3. Das aristotelische Zeitalter.

Für das griechische Volk war mit dem vierten vorchristlichen

Jahrhundert schon eine Zeit des staatlichen Niederganges angebrochen.

Kunst und Philosophie hatten gleichfalls ihre Blütezeit gehabt.

Die wissenschaftliche Entwicklung tritt indessen jetzt in eine

Phase, welche für die Folge von nicht geringerem Einfluß als die

von den Griechen auf dem Gebiete des staatlichen Lebens und der

künstlerischen Betätigung geschaffenen Vorbilder sein sollte. Es ist

das wissenschaftliche, auf die Erfassung des Naturganzen in seinem

Zusammenhange gerichtete Streben des Menschengeistes, das uns jetzt zum

ersten Male in seiner vollen Bedeutung entgegentritt. Dieses Streben

verkörpert sich in *Aristoteles* und seinen Schülern. Mögen auch die

Vorstellungen, welche diese Männer leiteten, mit den Prinzipien der

heutigen Naturforschung oft nicht vereinbar erscheinen, so kann man

dennoch das Grundlegende ihrer Tätigkeit und die Bedeutung, die sie

nicht nur für das Altertum und für das Mittelalter, sondern auch für

die Entstehung der neueren Naturwissenschaft besitzen, nicht in Abrede

stellen.

Aristoteles.

In *Aristoteles* begegnet uns eine der bedeutendsten Erscheinungen

des Altertums, in der sich die Wissenschaft jenes Zeitraums

gleichsam verkörperte[264]. Er war der Sprößling einer griechischen

Ärztefamilie[265], die am mazedonischen Hofe in hohem Ansehen stand.

*Aristoteles* wurde im Jahre 384 v. Chr. in Stagira, einer in der Nähe

des Athos gelegenen griechischen Kolonie, geboren. Seine Erziehung

lag, wie es damals häufiger der Fall war, in der Hand eines einzigen

Mannes. Diesem bewahrte *Aristoteles* eine Dankbarkeit, wie sie später

ihm selbst wieder von seinem großen Schüler *Alexander* erwiesen

wurde. Im übrigen fehlen über die Jugend und den Entwicklungsgang des

*Aristoteles* nähere Nachrichten. Doch darf man annehmen, daß er gemäß

der in seiner Familie herrschenden Tradition für den ärztlichen Beruf

bestimmt war und sich zunächst für diesen vorbereitete. Auf diesen

Umstand wird vor allem der empirische Grundzug der aristotelischen

Philosophie zurückzuführen sein.

War das Wissen im 5. Jahrhundert noch im Besitze weniger hervorragender

Geister, so wird es im vierten immer mehr zum Gemeingut der Gebildeten.

Die Literatur wuchs an Umfang und an Spezialisierung. Schon in der

ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts gab es kaum noch einen Gegenstand,

über den nicht bereits Schriften erschienen wären[266].

Der Brennpunkt des geistigen Lebens war um die Mitte des vierten

vorchristlichen Jahrhunderts Athen. Hier hatte *Sokrates* gelehrt und

*Platon* eine blühende Philosophenschule gegründet. Was Wunder, daß der

begüterte und für die Wissenschaft begeisterte Jüngling seine Schritte

zunächst dorthin lenkte. Im Jahre 367 trat er in die Akademie ein, an

welcher *Platon* lehrte. Er gehörte ihr bis zu dem 347 erfolgenden Tode

des Meisters ununterbrochen an. *Platon* soll *Aristoteles* seines

unermüdlichen Lernens halber den Leser genannt und ihn mit einem

anderen Schüler mit den Worten verglichen haben, dieser bedürfe des

Sporns, *Aristoteles* dagegen des Zügels. Mit Recht ist *Aristoteles*

auch später als einer der fleißigsten Gelehrten bezeichnet worden, den

die Geschichte der Wissenschaft kennt[267]. Sein Ruf muß unterdessen

ein hervorragender geworden sein. Es wird nämlich berichtet, daß

König Philipp von Mazedonien, als er ihm im Jahre 343 die Erziehung

seines im 14. Lebensjahre stehenden Sohnes übertrug, folgende Worte an

*Aristoteles* geschrieben habe: »Ich fühle mich den Göttern zu Dank

verpflichtet, daß sie den Knaben zu Deiner Zeit geboren werden ließen.

Denn von Dir erzogen, hoffe ich, soll er der Nachfolge auf meinem

Throne würdig werden.« Und so wurde denn -- ein Verhältnis, das einzig

in der Geschichte dasteht -- der bedeutendste Denker jener Zeit mit der

Erziehung des größten Herrschers betraut.

Über das Erziehungswerk selbst, das nur die ersten Jahre des

mazedonischen Aufenthaltes unseres Philosophen (343-340) umfaßte,

fehlen nähere Nachrichten. Auch sind die Erzählungen, daß der

königliche Schüler seinem Lehrer 800 Talente[268], sowie einen ganzen

Trupp Leute zum Sammeln von Naturkörpern zur Verfügung gestellt habe,

mindestens übertrieben. Soviel ist jedoch gewiß, daß *Alexander*

wohl zu schätzen wußte, was er dem *Aristoteles* verdankte. Durch

unverschuldete Umstände geriet letzterer gegen das Ende der Regierung

*Alexanders* in Ungnade. Nach Ablauf eines acht Jahre umfassenden

Aufenthaltes in Mazedonien, der eine Zeit des Sammelns und der

Vorbereitung gewesen ist, in welcher ihn der Gedanke, eine Enzyklopädie

der Wissenschaften zu verfassen, jedenfalls schon beherrscht hat,

kehrte *Aristoteles* im Jahre 335 nach Athen zurück.

Um eine solch umfassende wissenschaftliche Tätigkeit auszuüben, wie sie

uns bei *Aristoteles* begegnet, waren bedeutende Mittel erforderlich.

Ob ihm diese durch die Gunst der mazedonischen Könige oder aus eigenem

Vermögen zur Verfügung standen, läßt sich nicht mit Sicherheit

entscheiden. Sehr wahrscheinlich trafen beide Umstände zusammen und

ermöglichten es dem *Aristoteles*, daß er, als erster unter den

griechischen Philosophen, in den Besitz einer größeren Bibliothek

gelangte. Die Herstellung von Büchern war damals eine mühselige und

kostspielige Arbeit, und die Anzahl der Exemplare einer Schrift

naturgemäß gering. Es ist daher begreiflich, daß bedeutende Summen

dazu gehörten, um die Schriften seines Zeitalters sich in solchem Maße

zugänglich zu machen, wie es *Aristoteles* verstanden hat. Allein für

die Werke eines Philosophen soll er drei Talente bezahlt haben[269].

In Athen hat *Aristoteles* im Lykeion, einem gymnastischen Spielen

dienenden Gebäude der Stadt, unterrichtet. Nach der Gewohnheit des

Meisters, dies im Auf- und Abwandeln zu tun, erhielt seine Schule den

Namen der Peripatetiker. Während *Alexander* die Welt eroberte, war

*Aristoteles* hier ein König im Reiche der Wissenschaften. Von seinen

zahlreichen Schriften ist indes nur der kleinere, aber wichtigere Teil

erhalten geblieben.

Die Stellung des *Aristoteles* in dem antimazedonisch gesinnten Athen,

wo er als Fremder und wegen seiner Beziehungen zu dem verhaßten großen

Könige von manchem ungern gesehen wurde, ist während seines 13jährigen

Aufenthalts in jener Stadt eine wenig angenehme gewesen. Als 323 v.

Chr. die Kunde von dem plötzlichen Tode *Alexanders* eintraf und von

den meisten als ein Zeichen zur Befreiung vom mazedonischen Joche

begrüßt wurde, erhoben sich daher zahlreiche Neider und Widersacher

gegen *Aristoteles*. Er wurde der Lästerung der Götter geziehen, zog

es aber vor, nicht eine Gerichtsverhandlung abzuwarten, sondern der

ihm feindlich gesinnten Stadt den Rücken zu kehren, damit diese, wie

er im Hinblick auf *Sokrates* sagte, sich nicht zum zweiten Male an

der Philosophie versündige. Wie richtig *Aristoteles* seine Lage

erkannt hatte, geht daraus hervor, daß der Areopag ihn bald darauf,

trotz seiner Abwesenheit, zum Tode verurteilte. *Aristoteles* hatte

sich indessen nicht weit entfernt. Er war nach Euböa übergesiedelt in

der Erwartung, durch einen Sieg der Mazedonier über die Athener nach

seinem langjährigen Wohnsitz zurückgeführt zu werden. Diese Hoffnung

sollte jedoch nicht in Erfüllung gehen, denn schon in dem auf das Ende

*Alexanders* folgenden Jahre, bevor man in Griechenland die frühere

Ordnung wieder hergestellt hatte, setzte der Tod seinem reichen Leben

ein Ziel.

Die Schriften und die Bücher des großen Philosophen gingen zunächst in

den Besitz seines Lieblingsschülers, des *Theophrast*, über. Manches

wird unvollendet gewesen und später ergänzt worden sein. *Theophrast*

hinterließ die Schriften wieder einem Schüler. Anderthalb Jahrhunderte

blieben sie darauf verborgen. Endlich gelangten sie, nachdem *Sulla*

Athen erobert hatte, nach Rom, wo sie in zahlreichen Exemplaren

abgeschrieben und verbreitet wurden. Daß dabei manches verunstaltet und

verdorben wurde, unterliegt wohl keinem Zweifel. Die auf uns gekommenen

Werke nehmen im Oktavformat fast 3800 Seiten in Anspruch[270]. Davon

ist indessen ein Teil als unecht zu betrachten[271].

Eine gänzlich unverändert gebliebene Schrift des *Aristoteles* gibt es

sehr wahrscheinlich nicht. Auch bei einigen Hauptwerken handelt es sich

wohl um Ausarbeitungen der Schüler. Dafür spricht unter anderem auch

das Fehlen eines einheitlichen Stiles. Andere Schriften sind bloße

Entwürfe oder Zusammenstellungen von Auszügen. Dazu kommen von späteren

Herausgebern herrührende Zusätze, die selten als solche kenntlich

gemacht sind. Endlich fehlt es nicht an Werken, die zwar den Namen des

*Aristoteles* tragen, die indessen als unecht oder nur zum geringen

Teil als aristotelisch gelten. Unter diesen sei nur die von *Nikolaos

Damaskenos* im augusteischen Zeitalter herausgegebene Schrift Ȇber die

Pflanzen« genannt. Über diesen Gegenstand gab es eine echte Schrift,

die verloren ging (s. S. 138). Auch eine mit Abbildungen versehene

Schrift »Über die Zergliederung der Tiere« ist leider nicht auf uns

gelangt.

Aristoteles als Philosoph und seine Stellung zur Naturwissenschaft.

Den breitesten Raum unter den Werken des *Aristoteles* nehmen seine

naturwissenschaftlichen Schriften ein. Sie betreffen das gesamte

Universum von den allgemeinen Bedingungen der Körperwelt und dem

Weltgebäude bis herab zur Beschreibung und Zergliederung der die Erde

als Tiere und Pflanzen bevölkernden Einzelwesen. Folgende Schriften

naturwissenschaftlichen Inhalts sind bei der nachfolgenden Darstellung

des aristotelischen Lehrgebäudes vor allem in Betracht gezogen: »Die

physikalischen Vorträge«, »Über das Weltgebäude«, »Über Entstehen und

Vergehen«, »Die Meteorologie« und »Die mechanischen Probleme«[272].

Unter den rein philosophischen Werken des *Aristoteles* verdient wegen

ihrer Bedeutung für jeden Zweig besonderer Wissenschaft das später

»Organon« genannte hervorgehoben zu werden. Es sind dies die von

*Aristoteles* zum ersten Male in ausführlicher Darstellung entwickelten

Grundzüge der formalen Logik.

Des *Aristoteles* Verdienst um die Naturwissenschaften ist ein

doppeltes. Einmal hat er das zerstreute Einzelwissen seiner Vorgänger

vereinigt und der Nachwelt durch eine außerordentlich fruchtbare

schriftstellerische Tätigkeit überliefert. Zum andern beschränkte

er sich keineswegs auf eine kritiklose Kompilation dieses Wissens.

Vielmehr stellte er sich die gewaltige Aufgabe, aus philosophischen

Prinzipien heraus ein System aller Wissenschaften zu entwickeln. Die

Philosophie, das Streben nach Welterklärung, war also der Ausgangs-

und der Angelpunkt, aus dem bei ihm die Wissenschaft erwuchs. Denken

und Welt in ihrem Gegensatz und in ihrer Wechselbeziehung wollte

*Aristoteles* begreifen und begreiflich machen. Die Philosophie,

die bei *Platon* noch voll poetischen Schwunges gewesen, wurde bei

*Aristoteles* nüchterne Betrachtung des Ichs mit seiner Denktätigkeit

und seinen Anschauungsformen, sowie der Welt mit ihren Einzeldingen.

In ihnen suchte er die Idee, welche bei *Platon* über und hinter

den Dingen stand, sowie die Zwecke nachzuweisen. Man kann *Platon*

den Vorwurf nicht ersparen, daß er die Wirklichkeit allzusehr

vernachlässigte und an ihre Stelle ein System aus häufig inhaltsleeren

Begriffen setzte, während *Aristoteles* sich von der Überzeugung leiten

ließ, daß wirkliche Erkenntnis nur aus der Erfahrung entspringen kann.

*Aristoteles* fordert daher, man solle »zuerst die Erscheinungen

auffassen und dann erst die Ursachen angeben«.

In der Befolgung des dialektischen Verfahrens, das er meisterhaft

zu handhaben wußte, ist *Aristoteles* ein Jünger des *Sokrates*

und des *Platon*. Während indessen die Philosophie der letzteren

vorzugsweise auf dem Boden der Dialektik wurzelte, sucht *Aristoteles*

das beobachtende Verfahren der Naturwissenschaft mit der Dialektik

zu verknüpfen, was seine Lehrmeister nicht vermocht hatten. »Zwar

gelang es ihm nicht, beide Elemente völlig ins Gleichgewicht zu

bringen, doch hat er durch ihre Verknüpfung das Höchste unter den

Griechen geleistet«[273]. *Sokrates* und *Platon* hatten zuerst

nach den Begriffen gefragt und die oft nur aus der Betrachtung des

Sprachgebrauches und der herrschenden Meinung gewonnene Erkenntnis des

Begriffes dem weiteren Forschen zugrunde gelegt, während *Aristoteles*

außer dem Begriff die bewegenden und stofflichen Ursachen ins Auge

faßte. Er ist nicht nur ein scharfer Denker, sondern ein solch

unermüdlicher Beobachter, daß ihm nicht selten ein übertriebener

Empirismus zum Vorwurf gemacht worden ist. Die bei der Naturerklärung

zu befolgenden Grundsätze finden sich bei ihm nicht zusammenhängend

entwickelt, sondern in zahlreichen Einzelbemerkungen zerstreut. Aus

ihnen läßt sich folgendes entnehmen: Stets hat der Erklärung die

Beobachtung vorauszugehen. Daß man die Theorie auf die Erkenntnis des

Einzelnen stützen müsse, wird häufiger betont. Von der Beobachtung

wird verlangt, daß sie sorgfältig, umfassend und vor allem frei von

jeder vorgefaßten Meinung sei. Handelt es sich um die Beobachtungen

anderer, so ist strenge Kritik anzulegen. Kurz, es begegnen uns bei

*Aristoteles* Grundsätze, wie sie die dem Empirismus huldigenden

Philosophen der neueren Zeit, wie *Bacon*, kaum besser entwickelt

haben. Indessen entsprach dem Wollen, wie es auch bei *Bacon* der

Fall war, nicht das Vermögen. Es lassen sich dafür verschiedene

Gründe anführen. Einmal waren die Hilfsmittel der wissenschaftlichen

Forschung zur Zeit des *Aristoteles* noch sehr wenig entwickelt. Vor

allem mangelte es auf fast allen Gebieten noch an der Möglichkeit

einer schärferen Bestimmung der quantitativen Verhältnisse.

*Aristoteles* empfindet dies schon, wo er von der Wärme handelt. Von

einer Vervollkommnung der Sinne und der dadurch zu ermöglichenden

weitgehenden Schärfung der Beobachtung besaß er aber wohl keine auch

nur dunkle Ahnung. Was für die Sinne nicht existierte, galt ihm noch

als nicht vorhanden[274].

In treffender Würdigung der aristotelischen Denkweise sagt *Zeller*:

»Da die griechische Wissenschaft mit der Spekulation angefangen hatte

und die Erfahrungswissenschaften erst spät zu einiger Ausbildung

gelangten, so war es natürlich, daß das dialektische Verfahren eines

*Sokrates* und *Platon* einer strengeren Empirie den Rang ablief. Auch

*Aristoteles* hält sich zunächst an dies Verfahren, ja er bringt es

theoretisch und praktisch zur Vollendung. Daß die Kunst der empirischen

Forschung bei ihm eine gleichmäßige Ausbildung erfahren werde, ließ

sich nicht erwarten. Und ebenso lag ihm eine schärfere Unterscheidung

beider Methoden noch fern. Diese ist erst durch die höhere Entwicklung

der Erfahrungswissenschaften und, von philosophischer Seite, durch die

erkenntnistheoretischen Untersuchungen herbeigeführt worden, welche die

neuere Zeit ins Leben gerufen hat.«

Eine Reihe von Grundbegriffen oder Kategorien sind es, unter welche

*Aristoteles* sämtliche Gegenstände der denkenden Betrachtung

einzugliedern suchte. Die wichtigsten sind Substanz, Quantität,

Qualität, Lage, Wirken und Leiden. Als Endzweck der gesamten Natur

erschien ihm der Mensch. Im Besitz der aristotelischen Philosophie und

Wissenschaftslehre hat letzterer an dieser ihm zugewiesenen Stellung

zwei Jahrtausende festgehalten, bis man den Zweckbegriff durch den

Begriff der mechanischen Kausalität ersetzte und den Menschen als ein

Glied in der Kette der übrigen Wesen begreifen lernte.

Die Grundlehren der Mechanik bei Aristoteles.

Wir gehen nach dieser allgemeinen Charakteristik zu dem Verhältnis

über, in welchem *Aristoteles* zu den Einzelwissenschaften gestanden

hat.

Die Bedeutung der Mathematik hat er in seinen Schriften oft

hervorgehoben, doch sind eigentliche mathematische Entwicklungen in

ihnen nicht enthalten. Wohl aber bieten sie manche beachtenswerte

Äußerung über schwierige Begriffe, wie über den Grenzbegriff und das

Unendliche. »Stetig«, sagt *Aristoteles* z. B., »ist ein Ding, wenn

die Grenze eines jeden von zwei aufeinander folgenden Teilen, in der

sie sich berühren, eine und die nämliche wird.« Er löste ferner das

Paradoxon vom Durchlaufen unendlich vieler Raumpunkte in endlicher

Zeit dadurch, daß er innerhalb der endlichen Zeit unendlich viele

Zeitteilchen von unendlich kleiner Dauer annahm. Das Unendliche ist

ferner für ihn nichts Wirkliches, sondern es gibt nur Endliches von

beliebiger Größe und von beliebiger Kleinheit[275].

Am meisten Erfolg hatte man auf dem Gebiete der Naturwissenschaft dort

aufzuweisen, wo die rasch emporblühende Mathematik Anwendung finden

konnte. Wie die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiete der

Astronomie, so waren die Anfänge der Mechanik von dem Erreichen einer

gewissen Stufe des mathematischen Denkens abhängig. Dem Verlauf der

mechanischen Vorgänge angemessene Begriffe entwickeln sich daher weit

später als das Vermögen, die Gesetze der Mechanik anzuwenden, ohne sich

ihrer klar bewußt zu sein. Das letztere mußte nämlich schon bei der

frühesten Ausübung jeder gewerblichen Tätigkeit eintreten.

Mit den Grundfragen der Mechanik hat sich die griechische Philosophie

schon in der vorsokratischen Zeit beschäftigt. Insbesondere wandte man

sich den Problemen der Schwere und der Bewegung zu[276]. Auch daß aus

der Bewegung, infolge der damit verbundenen Reibung, Wärme hervorgeht,

wurde frühzeitig erkannt. *Anaxagoras* wollte sogar das Licht der

Gestirne aus diesem Vorgange herleiten (s. S. 77).

Zu den alltäglichsten Erscheinungen, die vor allem dazu angetan

sind, das Nachdenken wachzurufen, gehört die Bewegung frei fallender

Körper. Diese Erscheinung, von der ausgehend später *Newton* zur

Entdeckung des Weltgesetzes geführt wurde, faßte *Aristoteles* irrig

auf. Bezeichnend für seine ganze Geistesrichtung ist es, daß er nicht

von der Erscheinung selbst, sondern von begrifflichen Festsetzungen

ausging und bei diesen stehen blieb. Er betrachtet zunächst die

Bewegung im allgemeinen und unterscheidet zwei Arten derselben, die

begrenzte, geradlinige, und die unbegrenzte, kreisförmige. Letztere,

als die angeblich vollkommenere, schreibt er den himmlischen Körpern

zu. Die geradlinige Bewegung wird aus einem entweder zum Zentrum hin

oder vom Zentrum fort gerichteten Streben der Körper erklärt, und so

werden die Begriffe Leichtigkeit und Schwere abgeleitet. Die erstere

Eigenschaft wird der Luft und dem Feuer, die zweite dem Wasser und

der Erde, d. h. allen flüssigen und festen Körpern zugeschrieben.

Aus diesen Erklärungen folgt nun für *Aristoteles* mit zwingender

Notwendigkeit, daß der schwerere Körper, weil sein Streben zum Zentrum

ein größeres sei, sich schneller abwärts bewegen müsse als der

leichtere. Hieraus wurde dann später geschlossen, daß die Körper genau

in demselben Verhältnis schneller fielen, je größer ihr Gewicht sei,

so daß beispielsweise ein hundertpfündiges Stück Eisen auch hundertmal

so schnell zur Erde gelange wie ein solches von einem Pfund Gewicht.

Jeder, ohne Voreingenommenheit angestellte Versuch, hätte diesen Schluß

als unhaltbar dartun müssen. Trotzdem blieb er, wenn schon sich hin

und wieder Zweifel regten, in Geltung, bis *Galilei* ihn durch seine

Fallversuche glänzend widerlegte.

Man kann[277] die Unterscheidung zwischen irdischen und himmlischen,

sowie zwischen natürlichen und erzwungenen Bewegungen in erster Linie

als das Hindernis ansehen, das der Entwicklung der Mechanik im Altertum

und Mittelalter im Wege stand. Erst als diese Schranken fielen, war

die Errichtung der neueren Mechanik möglich. Zu den Schwächen der

antiken Mechanik rechnet auch der Umstand, daß man nicht zu einer

klaren Vorstellung von dem Begriff des Beharrungsvermögens gelangte.

Zwar finden sich Ansätze[278], doch hielten alle Physiker an der

Annahme fest, ein Körper könne sich unmöglich bewegen, wenn nicht eine

äußere Kraft oder die ihm innewohnende Schwere und Leichtigkeit auf ihn

wirkten[279]. Den letzteren Begriff vermieden wenigstens die Atomisten,

die alle Körper als schwer betrachteten.

Über den Inhalt der mechanischen Lehren des *Aristoteles* sei noch

einiges im einzelnen mitgeteilt. Die Art der Darstellung besteht

darin, daß der Philosoph an Erfahrungstatsachen eine Anzahl von Fragen

anknüpft[280], die er selten auf mathematischem Wege, wie später mit so

großem Erfolge *Archimedes*, sondern meist, ausgehend von bestimmten

Definitionen, durch dialektische Kunststücke zu lösen sucht. Den Stoff

zu seinen Untersuchungen bieten ihm das Rad, der Hebel, das Ruder, die

Zange, die Wage und andere bekannte Werkzeuge. Die Beantwortung der

Fragen geschieht oft wieder in Frageform. So heißt es im 6. Kapitel:

»Warum das an sich kleine Steuer, am Ende des Schiffes angebracht, eine

so große Gewalt hat? Weil vielleicht das Steuer ein Hebel ist, die Last

das Meer und der Steuermann das Bewegende«.

[Illustration: Abb. 14. Der Tragbalken bei Aristoteles.]

Auffallend erscheint es *Aristoteles* zunächst, daß eine große

Last durch eine kleine Kraft bewegt werden kann, wie beim Hebel.

Die an diesem Werkzeug sich das Gleichgewicht haltenden Lasten

setzt *Aristoteles* ganz richtig den Längen der Hebelarme umgekehrt

proportional. Den Grund für dieses Gesetz findet er darin, daß die

kleinere Last, ihrer größeren Entfernung vom Stützpunkt entsprechend,

einen größeren Kreisbogen durchlaufen müsse. Auf den Hebel wird auch

der Keil und der Tragbalken zurückgeführt. Letzteres geschieht (Abb.

14) durch folgende Erörterung: »Zwei Leute tragen auf einer Stange

AB eine Last G.« Warum, fragt *Aristoteles*, wird der am stärksten

gedrückt, dem G am nächsten ist? AB sagt er darauf, wird hier gebraucht

wie ein Hebel. »Der G nächste Träger bei A ist das Bewegte, der andere

Träger bei B ist das Bewegende. Und je weiter dieser von der Last

entfernt ist, desto leichter bewegt er.« Den einarmigen Hebel hat

*Aristoteles* nicht als eine besondere Art betrachtet.

Ein wichtiger Abschnitt des aristotelischen Werkes ist auch derjenige,

der den Satz vom Parallelogramm der Bewegungen enthält. »Wenn etwas«,

heißt es dort, »nach irgendeinem Verhältnis bewegt wird, so daß es eine

Linie durchlaufen muß, so wird diese Gerade die Diagonale einer Figur

sein, welche durch die nach dem gegebenen Verhältnis zusammengesetzten

Linien bestimmt wird. Sei zum Beispiel das Verhältnis der Bewegung

dasjenige, welches AB zu AC hat. Es werde also A nach B getrieben, AB

aber nach CG. Ebenso gelangt in derselben Zeit A nach D, in welcher

AD nach EF gelangt. Ist dann das Verhältnis der Bewegung in letzterem

Falle dasselbe, d. h. verhält sich AD : AE wie AB : AC, so ist das

kleine Parallelogramm dem größeren ähnlich; und es wird folglich die

Diagonale AF in die Diagonale AG fallen. Hieraus wird also offenbar,

daß ein auf der Diagonale nach zwei Richtungen bewegter Gegenstand

notwendig in dem Verhältnis der Seiten bewegt wird. Ändern dagegen

zwei Bewegungen in jedem Augenblick ihr Verhältnis, so kann der Körper

unmöglich eine geradlinige, sondern er muß eine krummlinige Bewegung

durchlaufen.« Auch der Satz, daß die Bewegung im Kreise aus zwei

Bewegungen, die nach dem Mittelpunkt und in der Richtung der Tangente

erfolgen, zusammengesetzt gedacht werden kann, ist auf *Aristoteles*

zurückzuführen. Ferner hat sich *Aristoteles* mit dem Problem des

Stoßes beschäftigt, das erst durch *Wallis*, *Wren* und *Huygens*

seine Lösung finden sollte. Er stellt nämlich die Frage, weshalb ein

geringer Stoß auf einen Keil viel ausrichten könne, während ein gegen

den gleichen Keil ausgeübter Druck nur wenig leiste[281].

[Illustration: Abb. 15. Der Satz vom Parallelogramm der Bewegungen.]

In exakt-wissenschaftlicher Hinsicht sind dem *Aristoteles* noch zwei

Verdienste zuzuschreiben. Einmal war er wohl einer der ersten, der

seine Erörterungen durch Zeichnungen zu unterstützen suchte. Ferner

befindet sich bei ihm der Keim zu dem Gedanken, die in Beziehung zu

setzenden Größen mit Buchstaben zu bezeichnen.

Die Anfänge der Akustik und der Optik.

Ein anderes Gebiet, das sich gleichfalls schon im Altertum der

exakten Behandlung zugänglich erwies, war die Akustik. So hatten

z. B. die Pythagoreer erkannt, daß die Längen von gleich dicken

und in gleichem Maße gespannten Saiten, wenn sich Konsonanzen

ergeben sollen, in einem einfachen Verhältnis stehen müssen. Dieses

Verhältnis fanden sie für die Oktave gleich 1 : 2. Und zwar geschah

dies mit Hilfe eines Monochords. Der Apparat besaß die Einrichtung,

daß eine Saite über einen Steg geführt und durch Gewichte beliebig

gespannt werden konnte. In dieser Vorrichtung begegnet uns der erste

Apparat, vermittelst dessen auf experimentellem Wege ein Naturgesetz

gefunden wurde. Auch bei *Aristoteles* finden wir einige zutreffende

Vorstellungen über akustische Vorgänge. *Aristoteles* schreibt z. B.

der Luft die vermittelnde Rolle bei den Schallerscheinungen zu und

führt die letzteren auf Schwingungen zurück, die sich bis zu unserem

Ohre fortpflanzen. »Ein Ton«, sagt er, »entsteht nicht dadurch, daß

der tönende Körper der Luft, wie einige glauben, eine gewisse Form

einprägt, sondern dadurch, daß er die Luft auf eine angemessene

Weise in Bewegung setzt. Die Luft wird dabei zusammengedrückt und

auseinandergezogen und durch die Stöße des tönenden Körpers immer

wieder fortgestoßen, so daß sich der Schall nach allen Richtungen

ausbreitet.« Auch das Echo wurde von *Aristoteles* ganz richtig als ein

Reflex erkannt.

Die gleiche Anschauung, die er sich vom Schall gebildet, übertrug

*Aristoteles* auf das Gebiet der Optik. Vor ihm hatte sich die

wunderliche Vorstellung entwickelt, das Sehen sei eine Art Tasten,

bei dem das Auge sich aktiv verhalte und sozusagen Fühlfäden nach

den Körpern hin erstrecke. Nach den ältesten Ansichten ist das Auge

sogar feuriger Natur. Auch bei den Indern begegnen wir dieser Meinung.

So schreibt *Susruta* der Linse, die häufig als das Hauptorgan des

Auges betrachtet wurde, ewiges Feuer zu[282]. In Übereinstimmung

damit betrachteten die ältesten griechischen Philosophen, wie die

Pythagoreer, das Sehen als eine heiße Ausdünstung, die vom Auge nach

dem wahrgenommenen Gegenstande strömen sollte.

*Aristoteles* wendet dagegen ein[283], daß man dann auch während der

Nacht zum Sehen befähigt sein müsse. Ähnlich wie beim Schall die Luft

zur Übermittlung erforderlich sei, setze auch die Lichtempfindung

zwischen dem Auge und dem gesehenen Gegenstande ein Medium voraus, das

die Wirkung zu übertragen vermöge. Das Innere des Auges ist ferner

nach *Aristoteles* deshalb durchsichtig, weil sich der Sitz des

Sehvermögens auf der hinteren Seite befinde. Auch an eine Erklärung

der Farben wagt sich *Aristoteles*. Sie sollen aus der Mischung von

Weiß und Schwarz, die er als Grundfarben bezeichnet, hervorgehen, ein

Gedanke, der später oft wiederkehrte. Er wendet sich dann gegen die

Annahme, die Farben seien Ausflüsse der farbigen Körper. »Man muß nicht

annehmen,« fügt er hinzu, »daß alles durch Berührung empfunden wird.

Sondern es ist besser zu sagen, die Empfindung des Sehens erfolge

durch eine Bewegung des Mittels zwischen dem Auge und dem Gesehenen.«

Es begegnet uns also hier schon im Keime der Widerstreit zwischen der

Emanations- und der Vibrationstheorie, der sich durch das 17. und

18. Jahrhundert hindurchzog und erst im 19. entschieden wurde[284].

Trotz mancher Unrichtigkeiten, die sich bei *Aristoteles* finden,

hat kaum ein anderer Denker des Altertums solch klare Vorstellungen

über optische Dinge entwickelt, wie er. Daher knüpft selbst *Goethe*

in seiner Schrift »Zur Farbenlehre« wieder an ihn an und gibt dort

eine Darstellung der aristotelischen Ansichten über das Licht und die

Farben[285].

Erwähnt sei noch, daß die von den Atomisten (*Leukipp*, *Demokrit*)

geschaffenen optischen Vorstellungen einen Rückschritt bedeuteten.

Die Atomisten fielen eigentlich in die alten Vorstellungen zurück.

Sie kehrten das Verhältnis aber um und ließen Abbilder der Dinge

von den Gegenständen sich loslösen und ins Auge strömen. Mit beiden

Anschauungen brach *Aristoteles*, indem er die Bedeutung des Mediums

für den Vorgang des Sehens erkannte. Im Mittelalter glaubte man

von jeder physikalischen Erklärung absehen zu dürfen, da die Seele

keiner äußeren Beihilfe bedürfe[286]. Man nahm vielmehr beim Sehen

eine unvermittelte Fernwirkung an und schuf damit einen Begriff, der

lange dazu dienen mußte, einen aus mechanischen Prinzipien nicht zu

erklärenden Vorgang wenigstens mit einem Worte zu verbinden.

Obgleich die Beschäftigung mit Fragen der Mechanik, der Optik und der

Akustik ganz besonders zu wissenschaftlichen Beobachtungen und zu

Versuchen anregt, finden wir bei *Aristoteles*, wie fast überall im

Altertum, nur geringe Ansätze nach dieser Richtung. Stets wird an die

Meinungen früherer angeknüpft, darauf werden Tatsachen der gewöhnlichen

Erfahrung herangezogen und daraus auf dialektischem Wege, unter

Gedankensprüngen und logischen Kunstgriffen, ein Ergebnis gewonnen,

das sich dem herrschenden System anpaßt, oft aber auch auf eine bloße

Worterklärung hinausläuft. Das Ergebnis der so geübten Spekulation

sucht *Aristoteles* mitunter wieder durch neue Beispiele aus der

Erfahrung zu stützen. Das Unzulängliche seines Verfahrens scheint ihm

indessen manchmal selbst zum Bewußtsein gekommen zu sein. So sagt er an

einer Stelle: »Noch sind die Erscheinungen nicht hinreichend erforscht.

Wenn sie es aber dereinst sein werden, ist der Beobachtung mehr zu

trauen, als der Spekulation und letzterer nur insoweit, als sie mit den

Erscheinungen Übereinstimmendes ergibt.«

Das Himmelsgebäude nach Aristoteles.

Auf dem Gebiete der Astronomie hat *Aristoteles* den soeben erwähnten

Grundsatz, den im übrigen erst die neuere Naturforschung zur vollen

Geltung brachte, auch hin und wieder befolgt[287]. Andererseits

verleugnet er in seinem, von diesem Gebiete handelnden Werke an manchen

Stellen die an ihm gewohnte Denkart nicht. So bemüht er sich, aus

Vernunftgründen darzutun, daß es nur ein Himmelsgewölbe geben könne

und daß das Universum ohne Ursprung und unvergänglich sei. Sehr klar

ist seine Zusammenstellung der Gründe für die Kugelgestalt der Erde.

Der betreffende Abschnitt möge hier in etwas freierer Wiedergabe

folgen[288]: »Daß die Erde eine Kugel ist, ergibt sich auch aus

der Sinneswahrnehmung. Bei den Mondfinsternissen ist nämlich die

abgrenzende Linie, welche der Schatten der Erde zeigt, immer gekrümmt.

Ferner ist durch das Erscheinen der Sterne nicht bloß augenfällig, daß

die Erde rund ist, sondern auch, daß sie nicht eben groß sein kann.

Wenn wir nämlich nur eine geringe Ortsveränderung gegen Süden oder

Norden vornehmen, so zeigen die Sterne über unserem Haupte eine große

Veränderung, denn einige Sterne werden in Ägypten gesehen, hingegen

in den nördlichen Ländern nicht. Und diejenigen Sterne, welche in

den nördlichen Gegenden immerwährend am Himmel stehen, gehen in den

südlichen unter. Folglich ist die Erde nicht nur kugelförmig, sondern

auch nicht groß, denn sonst würde sich bei einer nur so geringen

Ortsveränderung nicht die beschriebene Erscheinung zeigen. Es ist daher

nicht unglaublich, daß die Gegend um die Säulen des Herkules mit jener

von Indien zusammenhängt und daß es auf diese Weise nur ein Meer gibt.

Ferner behaupten die Mathematiker, daß der Umfang der Erde etwa 400000

Stadien betrage. Auch daraus würde folgen, daß die Erde nicht nur

kugelförmig, sondern im Vergleich zu den übrigen Gestirnen nicht groß

ist.«

Gleichzeitig mit der Lehre von der Kugelgestalt der Erde entstand die

Vorstellung, daß es Antipoden geben müsse. Schon die Pythagoreer sollen

dies angenommen haben[289]. Als der »Erfinder« des Wortes Antipoden

wird *Platon* genannt. Daß die Erde in ihrem ganzen Umfange bewohnt

sei, wird indessen nicht etwa als Tatsache, sondern nur als nicht zu

umgehende Annahme hingestellt.

Von eigener Beobachtung eines seltenen astronomischen Ereignisses zeugt

folgende Stelle, die gleichfalls im Wortlaute mitgeteilt sei[290]:

»Wir haben nämlich gesehen, wie der Mond einmal halbkreisförmig

war und *unter* dem Mars vorüberging. Letzterer verschwand an der

dunklen Hälfte des Mondes und kam an der beleuchteten wieder hervor.

In gleicher Weise berichten solches, auch bezüglich der übrigen

Gestirne, diejenigen, die schon seit einer sehr langen Reihe von Jahren

Beobachtungen angestellt haben, nämlich die Ägypter und die Babylonier,

von denen wir viele beglaubigte Nachrichten betreffs eines jeden

Gestirns besitzen.«

Die Kugelform legt *Aristoteles* nicht nur der Erde, sondern auch

dem Himmelsgewölbe bei. Letzteres müsse notwendig kugelförmig sein,

denn die Kugel sei sowohl für das Wesen des Universums die am meisten

ansprechende, als auch von Natur aus die ursprünglich erste Form[291].

Für die Welt nimmt *Aristoteles* räumliche Begrenzung an. Die Gestirne

seien aus Äther gebildet, dessen Bewegung die kreisförmige sei, während

den irdischen Elementen die geradlinige zukomme. Die fünf Planeten,

die Sonne und der Mond sollen, wie schon *Eudoxos* behauptet, jeder in

seiner eigenen Sphäre bewegt werden. An diesen Sphären, unter denen

man sich konzentrische, die im Mittelpunkte ruhende Erde umgebende

Kugelschalen vorstellte, sind diese sieben Weltkörper befestigt,

während die Fixsterne eine gemeinsame Sphäre besitzen und ihre

gegenseitige Lage innerhalb dieser Sphäre nicht ändern.

Astrologische Vorstellungen kommen in den Schriften des *Aristoteles*

nicht vor. Zwar hatte *Platon* die Ansicht vertreten, daß die Gestirne

göttliche Wesen seien. *Aristoteles* teilte diese Ansicht, sowie die

Lehre von der Sterndeutung jedoch nicht, wenn auch den Griechen damals

schon die astronomischen und die astrologischen Lehren der Chaldäer

bekannt waren. Auch *Eudoxos*, der sich zur Zeit *Platons* eingehend

mit der Astronomie befaßte, verhielt sich diesen Lehren gegenüber

ablehnend. Erst in der späteren, als hellenistisch bezeichneten Periode

wurde die Astrologie zu einer herrschenden geistigen Strömung.

Um die Ungleichheiten in der Bewegung der Planeten zu erklären, hatte

schon *Eudoxos*, der Begründer der Theorie der homozentrischen Sphären,

für jeden Wandelstern mehrere Sphären eingeführt. Für jedes dieser

Gestirne mußte, da es wie die Fixsterne auf- und unterging, eine der

Fixsternbewegung entsprechende Sphäre angenommen werden. Eine zweite,

deren größter Kreis in die Ekliptik fiel, bewegte den Planeten dann

entgegengesetzt zur täglichen Drehung, also von West nach Ost, in einer

Zeit, innerhalb welcher der Planet den Tierkreis durchläuft. Weitere

Sphären waren zur Erklärung der Stillstände und der zeitweiligen

Rückwärtsbewegung von Ost nach West nötig. Für den Mond und für die

Sonne waren gleichfalls zwei Sphären nicht ausreichend. Im ganzen

benötigte *Eudoxos* zur Darstellung der Bewegungen der Himmelskörper 27

Sphären. Zu diesen fügte *Kalippos* 7 und *Aristoteles* noch 22 weitere

hinzu. Dadurch wurde der Mechanismus so verwickelt, daß man ihn endlich

aufgab und durch die Epizyklentheorie ersetzte.

Eine Rekonstruktion der Anschauungen des *Eudoxos* verdanken wir

*Schiaparelli*[292]. Es handelt sich bei der Annahme der Sphären

um keine mystischen Ungereimtheiten, sondern um eine kinetische

Hilfsvorstellung zur möglichst genauen Beschreibung der beobachteten

Vorgänge. Man darf bei der Beurteilung älterer Hypothesen nie

vergessen, daß auch unsere modernen Theorien im Grunde genommen solche

Hilfsvorstellungen sind, die mit dem Fortschreiten der Wissenschaft

oft durch neue Vorstellungen verdrängt werden. Man darf ferner

wohl annehmen, daß *Eudoxos* selbst seine Hilfsvorstellung als das

betrachtete, was sie war, und daß erst Spätere seinen homozentrischen

Sphären Wirklichkeit beigemessen haben. Bezeichnend ist auch der

Ausdruck, der bei den alten Schriftstellern oft wiederkehrt, daß

man für die Bewegung der Himmelskörper Theorien aufgestellt habe,

»um die Erscheinungen zu retten«, d. h. sie mit einer, den Verstand

befriedigenden, kinetischen Darstellung in Einklang zu bringen. Hielt

man an dem Grundsatz fest, am Himmel seien nur gleichmäßige und

kreisförmige Bewegungen möglich, so boten die Sphärentheorie und später

die Epizyklentheorie eine Lösung der den alten Astronomen gestellten

Aufgabe, die dem damaligen Stande des Wissens entsprach.

Die Vorstellung, die Erde und der Himmel seien kugelförmig, führte

schon im Altertum zur Verfertigung von Globen. Zuerst begegnen

uns Himmelsgloben. Ein solcher ist uns in dem »*Farnesischen*

Globus« erhalten geblieben. Er wird im Nationalmuseum zu Neapel

aufbewahrt und bildet die Marmorkugel, welche der »*Farnesische*

Atlas« trägt. Dieser Globus ist vermutlich eine Nachbildung einer

von *Eudoxos* hergestellten Sphäre. Auf dem *Farnesischen* Globus

sind die Sternbilder in reliefartiger Darstellung gemeißelt. Nach

der Lage des Frühlingspunktes zu urteilen, stammt das Kunstwerk aus

dem 3. vorchristlichen Jahrhundert. Später haben die Araber, unter

Benutzung der griechischen Sternverzeichnisse, in der Anfertigung

von Himmelsgloben Hervorragendes geleistet. Von solchen aus dem

13. Jahrhundert stammenden Globen sind mehrere erhalten[293]. Die

Verfertigung von Erdgloben kam erst im Zeitalter der Entdeckungen

auf, als sich der geographische Gesichtskreis über die gesamte Erde

auszudehnen begann[294]. Die von den Himmelskörpern ausgehende

Wärme und ihr Licht führt *Aristoteles* darauf zurück, daß »die Luft

unterhalb der Sphäre erhitzt wird«. »Denn,« fügt er hinzu, »von

Natur aus versetzt Bewegung sowohl Hölzer als auch Steine und Eisen

in Feuerhitze[295].« Aber nicht nur die Erde und das Himmelsgewölbe

sind nach *Aristoteles* kugelförmig, sondern er legt diese Form den

Gestirnen ganz allgemein bei[296]. Die Ansicht, letztere müßten eine

Art Sphärenmusik erzeugen, kann er nicht teilen. Denn übermäßiges

Geräusch, meint er, zerstöre selbst die widerstandsfähigsten

Körper[297]. Bei der Erklärung des Flimmerns fällt er in die an anderer

Stelle von ihm bestrittene Sehtheorie zurück. Er meint nämlich, die

Planeten besäßen ein ruhiges Licht, weil sie nahe seien und der »Blick

sie deshalb in seiner vollen Kraft erreiche«. »Hingegen auf die

Fixsterne gerichtet,« fährt er fort, »wankt der Blick wegen der Länge

des Abstandes, daher flimmern die am Himmel fest eingefügten Sterne,

die Planeten aber nicht[298].«

Was endlich die Kometen anbetrifft, so rechnete *Aristoteles* sie nicht

zu den Himmelskörpern, sondern er hielt sie für Gebilde der irdischen

Atmosphäre. Welchen Wert man dieser Meinung beilegte und wie sehr die

Kometen das allgemeine Interesse fesselten, geht daraus hervor, daß

noch am Ende des 17. Jahrhunderts in manchen Ländern kein Professor

angestellt wurde, wenn er nicht öffentlich erklärte, daß er außer mit

den übrigen Grundsätzen des *Aristoteles* auch mit dessen Ansichten

über die Kometen einverstanden sei[299].

Bis auf *Aristoteles* zurückzuverfolgen ist auch eine andere Lehre

(orientalischen Ursprungs), die in ihren letzten Konsequenzen das

paradoxeste Erzeugnis des menschlichen Geistes darstellt, die Lehre

von der steten Wiederkehr[300]. *Aristoteles* spricht an einigen

Stellen seiner Werke den Gedanken aus, ähnlich der Bewegung der

Gestirne vollziehe sich alles irdische Geschehen periodisch in stetem

Kreislauf. So finde z. B. auch ein steter Wechsel zwischen Meer

und Land statt[301]. Spätere Philosophen, so die *Stoiker*, waren

schon, wie später *Nietzsche*, in maßloser Übertreibung eines an

sich richtigen Gedankens, auf die sonderbare Lehre gekommen, daß

in großen Weltperioden in steter Folge selbst das Einzelwesen in

seiner ganz bestimmten Individualität, z. B. ein bestimmtes Dorf,

ein *Sokrates* usw. mit allen gleichzeitigen Wesen, Dingen und

Erscheinungen wiederkehren müsse[302]. Erklärlich wird dieser Irrgang

des menschlichen Geistes daraus, daß für die Gestirne, denen man

einen maßgebenden Einfluß auf alles Werden und Vergehen zuschrieb,

eine Rückkehr in die Anfangsstellung angenommen wurde. Sobald diese

erreicht sei, sollten sich alle Geschehnisse in der gleichen Folge von

neuem abspielen. Man unternahm es sogar, auf Grund der vorhandenen

Beobachtungen die Rückkehr der Planeten in dasselbe Ortsverhältnis zu

berechnen. *Aristarch* hatte dafür einen Zeitablauf von 2484 Jahren

angenommen. Andere hatten Jahrmillionen herausgerechnet. Unter den

Neueren hat sich selbst *Tycho* mit der Berechnung dieses »annus

mundanus« genannten Zeitraumes befaßt und 25816 Jahre gefunden. Ganz

aufgegeben wurde dieser Gedanke wohl erst, als man erkannte, daß die

Zahl der Planeten weit größer ist, als bisher angenommen war.

Zu den astronomischen Grundlagen der Lehre von der steten Wiederkehr

ist auch *Hipparchs* Entdeckung der Präzession der Nachtgleichen zu

rechnen. Sie führte gleichfalls auf eine Periode von etwa 25000 Jahren,

die als platonisches Jahr bezeichnet wurde. (Siehe a. spät. Stelle.)

Außer den astronomischen kommen auch geophysische Grundlagen für diese

Lehre in Betracht, indem man die regelmäßige Wiederkehr gewaltiger

Überflutungen oder auch von Perioden gesteigerter vulkanischer

Tätigkeit voraussetzte. Gewöhnlich wurden diese Ereignisse in der

Art miteinander verbunden, daß man die irdischen Katastrophen an die

periodisch wiederkehrenden astronomischen Erscheinungen knüpfte[303].

Um die regelmäßige Wiederkehr der Überflutungen zu erklären, dachte

man sich entweder die Erde von Adern und Spalten durchzogen, die das

Wasser in sich aufnehmen und sich wieder leeren sollten, oder man nahm

an, daß sich in den oberen Schichten der Atmosphäre die Luft in Wasser

verwandele. Zu den Anhängern dieser Auffassung gehörte *Aristoteles*,

der sich mit den meteorologischen Erscheinungen eingehend beschäftigte.

Die Grundzüge der physischen Erdkunde und der Geologie.

In seinen vier Büchern über die Meteorologie beschreibt und erörtert

*Aristoteles* das Auftreten der Kometen und der Sternschnuppen, welche

er als Erzeugnisse unserer Atmosphäre betrachtet, die Gestalt und die

Höhe der Wolken, die Bildung von Tau, Eis, Schnee, die Entstehung der

Winde und des Gewitters usw.

Im ersten Buche[304] spricht *Aristoteles* von Erscheinungen, die wohl

nur dahin gedeutet werden können, daß es sich um das Nordlicht handelt.

Er erzählt, daß man in klaren Nächten mitunter Schlünde erblicke, die

blutigrote Fackeln hinauszuschleudern schienen. Die Erscheinung mache

den Eindruck, als ob sie von einem weit entfernten Brande herrühre.

Weniger bestimmt lassen sich einige bei *Plinius* und *Seneca*

vorkommende Stellen auf das Nordlicht deuten.

Erdbeben werden nach *Aristoteles* durch eingeschlossene Luft erzeugt.

Sehr ausführlich wird vom Regenbogen gehandelt. *Aristoteles* sucht

diese Erscheinung einzig aus der Reflexion des Lichtes abzuleiten.

Die Wassertröpfchen, meint er, seien Spiegelchen, die indessen

infolge ihrer Kleinheit nicht die Form, sondern nur die Farbe

des leuchtenden Gegenstandes, gemischt mit ihrer eigenen Farbe,

zurückwürfen. Dem Regenbogen werden nur die drei Farben rot, grün

und violett zugeschrieben. Doch zeige sich zwischen rot und grün

eine fahle Farbe (das Gelb). Auch die Beziehung des Regenbogens zur

Sonnenhöhe wird erörtert und es wird erwähnt, daß es um Mittag im

Sommer in Griechenland keinen Regenbogen gebe. Den Mondregenbogen,

sagt *Aristoteles*, habe er in 50 Jahren nur zweimal beobachtet. Die

Erscheinung sei so selten, weil sie nur bei Vollmond eintrete. Auch der

künstliche Regenbogen, der sich im zerstäubten Wasser zeigt, findet

Erwähnung.

Die ersten geologischen Vorstellungen begegneten uns schon bei

*Thales* und bei *Empedokles* (s. S. 70). Bei dem mit vielen Teilen

der Erde bekannt gewordenen *Demokrit* hatten diese Vorstellungen

eine erstaunliche Höhe erreicht. Man kann das aus der auf *Demokrit*

zurückgehenden Darstellung schließen, welche *Aristoteles* über die

geologischen Vorgänge gibt. Seine Worte lauten[305]: »Nicht immer sind

dieselben Orte der Erde feucht oder trocken, sondern sie verändern sich

je nach dem Entstehen und dem Verschwinden der Flüsse. Ebenso verändert

sich das Verhältnis des festen Landes zum Meere. Wo festes Land ist,

da wird Meer, und wo jetzt Meer ist, da entsteht wiederum festes

Land[306]. Man muß annehmen, daß dies periodenweise geschieht[307].

*Da die ganze natürliche Entstehung eines Landes allmählich und

in Zeiträumen vor sich geht, die im Vergleich mit unserem Leben

außerordentlich lang sind, so bemerken wir nichts davon[308].*

Ägypten z. B. scheint immer trockner geworden zu sein. Das ganze Land

muß wohl als eine Anschwemmung des Niles betrachtet werden. Ähnlich

verhält es sich mit Argos. Vor alters war diese Landschaft sumpfig

und fast unbewohnt. Heute dagegen ist sie angebaut. Was von dieser

engbegrenzten Gegend gilt, das geschieht auch bei ganzen Ländern.

Einige nehmen an, daß die Ursache solcher Vorgänge eine Veränderung des

ganzen Himmelsgebäudes ist, als sei dies dem Wechsel unterworfen. Oder

man behauptet, das Meer nehme ab, indem es austrockne. Dabei übersieht

man, daß gleichzeitig Teile der Erde trocken werden, während das Meer

andere überflutet[309].«

Die Annahme, daß die Menge des Meeres geringer werde und das Meer

schließlich ganz verschwinden müsse, rührt von *Demokrit* her.

Letzterer ist zu dem großartigen Gedanken, daß die Konfiguration der

Erdoberfläche sich im Lauf der geologischen Perioden ändere, schon vor

*Aristoteles* gelangt[310]. Auch die Ansicht, daß die geologischen

Änderungen auf kosmologische Ursachen zurückzuführen seien, rührt von

*Demokrit* her. *Aristoteles* verwirft sie, weil er den Himmel als

den Ort des unveränderlichen Seins betrachtet. Wir sehen aus alledem,

daß *Demokrits* Naturauffassung in vielem höher steht als diejenige

des *Aristoteles* und sich der unseren nähert, denn die Einwirkung

kosmischer Vorgänge auf die säkularen Änderungen der Erdoberfläche wird

heute nicht mehr in Abrede gestellt. Ferner entspricht *Demokrits*

Annahme einer steten Verringerung der auf der Erde befindlichen

Wassermenge den heutigen geologischen Vorstellungen. Das Ende dieses

Vorgangs würde darin bestehen, daß alles Wasser durch die Verwitterung

und andere Veränderungen der Gesteine gebunden ist.

Daß das Meer nicht etwa dadurch verschwindet, daß es sich durch die

Sonne in Dampf verwandelt, war *Demokrit* ganz klar, denn er wußte,

daß das Wasser des Meeres immer wieder in Gestalt von Regen auf die

Erde herabfällt. Dies ist aus seiner Erklärung der Nilüberschwemmungen

ersichtlich[311].

Es ist anzunehmen, daß *Demokrits* ganz klare Lehre vom Kreislauf des

Wassers der von *Aristoteles* gegebenen Darstellung zugrunde gelegen

hat. Sie lautet: »Einige behaupten, daß die Flüsse nicht allein in

das Meer fließen, sondern auch aus demselben.« Das Wasser des Meeres

verdampfe und steige nach oben. Dort werde es durch Abkühlung wieder

verdichtet und falle infolgedessen wieder zur Erde herunter[312].

Für das Entstehen der ersten geologischen Anschauungen ist der Umstand

von großer Bedeutung gewesen, daß das Land, in dem das älteste

Kulturvolk der Ägypter wohnte, alle Anzeichen dafür darbot, daß es

sich in langsamer, stetiger Änderung befindet. Die Erinnerungen und

Aufzeichnungen der Ägypter umfaßten einen Zeitraum von Jahrtausenden,

der wohl erkennen ließ, daß sich das Land am unteren Lauf des Niles

fortgesetzt nach Norden ausdehnte[313]. Die salzigen Seen auf der

Landenge von Suez konnten kaum anders denn als Überbleibsel des Meeres

gedeutet werden. Auf das allmähliche Emportauchen Ägyptens aus dem

Meere wiesen auch die in seinen gebirgigen Teilen sich findenden

Versteinerungen hin. Trotzdem ist es erstaunlich, daß man auf Grund

von einer immerhin nur geringen Summe von Beobachtungen im Altertum

schon zu einer so klaren Einsicht in die geologischen Vorgänge gelangt

ist, wie sie uns bei *Eratosthenes*, bei *Aristoteles*, der allerdings

nur berichtet, und ganz besonders bei *Demokrit* begegnet. Es läßt

sich nicht verkennen, daß diese antiken Anfänge der geologischen

Wissenschaft auf ihre eigentliche Begründung im 16. und 17. Jahrhundert

von nicht geringem Einfluß gewesen sind, wie an späterer Stelle gezeigt

werden soll. Dieser Einfluß geht so weit, daß zwischen den am klarsten

von *Demokrit* entwickelten Lehren des Altertums eine besonders

durch *Aristoteles* vermittelte Wirkung auf die Geologie der Neuzeit

nachzuweisen ist.

Die vier aristotelischen Elemente.

Am Schlusse seiner »Meteorologie« handelt *Aristoteles* von den vier

Elementen. Ausführlichere Darlegungen über diesen Gegenstand enthält

die Schrift über »Entstehen und Vergehen«. Daß nur vier Elemente

möglich seien, beweist *Aristoteles* auf spekulativem Wege. Seine

Ausführungen sind für die Beurteilung der aristotelischen Denkweise so

bezeichnend, daß wir auf sie etwas näher eingehen wollen[314].

Es gibt, meint er, vier Grundempfindungen: warm, kalt, feucht und

trocken. Diese Empfindungen werden paarweise vereint wahrgenommen.

Mathematisch betrachtet, können sich sechs solcher Vereinigungen (sechs

Kombinationen zu zwei) bilden. Doch sind zwei als sich widersprechend

unmöglich, nämlich die Vereinigung warm und kalt und die Vereinigung

feucht und trocken. Es bleiben folglich nur vier Gegensätze bestehen,

und dementsprechend sind nur vier Elemente möglich. Dem Gegensatz kalt

und trocken entspricht die Erde, kalt und feucht das Wasser, warm und

feucht die Luft, warm und trocken das Feuer. Durch die Mischung dieser

vier Elemente entstehen nun nach *Aristoteles* sämtliche irdischen

Stoffe[315]. Ferner kommt jedem Element sein bestimmter »natürlicher«

Ort zu, gegen den hin es sich bewegt.

Die Materie setzt *Aristoteles* als gegeben voraus. Sie kann nicht

etwa aus dem Nichts entstehen, auch sich nicht vermehren oder

sich vermindern[316]. Sie ist vielmehr nur der Veränderung fähig.

Veränderungen werden dadurch hervorgerufen, daß Ungleichartiges

oder Gegensätzliches aufeinander wirkt. Dies setzt Berührung voraus.

Letztere braucht nicht immer eine unmittelbare zu sein. Es kann

vielmehr auch eine Vermittlung durch eine Zwischensubstanz stattfinden,

von der jeder Teil den zunächst liegenden in Bewegung setzt. In

letzter Linie beruht jede Veränderung, einerlei ob sie qualitativ oder

quantitativ ist, auf Bewegungen. Ist ein Körper einmal in Bewegung,

so ist kein Grund denkbar, daß er stillstehen sollte, wenn er keinen

Widerstand findet. Indes auch das Ruhende widerstrebt und verharrt an

seinem Orte[317].

In all diesen Sätzen begegnen uns schon Keime und Vorahnungen, die

sich später ganz oder teilweise bewahrheiten sollten. Der Andeutung

des Gesetzes von der Erhaltung der Materie trat auch schon eine

Vorahnung des Energiegesetzes zur Seite. Sie begegnet uns in dem

Ausspruch, daß die in der Natur vorhandene Bewegung weder entstehen

noch vergehen könne[318]. Man darf indessen nicht außer Acht lassen,

daß *Aristoteles* mitunter rein zufällig das Richtige trifft. So, wenn

er sagt, die Luft bestehe aus zwei Bestandteilen. In der Nähe des

Erdbodens herrsche nämlich ein feuchter und kühler, in der Höhe dagegen

ein trockner und warmer vor.

Für das Entstehen gibt es nach *Aristoteles* drei Ursachen, den

Stoff, als das dem Werden zugrunde Liegende, die Form als Zweck und

die Bewegung als Veranlassung. Die den Stoff gestaltende Form ist

nach *Aristoteles* für die Lebewesen mit dem, was wir Seele nennen,

einerlei. Die Artunterschiede der Seele sollen die Stufenreihe der

Lebewesen bestimmen. Die niedrigste Seelenstufe ist die vegetative.

Sie beschränkt sich auf die Nahrungsaufnahme und die Fortpflanzung und

ist in den Pflanzen wirksam. Die Tierseele ist außerdem der Empfindung

fähig, zu welcher bei dem Menschen noch die Vernunft hinzutritt. Der

Mensch selbst erscheint dem *Aristoteles* als Zweck und Mittelpunkt

der ganzen Schöpfung. In ihm gelangt das göttliche Empfinden zum

Bewußtsein[319]. Die Seele ist indessen für *Aristoteles* nichts für

sich Bestehendes. Sondern sie ist an den Stoff gebunden, ohne selbst

körperlich zu sein. Sie ist es, welche aus dem Stoff den Leib aufbaut

und bewirkt, daß letzterer zweckmäßig eingerichtet ist.

Die Lehre von den vier Elementen genügte schon den Hippokratikern und

auch *Platon*, um daraus die Entstehung der Krankheiten abzuleiten. Da

der Körper aus Erde, Feuer, Luft und Wasser zusammengesetzt sei, so

müsse ein Zuviel oder Zuwenig von einem dieser Grundstoffe, sowie eine

Veränderung ihres Sitzes Aufruhr, d. h. Krankheit, zur Folge haben.

Auch *Aristoteles* führt einige Krankheiten auf ein Übermaß an

Feuchtigkeit, andere auf ein Zuviel an Wärme zurück. In den Lungen

häufen sich nach ihm mit zunehmendem Alter erdige Bestandteile an,

durch die das Feuer endlich erlischt und der Tod eintritt.

Die Elemente sind bei *Aristoteles* nicht etwa Grundstoffe im heutigen

Sinne. Andererseits verwirft er aber auch den Hylozoismus der ionischen

Naturphilosophen (»daß nur Eines, z. B. Luft, das Sämtliche sei, ist

nicht möglich«)[320]. *Aristoteles* ist der Ansicht, daß es »eine

Substanz der sinnlich wahrnehmbaren Körper gibt, die aber immer mit

einer Gegensätzlichkeit verbunden ist, aus welcher die sogenannten

Elemente entstehen«[321].

Die Begründung der Zoologie.

Während die Mathematik und die Astronomie schon vor dem Auftreten des

*Aristoteles* die ersten Stufen ihrer Entwicklung zurückgelegt hatten

und in zielbewußter Weise die Lösung bestimmter Aufgaben anstrebten,

war das Gleiche bezüglich der beschreibenden Naturwissenschaften noch

nicht der Fall. Zwar waren die Grundlagen auch auf diesem Gebiete wie

auf demjenigen der Astronomie in der sich unmittelbar aufdrängenden

Beobachtung gegeben. Dem *Aristoteles* und seiner Schule blieb indes

die erste denkende Erfassung und die systematische Gestaltung der

noch wenig zusammenhängenden naturgeschichtlichen Einzelkenntnisse

vorbehalten.

Das wichtigste zoologische Werk des *Aristoteles* ist seine

Tierkunde[322]. Es ist ein grundlegendes Werk und das bedeutendste

zoologische Buch des Altertums. Es enthält nicht nur Beschreibungen

der Tiere, sondern es geht auch auf den Bau und die Verrichtungen der

Organe, sowie auf die Entwicklung und die Lebensweise ein. Eine kurze

Betrachtung möge uns eine Probe von dem Wissen des *Aristoteles* und

der Art, wie er seinen Gegenstand behandelt, bieten. Begonnen wird

mit der Beschreibung des menschlichen Körpers. Zur Erforschung der

inneren Organe mußte jedoch das Tier dienen, da man sich noch nicht an

die Zergliederung menschlicher Leichen heranwagte. Die anatomischen

Kenntnisse des *Aristoteles* sind infolgedessen noch gering.

Das Herz, von dem er sagt, es enthalte von allen Eingeweiden allein

Blut, ist ihm auch allein das Organ, in dem das Blut bereitet

wird[323]. Vom Herzen aus läßt er diese Flüssigkeit sich durch den

ganzen Körper verbreiten, ohne jedoch damit die Vorstellung von einem

Kreislauf zu verbinden[324]. Das Blut ist ihm ferner der Träger der

dem Menschen eingepflanzten Wärme. Die Aufgabe der Atmung soll darin

bestehen, diese Wärme auf das richtige Maß herabzumindern. Man darf

sich nicht wundern, daß die Anschauungen des *Aristoteles* noch so

weit von den heute als richtig erkannten und jedermann geläufigen

abweichen. Denn gerade die Erforschung der Vorgänge, die sich in

den Lebewesen abspielen, hat den späteren Jahrhunderten die größten

Schwierigkeiten gemacht, so daß wir selbst zurzeit noch kaum zu einem

befriedigenden Einblick in den Zusammenhang dieser Vorgänge gelangt

sind. Die Aufdeckung eines solchen Zusammenhanges ist nämlich vor allem

von den Fortschritten der Chemie und der Physik abhängig gewesen,

Wissenschaften, die zur Zeit des *Aristoteles* erst im Keime vorhanden

waren. So konnte, um hier nur eins zu erwähnen, der Vorgang der Atmung

und der Entstehung tierischer Wärme erst richtig gedeutet werden,

nachdem man die Zusammensetzung und die Rolle der atmosphärischen

Luft erkannt hatte. Und dies geschah erst gegen das Ende des 18.

Jahrhunderts, an der Schwelle des letzten Abschnittes der Geschichte

der Naturwissenschaften. Es ist Verdienst genug, daß *Aristoteles*

die Fragen nach den Verrichtungen, sowie nach der Entwicklung der

organischen Wesen[325] gestellt und dadurch späteren Geschlechtern den

Anlaß geboten hat, die Erforschung dieser Dinge weiter zu betreiben.

So ist die Entwicklung des Hühnchens im Ei ein Problem, das schon

*Aristoteles* beschäftigte. Die eingehendere Untersuchung wurde indes

erst 2000 Jahre später wieder aufgenommen und erst in neuester Zeit,

auf Grund der Vervollkommnung aller Hilfsmittel, zu einem gewissen

Abschluß geführt.

Mit Recht mag es dagegen Verwunderung erregen, daß *Aristoteles*

nicht nur die niederen, sondern selbst höher entwickelte Tiere durch

Urzeugung entstehen ließ. Es begegnet uns auch hier wieder ein Problem,

das wir durch den Verlauf der Jahrhunderte in seinen Wandlungen

verfolgen werden, bis es endlich im neuesten Zeitalter seine Lösung

gefunden hat. Zwar ist es begreiflich, wenn *Aristoteles* Läuse aus

Fleisch und Wanzen aus tierischen Feuchtigkeiten herleitet. Man höre

aber, welch sonderbare Vorstellungen er sich über die Entstehung der

Aale gebildet hat: »Sie legen«, sagt er[326], »keine Eier. Und man hat

noch nie in ihnen einen der Fortpflanzung dienenden Teil entdecken

können. Es gibt sumpfige Teiche, in denen sie wieder entstehen, wenn

auch das Wasser und der Schlamm herausgeschafft sind, sobald diese

Teiche wieder durch den Regen gefüllt werden. Die Aale gehen nämlich

aus Regenwürmern hervor, die sich von selbst aus dem Schlamme bilden.«

Zur Entschuldigung mag es demgegenüber dienen, daß die Fortpflanzung

der Aale bis in die neueste Zeit hinein ein dunkles Gebiet der Zoologie

gewesen ist.

Keineswegs nahm aber *Aristoteles* die Urzeugung für die niederen

Tiere als den einzigen Weg der Entstehung an. So sagt er von den

Insekten ausdrücklich, sie zeugten, entständen aber auch spontan.

Die Urzeugung war ihm und späteren Zoologen ein Glaubenssatz, um aus

der Verlegenheit, in die man häufig durch Unkenntnis der obwaltenden

Verhältnisse geraten war, herauszukommen. Über den Vorgang der

Entwicklung selbst läßt *Aristoteles* sich in seiner Schrift über die

Zeugung und Entwicklung der Tiere mit folgenden zutreffenden Worten

aus: »Entweder entstehen alle Teile des Tieres auf einmal; oder sie

entstehen nacheinander wie die Maschen eines Netzes. Daß letzteres

geschieht, ist deutlich. Denn man sieht, daß manche Teile schon

vorhanden sind, andere aber noch nicht. Es ist unzweifelhaft, daß man

sie nicht nur etwa ihrer Kleinheit wegen nicht sieht. Obgleich die

Lunge nämlich einen größeren Umfang hat als das Herz, so zeigt sie sich

doch später als dieses[327]«.

Bezüglich der anatomischen Kenntnisse des *Aristoteles* sei

hervorgehoben, daß er die schneckenförmige Gestalt des inneren Ohres

und die Verbindung zwischen dem Gehörorgan und der Mundhöhle kannte.

Vom Innern des Auges, sagt er, es bestehe aus einer Flüssigkeit, welche

das Sehen vermittle. Um diese sei eine schwarze und außerhalb der

letzteren eine weiße Haut vorhanden. Beim Gehirn unterscheidet er die

stärkere, dem Schädel anliegende Haut von der schwächeren, welche das

Gehirn unmittelbar umschließt[328].

Auch die Drüsen der Verdauungsorgane hat *Aristoteles* im ganzen

richtig beschrieben und sie sogar bei einigen Wirbellosen gekannt.

Ferner hat er seine Schriften durch Zeichnungen erläutert und soll

hierin vorbildlich gewesen sein. Andererseits wußte *Aristoteles*

Nerven und Sehnen noch nicht scharf genug zu unterscheiden. Die

Bedeutung der Muskeln war ihm noch nicht bekannt. Er führte vielmehr

die Bewegungen der Glieder auf die Tätigkeit der Sehnen zurück und

betrachtete das Fleisch als das Organ für die Empfindung.

Es sind etwa 500 Tierformen, die *Aristoteles* in den auf uns

gelangten Schriften erwähnt; doch lassen sich diese Formen nicht

sämtlich identifizieren. So werden zwar mehrere Arten von Vierhändern

unterschieden, mit den menschenähnlichen Affen war man zur Zeit des

*Aristoteles* jedoch noch nicht bekannt[329]. Auch wußte man sehr wenig

von den niederen Tieren. Doch bewältigt und beherrscht *Aristoteles*

die ihm bekannten Formen, -- und das ist sein wesentlichstes Verdienst

--, indem er sie in ein der Natur entsprechendes, wissenschaftliches

System gliedert, das erst durch *Cuvier* im Beginn des 19. Jahrhunderts

eine wesentliche Verbesserung gefunden hat. Es erscheint deshalb

gerechtfertigt, auf diesen ersten und auch gleich so wohlgelungenen

Versuch eines natürlichen Systems der Tiere etwas näher einzugehen.

Zunächst teilte *Aristoteles* das gesamte Tierreich in Bluttiere und

Blutlose. Ging er auch hierbei von der unrichtigen Annahme aus, daß

die rote Farbe ein notwendiges Kennzeichen des Blutes sei, so decken

sich doch tatsächlich seine beiden großen Gruppen, wie wir aus ihrer

weiteren Einteilung erkennen, mit unseren heutigen Wirbeltieren und

Wirbellosen. Die Bluttiere zerfallen bei *Aristoteles* in lebendig

gebärende Vierfüßler (Säugetiere), Vögel, eierlegende Vierfüßler

(unsere heutigen Klassen der Reptilien und Amphibien, zu denen er

ganz richtig trotz des Fehlens der Gliedmaßen, wegen ihrer sonstigen

Beschaffenheit, die, Schlangen rechnet) und in die von den Fischen

scharf abgesonderten Waltiere. Für letztere gibt er an, daß sie

durch Lungen atmen und lebendig gebären. »Die lebendig gebärenden

Vierfüßler«, sagt *Aristoteles*, »sind fast alle dicht behaart. Sie

sind ferner entweder vielzehig wie der Löwe, der Hund und der Panther,

oder zweihufig wie Schaf, Ziege und Hirsch. Oder sie besitzen nur einen

Huf wie das Pferd. Den Tieren, welche Hörner tragen, hat die Natur

meist zwei Hufe verliehen. Ein Einhufer mit Hörnern ist uns niemals

zu Gesicht gekommen. Auch im Gebiß weichen die Tiere untereinander

und vom Menschen vielfach ab. Zähne besitzen alle lebendig

gebärenden Vierfüßler. Und zwar haben sie in beiden Kiefern entweder

zusammenhängende Zahnreihen oder unterbrochene. Allen Hörnertragenden

fehlen nämlich die Vorderzähne im Oberkiefer. Doch gibt es auch Arten

mit unvollkommenen Zahnreihen ohne Hörner, wie das Kamel. Manche haben

Hauzähne, z. B. der Eber. Ferner gibt es Tiere mit Reißzähnen, wie der

Löwe, Panther und Hund. Hauzähne und Hörner zugleich besitzt kein Tier.

Auch kommen nicht Reißzähne neben Hauzähnen und Hörnern vor.«

Obgleich *Aristoteles* hier manche Mitteilungen und Verallgemeinerungen

über die Zähne und den Bau der Füße bei den Säugetieren macht, gelangt

er doch nicht etwa zur Aufstellung von Ordnungen oder Unterordnungen im

heutigen Sinne. Bei den Vögeln indessen unterscheidet er die Ordnung

der Raubvögel von den Ordnungen der Schwimm- und der Stelzvögel.

Besonders gekennzeichnet wird die Gruppe der Vögel noch durch folgende

Bemerkungen: »Sie allein unter allen Tieren sind zweibeinig wie der

Mensch, sie haben weder Hände noch Vorderfüße, sondern Flügel. Das

sind Organe, welche dieser Tierklasse eigentümlich sind. Alle haben

mehrspaltige Füße. In der Regel sind die Zehen getrennt. Bei den

Schwimmvögeln aber sind die gegliederten, deutlich gesonderten Zehen

durch Schwimmhäute verbunden. Die Vögel, welche hoch fliegen, haben

sämtlich vier Zehen, von denen meistens drei nach vorn und eine nach

hinten gestellt sind. Einige haben zwei nach vorn und zwei nach hinten

gerichtete Zehen.«

Für seine fünfte und letzte Gruppe, die Fische nämlich, hebt er das

Vorhandensein von Kiemen und Flossen hervor[330]. Auch ist ihm bekannt,

daß nicht nur die Waltiere, sondern auch gewisse Haie lebendige

Junge zur Welt bringen. Ja, er zeigt sich mit Verhältnissen in der

Entwicklung der Haie vertraut, welche erst in neuerer Zeit ihre

Bestätigung gefunden haben. So erzählt er, daß es unter den Haien

eierlegende und lebendig gebärende gäbe, und unter den letzteren auch

solche, bei denen der Fötus mit dem Uterus wie bei den Säugetieren

durch einen Mutterkuchen verbunden sei (s. Abb. 16). Diese Tatsache

wurde erst im 19. Jahrhundert durch *Johannes Müller* an Mustela laevis

wieder entdeckt[331].

Unter den Blutlosen (Wirbellosen) gelten ihm als die entwickeltsten

die Kopffüßler (Tintenfische), mit deren Bau und Lebensweise er sich

eingehend befaßt. »Sie besitzen«, sagt er, »Füße, die sich am Kopf

befinden, einen Mantel, der das Innere umschließt, und Flossen rings

um den Mantel. Es sind acht mit Saugnäpfen versehene Füße vorhanden.

Einige Arten, wie die Sepien, haben außerdem zwei lange Fangarme. Mit

diesen ergreifen sie die Nahrung und führen sie zum Maule. Bei Sturm

befestigen sie diese Arme wie Anker an einem Felsen und lassen sich

so von den Wogen hin und hertreiben. Auf die Füße folgt bei allen der

Kopf, in dessen Mitte sich das mit zwei Zähnen versehene Maul befindet.

Darüber liegen die großen Augen, und zwischen diesen eine knorpelige

Masse, welche das Gehirn einschließt.«

[Illustration: Abb. 16. Der Embryo des glatten Hais des Aristoteles.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, I. Band Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften · 第 23 / 58 题