5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.

Weit später als in Griechenland und in dem von Griechen bewohnten Süden

Italiens entwickelte sich eine höhere geistige Kultur in Mittelitalien.

Die Hauptmasse der Bevölkerung dieses Teiles der Apenninenhalbinsel

war in vorgeschichtlichen Zeiten, als ein den Hellenen und Kelten

verwandtes Volk, über die Alpen eingedrungen. Sie war dort zunächst

mit den Etruskern, einem Volk, dessen Abstammung zweifelhaft ist,

in Berührung getreten. Erst weit später machte sich der Einfluß

der in Süditalien bestehenden griechischen Ansiedelungen auf die

mittelitalischen Völkerschaften geltend. Es geschah dies erst, nachdem

letztere unter der Führung Roms eine staatliche Einigung erfahren

hatten.

Während man sich in den unserer Zeitrechnung vorangehenden

Jahrhunderten in der Stille des alexandrinischen Gelehrtentempels die

Welt zu erkennen mühte, hatte man sie von Mittelitalien aus durch die

Gewalt der Waffen unterjocht. Griechenland war schon länger als ein

Jahrhundert römische Provinz, als im Jahre 30 v. Chr. Ägypten dasselbe

Schicksal ereilte. Die politische Umgestaltung dieses Landes vollzog

sich jedoch allmählich, da der römische Einfluß sich schon lange vor

jenem Zeitpunkt in stetig wachsendem Maße geltendgemacht hatte. Diese

Umgestaltung war daher auch für die Wissenschaften nicht von solch

einschneidender Bedeutung, wie später das Hereinbrechen entfesselter,

barbarischer Horden. In dem Maße nämlich, wie die Römer das dem Osten

sein geistiges Gepräge verleihende Griechenland politisch überwanden,

nahmen sie den Inhalt der griechischen Bildung in sich auf. Sie

wurden die Herren, aber zugleich die Schüler der Griechen. Auch aus

den reichen literarischen Schöpfungen der Semiten und der Ägypter

vermochten die Römer zu schöpfen[489]. Meister sind sie auf dem Gebiete

der Kunst und Wissenschaft indessen nicht geworden. Weit mehr entsprach

ihrem ganzen Sinne sowie ihren Bedürfnissen eine Fortentwicklung der

Technik. Auf diesem Felde haben sie, wie die großartigen Überreste

ihrer Werke noch heute bezeugen, die Griechen zweifelsohne übertroffen.

Doch erfuhr die wissenschaftliche Grundlage der Technik, die Mechanik

nämlich, durch die Römer keinen wesentlichen Fortschritt. Wurde auch

während der Kaiserzeit Rom, nachdem es zum politischen Mittelpunkt

der Welt geworden, neben Alexandria mehr und mehr zu einem Sitz der

Wissenschaften, so kann man doch von einem römischen Zeitalter der

letzteren nicht sprechen. Darüber, sich die Elemente der griechischen

Bildung anzueignen, sind die Römer kaum hinausgekommen, während in dem

römisch gewordenen Alexandria ein neuer, bedeutender Aufschwung die

ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung ausfüllt.

Als der Hellenismus etwa um die Zeit des zweiten punischen Krieges

das römische Geistesleben zu durchdringen begann, hatte die römische

Literatur noch keine Schöpfung von einiger Bedeutung aufzuweisen.

Ein mit wissenschaftlichen Dingen sich befassendes Prosaschrifttum

fehlte ihr bis zu dem angegebenen Zeitpunkt noch fast gänzlich. Was

auf diesem Gebiete vorhanden war, betraf lediglich die Grundlagen des

Rechtswesens, die Führung von Chroniken, den Kultus und die engeren

Bedürfnisse des praktischen Lebens. Vom größten Einfluß auf die

Literatur des römischen Volkes wurde seine Berührung mit den Griechen,

zunächst mit den Kolonien Süditaliens und später mit dem griechischen

Mutterlande. Eingeleitet wurde die Berührung zwischen Römer- und

Griechentum durch den Handel. Zu einer innigeren Durchdringung kam es

jedoch erst durch den kriegerischen Zusammenstoß, der die römischen

Heere in die griechischen Kolonien und nach Hellas führte und umgekehrt

zahlreiche Griechen sowie griechische Kunst- und Wissensschätze nach

Rom gelangen ließ. Diese Umwälzungen begannen im 3. vorchristlichen

Jahrhundert mit dem tarentinischen (282-272) und dem ersten punischen

Kriege (264-241). Um 200 folgte die Besiegung Makedoniens, und wenige

Jahrzehnte später wurde durch *Aemilius Paulus* dem einst dem römischen

an Umfang und Bedeutung gleichen makedonischen Reiche durch die

Schlacht bei Pydna (168 v. Chr.) ein Ende bereitet. Zahlreiche Geiseln,

zumeist vornehmen und gebildeten hellenischen Familien entsprossen,

kamen infolge dieses Sieges nach Rom. Eins der wertvollsten

Beutestücke, welche der Sieger heimbrachte, war die Bibliothek des

makedonischen Königs. Infolge dieser Geschehnisse bildete sich in Rom

ein stetig wachsender Kreis von Freunden griechischer Bildung, die

voll Bewunderung den Vorträgen nach Rom gewanderter Rhetoren und

Philosophen lauschten. Aus dieser geistigen Verbrüderung trat mit immer

größerer Deutlichkeit das Bestreben hervor, durch die Vereinigung der

realen römischen Macht mit dem Inhalt des griechischen Geisteslebens

innerhalb eines einzigen Staatsgebildes ein von den bisherigen engen

nationalen Schranken befreites Weltbürgertum entstehen zu lassen.

Unter den Männern, die sich gegen diese Entwicklung stemmten, ohne

sie jedoch nur im geringsten hemmen zu können, ist besonders *Marcus

Portius Cato* zu nennen. Dem Haß, mit dem er in jeder Sitzung des

Senats die Zerstörung Karthagos forderte, kam seine Erbitterung

gegen griechische Bildung und griechisches Geistesleben gleich. Aus

dieser Stellungnahme erwuchsen *Catos* »Unterweisungen«, ein Werk,

das eine Art Enzyklopädie darstellte und zeigen sollte, daß die

ältere römische Literatur es mit der besonders ihrer Neuheit wegen so

hoch eingeschätzten griechischen wohl aufnehmen könne. Von *Catos*

»Unterweisungen« sind nur einige Fragmente erhalten geblieben. Dagegen

besitzen wir in seinem Buche über die Landwirtschaft (De agricultura)

das älteste auf unsere Zeit gekommene Werk des lateinischen

Prosaschrifttums. Es ist eine der wichtigsten Quellen für die an

späterer Stelle ausführlich zu besprechende »Naturgeschichte« des

*Plinius* gewesen.

Von dem die Hellenen beherrschenden Streben, im Einzelnen das

Allgemeine, die Idee zu finden, gingen die Römer später zu einem mehr

empirischen, oft unkritischen Beobachten des Äußerlichen über und

gelangten auf diesem Wege mitunter zu Plattheiten, wie sie uns bei

*Cicero* begegnen, der da meinte, die Naturwissenschaft suche entweder

nach Dingen, die niemand wissen könne, oder nach solchen, die niemand

zu wissen brauche. Es sind manche Vermutungen darüber ausgesprochen

worden, weshalb die Römer das von den Griechen begonnene Werk nicht

fortgesetzt haben, so daß auf die Begründung der Wissenschaften

unmittelbar ihr weiterer Ausbau gefolgt wäre. Die einen erblicken

die Ursache dieser Erscheinung in dem Fehlen der experimentellen

Forschungsweise, obgleich doch, wie wir sahen, die Ansätze zu einer

solchen in der Blütezeit der alexandrinischen Periode wohl vorhanden

waren. Andere meinen, die Römer, welche zwar die berufenen Erben der

Griechen gewesen seien, hätten bei ihrer Aufgabe, die Welt zuerst zu

erobern und sie dann zu beherrschen, weder Zeit noch Sinn für die

Beschäftigung mit wissenschaftlichen Dingen gehabt. Auch den Mangel an

Werkzeugen für die wissenschaftliche Arbeit, wie sie die neuere Zeit

in Fülle hervorbrachte, hat man dafür verantwortlich machen wollen,

daß die Wissenschaft nach ihrer Begründung zunächst keine wesentlichen

Fortschritte aufwies.

Die Einflüsse, welche die in Frage stehenden sowie ähnliche

Erscheinungen in der Entwicklung der Zivilisation und des Geisteslebens

herbeigeführt haben, sind für uns, die wir solch entlegene Zeiten durch

ein sehr getrübtes Medium erblicken, nicht mehr scharf erkennbar.

Jedenfalls haben hier nicht nur eine oder einige der genannten Ursachen

mitgespielt, sondern es hat ein Zusammenwirken zahlreicher Umstände

stattgefunden. Die natürlichen Anlagen, die auch bei nahe verwandten

Völkern nicht immer die gleichen sind, sowie die Macht der politischen

und der religiösen Verhältnisse werden jedenfalls hierbei in erster

Linie den Ausschlag gegeben haben. So war[490] »die ganze Geistesanlage

der Römer nach wesentlich anderen Gebieten gerichtet als dem der reinen

Wissenschaft«. Und selbst als Rom Weltreich geworden, betonte *Cicero*,

daß die griechischen Mathematiker auf dem Gebiete der reinen Geometrie

das Glänzendste geleistet, während sich die Römer nur auf die Ausübung

des Rechnens und des Ausmessens beschränkt hätten[491].

Meßkunst und Astronomie bei den Römern.

Die Römer hielten die Feldmeßkunst für wenigstens eben so alt wie

Rom. Sie wurde zuerst von Priestern ausgeübt, um das zu den Tempeln

gehörende Land abzugrenzen. In der Kaiserzeit war die Feldmeßkunst sehr

entwickelt. Wer sie ausüben wollte, mußte eine Schule durchmachen und

eine Prüfung ablegen[492].

[Illustration: Abb. 38. Der Meßapparat der Römer.]

[Illustration: Abb. 39. Die Rekonstruktion der Groma.]

Die ersten Kenntnisse in der Feldmeßkunst verdankten die Römer

sehr wahrscheinlich den Etruskern. Als Meßapparat benutzten sie

ein Winkelkreuz, das aus zwei in der horizontalen Ebene sich

schneidenden Linealen bestand. Eine Abbildung dieses Apparates wurde

auf dem Grabe eines römischen Feldmessers gefunden[493]. An den

Enden der Lineale befanden sich Lote. Die alten Italer vermochten

mit Hilfe dieses Instrumentes, der Groma, und der Meßstange

schon die Breite eines Flusses von einem Ufer aus zu bestimmen,

ohne den Fluß zu überschreiten. Für diese Aufgabe war sogar eine

bestimmte Bezeichnung im Gebrauch[494]. Das erwähnte, von den

Römern benutzte Winkelmeßinstrument haben neuere Ausgrabungen ans

Licht gebracht. Die nebenstehende Abbildung 38 stellt ein bei der

Limesforschung[495] entdecktes Exemplar dar. Die Abbildung 39 zeigt

uns eine Rekonstruktion. Das Instrument[496] der Römer bedeutet gegen

*Herons* Dioptra einen Rückschritt. Sie benutzten es zur Festlegung der

Nord-Süd-Linie und zum Abstecken rechter Winkel. Als Nivellierlineal

bedienten sie sich einer Art Kanalwage. Besonders fand die Groma

Verwendung, wenn es sich darum handelte, eine Niederlassung oder eine

Flur durch ein System rechtwinklig sich schneidender Wege einzuteilen.

Einen Aufschwung erfuhr die Mathematik zur Zeit *Cäsars*. Es zeigten

sich die Anfänge einer eigenen mathematischen Literatur, wie denn auch

*Cäsar* selbst als Schriftsteller auf mathematischem Gebiete tätig

gewesen ist. Hat doch *Plinius* ein von *Cäsar* verfaßtes und »De

astris« betiteltes Werk vielfach als Quelle für das XVIII. Buch seiner

»Naturgeschichte« benutzt. *Cäsar* hatte sich zwei große Aufgaben auf

dem Gebiete der angewandten Mathematik gestellt. Er wollte den in die

größte Verwirrung geratenen römischen Kalender verbessern und eine

Vermessung des ganzen römischen Reiches ins Werk setzen.

Bis zum Jahre 46 v. Chr. hatte man in Rom nach Mondjahren gerechnet

und durch ziemlich regelloses Einschieben von Schaltmonaten den

Kalender den Jahreszeiten anzupassen gesucht. Der Fehler war indessen

schließlich so groß geworden, daß um die Zeit *Cäsars* der Tag der

Frühlingsnachtgleiche 85 Tage vor die wirkliche Nachtgleiche, also

mitten in den Winter fiel. Nach der Rückkehr von dem ägyptischen

Feldzug (47 v. Chr.) regelte *Cäsar* den Kalender unter Mitwirkung des

alexandrinischen Astronomen *Sosigenes*. Es gelangte die Zeitrechnung

zur Einführung, von der uns das Dekret von Kanopus schon Kunde

gibt[497]. Das Jahr wurde nämlich in der Folge zu 365 Tagen gerechnet

und im 4. Jahre, jedesmal vor dem 24. Februar, dem dies sextus ante

calendas Martis, ein Tag als bissextus (daher auch annus bissextilis)

eingeschaltet.

Die von *Cäsar* geplante Vermessung des römischen Reiches ist

wahrscheinlich auch durch alexandrinische Gelehrte angeregt worden.

Die Verpachtung der Provinzen, die Heereszüge und die Ausdehnung

der Kriegs- und Handelsflotte ließen diese Arbeit als dringend

erforderlich erscheinen. Da *Cäsar* indessen vorzeitig durch Mörderhand

hinweggerafft wurde, blieb die Ausführung dem *Augustus* vorbehalten.

Die Vermessung, welche der *Augustus* nahestehende Feldherr und

Staatsmann *Agrippa* leitete, wurde nach fast dreißigjähriger Arbeit

im Jahre 20 v. Chr. beendet und besaß für Italien, Griechenland und

Ägypten einen ziemlich hohen Grad von Genauigkeit, während andere

Länder nur durch Leute, die man Dimensoren nannte, ausgeschritten

wurden. Ihr Ergebnis war eine gewaltige Karte, welche in einer für

diesen Zweck errichteten Säulenhalle »der Welt die Welt als Schauspiel«

darbot[498]. Neuerdings sind Zweifel darüber entstanden, ob diese

auch wohl nach *Agrippa* benannte Karte auf Grund genauerer Messungen

entworfen wurde. Indessen, selbst wenn es unentschieden bleibt, welchen

Wert die Karte besessen, so ist *Agrippas* Unternehmen doch ohne

Zweifel das Vorbild für spätere, den orbis terrarum umfassende Karten

gewesen. Von diesen ist noch heute ein Exemplar erhalten, das offenbar

für strategische Zwecke gedient hat. Es ist unter dem Namen der Tabula

Peutingeriana bekannt, enthält die Heerstraßen für das ganze römische

Reich und befindet sich in Wien[499]. Abb. 40 zeigt den Teil, der die

Balkanhalbinsel darstellt.

[Illustration: Abb. 40. Peutingers Karte (Balkanhalbinsel).]

Die ganze Karte (Abb. 40 stellt ein Stück aus der Mitte dar), besteht

aus einer Rolle von 11 Pergamentblättern und ist etwa 7 m lang und 0,3

m hoch. Die eigentümliche Verzerrung in der Richtung Ost-West ist aus

der Rollenform zu erklären. Bei dem Entwurf trat nämlich offenbar der

kartographische Gesichtspunkt hinter dem rein praktischen, eine bequeme

Übersicht über die Wege zu haben, zurück. Durch die hakenförmigen

Unterbrechungen der Wege (Itinerarien) sind die Stationen angedeutet.

Ihre Entfernungen sind durch Zahlen bezeichnet. Meist handelt es sich

um römische Meilen, das sind 1000 Schritte (milia passuum) oder 1482

m[500].

Mit astronomischen Dingen haben sich die Römer erst verhältnismäßig

spät und meist nur aus praktischen Gründen beschäftigt. Mit den

Sonnenuhren wurden sie[501] erst um die Mitte des 3. vorchristlichen

Jahrhunderts, mit den Wasseruhren etwa ein Jahrhundert später

bekannt, während die Chaldäer sich der Sonnenuhren schon 750 v. Chr.

bedienten[502].

Die Pflege der »Ingenieurmechanik«.

Wie die Mathematik und die Astronomie, so wurde auch die Mechanik bei

den Römern weniger ihrer selbst, als ihres praktischen Nutzens wegen

gepflegt. Es erwuchs ein Gebiet, das die Bezeichnung Ingenieurkunst

oder Ingenieurmechanik verdient und bei den Römern zu hoher Blüte

gedieh[503].

Einen guten Einblick in die Ingenieurmechanik der Römer erhält

man durch das den wenig zutreffenden Titel »Über die Architektur«

tragende Werk *Vitruvs*[504]. *M. Vitruvius Pollio* lebte zur Zeit des

*Augustus*. Er befaßte sich besonders mit dem Bau von Kriegsmaschinen

und wurde von *Augustus* mit der Leitung des Bauwesens betraut. Eine

kurze Inhaltsangabe des Werkes von *Vitruv* möge uns den damaligen

Stand des Wissens erläutern. *Vitruv* beginnt damit, daß er für den

Ingenieur eine vielseitige wissenschaftliche Ausbildung verlangt.

Er soll nicht nur in der Mathematik bewandert, sondern auch mit den

Grundzügen des Rechtes und mit der Heilkunde vertraut sein. Komme

doch letztere schon in Frage, wenn es sich um die Wahl passender und

gesunder Bauplätze handle.

Sehr zutreffend ist auch, was *Vitruv* über das Verhältnis zwischen

Theorie und Praxis sagt: »Diejenigen, die ohne Wissenschaft nur nach

mechanischer Fertigkeit strebten, haben sich durch ihre Arbeiten

niemals maßgebenden Einfluß erwerben können. Umgekehrt scheinen

diejenigen, die sich lediglich auf die Wissenschaft verlassen haben,

dem Schatten nachgejagt zu sein. Nur die, welche Theorie und Praxis

gründlich beherrschen, haben die volle Rüstung, um das Ziel, das sie

sich gesteckt haben, zu erreichen.«

Die in diesen Worten ausgesprochene Mahnung gilt bis auf den heutigen

Tag[505].

[Illustration: Abb. 41. Römisches Hebezeug[506].]

Im zweiten Buche bespricht *Vitruv* die Baumaterialien. Geschildert

wird das Brennen und das Löschen des Kalkes. Auch die Puzzolanerde, die

mit Kalk vermischt für Wasserbauten Verwendung fand, wird erwähnt. Dann

folgen Angaben über den Bau von Häusern, Tempeln, Bädern usw. In einem

Abschnitte über die Wandmalerei werden als geeignete Farben Zinnober,

Kupfergrün und Ocker genannt. Das achte Buch handelt von den Quellen

und der Anlage von Wasserleitungen. Erwähnung finden auch bittere

Quellen und Erdölquellen sowie der Asphaltsee bei Babylon, welcher

das Bindematerial für die dortigen Bauten lieferte. Im neunten Buche

ist besonders von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede,

während das letzte von Pumpwerken, Feuerspritzen und anderen Maschinen

handelt. Von den praktisch-physikalischen Instrumenten ist die

Schnellwage, die auch heute noch den Namen der römischen Wage führt,

wohl dasjenige, das die Römer selbständig erfunden haben und schon in

der altrömischen Zeit anwandten[507]. Abb. 42 zeigt uns zwei in Pompeji

entdeckte Schnellwagen. Sie werden, wie die Mehrzahl der in Pompeji

gemachten Funde, im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt. Die Erfindung

der römischen Wage reicht mindestens bis in das 3. Jahrhundert v. Chr.

zurück. Das Laufgewicht wurde sehr oft künstlerisch gestaltet, indem

man diesem Teil der Wage die Form einer Frucht (Granatapfel) oder einer

Büste (Merkur) gab.

[Illustration: Abb. 42. Römische Schnellwagen.]

Die Leistungen der Römer gingen auf den Gebieten der Architektur und

der Ingenieurkunst (Brückenbau, Schiffsbau, Anlage von Wasserleitungen,

Heerstraßen, kriegstechnischen Arbeiten) jedenfalls über das rein

handwerksmäßige Schaffen hinaus. Diese Leistungen setzen nämlich

wissenschaftlich und praktisch vorgebildete Architekten und Ingenieure

voraus. Besondere Schulen, wie sie für Philosophie, Rhetorik,

Jurisprudenz und Medizin bestanden, gab es für die Ingenieure zwar

nicht. Wer das Ingenieurfach ergreifen wollte, wurde in jugendlichem

Alter einem Fachmann in die Lehre gegeben. Voraussetzung für die

Erlernung der Ingenieurkunst waren Kenntnisse in der Mathematik, der

Optik, der Astronomie, der Geschichte und im Rechtswesen. Während

der Kaiserzeit wirkten in Rom neben den Lehrern für Rhetorik,

Heilkunde usw. auch solche, die in der Mechanik und in der Architektur

unterrichteten. Für Gehalt und Lehrsäle sorgte der Staat. Auch

befreite er wohl die Väter, die ihre Söhne die Ingenieurkunst

erlernen lassen wollten, von der Zahlung der Steuern. Die gleiche

Vergünstigung erhielten Ingenieure, die sich als Lehrer in ihrem

Fache auszeichneten. Wie sehr man die Bedeutung der Ingenieure zu

würdigen wußte, beweist folgende Stelle aus einem Briefe, den Kaiser

*Konstantin* (323-337) an einen seiner Statthalter richtete. Sie

lautet: »Wir brauchen möglichst viele Ingenieure. Da es an solchen

mangelt, veranlasse zu diesem Studium Personen, die ungefähr 18 Jahre

alt sind und die zur allgemeinen Bildung nötigen Wissenschaften bereits

kennengelernt haben. Befreie die Eltern von den Steuern und gewähre den

Schülern ausreichende Mittel[508].«

Die Mechanik hatte also, wo es sich um praktische Anwendungen handelte,

zur Zeit der Alexandriner und der Römerherrschaft schon manche Frucht

gezeitigt. Anders stand es um die Mechanik als wissenschaftliche

Disziplin. Welch unvollkommene Vorstellungen in mechanischen Dingen

die meisten Schriftsteller des Altertums hegten, davon läßt sich

manches Beispiel nachweisen. So erzählt *Plinius* folgende Fabel von

dem Schiffshalter (Echineis remora), einem Fisch des Mittelmeeres,

der eine Anzahl Saugnäpfe auf der Stirn trägt, mit denen er sich an

Schiffen und anderen Gegenständen festhält: »Mögen die Stürme wüten und

die Wogen rasen, dieses kleine Geschöpf spottet ihrer Wut, zähmt ihre

Kraft und zwingt ein Schiff zu stehen, während kein Tau und kein Anker

dazu imstande sind. Und zwar hemmt es den Ansturm und bezwingt es die

Elemente nicht durch eigene Arbeit oder Gegenwirkung, sondern einzig

und allein dadurch, daß es sich anhängt.«

Eine solche Unklarheit herrschte also bezüglich eines so einfachen

mechanischen Begriffes, daß ein Schriftsteller wie *Plinius*, lange

nachdem die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiete der Mechanik

durch *Archimedes* getan waren, derartige Fabeln ohne Widerspruch

aufnahm. Hierin zeigt sich aber auch, daß *Archimedes* auf das

physikalische Denken der auf ihn folgenden Jahrhunderte einen nur

geringen Einfluß ausgeübt hat. Das volle Verständnis für seine Werke

sowie die Fähigkeit, an das von ihm Geleistete anzuknüpfen und darauf

weiterzubauen, scheint in den nächsten anderthalb Jahrtausenden mit

geringen Ausnahmen gefehlt zu haben.

Die Literatur während der Kaiserzeit.

Die Literatur eines Volkes ist stets nicht nur von seiner Eigenart

und fremden Einflüssen, sondern auch von dem Gange der politischen

Entwicklung in hohem Grade abhängig gewesen. Diese Abhängigkeit war

im Altertum weit größer als in der Neuzeit, in der das geistige Leben

weniger an nationale Schranken gebunden ist und die Freiheit der

Einzelpersönlichkeit erheblich zugenommen hat. Wie im alten Athen, in

Alexandria und in anderen wissenschaftlichen Mittelpunkten, so war auch

im kaiserlichen Rom die Stellung, welche das Oberhaupt des Staates

zu Kunst und Wissenschaft einnahm, für das Gedeihen dieser Gebiete

von großer Bedeutung. Schon *Augustus*, der die kaiserliche Gewalt

begründete, brachte der Literatur Interesse und Verständnis entgegen.

Hat er sich doch selbst als Dichter und als Prosaschriftsteller

versucht. *Augustus* wußte auch in vollem Maße zu würdigen, daß

die Literatur der staatlichen Macht, von der sie abhängt, entweder

dienstbar gemacht oder durch eine verkehrte Behandlung in einen

Gegensatz zur Staatsgewalt gebracht werden kann, wodurch die letztere

stets mehr oder minder Abbruch erleidet.

Auf die reiche Entfaltung der römischen Literatur im Augusteischen

Zeitalter folgten unter der Herrschaft des finsteren *Tiberius* und des

dem Cäsarenwahn verfallenen *Caligula* Jahrzehnte, die weniger günstig

waren. Der lähmende Druck, der damals auf allen Kreisen lastete, machte

sich auch auf dem Gebiete des geistigen Schaffens fühlbar. Er wich

erst, als nach dem Tode *Neros* mit *Vespasian* ein milder Herrscher

den Kaiserthron bestieg, auf den ihm -- leider nur für wenige Jahre --

sein Sohn *Titus* folgte. *Plinius* stand zu beiden in naher Beziehung,

insbesondere zu *Titus*. Zwar ist dieser erst in dem Jahre zur

Regierung gekommen, in dem *Plinius* starb. Doch hat *Titus* schon bei

Lebzeiten seines Vaters wie im Staats- so auch im wissenschaftlichen

Leben einen bedeutenden Einfluß ausgeübt. Während *Vespasian* noch

in erster Linie Kriegsmann war, hatte sich *Titus* mit der gelehrten

Bildung seines Zeitalters schon in dem Maße befreundet, daß er, wie

*Plinius* berichtet, ein Gedicht über das Erscheinen eines Kometen

verfaßte.

Ein Erzeugnis dieses für die Literatur so günstigen Zeitalters

der Kaiser aus dem Hause der Flavier ist die »Naturgeschichte«

des *Plinius*. Sie ist das umfassendste Denkmal, das wir von den

naturwissenschaftlichen Kenntnissen der Römer besitzen und enthält

zahlreiche Angaben, die ohne die gewissenhaften Aufzeichnungen des

*Plinius* verlorengegangen wären. Sie wurde, wie aus der Vorrede zu

entnehmen ist, im 77. oder 78. Jahre n. Chr. vollendet.

Plinius.

*Cajus Plinius Secundus Major* wurde im Jahre 23 n. Chr. zu Como

geboren. Er empfing den Beinamen Major (der Ältere), um ihn von

seinem gleichfalls als Schriftsteller bekanntgewordenen Neffen

gleichen Namens, der den Zusatz Minor (der Jüngere) erhielt, zu

unterscheiden. *Plinius* kam frühzeitig nach Rom, wo er sich den

*Pomponius Mela* zum Vorbild erkor. Dieser hatte es verstanden, mit

einer verantwortungsvollen amtlichen Tätigkeit eine große Vorliebe

zum literarischen Schaffen zu verbinden. Hierin ist ihm *Plinius*

gefolgt. Gleich *Pomponius Mela* war er militärischer Befehlshaber. Von

*Vespasian* wurde er häufig als Berater zu den Regierungsgeschäften

herangezogen. In jüngeren Jahren hat ihn der Kriegsdienst auch nach

Germanien geführt. Obgleich er höhere Ämter bekleidete und stets im

Drange der Geschäfte lebte, fand *Plinius* doch Muße, das Wissen seiner

Zeit in einem Sammelwerke zu umspannen. In der an *Titus* gerichteten

Widmung sagt er von seinem Unternehmen: »Der Weg, den ich wandeln

werde, ist unbetreten; keiner von uns, keiner von den Griechen hat es

unternommen, allein das Ganze der Natur zu behandeln. Gelingt mir mein

Unternehmen nicht, so ist es doch großartig und schön, danach gestrebt

zu haben.«

Die »Naturgeschichte« wird um 77 n. Chr. ziemlich abgeschlossen gewesen

sein. Da ihr Verfasser bald darauf plötzlich aus seiner Tätigkeit

herausgerissen wurde, so erfolgte die Herausgabe durch seinen Neffen,

den schon erwähnten *Plinius Secundus Minor*. Offenbar hat dieser

nur wenig an dem Werk geändert. Er nennt es[509] ein »weitläufiges

gelehrtes Werk, das nicht minder mannigfaltig wie die Natur selbst ist«.

Bekannt ist das tragische Ende des *Plinius*. Als er sich im Jahre

79 n. Chr. in der Nähe von Neapel aufhielt, begann plötzlich jener

furchtbare Ausbruch des Vesuvs, durch den Herculanum und Pompeji

vernichtet wurden. Der unerschrockene Römer ließ sich nicht abhalten,

der Stätte des Verderbens zuzueilen; mag ihn nun Pflichtgefühl oder

Wißbegierde dazu getrieben haben. Nach der Landung ist er dann der Wut

der entfesselten Elemente zum Opfer gefallen.

Die Katastrophe selbst hat der jüngere *Plinius* in einem an den

Geschichtsschreiber *Tacitus* gerichteten Briefe geschildert. Aus

diesem mögen einige Stellen hier Platz finden:

»Du bittest mich, dir den Tod meines Oheims zu schildern, eines Mannes,

der das Glück hatte, große Taten zu vollbringen und herrliche Bücher zu

schreiben. Ein wunderbares Geschick fügte es, daß er beim Untergange

einer herrlichen Landschaft den Tod fand. Sein Andenken wird jedoch

ewig leben.

Mein Onkel befand sich mit der Flotte, die er als Admiral befehligte,

bei Misenum. Am 22. August meldete man ihm, daß sich eine Wolke von

ungewöhnlicher Gestalt zeige. Sie hatte das Aussehen einer Pinie,

deren Stamm sich himmelhoch erhebt und deren Zweige sich schirmartig

ausbreiten. Mit dem Eifer eines Naturforschers, der etwas zu

untersuchen wünscht, befahl mein Oheim, sogleich ein Schiff zur Abfahrt

bereit zu machen. Noch bevor er es bestiegen, erhielt er einen am Fuße

des Vesuvs geschriebenen Brief, in dem er um Hilfe gebeten wurde.

Infolgedessen mußte die ganze Flotte auslaufen. Mein Oheim steuerte auf

dem Admiralsschiff kühn der Gefahr entgegen und beobachtete vom Verdeck

aus den Verlauf der furchtbaren Erscheinung. Gleichzeitig diktierte er

seine Beobachtungen einem Schreiber. Als man sich der Unglücksstätte

näherte, fiel die Asche immer dichter und heißer auf die Schiffe. Sogar

Stücke von Bimsstein und Lava mengten sich darunter. Man landete in

Stabiae. Unterdessen wurde es Nacht. Vom Vesuv brachen die Flammen

hoch empor. Gleichzeitig bebte die Erde, so daß das Haus, in dem sich

*Plinius* mit seiner Begleitung aufhielt, ins Wanken geriet. Man

verließ das Haus, nachdem sich jeder zum Schutze gegen den Steinregen

ein Kissen über den Kopf gebunden hatte. Als man dem Schwefelqualm und

der Feuersglut zu entkommen suchte, sank *Plinius* plötzlich erschöpft

nieder. Einmal gelang es ihm noch, sich mit Hilfe zweier Sklaven wieder

aufzurichten. Dann brach er sterbend zusammen.«

Auch über die Persönlichkeit und die Arbeitsweise seines Onkels hat der

jüngere *Plinius* einiges mitgeteilt[510]. Was ihn danach auszeichnete,

war ein unglaublicher Fleiß. Er schlief nur wenig und aß auch nur

wenig, und zwar nach der Sitte der Väter ganz einfach. Auch auf seinen

Reisen studierte er unermüdlich. Dabei hatte er seinen Schreiber stets

neben sich.

Die literarische Fruchtbarkeit des *Plinius* war eine ganz

ungewöhnliche. Außer der »Naturgeschichte« hat er noch eine Reihe

anderer Werke geschrieben, die indessen verlorengegangen oder nur

in Fragmenten, d. h. als Bestandteile anderer Werke, erhalten

geblieben sind. So verfaßte *Plinius* während seines Aufenthaltes in

Germanien ein Werk, das von den Kriegen handelt, welche die Römer auf

germanischem Boden geführt haben.

Die Quellen des Plinius.

Aus nicht weniger als 2000 Werken hat *Plinius* den Stoff für seine

»Naturgeschichte« geschöpft. Seine Leistung verdient um so größere

Anerkennung, als er nur die Stunden, die ihm die Geschäfte übrig

ließen, also besonders, wie er selbst erzählt, die Nacht, auf sein Werk

verwenden konnte. Ohne *Plinius* würden wir von manchen Schriften keine

Kenntnis besitzen. Andererseits muß aber betont werden, daß *Plinius*

sich nicht auf die Stufe selbständigen Forschens und Denkens erhebt. Er

bringt sogar manches, was er offenbar nicht einmal richtig verstanden

hat. Oft wird Wahres und Falsches von ihm miteinander vermengt. Man

gewinnt den Eindruck, daß *Plinius* sein Wissen weniger aus der Natur,

sondern vorzugsweise aus Büchern geschöpft hat, was bei einem Manne,

der schon einen Spaziergang als Zeitvergeudung betrachtete, nicht

wundernehmen kann.

Das Verzeichnis der Quellen, aus denen *Plinius* nach seiner Angabe

schöpfte, umfaßt 146 römische und 327 fremde Schriftsteller. Unter

diesen befinden sich viele, deren Schriften ganz verlorengegangen sind

und von denen man auch nicht einmal die Namen wüßte, wenn *Plinius* sie

nicht unter seinen Gewährsmännern aufzählte.

Unter den römischen Schriftstellern, auf welchen *Plinius* fußt, ist

vor allem *Marcus Terentius Varro* (116-27 v. Chr.) zu nennen. Er

hat eine ganze Anzahl von Wissenschaften enzyklopädisch bearbeitet.

Seine Schriften sind das Vorbild für die im Mittelalter so häufig

anzutreffenden Werke über die »sieben freien Künste« gewesen[511].

Wie *Cato*, so bemühte sich auch *Varro*, den alten Wissensschatz zu

sammeln und ihn der eindringenden griechischen Literatur gegenüber

in seiner Selbständigkeit und in seinem wahren Werte hervortreten zu

lassen. Unter den *Varro*nischen Schriften, die *Plinius* benutzt

hat, ist vor allem das Werk über die Landwirtschaft zu nennen (Rerum

rusticarum libri III). *Varro* handelt darin vom Ackerbau, von der

Viehzucht, den Bienen, den Fischen und dem Wild. Wenn sich *Varro*

auch an *Cato* (s. S. 210) anlehnt, so entwickelt er doch überall ein

sicheres, auf reicher Erfahrung und umspannendem Wissen gegründetes

Urteil. Von besonderem Interesse ist eine Stelle[512], in der man eine

Art Vorwegnahme der Bazillentheorie erblicken kann. *Varro* vermutet

nämlich, in sumpfigen Gegenden entstünden Lebewesen, die so winzig

seien, daß man sie nicht sehen könne. Diese Geschöpfe sollen nach

ihm durch den Mund und die Nase in den Körper eindringen und schwere

Krankheiten verursachen.

Der Wert solcher mit unseren heutigen Anschauungen sich teilweise

deckenden Vorstellungen wird von philologischer Seite oft überschätzt.

*Varros* Meinung ist für die Begründung der modernen Bazillentheorie

sicherlich belanglos gewesen, eben so wenig wie die Ansichten

*Epikurs*[513] *Lamarck* oder *Darwin* zur Aufstellung ihrer Theorien

veranlaßten. Trotzdem haben divinatorische Eingebungen, wie sie uns

in der Entwicklung der Wissenschaften so oft begegnen, ein Anrecht

darauf, in der Geschichte des menschlichen Geistes genannt zu werden.

Ihr Wert ist unbestritten. Nur darf man sie in ihrer Bedeutung

nicht derart überschätzen, daß man sie mit sicheren neuzeitlichen

Forschungsergebnissen in Parallele zu stellen sucht.

Unter den medizinischen Schriftstellern, die *Plinius* den Stoff für

seine der Heilkunde gewidmeten Bücher geliefert haben, ist neben

*Hippokrates*, *Erasistratos* und vielen anderen besonders *Cornelius

Celsus* (etwa 35 v. Chr. bis etwa 45 n. Chr.) zu nennen. Ähnlich wie

*Varro* und schon lange vor ihm *Cato* suchte *Celsus* das Wissen

seiner Zeit in einer Enzyklopädie zusammenzufassen. Sie erhielt den

Titel »Artes«. Erhalten geblieben ist nur der Teil, der von der

Heilkunde handelt. Auf diesem Gebiete vermochte es *Celsus*, ohne

selbst Arzt zu sein, auf Grund von Erfahrungen eigene Anschauungen

zu entwickeln. Als griechische Quellen hat *Celsus* neben den

*Hippokrati*schen hauptsächlich die alexandrinischen Schriften

benutzt. Mit diesen und den Schriften *Galens* hat man das medizinische

Buch des *Celsus* auf eine Linie zu stellen[514]. Es behandelt in

klarer, schmuckloser Darstellung zunächst die Lebensweise, darauf die

Krankheiten und endlich deren Heilung durch Arzneien und chirurgische

Eingriffe[515]. So beschreibt *Celsus* das Verfahren des Unterbindens,

das die *Hippokrati*schen Schriften noch nicht erwähnen, wenn man

auch schon sehr früh blutstillende Mittel, die verklebend oder

zusammenziehend wirkten, benutzte. Derartige Mittel finden nämlich

schon bei *Homer* Erwähnung[516].

Sehr zutreffend hat *Celsus* unter anderem die Krankheiten der Leber

und des Magens beschrieben. Das von ihm bei diesen Krankheiten

empfohlene Heilverfahren und seine Begründung auf diätetischen Regeln

ist selbst heute noch von Wert[517].

Einer etwas späteren Zeit als *Celsus* gehört *Asklepiades* an. Er war

hellenischer Herkunft[518] und lebte im Anfang des 1. Jahrhunderts

v. Chr. in Rom. *Asklepiades* wirkte dort zuerst als Lehrer der

Beredsamkeit. Später erwarb er sich als Arzt große Anerkennung. Er wird

als der Erfinder der Tracheotomie genannt. Anklänge an die moderne

Zellentheorie enthält seine Lehre, daß die Lebewesen aus einer sehr

großen Zahl von Körperchen zusammengesetzt seien. Sie sollten sich in

steter Bewegung und Veränderung befinden und beim Menschen durch ihr

Verhalten und ihre Beschaffenheit Gesundsein und Krankheit bedingen.

Auch den als Schöpfer der Äneïde bekannten *Virgil* erwähnt *Plinius*

als Quelle für eine Anzahl seiner Bücher. In einer »Georgika« genannten

Dichtung schildert und preist nämlich *Virgil* das Leben auf dem Lande.

In der Hauptsache handeln die »Georgika« vom Ackerbau, der Baumpflege,

der Viehzucht und der Imkerei. Das Leben der Bienen wird anschaulich

und in der fesselnden Sprache des Dichters geschildert.

Von den zahlreichen ausländischen Schriftstellern, die *Plinius*

als seine Quellen nennt, seien hier nur folgende genannt: *Thales*,

*Aristoteles*, *Theophrast*, *Demokrit*, *Hipparch*, *Herophilos*,

*Eudoxos*, *Pytheas*, *Juba* usw. *Juba* war nach Besiegung seines

Vaters als Geisel aus Numidien nach Rom gekommen. Dort widmete er sich

ganz den Wissenschaften. Auch *Plutarch* und andere Schriftsteller

gehen häufig auf *Juba* zurück, von dessen Schriften nur noch Fragmente

erhalten sind.

Die Frage nach den Quellen, die *Plinius* benutzte, hat eine

umfangreiche Literatur hervorgerufen. Insbesondere hat man das

Verhältnis eingehend erörtert, in dem *Plinius* zu *Aristoteles*, zu

*Cato* und zu *Varro* steht[519].

Als Schriftsteller, dem besonders die Rolle eines Vermittlers zwischen

*Plinius* und der griechischen Literatur zuzuschreiben ist, wird *Juba*

betrachtet. Letzterer ging auf *Aristoteles* und *Theophrast* zurück

und hatte für *Plinius* hinsichtlich der griechischen Literatur etwa

die Bedeutung, die *Varro* für ihn bezüglich der römischen besaß.

Gebricht der »Naturgeschichte« des *Plinius* auch die Einheitlichkeit

des Aufbaues, so ist doch eine vom Allgemeinen zum Einzelnen

fortschreitende Gliederung des Stoffes nicht zu verkennen. *Plinius*

beginnt seine Darstellung mit der Schilderung des Weltgebäudes sowie

den Erscheinungen, die uns das Luftmeer und die Oberfläche der Erde

im allgemeinen darbieten. Darauf folgt das Wesentlichste aus der

Geographie und der Völkerkunde. Im Anschluß daran werden die Tiere,

beginnend mit den Säugetieren und schließend mit den Insekten,

behandelt. Es folgen die Bücher über die Pflanzen sowie über die

dem Pflanzenreich entstammenden Heilmittel und ihre Wirkungen. Den

Schluß bilden die Bücher mineralogischen Inhalts. Den Edelsteinen

sowie den Mineralfarben sind je ein besonderes Buch gewidmet. In den

letzten Büchern wird die Verwendung der Metalle und der Gesteine

zu künstlerischen Zwecken eingehend unter Aufzählung zahlreicher

hervorragender Kunstwerke geschildert[520].

Unter den Geographen, auf die sich *Plinius* stützte, ist vor allem

*Pomponius Mela*, ein Zeitgenosse des Kaisers *Claudius*, zu nennen.

Seine »Chorographie« (Ortskunde) entstand wahrscheinlich um das Jahr

43 n. Chr. Sie ist das älteste römische Werk über Geographie, das

uns erhalten geblieben ist[521]. *Pomponius* beschreibt, den Küsten

folgend, die Länder und enthält über die mathematische Geographie, mit

der *Plinius* sein Werk anhebt, fast nichts.

Die »Naturgeschichte« des Plinius.

Wir gehen jetzt zu *Plinius* selbst über. In seiner »Naturgeschichte«,

die 37 Bücher umfaßt, stellt er sich die Aufgabe, das in den

zahlreichen erwähnten Quellen zerstreute Wissen seiner Zeit zu sammeln

und zu sichten. Durch die mühevolle Lösung dieser Aufgabe hat er sich

ein großes Verdienst erworben, wenn er auch oft kritiklos zusammenträgt

und den Stoff nicht immer beherrscht. So hält er beispielsweise die

fabelhaftesten Nachrichten über afrikanische Völker für erwähnenswert.

Er berichtet von einem dieser Volksstämme, seine Angehörigen besäßen

keine Köpfe, sondern trügen Mund und Augen auf der Brust. Der

Grundgedanke, welcher das Werk durchzieht, ist der, daß die Natur

des Menschen wegen alles erzeugt zu haben scheine. Die beschriebenen

Naturkörper werden daher kaum als solche, sondern vorzugsweise in

ihrer Beziehung zum Menschen betrachtet[522]. Über den Menschen selbst

spricht er sich in folgenden, für ihn charakteristischen Worten aus:

»Die anderen Tiere fühlen sich sogleich im Besitz ihres Wesens. Nur

der Mensch kann nichts ohne Unterweisung. Er allein kennt Ehrgeiz,

Habsucht, sorgt für sein Grab, ja sogar für die Zukunft nach seinem

Tode. Keinem Geschöpf raubt die Angst so die Besinnung. Bei keinem

wird die Wut heftiger. Alle anderen Tiere leben mit ihresgleichen in

Frieden. Die Löwen kämpfen trotz ihrer Wildheit nicht gegeneinander,

ebensowenig die Seeungeheuer. Aber fürwahr, dem Menschen schafft das

größte Leid der Mensch«[523].

Daß *Plinius* übrigens sich des öfteren auch mit den Gegenständen

selbst bekannt machte und sich eine eigene Meinung bildete, geht aus

verschiedenen Stellen seines Werkes hervor. Manches von den Dingen,

über die er berichtet, wird ihm auch das vielgestaltige Leben der

Kaiserzeit ganz von selbst aufgedrängt haben. Gar manches Tier, das er

beschreibt, wurde zur Befriedigung der Schaulust, für die Arena oder

für den Gaumen aus den entferntesten Teilen des Orbis antiquus nach der

Welthauptstadt gebracht. Ähnlich stand es mit den Pflanzen. Erzählt

doch *Plinius* von einem botanischen Garten[524], den ein römischer

Gelehrter unterhielt, um die Wirkungen der Kräuter kennen zu lernen.

Unter seiner Anleitung ist *Plinius* mit zahlreichen heilkräftigen

Pflanzen bekannt geworden.

Zu der Lehre von der Kugelgestalt der Erde ist die Ansicht getreten,

daß das Menschengeschlecht viel weiter verbreitet sei, als man früher

glaubte, ja, daß es Gegenfüßler geben müsse. »Die Wissenschaft und

die Meinung des großen Haufens«, sagt *Plinius*[525], »befinden sich

in gewaltigem Widerspruch. Jener zufolge wird die Erde ringsum von

Menschen bewohnt, so daß sie mit den Füßen gegeneinander stehen und

den Himmel alle gleichmäßig über dem Scheitel haben. Nach der anderen

Meinung fragt man, weshalb denn die Antipoden nicht abfielen. Als ob

nicht die Gegenfrage zur Hand wäre, warum jene sich nicht verwundern,

daß wir nicht abfallen. Am meisten aber sträubt sich der große Haufe,

wenn man ihm glaublich machen will, daß auch das Wasser gewölbt sei.

Und doch ist nichts augenfälliger, denn überall bilden hängende Tropfen

sich zu kleinen Kugeln.«

Aus der Tatsache, daß der längste Tag in Alexandrien 14, in Italien

15 und in Britannien 17 Stunden hat, folgert *Plinius*, daß die

dem Pol benachbarten Länder im Sommer 24 Stunden Tag, zur Zeit des

Wintersolstitiums dagegen eben so lange Nacht haben müssen[526].

Bei *Plinius* finden wir unter den Beweisen für die Krümmung der

Erdoberfläche auch die Erscheinung angeführt, daß auf dem Meere zuerst

der Mast der Schiffe und erst später der Rumpf sichtbar wird.

Während zur Zeit der römischen Weltherrschaft die Lehre von der

Kugelgestalt der Erde zu einem Gemeingut der Gebildeten geworden war,

hat man vereinzelt auch schon eine richtige Auffassung vom Verhältnis

der Sonne zu den Planeten gehegt. Infolgedessen blieben die bei den

Griechen entstandenen Keime der heliozentrischen Lehre bei den späteren

Schriftstellern nicht unbeachtet. *Koppernikus* konnte seine Lehre

daher unmittelbar an die aus dem Altertum überlieferten Anschauungen

anknüpfen[527].

Dem Monde und sogar den Fixsternen, denen wir heute keine nachweisbaren

Einflüsse auf irdische Vorgänge beimessen, schrieben die Römer, wie

wir aus der »Naturgeschichte« des *Plinius* ersehen, solche zu. So

heißt es dort[528]: »Daß beim Aufgang des Hundes der Einfluß dieses

Gestirns auf die Erde in der weitesten Ausdehnung empfunden wird, wer

wüßte das nicht? Bei seinem Aufgang schäumt das Meer, der Wein wird

unruhig in den Kellern und die Sümpfe beginnen zu gären.« Daß der

Mond bei der Erregung von Ebbe und Flut eine wichtige Rolle spielt,

hatte man wohl erkannt, doch erklärte man diese Erscheinung in einem

durchaus mystischen Sinne, indem man den Mond als das Gestirn des

Odems ansah. Daher sollten sich bei der Annäherung des Mondes alle

Körper füllen. *Plinius* behauptet sogar, daß bei zunehmendem Monde

die Muscheln größer würden. Ja, auch das Blut im menschlichen Körper

mehre und mindere sich wie das Licht dieses Gestirnes[529]. »Ebbe und

Flut des Meeres«, sagt *Plinius*, »haben bei aller Abwechslung doch

ihre Ursache nur in der Sonne und in dem Monde. Indessen treten die

Gezeiten nie wieder zu derselben Stunde ein wie am Tage zuvor, weil sie

dem gierigen Gestirn, das alle Tage an einer anderen Stelle aufgeht,

gewissermaßen dienstbar sind. Bei Vollmond ist die Flut am heftigsten.

Auch tritt die Flut zwei Stunden später ein, als sich der Mond aus

der Mittagslinie abwärts senkt, da die Wirkungen aller Erscheinungen

am Himmel erst später zur Erde gelangen, als die Erscheinungen selbst

stattfinden. Die offene, große Fläche des Meeres empfindet die Macht

des weithin wirkenden Gestirns nachdrücklicher als engbegrenzte Räume.

Daher werden weder Seen noch Flüsse auf solche Weise in Bewegung

versetzt[530].«

Die Zahl der Sterne, welche die Astronomen mit Namen bezeichnet hatten,

gibt *Plinius* auf 1600 an[531]. Sie sollen aus dem das All umgebenden

Feuer entstanden sein und werden nach ihm von der belebenden, alle

Räume durchdringenden Luft, die sich dem Feuer am nächsten befindet, in

der Schwebe gehalten. Von der Luft getragen, ruht die Erde, verbunden

mit dem Wasser als viertem Element, im Raume. Zwischen der Erde und

dem Himmelsgewölbe schweben der Mond, die Sonne und die fünf Planeten.

Ihrer Bewegung wegen würden diese wohl Irrsterne genannt, obgleich

keine weniger irrten als gerade sie.

Das ist in großen Zügen das Weltbild, das sich das Altertum gebildet.

In dieser Vorstellung gab es keinen Raum mehr für die anthropomorphen

Götter der früheren Zeit, an denen das Volk unter der Führung der

Priester festhielt. Ein unüberwindlicher Zwiespalt zwischen Wissen und

Glauben war somit auch im Altertum das Ergebnis der ganzen geistigen

Entwicklung. Dem Fortschreiten der Erkenntnis hat sich indessen stets

der religiöse Glaube anzupassen gesucht. So hat im Altertum der

Gang der Wissenschaft einer neuen, monotheistischen Gestaltung der

Religion vorgearbeitet. Hatten in dem gewonnenen Weltbilde die vielen

Gottheiten der früheren Zeit keinen Raum mehr, so mußte, wie *Plinius*

es ausdrückt, die Welt selbst als Gottheit gelten. Dem pantheistischen

Standpunkte des *Plinius* entspricht seine Auffassung, daß, wenn man

von einer Gottheit rede, damit nur die Natur gemeint sein könne. Von

der Auffassung, die Welt sei ein Ganzes, zu dem Glauben, daß die Welt

zwar nicht Gott selbst, wohl aber die Kundgebung eines einzigen Gottes

sei, war aber nur ein Schritt. Und dieser führte in dem Zeitalter,

von dem wir handeln, zur Begründung des Monotheismus. Weil der alte

Götterglaube für den Gebildeten überwunden war, fehlte es an einem

innerlichen Verhältnis zwischen Gott-Natur und dem Menschen. Daher das

Unbefriedigte und der pessimistische Grundzug, welcher der christlichen

Religion in jener Zeit den geeignetsten Boden bereitete. Bezeichnet es

doch *Plinius* als den einzigen Trost gegenüber der Unvollkommenheit

des Daseins, daß der Mensch diesem Dasein jederzeit freiwillig entsagen

könne.

Auf dem Gebiete der beschreibenden Naturwissenschaften finden wir bei

*Plinius* einen Rückgang gegen *Aristoteles* und *Theophrast*. Manche

zoologische Mitteilung älterer Schriftsteller, die *Aristoteles* in

das Gebiet der Fabel verwiesen hatte, nimmt *Plinius* unbedenklich

wieder auf. Von einem systematischen Aufbau der Zoologie und der

Botanik ist bei ihm nicht die Rede. Bezüglich der letzteren bleibt er

weit hinter *Theophrast* zurück, da er bei der Einteilung der Pflanzen

den reinen Nützlichkeitsstandpunkt vertritt. Er unterscheidet nämlich

Arzneipflanzen, Spezereien usw. Eine richtige Auffassung finden wir

hingegen bei *Plinius* bezüglich derjenigen Tiere, die *Aristoteles*

»Blutlose« genannt hatte. »Daß die Insekten kein Blut haben«, sagt er,

»gebe ich zu, doch besitzen sie dafür eine gewisse Lebensfeuchtigkeit,

die für sie Blut ist.«

Seine der Botanik gewidmeten Bücher beginnen mit den Bäumen. Nicht

etwa, daß er in ihnen die höchste Stufe pflanzlicher Organisation

erblickt hätte, sondern weil sie zuerst die einfachsten Bedürfnisse des

Menschen befriedigten. Zunächst bespricht er (12. und 13. Buch) die

bemerkenswerteren fremden Bäume nach ihrem geographischen Vorkommen.

Dann handelt er vom Weinstock, vom Ölbaum und von den Obstbäumen. Ein

Buch ist den Zierpflanzen und den Bienenpflanzen gewidmet. Letztere

unterscheidet er in empfehlenswerte und in solche, die den Honig

verderben.

Am ausführlichsten werden die Arzneipflanzen behandelt. *Plinius*

ist dabei von dem Gedanken durchdrungen, daß auch das unscheinbarste

Kraut seine, wenn auch oft noch verborgenen, Heilkräfte haben müsse.

Wie hier, so ist auch an den übrigen Stellen der »Naturgeschichte«

der leitende Gedanke der, daß die Natur alles um des Menschen willen

erzeugt habe. Das Nützlichkeitsprinzip beherrscht also die Darstellung,

die dementsprechend oft recht trocken ist und nicht selten auf eine

bloße Aufzählung hinausläuft. Stellenweise erhebt sie sich jedoch

auch zu rhetorischem Schwung, zumal wo *Plinius* seine stoische

Weltanschauung durchblicken läßt oder, wo er sich als laudator temporis

acti, d. h. als Lobredner auf die gute alte Zeit, zu erkennen gibt.

Die Hauptquelle für die botanischen Kenntnisse des *Plinius* ist

*Theophrast*. So entnahm er z. B. *Theophrast* die Schilderung der

indischen Pflanzenwelt. Doch geschah es ohne tieferes Urteil und

Verständnis. Das Feine und Exakte ist zumeist verwischt und kaum

merklich hebt sich bei *Plinius* dieser Teil aus der Menge der übrigen

Einzelheiten ab[532]. Eigene Beobachtungen kann *Plinius* in Anbetracht

seiner oben erwähnten Lebensweise nicht oft gemacht haben. Wenn er

gelegentlich in seinem Werke von Erfahrungen spricht, so ist damit wohl

in den meisten Fällen ihm mündlich zuteil gewordene Auskunft gemeint.

Die Zahl der bei *Plinius* vorkommenden Pflanzen ist eine recht

beträchtliche. Sie beläuft sich auf nahezu tausend, etwa das Doppelte

der bei *Dioskurides* aufgezählten Arten[533]. Es entspricht das zwar

dem enzyklopädischen Grundsatz des *Plinius*, verdient aber immerhin

Beachtung, wenn wir bedenken, daß *Linné* den Pflanzenreichtum der

ganzen Erde auf nur 10000 Arten schätzte.

Auch über die Wirkung, welche die »Naturgeschichte« des *Plinius*

auf die Nachwelt ausgeübt, und über die Würdigung, die das Werk

erfahren hat, mögen hier einige Bemerkungen Platz finden. Hatte doch

die »Naturgeschichte« für die gesamten nachchristlichen Jahrhunderte

bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften eine Bedeutung wie nur

wenige Bücher. Sie war die wichtigste Quelle für jede Belehrung über

naturwissenschaftliche und viele andere Dinge. Dies dauerte so lange,

bis man das eigene Beobachten und Forschen höher als Autorität und

Bücherweisheit einschätzen lernte und damit die Grundlagen für einen

Neubau der Naturwissenschaften zu schaffen begann.

Daß die Elemente des alten Wissens nicht nur manches wertvolle Stück

für diesen Neubau lieferten, sondern auch durch ihre Unzulänglichkeit

den Anstoß zur Weiterentwicklung gegeben haben, wird bei der

Beurteilung der antiken Schriften oft vergessen. Daher rührt es, daß

das Urteil je nach der Stellung, die man einnimmt, außerordentlich

schwankend und widerspruchsvoll ist. Es gilt das von *Plinius* nicht

minder wie von *Theophrast*, *Aristoteles* und viele andere. Man hat

sie bald hoch gepriesen, bald herabgesetzt, selten aber sie nach Gebühr

gewürdigt.

Selbst ein *Cuvier* und ein *Buffon*, Forscher, die zu den

bedeutendsten der Neuzeit zählen, haben *Plinius* ihre Anerkennung

nicht versagt. So schreibt *Buffon* in seiner großen »Naturgeschichte«,

der er ein Wort des *Plinius* voranstellt, über diesen: »Sein Werk

umfaßt nicht nur die Tiere, die Pflanzen und die Mineralien, sondern

auch die Erd- und Himmelskunde, die Medizin, die Entwicklung des

Handels und der Künste, kurz alle Wissenschaften. Erstaunlich ist, wie

bewandert *Plinius* sich auf allen Gebieten zeigt. Erhabenheit der

Gedanken und Schönheit des Ausdrucks vereinigen sich bei ihm mit tiefer

Gelehrsamkeit.«

Auch *A. v. Humboldt*, der uns im 2. Bande seines »Kosmos« eine

Geschichte der physischen Weltanschauung hinterließ, hat für *Plinius*

Worte der Anerkennung. Er bezeichnet die »Naturgeschichte«, dem das

Altertum nichts Ähnliches an die Seite zu stellen habe, als das

großartige Unternehmen einer Weltbeschreibung. Trotz aller Mängel des

Werkes habe dem Verfasser ein einziges großes Bild vorgeschwebt. Man

möchte hinzufügen, daß *Plinius* für seine Zeit das versucht hat,

was *v. Humboldt* im »Kosmos« anstrebte. Und wenn *Plinius* selbst

sein Werk als eine Enzyklopädie bezeichnete, so ist zu bedenken,

daß dieses Wort seit dem Altertum seine Bedeutung gewechselt hat.

Es bedeutete nämlich etwa soviel wie »Vollkreis und Inbegriff

der allgemeinen Wissenschaften«[534], während man heute eine Art

Wörter- und Nachschlagebuch darunter versteht. Neuere geschichtliche

Darstellungen, deren Verfasser die »Naturgeschichte« vielleicht nicht

einmal genauer kennen, haben *Plinius* mitunter als enzyklopädischen

Vielschreiber und geistlosen Kompilator abgetan. Dabei verfielen sie

selbst in den Fehler, zu Nachbetern der absprechenden Urteile zu

werden, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts über das Altertum und

seine Schriftsteller (besonders von naturwissenschaftlicher Seite) in

Umlauf gesetzt wurden. Heute ist dagegen eine sachlichere Würdigung

der geschichtlichen Entwicklung im Entstehen begriffen, so daß man es

wohl allgemein ablehnen würde, wenn jemand *Plinius* oder *Aristoteles*

an dem Maße eines neueren Forschers messen wollte. Um den richtigen

Maßstab zu gewinnen, müssen wir sie aus der Zeit, die sie erzeugt

hat, zu verstehen suchen und ihre Werke mit denen der nämlichen oder

einer noch naheliegenden Periode vergleichen. Dabei richtet sich der

Blick zunächst auf die christliche und die arabische Literatur des

Mittelalters. Und wenn man die »Naturgeschichte« des *Plinius* mit

einem Erzeugnis jener Literatur, das das gleiche Ziel verfolgt, z.

B. mit dem »Buch der Natur« des *Konrad Megenberg*, vergleicht, dann

erscheint das Werk des Römers in einer ganz anderen und vor allem in

der richtigen Beleuchtung.

Der Anerkennung, die man der »Naturgeschichte« des *Plinius* während

des ganzen Mittelalters zollte, entspricht es, daß aus diesem Zeitraum

eine große Zahl von Handschriften -- es sind nicht weniger als

zweihundert -- auf uns gelangt sind. Von den älteren ist allerdings

keine einzige vollständig. Sie sind sogar oft sehr fragmentarisch.

Sämtliche neueren Handschriften lassen übrigens erkennen, daß sie auf

einen Archetyp (d. h. die nämliche alte Vorlage) zurückzuführen sind.

Fortschritte der Anatomie und der Heilkunde.

Für die Beschäftigung mit den Tieren und den Pflanzen waren bei

den Römern, wie in der alexandrinischen Akademie, an erster Stelle

medizinische und landwirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend. Wichtig

war es auch, daß man sich über die Bedenken hinwegsetzte, die bis

dahin von einem Eindringen in den Bau und die Verrichtungen des

menschlichen Körpers abgehalten hatten. Schon bald nach *Aristoteles*,

dessen anatomisches Wissen, wie wir sahen, wenigstens in bezug auf den

Menschen, noch gering war, unterschied man Arterien und Venen. Auch

bemerkte man, daß ihre Verzweigungen dicht nebeneinander liegen. Da

man die Arterien jedoch beim Zerschneiden des toten Körpers leer fand,

so glaubte man, daß es ihre Aufgabe sei, im lebenden Organismus Luft

zu führen. Zu einer zwar noch mit vielen Unrichtigkeiten durchsetzten

Vorstellung von der Bewegung des Blutes, deren wahren Verlauf

erst *Harvey* im 17. Jahrhundert erkannte, kam der römische Arzt

*Galen*[535] (131-201 n. Chr.). *Galen* wurde in Pergamon geboren. Er

empfing seine Ausbildung in Griechenland, übte aber die ärztliche Kunst

in Rom aus (von 164-201 n. Chr.) und hielt dort auch Vorlesungen über

Anatomie, für die er schätzenswerte Beiträge auf Grund zootomischer

Untersuchungen lieferte.

*Galen* erkannte die Anatomie und die Physiologie als die Grundlagen

der Heilkunde und bemühte sich schon, physiologische Fragen

auf experimentellem Wege zu entscheiden[536]. Die Bewegung des

Blutes schildert er folgendermaßen, wobei wir uns der heutigen

Bezeichnungweise bedienen wollen[537]: »Durch die Venen gelangt das

Blut zum rechten Teile des Herzens. Mittels der Wärme des Herzens

werden die noch brauchbaren Teile von den unbrauchbaren geschieden.

Die letzteren werden durch die Lungenarterie zu den Lungen geführt und

beim Ausatmen entfernt, während gleichzeitig die Lungen Pneuma aus der

Atmosphäre anziehen[538]. Das Pneuma gelangt durch die Lungenvenen

zum linken Herzen, verbindet sich hier mit dem Blut, das durch die

Herzscheidewand treten sollte, und wird alsdann durch die Aorta in alle

Teile des Körpers und endlich wieder in die Venen zurückgeführt.«

Von dem großen Kreislauf des Blutes hatte *Galen*[539] also schon eine

Vorstellung, während ihm unbekannt blieb, daß die ganze Masse des

Blutes nach Vollendung dieses Kreislaufs durch die Lungen getrieben

wird. An die Stelle einer richtigen Auffassung von der Rolle des

Luftsauerstoffs, die erst durch die fortschreitende Einsicht in den

chemischen Prozeß ermöglicht wurde, tritt bei *Galen* die Annahme des

mystischen Pneumas. Darunter dachte man sich nicht die Luft selbst,

sondern ein ihr innewohnendes, belebendes Prinzip.

Über die Fortschritte, welche die Anatomie zur Zeit der Römerherrschaft

erfahren, gibt uns das Werk *Galens* die beste Auskunft[540]. Es

verdient auch deshalb besondere Beachtung, weil es die einzige

ausführliche, aus dem Altertum vorhandene Darstellung der Anatomie

ist. *Galen* beginnt mit der Anatomie des Gehirns und der daraus

entspringenden Nervenpaare. Es folgt die Beschreibung des Auges,

der Zunge und der Lippen. Die Bewegung wird aus dem Verhalten der

Muskeln erklärt, von denen *Galen* angibt, daß sie sich zusammenziehen

und wieder erschlaffen[541]. Zu sehr wichtigen physiologischen

Ergebnissen gelangte *Galen*, weil er sich als einer der ersten des

vivisektorischen Versuchs bediente. So finden wir in seinem Buche die

Wirkungen geschildert, welche das Durchschneiden des Glossopharyngeus

(Zungenschlundkopfnerv), des Seh- und des Gehörnerven zur Folge

hat. Besonders fesselnd sind die an dem Zungenschlundkopfnerven

vorgenommenen Experimente. *Galen* erwähnt, daß sich auf jeder Seite

der Zunge zwei Nerven befinden. Schneide man das eine Paar durch,

so sei die ganze Zunge der willkürlichen Bewegung beraubt, während

die Durchschneidung nur eines dieser Nerven nur die Hälfte der Zunge

lähme[542]. Das zweite Nervenpaar, sagt *Galen* weiter, vereinige sich

nicht mit den Muskeln, sondern verteile sich in der Decke der Zunge und

vermittle die Empfindung. »Der Nerv bringt die Geschmacksempfindung vom

Gehirn herab«, heißt es bei ihm.

Hervorzuheben ist auch *Galens* Beschreibung des Lidhebemuskels und

ganz besonders seine anatomische Untersuchung der Nerven und Muskeln

des Kehlkopfs, eine Untersuchung, bei der es ihm vor allem auf die

Feststellung des Wesens der Stimmbildung ankam.

Ein Buch *Galens* handelt von den Venen und den Arterien, ein zweites

von den Fortpflanzungsorganen. Auch der *Fötus* mit seinen Hüllen und

die Plazenta (Mutterkuchen) werden beschrieben.

[Illustration: Abb. 43. Chirurgische Instrumente.]

Ist es für die Entwicklung der Medizin von großer Bedeutung,

daß ein *Galen* in einem umfassenden Lehrgebäude das Ganze der

griechischen Heilkunde zur Darstellung brachte, so ist es von rein

wissenschaftlichem Standpunkt das *Verfahren Galens*, das unser

höchstes Interesse beansprucht. War er es doch, der zuerst in größerem

Umfange durch seine an lebenden Tieren ausgeführten Untersuchungen

sich der Erforschung der Verrichtungen des Organismus zuwandte. Mit

Recht verdient deshalb *Galen* als der Begründer der experimentellen

Physiologie bezeichnet zu werden[543]. In welchem Grade die Heilkunde

schon durch die Leistungen der Mechaniker gefördert wurde, zeigen uns

die aus dem Altertum erhaltenen ärztlichen Bestecke (Abb. 43). Erwähnt

sei noch, daß *Galen*, wie Jahrhunderte vor ihm die Verfasser der

hippokratischen Schriften, auf die hygienisch-diätetische Seite der

Heilkunde großen Wert legte. *Galen* hat eingehend seine Ansichten

über die Wirkung der Luft und der Nahrungsmittel entwickelt und auch

Schlaf und Wachen, Ruhe, Bewegung und Gemütszustände vom ärztlichen

Standpunkte aus gewürdigt. In dieser prophylaktischen Richtung folgte

ihm im Mittelalter die Schule von Salerno[544].

Erst dadurch, daß *Galen* zu einem im ganzen richtigen Verständnis des

Wesens der Muskeln, Sehnen und Nerven gelangte, wurde die Heilkunde

auf die Stufe einer Wissenschaft emporgehoben. Vor allem war es die

Chirurgie, die aus der gewonnenen Einsicht in den anatomischen Bau

des Körpers Nutzen zog. Die Zoologie und die Botanik büßten dagegen

im Vergleich zu der Behandlung, die *Aristoteles* und *Theophrast*

diesen Gebieten angedeihen ließen, an Wissenschaftlichkeit ein und

wurden nur noch mit Rücksicht auf das medizinische Bedürfnis gefördert.

So entstand, kurz bevor *Plinius* schrieb, die Arzneimittellehre des

*Dioskurides*[545]. In ihr finden wir etwa 600 Pflanzen erwähnt, die

indes so oberflächlich beschrieben sind, daß es meist schwer hält, die

Arten sicher zu erkennen.

Bei den Bearbeitern der Schriften des *Dioskurides* finden wir

nämlich als einen Grundzug, der uns bei allen naturwissenschaftlichen

Schriftstellern des Mittelalters begegnet, daß man dem Wort eine fast

größere Bedeutung zuschrieb als dem Dinge selbst. Genaue Überlieferung

der Namen, möglichst vollständige Aufzählung der Synonyme, der

volkstümlichen und der Geheimbezeichnungen nehmen in jenen Schriften

den ersten Platz ein. Ja, es gab Schriftsteller, deren Hauptgegenstand

die Nomenklatur der Pflanzen und im Anschluß daran angestellte

Betrachtungen über Besonderheiten der Grammatik und der Synonymik

war[546]. Die Botanik berücksichtigte *Dioskurides* nur insoweit, als

es sein Zweck erforderte. Die bei manchem seiner Vorgänger übliche

alphabetische Anordnung der Pflanzen verwarf er, um sie nach ihm

natürlich erscheinenden Gruppen zusammenzustellen. Doch begegnete ihm

dabei mancher Mißgriff. Freilich ist es schwer, zu entscheiden, was er

selbst gefunden und was er seinen Vorgängern entlehnt hat.

Das Werk des *Dioskurides* blieb für das gesamte Mittelalter und noch

darüber hinaus von großer Bedeutung. »Was einer späteren Zeit«, sagt

*Meyer* in seiner Geschichte der Botanik[547], »*Linnés* Systema

naturae wurde, das war für jene Zeit die Arzneimittellehre des

*Dioskurides*; nur mit dem Unterschiede, daß man auf *Linnés* Werk

fortzubauen nicht lange säumte, auf dem des *Dioskurides* dagegen wie

auf einem Ruhekissen schlummerte.« Indessen galt *Dioskurides* nicht

nur für das Mittelalter als unanfechtbare Autorität auf dem erwähnten

Gebiete, sondern noch die Begründer der neueren Botanik knüpften im

Anfange des 16. Jahrhunderts vielfach an ihn an. Sie waren dabei von

dem Bemühen geleitet, die von *Dioskurides* beschriebenen Pflanzen

wieder aufzufinden, wodurch die Liebe zur Natur zu neuem Leben erweckt

wurde.

Während die Griechen sich auf dem Gebiete der Pflanzenkunde mehr

als Theoretiker erwiesen, haben die Römer, ihrem auf das Nützliche

gerichteten Sinne entsprechend, vorzugsweise die angewandte Botanik

gefördert[548]. Eine Anregung dazu empfingen sie von den Karthagern.

Dort entstand schon im 6. Jahrhundert v. Chr., also lange vor den

griechischen Georgikern, *Magos* Werk über die Landwirtschaft, das der

römische Senat später ins Lateinische übersetzen ließ. Die Bedeutung

der Karthager auf diesem Gebiete ist wohl auf ihre Abhängigkeit

von der phönizischen Kultur zurückzuführen[549]. Der Sinn für die

Pflanzenkunde wurde bei den Römern auch dadurch gefördert, daß sie

sich mit besonderer Vorliebe dem Gartenbau zuwandten. So kamen bei

ihnen auch die Fensterbeete auf, welche die jungen Pflanzen vor Kälte

schützten, aber durch ihre Marienglasscheiben die Sonnenstrahlen

hindurchließen[550].

Berühmt waren die Gärten, welche Kaiser *Hadrian* bei seinem Landsitz

in Tibur, dem heutigen Tivoli, unterhielt. Auch die Landsitze, mit

denen die römischen Großen die felsigen Gestade des Mittelmeers

umsäumten, erhielten reichen gärtnerischen Schmuck. Die römischen

Gärten wiesen jedoch auch manche Künsteleien auf, so daß sich Stimmen

erhoben, die, wie z. B. *Horaz*, die Rückkehr zur Natur predigten.

Eins der besten Werke über die Landwirtschaft verfaßte *M. Portius

Cato*, der durch sein Bemühen, die Römer zur Einfachheit und

Sittenreinheit zurückzuführen, bekannt gewordene Zensor. Das Werk[551]

beginnt mit dem Lobe des Landbaues und enthält Vorschriften über die

Obstzucht, den Anbau des Getreides und die Pflege anderer nützlicher

Gewächse[552]. Wir haben es schon als eine der Quellen, aus denen

*Plinius* schöpfte, gewürdigt.

Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde.

Vom medizinischen Standpunkte aus hat sich auch der als Anatom und Arzt

zu großer Berühmtheit gelangte *Galen* mit den Pflanzen beschäftigt.

Auf seinen Reisen, die ihn nach Griechenland, Kleinasien, Ägypten

und Palästina führten, bemühte er sich, alle Pflanzen, denen man

Heilwirkungen zuschrieb, an ihrem natürlichen Standorte zu beobachten

und zu sammeln. Welchen Wert man diesem Gegenstande beimaß, geht auch

daraus hervor, daß die römischen Kaiser jener Zeit Kräutersammler auf

Kreta unterhielten, weil die Arzneipflanzen dieser Insel besonders

hoch geschätzt waren. *Galen* bekämpfte diese Meinung und vertrat die

Ansicht, daß Italien ebenso wirksame Arzneipflanzen beherberge.

Durch manchen archäologischen Fund ist unsere Zeit mit den Pflanzen

selbst bekannt geworden, mit denen sich das Altertum beschäftigte. Zu

jenen, welche die Mumiensärge Ägyptens lieferten, sind vor allem die

pflanzlichen Reste getreten, die bei der Ausgrabung Pompejis zutage

gefördert wurden. Sie sind im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt und

zum Teil so gut erhalten, daß sie identifiziert werden konnten[553].

Ein besonderes Interesse, das mitunter selbst gekrönte Häupter

beherrschte, wandte man im Altertum der Erforschung giftiger Pflanzen

zu. König *Attalos* von Pergamon, so erzählt uns *Plutarch*[554], baute

giftige Gewächse an, wie Bilsenkraut, Nieswurz, Schierling, Sturmhut,

und machte ein besonderes Studium daraus, ihre Säfte kennen zu lernen

und zu sammeln. Überhaupt wetteiferte Pergamon eine Zeitlang in der

Pflege der Wissenschaften mit Alexandrien.

Die römische Naturauffassung bei Lukrez und Seneca.

Außer *Plinius* sind insbesondere noch zwei andere römische

Schriftsteller zu nennen, die über die Naturwissenschaften geschrieben

haben, *Lukrez* und *Seneca*. *Lucretius Carus* (er starb 55 v.

Chr.) hat seine naturphilosophischen, auf *Epikur* zurückgreifenden

Anschauungen in einem Lehrgedicht entwickelt, das manche beachtenswerte

Stelle enthält. Es führt den Titel »De rerum natura«, wurde unter den

literarischen Erzeugnissen der voraugusteischen Zeit hoch geschätzt

und ist sowohl der Form als dem Inhalt nach griechischen Mustern

entlehnt. Als seine Quellen nennt *Lukrez* neben *Empedokles*, dem

»herrlichsten Schatz des gabenreichen sizilischen Eilands«, vor allem

*Epikur*. Aus den Schriften dieses Mannes, welcher »die anderen

Weisen überstrahle wie die Sonne die Sterne verdunkle, habe er die

goldenen Worte entnommen«, welche uns sein Lehrgedicht biete. Eine

dankbare Aufgabe für einen Dichter war es wohl kaum, die mechanische

Weltanschauung poetisch zu entwickeln. Um so mehr verdient die Art,

wie *Lukrez* sie löste und durch die er den Kranz der Musen davontrug,

unsere Bewunderung. Es ist nicht nur die Schönheit der Gleichnisse und

die lebensvolle Schilderung gewaltiger Naturerscheinungen, die uns in

seinem Werke fesselt, sondern vor allem die Genialität der auf der

Ablehnung alles Götter- und Aberglaubens beruhenden Lebensauffassung.

Bezüglich seiner Auffassung der Naturvorgänge[555] müssen wir uns hier

auf einige Andeutungen beschränken.

Nichts entsteht aus nichts, sagt *Lukrez* mit *Demokrit* und *Epikur*,

wenn selbst die Götter es wollten. Sondern die Natur erzeugt stets

das eine aus dem andern. Die Dinge läßt *Lukrez* aus unendlich feinen

Teilchen bestehen. Sonst sei z. B. das allmähliche Dünnerwerden der im

Gebrauch befindlichen, metallenen Gegenstände ganz unerklärlich. Da bei

absoluter Raumerfüllung Bewegung unmöglich sei, so müsse man annehmen,

die Teilchen seien nicht dicht zusammengedrängt, sondern durch leere

Zwischenräume geschieden. Alles sei ferner schwer. Im leeren Raume

müsse selbst die Flamme schwer sein. Ihr Emporsteigen sei dadurch

bedingt, daß der Lufthauch sie trotz ihrer natürlichen Schwere in die

Höhe treibe, wie ja auch das schwere Holz im Wasser emporschnelle.

Schall, Licht und Wärme sind für *Lukrez* körperliche Ausflüsse.

Sonderbar ist seine, dem *Epikur* entlehnte Bildertheorie. Wir nehmen

nach ihr die Dinge wahr, indem sich dünne Häutchen von ihrer Oberfläche

lösen und durch die Lüfte zu unserem Auge schwimmen. Die magnetischen

Erscheinungen werden gleichfalls aus der Annahme erklärt, daß feine

Teilchen von dem Magneten ausströmen. Selbst den Blitz läßt *Lukrez*

aus glatten und winzigen Teilchen bestehen.

Eine Andeutung des Gesetzes von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft

kann man in folgenden Zeilen erblicken:

»Denn er (der Stoff) vermehrt sich nie, noch vermindert er sich durch

Zerstörung,

Ferner war die Bewegung, die jetzt in den Urelementen

Herrscht, schon von jeher da, und so wird sie auch künftig noch da

sein. --

Denn kein Platz ist vorhanden, nach welchem die Teile des Urstoffs

Könnten entfliehen, kein Platz, von wo aus erneuerte Kräfte

Brächen herein, die Natur und Bewegung der Dinge zu ändern[556].«

Interessant ist, wie *Lukrez* das Verhältnis von Empfindung und Materie

erörtert. Er schreibt die Empfindung nämlich nicht den Atomen, sondern

nur ihrer Zusammenfassung zu. Denn, so meint er, die Menschenatome

könnten doch nicht weinen und lachen. Indem er das tut, erhebt sich

*Lukrez* über den krassen Materialismus der demokritischen Lehre. Des

weiteren bringt er bemerkenswerte Anschauungen über Gegenstände der

physikalischen Geographie. So erklärt er den gleichmäßigen Bestand des

Meeres als eine Folge des Kreislaufs des Wassers. Nach seiner Annahme

gelangt das Wasser aus dem Meere auf unterirdischem Wege in die Gebirge

zurück[557] und speist dort unter Abgabe des Salzgehaltes die Quellen.

Die Erdbeben werden darauf zurückgeführt, daß die Erde mit Höhlungen,

Strömen, Sümpfen und geborstenem Gestein ausgefüllt sei. Durch den

Einsturz der Höhlen entständen Erschütterungen, die man als Erdbeben

bezeichne.

Nicht minder merkwürdig als die Schrift des *Lukrez* sind die[558]

»Quaestiones naturales« des römischen Dichters und Philosophen

*Seneca*, der im Jahre 65 n. Chr. starb.

*Seneca* meint, das Gesicht sei der trügerischste Sinn, da z. B.

ein Ruder im Wasser wie gebrochen erscheine. Den Regenbogen hält er

für das Spiegelbild der Sonne, denn einige Spiegel, sagt er, sind

so beschaffen, daß sie die Gegenstände zu einer entsetzlichen Größe

ausdehnen. Bei *Seneca* findet sich auch die einzige Stelle, welche

darauf hindeutet, daß die Alten das Prisma gekannt und das Spektrum

beobachtet haben. *Seneca* sagt nämlich, wenn man Glasstücke mit

mehreren Kanten anfertige und die Sonnenstrahlen auf sie fallen lasse,

so erblicke man die Farben des Regenbogens. Er erwähnt ferner mit

Wasser gefüllte Glaskugeln und ihre Eigenschaft, dahinter befindliche

Gegenstände vergrößert zu zeigen[559]. Dafür, daß die Römer mit den

optischen Eigenschaften geschliffener Gläser bekannt waren, soll auch

eine Angabe des *Plinius* sprechen. Es heißt dort, daß *Nero* sich

eines Smaragds bediente, um besser sehen zu können. Dieser Stein sei

konkav und dadurch geeignet gewesen, »die Sehstrahlen zu sammeln«[560].

Man hat auch bei Ausgrabungen (so in Pompeji) linsenförmig geschliffene

Gläser gefunden und nimmt an, daß sie als Brenngläser gedient haben.

Auch bei den Ausgrabungen in Ninive hat man eine plankonvexe Linse aus

Bergkristall entdeckt, die angeblich auch optischen Zwecken gedient

hat[561].

Der Schall ist für *Seneca* ein Druck der Luft. Er begegnet sich in

dieser, annähernd das Richtige treffenden Anschauung mit *Vitruv*, der

im Gegensatz zu dem, alles als Ausflüsse auffassenden *Lukrez* den

Schall als eine Lufterschütterung betrachtet. Diese Erschütterung läßt

*Vitruv* ähnlich entstehen, wie sich durch einen Stein im Wasser die

Wellenkreise bilden. Nur entständen die Wellen beim Schall nicht allein

in der Fläche, sondern sie dehnten sich auch in die Breite und in die

Höhe (somit kugelförmig) aus.

Im 3. Buche findet sich ein Anklang an den als Apokatastasis

bezeichneten periodischen Wechsel. Die Erde sollte danach[562]

verbrennen, wenn alle Wandelsterne im Krebse zusammenkämen und

somit eine gerade Linie bildeten. Dagegen würde eine allgemeine

Überschwemmung eintreten, wenn sich diese Konstellation im Steinbock

wiederhole.

Die Höhe der Naturanschauung *Senecas* zeigt sich besonders in den

Ansichten, die er über die Kometen entwickelt[563]. Seine Zeitgenossen,

sagt er, seien der Meinung, die Kometen entständen aus verdichteter

Luft. Er aber halte sie für »ewige Werke der Natur«, und zwar deshalb,

weil auch ihnen ein Kreislauf eigen sei.

Von Beobachtungsgabe und Scharfsinn zeugen auch die Ansichten, die

*Seneca* über die geologischen Erscheinungen entwickelt. Die Erdbeben

werden teils auf den Einsturz von Höhlungen des Erdinnern, teils

auf dort angesammelte Gase zurückgeführt. Die Vulkane stellen die

Verbindung zwischen der Oberfläche und dem glutflüssigen Erdinnern

her. Unter den Vulkanen, welche *Seneca* aufzählt, findet der Vesuv

keine Erwähnung, während *Strabon* ihn wegen der in seiner Nähe sich

findenden Schlacken als einen erloschenen Vulkan betrachtete. Manche

Bemerkungen *Senecas* über die lösende und die abtragende Tätigkeit

des Wassers und die Bildung von Ablagerungen stimmen mit den neueren

geologischen Anschauungen gut überein und »verraten durchweg ein

gesundes Urteil«[564]. Auch *Vitruv* äußert in seiner Schrift »De

architectura« die Ansicht, daß in der Nähe des Vesuvs das Innere der

Erde glühend sein müsse. Er schließt dies daraus, daß bei Bajae heiße

Dämpfe aus dem Boden entweichen. *Vitruv* erwähnt ferner auf Grund der

Überlieferungen, daß die Glut des Erdinnern in alten Zeiten Ausbrüche

des Vesuvs veranlaßt habe, daher rühre auch wohl der Bimsstein in

der Nähe von Pompeji, der infolge der Hitze aus einem anderen Steine

entstanden sei. *Vitruv* erwähnt auch, daß es Quellen gäbe, die vermöge

ihrer Säure Blasensteine aufzulösen vermöchten, wie der Essig die

Eierschalen löse[565].

Chemische Kenntnisse und ihre Anwendungen.

Über die mineralogischen und die chemischen Kenntnisse der Römer

erfahren wir manches durch *Plinius*[566]. Eingehender befaßt sich

dieser mit dem Glase. Er schildert seine Herstellung aus Sand, Soda

(Nitrum) und Muschelschalen[567]. Auch ist ihm bekannt, daß man mit

Kugeln aus Glas oder Kristall sowie mit kugeligen, mit Wasser gefüllten

Glasgefäßen in der Sonne Hitze erzeugen kann[568]. Die Römer stellten

sogar Treibhäuser mit gläsernen Wänden her, um auf diese Weise

frühzeitig frisches Gemüse zu erhalten. Aus Glas verfertigte Spiegel

finden gleichfalls schon bei *Plinius* Erwähnung. Neuere Ausgrabungen

haben solche auch zutage gefördert. Der Belag dieser antiken Spiegel

besteht bald aus reinem Blei[569], bald aus anderen Metallen.

Auch über die wichtigsten Farbstoffe und ihre Verwendung berichtet

*Plinius*. Er erwähnt den Krapp und den Indigo, mit denen man die Wolle

färbte. Wie man in Indien den Indigo gewinnt, ist ihm indessen nicht

bekannt. Am weitesten hatten es in der Kunst zu färben nach *Plinius*

die Ägypter gebracht. Er erzählt von ihnen, daß sie die Stoffe vor dem

Färben mit besonderen Flüssigkeiten (Beizen) behandelten.

*Plinius* kannte auch schon die Seife. Er erzählt, daß sie von den

Galliern und den Germanen durch Kochen von Talg mit Pflanzenasche

hergestellt werde. Wahrscheinlich wurde die Aschenlauge durch Zusatz

von Kalk kaustisch gemacht[570].

Mancherlei über die chemischen Kenntnisse zur Zeit der Römerherrschaft

erfahren wir auch durch die um 75 n. Chr. entstandene Arzneimittellehre

des *Dioskurides*. So spricht dieser vom Verzinnen von Kesseln[571].

Daß gewisse Mineralien beim Übergießen mit Essig Gas entwickeln, war

im Altertum bekannt. *Plinius* knüpft daran die Bemerkung, der Essig

sei stärker als das Feuer, denn er bezwinge Felsen, die dem Feuer

Widerstand leisteten[572].

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, I. Band Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften · 第 26 / 58 题