischer Länge und Breite ein. Um die Breite eines Ortes zu
finden, brauchte man nur die Höhe der Sonne um Mittag während der Zeit
der Tag- und Nachtgleiche zu ermitteln und den so erhaltenen Winkel
von 90° abzuziehen. Dazu bediente man sich des Gnomons. Bei diesen
Messungen, die bis auf 1-2 Bogenminuten genau erfolgten, begingen die
alten Astronomen einen Fehler von 16 Bogenminuten, ein Wert, der dem
Halbmesser der Sonne gleichkommt. Den Ursprung dieses Fehlers erläutert
Abb. 23. Sie läßt erkennen, daß aus dem Schatten als Höhenwinkel der
Winkel BDA resultiert, während die wahre Sonnenhöhe BCA ist[448].
*Hipparch* teilte den Äquator in 360 Grade. Als Anfangsmeridian wählte
er denjenigen, welcher die Insel Rhodos schneidet, da er hier einen
Teil seiner Beobachtungen angestellt hatte. Während die Breite, nachdem
man ihren Zusammenhang mit der Polhöhe erkannt, leicht bestimmt werden
konnte, machte die Feststellung der Länge Schwierigkeiten. Diese
wurden noch im Zeitalter *Newtons* lebhaft empfunden und erst durch
die immer weiter gehende Vervollkommnung der Chronometer gehoben.
Auch *Hipparch* brachte eine Art von chronometrischem Verfahren
in Vorschlag. Unter der Voraussetzung, daß der Eintritt einer
Himmelserscheinung, z. B. der Beginn einer Mondfinsternis, von allen
Bewohnern eines Erdteils in demselben Augenblick gesehen wird, sollte
die Zeit des Eintritts für verschiedene Orte festgestellt und aus dem
Unterschied der Ortszeiten der Unterschied der Längen berechnet werden.
[Illustration: Abb. 24. Stereographische und orthographische
Projektion.]
Für die kartographische Darstellung bediente sich *Hipparch* zur
Abbildung des Himmels der stereographischen[449], zur Abbildung
von Ländern meist der orthographischen Projektion. Bei der ersten
Projektionsart wird eine Ebene zwischen das Auge und die abzubildende
krumme Fläche gebracht. Jeder Strahl, der einen Punkt der letzteren mit
dem Auge verbindet, schneidet jene Ebene. Infolgedessen projizieren
sich die Punkte der krummen Fläche in der Weise auf die Ebene, daß
das Auge von dem Bilde auf der Ebene denselben Eindruck bekommt, den
es von der krummen Fläche, z. B. der Halbkugel des Himmels, erhält.
Bei der orthographischen Projektion dagegen wird von jedem Punkte der
darzustellenden krummen Fläche eine Senkrechte auf die Projektionsebene
gefällt. Das Bild auf dieser macht also den Eindruck, den die krumme
Fläche einem weit entfernten Auge bietet.
Die Begründung einer Physik der Gase und der Flüssigkeiten.
Während die Astronomie und die Geographie sich mächtig entwickelten
und im 2. Jahrhundert nach dem Beginn der christlichen Zeitrechnung
innerhalb derselben alexandrinischen Akademie durch *Ptolemäos* eine
zweite Blütezeit erlebten, schien die wissenschaftliche Mechanik nach
den hoffnungsvollen Anfängen, die man dem *Archimedes* verdankte, zum
Stillstande verurteilt zu sein, obgleich sich auch diese Wissenschaft
für die Anwendung des durch die Mathematik gebotenen, deduktiven
Verfahrens so sehr eignete. Abgesehen von der Schwerpunktsbestimmung
körperlicher Gebilde -- *Archimedes* hatte sich hierbei auf Flächen
beschränkt -- machte die theoretische Mechanik kaum wesentliche
Fortschritte. Jene Bestimmungen rühren von *Pappos* von Alexandrien
her, der im 4. nachchristlichen Jahrhundert lebte und somit einer
späteren Periode angehört.
*Pappos* befaßte sich nach dem Vorbilde des *Archimedes* auch mit der
Untersuchung von Rotationskörpern und kam dabei auf einen wichtigen
allgemeinen Satz, der später unter dem Namen der *Guldin*schen Regel
bekannt geworden ist. *Pappos* fand nämlich, daß der Inhalt eines
Rotationskörpers aus der Fläche der sich drehenden Figur und dem von
ihrem Schwerpunkt beschriebenen Kreise berechnet werden kann. Diese
Regel wurde im Laufe der Jahrhunderte vergessen und von *Guldin*
(1577-1643), nach dem sie heute die *Guldin*sche Regel genannt wird,
von neuem gefunden.
Weit mehr als um die Fortbildung der theoretischen hat man sich während
der alexandrinischen Zeit um die der praktischen Mechanik bemüht. Man
versah z. B. die Wasseruhren mit einer Zeigervorrichtung und erfand
die Feuerspritze[450]. Diese besaß, nach einem im 18. Jahrhundert
aufgefundenen, aus der römischen Kaiserzeit herstammenden Exemplar[451]
zu urteilen, schon im Altertum eine im wesentlichen der heutigen
entsprechende Einrichtung. (Abb. 25.)
Auch gewann man damals einige Kenntnis von der Natur der Gase und
der Dämpfe. Besonders verdient um dieses Gebiet machte sich *Heron*
von Alexandrien, dessen Name noch heute in einem bekannten Apparat
unserer physikalischen Sammlungen, dem Heronsball, fortlebt[452].
*Herons* Tätigkeit fällt vielleicht um das Jahr 100 v. Chr. Doch ist
die Frage, welchem Zeitalter er eigentlich angehört hat, noch immer
nicht mit Bestimmtheit gelöst. Näheres über diese »Heronische Frage«
enthält die Einleitung der unten erwähnten Ausgabe der Werke *Herons*
(s. S. 192 Anm. 4). Sein Verdienst bestand darin, daß er zahlreiche
Erfindungen der alten Physiker und Techniker zusammenstellte und
dadurch die Entwicklung, welche die Physik seit dem 16. Jahrhundert
nahm, in hohem Grade befruchtete. Von eigenen Erfindungen *Herons* ist
in seinen Schriften kaum die Rede. Seine »Pneumatik« ist das erste auf
uns gelangte Werk[453], das sich mit Versuchen über die Eigenschaften
der Luft und der gespannten Dämpfe beschäftigt. Daß *Heron* auf diesem
Gebiete zahlreiche Vorgänger besaß, ist daraus ersichtlich, daß er
seine »Pneumatik« mit folgenden Worten beginnt: »Die Beschäftigung mit
Luft- und Wasserkünsten ist von den alten Philosophen und Mathematikern
hoch geschätzt worden. Es ist daher notwendig, das seit alters darüber
Bekannte in gehörige Ordnung zu bringen ...«
[Illustration: Abb. 25. Die Feuerspritze nach Heron.]
Unter den Vorläufern *Herons* ist als einer der frühesten, der uns
bekanntgeworden ist, *Ktesibios* von Alexandrien zu nennen (um 140 v.
Chr.).
Letzterer fand einen Nachahmer in *Philon* von Byzanz. Bei ihm findet
sich schon die Beschreibung des Heronsballs, der also eigentlich als
Philonsball bezeichnet werden müßte[454]. Auch das Thermoskop begegnet
uns schon bei *Philon*[455]. *Philons* »Pneumatik« und *Herons*
»Mechanik« waren bis vor kurzem nur in spärlichen Fragmenten bekannt.
Da entdeckte man, daß arabische Übersetzungen der griechischen Texte
existieren. So wurde man[456] 1894 mit der »Mechanik« *Herons* und 1897
mit der »Pneumatik« des *Philon* von Byzanz bekannt. Die Gesamtausgabe
der Werke *Herons* ist für die Geschichte der Mathematik sowie der
reinen und der angewandten Naturwissenschaften von großer Bedeutung.
Das Automatenwerk *Herons* ist auch kunstgeschichtlich von Wichtigkeit,
da es manchen Aufschluß über die antiken Bühneneinrichtungen gibt[457].
*Heron* beschreibt in seiner »Pneumatik« eine große Anzahl von
Apparaten, welche durch erwärmte Luft oder Dampf in Bewegung gesetzt
werden. Die Abbildungen, von denen wir einige hier wiedergeben, rühren
nicht von *Heron* selbst, sondern von einem späteren Herausgeber
her[458].
Handelt es sich zum Teil auch um physikalische Spielereien, so begegnet
uns doch manches, was den Anstoß zu späteren Erfindungen gegeben
hat. Insbesondere gilt dies von einem Apparat, bei dem der Dampf in
derselben Weise einen Körper in drehende Bewegung versetzt, wie es
das ausströmende Wasser bei den Reaktionsrädern bewirkt. Die Maschine
*Herons* (Abb. 26) besteht aus einem Kessel, von dem zwei senkrechte
Röhren ausgehen. Zwischen ihnen befindet sich eine drehbare Halbkugel
mit zwei Ansätzen, aus welchen der in die Halbkugel geleitete Dampf
in tangentialer Richtung entweicht. Dadurch wird die Kugel in Drehung
versetzt.
[Illustration: Abb. 26. Heron verwendet den Dampf zum Betriebe einer
maschinellen Einrichtung.]
Den nach ihm benannten Ball (s. Abb. 27) beschreibt *Heron* in
folgender Weise: »In die Öffnung eines Gefäßes wird eine Röhre
eingelötet, die fast bis auf den Boden reicht und in eine enge Mündung
ausläuft. Durch eine seitliche Öffnung gießen wir Wasser in das Gefäß.
Darauf blasen wir in diese Öffnung hinein, während wir auf die enge
Mündung der senkrechten Röhre den Finger legen. Schließen wir dann
die seitliche Öffnung und nehmen wir den Finger von der senkrechten
Röhre fort, so wird in ihr das Wasser durch die hineingeblasene,
zusammengepreßte Luft emporgetrieben.«
[Illustration: Abb. 27. Der Heronsball.]
Endlich sei hier noch *Herons* Abbildung des Hebers wiedergegeben (s.
Abb. 28). »Befindet sich«, sagt *Heron* in seiner Erläuterung dieses
Apparates, »die Hebermündung in gleicher Höhe mit dem Wasserspiegel,
so wird der Heber, obgleich er voll Wasser ist, nicht fließen, sondern
gefüllt bleiben. Es ist nämlich, wie bei einer Wage, das Wasser in
diesem Falle im Gleichgewicht, indem es bestrebt ist, auf der Seite
θβ sich zu heben und auf Seite βγ sich zu senken. Ist aber die äußere
Mündung des Hebers niedriger als der Wasserspiegel, so fließt das
Wasser aus, da das in dem Abschnitte κβ befindliche Wasser, das
schwerer ist als das in βθ, letzteres überwältigt und anzieht.«
[Illustration: Abb. 28. Herons Abbildung eines Hebers.]
Was die Natur der Luft betrifft, so meint *Heron*, daß sie aus Teilchen
bestehe, die wie die Körnchen des Sandes durch leere Zwischenräume
getrennt seien. Dies beweise zumal der Umstand, daß sich noch Luft in
eine Kugel zu der darin vorhandenen füllen lasse, was darauf beruhe,
daß die neuen Luftteilchen an Stelle der leeren Räume treten. Wolle man
annehmen, die Luft fülle den vorhandenen Raum ganz aus, so würde eine
Kugel beim Hineinbringen einer weiteren Luftmenge platzen müssen. Gäbe
es keine Vakua, fügt *Heron* noch hinzu, so könnten weder Licht noch
Wärme durch Wasser oder andere Flüssigkeiten dringen. Wenn nämlich die
Flüssigkeit keine Poren hätte, die Strahlen also mit Gewalt ins Wasser
drängen, so müßten volle Gefäße überlaufen[459]. Jeder Körper besteht
deshalb, nach *Heron*, aus kleinen Teilchen und dazwischen befindlichen
leeren Räumen. Ein kontinuierliches Vakuum sei dagegen ohne Mitwirkung
einer äußeren Kraft nicht möglich[460]. Daß die Luft ein Körper ist,
beweist *Heron*, indem er ein leeres Gefäß umgekehrt ins Wasser taucht.
Auch bemerkt er, die Luft habe eine eigentümliche Spannkraft, indem
sie sich, wie ein trockener Schwamm, nach dem Zusammendrücken wieder
ausdehne.
Zu welch überraschenden Kunststücken man diese Kenntnisse zu verwerten
wußte, zeigt uns die, durch nebenstehende Abbildung (29) erläuterte,
auf der Ausdehnung und der Zusammenziehung der Luft beruhende
Vorrichtung.
Wird auf dem Altar E ein Feuer angezündet, so treibt die erwärmte Luft
infolge ihrer Ausdehnung das Wasser, das sich in der Kugel P befindet,
in das aufgehängte, mit einem Drehwerk verbundene Gefäß M. Letzteres
sinkt infolge seiner Gewichtszunahme und öffnet die Tür. Nach dem
Erkalten der Luft strömt das Wasser durch die Röhre L nach P zurück,
und die Tür wird durch das Gegengewicht D geschlossen, während das
Gefäß M in seine frühere Lage zurückkehrt.
[Illustration: Abb. 29. Herons Automat zum Öffnen der Tempel[461].]
Sowohl eine Beschreibung in *Herons* »Pneumatica«, als auch die
archäologischen Funde liefern den Beweis, daß man im späteren Altertum
schon Orgeln mit Klaviaturen besaß, die man wie unsere heutigen Orgeln
und Klaviere benutzte (Abb. 30). Sie wurden durch Wasser betrieben, mit
dessen Hilfe man die Luft in einem Kasten zusammenpreßte (Wasserorgel
oder hydraulus). Eine aus Ton verfertigte Orgel wurde vor einiger Zeit
in Karthago aufgefunden. Sie läßt außer den Einrichtungen, die zur
Herstellung des Luftstromes dienen, drei Reihen von Orgelpfeifen und
eine Klaviatur erkennen[462].
[Illustration: Abb. 30. Wasserorgel oder hydraulus.]
*Heron* bringt ferner eine Beschreibung der Feuerspritze, deren
Rekonstruktion in Abb. 25 wiedergegeben wurde (s. S. 191). Seine
Beschreibung lautet: »Es seien αβγδ und εζηθ zwei bronzene Stiefel,
deren Inneres für zwei Kolben ausgedrechselt ist. Die Kolben müssen
luftdicht in die Stiefel passen. Letztere seien durch das an beiden
Enden offene Rohr ξοδζ miteinander verbunden. Außerhalb der Stiefel,
aber innerhalb dieses Rohres, sollen Klappenventile π und ρ derart
angebracht sein, daß sie sich nach der Außenseite öffnen können. Die
Stiefel sollen auch auf dem Boden runde Löcher haben, die mit kleinen,
geschliffenen Scheibchen bedeckt werden. Letztere sind durch Stifte und
Häkchen so angebracht, daß sie sich wohl auf- und abbewegen, aber sich
nicht von den Öffnungen seitlich entfernen können. Mit den Kolben seien
Kolbenstangen und ein Querbalken verbunden. Mit dem Rohre, das die
beiden Stiefel verbindet, stehe ein vertikales Steigrohr in Verbindung.
Dieses verzweige sich bei ϛ zu einem Doppelarm, der zu einer drehbaren
Mündung führt[463].« Die beschriebene Vorrichtung stimmt also mit der
heutigen Feuerspritze überein, nur daß der Windkessel fehlt.
Ein Teil der zahlreichen, in *Herons* »Pneumatica« beschriebenen
Versuche stammt von *Philon* von Byzanz, der gleich *Heron* ein Schüler
des *Ktesibios* war. Da einige von diesen Versuchen eine grundlegende
Bedeutung haben, so seien sie hier angeführt. So stellte *Philon*
ein Thermoskop her, das auf der Ausdehnung der Luft durch die Wärme
beruhte. In eine Bleikugel a wurde das doppelt gebogene Rohr b (s.
Abb. 31) luftdicht eingefügt. Das andere Ende des Rohres mündete unter
Wasser. Brachte man die Bleikugel in die Sonne, so strömte die Luft
durch b aus. Wurde dagegen die Bleikugel abgekühlt, so gelangte Wasser
durch b in die Kugel a[464].
[Illustration: Abb. 31. Philons Thermoskop.]
[Illustration: Abb. 32. Philons Saugkerze.]
Die Abbildung 32 zeigt uns *Philons* Saugkerze. In dem Gefäße a
befindet sich Wasser und eine brennende Kerze. Über diese wird
d gestülpt[465]. »Man wird«, sagt *Philon*, »bald das Wasser
aufwärtssteigen sehen. Dies geschieht, weil die in d enthaltene Luft
durch die Bewegung des Feuers verflüchtigt wird. Das Wasser steigt
empor, je nach der Quantität Luft, welche verflüchtigt wird.« Daß stets
nur eine gewisse Menge Luft verschwindet, entging also der Beobachtung
des alten Physikers. Immerhin begegnet uns hier schon derselbe Versuch,
den im 18. Jahrhundert *Scheele* und andere anstellten, um zu beweisen,
daß die Luft aus zwei verschiedenen Gasen zusammengesetzt ist.
Weitere Fortschritte der Mechanik.
[Illustration: Abb. 33. Herons Flaschenzug.]
*Heron* hat auch über die Mechanik der festen Körper ein Werk
geschrieben, das lange als verloren galt und nur auszugsweise durch
den späteren Alexandriner *Pappos* (um 300 n. Chr.) erhalten geblieben
ist[466]. Wie *Pappos* mitteilt, hat *Heron* in diesem Werk die fünf
Potenzen behandelt, nämlich den Hebel, das Rad an der Welle, den Keil,
die Schraube und den Flaschenzug. So wird, um ein Beispiel zu bringen,
der Flaschenzug mit folgenden Worten beschrieben: »Wenn wir eine Last
aufziehen wollen, so müssen wir an einem daran gebundenen Seil mit
einer Kraft ziehen, welche der Last gleich ist. Wenn wir aber das
eine Ende des Seils an einem festen Ort anbinden und das andere Ende
um eine an der Last befestigte Rolle legen, so werden wir die Last
leichter bewegen. Und wenn wir an dem festen Ort eine zweite Rolle
anbringen und das Seil auch um diese legen, werden wir die Last noch
leichter bewegen. Aber wir bringen nicht die einzelnen Rollen an dem
festen Ort, sondern, um ihre Achse drehbar, in einem hölzernen Gehäuse
an, das wir eine Flasche nennen, und binden diese Flasche mit einem
Seile an den festen Ort. Diejenigen Rollen, die mit der Last verbunden
werden sollen, schließen wir in eine andere, der ersten gleiche
Flasche ein[467]. Je zahlreicher die Rollen, desto leichter läßt sich
die Last heben.« An anderer Stelle löst *Heron* die Aufgabe, durch
Zahnradübertragungen vermöge der Kraft 5 die Last 1000 zu heben (s.
Abb. 17)[468].
[Illustration: Abb. 34. Herons Wegmesser[469].]
Durch eine ähnliche Übertragung finden wir schon bei *Heron* das
Prinzip des Taxameters gelöst. Seine Einrichtung ist aus Abb. 34
ersichtlich. An der Nabe des Rades befindet sich ein Stift, der das
horizontale, mit 8 Speichen versehene Rad EZ jedesmal um eine Speiche
weiter dreht. Einer Umdrehung des Rades EZ entspricht eine Fortbewegung
des über EZ befindlichen Zahnrades um einen Zahn. Die Übertragung
erfolgt durch das Schneckengewinde über EZ. Diese Übertragung
wiederholt sich so oft, daß eine Umdrehung des letzten Zeigers mehrere
tausend Umdrehungen des Wagenrades oder auch direkt den zurückgelegten
Weg in Stadien anzeigt[470].
Neuerdings ist die Mechanik *Herons* nach einer arabischen
Handschrift in französischer Übersetzung herausgegeben worden[471].
*Heron* bringt nicht nur die Beschreibung und die Theorie der fünf
einfachen Maschinen, sondern er beschäftigt sich auch eingehend mit
Schwerpunktsbestimmungen. So findet er den Schwerpunkt des Dreiecks
als den Schnittpunkt der Mitteltransversalen, die sich im Verhältnis 2
: 1 teilen. Um den Schwerpunkt des unregelmäßigen Vierecks zu finden,
zerlegt er es durch eine Diagonale in zwei Dreiecke, verbindet deren
Schwerpunkte und teilt dann diese Verbindungslinie im umgekehrten
Verhältnis der Gewichte dieser Dreiecke.
Beim Hebel und beim Flaschenzug untersucht *Heron* das Verhältnis des
Kraftweges zum Lastwege oder das der Zeiten, welche die Last, je nach
dem Kraftgewinn, zum Emporsteigen auf eine bestimmte Höhe gebraucht. Er
gelangt dabei zu dem Gesetz, das wir heute als die goldene Regel der
Mechanik bezeichnen. Die Fassung, welche er diesem Gesetz gibt, lautet:
»Das Verhältnis der Zeiten ist gleich dem umgekehrten Verhältnis
der bewegenden Kräfte[472].« Nicht so klar ist *Heron* die Theorie
der Schraube und des Keiles geworden. Hier vermag er das Verhältnis
von Kraft zu Last nicht anzugeben. Es rührt dies daher, daß er Keil
und Schraube nicht auf die schiefe Ebene zurückführt, sondern sich
vergeblich abmüht, sie aus der Hebelwirkung zu erklären. Die schiefe
Ebene wird von ihm nicht zu den einfachen Maschinen gerechnet und
gleichfalls in ihrer Wirkung noch nicht richtig erkannt[473].
Die wissenschaftlichen Grundlagen der Vermessungskunde.
Eine besondere Würdigung verdienen noch *Herons* Bemühungen um die
Ausgestaltung der Feldmeßkunst. *Heron* verfaßte eine Schrift »Über
die Dioptra«[474]. Es ist das ein Meßapparat, in dem wir das Urbild
des heutigen Theodolithen erblicken müssen. Eine Rekonstruktion
des interessanten Instrumentes ist in nebenstehender Abbildung
wiedergegeben[475]. Die Hauptteile waren die auf dem Stativ ruhende
Platte ΑΒ und das Zahnrad ΓΔ, welches durch die Archimedische
Schraube ΕΖ in Bewegung gesetzt wurde und dadurch eine Drehung des
ganzen Instrumentes um eine vertikale Achse ermöglichte. Eine zweite
Archimedische Schraube befand sich über ΚΛ. Man erkennt, daß sie die
Aufgabe hatte, vermittelst des vertikal gestellten, halbkreisförmigen
Zahnrades die oberste, mit dem Visierlineal versehene Platte um eine
horizontale Achse zu drehen. Da die Platte nicht unmittelbar auf
dem halbkreisförmigen Zahnrade aufsaß, sondern an eine rechteckige
Fortsetzung des letzteren angeschlossen war, so konnte die Drehung um
die horizontale Achse vermittelst der oberen Archimedischen Schraube
so lange fortgesetzt werden, bis die große Platte eine senkrechte
Stellung eingenommen hatte. Es ließ sich somit jeder Horizontal- und
jeder Höhenwinkel mit Hilfe dieses Apparates messen, so daß die Dioptra
zur Lösung von Aufgaben der Feldmeßkunst vortrefflich geeignet war.
Die Einstellungen wurden durch Wasserwage und Bleisenkel vermittelt.
Ferner besaß das Diopterlineal, um auch kleinere Winkel noch ablesen zu
können, eine bedeutende Länge.
[Illustration: Abb. 35. Herons Winkelmeßapparat.]
Von den zahlreichen Aufgaben, für welche *Heron* in seiner Schrift
das einzuschlagende Meß- und Berechnungsverfahren angibt, seien hier
nur einige erwähnt. Die wichtigste Aufgabe war die Aufnahme eines
Feldes von beliebiger Umgrenzung. *Heron* verfuhr dabei wie folgt:
Zunächst wurde ein großes Rechteck so abgesteckt, daß es innerhalb
der Umgrenzung lag (siehe Abb. 36). Dann wurde für viele Punkte der
Umgrenzung der senkrechte Abstand von der zugewandten Seite des
großen Rechtecks gemessen. Auf diese Weise wurde der außerhalb des
Rechtecks liegende Teil des zu messenden Feldes in kleinere Abschnitte
von möglichst regelmäßiger Form zerlegt, deren Flächeninhalt leicht
annähernd ausgemessen werden konnte.
[Illustration: Abb. 36. Herons Vermessung eines Feldes.]
Ein Blick auf die Abbildung lehrt uns, daß *Heron* hier mit
rechtwinkligen Koordinaten arbeitet, und daß er die umgrenzende Linie
recht genau in den Plan einzeichnen konnte, wenn er nur recht viele
Senkrechte von den Punkten der Linie aus nach den Rechteckseiten
errichtete und ausmaß.
Weiter zeigt *Heron*, wie man die Breite eines Flusses ermittelt,
ohne ihn zu überschreiten. In einem andern Abschnitt wird die Aufgabe
gelöst, ein Feld mit Hilfe eines Planes wieder abzustecken, wenn
die Umfriedigung mit Ausnahme weniger Grenzsteine verlorengegangen
ist[476]. Ein Abschnitt (30) entwickelt die *Heron*sche Formel für die
Fläche eines Dreiecks, dessen drei Seiten gegeben sind. Sie lautet:
∆ = √(((a + b + c)/2)·((a + b - c)/2)·((a + c - b)/2)·((b + c - a)/2)))
Ob *Heron* diese Formel selbst gefunden oder anderen entlehnt hat,
ist nicht bekannt. Auch weiß man nicht, wie groß sein Anteil an der
Konstruktion der Dioptra ist. Sicherlich bestand die Feldmeßkunst
in Ägypten schon Jahrtausende vor *Heron*. Doch waren ihre Regeln
zum Teil recht mangelhaft, so daß man[477] annimmt, daß *Heron*,
auf den Arbeiten seiner Vorgänger fußend, ein amtliches, zahlreiche
Verbesserungen aufweisendes Lehrbuch der Feldmeßkunst lieferte. Dieses
hat dann auch den Römern als Handbuch gedient. Stand doch bei diesem
Volke die Vermessungskunde, wie bei dem praktischen Grundzuge der Römer
nicht anders zu erwarten ist, in hoher Blüte. Wie hätte sich z. B. die
Anlage ausgedehnter Wasserleitungen ermöglichen lassen, wenn die Kunst
des Nivellierens, für welche man sich ebenfalls der Dioptra bediente,
den Römern nicht geläufig gewesen wäre.
Während der griechische Text der »Dioptra« schon seit 1858 bekannt ist,
entdeckte man erst 1896 *Herons* »Metrika«, ein Werk, das seit dem
6. Jahrhundert verschollen war. Die »Metrika« *Herons*[478] stellen
ein Handbuch dar, das eine Anweisung zur Teilung und Berechnung von
Flächen enthält, während die »Dioptra«[479] *Herons* die Beschreibung
der wichtigsten geodätischen Hilfsmittel und eine Anzahl von
Aufgabenbeispielen lieferte.
Zu den Aufgaben, deren Lösung *Heron* bringt, gehört außer den
Nivellierungen auch die Absteckung von Geraden zwischen zwei Punkten,
von denen der eine nicht vom andern aus gesehen werden kann. Die
Aufgabe war schon im Altertum praktisch wichtig, z. B. wenn es galt,
einen Tunnel durch einen Berg zu graben. Daß die alten Ingenieure schon
Tunnelbauten von beträchtlicher Länge ausführten, beweist die im Jahre
1884 erfolgte Freilegung eines Tunnels von etwa 1000 m Länge durch den
Kastroberg (auf Samos).
Wie *Heron* die Aufgabe löste, einen Berg zu durchstechen, wenn die
Mündungspunkte des Durchstichs gegeben sind, zeigt uns Abb. 37. Wir
sehen, daß er sich auch hierbei wieder eines Systems von rechtwinkligen
Koordinaten bediente.
*Heron* schließt seine Darstellung mit den zuversichtlichen Worten:
»Wird der Tunnel auf diese Weise hergestellt, so werden sich die
Arbeiter von beiden Seiten treffen.«
[Illustration: Abb. 37. Herons Tunnelaufgabe.]
Der Tunnel durch den Kastroberg ist durch deutsche Forschungen
wieder entdeckt worden. Er hatte den Zweck, eine jenseits des
Berges befindliche Quelle mit der Stadt zu verbinden. Diese Anlage,
die *Herodot* als ein Wunderwerk preist, entstand zur Zeit des
*Polykrates*. Sie verdient auch deshalb Bewunderung, weil die Arbeit ja
ohne die modernen Sprengmittel geleistet werden mußte[480].
Ein weiteres Beispiel für den Tunnelbau der Alten bietet der noch
jetzt vorhandene Abfluß (Emissar) des Albaner Sees. Dieser Abflußkanal
ist ein Stollen von 1200 m Länge. Seine Breite beträgt 1-1/2 m, seine
Höhe 2-3 m[481]. Als eine Ingenieurarbeit größeren Umfangs ist aus
der griechischen Geschichte die Trockenlegung des Kopaissees unter
*Alexander* dem Großen zu erwähnen[482].
Bei *Heron* begegnen uns auch die ersten Anweisungen darüber,
wie man sich beim Bergbau unter der Erde zu orientieren hat. Aus
diesen Anfängen hat sich, besonders seit dem Zeitalter *Agricolas*,
des Begründers der neueren Mineralogie (16. Jahrhundert), die
Markscheidekunst entwickelt.
Durch *Herons* Schriften wird man am besten mit dem konkreten Messen
und Rechnen seiner Zeit und mit den damals gebräuchlichen Maßen
bekannt. Für das kaufmännische Rechnen fehlt es leider an einer
ähnlichen Überlieferung[483]. Doch begegnet uns bei *Heron* die schon
im alten Ägypten gepflegte Verteilungs- und Gesellschaftsrechnung.
Bekannt ist beispielsweise *Herons* Brunnenaufgabe. Es wird darin nach
der Zeit gefragt, innerhalb deren durch mehrere Röhren ein Behälter mit
Wasser gefüllt werden kann, wenn man die Füllzeit für jede einzelne
Röhre kennt.
*Heron* hat auch eine Katoptrik geschrieben. Sie läßt uns erkennen, daß
schon im Altertum die Ansicht bestand, daß die Natur nichts vergeblich
tue. Von diesem Prinzip ausgehend, wurde die gradlinige Ausbreitung des
Lichtes erklärt. Die gleiche Betrachtungsweise leitete *Heron* bei dem
Nachweise, daß der Weg, den das einfallende und das reflektierte Licht
zurücklegt, nur dann ein Minimum ist, wenn der Einfallswinkel gleich
dem Reflexionswinkel ist[484].
Naturbeschreibung und Heilkunde im alexandrinischen Zeitalter.
Bei der Beurteilung der Schriften eines *Ptolemäos*, *Euklid* und
*Heron* läßt es sich schwer entscheiden, was diese Männer auf den von
ihnen behandelten Gebieten Eigenes, Neues geschaffen, und was sie
ihren Zeitgenossen und Vorgängern entlehnt haben. Es kann indessen
auch gar nicht die Aufgabe der hier gebotenen, zusammenhängenden
Darstellung einer Geschichte der Wissenschaften sein, im einzelnen
Prioritätsansprüche gegeneinander abzuwägen. Diese, in der Regel
wenig fruchtbringende Aufgabe muß der historischen Einzelforschung
überlassen bleiben, eine Einschränkung, die hier auch gleich für die
Behandlung späterer Perioden der Wissenschaft gemacht sei. Für uns ist
es viel wichtiger, in den jeweiligen Stand der Kenntnisse einzudringen
und den logischen Zusammenhang, die bedingenden Ursachen aufzuweisen.
Für diesen Zweck war die etwas ausführlichere Darstellung, die wir den
genannten drei alexandrinischen Gelehrten gewidmet haben, von Wert.
Während die Astronomie, die Mathematik und einige Zweige der Physik
von den Alexandrinern sehr gepflegt und gefördert wurden, wandten sie
den beschreibenden Naturwissenschaften eine geringere Anteilnahme
zu. Vielleicht ist dies in der kommentatorischen Gelehrsamkeit
der Alexandriner begründet. Bestand doch ihre Hauptaufgabe darin,
Handschriften zu vergleichen, zu erläutern und zu ergänzen. So sagt
*Plinius* von ihnen: »In den Schulen sitzen und Vorträge anhören, war
angenehmer, als durch Einöden zu gehen und Tag für Tag neue Pflanzen
zu suchen[485].« Als selbständige Wissenschaft hörte die Botanik
auf. Sie bestand in der alexandrinischen Schule nur noch als ein
Zweig der Heilkunde, als Heilmittellehre, weiter. Es war deshalb von
Bedeutung für die Entwicklung der Botanik, daß auch die Geographen
dieses Zeitalters der Pflanzenwelt ihre Aufmerksamkeit zuwandten.
Vor allem ist hier *Strabon* als der größte unter den Geographen der
spätalexandrinischen Schule zu nennen. Wenn dieser Mann auch nicht
selbst Pflanzenkenner war, so nahm er doch die Pflanzen- und die
Tierwelt als Gegenstand seiner Wissenschaft mit Recht in Anspruch,
so daß seit *Strabons* Auftreten die Bedeutung der Botanik für die
allgemeine Erdkunde stets gewürdigt worden ist.
In höherem Maße als die Botanik wurde die Anatomie bei den
Alexandrinern gepflegt. An erster Stelle sind hier *Herophilos* (um
300 v. Chr.) und *Erasistratos*[486] (um 280 v. Chr.) zu nennen.
Von *Herophilos*, einem der bedeutendsten Ärzte des Altertums[487],
rührt die erste eingehendere Untersuchung des Auges her, während
*Erasistratos* die blutführenden Venen von den, nach damaliger Ansicht,
mit Pneuma gefüllten Arterien unterschied. *Erasistratos* war auch
nahe daran, den Kreislauf des Blutes zu erkennen. Er scheiterte nur
an dem soeben erwähnten Irrtum, daß die Arterien das Pneuma (den
Luftgeist) enthielten. Andererseits erkannte er ganz richtig das
Herz als den Ausgangspunkt der Gefäße, sowie das Gehirn als die
Ursprungsstelle der Nerven. Vor allem wurde die Anatomie dadurch auf
eine sichere Grundlage gestellt, daß man die Sehnen von den Nerven
unterschied und letztere als die Organe der Empfindung sowie die
Muskeln als die Werkzeuge der Bewegung kennenlernte. Allerdings waren
die Alexandriner in ihren Mitteln nicht sehr wählerisch, da sie selbst
vor Vivisektionen an Menschen nicht zurückscheuten[488].