Inder sind besonders *Aryabhatta* (um 500 n. Chr.) und *Brahmagupta*
(um 600 n. Chr.) zu nennen. Bei der Beurteilung ihrer Leistungen ist
indessen zu berücksichtigen, daß in den Werken der Sanskritliteratur,
die vor *Aryabhatta* entstanden, auch griechische Einflüsse auf
die indische Wissenschaft nachweisbar sind. Hatte es doch lange
den Anschein, als ob manche Lehren älterer Sanskritwerke von den
Griechen stammen[134]. Doch wird neuerdings den Erzeugnissen der
Sanskritliteratur eine größere Selbständigkeit zuerkannt.
Die ältesten Schriften der indischen Literatur sind die *Vedas*. In
ihnen spiegelt sich das religiöse und soziale Leben der Inder wieder;
sie enthalten aber auch die ersten Anfänge der Wissenschaften, die
sich bei diesem merkwürdigen Volke zumeist im engsten Zusammenhange
mit religiösen Gebräuchen und Empfindungen entwickelt haben. In
höchst eigenartiger Weise hat z. B. der Opferdienst die Entwicklung
der indischen Mathematik beeinflußt. Die Gestaltung der Altäre war
nämlich nach der Ansicht der Inder für den Erfolg des Opfers von der
allergrößten Bedeutung. So heißt es in einer Vorschrift: »Wer die
himmlische Welt zu erlangen wünscht, schichte den Altar in Gestalt
eines Falken.« Diese Aufgabe setzt aber eine bedeutende Kenntnis der
Flächengeometrie voraus, da sämtliche Steine einer Schicht polyedrisch
gestaltet und lückenlos aneinander gefügt die Figur des Falken ergeben
mußten. Erhöht wurde die Schwierigkeit dadurch, daß die zweite Schicht,
die gleich der ersten etwa zweihundert Steine enthielt, eine andere
Anordnung aufweisen und dennoch als Ganzes die erste Schicht decken
mußte. Dabei war jedes Formverhältnis von entscheidender Wichtigkeit,
da es nach der Auffassung der Inder Segen oder Unheil bringen
konnte[135].
[Illustration: Abb. 9. Geometrische Konstruktionen der Inder.]
Die Schrift über die Altäre ist nach der Ansicht des Herausgebers
(*Bürk*, s. unten) im 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht
früher, verfaßt worden. Durch ihre, beim Bau der Altäre geübte Technik
sind die Inder wahrscheinlich auch mit dem Satze vom Quadrat der
Hypothenuse schon vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. bekannt geworden.
Damit ist jedoch nicht etwa gesagt, daß sie den allgemeinen Beweis
des pythagoreischen Lehrsatzes gefunden hätten. Wir dürfen nämlich
nicht vergessen, daß auch die unmittelbare geometrische Anschauung
sehr oft die Quelle neuer Wahrheiten gewesen ist. So finden wir,
daß bei gewissen indischen Altären vier Quadrate (Abb. 9) sich zu
einem größeren Quadrat ergänzen. Die vier Diagonalen der kleineren
Quadrate ergeben ein neues, über der Hypothenuse AC des gleichseitigen
rechtwinkligen Dreiecks ABC errichtetes Quadrat. Hier beweist die
unmittelbare Anschauung die Gültigkeit des pythagoreischen Lehrsatzes
für diesen besonderen Fall. In der von *Bürk* veröffentlichten
indischen Quelle[136] heißt es demnach in weiterer Verallgemeinerung:
»Die Diagonale eines Rechtecks bringt beides hervor, was die längere
und die kürzere Seite des Rechtecks jede für sich hervorbringen[137].«
Die früher wohl geltende Meinung, daß die indische Geometrie in der
Hauptsache griechischen Ursprungs sei, kann also heute, nach der
Veröffentlichung wichtiger indischer Quellen[138], nicht mehr aufrecht
erhalten werden[139].
Unter den rechtwinkligen rationalen Dreiecken waren den Indern im 8.
vorchristlichen Jahrhundert z. B. diejenigen bekannt, deren Seiten sich
verhalten wie:
3 : 4 : 5
5 : 12 : 13
8 : 15 : 17.
Um einen rechten Winkel abzustecken, bediente man sich, wie in Ägypten
und später in Griechenland, des Verfahrens des Seilspannens. Die
Seitenlängen, welche die Inder dabei benutzten, verhielten sich in
der Regel wie 15 : 36 : 39[140], entsprachen also gleichfalls dem
pythagoreischen Lehrsatz. Trotz alledem bleibt es wahrscheinlich,
daß erst die Griechen von den zahlreichen, bekannt gewordenen
Einzelfällen zu dem allgemeinen, früher dem Pythagoras zugeschriebenen,
geometrischen Satz gelangt sind.
Auch für eine annähernde Quadratur des Kreises findet sich[141] bei den
alten Indern eine Regel. Handelt es sich darum, einen dem Quadrate ABCD
flächengleichen Kreis zu finden, so wird ME = AM und zwar senkrecht zu
AB gezogen (Abb. 10). Zu MG wird NG = (1/3)GE hinzugefügt. Mit der so
erhaltenen Strecke MN als Radius wird dann der Kreis um M geschlagen.
In der indischen Vorschrift heißt es: »Soviel wie (an den Ecken)
verloren geht, kommt (die Segmente) hinzu.«
Von jeher haben die Inder als ein besonders für die Arithmetik
beanlagtes Volk gegolten. Ist es doch ihr Verdienst, das
Positionssystem und seine irrtümlich als arabisch bezeichneten Ziffern
erfunden zu haben. Wie uns die Tafeln von *Senkereh*[142] beweisen,
besaßen die Babylonier ein Positionssystem, das sexagesimal war, aber
die Null entbehrte. Die späteren Inder entwickelten durch Einführung
der Null und der dekadischen Einheiten die heutige Positionsarithmetik,
die dann dem Abendlande durch die Araber übermittelt wurde.
[Illustration: Abb. 10. Die Quadratur des Kreises bei den Indern.]
Je mehr die archäologischen Forschungen uns mit dem Wissen des alten
Orients bekannt machen, um so mehr befestigt sich die Überzeugung,
daß in einer drei- bis viertausend Jahre zurückliegenden Zeit die
Babylonier, die Inder und die Ägypter einen gemeinsamen Besitz an
Kenntnissen besaßen. Ohne Zweifel sind jene ersten Kulturvölker
unabhängig voneinander in den Besitz mancher Wahrheit gelangt. Doch hat
gewiß auch ein viel regerer Austausch der Kenntnisse stattgefunden als
man bisher angenommen hat[143].
Für die engen Beziehungen, die zwischen Babylon und Ägypten bestanden,
fehlt es nicht an Beweisen[144]. Als ein Zeichen, daß der babylonische
Einfluß auch nach Indien, ja selbst bis China reichte, kann die
Tatsache betrachtet werden, daß die indischen und die chinesischen
Quellen die Dauer des längsten Tages auf 14^h 24' angeben, ein Wert,
der für Babylon bis auf eine Minute zutrifft[145].
Während die wechselseitige Beeinflussung des ältesten ägyptischen,
babylonischen und indischen Wissens mehr vermutet als im einzelnen
nachgewiesen werden kann, sind die Beziehungen einerseits zwischen
indischer, andererseits zwischen griechischer und arabischer
Wissenschaft deutlich zu erkennen. Insbesondere hat zwischen Indern,
Griechen und Arabern ein Austausch mathematischer und astronomischer
Kenntnisse stattgefunden. Da wir auf die Inder in späteren Abschnitten
nicht mehr zurückkommen werden, so soll an dieser Stelle noch einiges
über die Entwicklung, die besonders die Rechenkunst bei den für die
Arithmetik so gut beanlagten Indern genommen hat, ins Auge gefaßt
werden.
Unbestritten ist das Verdienst der Inder, die neuen Zahlzeichen
und die Null geschaffen und das Ziffernrechnen unter Anwendung des
Stellenwertes zu hoher Ausbildung gebracht zu haben. Das Rechnen mit
der Null ist schon zur Zeit des *Brahmagupta* in Gebrauch gewesen.
Auch die Schreibweise für die Brüche und die Bruchrechnung weichen von
den heute geltenden Regeln kaum ab. Zwar fehlte der Bruchstrich, doch
wurde der Zähler schon über den Nenner gestellt. Bei gemischten Brüchen
kamen die Ganzen in eine dritte, noch höhere Stufe; 2-3/4 schrieb man
z. B. 2/3/4. Das Multiplizieren der Brüche lehrt *Brahmagupta* mit
folgenden Worten: »Das Produkt aus den Zählern teile durch das Produkt
aus den Nennern.« Bei den indischen Mathematikern finden sich ferner
Regeldetriaufgaben mit direktem, indirektem und zusammengesetztem
Ansatz. Letztere werden in mehrere einfache Regeldetriaufgaben zerlegt.
Es sind sogar besondere Kunstausdrücke für die Regeldetri-Rechnung in
Gebrauch[146].
Wie die Inder durch Einführung der Null und des Positionssystems den
größten Fortschritt für die Arithmetik schufen, so erwarben sie sich
für die Algebra kein geringeres Verdienst durch die Einführung der
Begriffe positiv und negativ. Sogar die Erläuterung dieser Begriffe
durch die Worte Schulden und Vermögen, ja ihre Erklärung durch
Vorwärts- und Rückwärtsschreiten auf einer gegebenen Strecke war
ihnen schon geläufig. Wollte man eine Zahl als negativ bezeichnen, so
wurde ein Punkt darüber gesetzt. Selbst bei den Gleichungen wurden
negative Lösungen, welche *Diophant* (350 n. Chr.) noch für unstatthaft
erklärte, zugelassen.
Was die arithmetischen und die geometrischen Reihen, die Quadrat-
und die Kubikzahlen anbelangt, so konnten die Griechen in dieser
Hinsicht von den Indern wenig lernen. Letzteres Volk schuf jedoch die
Kombinationslehre und die Anfangsgründe der Algebra. Ferner gelangte
man in Indien dadurch über die Lehre von den Potenzen einen Schritt
hinaus, daß man für die irrationale Quadratwurzel eine Bezeichnung
einführte. An das Erheben in die 2. und die 3. Potenz schlossen die
Inder als Umkehrungen dieser Operationen das Ausziehen der Quadrat-
und der Kubikwurzel. Hierbei bedienten sie sich schon der binomischen
Formeln für (a + b)^2 und (a + b)^3. Ja, ihre Art, die Wurzeln zu
finden, stimmte soweit mit dem heutigen Verfahren überein, daß bei
ihnen selbst das Abteilen der zu radizierenden Zahl zu je zwei oder
drei Stellen nicht fehlte.
Auf dem Gebiete der Algebra entwickelten die Inder vor allem die
Lehre von den Gleichungen verschiedenen Grades. Für die unbekannte
Größe wird ein Zeichen gebraucht. Als ein Beispiel zugleich für die
poetische Form, in welche die Inder solche Aufgaben einkleideten, diene
folgendes: Von einem Schwarm Bienen läßt 1/4 sich auf einer Blume
nieder, 2/3 fliegt zu einer anderen Blume, eine Biene bleibt übrig,
indem sie gleichsam durch den lieblichen Duft beider Blumen angezogen
in der Luft schwebt. Sage mir, reizendes Weib, die Anzahl der Bienen.
Noch bedeutender waren die Leistungen der Inder in der Theorie der
Zahlen, doch würde ein näheres Eingehen auf diese Seite der Mathematik
zu weit von dem Zwecke dieses Buches entfernen, das die Mathematik
nur insoweit berücksichtigen will, als sie für die Entwicklung der
Naturwissenschaften von Bedeutung gewesen ist. Für die Auflösung von
kubischen Gleichungen findet sich bei den Indern wie bei *Diophant* nur
ein vereinzeltes Beispiel.
Nicht uninteressant ist ein kurzer Überblick über den Umfang der
indischen Arithmetik. Sie umfaßte zwanzig Operationen und acht
Bestimmungen, die jedem Meister der Rechenkunst geläufig sein
mußten[147]. Zu den 4 Grundrechnungsarten, dem Potenzieren und dem
Wurzelziehen traten 6 Operationen mit Brüchen und 5 als einfache und
zusammengesetzte Regeldetri; ferner gab es eine Regel über den Tausch.
Die Bestimmungen betrafen Mischungen, Flächen- und Körperinhalte,
Zinsberechnung, Schattenrechnung usw. Nach *Burkhardt* (Wie man vor
Zeiten rechnete, Zeitschr. f. d. math. u. naturw. Unterr. 1905. 1.
Heft) läßt sich annehmen, daß seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. in Indien
im wesentlichen ebenso gerechnet wurde, wie heute bei uns. Auch steht
fest, daß die Araber ihre Ziffern und ihre Rechenmethode von den Indern
erhalten haben.
Was man in den Sanskritwerken an geometrischen Lehren angetroffen
hat, ist weniger bedeutend und nach *Cantor* wohl zum Teil
auf alexandrinischen Ursprung, insbesondere auf *Heron*
zurückzuführen[148]. Davon, daß die Inder mit den Kegelschnitten
bekannt gewesen, findet sich nirgends eine Andeutung. Dieser Teil
der Geometrie ist ausschließlich griechischen Ursprungs. Dagegen
blieb es den Indern als dem vorwiegend für die Arithmetik veranlagten
Volke vorbehalten, die ersten allgemeinen Sätze der Kombinationslehre
zu finden, eine Errungenschaft, zu der die Griechen, soweit unsere
Kenntnis reicht, nicht durchgedrungen sind.
Einen wesentlichen Fortschritt erfuhr die Trigonometrie bei den Indern,
indem sie für die Sehne des Winkels deren Hälfte und somit den Sinus
einführten. Es war dies ein Fortschritt, den erst die Araber in seiner
vollen Bedeutung erkannten und zur Geltung brachten.
Die erste indische Sinustabelle begegnet uns um 500 n. Chr.[149].
Der Kreis hat dort wie bei den Babyloniern und den Alexandrinern 360
gleiche Teile. Jeder Teil zerfällt in 60 kleinere Abschnitte (unsere
Minuten), von denen der ganze Kreis also 60 · 360 = 21600 enthält. Der
Radius wird durch diese kleinsten Teile des Kreises gemessen. Nach
einem von den Indern für das Verhältnis der Peripherie zum Durchmesser
angenommenen Werte ergab sich für den Radius die Zahl 3448. Da der
Sinus, als halbe Sehne des doppelten Winkels betrachtet, für 90° gleich
dem Radius wird, so erscheint für 90° in der Tabelle jener Wert 3448.
Für sin 60° wird 2978, für sin 30° wird 1719 angegeben.
In bezug auf die Naturwissenschaften besaßen die Inder zwar zahlreiche
Einzelkenntnisse. Zur Aufstellung naturwissenschaftlicher Lehrgebäude
gelangten sie indessen ebensowenig wie die Babylonier oder die Ägypter.
Diese Tat blieb vielmehr den Griechen vorbehalten. In physikalischer
Hinsicht ist erwähnenswert, daß die Kenntnis des Brennglases und der
Brennspiegel bei den Indern sehr weit zurückreicht. So erwähnt eins
ihrer ältesten Bücher[150], daß getrockneter Mist sich entzünde, wenn
man die Sonnenstrahlen mittelst eines Steines oder Glases oder auch
eines Metallgefäßes darauf werfe[151]. Übrigens kannten die Griechen
im Zeitalter des *Aristoteles* gleichfalls schon die Feuererzeugung
mit Hilfe eines durchsichtigen Steines[152]. Auf Grund einiger
Sanskritstellen hat man den alten Indern die Kenntnis des Schießpulvers
zugeschrieben. So wird ein König aus dem dritten vorchristlichen
Jahrhundert genannt, der »Feuerwerke« angeordnet habe. Daraus aber auf
eine so frühzeitige Kenntnis der Inder zu schließen, erscheint doch
recht gewagt[153].
Daß die so überaus üppige Natur eines Landes wie Indien ein
frühzeitiges Emporblühen der Pflanzenkunde und einer auf ihr beruhenden
Heilkunde hervorrief, ist leicht erklärlich. In der Sanskritliteratur
fehlt es daher nicht an Werken, die eine große Menge von Heilmitteln,
Nahrungsmitteln und Giften anführen. Es ist jedoch nur selten möglich,
die Art, um die es sich handelt, zu bestimmen. Am häufigsten wird
Nelumbium speciosum, eine prächtige Seerose, erwähnt. Neben den
Pflanzen wurden aber auch Metalle und Chemikalien von den alten
Indern zu Heilzwecken verwendet. Am ausführlichsten berichtet über
den Stand ihrer naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisse
die Ayur-Veda *Susrutas*. Das Werk umfaßt sechs Bücher, die sich
im wesentlichen mit der Lehre von den Heilmitteln, der Anatomie,
der Pathologie und der Therapie beschäftigen. Das Knochensystem des
Menschen enthält nach *Susrutas* Aufzählung 300 Knochen. In der Schule
des *Susruta* wurden schon Leichen zergliedert und in fließendem Wasser
präpariert.
Daraus erklärt sich die erstaunliche Höhe der anatomischen Kenntnisse,
welche die Inder schon im 6. Jahrhundert v. Chr. besaßen[154].
*Susruta* war auch schon mit dem diabetischen Zucker bekannt, während
die Beobachtung, daß der diabetische Harn auffallend süß ist, in Europa
erst im 17. Jahrhundert gemacht wurde[155].
Unter den Heilmitteln[156] erwähnt *Susruta* Quecksilber, Silber,
Arsen, Antimon, Blei, Eisen und Kupfer. Auch Alaun und Salmiak fanden
sich im Arzneischatz der alten Inder. Wann die Ayur-Veda entstand,
ist nicht sicher bekannt. Einige legen die Zeit ihrer Entstehung
weit vor Christi Geburt. *Susrutas* Werk erwähnt nicht weniger als
760 Heilmittel, die zum weitaus größten Teile aus dem Pflanzenreiche
stammen[157].
Wie die alten Babylonier, so operierten auch die Inder den Star.
Nachrichten darüber reichen etwa bis zum Beginn unserer Zeitrechnung
zurück. Die Operation wurde mit zwei Instrumenten ausgeführt. Das eine
diente zum Öffnen des Augapfels; mit dem andern wurde die getrübte
Linse entfernt[158].
Weit isolierter als die indische Kultur, welche doch mit der
griechischen und mit der arabischen Welt in mannigfache Berührung kam,
blieb die chinesische. Nicht nur, daß China durch riesige Gebirge
und weite, öde Länderstrecken von den Völkern Vorderasiens und der
Mittelmeerländer getrennt war, es fehlte auch die Rassengemeinschaft,
welche die Arier Indiens mit den Persern und den westlichen
Indogermanen verband. Dennoch hat schon im Altertum der Handel eine
Verbindung zwischen dem äußersten Osten Asiens und dem Mittelmeer
geknüpft. Diese Verbindung erfolgte durch den Seeverkehr über den
Indischen Ozean. China lieferte dem Westen besonders Seide und empfing
dafür Edelmetall, Glasgegenstände und Bernstein. Durch die immer
weitere Ausdehnung ihrer Eroberungszüge kamen das römische und das
chinesische Reich am Kaspischen Meere einander nahe. Sogar der Einfluß
der in Vorderasien entstandenen Nestorianersekte hat sich bis nach
China ausgedehnt. Ein in Singanfu errichtetes Denkmal mit chinesischer
und syrischer Inschrift gibt uns davon Kunde[159]. Trotzdem hat keine
andere Kultur der alten Welt so wenig Einflüsse von außen erfahren
und so wenig wiederum nach außen gewirkt wie diejenige Chinas, so daß
dieses Land für die Entwicklung, welche die Wissenschaften genommen
haben, kaum in Betracht kommt. Zwar hat sich das Interesse seiner
Bewohner frühzeitig mathematischen und astronomischen Dingen zugewandt,
ein wenn auch unvollkommenes Verfahren des Buchdrucks wurde erfunden,
und eine Literatur entstand, die der arabischen an Umfang wohl gleich
kam. Die gewerblichen Erzeugnisse übertrafen oft diejenigen der
westlichen Völker. Dennoch war der Einfluß nach außen sehr gering.
Selbst eine so wichtige Erfindung wie diejenige des Kompasses, die
in China erfolgte, blieb den Mittelmeervölkern über ein Jahrtausend
unbekannt.
Für das hohe Alter der Astronomie bei den Chinesen spricht die
frühzeitige Erwähnung von Kometen- und Planetenkonjunktionen in ihrer
Literatur. Als Europa mit der Literatur der Inder näher bekannt
wurde, erstaunte man über das hohe Alter der astronomischen Tafeln
dieses Volkes. Das gleiche gilt von den Chinesen, deren astronomische
Literatur zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch Jesuiten, die in
China Aufnahme gefunden hatten, bekannt wurde. Es zeigte sich, daß
die Astronomie dort schon um 1000 v. Chr. eine nicht geringe Höhe
erreicht hatte. Indessen ist ihre weitere Entwicklung nur sehr langsam
gewesen[160]. So geht z. B. ein Kometenverzeichnis bis auf das Jahr
2296 v. Chr. zurück[161]. Ferner erwähnt einer der Jesuiten, welche
die Chinesen mit der europäischen Astronomie bekannt machten[162],
eine von den Chinesen aufgezeichnete Planetenkonjunktion vom Jahre
2461 v. Chr.[163]. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß es sich dabei
nicht um eine wirkliche Beobachtung, sondern nur um eine rückwärts
berechnete astronomische Erscheinung gehandelt hat. Mit dem Gnomon
waren die Chinesen schon um 1100 v. Chr. bekannt. Sie ermittelten
daran die Schiefe der Ekliptik, bestimmten die Dauer des Jahres zu
365-1/4 Tagen[164] und kannten schon die regelmäßige Wiederkehr der
Finsternisse. Es kam vor, daß man Astronomen mit dem Tode bestrafte,
wenn sie eine Finsternis nicht richtig vorhergesagt hatten. Ein Fall
dieser Art soll sich schon um 2000 v. Chr. zugetragen haben[165].
Daß Ostasien auch während des Mittelalters mit der übrigen Kulturwelt
Beziehungen unterhielt, beweist uns das Auftauchen alchemistischer
Bestrebungen in China um 800 n. Chr. Die chinesischen Quellen
lassen erkennen, daß auch die theoretischen Vorstellungen, denen
die Alchemisten im Reiche der Mitte huldigten, von den Arabern
stammen[166].
2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis zum
Zeitalter des Aristoteles.
Manche von den in Vorderasien und Unterägypten entstandenen Grundlagen
der Wissenschaften wurden nebst anderen Kulturelementen von den
Phöniziern aufgenommen, welche sie, als das wichtigste Handelsvolk der
alten Welt, den übrigen Anwohnern des Mittelmeeres überbrachten. Bei
den Griechen, die mit der am Nil und am Euphrat entstandenen Kultur
später auch in unmittelbare Fühlung kamen, fielen diese aus dem Orient
stammenden Ansätze auf den fruchtbarsten Boden. Sie wurden nicht etwa
nur aufgenommen, sondern als das Fundament für geradezu bewundernswerte
Neuschöpfungen verwendet. Die Phönizier verbreiteten als das wichtigste
Mittel für jede weitere Entfaltung wissenschaftlicher Tätigkeit
auch die Buchstabenschrift[167], die sich aus den, Silben und ganze
Wörter bezeichnenden Hieroglyphen entwickelt hatte. Erst nachdem dies
geschehen, vermochte man mit klarem Bewußtsein das Abstrakte von den
Dingen zu trennen und auf solche Weise zur Ausbildung systematisch
geordneter Wissenschaften vorzudringen[168].
Eine wichtige Rolle spielten in dieser Übermittlung der orientalischen
Kulturelemente auch die Bewohner Kretas und Vorderasiens. Auf die
letzteren hat Babylonien Jahrtausende eine tiefe Wirkung ausgeübt. In
religiöser Hinsicht hat dieser Einfluß besonders stark auf das Judentum
und damit weiterhin auf die Entwicklung des Christentums gewirkt.
Das Neue an der phönizischen Schrift bestand darin, daß sie für jeden
Konsonanten und für jeden Vokal ein besonderes Zeichen besaß. Die
ältesten in dieser Schrift verfaßten Urkunden begegnen uns um das Jahr
950.
Sobald die Griechen aus dem Dunkel der Sage in das Licht der
Geschichte treten, zeigt sich uns bei ihnen das Bestreben, die
Welt der Erscheinungen nicht bloß betrachtend in sich aufzunehmen,
sondern sie auch in ihrem ursächlichen Zusammenhange zu begreifen.
Dies geschah einmal dadurch, daß sie die Anfänge der mathematischen
Erkenntnis auf die Naturvorgänge anwandten. Zum anderen aber auch,
indem sie, weit über alles Maß hinausschreitend, sofort den letzten
Grund des Geschehens zu begreifen trachteten. Und zwar erfolgten diese
ersten Regungen des wissenschaftlichen Denkens nicht im eigentlichen
Hellas, sondern in den ionischen Kolonien. Letztere nahmen zwischen
der asiatischen Welt und dem jungfräulichen Boden Griechenlands eine
vermittelnde Stellung ein. Auch hatten sie schon einige Jahrhunderte
vor dem Beginn der Philosophie und der Naturwissenschaften ihre
Blütezeit auf dem Gebiete der Dichtkunst erlebt.
Der Beginn der griechischen Naturwissenschaft.
Als der erste Grieche, der in den beiden soeben gekennzeichneten
Richtungen wirkte, gilt *Thales* von Milet. Obgleich von ihm
herrührende Werke nicht auf uns gekommen sind und er seine Lehren
wahrscheinlich auch nur mündlich überliefert hat, sind uns doch
letztere, sowie seine Entdeckungen und sein Lebensgang durch die
Aufzeichnungen alter Schriftsteller hinlänglich bekannt geworden, um
uns ein ungefähres Bild von *Thales*[169] machen zu können.
*Thales* wurde um 640 v. Chr. geboren, wirkte also zu der Zeit, als
Athen durch *Solon* die Grundlagen seiner Verfassung erhielt. Darin,
daß *Thales* in Ägypten gewesen und dort mit der Priesterkaste, damals
die Hüterin aller mathematischen und astronomischen Kenntnisse, in
Berührung getreten sei, stimmen alle Berichte überein. »*Thales*, der
nach Ägypten ging«, so wird uns erzählt, »brachte zuerst die Geometrie
nach Hellas. Vieles entdeckte er selbst, von vielem aber überlieferte
er die Anfänge seinen Nachfolgern«[170]. An anderer Stelle heißt es
von ihm: »Er beobachtete den Himmel, musterte die Sterne und sagte
öffentlich allen Miletern vorher, daß am Tage Nacht eintreten, die
Sonne sich verbergen und der Mond sich davorlegen werde[171].«
Die älteste Auffassung, die uns bezüglich der Finsternisse begegnet,
ist die, daß der Sonne oder dem Monde durch irgendeine fremde Macht
Gewalt angetan würde. Es erscheint zweifelhaft, ob die Babylonier
schon einen wirklichen Einblick in den Vorgang besaßen. Seine
natürliche Ursache erkannten wohl erst die Griechen. Nach einigen war
es *Anaxagoras*, nach anderen waren es die Pythagoreer, denen die
Astronomie diesen Fortschritt verdankte[172].
Die Vorausbestimmung des *Thales* ist nicht etwa eine solche im
heutigen Sinne. Sie erfolgte nämlich nicht durch Messen und Rechnen,
sondern beruhte ausschließlich auf der Beobachtung derjenigen Periode,
innerhalb deren die Finsternisse regelmäßig wiederkehren. Jene Periode
war den Babyloniern nicht entgangen. Sie befanden sich im Besitz von
Aufzeichnungen, die sich über Jahrhunderte erstreckten und einen
Zeitraum von 6585 Tagen bezüglich der regelmäßigen Wiederkehr der
Finsternisse erkennen ließen. Innerhalb dieses 223 Monate umfassenden
Zeitraums, den die Babylonier Saros nannten[173], kehrt nämlich der
Mond fast genau in dieselbe Stellung zur Erde und zur Sonne zurück.
Allerdings machte man auch die Erfahrung, daß sich der Saros,
insbesondere für die Voraussage der Sonnenfinsternisse, nicht immer
bewährte[174].
Auch bei der Benennung der fünf Planeten hat sich anscheinend der sehr
früh einsetzende (s. S. 30) babylonische Einfluß geltend gemacht. Die
alten griechischen Namen bezeichneten nämlich Eigenschaften (Mars hieß
der Feurige, Jupiter der Leuchtende usw.). Seit dem 4. vorchristlichen
Jahrhundert bedient man sich dagegen folgender Namen:
Stern des Hermes (Merkur),
» der Aphrodite (Venus),
» des Ares (Mars),
» des Zeus (Jupiter),
» des Kronos (Saturn).
Die kurze Bezeichnung Hermes, Aphrodite usw. kam erst später auf. Es
ist anzunehmen, daß hierin die Griechen den Babyloniern gefolgt sind,
die gleichfalls die Planeten ihren Hauptgöttern geweiht hatten. Mit
einigen Elementen des babylonischen Wissens sind nach neuerer Annahme
schon die Pythagoreer bekannt gewesen[175].
Wie unentwickelt im übrigen die astronomischen Vorstellungen der
Griechen zur Zeit des *Thales* noch waren, geht daraus hervor, daß nach
den ihm zugeschriebenen Lehren die Erde eine vom Okeanos umflossene
Scheibe ist, über die sich der Himmel wie eine Kristallglocke
wölbt. Unter solchen Umständen konnte noch nicht einmal von einer
Kreisbewegung der Gestirne die Rede sein. In Übereinstimmung mit dieser
Lehre nahm man zur Zeit des *Thales* an, die Sterne sänken bei ihrem
Untergange in den Ozean und schwömmen in diesem am Rande der Scheibe
entlang zu ihren Aufgangspunkten zurück.
Auf *Thales* werden ferner von den Griechen, die über die Mathematik
geschrieben haben, einige der wichtigsten geometrischen Sätze
zurückgeführt, so der Satz von der Gleichheit der Winkel an der
Grundlinie eines gleichschenkeligen Dreiecks, sowie der Satz, daß ein
Dreieck durch eine Seite und die anliegenden Winkel bestimmt ist. Mit
Hilfe dieses Satzes wurde z. B. die Entfernung der Schiffe vom Lande
ermittelt.
Bezüglich der geometrischen Kenntnisse des *Thales* läßt sich jedoch
nicht mehr entscheiden, wieviel Eigenes und wieviel von den Ägyptern
Entlehntes darunter ist. Eine bekannte Anwendung der Mathematik
ist seine Schattenmessung. Es ist dies ein Verfahren, die Höhe
hervorragender Gegenstände zu bestimmen. *Thales* soll dadurch die
Bewunderung seiner Zeitgenossen erregt haben. Das Verfahren bestand
darin[176], daß er zu der Zeit, wenn Schatten und Höhe der Körper
gleich sind, was er an einem Stock ermittelte, den Schatten des
betreffenden Gegenstandes, z. B. einer Pyramide, maß, womit dann auch
sofort die Höhe des Gegenstandes gefunden war.
Mit dem Gnomon, einem Werkzeug, das zur Bestimmung des Mittags aus
der Schattenlänge diente, sollen die Griechen durch *Anaximander* von
Milet, den bedeutendsten Schüler des *Thales*, bekannt geworden sein.
*Anaximander* (610-546 v. Chr.) hat nach *Strabon* auch die erste Karte
der Welt, soweit damals die Länderkenntnis reichte, entworfen[177].
[Illustration: Abb. 11. Radkarte der Erde.]
Sein Landsmann *Hekataeos* (geb. um 550), der weite Reisen gemacht
hatte, soll die neue Kunst in solchem Maße entwickelt haben, daß er
Erstaunen erregte. *Hekataeos* verfaßte eine Erdbeschreibung, der er
eine Weltkarte beigab. Er gilt als der älteste griechische Geograph
und der Vorgänger *Herodots*. Erhalten ist von den Karten jener Zeit
nichts mehr. Sie glichen wahrscheinlich den Radkarten des früheren
Mittelalters (Abb. 11), d. h. sie waren lediglich rohe Orientierungen
ohne jeden wissenschaftlichen Wert, so daß sie den Spott *Herodots*
herausforderten.
Die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Dingen, zu welcher
*Thales* bei den Ioniern allen Nachrichten zufolge den Anstoß gab
-- nennt ihn doch *Aristoteles* den »Beginner« der philosophischen
Naturforschung[178] -- rief nun auch ein Streben nach einer
ursächlichen Erklärung der gesamten Erscheinungswelt hervor. Eine
auf den letzten Gründen fußende Erklärung ist seitdem das Ziel der
Philosophie gewesen, ohne daß sie, wie es in der Natur der Sache
liegt, jemals zu einer befriedigenden Lösung eines so weit gespannten
Problems gelangt wäre. Was die Frage nach dem Ursprung der griechischen
Philosophie anlangt, so neigt ihr hervorragendster Geschichtsschreiber,
*Zeller*, zu der Ansicht, daß sie selbständig geworden und nicht
orientalischer Herkunft sei[179]. »Wenn es je ein Volk gegeben«, sagt
*Zeller*, »das seine Wissenschaft selbst zu erzeugen imstande war, so
waren es die Griechen«.
Dem ersten Ausdruck für ihre Weltanschauung begegnen wir bei
den Dichtern. Insbesondere war es der im 8. Jahrhundert v. Chr.
lebende *Hesiod*, der in den »Werken und Tagen« die Frage nach der
Weltentstehung aufwarf. Für *Hesiod* war die Weltentstehungslehre
wesentlich Götterlehre. Kosmogonie und Theogonie waren in jenem
Zeitalter noch zu einer in mystisches Gewand gekleideten Einheit
verschmolzen. *Thales* und seinen unmittelbaren Nachfolgern, die
sich über den Begriff des Stoffes kaum zu erheben vermochten,
genügte dann die Annahme, daß alle Dinge auf einen einzigen Urstoff
zurückzuführen seien. Als solcher dünkte dem *Thales* nichts geeigneter
als das Wasser, weil es ihm, nach seinen Eigenschaften zu urteilen,
zwischen der Erde und der Luft zu stehen schien. Eine Stütze fand
diese Lehre in gewissen Beobachtungen. Wurde doch z. B. Ägypten,
woher viele Anschauungen des *Thales* stammten, als ein Erzeugnis
des Niles angesehen. Entwickelten sich nicht ferner aus der feuchten
Erde die Pflanzen? Selbst als man später genauer beobachten lernte,
hat jene Lehre immer wieder Anhänger gefunden. *Van Helmont*, ein
hervorragender Forscher des 17. Jahrhunderts, war noch in ihr befangen.
Erst *Lavoisier* und *Scheele*, die an der Schwelle der neuesten Zeit
stehen, vermochten den Glauben an die Umwandlung des Wassers in Erde,
der stets wieder auf mangelhafte Beobachtungen gestützt wurde, durch
einwandfreie Versuche endgültig zu widerlegen.
Das Streben nach einer Erklärung der Welt in ihrer Beziehung zum
Menschen hat seit der Zeit des *Thales* nicht aufgehört, die
hervorragendsten Geister zu beschäftigen. Hier ist es nur insofern
von Belang, als die Ergebnisse des philosophischen Denkens einen
Einfluß auf die weitere Entwicklung der Naturwissenschaften ausgeübt
haben. Letztere steckten sich alsbald das bescheidenere, aber
erreichbare Ziel, einen Einblick in den gesetzmäßigen Zusammenhang der
Erscheinungen zu gewinnen. In dem Maße, wie man dieses Ziel ins Auge
faßte, hat sich die Beseitigung phantastischer Auswüchse vollzogen,
wie sie in der Alchemie und Astrologie z. B. zum Ausdruck kamen, und
in eben demselben Maße näherte sich die Wissenschaft ihrer jetzigen
Gestalt.
Mit der ionischen Naturphilosophie trat »ein neues Element in das
geistige Leben der Menschheit«. Es begegnen uns zum ersten Male
wissenschaftliche Persönlichkeiten mit eigenen Überzeugungen, die durch
angestrengte Geistesarbeit zu ihren Ergebnissen gelangen. Für die
weitere Entwicklung echter Wissenschaft war ein solches Hervortreten
der Individualität die unerläßliche Voraussetzung[180].
Die rein philosophische Betrachtungsweise besitzt trotz der Nachteile,
die ihr gegenüber der exakten Forschung innewohnen, doch unleugbar
das Verdienst, die empirischen Wissenschaften ununterbrochen angeregt
zu haben. Manche philosophische Ansicht, welche das griechische
Altertum entwickelte, beeinflußte bis in die neuere Zeit hinein
die Naturwissenschaften. So hat sich z. B. das Bestreben, die
Mannigfaltigkeit der Stoffe auf einen einzigen Urstoff zurückzuführen,
bis auf unsere Tage erhalten. Zuerst wurde von den ionischen
Philosophen eine der bekannten Materien, wie die Luft oder das Wasser,
zu einem solchen Urstoff gestempelt. Später faßte *Aristoteles* Luft,
Wasser, Erde und Feuer als die verschiedenen Erscheinungsformen eines
und desselben Urprinzips auf. Infolgedessen hielt man eine Verwandlung
der bekannten Stoffe ineinander für möglich. Und so war es besonders
die aristotelische Philosophie, auf die sich im Mittelalter das
Bemühen, unedle Metalle in edle überzuführen, stützen konnte.
Die Lehre von den Elementen ist ihrem Ursprung nach auf *Empedokles*
aus Agrigent (um 440 v. Chr.) zurückzuführen. Für ihn waren die
Urstoffe ewig, selbständig und nicht auseinander ableitbar. Durch zwei
bewegende Kräfte, die Freundschaft und den Streit, den *Heraklit* den
Vater aller Dinge nannte, wurden die Elemente gemischt und zu Dingen
gestaltet. Die Entmischung sollte in der Weise erfolgen, daß die
Teilchen des einen Stoffes sich unsichtbar von den Teilchen des anderen
ablösen. Auf diesem Wege ließ *Empedokles* auch die Sinnesempfindungen
entstehen[181].
*Empedokles* wußte sich auch über die Naturdinge im besonderen manche
zutreffende oder doch beachtenswerte Meinung zu bilden. So nahm er
anstatt des Zentralfeuers, um das die Pythagoreer die Erde kreisen
ließen, einen feurig-flüssigen Erdkern an, von dem die heißen Quellen
und die Vulkane ihre Wärme erhalten sollten. Das unterirdische Feuer
sollte ferner die Gebirge emporgehoben haben. Aus großen, auf Sizilien
gefundenen Knochen schloß *Empedokles* auf die vorgeschichtliche
Existenz eines Riesengeschlechts. Seine Ansichten entwickelte er in
einem Gedicht »Von der Natur«. Leider sind davon nur wenige Bruchstücke
erhalten. Diese lassen indes erkennen, daß *Empedokles* auch über die
Natur der Pflanze nachgedacht hat. Letztere erklärte er für beseelt.
Als Zeichen der Beseelung deutete er allerdings Erscheinungen, die man
heute mechanisch erklärt, wie das Erzittern, das Ausstrecken der Zweige
und das kräftige Zurückschnellen gebogener Äste. Auch die Behauptung,
daß die Pflanzen zweierlei Geschlecht besäßen, wird auf *Empedokles*
zurückgeführt. Selbst die später oft wiederkehrende Lehre von den
periodischen Weltumbildungen begegnet uns schon bei diesem Philosophen.
Man darf deshalb[182] aus den vorhandenen Bruchstücken altgriechischer
Philosophie schließen, daß eine der wichtigsten Annahmen der neueren
Geologie, die Lehre nämlich, daß unser Erdball eine Reihe von
Umwandlungen erlitten, bei denen Tiere und Pflanzen untergingen, um
sich in anderen Arten wieder zu erneuern, als Ahnung schon im Altertum
vorhanden war[183].
»Der Tatsachen, auf die man sich dabei stützte, waren vielleicht nicht
viele, um so schärfer war aber der Blick, der schon das Richtige
traf«[184].
Erster Versuch einer Erklärung der Natur aus den Prinzipien der
Mechanik.
Hatte man zuerst die Stoffumwandlungen, denen man auf Schritt und
Tritt begegnete, als ein Entstehen und Vergehen aufgefaßt, so waren es
Philosophen, welche lehrten, daß alle Veränderung auf ein Mischen und
Entmischen zurückzuführen sei, und daß dabei der Stoff selbst weder
sich bilde noch vernichtet werde. Dem philosophischen Denken entsprang
ferner die Vorstellung, daß der Stoff aus kleinsten Teilchen bestehe,
durch deren Umlagerung jenes Mischen und Entmischen bedingt sei --
beides Grundsätze, deren sich die Forschung bemächtigte, um sie als
Leitsterne bei ihren, auf die denkende Erfassung der Natur gerichteten
Bemühungen zu verwerten.
Die angedeutete Durchführung der mechanischen Naturerklärung vollzog
sich im Anschluß an die Lehren des *Empedokles* durch die Atomisten
genannten Philosophen *Leukipp* und *Demokrit*. Ihre Anschauungen
lassen sich in folgende Sätze fassen: Das All ist anfangslos und auf
keine Weise von irgend jemandem geschaffen. Überhaupt ist alles seit
ewigen Zeiten in der Notwendigkeit begründet, sowohl was war, als auch
was ist und was sein wird[185]. Das Weltall besteht aus qualitativ
gleichen Teilchen, den Atomen, die ihrer Form nach verschieden sind und
ihre Lage gegeneinander ändern. Damit letzteres möglich ist, muß der
Raum im übrigen leer sein. Die Atome sind ewig und unzerstörbar. Aus
Nichts wird nichts. Nichts kann vernichtet werden. Jede Veränderung
besteht nur in der Verbindung und in der Trennung der Atome. Aus der
Zahl, der Gestalt, dem Zusammentreffen und der Trennung der Atome geht
die Mannigfaltigkeit der Dinge hervor. Die Vorgänge in der Natur hängen
nicht von den Launen übernatürlicher Wesen ab, sondern sind ursächlich
bedingt; nichts geschieht zufällig[186]. Die Bewegung der Atome ist
seit Anbeginn vorhanden, sie hat zur Bildung unzähliger Welten geführt.
Außer den Atomen und dem leeren Raum gibt es nichts. Eine Schwäche
dieser atomistischen Lehre, die ihr auch heute noch anhaftet, liegt
darin, daß nach ihr auch das Seelische aus Atomen, und zwar aus
Atomen feinerer Art bestehen soll, welche die gröberen Körperatome
durchdringen, sehr beweglich sind und auf diese Weise die Erscheinungen
des Lebens hervorrufen. So wurden z. B. die Empfindungen des Süßen,
Herben, Scharfen daraus erklärt, daß die Atome teils kugelig, teils
kantig, teils zackig seien. Die Wahrnehmung, sowie überhaupt jede
Wirkung der Dinge aufeinander sind nach *Demokrit* durch Ausströmung
und Einströmung bedingt. Aus diesem Grunde mußten die Körper zwischen
den Atomen Poren haben. Die Zahl der Atome ist unendlich groß und
ihre Form unendlich verschieden. Qualitativ sind sie jedoch einander
völlig gleich. Bei ihrer Bewegung durch den unendlichen Raum stoßen
sie aufeinander. Dadurch entstehen Wirbel, aus denen die Weltkörper
hervorgehen. Letztere entstehen und vergehen und sind in ihrer Zahl
gleichfalls unbegrenzt. Diese Lehre von der Weltenbildung[187] wurde
im 18. Jahrhundert durch *Kant* und durch *Laplace* zu neuem Leben
erweckt. Sie hat auch *Giordano Bruno* zu seinen Spekulationen über die
Unendlichkeit der Welten angeregt.
*Demokrit* wurde um 460 v. Chr. in der ionischen Kolonie Abdera
geboren und starb um 370. Er sammelte auf vielen Reisen zahlreiche
Kenntnisse. »Ich habe«, sagt er, »unter allen Menschen meiner Zeit
die größten Länderstrecken durchwandert, das Entfernteste erforscht,
die meisten Länder gesehen und kundige Menschen gehört.« Von seinen
zahlreichen Schriften ist leider nur wenig erhalten geblieben. Soviel
läßt sich jedoch erkennen, daß er in systematischen Werken, sowie in
Einzelabhandlungen das ganze Gebiet menschlichen Wissens zu umspannen
gesucht hat. Er schrieb nicht nur über Sternkunde, Medizin, Ackerbau,
Technologie, Kriegskunst wie viele andere vor ihm, sondern von ihm
rührt auch der erste Versuch einer wissenschaftlichen Zoologie, Botanik
und Mineralogie her[188]. Gefördert und bereichert hat *Demokrit*
die Wissenschaften im einzelnen kaum in erheblichem Maße. Ihn als
den größten Naturforscher des Altertums zu bezeichnen, ist daher
nicht berechtigt. In der Astronomie haben ihn *Oenopides* und *Meton*
übertroffen. Hielt er doch an der Scheibengestalt der Erde fest, so daß
er in seinen kosmischen Vorstellungen weit unter *Platon* stand. Auch
die Mathematik hat er trotz zahlreicher mathematischer Schriften nicht
wesentlich gefördert. Trotzdem muß man bedauern, daß von seinen Werken
nur geringe Bruchstücke[189] übrig geblieben sind. *Demokrit* war
ohne Zweifel der größte Polyhistor (d. h. kein bloßer Vielwisser) vor
*Aristoteles*. Letzterer rühmt von ihm, daß er überall die natürlichen
Ursachen aufgesucht und vieles früher Vernachlässigte festgestellt
habe. Trotz seiner materialistischen Weltanschauung war *Demokrit* nach
den Zeugnissen der Alten eine edle, reichbegabte, für Wahrheit und
Wissenschaft begeisterte Natur.
Hatte *Demokrit* die von *Leukipp* (um 500. v. Chr.) herrührende
atomistische Lehre in ein System gebracht, so ist für ihre
Weiterverbreitung besonders *Epikur* tätig gewesen. Während des
römischen Zeitalters wurde sie dann durch *Lucretius Carus* (um 50 v.
Chr.) in einem »Über die Natur der Dinge« betitelten Lehrgedicht[190]
dargestellt.
Am meisten Schwierigkeiten machte es diesen als Atomisten bezeichneten
Philosophen, die zweckmäßige Beschaffenheit der Naturerzeugnisse, die
auch *Demokrit* nach einer Stelle des *Aristoteles* bewundert haben
soll, ohne die Mitwirkung einer Zwecktätigkeit, sondern lediglich aus
der Notwendigkeit zu erklären. *Aristoteles* (Physik II, 8) wirft die
Frage auf, »ob die Natur nur infolge einer blinden Notwendigkeit oder
nach Zwecken handle«. Falle doch auch der Regen nicht etwa, damit das
Getreide wächst, sondern weil die aufsteigenden Dünste sich verdichten.
Daß das Getreide dann wächst, treffe sich nur so nebenbei. »Könnte
nicht«, fragt *Aristoteles*, »dasselbe von allen Naturerzeugnissen
gelten und könnten beispielsweise die Vorderzähne nicht zufällig scharf
und die Backenzähne zufällig stumpf sein. Dann wäre der Dienst, den
sie uns leisten, eine unbeabsichtigte Folge dieses Zufalls und dem
Zusammentreffen ähnlich, das zwischen der Verdichtung der Dämpfe und
dem Wachsen des Getreides besteht. Diejenigen Wesen nun, bei denen sich
alles so traf, wie wenn es zu einem Zwecke entstanden wäre, blieben
erhalten, dagegen ging unter und geht noch fortwährend zugrunde, was
der Zufall nicht zweckmäßig gebildet hat«. *Aristoteles* weist diese
Einwendungen, die man, wie er sagt, machen könnte, zurück. Nach ihm
gibt es überall einen Zweck (»ein Weswegen«) in dem, was von Natur
geschieht. In ihr herrsche der Zweck ebenso wie in der Kunst.
Wie sich die Atomisten die Welt ohne eine Zwecke setzende Tätigkeit
entstanden dachten, ersieht man aus einigen Stellen des *Lukrez*, so
insbesondere aus folgenden Versen[191]:
»Sage mir ferner, woher ist gekommen den Göttern das Vorbild
Der zu erzeugenden Dinge, ja selbst der Begriff nur des Menschen;
Daß sie wußten und sahen im Geiste, was schaffen sie wollten.
Woher erhielten sie jemals von Kräften der Urstoffe Kenntnis,
Was durch veränderte Ordnung sie alles zu leisten vermöchten,
Hätte Natur nicht selbst eine Probe des Schaffens gegeben?
Denn gar viele der Urkörper pflegten seit ewigen Zeiten
Durch ihr eignes Gewicht und durch Stöße von außen getrieben,
Sich zu bewegen und mischen auf alle nur mögliche Weise
Und zu versuchen, was sie für Verbindungen schaffen wohl könnten,
Wenn sie bald so, bald anders sich zueinander gesellten.
Ist da wohl zu verwundern, daß endlich sie nun auch in solche
Lage gerieten und auch in solche Bewegungen kamen,
Durch die das ganze All jetzt besteht und stets sich erneuert?«
Und etwas später[192]:
»Denn nicht haben Atome nach reiflich erwogenem Plane
Jedes zur richtigen Stell' sich begeben mit rechnendem Geiste,
Wahrlich auch nicht durch Verträge bestimmt eines jeden Bewegung.«
Den Gedanken, daß die Natur oft neue Arten schaffe, die wieder
untergehen, wenn sie sich nicht erhalten können, hat nach dem
Wiederaufleben der Wissenschaften zuerst *Cardanus* ausgesprochen[193].
Er tat dies in Anlehnung an die durch *Lukrez* verbreiteten Lehren
*Demokrits* und *Epikurs*. Es ergibt sich somit ein ununterbrochener
Zusammenhang zwischen den schon im Altertum ausgesprochenen Vorahnungen
der Deszendenztheorie und ihrer wissenschaftlichen Gestaltung durch
*Lamarck* und *Darwin*. Übte doch die um 1715 entstandene Schrift
*de Maillets* einen bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der
evolutionistischen Ideen aus, der sich besonders ein Jahrhundert später
bei *Lamarck* bemerklich machte (s. i. IV. Bande). Wie *Cardanus* ist
aber auch *de Maillet* sehr wahrscheinlich durch die aus dem Altertum
stammenden Keime zur Aufstellung seiner Lehre veranlaßt worden[194].
Mag man vom philosophischen Standpunkte aus der mechanischen
Welterklärung Wert beilegen oder sie für überwunden halten, man wird
immer die vorurteilsfreie und konsequente Denkweise ihrer Schöpfer
anerkennen müssen. Besteht doch auch heute das Bestreben der Forschung
darin, Qualität auf Quantität zurückzuführen und in der Meßbarkeit
einer Erscheinung ihre Erklärung zu finden. »Wer weiß, daß erst durch
diese Methode die großen Triumphe der Naturwissenschaft errungen
wurden, wird die Größe des demokritischen Gedankens zu würdigen
wissen. Die atomistische Theorie ist zwar ein Gewebe von Hypothesen.
Und doch haben wir kein besseres Netz, um die Naturerscheinungen
für unser Verständnis einzufangen«[195]. Die atomistische Lehre hat
ein sonderbares Schicksal erlitten. Auf das Zeitalter, in dem sie
entstanden war, hat sie nur einen geringen Einfluß ausgeübt. Erst 2000
Jahre später wurde sie durch *Gassendi* und besonders durch *Dalton*
wieder ins Leben gerufen. Seitdem hat sie die größte wissenschaftliche
Bedeutung erlangt, weil die Mechanik der Atome allen Naturerscheinungen
zugrunde gelegt wurde[196].
Der Beginn der idealistischen Weltanschauung.
Eine weitere Tat der alten Philosophie bestand in der Aufstellung
und Durchführung des Zweckbegriffs an Stelle der von den Atomisten
behaupteten bewußtlosen Notwendigkeit durch *Anaxagoras*. Nach allem,
was wir von ihm wissen, war *Anaxagoras* einer der bedeutendsten
Philosophen des Altertums. Er wurde um 500 v. Chr. in Kleinasien
geboren und siedelte nach den Perserkriegen nach Athen über, wo er
zu *Perikles* in freundschaftliche Beziehungen trat. *Anaxagoras*
erblickte im Nachdenken über die Natur und das Geschehen seine Aufgabe
und verpflanzte diese Art des Philosophierens nach Athen, das in der
Folge zum Mittelpunkt des geistigen Lebens der Alten wurde. Seine
Schrift über die Natur war zur Zeit des *Sokrates* sehr verbreitet. Von
dieser Schrift sind leider nur Fragmente erhalten geblieben[197].
Wie *Empedokles* geht *Anaxagoras* von der Ansicht aus, daß alles
Geschehen ein Gemischtwerden und eine Entmischung sei, wobei sich
die Menge des Stoffes im Weltall weder mehre noch mindere. Die
hierzu erforderliche bewegende Kraft erblickte er in einer vom Stoff
gesonderten, freiwaltenden, selbst unbewegten Intelligenz. Diese nach
Zwecken handelnde Intelligenz wird aber von ihm mehr vorausgesetzt als
nachgewiesen. Daher werfen ihm *Plato* und *Aristoteles* vor, sein
»νοῦϛ«[198] habe ihm zur Erklärung nur als deus ex machina gedient.
Aus dem Urzustande oder dem Chaos hat der »νοῦϛ« nach *Anaxagoras*
als ordnendes, nicht als schaffendes Prinzip das Universum entstehen
lassen. Eine Erschaffung aus dem Nichts ist eine orientalische
Vorstellung, welche dem griechischen Geiste wenig zusagte und uns
daher bei den griechischen Philosophen kaum begegnet. Der »νοῦϛ« und
die Urbestandteile der Dinge sind vielmehr von Anbeginn vorhanden.
Es ist der philosophische Keim der Lehre von der Erhaltung von Stoff
und Kraft, der uns hier begegnet. Der »νοῦϛ« versetzte die Masse in
eine Art Wirbelbewegung, welche das Gleichartige zusammenführte und
das Weltall in seiner jetzigen Verfassung entstehen ließ. Die später
von *Kant* und *Laplace* entwickelte Nebularhypothese besagt, wie
wir sehen werden, im Grunde dasselbe. Nur daß die Neueren diese
Vorstellungen von der alten geozentrischen Ansicht loslösten und sie
vom Standpunkte der koppernikanischen Lehre entwickelten. Infolge der
Wirbelbewegung trennen sich nach *Anaxagoras* Äther, Luft, Wasser und
Erde voneinander. Vom letzteren Elemente verharren einzelne Massen
infolge der Wirbelbewegung im Äther, der ihnen Leuchtkraft verleiht und
sie uns als Gestirne erscheinen läßt. Für diese Ansicht sprechen nach
*Anaxagoras* die vom Himmel fallenden Meteoriten, von denen er den 423
v. Chr. in Aegospotamoi (Thrazien) gefallenen erwähnt. Er meint, dieses
Eisenstück, das bei Tageslicht auf die Erde herabgefallen sei[199],
stamme von der Sonne, und mache es wahrscheinlich, daß letztere aus
glühendem Eisen bestehe. Auch der Mond sei ein Weltkörper wie unsere
Erde und besitze Berge und Täler, eine Vorahnung, deren Richtigkeit
erst 2000 Jahre später durch Galilei erwiesen werden konnte[200].
*Anaxagoras* teilte das Schicksal vieler aufgeklärten Geister. Er wurde
im hohen Alter als Gottesleugner ins Gefängnis geworfen und nur auf die
Verwendung des *Perikles* hin wieder in Freiheit gesetzt. Die Anklage
stützte sich besonders darauf, daß *Anaxagoras* die Sonne für einen
glühenden Meteorstein erklärt hatte. Ihm, wie später dem *Sokrates* und
*Aristoteles*, hat das atheniensische Volk mit Undank gelohnt.
Erwies sich auch der auf *Anaxagoras* zurückzuführende Begriff der
Zweckmäßigkeit, der in den platonischen Ideen seine Fortbildung
fand, während der späteren Entwicklungsstufen der Wissenschaft als
unzureichend, so war er doch für die Naturforschung des Altertums von
Bedeutung und bei dem Aufbau des das Wissen jener Zeit umfassenden,
aristotelischen Lehrgebäudes das eigentlich Treibende.
Hinderlich wurde die alte Philosophie der Wissenschaft zuweilen
dadurch, daß sie sich mehr dichterisch schaffend als kritisch forschend
verhielt. Man war zu leicht geneigt, das Wort für das Ding und den
Begriff für das eigentliche Wesen des Dinges zu nehmen. »Durch die
Wörter«, sagt daher *Lange* in seiner Geschichte des Materialismus[201]
mit Recht, »ließen *Sokrates*, *Plato* und *Aristoteles* sich
täuschen. Wo ein Wort war, wurde ein Wesen vorausgesetzt. Gerechtigkeit
z. B. mußte doch etwas bedeuten. Es mußte also Wesen geben, welche den
Ausdrücken entsprechen.«
In *Platon* (427-347) erreichte die griechische Philosophie ihren
Höhepunkt. Sein System gipfelt darin, daß er die Idee als die Ursache
und den Zweck des Geschehens betrachtet und auf diese Weise das
Geistige und die Körperwelt aus einem Prinzip ableitet. Obgleich
*Platon* wenig Eigenes auf dem Gebiete der Mathematik geschaffen hat
und seine Neigung zu den Naturwissenschaften nur gering war, hat er
dennoch diese beiden Wissensgebiete in nicht geringem Maße befruchtet.
Groß war vor allen Dingen der persönliche Einfluß, den er als Gründer
der atheniensischen Akademie auf seine Schüler ausübte. Zu ihnen
zählten *Aristoteles*, *Eudoxos* und *Herakleides Pontikos*. *Platon*
selbst wurde besonders durch die Pythagoreer angeregt, mit deren Lehren
er in Großgriechenland bekannt geworden war. Auch in Ägypten ist
*Platon* gewesen.
Seine Ansichten über die Natur entwickelt *Platon* in demjenigen seiner
Dialoge, der den Titel »Timäos« führt. Diese Schrift ist in besonders
hohem Grade durch mythische und pythagoreische Lehren beeinflußt.
Nach *Platon* besteht die Welt nicht seit Ewigkeit, wie der fast
gleichzeitig lebende *Demokrit* lehrte, sondern sie hat einen Beginn
und einen Schöpfer. Ewig sind nur die Ideen, welche der Schöpfer,
das ist das bewegende Prinzip, mit dem zunächst ungeformten Urgrund
der materiellen Welt (etwa dem Chaos zu vergleichen) verbindet.
Das Ergebnis ist nicht eine Unendlichkeit von Welten, sondern nur
eine Welt, der die vollkommenste Gestalt, das ist die Kugelform,
zukommt. Auch in den Einzelheiten weicht die platonische Auffassung
in solchem Maße von der mechanischen ab, daß sie nicht die Grundlage
der nach einer Erklärung aus mechanischen Prinzipien suchenden
Naturwissenschaften werden konnte.
Die Begründung der griechischen Mathematik.
In gleichem Maße, wie die ersten philosophischen Bestrebungen anregend
auf die Forschung gewirkt haben, war dies auch hinsichtlich der
Mathematik der Fall. Zur vollen Erkenntnis der Wahrheit, daß nur durch
die Vereinigung des mathematischen Verfahrens mit der experimentellen
Forschungsweise Aussicht auf eine Lösung der naturwissenschaftlichen
Probleme vorhanden ist, sollte jedoch erst die neuere Zeit gelangen. Es
ist ein wesentlicher Mangel der Alten, welche die Mathematik wohl zu
handhaben wußten, daß sie sich nicht in gleichem Maße für die Ausübung
des Experiments befähigt zeigten. Mannigfache Gründe sind hierfür
ins Feld geführt worden. Einer der wichtigsten bestand wohl in dem
Überschätzen der reinen Geistestätigkeit gegenüber jeder Beschäftigung
mit materiellen Dingen. Auch der Umstand, daß die Ausübung gewerblichen
Schaffens eines freien Mannes unwürdig galt und in die Hand der Sklaven
gelegt wurde, war dem Entstehen der experimentellen Forschungsweise in
hohem Grade hinderlich[202].
Wenn wir die Entwicklung der Mathematik, die hier gleich den
Ergebnissen der Philosophie nur soweit in Betracht kommt, wie sie die
Naturwissenschaften beeinflußt hat, nach ihren ersten, an ägyptische
und babylonische Elemente anknüpfenden Schritten weiter verfolgen,
so richtet sich unser Blick von Ionien nach einem anderen Hauptsitz
hellenischer Bildung, nämlich nach Großgriechenland. Hatte man den
Wert der mathematischen Betrachtungsweise in Ionien überhaupt erst
schätzen gelernt, so finden wir dort, bei *Pythagoras* und seinen
Anhängern eine beträchtliche Überschätzung derselben. Wichtig ist vor
allem, daß auch im übrigen Griechenland Männer auftraten, die in der
denkenden Betrachtung der Welt ihre Lebensaufgabe erblickten. Als
einer der ersten wird uns *Pythagoras* genannt. Da indes von seinem
Leben fast nichts verlautet und auch keine von ihm herrührende Schrift
auf uns gekommen ist, so tritt uns in *Pythagoras* wie in *Thales*
eine sagenumwobene Gestalt entgegen. Ersterer galt lange als der
eigentliche Begründer der griechischen Mathematik, während für *Thales*
und *Anaximander* die Mathematik als Hilfswissenschaft zur Lösung
astronomischer Aufgaben in Betracht kam. Heute ist das Urteil über die
Bedeutung des *Pythagoras* wesentlich eingeschränkt worden (s. S. 80).
*Pythagoras* wurde um 550 v. Chr. in Samos geboren. Über die Gründung
seiner Schule gehen die Nachrichten sehr auseinander. Es läßt sich
annehmen, daß er sich vorher gleich *Thales* in Ägypten, vielleicht
auch in Babylon[203] aufgehalten hat. Auch in diesem Falle würde es
sich also um eine Verpflanzung orientalischer Wissenschaft auf den,
ihrer weiteren Entwicklung besonders günstigen Boden Griechenlands
gehandelt haben.
*Pythagoras* und seine Schüler gingen, mehr ahnend als in wirklicher
Erkenntnis, von der Voraussetzung aus, daß eine durch Maß und Zahl
bestimmte Gesetzmäßigkeit alles natürliche Geschehen beherrsche. In
einseitiger Übertreibung dieses Gedankens erblickten sie dann in den
Zahlen den ursächlichen Grund der Erscheinungswelt. »Den Pythagoreern,«
sagt *Aristoteles*, »ward die Mathematik zur Philosophie.« Es handelte
sich indessen bei ihnen mehr um bloße Zahlenmystik, als um die Pflege
und Förderung exakter Wissenschaft. So bezogen sie die Sechs auf
Belebung, die Sieben auf Gesundheit, die Acht auf Freundschaft usw.
Diese Zahlenmystik der Pythagoreer ist zum Teil wohl auf akustische
Versuche und das Nachdenken über das Wesen der Harmonie zurückzuführen.
Man hatte bemerkt, daß der Ton einer Saite von bestimmter Spannung
in die Oktave übergeht, wenn man die Länge der Saite auf die Hälfte
herabsetzt, oder daß gleich gespannte und gleich dicke Saiten
konsonierende Töne geben, wenn sich ihre Längen wie 1 : 2, 2 : 3,
3 : 4, 4 : 5 verhalten. Den Grund dieser Erscheinung suchten die
Pythagoreer nun in dem geheimnisvollen Wesen der Zahlen. Auch darin
kam die Vorstellung von der Bedeutung der Harmonie zum Ausdruck, daß
die von der pythagoreischen Schule beeinflußte Medizin Gesundheit als
die Symmetrie gewisser Qualitäten wie Warm, Kalt, Trocken, Feucht usw.
betrachtete, während Krankheit in der Störung dieser Symmetrie bestehen
sollte[204].
Auf die Pythagoreer werden zurückgeführt -- wobei sich indes nicht
unterscheiden läßt, was selbst gefunden und was an fremden Elementen
aufgenommen wurde -- die Sätze über die Winkelsumme im Dreieck, über
die Kongruenz der Dreiecke, der sogenannte pythagoreische Lehrsatz,
sowie die Kenntnis des goldenen Schnitts; ferner die ersten Kenntnisse
der Stereometrie, insbesondere der fünf regelmäßigen Polyeder und der
Kugel.
Zeugnisse für geometrische Entdeckungen des *Pythagoras* enthält die
Literatur des Altertums an etwa zwölf Stellen. Bei der Beurteilung der
Zuverlässigkeit dieser Zeugnisse ist indessen zu berücksichtigen, daß
die ältesten Angaben 500 Jahre, die Hauptquelle (*Proklos*) sogar 1000
Jahre nach *Pythagoras* niedergeschrieben wurden[205]. *Proklos*, der
sich auf die beiden verloren gegangenen Schriften des *Eudemos*, des
ältesten Geschichtsschreibers der griechischen Mathematik[206], stützt,
hat *Pythagoras* nicht für den Entdecker des Begriffes der irrationalen
Größen gehalten und ihm weder die Konstruktion der regulären Körper
noch die Entdeckung des pythagoreischen Lehrsatzes zugeschrieben.
Auch *Zeller*, der Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie,
ist schon der althergebrachten Ansicht entgegengetreten, nach welcher
*Pythagoras* selbst als Mathematiker Hervorragendes geleistet haben
soll. Das Ergebnis aller neueren Nachforschungen besteht darin,
daß sich eine bestimmte Leistung auf dem Gebiete der Mathematik
*Pythagoras* mit Sicherheit überhaupt nicht zuweisen läßt.
Die den Griechen im allgemeinen nachgerühmte Strenge der Beweisführung
war bei den Pythagoreern noch wenig entwickelt. Sie verfuhren häufig
noch induktiv und wußten das Allgemeine von den Einzelfällen noch
nicht recht zu trennen. Immerhin kommt ihnen das Verdienst zu, daß
sie die Mathematik von den Bedürfnissen des Lebens gesondert und sie
als reine Wissenschaft aufgefaßt haben[207]. Vor allem wurde die
Lehre vom Dreieck durch *Pythagoras* und seine Schule so vollständig
entwickelt, daß *Euklid*, als er die mathematischen Kenntnisse der
Griechen in seinen »Elementen« zusammenstellte, nur wenig hinzuzufügen
brauchte. Daß die Winkel des Dreiecks zusammen zwei Rechte betragen,
bewiesen die Pythagoreer, indem sie durch eine Ecke eine Parallele
zur Gegenseite zogen[208]. Auf den nach *Pythagoras* benannten Satz
wurde man wahrscheinlich dadurch geführt, daß man die aus Ägypten
oder Babylon zu den Griechen gedrungene Erkenntnis, ein Dreieck sei
rechtwinklig, wenn sich seine Seiten wie 3 : 4 : 5 verhalten, mit
dem arithmetischen Satze, daß 3^2 + 4^2 gleich 5^2 ist, zu verbinden
wußte; wie denn überhaupt die Stärke der späteren Pythagoreer in
der Anwendung der Zahlenlehre auf die Geometrie bestand. Auch den
Satz, daß die drei Winkelhalbierenden eines Dreiecks sich in einem
Punkte schneiden, haben die Pythagoreer gekannt und zur Auffindung
des dem Dreieck eingeschriebenen Kreises verwertet[209]. Eingehend
haben sie sich ferner mit den regelmäßigen Polygonen und mit den fünf
regelmäßigen Polyedern beschäftigt. Von letzteren waren der Würfel,
das Tetraëder und das Oktaëder schon Gegenstand der orientalischen
Mathematik gewesen. Das Ikosaëder und das Dodekaëder dagegen hat erst
die pythagoreische Schule konstruiert. Alle fünf Körper legten die
Pythagoreer ihren mystischen Welterklärungsversuchen zugrunde. Die Welt
sollte die Form des Dodekaëders besitzen, die vier übrigen regulären
Körper dagegen für die Teilchen der vier Grundstoffe, Feuer, Erde,
Luft und Wasser, formbestimmend sein[210]. Zu der Erkenntnis, daß
es nur fünf reguläre Polyeder gibt, d. h. Körper, die von gleichen,
gleichseitigen und gleichwinkligen Ebenen begrenzt sind, gelangte erst
*Euklid*.
Wie für die Geometrie, so wurde damals auch in der Arithmetik eine
Grundlage geschaffen, welche den raschen Aufschwung ermöglichte,
den die Mathematik bald darauf in Griechenland erfuhr. Die
Pythagoreer schufen die Begriffe der Prim- und der relativen Prim-
oder teilerfremden Zahlen. Aus dem Orient übernahmen sie dann die
Begriffe Quadrat- und Kubikzahl, mit denen die Babylonier schon im 3.
Jahrtausend v. Chr. vertraut waren. Auch die Lehre von den Proportionen
wurde von den Pythagoreern gepflegt, da die Proportionen sich für
manche Aufgaben, die man heute durch Gleichungen löst, als besonders
geeignet erwiesen. Neben der arithmetischen (a - b = c - d) und der
geometrischen (a : b = c : d) erregten auch die durch Gleichsetzung der
inneren Glieder sich ergebenden stetigen Proportionen (a - b = b - c
und a : b = b : c) die Aufmerksamkeit der pythagoreischen Schule.
Auf den Begriff des Irrationalen wurden die Pythagoreer geführt, indem
sie erkannten, daß die Diagonale und die Seite eines Quadrates kein
gemeinschaftliches Maß besitzen. Die systematische Darstellung der
Lehre von der Irrationalität erfolgte durch *Euklid*. Er dehnt sie auf
mehrfache Quadratwurzeln aus, behandelt aber nur solche Ausdrücke, die
sich mit Zirkel und Lineal konstruieren lassen[211].
Einige Jahrhunderte unausgesetzter Pflege der mathematischen
Wissenschaften, mit denen sich auch die hervorragendsten unter den
Philosophen, wie *Platon* und *Aristoteles*, beschäftigten, genügte
dann, um in den Werken des *Apollonios* und des *Archimedes* Leistungen
allerersten Ranges heranreifen zu lassen. Besonders in der Hand des
letzteren wurde die Mathematik zu einem Werkzeug, mit dem schon die
Bewältigung mancher physikalischen Aufgabe gelang.
In der Geschichte der griechischen Mathematik nimmt der um 440 wirkende
*Hippokrates* von Chios eine vermittelnde Stellung zwischen der älteren
Schule der Pythagoreer und den Mathematikern des 4. Jahrhunderts v.
Chr. ein. *Hippokrates* begründete eine strengere Beweisführung.
Auch war er der erste, der ein mathematisches Lehrgebäude
veröffentlichte[212]. Am bekanntesten ist sein Satz von den Möndchen
(Lunulae Hippokratis). Er lautet: Gegeben sei ein dem Halbkreise
eingeschriebenes, gleichschenkliges, rechtwinkliges Dreieck. Errichtet
man dann Halbkreise über den Katheten, so sind a und a_{'} (die
Lunulae) den Stücken b und b_{'} flächengleich (Abb. 12). *Hippokrates*
hat ferner bewiesen, daß sich die Kreisflächen wie die Quadrate der
zugehörigen Durchmesser verhalten. Auf ihn ist wahrscheinlich auch die
Exhaustionsmethode zurückzuführen, die uns im Verfolg der weiteren
Entwicklung der griechischen Mathematik noch wiederholt beschäftigen
wird.
[Illustration: Abb. 12. Der Satz des Hippokrates.]
Der Satz über die Lunulae ist deshalb von besonderem Interesse,
weil er der erste gelungene Versuch ist, eine krummlinige Figur zu
quadrieren. *Hippokrates*[213] glaubte sogar, durch seinen Satz der
Quadratur des Kreises einen Schritt näher gekommen zu sein. Seine
auf die Lösung dieses Problems hinzielenden Versuche mußten indessen
schon deshalb ergebnislos bleiben, weil, wie die neuere Mathematik
bewiesen hat, die wahre Quadratur des Kreises nicht möglich ist. Des
*Hippokrates* Satz über die Lunulae war eine wichtige Verallgemeinerung
des pythagoreischen Lehrsatzes. Letzterer beschränkte sich auf
Quadrate. Das Hinzukommen des neuen Satzes ließ schon die Erkenntnis
durchschimmern, daß, ganz allgemein, ähnliche Figuren über den Katheten
zusammen einer ähnlichen Figur über der Hypotenuse flächengleich sind.
Für die alte Mathematik besaßen drei Probleme eine treibende Kraft,
wie wir sie für die Chemie in dem Problem der Metallverwandlung
kennen lernen werden. Es waren dies die Quadratur des Kreises, die
Verdopplung des Würfels oder das delische Problem und die Dreiteilung
eines beliebigen Winkels. Alle drei Aufgaben waren so naheliegend
und schienen so einfach zu sein. Und doch haben sie, soweit sie
überhaupt lösbar sind, den größten Mathematikern kaum überwindbare
Schwierigkeiten bereitet.
Mit den Versuchen, die Quadratur des Kreises zu finden, beginnt die
griechische Mathematik im 5. Jahrhundert v. Chr. reine Wissenschaft
zu werden. Das Problem beschäftigt schon den *Anaxagoras*. Es führt
bereits um jene Zeit[214] zum Exhaustionsverfahren, das *Archimedes*
weiter entwickelte und das als Vorstufe zur Integrationsmethode der
neueren Mathematik betrachtet werden kann. Da eine vollkommene Lösung
der Quadratur nicht gefunden werden konnte, so begnügte man sich
bei der Exhaustionsmethode mit einer angenäherten Bestimmung. Man
zeichnete in den Kreis zunächst ein Quadrat. Über den Seiten dieser
Figur errichtete man die Seiten des dem Kreise eingeschriebenen
Achtecks, darüber das eingeschriebene Sechszehneck und so fort, bis
das schließlich erhaltene Vieleck von dem Kreise kaum noch abwich.
Dieses Vieleck wurde dann nach den bekannten Verfahrungsweisen
der Elementarmathematik so oft in ein flächengleiches Vieleck von
geringerer Seitenzahl umgeformt, bis man schließlich das dem Kreise
annähernd flächengleiche Quadrat gefunden hatte. Ein derartiges
konstruktives Verfahren war sehr umständlich und um so fehlerhafter,
je größer die Zahl der vorgenommenen Konstruktionen war, da ja jede
einzelne von dem wahren Werte mehr oder weniger abwich.
Gleichfalls im 5. Jahrh. v. Chr. tauchte das delische Problem auf.
Seinen Namen soll es daher erhalten haben, daß den Deliern durch
ein Orakel befohlen wurde, einem würfelförmigen Altar den doppelten
räumlichen Inhalt zu geben. Das Problem, mit dem sich alle bedeutenden
griechischen Mathematiker, unter ihnen auch *Hippokrates* von Chios
und *Platon* beschäftigt haben, führte zunächst zum Begriff der
Kubikwurzel. Ist nämlich die Kante des gegebenen Würfels a, diejenige
des gesuchten x, so ist x^3 = 2a^3 und x = a∛2. Auf diesen Ausdruck kam
schon *Hippokrates*. Während aber für die Quadratwurzeln geometrische
Konstruktionen gefunden werden konnten, versagte dieser Weg zunächst
bei der Kubikwurzel[215]. Die Gleichung x = a∛2 bedeutet, daß die
gesuchte Seite des doppelten Würfels die erste (x) von zwei mittleren
Proportionalen (x und y) ist, die man in Form einer laufenden
Proportion zwischen die einfache (a) und die doppelte Seite (2a) des
gegebenen Würfels einschaltet. Ist nämlich
a : x = x : y = y : 2a, so ist
(1) a : x = x : y und
(2) x : y = y : 2a.
Setzen wir den aus (2) ermittelten Wert für y, nämlich y = √(2ax) in
Gleichung (1) ein, so erhalten wir a : x = x : √(2ax), daraus folgt:
x^2 = a√(2ax)
x^4 = a^2 · 2ax
x^3 = 2a^3
x = a∛2.
Die Aufgabe war also gelöst, wenn es gelang den Wert x, ausgehend von
der laufenden Proportion a : x = x : y = y : 2a, zu konstruieren.
Geometrisch ist diese Proportion durch beistehende Figur (Abb. 13)
ausgedrückt: ABCD ist ein Rechteck. ACD und CDE sind rechtwinklige
Dreiecke. Für die in der Figur mit a, b, x, y bezeichneten Stücke
gelten dann nach einem bekannten Satz über die Proportionalität
rechtwinkliger Dreiecke die Verhältnisse a : x = x : y und x : y = y :
b[216].
Spätere Mathematiker, unter denen vor allen *Platons* Schüler
*Menächmos* (etwa 350 v. Chr.) zu nennen ist, gelangten durch die
Beschäftigung mit dem delischen Problem über die Geometrie der Geraden
und des Kreises hinaus zu den für die Astronomie und die Mechanik so
überaus wichtigen, als Parabel, Ellipse und Hyperbel bezeichneten
Kurven.
Ausgehend von der schon *Hippokrates* geläufigen Proportion a : x = x :
y = y : b, in welcher b für den besonderen Fall der Würfelverdoppelung
gleich 2a ist, erkannte *Menächmos*, daß die aus jener Proportion
folgenden Ausdrücke x^2 = ay und y^2 = bx zu einer neuen Kurve führen.
Beide Ausdrücke sind nämlich in der Form gleich und enthalten daher
auch die gleiche Forderung. Ins Geometrische übersetzt bedeuten sie
nämlich, an eine Gerade ein Rechteck (ay) so anzutragen (παραβύλλειν),
daß der Inhalt einem Quadrate (x^2) gleich ist.
[Illustration: Abb. 13. Konstruktion zur Lösung des delischen Problems.]
*Menächmos* erkannte, daß der geometrische Ort für die Schnittpunkte
aller, dieser Bedingung genügenden Rechtecke eine vom Kreise
abweichende krumme Linie bildet, die später wegen des Antragens
(παραβολή) des Rechteckes an die Gerade den Namen Parabel erhielt. Er
zeigte weiter, daß sich der für die Würfelverdoppelung gesuchte Wert x
als Schnittpunkt einer Parabel mit einer Hyperbel oder als Schnittpunkt
zweier Parabeln ermitteln läßt. Doch würde ein weiteres Eingehen auf
diese Konstruktionen hier zu weit führen. Jedenfalls steht fest, daß
*Menächmos* mit einer punktweisen Konstruktion beider Kurven und mit
ihren Grundeigenschaften, ja sogar mit den Asymptoten der Hyperbel
bekannt war[217]. Die Beziehung der von ihm untersuchten Kurven zur
Kegeloberfläche hat *Menächmos* wahrscheinlich noch nicht erkannt,
jedenfalls gelangte er zu diesen Kurven, indem er sich bemühte, für
einen arithmetischen Ausdruck den zugehörigen geometrischen Ort zu
bestimmen[218].
Auch die Aufgabe, einen Winkel in drei gleiche Winkel zu zerlegen,
führte, wie das delische Problem, auf kubische Gleichungen und höhere
Kurven. So gelang es um 400 v. Chr.[219] die Dreiteilung des Winkels
mit Hilfe der Quadratrix genannten Kurve auszuführen[220].
Die Beschäftigung mit dem delischen Problem und den Kegelschnitten
führte im Verlauf der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. auch
zu einem tieferen Eindringen in die Wahrheiten der Stereometrie.
Vor allem sehen wir *Platon* und seine Schüler auf diesem Gebiete
tätig. Auf den unbefriedigenden Zustand dieser Wissenschaft wies er
mit folgenden Worten hin: »Hinsichtlich der Messungen von allem,
was Länge, Breite und Höhe hat, legen die Griechen eine in allen
Menschen von Natur vorhandene, aber ebenso lächerliche wie schmähliche
Unwissenheit an den Tag«. *Platon* gebührt aber auch das allgemeinere
Verdienst, die mathematische Methode dadurch verbessert zu haben,
daß er jeden Satz auf Vordersätze zurückführte, bis er endlich zu
Axiomen und Definitionen als den, weitere Voraussetzungen entbehrenden
Grundlagen der Mathematik gelangte. Auch die Erfindung des indirekten
Beweisverfahrens wird *Platon* zugeschrieben[221].
Unter den stereometrischen Sätzen, welche die platonische Schule
auffand, verdienen besonders zwei hervorgehoben zu werden. Es ist
das der Satz von der Raumgleichheit der Pyramide mit dem dritten
Teile des Prismas von gleicher Grundfläche und gleicher Höhe. Ferner
erkannte man, daß Kugeln sich in bezug auf den Rauminhalt wie die
dritten Potenzen ihrer Durchmesser verhalten[222]. Um jene Zeit
scheint auch die Entdeckung stattgefunden zu haben, daß Ellipse,
Parabel und Hyperbel wie der Kreis als Kurven auf der Kegeloberfläche
(Kegelschnitte) entstehen, wenn man Ebenen in verschiedener Neigung zur
Kegelachse durch den Kegel legt[223].
Die Anfänge der griechischen Astronomie[224].
Nicht so erfolgreich wie auf den Gebieten der Philosophie und der
Mathematik sind die Griechen während dieser Periode in der Astronomie
gewesen. Die Anfänge dieser Wissenschaft verdankten sie den Sternwarten
Mesopotamiens, so die Kenntnis der Ekliptik, der Tierkreiszeichen, der
Planetenreihe usw. Auch das Duodezimal- sowie das Sexagesimalsystem und
die auf diesen Systemen beruhenden Maße gelangten über die ionischen
Städte, welche dem babylonischen Einfluß weit geöffnet waren, nach
Griechenland[225]. Große Schwierigkeiten bereitete den Griechen
ihre Zeitrechnung, der sie anfangs die Bewegung des Mondes zugrunde
legten. Man sah dieses Gestirn in rascher Folge einen Wechsel von
Lichtgestalten durchlaufen und gelangte dadurch zur Aufstellung des
synodischen Monats, dessen Dauer 29 Tage 12 Stunden und 44 Minuten
beträgt. Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der erste Versuch, die
Rechnung nach Mond und Sonne zu regeln, zur Festsetzung eines Zeitraums
von 12 Monaten zu 30 Tagen führte. Ein solcher Kalender konnte den
Bedürfnissen jedoch nicht lange genügen, da er dem tatsächlichen
Verlauf der himmlischen Bewegungen zu wenig entsprach. Der nächste
Schritt bestand deshalb darin, daß man den Monat abwechselnd zu 29
und 30 Tagen rechnete. Dadurch wurde das Jahr aber auf 354 Tage
verkürzt. Mit diesem Zeitabschnitt rechneten die Griechen, bis *Solon*
den bedeutenden Ausfall, den man erlitten, dadurch ausglich, daß er
jedem zweiten Jahre einen vollen Monat von 30 Tagen zulegte. Auf das
Jahr kamen also im Mittel (2 · 354 + 30)/2 = 369 Tage, was noch immer
eine starke Abweichung von der wirklichen Dauer bedeutete. Einer der
ersten, der sich (um 460 v. Chr.) bemühte, die Kalenderrechnung durch
einen besseren Ausgleich zwischen dem Mondumlauf und dem Sonnenjahr
zu regeln, war der Astronom *Oenopides* auf Chios, zu dessen Schülern
wahrscheinlich *Hippokrates* von Chios zählte. *Oenopides* setzte 730
Mond-Monate 59 Sonnen-Jahren gleich und kam so zu einer Jahreslänge von
365,373 Tagen. Er soll auch viel zur Übermittlung der ägyptischen und
babylonischen Astronomie beigetragen und den aus gleichen Abschnitten
bestehenden Tierkreis in Griechenland eingeführt haben. Auch dadurch
hat er sich einen Namen gemacht, daß er die regelmäßig wiederkehrenden
Nilschwellen auf kosmische Ursachen zurückführte.
Die Verwirrung, in welche der Kalender der Griechen geraten war, hat
ihr großer Lustspieldichter *Aristophanes*[226] dadurch verspottet, daß
er den Mond über einen solch unhaltbaren Zustand sich beklagen läßt.
Erst dem atheniensischen Mathematiker *Meton* gelang 433 v. Chr. die
endgültige Beseitigung dieses Wirrsals. Er führte einen Zyklus ein, der
19 Jahre und innerhalb dieses Zeitraums 125 »volle« und 110 »leere«
Monate umfaßte, so daß das Jahr (125 · 30 + 110 · 29)/19 = 365,263 Tage
enthielt, während der wahre Wert des Sonnenjahres sich auf 365,242 Tage
beläuft[227].
Die Einteilung nach Stunden, für die sich bei *Herodot* noch keine
besondere Bezeichnung findet, scheint erst gegen das Ende des 4.
vorchristlichen Jahrhunderts in Gebrauch gekommen zu sein. Vorher
begnügte man sich damit, daß man aus der Schattenlänge des eigenen
Körpers oder eines senkrechten Sonnenzeigers auf das Vorrücken der
Tageszeit schloß[228].
Zu einer annähernden Bestimmung des Sonnenjahres mußte man gelangen,
sobald man zur genaueren Messung der Schattenlänge mit Hilfe des
Gnomons überging. Man erkannte, daß die Mittagshöhen und damit die
Tageslängen und die Jahreszeiten innerhalb einer Periode von 365-1/4
Tagen wiederkehren. Zu dieser Erkenntnis kam die Beobachtung, daß
innerhalb derselben Periode gewisse Fixsterne nacheinander in der Nähe
der auf- oder untergehenden Sonne gesehen werden. Daraus schloß man,
daß die stete Änderung in der Kulmination der Sonne daher rühre, daß
dieses Gestirn im Laufe eines Jahres einen zum Himmelsäquator geneigten
Kreis beschreibt. Um die Neigung dieses, als Ekliptik[229] bezeichneten
Kreises zu bestimmen, war es erforderlich, die größte und die geringste
Mittagshöhe an einem Orte zu messen und das Mittel aus der Differenz
dieser Höhen zu nehmen. Der erste Grieche, der die Schiefe der Ekliptik
auf diesem Wege bestimmte, soll *Anaximander* gewesen sein[230]. Indes
begegnen wir weit früheren Angaben. So fanden chinesische Astronomen
schon um 1100 v. Chr. für die Schiefe der Ekliptik ziemlich richtig den
Wert von 23° 52'.
Hinsichtlich der Beschaffenheit des Mondes gelangte man schon
frühzeitig zu der Vorstellung, daß es sich um eine freischwebende, von
der Sonne beleuchtete Kugel handele. Seine Flecken wurden von einigen
als Unebenheiten, von anderen (wie *Aristoteles*) als Spiegelbilder
unserer Erdteile und Meere aufgefaßt. Schon *Anaxagoras* hat sich
die Frage vorgelegt, weshalb ein, der Erde so naher und vermutlich
um vieles kleinerer Himmelskörper nicht zur Erde herunterfalle. Er
trifft auch so ziemlich das Richtige, wenn er die Mondbewegung mit der
Bewegung in einer Schleuder vergleicht, durch deren raschen Umschwung
die Neigung zu fallen gleichfalls aufgehoben werde.
Während die Entdeckung der größeren Planeten aus der Veränderung ihrer
Stellung zu den Fixsternen auf den ersten Blick erfolgen mußte, setzte
die Auffindung des Merkur, der sich im Mittel nur um 23 Grade von
der Sonne entfernt und daher in höheren Breiten nur in der Dämmerung
mit guten Augen wahrzunehmen ist, schon eine größere Aufmerksamkeit
voraus. Auch der Saturn wird wegen seines langsamen Fortrückens
erst verhältnismäßig spät als Wandelstern erkannt worden sein. Eine
systematisch geordnete Reihe von Beobachtungen gehörte dazu, die Zeiten
festzustellen, innerhalb deren die Planeten in ihre frühere Stellung
zurückkehren. So gelangte man zu der Erkenntnis, daß Jupiter in 12,
Saturn dagegen erst in 30 Jahren ihren Weg am Fixsternhimmel vollenden.
Größere Schwierigkeiten boten der Mars und die innerhalb der Erdbahn
befindlichen Planeten Merkur und Venus dar. Da letztere beiden
jedoch stets in der Nähe der Sonne erscheinen, so mußten sie der
geozentrischen Vorstellung gemäß etwa dieselbe Umlaufszeit besitzen.
Als Grund dieser sämtlichen Unterschiede nahm man einen verschieden
großen Abstand der Himmelskörper von der im Mittelpunkte ruhend
gedachten Erde an. Saturn, dessen Umlauf die längste Zeit erfordert,
mußte dementsprechend auch am weitesten von der Erde entfernt sein,
während der Mond, der zwölfmal in einem Jahre seinen Umlauf vollendet,
als der dem Mittelpunkte am nächsten befindliche Himmelskörper galt.
Man gelangte daher zu dieser Reihenfolge: Mond, Sonne, Merkur, Venus,
Mars, Jupiter, Saturn.
Die Pythagoreer legten sich zuerst die Frage nach dem Verhältnis
der Abstände der Planeten vor. Sie bewegten sich hierbei jedoch auf
dem Gebiet der bloßen Zahlenmystik. Da sie bei ihren akustischen
Untersuchungen auf einfache Beziehungen zwischen den Längen harmonisch
tönender Saiten gestoßen waren, hielten sie sich für berechtigt, auch
am Himmel solche einfachen Verhältnisse ohne weiteres anzunehmen.
So nahm später *Platon* an, daß sich Mond, Sonne, Venus, Merkur,
Mars, Jupiter, Saturn in Abständen von der Erde befänden, die sich
wie 1 : 2 : 3 : 4 : 8 : 9 : 27 verhielten[231]. Durch das Obwalten
solcher Beziehungen sollte dann, ähnlich wie im Reiche der Töne, eine
Konsonanz entstehen. Man dachte sich nämlich, jeder Planet rufe als
ein in rascher Bewegung befindlicher Körper einen Ton hervor, und dies
verursache die Harmonie der Sphären. Über die Entfernung der Fixsterne,
welche der äußersten der acht konzentrischen Sphären angehören sollten,
läßt *Platon* nichts verlauten.
Derartige Spekulationen, so überflüssig sie auch nach der Entdeckung
der tatsächlich obwaltenden Verhältnisse erscheinen mögen, sind für die
Entwicklung der astronomischen Wissenschaft durchaus nicht ohne Belang
gewesen. Sie waren es, die zu Versuchen anregten, die Richtigkeit der
angenommenen Werte zu prüfen. Und wir werden sehen, auf welche Weise
man in der nächstfolgenden, schon der Messung zugewandten Periode der
griechischen Astronomie, der Lösung dieser Aufgabe näher kam. Zu
allen Zeiten hat der Weg der Forschung darin bestanden, daß auf einer
gewissen Stufe der Erkenntnis Hypothesen ersonnen wurden, an welche
sich die weiteren Versuche behufs einer Prüfung anschlossen. Auch als
später *Kepler* das Problem, das wir jetzt verlassen, wieder aufnahm,
trat er mit der vorgefaßten Meinung an dasselbe heran, die Planeten
müßten, wie so manches in der Natur, nach einfachen Verhältnissen
geordnet sein. So ist das von den Pythagoreern aufgeworfene Problem
bis in die neueste Zeit eine der fundamentalen Aufgaben geblieben,
welche die Astronomie mit immer größerer Genauigkeit zu bewältigen
strebt. Hatten die Chaldäer und die Ägypter die Himmelserscheinungen
in Jahrhunderte umfassenden Beobachtungsreihen nur aufgezeichnet und
dadurch das wertvollste, den Griechen zu Gebote stehende Material
für eine weitere Entwicklung der Astronomie geschaffen, so ging das
jüngere, der Ergründung der Ursachen mit regem Geiste zustrebende Volk
zuerst zu einer *Erklärung* dieser Erscheinungen über. Einen besonderen
Anreiz bot diese Aufgabe den Schülern *Platons*, der in seinem Timäos
die Frage nach der Entstehung und der Anordnung des Weltgebäudes
aufgeworfen hatte. Mehr aus philosophischen als aus deutlich erkannten
astronomischen Gründen war man gleich den Pythagoreern geneigt, der
Erde keine das All beherrschende, zentrale Stellung zuzuschreiben.
Dieser Gedanke wurde von *Platons* Schüler *Herakleides Pontikos*
weiter verfolgt und zu einer heliozentrischen Theorie erweitert,
welche besonders durch *Aristarch von Samos* im 3. Jahrhundert v. Chr.
ausgebildet wurde.
Über die Anfänge der heliozentrischen Weltanschauung, die bis in
die Schule des *Pythagoras* und *Platons* zurückreichen, haben
insbesondere die Forschungen *Boeckhs*[232] und *Schiaparellis*[233]
Licht verbreitet. Es ist früher wohl behauptet worden, daß *Pythagoras*
selbst schon die Bewegung der Erde gelehrt habe. Für die Ansicht,
daß *Pythagoras* eine andere als die im frühen griechischen Altertum
herrschende geozentrische Ansicht gelehrt habe, spricht jedoch
nichts Sicheres. Dagegen müssen wir annehmen, daß die Lehre von der
Kugelgestalt der Erde in der pythagoreischen Schule schon galt, als sie
in Griechenland noch unbekannt war[234]. Früher als die Erde stellte
man sich den Himmel als eine Kugel vor, an deren Oberfläche die Sterne
angeheftet seien. Als man jedoch bemerkte, daß der Mond, die Sonne
und die Planeten an den Sternbildern vorüberziehen und die Planeten
mitunter für kurze Zeit von dem Monde verdeckt werden, da konnte man
sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Entfernungen der
Himmelskörper von der Erde verschieden seien. Den Versuch, die Bewegung
und die gegenseitige Stellung der Himmelskörper in ihrem Verhältnis zur
Erde zu erklären, machten unter den Griechen zuerst die Pythagoreer.
Unter ihnen war es der im 5. Jahrhundert lebende *Philolaos*, dem wir
die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über diese, für die weitere
Entwicklung der Weltanschauung grundlegenden Lehren verdanken. Man hat
es hier keineswegs mit bloßen Phantasieerzeugnissen zu tun. Mit Recht
sagt daher *Schiaparelli*: »Das System des *Philolaos* ist nicht die
Frucht einer ungeordneten Einbildung, sondern es ist aus der Tendenz
entstanden, die Daten der Beobachtung mit einem prästabilierten Prinzip
über die Natur der Dinge in Übereinstimmung zu bringen«[235]: Dieses
Prinzip war die in der pythagoreischen Schule entstandene Lehre von der
Harmonie, die überall, also auch im Kosmos, herrschen sollte.
Bei der Wichtigkeit der durch *Philolaos* übermittelten Lehren für
das Verständnis der von *Platon*, von *Herakleides* und *Aristarch*
entwickelten Ansichten wollen wir an der Hand der von *Boeckh*
herausgegebenen Bruchstücke uns ein Bild von diesen frühesten
kosmologischen Vorstellungen zu machen suchen; letztere führten in
ihrer weiteren Entwicklung schon im Altertum zu einer heliozentrischen
Weltansicht.
Nach *Philolaos* gibt es nur eine Welt, den Kosmos, und dieser besitzt
die Gestalt einer Kugel[236]. In der Mitte des Alls befindet sich das
Zentralfeuer. Die Peripherie wird von dem unbegrenzten Olymp gebildet,
der seiner Natur nach ebenfalls Feuer ist, wenn wir dieses völlig
farblose Feuer auch nicht wahrnehmen können. Nur durch die Sonne,
die an sich ein dunkler, glasartiger Körper ist, wird das Feuer des
Olymps so modifiziert, daß wir es wahrnehmen. Vielleicht ist man durch
die Milchstraße zu der Annahme eines alles umschließenden feurigen
Olymps geführt worden. Zwischen dem letzteren und dem Zentralfeuer
bewegen sich zehn göttliche Körper, nämlich die Fixsternsphäre,
die fünf Planeten, dann die Sonne, unter ihr der Mond, wie man aus
den Verfinsterungen der Sonne schließen mußte, dann die Erde und
endlich, dem Zentralfeuer zunächst, die Gegenerde. Während *Platon*
im »Timäos« die Erde als den Mittelpunkt bezeichnet, wird also bei
*Philolaos* -- und zwar zuerst -- der Erde eine Bewegung zugeschrieben.
Erde und Gegenerde bewegen sich in 24 Stunden um das Zentralfeuer.
Daraus erklärt sich die tägliche Umdrehung des Fixsternhimmels. Die
Gegenerde ist im Grunde genommen die den Bewohnern des Mittelmeeres
entgegengesetzte Hemisphäre. Denken wir uns diese Hemisphäre von
der den Griechen bekannten losgelöst und das Zentralfeuer, das man
später in den Mittelpunkt der Erde versetzte, gleichfalls in den
Weltraum hinausverlegt, so erkennen wir, daß *Philolaos* mit seiner
Erde und Gegenerde und ihrer gleichlaufenden täglichen Bewegung um
das Zentralfeuer die scheinbare tägliche Bewegung des Fixsternhimmels
begreiflich gemacht hat.
Bei einer solchen Bewegung bekommen wir die Gegenerde natürlich nie zu
sehen, ebensowenig wie wir die der unseren entgegengesetzte Hemisphäre
von unserem Standort aus erblicken können. Indem sich die Gegenerde
innerhalb der Erdbahn um das Zentralfeuer bewegt, und zwar so, daß sich
die Gegenerde stets zwischen der Erde und dem Zentralfeuer befindet,
bekommen wir die weit außerhalb des Systems »Zentralfeuer, Gegenerde,
Erde« befindliche Sonne während dieser parallelen und konzentrisch
erfolgenden Bewegung der Erde und der Gegenerde so lange nicht zu
sehen, als wir uns auf der von der Sonne abgekehrten Seite befinden.
Wir sind dann im Schatten der Gegenerde, die uns das Sonnenlicht
während der Hälfte des Tages genau so verbirgt, wie es in Wirklichkeit
die aus der Vereinigung von Erde und Gegenerde hervorgehende Erdkugel
tut.
Derjenige, der an Stelle der täglichen Bewegung um ein Zentralfeuer
die tägliche Rotation unseres Planeten um seine Achse setzte und damit
die Annahme der Gegenerde und jenes Zentrums überflüssig machte, war
*Herakleides Pontikos*. *Herakleides*[237] ging aber noch einen
Schritt weiter, indem er die Sonne schon als Mittelpunkt für die
Bewegungen der beiden inneren Planeten, Merkur und Venus, ansprach.
Diese Vorstellung hat später bekanntlich *Tycho* auf alle Planeten mit
alleiniger Ausnahme der Erde ausgedehnt[238].
Die Annahme, daß Merkur und Venus sich um die Sonne bewegen, entsprang
der Beobachtung, daß beide Planeten sich nur wenig von der Sonne
entfernen, nämlich Merkur im Mittel 23°, Venus höchstens 48°. Daher
sagt auch *Vitruv*: »Merkur und Venus haben, da sie sich um die Sonne
als Mittelpunkt ihres Laufes bewegen, ihre Stillstände und Rückläufe
in die Sonnenstrahlen eingetaucht«[239]. Auch *Platon* beschäftigt
sich mit diesem Problem, und zwar im »Timäos«. Nach ihm setzte Gott
den Mond in den ersten Kreis um die Erde, die Sonne dagegen in den
zweiten Kreis. Von Merkur und Venus heißt es dort[240], sie seien in
die Kreise gesetzt worden, »welche an Schnelligkeit sich zwar mit dem
Kreislauf der Sonne gleich bewegen, jedoch eine diesem entgegengesetzte
Wirksamkeit erlangt haben. Deswegen holen die Sonne, Merkur und Venus
auf gleiche Weise einander ein und werden voneinander eingeholt.«
Mit solchen dunklen Andeutungen war das Problem der Stillstände
und Rückläufe indessen nicht gelöst. Eine Theorie, die sich diesen
Erscheinungen schon besser anpaßte, gab *Eudoxos* durch die Annahme von
»homozentrischen Sphären«. Vermittelst dieser Theorie gelang es, die
Bewegungen des Jupiter und des Saturn vom geozentrischen Standpunkte
aus begreiflich zu machen.
Da die Hypothese des *Herakleides Pontikos* eine Erklärung für
das Verhalten von Merkur und Venus gab, während die Theorie der
homozentrischen Sphären hier versagte, lag es nahe, zu untersuchen, ob
die Hypothese des *Herakleides* sich nicht auf die äußeren Planeten
ausdehnen ließe. So gelangte man zu dem System, das später *Tycho*
annahm. Mond und Sonne bewegen sich danach um die Erde, während die
sämtlichen Planeten gleichzeitig die Sonne umkreisen.
Alle übrigen Gestirne betrachtete man wohl als Gesteinsmassen, welche
durch die Schnelligkeit des Umschwungs erglühten. So dachten *Demokrit*
und *Anaxagoras*, während andere sie für Öffnungen des Himmelsgewölbes
hielten, aus denen das äußerste Element, das Feuer, hervorbrechen
sollte. Später sah man die Fixsterne als Weltkörper an, die ihrem Wesen
nach der Sonne und dem Monde gleich seien. Nach *Herakleides Pontikos*
(s. vorige Seite) endlich war jedes Gestirn wie das unsere eine Welt
für sich.
Daß die Fixsterne sich in verschiedener Entfernung von uns befinden
könnten, vermutete man im Altertum noch kaum[241]. Es herrschte
vielmehr die Vorstellung, daß sämtliche Fixsterne einer Sphäre
angehörten[242]. *Platon* und *Herakleides* waren dagegen der Ansicht,
daß das Weltall unendlich und ebenso wie jedes einzelne Gestirn beseelt
sei.
Gleichzeitig mit den ersten Beobachtungen und Spekulationen über
die Himmelskörper beginnt die Frage nach der Beschaffenheit unseres
irdischen Wohnsitzes den forschenden Geist zu beschäftigen. Lange
dauerte es, bis man sich von dem Eindruck, daß die Erde eine
kreisförmige Scheibe sei, losgerungen hatte. *Homer* und *Hesiod*
waren noch darin befangen. Letzterer läßt die Sonne während der Nacht
im Ozean nach Osten schwimmen, wo sie sich frühmorgens wieder erhebt.
Der Himmel selbst ist nach ihm ein Gewölbe von solcher Höhe, daß ein
schwerer Gegenstand von dort neun Tage und neun Nächte fällt, bis er
die Erde erreicht.
Die Überzeugung, daß die um das Mittelmeer gelegenen Länder nur einen
kleinen Teil der Erde ausmachen, hatte schon vor *Aristoteles* Platz
gegriffen. So sagt *Platon* im Phaedon[243]: »Die Erde ist groß. Wir
haben davon nur einen kleinen Teil um das Mittelmeer herum inne,
während andere Menschen viele andere ähnliche Räume bewohnen.« In
derselben Schrift heißt es, die Erde schwebe in der reinen Himmelsluft
oder dem Äther und sei, von ferne betrachtet, einem Balle ähnlich.
Der Ursprung der Zoologie und der Botanik.
Während die Mathematik, die Philosophie und die Astronomie bei den
Griechen der voraristotelischen Zeit schon deutlich als besondere
Wissenszweige hervortreten, ist dies bezüglich der Botanik und
der Zoologie noch kaum der Fall. Den Pflanzen wandte man sich aus
medizinischem und landwirtschaftlichem Interesse zu. So erzählt
uns *Theophrast*, den wir als einen der frühesten botanischen
Schriftsteller kennen lernen werden, von den Rhizotomen (Wurzelgräbern)
und den Pharmakopolen (Arzneihändlern) der ersten griechischen Zeit.
War das Ziel dieser Männer auch ein überwiegend praktisches und ihr Tun
mit vielen abergläubischen Gebräuchen gemischt, so schufen sie doch
die erste Quelle des Wissens, nämlich die empirische Grundlage, zu der
dann später die Spekulation als zweites nicht weniger wichtiges Element
hinzutreten mußte, um mit der Empirie vereint zu wahrer Wissenschaft
heranzuwachsen[244].
*Theophrast* sagt von den Rhizotomen, sie hätten vieles richtig
bemerkt, vieles aber auch marktschreierisch übertrieben. Daß sie beim
Ausgraben der Wurzeln auf den Flug der Vögel und den Stand der Sonne
achteten, erschien *Theophrast* als Torheit.
Die Pflanzenkenntnis der Griechen und die Zahl der den Hirten, Jägern,
Landleuten und den erwähnten Rhizotomen bekannten Pflanzen waren bei
einer so vielseitigen, mehrere tausend Blütenpflanzen umfassenden
Flora, wie sie Griechenland beherbergt, gewiß nicht unbedeutend.
Einen Rückschluß gestattet uns der Sprachschatz jenes Zeitalters. In
den homerischen Gesängen z. B. werden 63 Pflanzen erwähnt. In den
hippokratischen Schriften finden sich 236 Pflanzennamen, und bei
*Theophrast*, dem Zeitgenossen des *Aristoteles*, begegnen uns gar
455, unter denen nur wenige sind, die nicht der Flora Griechenlands
angehören. Die ältesten fragmentarischen Aufzeichnungen über botanische
Dinge treffen wir bei dem Philosophen *Empedokles*, dem Begründer
der Lehre von den vier Elementen oder, wie er sich ausdrückte, den
Wurzeln der Dinge[245]. Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus sind
die Ansichten, welche *Empedokles* über die Natur der Pflanze äußert,
nicht allzu hoch einzuschätzen. Er meint, unter allen lebenden Wesen
seien zuerst die Bäume aus der Erde hervorgegangen. Seiner Lehre von
der Allbeseelung der Natur entspricht die Meinung, daß die Pflanzen
wie die Tiere Gefühle der Lust und Unlust, ja Einsicht und Verstand
besäßen. »Wisse denn, alles erhielt Anteil an Sinn und Verständnis« ist
ein Wort, das man dem Philosophen zuschreibt[246].
Aus der Beseelung der Pflanzen erklärte *Empedokles* Erscheinungen,
die wir auf mechanische Ursachen zurückführen, wie das Erzittern,
das Ausstrecken der Zweige gegen das Licht und das Emporschnellen
herabgebogener Äste[247]. Auch die ersten Keime der Lehre von den
Geschlechtern der Pflanzen begegnen uns bei *Empedokles*, wenn es
sich bei ihm auch nur um eine dunkle Ahnung handelte. So berichtet
*Aristoteles*, *Empedokles* habe gemeint, auch die Bäume brächten Eier
hervor. Und wie in dem Ei aus einem Teile das Tier entstände, das
Übrige aber Nahrung sei, so entstehe auch aus einem Teile des Samens
die Pflanze, das Übrige aber diene dem Keim und der ersten Wurzel als
Nahrung[248].
Auch anderen griechischen Philosophen werden Äußerungen über die Natur
der Pflanzen zugeschrieben. Sie verdienen zum Teil Erwähnung, wenn wir
uns von den Vorstellungen jener Männer auch kein solch abgerundetes
Bild machen können, wie von denjenigen des *Empedokles*. So soll auch
*Demokrit* aus Abdera über die Pflanzen geschrieben, und einer seiner
Schüler soll bemerkt haben, daß die Blätter einer im Orient wachsenden
Pflanze bei der Berührung zusammenfallen. Wahrscheinlich handelt es
sich um eine dort wachsende Mimosenart. *Anaxagoras* nennt die Sonne
den Vater und die Erde die Mutter der Pflanzen. Auch soll er den
Blättern das Vermögen zu atmen beigelegt haben.
In fast noch engerer Beziehung als zu den Pflanzen befand sich der
Mensch zur Tierwelt. Hier fesselten ihn nicht nur die Formen, sondern
auch die den seinen oft so nahe verwandten Lebensäußerungen und der
innere Bau, der bei den höheren Tieren so große Übereinstimmung mit
dem Bau des menschlichen Körpers darbot. Vor allem waren es die
Haustiere, an denen die ersten zoologischen Kenntnisse gewonnen wurden.
Beim Schlachten und Opfern gewann man einen Einblick in die Anatomie
dieser Geschöpfe. An Haustieren besaßen die Griechen vornehmlich
das Rind, das Pferd, das Schaf, die Ziege, das Schwein und den Hund,
auch wurden Hühner, Gänse, Enten und Tauben gehalten. Was die übrige
Tierwelt anbetrifft, so blieben den Griechen die anthropomorphen
Affen unbekannt. Dagegen kannten sie manche andere Affenart, wie die
Paviane und die Makaken. Mit den großen Raubtieren wurde man besonders
bekannt, nachdem *Alexander* und später die Römer ein Weltreich
gegründet hatten. So gelangten durch *Pompejus* die ersten Tiger und
schon um 200 v. Chr. die ersten Löwen nach Rom. Von den Waltieren war
besonders der Delphin bekannt. Die Papageien erwähnt *Aristoteles*
als indische Vögel. Außer zahlreichen Arten der Knochenfische kannte
man auch die Haifische und die Rochen, zumal den elektrischen Rochen,
ziemlich genau. Von den Weichtieren hatten besonders die Tintenfische
die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Kenntnis von den niederen
Tieren blieb, vielleicht von den Insekten abgesehen, indessen auf einer
niedrigen Stufe.
Einer der ersten, der allgemeine Betrachtungen über das Wesen der
Tierwelt anstellte, war wieder *Empedokles*, mit dessen Ansichten
über die Pflanzen wir uns soeben beschäftigt haben. *Empedokles*
suchte nämlich, bei der näheren Ausführung seiner Lehre von den vier
Elementen, Bestandteile des Tierkörpers, wie das Fleisch, das Blut und
die Knochen, auf eine Mischung jener vier Elemente zurückzuführen.
Vom Rückgrat der Säugetiere meinte er, es sei bei der Entstehung in
einzelne Wirbel zerbrochen[249]. Unter den späteren Philosophen soll
besonders *Demokrit* Tierzergliederungen vorgenommen haben. Seine
Ansichten finden bei *Aristoteles* oft Erwähnung und zeugen mitunter
von einer klaren Einsicht. Der Gegensatz zwischen *Demokrit* und
*Aristoteles* geht besonders aus der Bemerkung des letzteren hervor,
daß *Demokrit* nie vom Zwecke gesprochen habe, sondern »alles, dessen
sich die Natur bedient, auf die Notwendigkeit zurückführe«[250].
*Demokrit* hat seine Ansichten über das Wesen des Organischen in einer
besonderen Schrift entwickelt. Leider ist uns nur der Titel (Über die
Ursachen der Tiere) bekannt[251].
Bei den spekulativen Neigungen der Griechen kann es nicht Wunder
nehmen, daß uns schon bei den ältesten griechischen Philosophen
Anklänge an die Deszendenztheorie begegnen[252]. So lehrte
*Anaximander*, durch die Sonnenwärme seien im Schlamme zuerst
blasige Gebilde entstanden. Daraus seien dann fischartige Geschöpfe
hervorgegangen. Einige von ihnen seien auf das Land gekrochen. Die so
bedingte Änderung der Lebensweise habe auch zu einer Umwandlung der
Gestalt geführt. Auf diese Weise sollten zunächst die landbewohnenden
Tiere und endlich der Mensch entstanden sein. Von letzterem nahm man
an, daß er ursprünglich einem Fische ähnlich gewesen sei. Die gleichen
Ansichten hat *Demokrit* entwickelt. Auch *Epikur* betrachtete alle
Geschöpfe einschließlich des Menschen als Kinder der Erde, die nur
stufenweise Verschiedenheiten aufweisen.
Bei dem Römer *Lucretius*, der in seinem Werke »De natura rerum«
im wesentlichen die Ansichten der griechischen Naturphilosophen
wiedergibt, finden sich gleichfalls Anklänge an die Selektionstheorie,
unter anderm auch der Gedanke, daß das Unzweckmäßige untergehe[253].
Derartige, gelegentlich geäußerte, später als zutreffend anerkannte
Gedanken haben indessen mit der wissenschaftlichen Begründung der
Deszendenztheorie nur wenig gemein. Letztere ist und bleibt eine Tat
des 19. Jahrhunderts, für die in erster Linie *Lamarck* und *Darwin* in
Betracht kommen.
Daß *Darwin* übrigens von den deszendenztheoretischen Ansichten des
Altertums, zwar ohne sie genauer zu kennen, wußte, geht aus seinen
eigenen Worten hervor, in denen er »von den auf seinen Gegenstand
zu beziehenden Andeutungen in den Schriftstellern des klassischen
Altertums« spricht.
Erste Schritte zur Begründung der griechischen Heilkunde.
Zu den frühesten Ursachen, die zur Begründung der Naturwissenschaften
führten, gehört auch das Bestreben, die Krankheiten des menschlichen
Körpers zu heilen. Dieses Bestreben schärfte das Beobachtungsvermögen
und lenkte den Blick auf die umgebende Natur, die man der Heilkunde
dienstbar zu machen suchte. Bevor wir die erste Periode der Entwicklung
der griechischen Wissenschaft verlassen und zu *Aristoteles* und
seine Schule übergehen, wollen wir daher einen kurzen Blick auf eine
der wichtigsten Anwendungen der Naturwissenschaft, auf die Medizin,
werfen. Es ist dies zum Verständnis des Folgenden um so wichtiger,
als *Aristoteles* aus einer alten Ärztefamilie hervorgegangen war und
bei der Errichtung eines philosophischen und naturwissenschaftlichen
Lehrgebäudes zum Teil auf medizinischen Anschauungen fußte.
Aus dem Orient und Ägypten stammende Kenntnisse und Geheimlehren haben
ohne Zweifel die griechische Heilkunde stark beeinflußt, ja sie bilden
vielleicht die Grundlage, auf der sich die Heilkunde in Griechenland
weiter entwickelte. Es blieb jedoch den Griechen vorbehalten, das
Zauberwesen, das den Anfängen dieser Wissenschaft anhaftete, allmählich
abzustreifen und auch hier nach unbefangener Erkenntnis und Verknüpfung
der Tatsachen zu streben[254]. Unter den älteren Ärzten ist besonders
*Alkmäon* von Kroton, ein Schüler des *Pythagoras*, zu nennen[255].
Er wird als der Begründer der Embryologie betrachtet und hat manche
wertvolle anatomische und physiologische Beobachtung gemacht. Nach ihm
wird jede Empfindung durch das Gehirn vermittelt und jede Bewegung von
dort aus geleitet. *Alkmäon* war der Hauptvertreter der im Einklang mit
den Vorstellungen der Pythagoreer ausgebildeten Lehre, daß Gesundheit
und Krankheit aus der harmonischen Mischung gewisser Qualitäten oder
deren Störung zu erklären seien (s. S. 80). Dieser Lehre liegt die uns
sogleich begegnende Anschauung von den vier Temperamenten zugrunde, die
auch auf richtiger Mischung beruhen sollten.
Das wichtigste Dokument, das wir über die medizinische Wissenschaft
der Griechen besitzen, ist die sog. hippokratische Büchersammlung.
Wir begegnen dieser Sammlung seit der Begründung der großen
Bibliotheken in Alexandrien. Als das Werk eines einzigen Mannes sind
die hippokratischen Bücher nicht zu betrachten[256], wenn sich auch
nicht in Abrede stellen läßt, daß *Hippokrates* als Begründer der
wissenschaftlichen Heilkunde, der zuerst das Zerstreute sammelte
und zum Gesamtbild vereinigte, zu betrachten ist[257]. Außer
*Hippokrates*[258], der den Beinamen der Große erhielt, sind noch sechs
andere Ärzte gleichen Namens aus der alten Literatur bekannt. Es kann
daher nicht Wunder nehmen, wenn die Frage nach der Person des großen
*Hippokrates* wenig geklärt ist, zumal keine zuverlässige Biographie
über ihn existiert. Daß nicht *Hippokrates* allein der Verfasser der
ihm zugeschriebenen Schriften sein kann, wird daraus geschlossen, daß
sich in diesen Schriften[259] nicht nur manche Widersprüche finden,
sondern daß uns darin sogar eine Polemik der einzelnen Verfasser
gegeneinander begegnet[260].
Was die Anatomie anlangt, so stützt sich das in den hippokratischen
Schriften enthaltene medizinische Wissen vorzugsweise auf die
Untersuchung der Tiere; doch lagen auch für den Menschen insbesondere
auf dem Gebiete der Osteologie zahlreiche Beobachtungen und Erfahrungen
vor. Am wenigsten waren den Alten der Bau und die Aufgabe des
Nervensystems bekannt. Als besondere Ausläufer dieses Systems entdeckte
man wohl zuerst den Sehnerven, den Gehörnerven und den Trigeminus.
Im übrigen wurden die Nerven und Sehnen zunächst zusammengeworfen.
Empfindung und Bewegung hielt man für immanente Fähigkeiten. Als ihre
Quelle galt das »Pneuma«, das vom Gehirn aus durch die Adern zu allen
Teilen des Körpers fließen sollte[261].
Ein großer Fortschritt gegenüber der ältesten dämonologischen
Auffassung der Krankheiten bestand darin, daß die hippokratischen
Schriften die psychischen Störungen als Wirkungen körperlicher
Krankheitszustände auffaßten. Letztere werden durch eine Störung des
Gleichgewichtes zwischen den vier Flüssigkeiten (Humores) aufgefaßt,
die den Körper bilden. Als solche galten das Blut, der Schleim, die
gelbe und die schwarze Galle. Die Natur wird als heilbringender Faktor
gewürdigt. Sie finde, heißt es von ihr, auch ohne Überlegung immer
Mittel und Wege. Auch einer vernünftigen Prophylaxe wird das Wort
geredet. Die Gicht wird z. B. auf Wohlleben zurückgeführt und Mäßigkeit
und Unverdrossenheit hygienisch außerordentlich hoch gewertet. Als
therapeutisches Mittel wird schon die Musik empfohlen. Von der Höhe
der gesamten Auffassung, die uns in den hippokratischen Schriften
begegnet, zeugt der Ausspruch: Das Kennen erzeugt die Wissenschaft, das
Nichtwissen den Glauben. Jedoch war man sich der Grenzen des ärztlichen
Könnens wohl bewußt und erkannte an, daß der beste Arzt die Natur
selbst sei. Im Einklang damit war man in erster Linie bestrebt, den
natürlichen Vorgang der Heilung zu unterstützen. An Amputationen wagte
man sich noch nicht heran, da man das Unterbinden der Adern noch nicht
verstand. Bekannt ist der Hippokratische Satz: »Was die Arzneimittel
nicht heilen, heilt das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt das
Feuer. Was endlich das Feuer nicht heilt, das ist überhaupt nicht zu
heilen«[262].
Unter den hippokratischen Schriften ist diejenige »Über die Diät«
in zoologischer Hinsicht wichtig. Sie enthält nämlich unter den
Nahrungsmitteln eine Aufzählung von etwa 50 Tieren in absteigender
Reihenfolge. Auf die Säugetiere folgen die Land- und Wasservögel, die
Fische, dann die Muscheltiere und endlich die Krebse. Reptilien und
Insekten werden nicht erwähnt, weil sie nicht gegessen wurden. Dieses
Tiersystem, das man wohl als das »koische« bezeichnet hat (etwa 410 v.
Chr.), kann als ein Vorläufer des Aristotelischen Tiersystems, das uns
im nächsten Abschnitt beschäftigen soll, betrachtet werden[263].