Den ersten naturwissenschaftlichen und mathematischen Lehrgebäuden,
die in der Blütezeit des griechischen Geisteslebens entstanden, gingen
ungemessene Zeiträume voraus, in denen die einfachsten Überlegungen
und Beobachtungen, die Grundlagen aller Wissenschaft, teils zufällig,
teils auch schon mit bestimmter Absicht angestellt, selten aber nach
ihrem Werte gesichtet und aufgezeichnet wurden. Aus dieser Periode
stammende Urkunden sind deshalb höchst spärlich, so daß sich die
Wurzeln der Naturwissenschaften wie so mancher anderen Betätigungen des
menschlichen Geistes, im Dunkel vorgeschichtlicher Zeiten verlieren.
Soviel ist jedoch gewiß, daß wir diese Wurzeln nicht in Griechenland
zu suchen haben, wo uns die ersten wissenschaftlichen Systeme
entgegentreten.
In den Niederungen des Nils und des Euphrats, den ältesten Stätten
der Kultur, haben sich auch die ersten Kenntnisse entwickelt, die
sich über die Ergebnisse der oberflächlichen Betrachtung und der
naiven Anschauung erhoben. Durch die Berührung mit den in Ägypten und
in Vorderasien entstandenen Elementen entzündete sich alsdann der
prometheische Funke, der in den Griechen schlummerte. Ihnen gelang es,
diese Elemente nicht nur in sich aufzunehmen, sondern sie durch eigenes
Forschen zu vervielfältigen und den Baum der Erkenntnis zu pflanzen,
der nach einer langen Zeit der Dürre zu dem gewaltigen Stamme erwuchs,
von dem die Segnungen der heutigen Kultur in erster Linie ausgegangen
sind.
Die Entwicklung der Naturwissenschaften ist seit der frühesten Zeit
mit derjenigen des mathematischen Denkens Hand in Hand gegangen. Auch
in dieser Hinsicht sind die ersten Regungen auf die Ägypter und die
Babylonier zurückzuführen. War man früher bezüglich dieser beiden
Völker fast nur auf die uns durch die Literatur übermittelten, zum
Teil recht zweifelhaften Berichte angewiesen, so hat unser Zeitalter,
indem es den Schutt von den Ruinen Ägyptens und Mesopotamiens wegräumte
und die alten Schriftzeichen entziffern lernte, die Geschichte, die
Kenntnisse, ja das gesamte Leben jener ältesten Völker aus dem Dunkel
und der Vergessenheit nach Jahrtausenden ans Licht gebracht.
Zwar ist die Kultur im Osten und im Süden Asiens vielleicht ebenso
früh entstanden wie diejenige, die in den Tälern des Nils und des
Euphrats emporblühte. Dennoch wird eine Geschichte der gesamten exakten
Wissenschaften auf Indien und China nur wenig Rücksicht zu nehmen
brauchen, weil die dort wohnende Bevölkerung sehr abgeschlossen lebte
und infolgedessen auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen
Kenntnisse in Vorderasien und Europa nur geringen Einfluß gehabt hat.
Die Kultur der Ägypter.
Wenden wir uns daher zunächst den Ägyptern zu, dem Volke, das
wohl die älteste Literatur und die ersten mathematischen,
naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisse hervorbrachte.
Die griechische Überlieferung, nach welcher die Ägypter von
Süden her aus Äthiopien in das Niltal eingewandert sind, hat der
neueren anthropologischen und Altertumsforschung gegenüber nicht
Stand gehalten[2]. Wir müssen vielmehr annehmen, daß die alten
Ägypter protosemitischen Ursprungs, also mit den Babyloniern durch
Abstammung verwandt waren[3]. Darauf weisen nicht nur sprachliche
Eigentümlichkeiten, sondern auch der Umstand hin, daß die Kultur sich
in Ägypten[4] von der Mündung aus stromaufwärts ausbreitete.
Der fruchtbare, zu beiden Ufern des Nils sich durch die Wüste
hinziehende Streifen Landes, der das eigentliche Ägypten bildet, erwies
sich in der Hand der geistig höher begabten Ankömmlinge als ein für die
Entwicklung einer hohen Kultur vortrefflich geeigneter Boden. Zuerst
erblühte sie in Memphis, in dessen Mauern die Wissenschaften gepflegt
wurden und die Künstler Meisterwerke hervorbrachten. Die höchste Blüte
entfaltete sie indessen, nachdem um das Jahr 1600 v. Chr. das neue
Reich mit der Hauptstadt Theben gegründet war. In der Nähe der beiden
Hauptplätze entstanden in der Wüste monumentale Begräbnisstätten,
welche den Wechsel der Zeiten in solchem Maße überstanden haben,
daß durch die neuere archäologische Forschung, wie einer ihrer
Hauptvertreter sagt[5], nach und nach das ganze alte Ägypten wieder
emporsteigt und im vollen Lichte der Geschichte erscheint, so daß die
Menschen jener entlegenen Zeiten für uns die gleiche Wirklichkeit
erhalten wie die alten Griechen und Römer.
Bis zum 19. Jahrhundert war man im wesentlichen auf die Berichte
griechischer und römischer Schriftsteller angewiesen. Zahlreiche,
mit der ägyptischen Hieroglyphenschrift bedeckte Schriftdenkmäler
waren zwar nach Europa gelangt. Die Kenntnis dieser Schrift, sowie
der daraus durch Abkürzung entstandenen hieratischen und demotischen
Form[6], war aber mit dem Ende des 3. Jahrhunderts infolge des
siegreichen Vordringens des Christentums verloren gegangen. Um ihre
Entzifferung bemühte man[7] sich schon im 17. Jahrhundert. Sie gelang
erst, als nach dem ägyptischen Feldzuge Napoleons die archäologische
Erforschung des Nillandes in Angriff genommen wurde. Epochemachend war
die Entdeckung einiger in Stein gemeißelter Erlasse, wie desjenigen
von Rosette (1799). Es ist das eine Basalttafel (jetzt im Britischen
Museum), welche die nämliche Bekanntmachung (von 197 v. Chr.) in
drei verschiedenen Sprachen enthält. Der eine Text bedient sich der
altägyptischen Sprache und der Hieroglyphenschrift. Die Übersetzungen
dagegen sind in der Volkssprache und der ihr entsprechenden demotischen
Schrift, sowie in griechischer Sprache und Schrift erfolgt. Das größte
Verdienst um die Entzifferung hat sich *Champollion*, der Begründer
der Ägyptologie, erworben. Unter den Fortsetzern seines Werkes ist
vor allem *Lepsius*, der eine preußische Expedition zur Erforschung
der Denkmäler Ägyptens (1842-45) leitete, zu nennen. Er entdeckte
das in zwei Sprachen abgefaßte Dekret von Kanopus (238 v. Chr.), das
einen Einblick in die Zeitrechnung der alten Ägypter gewährt. Zu den
Steininschriften sind in großer Zahl Texte auf Papyrus, Leder und
Tonscherben getreten. Auch Keilschriften haben sich auf ägyptischem
Boden (in Tell el-Amarna; siehe S. 15) gefunden.
Der Gründung der ersten ägyptischen Dynastie, die um 3300 v. Chr.
durch Mena (Menes) erfolgte, müssen schon ausgedehnte Zeiträume einer
ruhigen Entwicklung vorausgegangen sein, da uns schon während der
ersten Dynastien, deren die ägyptische Geschichte bis zum Beginn der
griechischen Herrschaft insgesamt dreißig zählt, eine hochentwickelte
Kultur entgegentritt. Dies spricht sich sowohl in den erhaltenen
Baudenkmälern, wie in den schriftlichen Überlieferungen jenes
Zeitraumes aus. So sind die während der vierten Dynastie von Chufu,
Chafra und Menkera errichteten großen Pyramiden nicht nur wahre Wunder
der Baukunst, sondern die ganze Anlage dieser, im 4. Jahrtausend
v. Chr. Geburt entstandenen Werke weist auf astronomische und
mathematische Kenntnisse hin, die man in solch altersgrauer Zeit kaum
vermuten sollte. So sind die vier Seiten der Pyramiden genau nach den
Haupthimmelsgegenden gerichtet, während der Winkel, den die Seitenwände
mit der Grundfläche bilden, wenig oder gar nicht von 52° abweicht, eine
Tatsache, die, wie wir später sehen werden, auf elementare Kenntnisse
in der Trigonometrie und Ähnlichkeitslehre hinweist.
Auch daß man schon ein Jahrtausend vor Menes, nämlich im Jahre 4241
v. Chr., in Unterägypten nach einem verbesserten Kalender zu rechnen
begann, spricht dafür, daß die Ägypter bereits ein Kulturvolk waren,
als sonst überall auf der Erde, Babylonien nicht ausgeschlossen, das
Dunkel vorgeschichtlicher Zustände herrschte[8].
Daß für die Anlage der altägyptischen Bauwerke häufig astronomische
Gesichtspunkte maßgebend waren, beweist uns auch die Lage mancher
Tempel. So ist durch den englischen Astronomen *Lockyer* ein Tempel
bekannt geworden, dessen Hauptachse gegen den Aufgangspunkt des von
den Ägyptern als Gottheit verehrten Sirius gerichtet ist[9]. Nach
*Lockyer* weist die Achse eines anderen Tempels auf den Punkt, an dem
die Sonne zur Zeit der Sommersonnenwende untergeht. Bei der gewaltigen
Länge des Tempels vermochten die Sonnenstrahlen nur an diesem einen
Zeitpunkt des Jahres durch den ganzen Tempel hindurch zu scheinen. Auf
solche Weise wurden die Tempel zu astronomischen Observatorien, die
eine genauere Bestimmung der Jahreslänge ermöglicht haben[10].
Aus den ägyptischen Baudenkmälern läßt sich auch ermitteln, wann die
Bewohner des Nillandes mit der babylonischen Sechsteilung des Kreises
bekannt wurden. Bis zur Zeit der 18. Dynastie begegnen uns nämlich nur
Verzierungen, die auf der Vierteilung des Kreises beruhen. Mit der
19. Dynastie tritt an Ornamenten und an Wagenrädern die Teilung nach
der Sechs auf. Nun ist bekannt geworden, daß um jenen Zeitpunkt, als
Vorderasien den Ägyptern tributpflichtig wurde, Geschenke an den Hof
der Pharaonen gelangten, welche die Sechs- und Zwölfteilung des Kreises
aufweisen[11]. Wir können also an diesem Beispiel verfolgen, auf
welchen Wegen die Kenntnisse von Volk zu Volk übermittelt wurden.
Der außerordentlich frühen Verwendung von Schriftzeichen entspricht
es, daß die ältesten Dynastien bereits Aufzeichnungen sammelten. Im
3. Jahrtausend v. Chr. gab es schon besondere Beamte, welche die
Bibliotheken verwalteten. Ja, ein Sohn des Mena, des Begründers der
ersten Dynastie, wird als Verfasser medizinischer Schriften erwähnt[12].
Die ägyptische Bilder- oder Hieroglyphenschrift tritt uns auf den
älteren ägyptischen Denkmälern als etwas Fertiges entgegen. Offenbar
ist sie aber das Erzeugnis einer langen vorgeschichtlichen Entwicklung.
Nicht nur Gegenstände, sondern auch abstrakte Begriffe und Zeitwörter
vermochte diese Schrift zum Ausdruck zu bringen. Ohne Verkürzung und
Vereinfachung finden wir die Hieroglyphen[13] nur auf Steindenkmälern,
deren sorgfältig bearbeitete Flächen jeden Beschauer in Erstaunen
setzen. Für den täglichen Gebrauch wurden die Zeichen später in solchem
Grade vereinfacht, daß ihre ursprüngliche Form kaum wieder zu erkennen
ist (s. S. 3).
Indes nicht nur von den Geschehnissen, der Tracht und den Gebräuchen,
sondern auch von dem Wissen jener Zeiten können wir uns auf Grund
der aus den Gräbern und Tempeln von Memphis und Theben herrührenden
Schriftdenkmäler heute ein ziemlich zutreffendes Bild machen.
Daß schon zur Zeit des alten Reiches in Ägypten eine umfangreiche
Literatur bestand, kann mit Sicherheit angenommen werden. Besaß doch,
wie aus einer Grabinschrift bei Gizeh hervorgeht, ein Großwürdenträger,
der um 2200 v. Chr. lebte, den Titel »Verwalter des Bücherhauses«[14].
Von jener ältesten Literatur sind jedoch nur spärliche Bruchteile
erhalten geblieben. Neben religiösen, moralphilosophischen und
geschichtlichen Schriften umfaßte diese Literatur auch Abhandlungen
über Astronomie, Mathematik und Heilkunde, welche die Grundlagen für
spätere vollständigere, auf uns gekommene ägyptische Schriftdenkmäler
gebildet haben.
Ihren Höhepunkt erreichte die altägyptische Kultur um das Jahr 2000
vor Christi Geburt. Um diese Zeit wurde Ägypten zur Großmacht, die
erobernd in Vorderasien eindrang und mit dem babylonischen Reich in
enge Fühlung trat. Es entwickelte sich sogar ein reger schriftlicher
Verkehr zwischen den Pharaonen und den Königen Babylons, sowie den
asiatischen Vasallen. Dies beweisen die in großer Zahl im Jahre 1888 in
Ägypten[15] aufgefundenen Tontafeln mit Keilinschriften, welche heute
den wertvollsten Schatz der Museen von Kairo, London und Paris bilden.
Mathematik und Technik der Ägypter.
In Ägypten, sagt *Aristoteles* (Metaphys. I, 1), entstand die
mathematische Wissenschaft, denn hier war den Priestern die dazu
nötige Muße vergönnt. Nach einer Erzählung *Herodots*[16] dagegen
entsprang für die Ägypter die Notwendigkeit, die Geometrie zu
erfinden, dem Umstande, daß die Grenzen ihrer Ländereien durch die
jährlichen Überschwemmungen des Nils verwischt wurden und deshalb
durch Vermessung wiederhergestellt werden mußten. Welche Bewandtnis
es auch mit diesem Bericht des griechischen Geschichtsschreibers
haben mag, jedenfalls ist die Geometrie der frühesten Kulturvölker
aus den Bedürfnissen des Lebens hervorgegangen. Die Ansicht, daß
sie einem idealistischen Drange entsprungen sei, dürfte nur für die
späteren Entwicklungsstufen zutreffen[17]. Für das ehrwürdige Alter
der Mathematik in Ägypten spricht auch die von dort stammende älteste
Urkunde dieser Wissenschaft[18]. Es ist dies eine Art Handbuch für
den praktischen Gebrauch, das um das Jahr 1800 v. Chr. verfaßt
wurde und neben zahlreichen arithmetischen Aufgaben, bei denen
schon die Bruchrechnung Anwendung findet, auch die erste Behandlung
arithmetischer und geometrischer Reihen, Flächenberechnungen der
einfacheren Figuren, wie sie für die Absteckung der Felder in Betracht
kommen, sowie die Bestimmung des Rauminhalts von Fruchtspeichern
enthält. Sogar der Flächeninhalt des Kreises wird in diesem Papyrus
ermittelt. Dies wird in der Weise bewerkstelligt, daß man über dem um
1/9 verminderten Durchmesser ein Quadrat errichtet. Hieraus läßt sich
für π der überraschend genaue Wert 3,16 (statt 3,14) berechnen.
Bezeichnend sind die Worte, mit denen *Ahmes* sein Handbuch einleitet.
Sie lauten: »Vorschrift, zu gelangen zur Kenntnis aller dunklen Dinge
und Geheimnisse, welche in den Gegenständen enthalten sind.« Sie
erinnern an die 1-1/2 Jahrtausend später auftretenden Pythagoreer,
die auch Zahl und Maß als wirkliche, in den Dingen geheimnisvoll
schlummernde Wesen betrachteten. Auf das außerordentlich hohe Alter der
Mathematik in Ägypten läßt sich übrigens auch daraus schließen, daß
*Ahmes* in seiner Einleitung ausdrücklich sagt, er habe sein Buch nach
alten Schriften verfaßt, die zur Zeit eines früheren Königs entstanden
seien. Diese Schriften waren, wie aus jener Zeitangabe hervorgeht, etwa
500 Jahre älter als das Buch des *Ahmes* und setzen ihrerseits wieder
eine lange Periode voraus, in welcher die niedergelegten Kenntnisse
langsam heranwuchsen, ohne schriftlich festgelegt zu werden.
Ohne Zweifel hat man, da das Rechnen aus den Bedürfnissen des Lebens
entsprungen ist, zuerst mit benannten Zahlen gerechnet und ist erst
später zu abstrakten Zahlen übergegangen. Das Rechnen mit diesen stand,
wie der Papyrus Rhind beweist, im 20. Jahrhundert v. Chr. bereits auf
einer Höhe, wie man sie vor dem Bekanntwerden jener wichtigen Urkunde
nicht vermuten konnte[19].
*Ahmes* setzt das Rechnen mit ganzen Zahlen voraus und befaßt sich in
seinen Aufgaben unter Anwendung der Brüche besonders mit dem, was wir
heute Gesellschaftsrechnung nennen. Die von ihm benutzten Brüche sind
Stammbrüche, d. h. solche, die eins als Zähler haben. Einen Stammbruch
schreibt er, indem er über die Zahl des Nenners einen Punkt setzt.
Jeder andere Bruch wird als Summe von Stammbrüchen ausgedrückt, z. B.
2/5 durch 1/3 und 1/15, die ohne Additionszeichen nebeneinander gesetzt
werden. Die Darstellung eines beliebigen Bruches durch Stammbrüche
stellt *Ahmes* an die Spitze.
Um Brüche, die keine Stammbrüche sind, in Summen von Stammbrüchen zu
verwandeln, gibt *Ahmes* eine Tafel der Brüche[20] von der Form 2/(2n +
1) (n = 1, 2, 3 ... 49). Brüche mit höherem Zähler werden in eine Summe
gleichnamiger Brüche zerlegt. An solchen Stammbruchsummen werden die
Grundrechnungsarten vollzogen.
Manche Aufgabe, die *Ahmes* bringt, stellt sich als eine Gleichung
ersten Grades mit einer Unbekannten dar. Letztere wird als Haufen
bezeichnet. So lautet ein Beispiel: »Haufen, sein 2/3, sein 1/2, sein
1/7, sein Ganzes, es beträgt 33.« Das heißt nach heutiger Schreibweise:
(2/3)x + (1/2)x + (1/7)x + x = 33. Um x zu finden, wird dann (2/3 + 1/2
+ 1/7 + 1) so lange vervielfältigt, bis 33 herauskommt. Als weiteres
Beispiel sei eine von den Aufgaben aus der Gesellschaftsrechnung
mitgeteilt. Sie lautet: »Zu verteilen 700 Brote unter vier Personen,
2/3 für den Einen, 1/2 für den Zweiten, 1/3 für den Dritten, 1/4
für den Vierten.« Als Gleichung geschrieben würde die Aufgabe in
der Ausdrucksweise der heutigen Arithmetik lauten: (2/3)x + (1/2)x
+ (1/3)x + (1/4)x = 700. Der Wert für x wird dann nach folgender
Vorschrift gefunden: Addiere 2/3, 1/2, 1/3 und 1/4; das gibt 1 + 1/2 +
1/4. Teile dann 1 durch 1 + 1/2 + 1/4; das gibt 1/2 + 1/14. Nimm dann
1/2 und 1/14 von 700; das ergibt 400 für x.
Außer der Hieroglyphe für die Unbekannte (unser x) besaßen die alten
Ägypter noch einige andere Operationszeichen. Z. B. galt ein Zeichen,
das schreitende Beine darstellt, je nach der Richtung als Zeichen
für die Addition oder als solches für die Subtraktion. Auch für die
Gleichsetzung war ein Zeichen vorhanden. Bekannt war auch schon der
Begriff der Wurzel. Bis vor kurzem nahm man an, daß die alten Ägypter
diesen Begriff nicht kannten. Neuerdings sind aber Papyrusfragmente
(aus der 12. Dynastie) bekannt geworden, in denen sich vermerkt findet,
daß √(16) = 4, √(6-1/4) = 2-1/2 und √(1-9/16) = 1-1/4 ist[21].
Das Verfahren des Wurzelziehens dagegen ist wahrscheinlich erst in der
pythagoreischen Schule entwickelt worden, als man größere Quadratzahlen
bildete, deren Grundzahl nicht ohne weiteres ersichtlich war, vor allem
aber, als es galt, nach dem pythagoreischen Lehrsatz die Hypotenuse aus
den Katheten zu berechnen.
Ferner begegnen uns Gleichungen wie die folgenden:
2^2 + (1-1/2)^2 = (2-1/2)^2
6^2 + 8^2 = 10^2.
Endlich sind Rollen aus der Zeit um 2000 v. Chr. bekannt geworden,
in denen sich Anweisungen über die Festlegung der Wandrichtungen bei
Tempelbauten finden. Das Verfahren bestand im »Seilspannen«, das heißt,
man teilte ein Seil im Verhältnis 3 : 4 : 5 und bildete aus diesen
Stücken ein Dreieck, um so den gesuchten rechten Winkel zu erhalten.
Darauf stützt sich die Ansicht, daß der pythagoreische Lehrsatz wohl
auf ägyptische Anregungen zurückzuführen sei[22].
Ganz geschickt waren die Ägypter, wie aus dem Handbuch des *Ahmes*
hervorgeht, auch schon in der Lösung von Aufgaben, die auf die
Anwendung von arithmetischen und geometrischen Reihen hinauslaufen.
Auch hier mögen einige Beispiele uns mit den ersten Schritten auf
diesem Gebiete bekannt machen. *Ahmes* stellt die Aufgabe, 100 Brote
an 5 Personen in arithmetischer Progression so zu verteilen, daß
die zwei ersten Personen, welche die geringeren Anteile erhalten,
zusammen 1/7 von dem bekommen, was auf die 3 übrigen Personen entfällt.
*Ahmes* setzt zunächst das kleinste Glied gleich 1 und sagt dann ohne
Begründung: »Mache, wie geschieht, den Unterschied gleich 5-1/2«. So
erhält er die arithmetische Reihe: 1, 6-1/2, 12, 17-1/2, 23. Sie genügt
zwar der Bedingung, daß die Summe der beiden ersten Glieder gleich 1/7
von der Summe der drei letzten ist. Indessen enthält diese Reihe statt
der gegebenen 100 nur 60 Einheiten. Da aber 100 das 1-2/3fache von 60
ist, verbessert *Ahmes* den unrichtigen, aber auch nur vorläufigen
Ansatz, indem er jedes Glied der Reihe mit 1-2/3 multipliziert. Er
findet so ganz richtig die allen Bedingungen entsprechende Reihe 1-2/3,
10-5/6, 20, 29-1/6, 38-1/3.
Bei einer anderen Aufgabe schimmert schon die Kenntnis der
Summierungsformel[23] für die geometrische Reihe durch. Als Summe der
fünf ersten Potenzen von sieben: 7 + 49 + 343 + 2401 + 16807 wird
19607 gefunden. Dies geschieht nicht nur durch Addition, sondern indem
*Ahmes* das Produkt von 2801 und 7 bildet. Letzteres Verfahren steht
nun in auffallender Übereinstimmung mit der Summenformel s = ((a^n -
1)/(a - 1)) · a. Denn für den vorliegenden Fall ist ((a^n - 1)/(a - 1))
· a = ((7^5 - 1)/6) · 7 = 2801 · 7.
Weit verbreitet war bei den Ägyptern wie bei den Griechen und den
übrigen Völkern des Altertums das Rechenbrett (Abacus). Die Zahlen
wurden eingeschrieben oder durch Steinchen, Stifte oder sonstige Marken
bezeichnet[24].
Vergegenwärtigt man sich die Wunder der Ingenieur- und der Baukunst,
welche die alten Ägypter schufen, sowie ihre von *Herodot* erwähnten
Kenntnisse in der Vermessungskunde, so muß man annehmen, daß die
Geometrie bei diesem Volke nicht minder wie das Rechnen gepflegt wurde.
Höchst wahrscheinlich gab es auch für die Geometrie schon Lehrbücher
von der Art, wie uns der Zufall ein solches in dem Handbuch des
*Ahmes* für die Arithmetik in die Hände gespielt hat. Leider ist ein
ausschließlich der Geometrie gewidmeter Papyrus bisher noch nicht
entdeckt worden. Indessen hat sich das Handbuch des *Ahmes* auch für
die Kenntnis des geometrischen Wissens der Ägypter als eine Fundgrube
erwiesen[25]. In welcher Weise die Fläche des Kreises ermittelt
wurde, haben wir schon erwähnt. Hier sei noch ein Beispiel für die
Dreiecksberechnung mitgeteilt. Es handelt sich um ein gleichschenkliges
Dreieck, dessen Schenkel 10 und dessen Grundlinie 4 Maßeinheiten lang
sind. »Die Hälfte von 4 wird mit 10 vervielfältigt; sein Flächeninhalt
ist es.« So lautet die Lösung bei *Ahmes*[26]. Eine Begründung dieses
Verfahrens, das ja zwar kein richtiges, indessen, wenn die Basis
verhältnismäßig klein ist, ein von der Wahrheit nur wenig abweichendes
Ergebnis liefert, findet sich bei *Ahmes* nicht. Seiner Lösung liegt
die Formel (b/2) · a zugrunde (siehe Abb. 1), während die richtige
Formel b/2 · √(a^2 - (b^2/4)) lautet. Letztere läuft also auf die
Ausziehung einer Quadratwurzel hinaus, ein Verfahren, das bei *Ahmes*
nirgends vorkommt, und das er vermutlich auch nicht kannte, so daß wir
eine genaue Berechnung des Flächeninhalts von ihm auch nicht erwarten
dürfen.
[Illustration: Abb. 1.]
Handelte es sich um das Ausmessen von weniger einfachen Figuren, so
bedienten sich die Ägypter der Zerlegung durch Hilfslinien. So hat man
alte Zeichnungen gefunden, in denen das Paralleltrapez auf mehrfache
Weise zerlegt ist (s. Abb. 2).
[Illustration: Abb. 2. Geometrische Elemente in altägyptischen
Verzierungen[27].]
In den Geräten und Zieraten, die auf der Kreisteilung beruhen, kommt
die Teilung in 4 und 8, sowie in 6 und 12 Sektoren vor, während man
einer Teilung in 5 und 10 Sektoren nicht begegnet[28].
Nicht nur mit Flächen- und Inhaltsbestimmungen, sondern auch mit
Streckenverhältnissen und den Eigenschaften der Winkel waren die
Ägypter zur Zeit des mittleren Reiches schon bis zu einem gewissen
Grade vertraut. Auch die Konstruktion des rechtwinkligen Dreiecks aus
den Strecken 3, 4 und 5 scheint ihnen schon sehr früh bekannt gewesen
zu sein, wenn sie auch nicht durch mathematische Ableitung, sondern
als Erzeugnis der Erfahrung in ihren Besitz gelangt sein werden[29].
Um die große Genauigkeit zu erklären, die uns bei den Pyramiden
nicht nur in den Abmessungen des ganzen Bauwerkes, sondern auch
in der Bearbeitung der einzelnen Steine begegnet, muß man bei den
alten Ägyptern schon einige Bekanntschaft mit den Grundlehren der
Ähnlichkeitslehre und der Trigonometrie voraussetzen. Dafür sprechen
auch die Abschnitte, die *Ahmes* in seinem Handbuch dem Pyramidenbau
widmet. In diesen Abschnitten begegnet uns nämlich ein Ausdruck[30],
der wahrscheinlich das Verhältnis der halben Diagonale zur Seitenkante
der Pyramide bedeutet, also dem Cosinus des Winkels, den diese beiden
Linien bilden, entsprechen würde. Dieses oder ein entsprechendes
Verhältnis muß den Bauleitern und Steinmetzen stets gegenwärtig gewesen
sein, da sich die genaue Übereinstimmung der Winkel, welche die Kanten
mit dem Erdboden bilden, sonst nicht erklären läßt.
In Anbetracht dieser frühen Entwicklung der Geometrie muß es auffallen,
daß die Ägypter die Kunst des perspektivischen Zeichnens noch nicht
entwickelt haben, wie aus ihren Reliefs und Wandgemälden, die in so
großer Fülle und in solch vortrefflichem Zustande auf unsere Zeit
gelangt sind, hervorgeht.
Das Handbuch des *Ahmes* beweist, daß die Mathematik fast zwei
Jahrtausende vor Beginn unserer Zeitrechnung in Ägypten schon eine hohe
Entwicklungsstufe erreicht hatte. Dabei ist noch zu berücksichtigen,
daß sich in dieser Urkunde manche Fehler finden, welche die Vermutung
nahe legen, daß es sich hier nur um eine Schülerarbeit handelt. An die
Mathematik der Ägypter haben zunächst die Griechen angeknüpft. Die
ägyptische Stammbruchlehre läßt sich sogar über die Zeit der Araber
hinaus, bis in das deutsche Mittelalter verfolgen. Ferner ist die
Beweisform des Euklid, der wir noch heute folgen, ägyptischen Mustern
nachgebildet[31].
Wie auf dem Gebiete der Wissenschaften, so haben die Ägypter auch auf
dem Gebiete der Technik Grundlegendes geschaffen. Vergegenwärtigt man
sich ihre Leistungen auf diesem Gebiete, so erscheint es durchaus
berechtigt, von einer Ingenieurtechnik und einer Ingenieurmechanik
schon bei den alten Ägyptern zu reden[32]. Durch ähnliche Bedingungen
hervorgerufen, entstanden diese Zweige menschlichen Schaffens bei den
Bewohnern des Zweistromlandes, um dann ihre weitere Entwicklung zu
erstaunlichen Leistungen bei den Griechen und den Römern zu erfahren.
Die Ingenieurtechnik entstand im steten Kampfe des Menschen mit den
Kräften der Natur und durch sein Bestreben, sich nicht nur gegen
diese Kräfte zu behaupten, sondern sie sich dienstbar zu machen.
Die frühesten Aufgaben der Ingenieurtechnik betrafen das Wasser in
allen seinen Formen und Wirkungen. Durch alle Mittel der künstlichen
Bewässerung gelang es den Ägyptern und den Babyloniern, ihre Wohnsitze
zu Kornkammern für die Alte Welt zu machen. Mit der Pflege und mit der
Vernachlässigung der hierfür geschaffenen Einrichtungen stieg und sank
die Bedeutung jener Länder und ihrer Bewohner. Da dem Unterlauf des
Nils, sowie Mesopotamien der Regen fast ganz fehlt, so ließ sich der
Ackerbau in diesen Landstrichen nur dadurch heben, daß ein verwickeltes
System von Stauwerken und Kanälen unter Anpassung an die wechselnde
Wassermenge der Flüsse geschaffen wurde.
Aufgaben ganz anderer Art erwuchsen der Ingenieurmechanik schon im
Altertum aus dem Bemühen, das Wasser als Verkehrsmittel zu benutzen,
Wasserwege zu schaffen. Das Großartigste, was uns auf diesem Gebiete im
alten Ägypten begegnet, ist die Herstellung einer Verbindung zwischen
dem Mittelländischen und dem Roten Meer. Man ist geneigt, die Idee
und die Ausführung dieses Projektes als etwas ganz Neuzeitliches zu
betrachten, und dennoch sind der Plan und seine Verwirklichung uralt.
Schon zur Zeit Ramses des Zweiten, um 1300 vor Christi Geburt, bestand
ein Kanal, welcher den mittelsten der kleinen, auf der Landenge von
Suez befindlichen Seen mit einem etwa 70 km westlich fließenden Arm
des Nils verband. Was lag näher als der Gedanke, eine Fortsetzung nach
dem Roten Meere zu schaffen und so zwei Weltmeere, wenn auch durch
die Vermittelung eines Flusses, in Verbindung zu setzen? Unter den
Ptolemäern und den Arabern wurde diese Wasserstraße ihrer Bedeutung
entsprechend gut im Stande gehalten. Erst vom 8. Jahrhundert n. Chr. an
verfiel der Kanal, welcher dem später infolge der Entdeckungsreisen
aufkommenden Weltverkehr auch nicht genügt haben würde.
Geradezu rätselhaft sind die technischen Leistungen, die uns im alten
Ägypten dort begegnen, wo es sich um die Fortbewegung gewaltiger Lasten
handelt. Auf weite Strecken wurden Steinmassen fortgeschafft, deren
Gewicht sich auf 3-400 Tonnen beziffert. Das Aufrichten der aus einem
einzigen Granitblock gemeißelten, bis zu 30 m hohen, ein Gewicht von
3-400000 kg besitzenden Obelisken würde selbst der heutigen Technik
große Schwierigkeiten bereiten[33]. Über die Ausführung bestehen nur
Vermutungen. Daß es dabei an maschinellen Hilfsmitteln nicht fehlte,
unterliegt indessen keinem Zweifel. Ungeheure Sklavenheere ersetzten
zwar im Altertum bis zu einem gewissen Grade die Maschinen. Dies
allein genügt indes nicht zur Erklärung solcher Leistungen. Es mußten
intelligente Führer, die mit der Konstruktion und der Handhabung
mechanischer, wenn auch nur empirisch beherrschter Mittel vertraut
waren, hinzukommen.
Auch mit der Metallbereitung waren die Ägypter früh bekannt. Um die
Zeit des Menes (3300 v. Chr.) war das Kupfer schon ziemlich verbreitet.
Es wurde besonders auf der Halbinsel Sinai gewonnen. Silber und Eisen
waren fast ebenso früh bekannt.
Bis zum Jahre 3000 etwa haben die Ägypter reines Kupfer verwandt. Von
diesem Zeitpunkt an haben sie das Kupfer mit Zinn legieren gelernt.
Das erste Metall, das die Völker der Alten Welt kennen und bearbeiten
lernten, war ohne Zweifel das Gold. Für die Ägypter kam als Fundort
besonders das Bergland zwischen dem Nile und dem Roten Meer in
Betracht. Auch Arabien war reich an Gold. An den Küsten des Roten
Meeres wird wohl auch Salomos Goldland Ophir zu suchen sein.
Eigentümlich ist dem ägyptischen Wesen, daß es vorwiegend auf
das Praktische gerichtet war. Die alten Ägypter besaßen eine
hochentwickelte Heilkunde; sie waren geschickt im Feldmessen und im
Rechnen. Sie haben sich schon gut am Himmel zu orientieren verstanden.
Die Sterne zu deuten, wie es die Babylonier taten, lag ihnen jedoch
fern.
Die babylonisch-assyrische Kultur.
Viel später als die Kultur der alten Ägypter ist diejenige der
Babylonier auf Grund der archäologischen Durchforschung ihres Landes
bekannt geworden. Auch hier lieferten die zwischen den Ruinen
untergegangener Städte aufgehäuften oder verschütteten Trümmer eine
bei weitem zuverlässigere und wertvollere Ausbeute als die auf uns
gekommene, die Babylonier betreffende Literatur.
Das älteste Volk Mesopotamiens, von dem wir Kenntnis besitzen, sind
die Sumerer. Man nimmt an, daß sie zur mongolischen Rasse im weiteren
Sinne gehörten. Es würde danach ein gewisser Zusammenhang zwischen der
ältesten ostasiatischen und der ersten Kultur Vorderasiens bestanden
haben. Der Beginn der letzteren wird bis in das 5. Jahrtausend v. Chr.
zurückverlegt.
Um das Jahr 3000 drang ein Volk semitischer Abstammung in Mesopotamien
ein. Bis in jene Zeit hinauf besitzen wir geschriebene Urkunden, die
allerdings über die Eroberung selbst nichts besagen[34]. Wie in Ägypten
entstanden zuerst einzelne kleine Reiche, die später vereinigt wurden.
Als der älteste König des gesamten Babyloniens wird der um 2200 v. Chr.
lebende Hammurabi genannt.
Wie später in Europa das Lateinische, so blieb in Vorderasien das
Sumerische als die Sprache des älteren Kulturvolkes lange Zeit erhalten
und für wissenschaftliche Zwecke im Gebrauch. Die frühzeitige, hohe
Entwicklung des geistigen Lebens der Babylonier erkennen wir daraus,
daß dieses Volk sich schon gegen das Ende des dritten Jahrtausends v.
Chr. mit grammatischen Studien, wichtigen Rechtsfragen und vor allem
mit der aufmerksamen Erforschung der Himmelserscheinungen beschäftigte.
Daß die Beziehungen des babylonischen Reiches bis nach Ägypten
reichten, beweisen die erwähnten, aus dem 16. Jahrhundert v. Chr.
stammenden Tell el-Amarna[35]-Funde, unter denen sich Briefe des
Königs von Babylonien an den ägyptischen Herrscher Amenophis IV.
befinden. Neben dem babylonischen und dem ägyptischen bestand in
Kleinasien das Reich der Hettiter (Chatti)[36]. Daß auch Griechenland
mit dem alten Orient in engen Beziehungen stand, hat die neuere
archäologische Forschung gleichfalls dargetan. Die Vermittlung erfolgte
insbesondere durch die Phönizier, die bis zum Jahre 1300 v. Chr. im
Besitz von Kreta waren und damals das Ägäische Meer beherrschten.
Um 1300 v. Chr. eroberten die Assyrer das Zweistromland. Sie haben
es durch ausgedehnte Bewässerungsanlagen gehoben, über die uns
*Herodot* berichtet hat[37]. Nicht minder wurde die Wissenschaft
gepflegt. Besonders seit der Zeit des Assyrerkönigs Assurbanipal oder
Sardanapal (7. Jahrhundert v. Chr.) entwickelte sich die Astrologie
zur astronomischen, auf steten und genauen Beobachtungen fußenden
Wissenschaft. Mit der Entdeckung der Bibliothek dieses Königs
gelangte auch ein großes babylonisches Werk über die Astrologie
ans Tageslicht[38], das seitdem die wichtigste Quelle für die
astronomischen Kenntnisse der älteren babylonischen Zeit bildet.
Die in Ninive, Babylon und an anderen Stätten in neuerer Zeit
durch die Ausgrabungen der Engländer, Amerikaner und neuerdings
auch der Deutschen in großer Menge an das Tageslicht geförderten
Schriftdenkmäler sind gebrannte Tontafeln, auf denen die Schriftzüge
als keilförmige Eindrücke eingeritzt sind (s. Abb. 3).
Ihre Entzifferung gelang erst, seitdem man (1835) mehrsprachige
Texte entdeckte. Für diese Entzifferung und damit für die
Erforschung der babylonischen und assyrischen Geschichte sind
die Inschriften grundlegend gewesen, die sich in den Ruinen der
persischen Königspaläste in Persepolis und Susa befinden. Heute sind
Hunderttausende von Keilschrifttafeln zutage gefördert[39]. Eine ganze
Bibliothek entdeckte 1848 der englische Altertumsforscher *Layard*[40].
Für die Kenntnis der ältesten Entwicklung der Mathematik sind die
sogenannten »Nippurtexte« von großer Wichtigkeit. Sie umfassen etwa
50000 Keilschrifttafeln, die in dem Tempel zu Nippur aufbewahrt und
durch amerikanische Ausgrabungen ans Tageslicht gefördert wurden. Die
»Nippurtafeln« sind in der Zeit von 2200-1350 v. Chr. entstanden. In
Nippur wurden, wie die Texte bezeugen, nicht nur Mathematik, sondern
auch Astronomie und Heilkunde betrieben[41]. Aus den gefundenen
Multiplikationstafeln geht hervor, daß die Babylonier das Prinzip des
Stellenwertes kannten, allerdings ohne sich der Null zu bedienen[42].
Es ist anzunehmen, daß die Keilschrift in ähnlicher Weise aus einer
hieroglyphischen oder Bilderschrift entstanden ist, wie es mit der
hieratischen Schrift der Ägypter der Fall war. Durch Keilstriche
wurden auch die Zahlen bezeichnet. Der Vertikalkeil [Symbol: Keil
mit dickem Ende oben] bedeutete die Einheit. Zehn wurde durch zwei
einen Winkel bildende Keile ausgedrückt [Symbol: zwei am dicken Ende
verbundene Keile] und weitere Zahlen durch Nebeneinanderstellung
dieser beiden Elemente gebildet. Für hundert war ein besonderes
Zeichen, nämlich ein Vertikalkeil in Verbindung mit einem rechts
davon stehenden Horizontalkeil im Gebrauch [Symbol: Vertikalkeil
neben nach rechts weisendem Keil]. Größere Zahlen wurden meist durch
Nebeneinanderstellen, aber auch durch Vervielfältigung gebildet,
indem die Zahl links von dem Zeichen als Faktor auftrat. Tausend z.
B. wurde [Symbol: Keilwinkel, dann Vertikalkeil, dann Horizontalkeil
nach rechts], also 10 mal hundert geschrieben. Tausend selbst wird
wieder mit Koeffizienten versehen, um größere Zahlen auszudrücken,
so daß z. B. [Symbol: 2 Keilwinkel, dann Vertikalkeil, dann
Horizontalkeil nach rechts] nicht etwa 20 mal hundert, sondern 10
mal tausend, also 10000 bedeutet. Es ist also eine Vervielfältigung
von Einheiten verschiedener dekadischer Ordnung, die uns bei den
Babyloniern begegnet. Auch in der Bibel wird dieses Verfahren, in
offenbarer Anlehnung an das babylonische, zur Abschätzung großer Mengen
gebraucht[43].
Die Keilschrifttafeln besaßen vor den Papyrusrollen den Vorzug, daß sie
so gut wie unzerstörbar waren, zumal wenn sie gebrannt wurden.
Ein sehr reiches Material förderte die Entdeckung der Bibliothek
Assurbanipals (Sardanapals) durch *Layard* (s. vor. Seite) zutage.
Dieser König (668-626) unterhielt eine Bibliothek, für die er
zahlreiche Werke anderer Archive, die bis auf das Jahr 1900 v.
Chr. zurückgehen, abschreiben ließ. Von dieser Sammlung sind etwa
25000 Tafeln auf uns gekommen. Sie sind die wichtigste Fundstelle
der babylonisch-assyrischen Literatur. Für die Geschichte der
Wissenschaften sind sie dadurch besonders wertvoll, daß sie manches
Bruchstück mathematischer, medizinischer und astrologischer Werke
enthalten. Bei der Eigenart und Unvollständigkeit dieser Urkunden kann
es nicht wundernehmen, wenn sich im Beginn ihres Bekanntwerdens auch
manche unhaltbare Kombination auf ihnen aufgebaut hat.
Die Bibliothek Sardanapals befindet sich heute im Britischen Museum.
Sie wurde besonders in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts
in Ninive ausgegraben und enthält allein etwa 4000 Tafeln mit
astrologischen Aufzeichnungen. Seitdem erkannte man mit Bestimmtheit,
daß die Astrologie auf die Babylonier und die Assyrer zurückgeht,
während man früher darüber nur die Nachrichten der griechisch-römischen
Literatur (z. B. *Diodor*, Bibliotheca historica 2, 29 u. f.) besaß.
Die astrologischen Keilschriftfunde der Bibliothek Sardanapals sind die
weitaus wichtigsten, die man kennen gelernt hat.
Die Mathematik der Babylonier.
Außer der dezimalen Schreibweise findet sich bei den Babyloniern eine
andere, die auf dem Sexagesimalsystem beruht und mit der Teilung des
Kreisumfanges durch Abtragen des Radius, sowie der Einteilung des
Jahres in 360 Tage zusammenhängt. Die Auffindung und die Entzifferung
von Keilschrifttafeln hat bewiesen, daß das Sexagesimalsystem von den
Babyloniern schon unter Berücksichtigung des Prinzips des Stellenwertes
angewandt wurde. So enthält eine Tafel, die 1854 bei Senkereh gefunden
wurde, die ersten 60 Quadratzahlen in folgender Anordnung:
1 ist das Quadrat von 1
4 » » » » 2
9 » » » » 3
Anstatt 64 » » » » 8 usw.
heißt es aber[44] 1 + 4 » » » » 8
1 + 21 » » » » 9
1 + 40 » » » » 10
Dies ist nur verständlich, wenn die 1 vor 4, 21 und 40 als sexagesimale
Einheit höherer Ordnung, nämlich als 60 aufgefaßt wird.
Ein anderes Täfelchen von Senkereh enthält die Kubikzahlen von 1
bis 32 unter Anwendung des Sexagesimalsystems und des Prinzips des
Stellenwertes. Ob für fehlende Einheiten ein besonderes Symbol, also
etwas, das der Null entspricht, gebraucht wurde, ist nicht ersichtlich,
weil unter den Kubikzahlen von 1 bis 32 keine vorkommt, die nur aus
Einheiten der ersten und dritten Stufe zusammengesetzt ist[45]. Neben
ganzen, nach dem Sexagesimalsystem gebildeten Zahlen kommen auch
Sexagesimalbrüche vor.
Während die Ägypter dem Zähler ihrer Brüche den konstanten Wert 1
beilegten, begegnet uns in den Brüchen der Babylonier der konstante
Nenner 60 oder 3600 (60 × 60). Die Brüche 1/2 oder 1/3 wurden durch
30/60 oder 20/60 ausgedrückt und eine der Dezimalbruchform ähnliche
Schreibweise benutzt[46].
Das Sexagesimalsystem nahmen später die griechischen Astronomen an.
Ihrem Beispiele folgten die Araber und das Mittelalter, bis endlich in
der Neuzeit die dezimale Schreibweise aufkam.
Die für die Geschichte der Mathematik so wichtigen Tafeln von
Senkereh dürften etwa um dieselbe Zeit entstanden sein, in der das
mathematische Handbuch des *Ahmes* in Ägypten verfaßt wurde.
Die Rechenkunst der Chaldäer war, nicht nur nach den gefundenen
Schriftdenkmälern, sondern auch nach griechischen Quellenschriften
zu urteilen, eine uralte. So heißt es bei Theon von Smyrna[47], die
Ägypter hätten bei der Untersuchung der Planetenbewegungen gezeichnet,
die Chaldäer dagegen gerechnet, und von diesen beiden Völkern hätten
die griechischen Astronomen die Anfänge ihrer Kenntnisse erhalten.
Daß indessen auch die geometrischen Kenntnisse der Babylonier nicht
gering waren, ist aus ihren Wandzeichnungen und ihrer hochentwickelten
Baukunst -- wandten sie doch bereits lange vor den Etruskern
Bogengewölbe an -- zu schließen. So findet sich die Sechsteilung
des Kreises als bewußte geometrische Konstruktion; eine Tontafel
geometrischen Inhalts enthält sogar die Dreiteilung des rechten
Winkels. An die Sechsteilung des Kreises schloß sich ferner die Teilung
des ganzen Kreisumfanges in 360 Grade.
Der Ursprung der Astronomie.
Nachdem wir die Anfänge der Mathematik kennen gelernt haben, wenden
wir uns den frühesten naturwissenschaftlichen Problemen zu, an
denen sich das mathematische Denken erproben sollte. Die am Himmel
sich abspielenden Vorgänge waren es, die zuerst den Begriff einer
gesetzmäßig verlaufenden Erscheinung aufkommen ließen. Es ist daher
kein Zufall, daß man sich diesen Vorgängen vor allen anderen mit
forschendem Blick zuwandte und daß die Astronomie neben der Mathematik
zu den ersten Betätigungen des menschlichen Geistes gehört, die
Anspruch auf den Namen einer Wissenschaft erheben können. Auch auf
diesem Gebiete sind nicht etwa die Griechen die Urheber gewesen,
sondern Hand in Hand mit der Entstehung der Mathematik entwickelte sich
bei den Ägyptern und den Chaldäern, begünstigt durch die wolkenlose
Atmosphäre des Niltals und Mesopotamiens, eine Summe von astronomischen
Kenntnissen, die für die Griechen und die späteren Völker die Grundlage
für jeden weiteren Fortschritt geworden sind.
Die frühesten astronomischen Eindrücke, denen sich der Mensch selbst
auf der tiefsten Stufe seiner Entwicklung nicht entzogen haben kann,
sind die scheinbare tägliche Bewegung der Gestirne, die im steten
Wechsel sich wiederholenden Lichtgestalten des Mondes, sowie die
scheinbare jährliche Bewegung der Sonne mit dem dadurch bedingten
Kreislauf der Jahreszeiten gewesen. Einer etwas aufmerksameren
Beobachtung konnte es nicht entgehen, daß die Mehrzahl der Sterne
ihre Stellung zueinander nicht verändert, während die Sonne, der Mond
und die bald in die Augen fallenden Wandelsterne an den Fixsternen
vorüberziehen.
So unterschieden schon die älteren ägyptischen Sternkundigen die
»nimmer ruhenden« von den »sich nie *rührenden*« *Sternen*. Zu den
ersteren zählten sie Jupiter, Saturn, Mars, den sie seiner Farbe wegen
auch den Roten nannten, Merkur und Venus. Die Gruppierung der Sterne zu
Sternbildern als erstes Mittel zur Orientierung am Fixsternhimmel rührt
nicht, wie man früher annahm, von den Griechen her. Die Sternbilder
entstanden vielmehr, wie die Astronomie überhaupt, im alten Orient.
Ein aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert stammendes ägyptisches
Verzeichnis der Planeten und Tierkreisbilder ist vor einigen Jahren
bekannt geworden[48]. Es lautet: Das Verzeichnis der fünf lebenden
Sterne:
Horus (Saturn)
Horus, der Rote (Mars)
Stern des Thot (Merkur)
Gott des Morgensterns (Venus)
Stern des Ammon (Jupiter).
Die Tierkreisbilder werden genannt »Die zwölf Sterne für jeden der
zwölf Monate«. Es gelang, die ägyptischen Benennungen für folgende
Tierkreisbilder zu identifizieren: Wage, Stier, Zwillinge, Krebs (?),
Löwe, Jungfrau, Schütze (?), Skorpion und Fische.
Schon den ältesten Beobachtern mußte es auffallen, daß hervorragende
Fixsterne bald in der Nähe der untergehenden Sonne gesehen werden,
dann in ihren Strahlen verschwinden, um nach einiger Zeit vor der
aufgehenden Sonne zu erscheinen, und schließlich wieder in der Nacht zu
glänzen.
So gelangte man zu der Erkenntnis, daß die Sonne im Laufe einer
Periode, die sich mit demjenigen Zeitraum deckt, innerhalb dessen
sich die Jahreszeiten abspielen, einen Umlauf am Himmel vollendet.
Diejenigen Sternbilder, durch welche sich das Tagesgestirn dabei
hindurchbewegt, nannte man den Tierkreis.
Unter allen Fixsternen schenkten die alten ägyptischen Astronomen
dem Sirius die meiste Beachtung. Sie nannten ihn Sopd, woraus die
Griechen Sothis gemacht haben. Mit dem heliakischen Aufgang[49] des
Sirius, der mit dem Beginn der Nilschwelle zusammenfiel, ließ man das
Jahr anfangen. Man teilte es in zwölf Monate, von denen jeder dreißig
Tage zählte[50]. Sternwarten befanden sich in Dendera, Memphis und
Heliopolis. Dort wurden alle deutlich sichtbaren Sterne aufgezeichnet
und in ihrer Bewegung verfolgt. Von den auf diese Weise entstandenen
Tafeln sind nur wenige Trümmer auf uns gelangt. Den Himmel stellte man
sich, wie es später der Verfasser der biblischen Schöpfungsgeschichte
getan, als eine die Erde umgebende Flüssigkeit vor. Auf dieser ließ
man die Gestirne schwimmen. Dementsprechend sehen wir auf ägyptischen
Denkmälern jedes Gestirn, durch seinen Genius in Menschen- oder
Tiergestalt repräsentiert, in einer Barke hinter dem Sonnengott Osiris
herfahren.
Anfangs werden die Ägypter wie wohl alle Völker nach Monaten gerechnet
haben. Daß sie so früh zu einem Sonnenjahr übergingen, hängt damit
zusammen, daß die Nilschwellen, nach denen sich das Leben in Ägypten
regelt, von dem Gang der Sonne abhängen. Das erste Anschwellen des
Niles fiel Jahrtausende mit dem heliakischen Aufgang des Sirius, d.
h. mit seinem Erscheinen in der Morgendämmerung zusammen[51]. Mit dem
Zeitpunkt, an dem der Sirius frühmorgens wieder sichtbar wurde, ließen
die Ägypter ihr Kalenderjahr beginnen. Es zerfiel in drei Jahreszeiten
(Überschwemmung, Aussaat, Ernte) von je 4 Monaten zu 30 Tagen. Nach
Ablauf dieser 360 Tage wurden 5 Tage eingeschoben, bevor man das neue
Jahr beginnen ließ. Da aber das Jahr nicht 365, sondern etwa 365-1/4
Tage umfaßt, so mußte sich der Frühaufgang des Sirius alle vier Jahre
um einen Tag verschieben, und erst nach Ablauf von 4·365 Jahren fiel
der Frühaufgang des Sirius wieder mit dem Beginn des bürgerlichen
Jahres von 365 Tagen zusammen. Daß es sich so verhielt, erkennt
man noch aus manchen Grabinschriften, die das bürgerliche und das
Siriusneujahr nebeneinander aufweisen[52].
Wie die astronomischen Elemente entstanden sind, hat gleichfalls die
neuere archäologische Forschung dargetan. Die Astronomie wurde erst
dadurch ermöglicht, daß zur Bestimmung von Winkeln und zur Ausbildung
des Ziffernsystems und der Rechenkunst die Zeitmessung hinzutrat.
Als die Erfinder eines Verfahrens, die Zeit genauer zu messen und
einzuteilen, müssen die Babylonier gelten. Sie bedienten sich dazu der
Wasseruhren (Klepshydren)[53].
In dem Augenblicke, in dem sich der obere Rand der Sonnenscheibe am
Horizonte zeigte, öffnete man ein mit Wasser gefülltes Gefäß, das
durch Zufluß stets gefüllt blieb. Der Abfluß geschah tropfenweise
in einen Behälter und dauerte solange, bis sich der untere Rand der
Sonnenscheibe vom Horizonte löste. Von diesem Augenblicke an sammelte
man das abtropfende Wasser in einem zweiten, größeren Behälter,
bis die Sonne am folgenden Morgen wieder aufging. Die Wassermengen
in dem kleineren und diejenige in dem größeren Behälter wurden
genau gewogen. Sie ergaben nicht nur ein bestimmtes Zeitverhältnis,
sondern mit einiger Genauigkeit auch das Verhältnis des scheinbaren
Sonnendurchmessers zum ganzen Kreise. Waren die Wassermengen q und Q,
so ergab (Q + q) : q = 360° : D für den Durchmesser D der Sonne den
Wert von etwa einem halben Grad. Die Babylonier setzten deshalb das
Verhältnis des Sonnendurchmessers zur Ekliptik = 1 : 720[54].
Genau würde dieses Verfahren ja nur unter dem Äquator gewesen sein.
Da indessen die Schiefe der Sphäre im Lande der Chaldäer nicht allzu
groß ist, so ergab sich ein für rohe Messungen genügendes Resultat[55].
Aus den babylonischen Überlieferungen ist ferner ersichtlich, daß man
das Sonnenjahr zu 365 Tagen rechnete und selbst die ungleich schnelle
Bewegung der Sonne während eines Jahres bemerkte[56].
Den Tag teilten die Chaldäer in 12 Doppelstunden. Die Doppelstunde
wurde erhalten, indem man die Zeit, welche die Sonnenscheibe gebraucht,
um am Himmel um ihren eigenen Durchmesser vorzurücken, und die man
als Doppelminute bezeichnen kann, dem Sexagesimalsystem gemäß mit 60
multiplizierte.
Dieses durch die Verbindung von Mathematik und Astronomie gewonnene
System der Zeitmessung blieb für die Folge bestehen, so daß Babyloniens
Kulturmission schon allein hieraus ersichtlich ist. Daß später der
Zeitabschnitt, nach welchem man den Tag einteilte, und dementsprechend
die Unterabteilungen jener Einheit, halbiert wurden, wodurch die
heutige Stunde, Minute und Sekunde entstanden, ist von nebensächlicher
Bedeutung.
Die Astronomie wurde von den ältesten Völkern nicht nur ihres Nutzens
halber gepflegt, sie war gleichzeitig Vorbedeutungslehre, so daß sie
infolge der fatalistischen, von der Phantasie beherrschten Anlage
der Orientalen sehr bald in Astrologie ausartete. Dazu kam, daß jene
Wissenschaft besonders von der Priesterkaste gepflegt wurde, die sich
bemühte, ihr Ansehen zu erhöhen, indem sie ihr Tun und Treiben mit dem
Schleier des Übernatürlichen und Geheimnisvollen umgab.
Die Anfänge der Astrologie, der man einen semitischen Ursprung
zuzuschreiben hat, begegnen uns bei den Sumerern. Besonders der Venus
schrieben sie Bedeutung zu. Auch die Symbole der Sonne und des Mondes
kehren in ihren Urkunden wieder. Daneben findet sich oft eine Schlange,
die vielleicht die Milchstraße vorstellen sollte. Die Anfänge einer
wissenschaftlichen Astronomie entwickelten sich erst, nachdem der Stamm
der Chaldäer um 1000 v. Chr. in Babylonien eingedrungen war. Von diesem
Volksstamm ging der Name »Chaldäer« auf die babylonische Priesterschaft
über. Wie diese Namensübertragung zustande kam, ist nicht bekannt[57].
Man teilte jetzt, zwar immer mit dem Hauptzweck, die astrologischen
Untersuchungen methodischer zu gestalten, Äquator und Ekliptik in 360
Grade, bediente sich der Tierkreiszeichen, verfolgte die Wandelsterne
und sammelte zahlreiche Sternbeobachtungen, besonders seit der
Regierung Nabonassars (747-734), die später die Astronomen Alexandriens
benutzt haben, so daß sie uns noch heute im Almagest[58] begegnen. Was
vor dem chaldäischen Zeitalter an astronomischen Kenntnissen bestand,
verdient nicht den Namen einer wissenschaftlichen Sternkunde. Daraus,
daß man auf alten steinernen Urkunden mitunter ein Sternbild mit dem
Bildnis einer Gottheit vereinigt findet, darf man keine allzuweit
gehenden Schlüsse ziehen[59].
Es kann nicht wundernehmen, daß uns unter den astrologischen
Planetenbeobachtungen am häufigsten solche über die Venus begegnen.
Ist sie doch, von Mond und Sonne abgesehen, das einzige Gestirn, das
mitunter am Tage, selbst um Mittag, wahrgenommen wird. Die Annäherung
der Venus an den Jupiter, den Mars und den Saturn, ihr Eintritt in
den Hof des Mondes, ihr Verschwinden und ihre Wiederkehr galten
als bedeutungsvolle Ereignisse. Daß die Venus als Abend- und als
Morgenstern dasselbe Gestirn ist, wußten die Babylonier schon in der
älteren Periode ihrer Astronomie, d. h. um 2000 v. Chr. (S. Abb. 3.)
[Illustration: Abb. 3. Keilschriftprobe.
Dilbat ina sensi adi Istar kakkabi
Dilbat ina âribi Bilit ili
Die Übersetzung lautet:
Die Delephat bei aufgehender Sonne ist die Istar unter den Sternen,
Die Delephat bei untergehender Sonne ist die Beltis unter den Göttern.
Dies bedeutet, daß die Delephat, d.i. die Venus, als Morgenstern der
Stern der Istar-Astarte und als Abendstern der Stern der Beltis-Baaltis
ist.
(III. Rawlinson 53, 36. 37.)
]
An Fixsternen und Sternbildern zählen die Texte nach den bisherigen
Feststellungen etwa 200 auf. Darunter begegnen uns schon früh als
wichtigste gewisse Tierkreisbilder (Stier, Löwe, Zwillinge). Die
Zuweisung von zwölf Tierkreisbildern an ebensoviel Regionen der
Ekliptik findet sich indessen erst in späteren rein astronomischen
Texten[60].
Neben den Keilschrifttafeln (s. Abb. 4) sind auch die Darstellungen,
die sich auf Grenzsteinen, Reliefs und Grabdenkmälern[61] finden, zu
erwähnen. Sie gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück.
Der hier wiedergegebene Grenzstein umfaßt 16 Symbole. Auf der
dargestellten Seite befinden sich zu oberst die Venus, dann die
Mondsichel und daneben die Sonne. Die linke Seite nimmt eine thronende
Gottheit ein, zu deren Füßen ein Hund sitzt. In der Kopfhöhe sehen wir
einen Skorpion und darunter in der Höhe der Arme eine Lampe.
Regelmäßige Beobachtungen der Bahnen, welche die Planeten am
Fixsternhimmel beschreiben, setzen erst um 750 ein. Später werden die
fünf Planeten bestimmten Gottheiten zugeteilt und gelten als »Lenker
der Schicksale«. Seitdem ist die Sternbeobachtung von Astrologie und
Fatalismus beherrscht und allein diese Periode ist es, von der die
alten Schriftsteller *Herodot* (um 450 v. Chr.), *Diodor* (um 45 v.
Chr.), *Plinius* (70 n. Chr.) berichten[62].
[Illustration: Abb. 4. Babylonischer Grenzstein.]
Seit der Erschließung der Keilschriftfunde (die erste Übersetzung von
Keilschrifttafeln astronomischen Inhalts erschien im Jahre 1874) wurde
nachgewiesen, daß manche Namen von Sternbildern, in der ihnen von den
Griechen und uns beigelegten Bedeutung, schon bei den Babyloniern
vorkamen. In Mesopotamien aufgefundene Grenzsteine besitzen sogar
graphische Darstellungen der Tierkreiszeichen, deren wir uns noch jetzt
in Sternatlanten bedienen[63]. Wie es noch heute geschieht, teilten die
Chaldäer den Tierkreis in 12 Sternbilder ein. Unter diesen begegnen uns
die Wage, der Widder, der Stier, die Zwillinge, der Skorpion und der
Schütze, die wir noch besitzen. Die übrigen Bilder haben sich geändert.
Von Babylon hat sich die Zwölfteilung der Sonnenbahn dann nach Ägypten
und nach Griechenland ausgebreitet. So wurde im Anfange des 19.
Jahrhunderts in Dendera (Oberägypten) an der Decke eines Tempels eine
Darstellung des Tierkreises aufgefunden, die in Paris aufbewahrt wird.
Die Tierkreiszeichen sind hier den ägyptischen Bildern eingefügt (Abb.
5). Man schrieb diesem Dokumente anfangs ein sehr hohes Alter zu. Doch
gilt es heute als ausgemacht, daß der Tierkreis von Dendera aus der
Zeit der Römerherrschaft stammt. Man nimmt ferner an, daß die Griechen
ihre Zeichen von den Chaldäern übernahmen und daß die Ägypter die
chaldäischen Zeichen mit ihren eigenen Bildern in Verbindung setzten.
[Illustration: Abb. 5. Der Tierkreis von Dendera.
Wi = Widder; Str = Stier; Z = Zwillinge; K = Krebs; L = Löwe; J =
Jungfrau; W = Wage; Sk = Skorpion; Sch = Schütze; Ste = Steinbock; Wt =
Wasserträger; F = Fische.]
Für die astrologische Richtung[64] der ältesten Astronomie spricht ein
chaldäisches Literaturdenkmal, das etwa zu derselben Zeit entstanden
ist, als in Ägypten das älteste auf uns gelangte mathematische Lehrbuch
geschrieben wurde (um 1700 v. Chr.). Es handelt sich um einen mit
astrologischen Prophezeiungen versehenen Vorbedeutungskalender, den die
moderne Orientforschung entziffert hat[65]. Dieser Kalender enthält
Voraussagen von Finsternissen nebst Andeutungen, welche Ereignisse die
Folge jener Finsternisse sein würden.
In besonders hohem Grade werden ungewöhnliche, die Menschheit
in abergläubische Furcht versetzende Himmelserscheinungen, wie
Finsternisse und Kometen, die Aufmerksamkeit auf die Sternenwelt
gerichtet haben. Bezüglich der Finsternisse und der Kometen wurden
auch zuerst Aufzeichnungen gemacht. Sie reichen bei den Chinesen,
den Ägyptern und den Chaldäern Jahrtausende vor den Beginn unserer
Zeitrechnung zurück. Welcher Zeitraum mag verflossen sein, bis
die Chaldäer endlich die Regel erkannten, daß die Wiederkehr der
Finsternisse innerhalb 6585 Tagen erfolgt. Für das hohe Alter
der orientalischen Astronomie spricht auch die Erzählung, daß
*Aristoteles*[66] die Begleiter Alexanders des Großen bat, in Babylon
nach den alten astronomischen Beobachtungen der Chaldäer zu forschen.
Daraufhin sollen denn auch Ziegel nach Griechenland gelangt sein, auf
welchen Nachrichten über 2000 Jahre vor Alexander zurückreichende
Beobachtungen eingegraben waren[67]. Die chinesischen Nachrichten
über Kometen reichen wahrscheinlich ebensoweit zurück. Und die
astronomischen Jahrbücher der Ägypter endlich berichten von nicht
weniger als 373 Sonnen- und 832 Mondfinsternissen, die vor Beginn der
alexandrinischen Periode beobachtet wurden[68].
Die Dauer eines Umlaufs der Sonne wurde in Ägypten wie in Babylon
anfangs zu 12 Monaten, jeder zu 30 Tagen, also zu 360 Tagen gerechnet.
Jeder Monat zerfiel in 3 Dekaden, das Jahr somit in 36 Dekaden, denen
36 hervorragende Einzelsterne und Sternbilder zugeteilt waren. Die
Abweichung eines Zeitraums von nur 360 Tagen von dem tropischen, auf
365-1/4 Tagen sich belaufenden Jahre war jedoch so groß, daß sie schon
in der ältesten Zeit auffallen mußte. Man schaltete daher nach jedem
Jahre 5 Tage ein, die man »die übrigen Tage« nannte. Diese Änderung der
Zeitrechnung erfolgte jedenfalls schon während des alten Reiches, ja
sie wird von den Ägyptern selbst in die Zeit vor Mena zurückverlegt.
Aber auch nach dieser Einrichtung bemerkten die Ägypter nach längerer
Zeit, daß das Jahr zu kurz bemessen sei und infolgedessen eine
Verschiebung der Feste eintrat. Diese Beobachtung führte dann zu einer
238 v. Chr. in Kraft tretenden Anordnung[69], nach welcher jedes vierte
Jahr zu 366 Tagen gerechnet werden sollte, »damit es nicht vorkommt,
daß einige der öffentlichen Feste, die man im Winter begeht, dereinst
im Sommer gefeiert werden«.
Die Ägypter sind also dasjenige Volk, denen wir die Einrichtung des
Schaltjahres verdanken. Die astronomischen Ratgeber, welche Cäsar bei
seiner Kalenderverbesserung vom Jahre 46 v. Chr. zu Rate zog, kannten
nämlich die in Ägypten getroffene Einrichtung. Dieser Umstand schmälert
jedoch keineswegs das Verdienst Cäsars; ihm verdankt das Abendland die
bis ins 16. Jahrhundert dauernde Feststellung seiner Zeitrechnung, die
so sehr in Unordnung geraten war, daß im Jahre 46 v. Chr. nicht weniger
als 85 fehlende Tage eingeschaltet werden mußten.
Bis in das 19. Jahrhundert beschränkte sich unser Wissen von der
Astronomie des Altertums im wesentlichen auf dasjenige, was uns die
Griechen davon übermittelten. Einen weit tieferen Einblick in die
Entstehung der Astronomie hat uns die Entzifferung der Keilschriftfunde
gebracht, in denen die Chaldäer ihre astronomischen Kenntnisse
niedergelegt haben[70]. Heute gilt als sicher, daß die Babylonier den
Äquator und die Ekliptik, die meisten Sternbilder des Tierkreises und
der übrigen Regionen des Himmels, sowie die Wandelsterne festgestellt
hatten und daß sie die Sterne systematisch beobachteten, lange bevor
die Griechen dazu übergegangen waren[71].
Zuerst wurde von der Keilschriftforschung Capella (ein Fixstern
erster Größe im Fuhrmann) aus Abbildungen identifiziert. Dann geschah
dasselbe für zahlreiche Sterne der Ekliptik. Sehr alt sind nicht nur
die Tierkreiszeichen, die man auf Grenzsteinen aus dem 12. Jahrh. v.
Chr. auffand, sondern auch die Einführung der etwa 30 Planeten- und
Mondstationen, deren Gebrauch von Babylon wahrscheinlich nach Indien
und nach China gewandert ist[72].
Ferner begegnen uns schon in sehr alten Keilschrifttexten Namen für die
Planeten. Sie sind mit bestimmten Gottheiten in Verbindung gesetzt, so
Venus mit Istar (Astarte?), Mars mit dem Kriegsgott. Letztere Zuweisung
begegnet uns bekanntlich fast immer wieder und ist aus der rötlichen
Farbe des Gestirns erklärlich.
Die Planetenbeobachtungen der Babylonier beschränken sich im
wesentlichen auf die Angabe der Stellung zu den Sternbildern, der
Oppositionen und der Kehrpunkte, sowie der heliakischen Auf- und
Untergänge. Ein Beispiel[73] ist folgendes: »Im 7. Jahre des Kambyses,
am 22. Abu des Jahres 523 v. Chr. befand sich Jupiter im ersten Teile
von Siru (der Jungfrau) im heliakischen Untergange.«
Die Finsternisse und die Kometen wurden frühzeitig als
Vorbedeutungszeichen von ganz besonderer Wichtigkeit betrachtet und
aus diesem Grunde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Es finden sich
auch Berichte über die Stellung, die bestimmte Planeten während
einer Finsternis einnahmen. Solche, aus astrologischem Interesse
unternommenen Aufzeichnungen gehen außerordentlich weit zurück. Aus
ihnen entwickelte sich ein regelmäßiger Beobachtungsdienst[74],
der bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. zurückreicht und sich nach der
Regierungszeit Sardanapals, während des neubabylonisch-chaldäischen
Reiches, wie die jüngsten Aufschlüsse[75] ergeben haben, zu hoher Blüte
entfaltete.
Das erwähnte, der Bibliothek Sardanapals entstammende astrologische
Werk enthält[76] Listen von Fixsternen, Angaben über Planeten,
Kometen, Meteore, Verfinsterungen usw. Doch scheint weniger Wert auf
die Tatsachen als auf die ihnen zugeschriebene Bedeutung gelegt zu
sein[77]. Seit 700 v. Chr. zeigt sich aber deutlich das Bestreben,
die Bewegungen der Himmelskörper mit möglichster Genauigkeit
räumlich und zeitlich zu verfolgen. Die Winkel werden bis auf 6
Minuten, der Zeitablauf bis auf 3/4 Minuten richtig bestimmt[78].
Die Zeitunterschiede zwischen Sonnenuntergang und Mondaufgang wurden
so genau ermittelt, daß die erhaltenen Angaben noch für die heutige
Astronomie von Wert sind. Nach *Kugler*, der sich um die Entzifferung
der astronomischen Keilschrifttexte das größte Verdienst erworben
hat, war es mit Hilfe dieser Texte möglich, einen Fehler aufzudecken,
den die heutigen Berechnungen der Mondbewegung aufwiesen. Wie weit
sich die Genauigkeit einer Bestimmung durch die, über lange Zeiträume
fortgesetzte Beobachtung einer periodischen Bewegung steigern läßt,
zeigt folgendes Beispiel. Die Babylonier ermittelten, daß der Mond in
669 Monaten 723-32/360 Umläufe am Fixsternhimmel zurücklegt[79]. Daraus
ergibt sich für die mittlere Dauer des synodischen Monats ein Wert von
29^d 12^h 44' 7,5''. Die heutige Astronomie berechnet den mittleren
synodischen Monat zu 29^d 12^h 44' 2,9''. Die Abweichung beträgt also
nur wenige Sekunden.
Die mittlere tägliche Bewegung des Mondes, d. h. den Bogen, den dieses
Gestirn durchschnittlich in 24 Stunden durchläuft, bestimmten die
Babylonier[80] zu 13° 10' 35''.
Mit gleicher Sorgfalt wurden die Bewegungen der Planeten verfolgt.
Sie galten den Babyloniern gleich Mond und Sonne als göttliche Wesen
und ihre Wanderung durch die Sternbilder des Tierkreises, den die
Babylonier als das »himmlische Erdreich« bezeichneten, war ihrer
Ansicht nach für die Geschichte der Erdbewohner von ausschlaggebender
Bedeutung[81]. Diesen mythologischen Grundzug der babylonischen
Sternkunde hat schon *Diodor* dargestellt. Er schreibt darüber:
»Die Chaldäer[82] behaupten, die Welt sei ihrem Wesen nach ewig, sie
habe nie einen Anfang genommen und könne auch niemals untergehen; aber
durch eine göttliche Vorsehung sei das All geordnet und ausgebildet
worden, und noch seien alle Veränderungen am Himmel nicht Wirkungen
des Zufalls, auch nicht innerer Gesetze, sondern einer bestimmten und
unwandelbar gültigen Entscheidung der Götter. Über die Gestirne haben
die Chaldäer seit langer Zeit Beobachtungen angestellt, und niemand
hat genauer als sie die Bewegungen und die Kräfte der einzelnen
Sterne erforscht. Daher wissen sie auch so vieles von der Zukunft
den Leuten vorherzusagen. Am wichtigsten ist ihnen die Untersuchung
über die Bewegungen der fünf Sterne, die man Planeten heißt. Sie
nennen sie: >Verkündiger<. Dem, der bei uns Saturn heißt, geben sie
als dem ausgezeichnetsten, dem sie die meisten und die bedeutendsten
Weissagungen verdanken, den Namen >Sonnenstern<. Die vier andern aber
haben bei ihnen dieselben Benennungen, wie bei unseren Sternkundigen:
Mars, Venus, Merkur und Jupiter. Verkündiger nennen sie die Planeten
deswegen, weil sie, während die anderen Sterne von ihrer ordentlichen
Bahn nie abirren, allein ihre eigenen Bahnen gehen und eben damit die
Zukunft andeuten und den Menschen die Gnade der Götter kund machen.
Vorbedeutungen, sagen sie, könne man teils an dem Aufgang, teils an dem
Untergang der Planeten erkennen, manchmal auch an ihrer Farbe, wenn
man aufmerksam darauf achte. Bald seien es heftige Stürme, die sie
anzeigen, bald ungewöhnlich nasse oder trockene Witterung, zuweilen
Erscheinungen von Kometen, Sonnen- und Mondfinsternissen, überhaupt
Veränderungen jeder Art im Luftraum, welche Nutzen oder Schaden bringen
für ganze Völker und Länder nicht nur, sondern auch für Könige und
gemeine Leute. Dem Laufe der Planeten seien Sterne untergeordnet,
welche >beratende Götter< heißen. Die eine Hälfte dieser Sterne führe
die Aufsicht in dem Raum über der Erde, die andere unter der Erde. So
überschauten sie, was unter den Menschen und was am Himmel vorgehe.
Je nach 10 Tagen werde von den oberen zu den unteren einer der Sterne
als Bote gesandt und ebenso wiederum einer von den unteren zu den
oberen. Die Bewegung der untergeordneten Sterne sei fest bestimmt und
gehe regelmäßig fort im ewigen Kreislauf. >Fürsten der Götter< gebe es
zwölf, und jedem von ihnen gehöre ein Monat und eines der zwölf Zeichen
des Tierkreises zu, durch welche die Bahn der Sonne, des Mondes und der
fünf Planeten gehe. Dort vollende auch die Sonne ihren Kreis in einem
Jahre, und der Mond durchlaufe dort seinen Weg in einem Monat.«
Die chaldäischen Priester haben ihre astrologische Tätigkeit auch
nach dem Beginn der Perserherrschaft eifrig fortgesetzt. Ähnlich
wie die Mönche der späteren Zeit erblickten sie ihre Hauptaufgabe
darin, daß sie das vorhandene Wissen durch Abschriften erhielten. Ihr
Ansehen beruhte vor allem darauf, daß sie aus den Sternen Menschen-
und Völkerschicksal verkündeten. Zu diesem Zwecke unterhielten sie
in Verbindung mit den Tempeln Observatorien und an diesen wieder
Schulen. Ihre Beobachtungen leiteten zu gewissen Zahlen, nach
denen sie Finsternisse und Sternkonjunktionen berechneten. Solche
Berechnungen sind noch auf Tontafeln erhalten, z. B. diejenige über
die Mondfinsternis vom 16. Juli 523, die in den Almagest übergegangen
ist. Nach der herrschenden Anschauung sollten sich die Götter in den
Gestirnen, besonders in den Planeten verkörpern und letztere die
irdischen Vorgänge bestimmen. Es galt daher, für jede wichtige Handlung
den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen und ungünstige Konstellationen zu
vermeiden. Eine Priesterschaft, die es wie die chaldäische verstand,
diesen Glauben zu nähren, besaß dadurch Macht und Ansehen, sowie die
Möglichkeit, sich reiche Mittel zu erwerben[83].
Bei den Planeten achteten die Chaldäer vor allem auf die gegenseitige
Stellung, ihre Entfernung von Mond und Sonne, den Wechsel der
Bewegungsrichtung und ihren Kehrpunkt. Man kann sich leicht vorstellen,
mit welcher Spannung die alten Astronomen z. B. das Verschwinden der
Venus in den Strahlen der Abendsonne (den heliakischen Untergang
des Planeten) und ihr Wiederauftauchen kurz vor Sonnenaufgang (den
heliakischen Aufgang der Venus) verfolgten.
Die Beobachtungen der heliakischen Auf- und Untergänge bildeten das
Fundament der Planetenkunde[84]. Die Umlaufszeit eines Planeten ist
bekanntlich diejenige Zeit, nach welcher der Planet, von der Sonne
gesehen, wieder bei demselben Fixstern angelangt ist. Nun läßt sich
wohl der geozentrische Ort des Planeten direkt beobachten, nicht aber
der heliozentrische. Dagegen war man in der Lage, durch die Beobachtung
der heliakischen Auf- und Untergänge wenigstens annähernd die Zeit zu
bestimmen, die zwischen zwei Konjunktionen des Planeten mit der Sonne
verläuft, d. h. die synodische Umlaufszeit zu ermitteln. Ließen sich
die Konjunktionen selbst auch nicht beobachten, so nahmen die Planeten
doch während der heliakischen Auf- oder Untergänge dieselbe relative
Stellung zur Sonne ein.
Um die Wanderung eines Planeten durch die Tierkreisbilder zu verfolgen,
ist kein Gestirn geeigneter als Jupiter. Sein Durchgang zwischen den
Hyaden und den Plejaden z. B. ist ein astronomisches Schauspiel,
das sich den ältesten Beobachtern des Himmels einprägen mußte. Daß
sich der Vorgang nach etwa 12 und beim Saturn nach etwa 30 Jahren
wiederholt, mußte frühzeitig auffallen. Während für diese beiden, von
Sonne und Erde weit entfernten und außerhalb der Erdbahn befindlichen
äußeren Planeten die Umlaufsbewegung, vom geozentrischen und vom
heliozentrischen Standpunkte gesehen, sich annähernd decken, waren die
Erscheinungen für Mars, Venus und Merkur ihrer Nähe wegen bedeutend
verwickelter. Doch ergaben die beiden scheinbaren Stillstände, die
Opposition des Mars und das Verschwinden in den Sonnenstrahlen auch für
diese Planeten eine Periode von steter Wiederkehr und bestimmter Dauer.
Zur Seleucidenzeit gelangte man sogar zu Planeten-Ephemeriden. Für
Saturn z. B. wurde eine Periode von 59 Jahren, für Venus eine solche
von 8 Jahren ermittelt. Der Fehler in der ersteren belief sich auf etwa
einen halben Grad. Die aus den Ephemeriden berechnete Bewegung der
Venus wich von der beobachteten sogar nur um 5 Minuten ab[85].
Venus galt mit Mond und Sonne als die Beherrscherin des Tierkreises.
Die Symbole dieser Dreieinigkeit erscheinen seit dem 14. Jahrhundert
auf den Spitzen der Grenzsteine (s. Abb. 4 auf S. 26)[86]. Diese
Bedeutung der Venus erklärt sich daraus, daß sie alle übrigen Planeten
an Glanz weit übertrifft. Beeinflußt durch chaldäische Weisheit nennt
daher *Plinius* die Venus Nebenbuhlerin von Sonne und Mond, denn sie
verbreite ein so helles Licht, daß es Schatten werfe.
Mit gleicher Sorgfalt wie die Bewegung der Sonne haben die Babylonier
auch die Mondbewegung verfolgt. Welch langer Zeitraum mag dazu gehört
haben, bis ihre Aufzeichnungen jene Periode von 223 synodischen
Monaten erkennen ließen, innerhalb deren der Mond bezüglich seiner
Knoten und seiner Entfernung von der Erde fast zur selben Stellung
zurückkehrt. Jene Periode von 18 Jahren und 11 Tagen bezeichneten
die babylonischen Astronomen als Saros. Die Kenntnis dieser Periode
ermöglichte ihnen die Voraussage von Finsternissen. Auch *Ptolemäos*
handelt in seinem Almagest, dem bedeutendsten astronomischen Lehrbuch
des Altertums, von dem wir später noch ausführlich handeln werden, von
mehreren Mondfinsternissen, welche die Chaldäer aufzeichneten. Die
älteste chaldäische Beobachtung einer Mondfinsternis, die *Ptolemäos*
verwertete, datiert vom Jahre 721 v. Chr. Daß *Ptolemäos* nicht auf
noch ältere, zweifellos vorhandene chaldäische Daten zurückgriff, ist
wohl daraus erklärlich, daß er den älteren Angaben keine hinreichende
Genauigkeit zuschrieb[87]. Die letzten chaldäischen Beobachtungen,
die *Ptolemäos* erwähnt, gehören der Zeit um 240 v. Chr. an. Sie
beziehen sich auf Vergleichungen von Merkur und Saturn in ihrer
Stellung zu den Fixsternen. Um die erwähnte Zeit hatte indessen
schon eine gegenseitige Durchdringung chaldäischer und griechischer
Gelehrsamkeit stattgefunden. Schrieb doch schon um 280 v. Chr. der
Babylonier *Berosos*[88] über die Geschichte seines Volkes ein Werk
in griechischer Sprache, von dem leider nur Bruchstücke bei anderen
Schriftstellern erhalten sind. Es ist das um so bedauerlicher,
als das Werk manche Mitteilung über die Sternkunde der Chaldäer
enthielt. Auch die jetzt durch die Keilschriftforschung erwiesene,
offenbare Übereinstimmung der biblischen mit der babylonischen
Schöpfungsgeschichte geht schon aus dem Bericht des *Berosos*
hervor[89].
Von den Chaldäern wanderte auch das älteste astronomische Werkzeug,
der Gnomon, nach dem Zeugnisse *Herodots* nach Griechenland. Wann dies
geschah, läßt sich mit Sicherheit nicht feststellen, zumal von alten
Schriftstellern verschiedenen Personen (darunter *Anaximander* um 550
v. Chr.) das Verdienst zugeschrieben wird, dieses wichtige Werkzeug in
Griechenland eingeführt zu haben.
Der Standpunkt, den die Astronomie bei den Chaldäern schließlich
erreicht hatte, läßt sich in der Kürze wie folgt kennzeichnen[90]:
Beobachtungen, bei denen die Winkel bis auf 6' und die Zeit bis auf
40'' genau bestimmt waren, reichten bis ins 7. Jahrhundert v. Chr.
zurück. Der Lauf der Sonne und die ungleiche Länge der Jahreszeiten
waren bekannt. Vielleicht besaß man sogar eine rohe Kenntnis der
Präzession der Nachtgleichen[91]. Die Länge der Monate hatte man mit
einer Genauigkeit ermittelt, welche der von *Hipparch* erreichten
gleichkam. Der Begründung der Trigonometrie war durch eine Art
Sehnenrechnung vorgearbeitet, so daß auch hierin die Chaldäer als die
Vorläufer der Alexandriner, insbesondere des *Hipparch*, gelten können.
Endlich vermochte man mit Hilfe von Ephemeriden den Lauf des Mondes
und der Sonne, sowie das Eintreten der Finsternisse mit ziemlicher
Sicherheit anzugeben.
Die besonders von *Winckler* vertretene Annahme von dem hohen Alter
der babylonischen Astronomie hat neuerdings *Kugler* auf das richtige
Maß zurückgeführt[92]. Nach ihm gab es vor dem 8. Jahrhundert noch
keine Himmelsbeobachtungen von wissenschaftlicher Genauigkeit. Man
kann den Babyloniern daher nach *Kugler* auch nicht die Entdeckung der
Präzession zuschreiben, wie es *Winckler* (siehe Anm. 4 S. 36) getan
hat.
Erblicken wir das Ziel der Wissenschaft darin, daß man das Eintreten
zukünftiger Erscheinungen mit einem gewissen Grade von Genauigkeit
vorherzusagen vermag, so müssen wir zugeben, daß die Babylonier diese
Stufe auf dem Gebiete der Astronomie schon erreicht hatten. Allem
Anschein nach ruhte das astronomische Wissen eines *Hipparch* und
eines *Ptolemäos*, an welche im 15. Jahrhundert *Regiomontan* und
*Koppernikus* anknüpften, in letzter Linie auf den in Babylonien
geschaffenen Grundlagen der Sternkunde[93].
*Ptolemäos* beruft sich 13 mal auf babylonische Beobachtungen.
Sie fallen alle in die Jahre 721-229 v. Chr. Die Astronomie hat
danach wenigstens zum Teil ihren Weg nach Griechenland über
Ägypten genommen[94]. Auch ihre astronomischen Hilfsmittel
verdankten die Griechen zum Teil den Babyloniern, wie sie auch die
Ekliptiksternbilder, die Einteilung der Ekliptik in 360 Grade und
anderes mehr übernahmen. Durch die Babylonier sind sie ferner mit
der Sarosperiode (s. S. 35), sowie mit der mittleren täglichen
Geschwindigkeit des Mondes (13° 10' 36'') bekannt geworden.
Die ersten Maße und Gewichte.
Über die von den alten Völkern gebrauchten Maße und Gewichte hat schon
vor 80 Jahren *Boeckh*, den man als den Begründer der vergleichenden
Metrologie zu betrachten hat, eingehende Untersuchungen angestellt[95].
*Boeckh* kam zu dem Ergebnis, daß die meisten antiken Systeme von den
Babyloniern herstammen, daß sich bei dieser Entwicklung indessen auch
in einem nicht geringen Grade ägyptischer Einfluß geltend macht. Diese
Auffassung hat denn auch die neuere archäologische Forschung bestätigt
und wesentlich vertieft[96].
Die Babylonier fanden nicht nur die Mittel zur Zeitmessung und ein
Zeitmaß, das sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, sondern sie
schufen, wie neuere archäologische Forschungen dargetan, auch ein Maß-
und Gewichtssystem, das für das Altertum grundlegend wurde.
Die Einheit für die Längenmessung, die Doppelelle, war 992-1/3 mm
lang. Dies Maß ist neuerdings auf Statuen bei Ausgrabungen entdeckt
worden. Daß die babylonische Doppelelle und das Sekundenpendel fast
übereinstimmen[97], ist wohl als Zufall aufzufassen. Dagegen hat
man angenommen, daß die Gewichtseinheit, die Mine, wie das heutige
Kilogramm nach einem bestimmten Grundsatz aus der Längeneinheit
abgeleitet worden sei[98].
Wird die Doppelelle nämlich in 10 Teile zerlegt und dieses Zehntel
als Kantenlänge für einen Würfel gewählt, den man mit Wasser füllt,
so kommt das Gewicht dieser Wassermasse einem Kilogramm sehr nahe, da
ja die Doppelelle nur wenig von dem Meter abwich. Das Gewicht dieser
Wassermasse stimmt mit der Mine (984 g) nahezu überein. Die Hälfte
dieses Gewichtes, die leichte Mine von 492 g, war während des ganzen
Altertums gebräuchlich[99].
[Illustration: Abb. 6. Altbabylonisches Gewichtsstück. Nach *Layard*.]
[Illustration: Abb. 7. Wage, einem altägyptischen Totenbuche entnommen.]
Mit der Anwendung des Hebels zum Abwägen von Waren, Heilmitteln usw.
waren schon die ältesten Kulturvölker vertraut. Die Ausgrabungen in
Mesopotamien haben zahlreiche, mitunter sehr handlich gestaltete (s.
Abb. 6) Gewichtsstücke zutage gefördert. In Ägypten hat man nicht
nur solche bis herab zu Stücken, die wenige Gramm anzeigen, sondern
auch zahlreiche Abbildungen von Wagen (siehe Abb. 7) gefunden. Die
ägyptischen Wagen waren sämtlich zweiarmig. An dem oberen Teile des
Gestelles befand sich ein Lot, um die richtige Einstellung der Wage zu
kontrollieren. Die Ägypter müssen es verstanden haben, schon ziemlich
empfindliche Wagen herzustellen. Aus den Rezepten des Papyrus Ebers
geht nämlich hervor, daß man als kleinstes Gewichtsstück ein solches
benutzte, das nur 0,71 g wog[100].
Nach den bisher gewonnenen archäologischen Aufschlüssen haben sich die
Ägypter der ungleicharmigen Wage noch nicht bedient. Daß die Ägypter
aber mit der Wirkung des ungleicharmigen Hebels schon in grauer Vorzeit
bekannt waren, beweisen die Wandgemälde Thebens.
Die auf dem Prinzip des ungleicharmigen Hebels beruhende Schnellwage
begegnet uns zuerst in Italien. Gut erhaltene Exemplare wurden in
Etrurien und in Pompeji ausgegraben[101].
Die Anfänge der Metallurgie und anderer chemisch-technischer Gewerbe.
Nicht nur auf den Gebieten der Mathematik und der Astronomie, die wir
bisher vorzugsweise gewürdigt haben, erlangten die Babylonier und
die Ägypter im großen und ganzen die gleiche Stufe der Entwicklung,
sondern auch im übrigen ist die Höhe des Wissens und der Kultur im
allgemeinen bei den beiden uralten, unter fast gleichen Bedingungen
lebenden und wohl auch stammverwandten Völkern fast dieselbe gewesen.
So haben die neueren Forschungen erwiesen, daß die Babylonier wie
die Ägypter Eisen herstellten und verarbeiteten. Schon *Lepsius* hat
darauf aufmerksam gemacht[102], daß auf den, auch in den Farben so
wohlerhaltenen, ägyptischen Wandbildern der Kriegshelm blau gemalt
ist. Im Grabe Rhamses des Dritten sind auch die Schwerter blau gemalt.
In beiden Fällen kann es sich wohl nur um die Wiedergabe eiserner
Waffen handeln. Gemalte Holzlanzen der ägyptischen Gräber tragen rote
und blaue Spitzen. Wir erkennen daraus, daß neben Eisen auch Kupfer
zur Herstellung von Waffen gebraucht wurde. Um den Granit in solch
vollkommener Weise zu bearbeiten, wie es ihre Sarkophage und Obelisken
zeigen, mußten die Ägypter wohl auch schon mit dem Härten des Eisens
vertraut sein[103].
Neuerdings haben sowohl die ägyptischen als auch die babylonischen
Ausgrabungen zahlreiche Beweisstücke für eine frühe Bekanntschaft mit
dem Eisen zutage gefördert. Immerhin ist nach Ansicht der meisten
Ägyptologen das Eisen im alten ägyptischen Reich noch sehr wenig in
Gebrauch gewesen.
Als älteste Spur dieses Metalls gilt ein in dem Mauerwerk der um 2500
errichteten Cheops-Pyramide gefundenes Eisenstück. Ähnliche Funde
liegen aus anderen fast ebenso alten Pyramiden vor (*E. v. Lippmann*,
Alchemie, 1919, S. 610).
[Illustration: Abb. 8. Gewinnung von Eisen nach altägyptischen
Wandgemälden.]
Sicher ist die Erfindung des Eisens nicht einem bestimmten Volke
zuzuschreiben, sondern sie ist zu verschiedenen Zeiten überall dort
erfolgt, wo leicht reduzierbare Eisenerze zur Verfügung standen. Das
war nicht nur in Ägypten, sondern auch in Indien, Persien, Palästina
und anderen Ländern der alten Kulturwelt der Fall. Eisenerz fehlte
auch im mittleren und südlichen Afrika nicht, und es ist anzunehmen,
daß man auch dort auf eine primitive Art der Eisengewinnung, die man
selbst bei den Hottentotten antrifft, gekommen ist. Die Frage, ob etwa
die Ägypter durch die Nubier oder durch die Bewohner Vorderasiens mit
der Eisengewinnung bekannt geworden sind oder ob sie sie selbständig
entdeckt haben, wird sich wohl kaum je mit Sicherheit entscheiden
lassen trotz aller Kontroversen, die schon über diese Frage geführt
wurden.
Die Art, wie die Ägypter Eisen herstellten, ist aus vorstehender
Abbildung ersichtlich[104]. Sie benutzten Blasebälge aus Leder, die
mit den Füßen getreten wurden. Ein Arbeiter bediente zwei solcher
Säcke, von denen abwechselnd der eine durch den Zug einer Schnur mit
Luft gefüllt wurde, während sich der andere unter dem Druck des Fußes
entleerte. Die gepreßte Luft gelangte in eine Feuerung, in welcher
das Eisenerz unter der reduzierenden Wirkung eines Kohlenfeuers zu
Eisen niedergeschmolzen wurde. Den altägyptischen ähnliche Blasebälge
sind noch heutzutage im Innern Afrikas in Gebrauch. Daß auch die
Babylonier Eisen herstellten und verarbeiteten, ist nicht nur durch
keilschriftliche Aufzeichnungen, sondern auch durch Funde von Helmen,
Panzern und Geräten erwiesen.
Noch leichter als das Eisen aus seinen Erzen ließ sich das Kupfer aus
Malachit erschmelzen. Zudem besaßen die alten Ägypter Fundstätten, an
welchen dieses Metall vorkam. So betrieb dieses Volk bereits im 5.
Jahrtausend v. Chr. auf der Insel Meroë einen umfangreichen Bergbau auf
Kupfer[105].
Metallisches Zink[106] und reines Zinn waren zwar den beiden ältesten
Kulturvölkern nicht bekannt[107], doch verstanden sie es, durch
einen Zusatz von Erzen dieser Metalle, insbesondere von Galmei, beim
Niederschmelzen der Kupfererze Bronze herzustellen, deren Verwendung zu
Waffen, Schmucksachen und Geräten bis in die älteste Zeit hinaufreicht.
Oft tragen auch die Bronzegegenstände Spuren einer Bearbeitung mit
Stahl[108]. Am frühesten sind Silber und besonders Gold gewonnen und
verarbeitet worden, da beide Metalle an vielen Orten gediegen vorkommen
und ihres Glanzes und ihrer Beständigkeit wegen geschätzt wurden.
Die Ägypter betrieben Goldbergwerke in Nubien. Sie kannten die Kunst
des Vergoldens und schmolzen Gold in einem bestimmten Verhältnisse
mit Silber zu einer Legierung zusammen. Die Ausbeute Nubiens an Gold
soll sich zur Zeit Rhamses des Zweiten auf viele Millionen jährlich
beziffert haben.
Ein interessantes Schriftdenkmal aus jener Zeit ist ein Grubenriß, der
sich auf einem in Turin bewahrten Papyros aus dem 15. Jahrhundert v.
Chr. befindet. Er stellt den Plan eines Tagebaues auf Gold in allen
seinen Einzelheiten dar und ist das älteste Dokument dieser Art, das
auf uns gekommen ist[109].
Eine aus Kupfer hergestellte Wasserleitung weist ein um 2500 v. Chr.
entstandener Tempel auf, der in der Nähe des alten Memphis freigelegt
wurde. Die Leitung hatte eine Länge von 400 Metern. Die Röhren
bestanden aus getriebenem Kupfer und besaßen etwa 4 cm Durchmesser
und 1 mm Wandstärke[110]. Die althergebrachte Meinung, daß der Name
Kupfer von Cypern stamme, wird neuerdings angefochten. Das Kupfer wurde
schon im Altertum auch in den Alpen und in Skandinavien gewonnen. Sein
lateinischer Name »Cuprum« wurde wahrscheinlich von den Römern den
nordischen Völkern entlehnt[111].
Ein Beispiel von den Leistungen der alten Völker im Schmieden ist die
berühmte Eisensäule in Delhi. Sie wiegt 11000 kg und hat ein Alter von
etwa 2000 Jahren[112]. Die Säule besteht aus sehr reinem Eisen und ist
trotz des feuchten Klimas des Landes kaum verrostet. Die Reisenden des
Mittelalters erwähnen sie unter Ausdrücken der größten Bewunderung. Sie
ist etwa 7-1/2 m hoch und besitzt einen Durchmesser von 1/2 m.
Hand in Hand mit der Gewinnung und der Verarbeitung der Metalle
ging die Herstellung von Glas, Email, gefärbten Glaswaren und von
Erzeugnissen der Töpferei. Sowohl in Babylonien als in Ägypten war man
mit diesen Gewerben vertraut. Die Glasflüsse und Emaillen wurden mit
Kupferoxyd und mit Kobaltverbindungen rot und blau gefärbt. Daß man
es auch in der Kunst des Schleifens weit gebracht hatte, beweist die
Auffindung einer Linse durch *Layard*[113] in den Ruinen Ninives. Diese
Linse befindet sich im Britischen Museum; sie ist 0,2 Zoll dick und
besitzt eine Brennweite von 4,2 Zoll. Welchem Zweck sie diente, läßt
sich nicht angeben.
Die Glasbereitung, deren Erfindung man mit Unrecht den Phöniziern
zugeschrieben hat, wurde in Ägypten schon in der ältesten Zeit geübt.
Als Materialien wurden Sand, Soda, Muschelschalen usw. verwendet. Das
bekannte Relief von Beni Hassan stellt nicht, wie man früher annahm,
Glasbläser, sondern wahrscheinlich Metallarbeiter vor. Das Blasen
des Glases kam nämlich erst um den Beginn unserer Zeitrechnung auf.
Anfangs wurden die Gläser über einem Tonkern geformt, oder man goß
die flüssige Glasmasse in Tonmodelle, die man hin- und herschwenkte,
um dem erkaltenden Glase die gewünschte Form zu geben[114]. Eine
ausführliche Darstellung über das Glas im Altertum verdankt man *A.
Kisa* (*A. Kisa*, Das Glas im Altertume. 978 Seiten mit 395 Abbildungen
im Text und zahlreichen Tafeln. Leipzig, K. W. Hiersemann 1908). *Kisa*
erwähnt ägyptische Glasfabriken, die zur Zeit Amenophis des Vierten
in Tell el Amarna bestanden. Die Ägypter vertrieben ihre Erzeugnisse
(z. B. Glasperlen) schon im Massenexport. Von Ägypten aus wurden die
Phönizier und die übrigen Mittelmeervölker mit der Bereitung und der
künstlerischen Verarbeitung des Glases bekannt.
Von sonstigen chemisch-technischen Gewerben wurden nicht nur die
Töpferei unter Anwendung von Email, sondern auch die Färberei mit
Benutzung des Alauns als Beize ausgeübt. Als Mineralfarben gebrauchte
man Zinnober und Eisenoxyd, wie sie die Natur darbietet. Mennige,
Bleiweiß und Kienruß wurden künstlich hergestellt. Indem man die in
Ägypten natürlich vorkommende Soda der Natronseen mit Öl behandelte,
gelangte man zur Erfindung der Seife.
Die Anfänge der Heilkunde.
Ein erstaunlich hohes Alter besitzt auch die Heilkunde. Manches
ist darüber aus den in Ägypten gemachten Papyrusfunden und aus
babylonischen Keilschrifttexten bekannt geworden, doch ist es oft nicht
möglich, aus den Beschreibungen die Krankheiten wiederzuerkennen.
Welche Entwicklung die Heilkunde in Ägypten genommen, das nebenbei als
ein gesundes Land galt, erkennen wir aus den Angaben *Herodots*. Er
erzählt: »Die Heilkunde ist bei ihnen geteilt, jeder Arzt beschäftigt
sich mit einer Art von Krankheit. Die einen sind Augenärzte, die
anderen Ärzte für den Kopf, andere für die Zähne und wieder andere für
nicht sichtbare Krankheiten«[115].
Nicht nur das Bedürfnis, Krankheiten zu heilen, sondern auch der
Brauch, Leichen zu mumifizieren, wird die Ägypter frühzeitig zur
Beschäftigung mit dem Bau des menschlichen Körpers geführt haben, wenn
auch religiöse Gründe einer, zu wissenschaftlichen Zwecken erfolgenden
Zergliederung der Leichen im Altertum wie im Mittelalter recht hindernd
im Wege standen.
Das hohe Alter der babylonischen Heilkunde geht schon daraus hervor,
daß die Gesetzessammlung Hammurabis auch von medizinischen Gebühren und
von der Haftpflicht der Chirurgen handelt. Ein Paragraph[116] bestimmt
unter anderem, daß man einem Chirurgen, der das Auge eines Menschen
öffne, um den Star zu operieren, beide Hände abhauen solle, wenn das
Auge durch den chirurgischen Eingriff zerstört werde[117]. Nicht
minder barbarisch waren die ägyptischen Vorschriften. Berichtet uns
doch *Diodor*[118], daß Ärzte, wenn der Patient starb, Gefahr liefen,
als Mörder bestraft zu werden. Da jene ältesten Ärzte ihre Heilmittel
aus allen Naturreichen wählten, so waren Medizin und Naturkunde von
vornherein aufs engste miteinander verschwistert. Die medizinischen
Papyrusfunde zählen über 50 Pflanzen auf, die zu Heilzwecken gebraucht
wurden. Daneben fanden auch Organe und Sekrete von Tieren, wie Herz,
Leber, Blut, Galle usw., ferner Mineralien wie Kupfersalze und Natron
Verwendung.
Ein interessanter Abschnitt aus der Geschichte der Heilkunde ist auch
die Behandlung der Zahnkaries. Die Babylonier nahmen an, daß das
Hohlwerden der Zähne von Würmern herrühre, welche die Zähne ausnagen
sollten. Eine Heilung erwartete man von Beschwörungsformeln. Diese
Formeln verbreiteten sich nach Europa und erhielten sich dort bis ins
Mittelalter. An die Stelle der Beschwörung oder neben diese trat aber
schon sehr frühzeitig eine sachgemäße Behandlung der Krankheit. Man
stillte den Schmerz mit giftigen Kräutern und füllte den hohlen Zahn
mit Harz[119].
Ein Keilschrifttext, der erkennen läßt, in welcher Art oft
kosmogonische Vorstellungen mit Gebetformeln und Heilvorschriften
vereinigt wurden, lautet folgendermaßen:
»Als Gott Anu schuf den Himmel,
der Himmel schuf die Erde,
die Erde schuf die Flüsse,
die Flüsse schufen die Kanäle,
die Kanäle schufen den Schlamm,
der Schlamm schuf den Wurm.
Da ging der Wurm; beim Anblick der Sonne weinte er.
Vor das Angesicht des Gottes Ea kamen seine Tränen:
Was gibst du mir zu meiner Speise?
Was gibst du mir zu meinem Tranke?
Ich gebe dir das Holz, das faul ist und die Frucht des Baumes.
Was ist für mich faules Holz und die Frucht des Baumes?
Laß mich nisten im Innern des Zahnes.
Seine Höhlungen gib mir als Wohnung.
Aus dem Zahne will ich saugen sein Blut.
Weil du dies gesagt hast, Wurm,
möge dich schlagen der Gott Ea
mit der Stärke seiner Hände.
Dies diene zur Beschwörung für den Schmerz der Zähne.
Dabei sollst du Bilsenkraut pulvern und mit Baumharz zusammenkneten.
Dies sollst du in den Zahn bringen, während du die Beschwörung dreimal
hersagst[120].«
Daß sich durch das Zusammenleben in den oft stark bevölkerten Städten
der alten Kulturwelt auch schon eine gewisse Wohnungs- und Volkshygiene
herausbildete, darf als sichergestellt gelten. Die Erbauung der Städte
erfolgte oft schon nach bestimmten Plänen. Einen Stadtplan von Ninive
hat man auf einer Statue gefunden, deren Alter auf 5000 Jahre beziffert
wird. Selbst Wasserleitungen und Kloaken begegnen uns schon bei den
Babyloniern und bei den Ägyptern. Wahrscheinlich sind die Griechen,
wie in so vielen anderen Dingen, auch hierin die Schüler dieser Völker
gewesen. Bei den Assyrern gab es um 700 v. Chr. Städte mit geraden,
gepflasterten Straßen, die sogar Bürgersteige aufwiesen[121].
Welchen Umfang die Kenntnisse der Ägypter in medizinischen, botanischen
und zoologischen Dingen besaßen, kann man kaum noch feststellen.
Viele Einzelheiten lassen sich zwar aus Abbildungen und den auf
uns gekommenen Papyrusfunden entnehmen. Wir wissen ferner, daß die
angewandte Botanik in Ägypten und in Vorderasien ihren Ursprung
genommen hat. So wurden in Ägypten drei Weizen- und zwei Gerstenarten,
sowie die Hirse (Sorghum) gebaut[122]. Auch betrieb man den Anbau des
Rizinus, der Dattel und der Feige, des Weinstocks, der Linsen, Erbsen
usw.
Das umfangreichste medizinische Schriftdenkmal ist der Papyrus
Ebers. Er stammt aus Theben und wurde vermutlich um 1500 v. Chr.
niedergeschrieben. Der Papyrus Ebers ist in der Hauptsache eine
Sammlung von Rezepten (z. B. Rizinus gegen Verstopfung), Gebeten und
Beschwörungsformeln für die verschiedensten Krankheiten. Er gestattet
daher keinen Schluß auf den Stand der Medizin im allgemeinen. Obgleich
wir keinen, die Chirurgie in gleicher Ausführlichkeit behandelnden Text
besitzen, läßt sich aus den Beobachtungen gut geheilter Knochenbrüche
und ähnlicher Dinge an Mumien wohl schließen, daß der Stand dieses,
durch anatomische Kenntnisse bedingten medizinischen Wissenszweiges ein
verhältnismäßig hoher gewesen ist[123].
Die Bereitung der Arzneien erfolgte anfangs durch die Ärzte selbst.
Indessen begegnen uns schon im alten Alexandrien und im alten Rom
besondere Arzneibereiter. Die Einrichtung von Handapotheken geht bis
in die älteste ägyptische Zeit zurück. Die ägyptische Sammlung des
Berliner Museums besitzt eine aus dem Jahre 2000 v. Chr. stammende
Handapotheke einer ägyptischen Königin. Diese Apotheke war laut
geschriebener Widmung ein Geschenk. In den mit Pfropfen verschlossenen
Alabastergefäßen befinden sich noch Wurzeln, die Heilzwecken
dienten[124].
Erstes naturgeschichtliches Wissen.
Manchen Aufschluß über das Verhältnis der alten Ägypter zu der sie
umgebenden Tier- und Pflanzenwelt erhalten wir aus den Wandgemälden
der Gräber und den Verzierungen der den Toten mit ins Grab gegebenen
Schminktafeln. Der Papyrus Ebers enthält auch einige Andeutungen über
die Entwicklung des Skarabäus aus dem Ei, der Schmeißfliege aus der
Larve, des Frosches aus der Kaulquappe[125]. Eine Fülle wohlerhaltener
Abbildungen von Tieren und Pflanzen enthalten die aus dem alten Reiche
(der V. Dynastie) stammenden Gräber des Ptahhotep und des Ti. Sie
gehören der Nekropole des alten Memphis an und liegen in der Nähe
der Stufenpyramide von Sakkara. Das Grab des Ptahhotep zeigt uns den
Verstorbenen umgeben von seinen Windhunden und Schoßaffen. Diener
sind mit dem Schlachten von Opfertieren beschäftigt, oder sie führen
Jagdbeute herbei, wie Gazellen und Löwen. Die Jagdszenen enthalten
manche Beobachtung aus dem Tierleben, z. B. einen Löwen, der einen vor
Schreck gelähmten Ochsen überfällt. Ausführlich wird die Weingewinnung
dargestellt. Die Bilder zeigen die Pflege des Weinstocks, die
Traubenlese und das Keltern. Sehr früh verschwinden aus den Abbildungen
die Darstellungen phantastischer Mischgestalten. Besonders die
Schminktafeln (die alten Ägypter schminkten die Augenbrauen) zeigen,
daß man schon von der ersten Dynastie an mit wenigen Ausnahmen nur
wirklich beobachtete Tierformen zur Darstellung brachte[126].
Mit dem Pferde sind die Ägypter und die Babylonier erst verhältnismäßig
spät bekannt geworden. So enthält die Gesetzessammlung *Hammurabis*
zahlreiche Bestimmungen, in denen von Rindern, Eseln, Schafen und
anderen Haustieren die Rede ist, aber keine, die das Pferd betreffen.
Dieses ist allem Anschein nach erst zu Beginn des 2. Jahrtausends durch
arische Stämme, die vom Aralsee her vordrangen, nach Vorderasien und
Ägypten gelangt. Durch die Einführung des Pferdes kam der Streitwagen
in Aufnahme, welcher der Kriegsführung ein ganz neues Aussehen verlieh.
Den Übergang von Kulturpflanzen und Haustieren aus Asien nach Europa
behandelt *Victor Hehn* auf Grund der Angaben der griechischen und
der römischen Schriftsteller. In seinem Buche konnten, als es 1870
zuerst erschien, die wesentlichsten Ergebnisse der ägyptologischen
und assyriologischen Forschungen noch nicht berücksichtigt werden.
Die neueren Auflagen des seinerzeit epochemachenden Buches von *Hehn*
haben sich darin nur wenig geändert. Es ist das Verdienst *Hehns*,
zuerst nachdrücklich darauf hingewiesen zu haben, daß die Fauna und
die Flora der Kulturländer durch die Einwirkung des Menschen ganz
wesentlich umgestaltet wurden. Dabei bediente sich *Hehn* indessen
noch vorwiegend der rein philologischen Untersuchung. Daß z. B. das
Huhn erst verhältnismäßig spät in Vorderasien und in Europa bekannt
wurde, schließt *Hehn* daraus, daß dieses Tier im Alten Testamente
nicht erwähnt wird und sich auch nicht auf den ägyptischen Wandgemälden
findet, die im übrigen alles, was den Haushalt der alten Ägypter
betrifft, vor Augen führen. In bezug auf Italien kommt *Hehn* zu
dem allgemeinen Ergebnis, daß seine Pflanzenwelt unter dem Einfluß
des Menschen immer mehr einen südlichen und asiatischen Charakter
angenommen habe[127]. Meldet doch *Plinius*, daß z. B. der Kirschbaum
erst durch *Lucullus* von der pontischen Küste nach Italien verpflanzt
sei.
Die literarischen Belege und die Abbildungen von Pflanzen und Tieren
finden eine wertvolle Ergänzung durch die Naturgegenstände selbst, die
man in den alten Nekropolen Ägyptens gefunden und in dem großen Museum
von Kairo vereinigt hat. Man findet dort zahlreiche Mumien von Hunden,
Krokodilen, Fischen, Vögeln (besonders dem Ibis), Spitzmäusen, Bos
africanus usw. Die Insekten sind besonders durch Skarabäen vertreten.
Nicht minder zahlreich sind die Pflanzenreste.
Die Ägypter gelangten auch zu chemischen Operationen, deren Ziel
die Herstellung von Heilmitteln aus pflanzlichen Stoffen war. So
ist bekannt geworden, daß sie in späterer Zeit zu diesem Zwecke
die Destillation ausübten[128] und sich dabei der von ihnen
erfundenen Glasgefäße bedienten. In geringem Umfange fanden
auch schon anorganische Stoffe, wie Eisenoxyd, Alaun usw., als
Heilmittel Verwendung, so daß schon in den ältesten Zeiten ein
gewisser Zusammenhang von chemischem Können mit der Pharmazie sich
herausbildete[129].
Der ägyptische Alaun galt als der beste (*Plin.* 35, 184). Besondere
Alaunwerke, die großen Gewinn abwarfen, bestanden nach *Diodor* (V,
15) auf Lipara. Wie heute wurden mehrere Abarten unterschieden. Man
benutzte Alaun nicht nur in der Heilkunde, sondern auch als Beize, zum
Imprägnieren von Holz, um es vor Feuer zu schützen, zum Gerben (*Plin.*
XXXV, 190), also zu vielen Zwecken, denen er noch jetzt dient.
Die alte Kultur Süd- und Ostasiens.
Nachdem wir das Entstehen der ersten Wurzeln von Kultur und
Wissenschaft in Vorderasien und Ägypten geschildert haben, erübrigt
noch eine kurze Betrachtung der in Indien und in China entstandenen
Elemente. Die Bedeutung der Inder für die Entwicklung der
Wissenschaften ist erst auf Grund der neueren Sanskritforschung in
das rechte Licht gerückt worden, wenn auch noch manche Zweifel und
Unklarheiten geblieben sind. Erst seit der Begründung der neueren
vergleichenden Sprachforschung ist man zu der Erkenntnis gelangt, daß
die Inder mit den Griechen, Römern und Germanen eines Stammes sind.
Welches die Heimat des vermuteten indogermanischen Urvolkes war, wird
sich wohl nie ermitteln lassen. Soviel dürfen wir indessen annehmen,
daß es sich um ein Hirtenvolk handelte, das innerhalb eines gemäßigten
Klimas erstarkt war und infolgedessen zu wandern begann. Der neue Boden
mußte aber nicht nur der Natur, sondern auch einer auf niedriger Stufe
stehenden Urbevölkerung abgerungen werden. So drangen die Inder mit
ihren Rossen und Rindern von Nordwesten her, einige Jahrtausende vor
Beginn unserer Zeitrechnung, in die nach ihnen benannte Halbinsel ein.
Zunächst setzten sie sich im Gebiete des Indus fest und drängten von
hier aus die dunklen Urbewohner nach Süden und in die Gebirge zurück.
Während der ersten Stufen, welche die Entwicklung in Indien durchlief,
wird keine oder nur eine geringe Fühlung mit den Mittelmeervölkern
bestanden haben. Indes schon mit dem ersten Aufdämmern der Geschichte
ist ein Verkehr Indiens mit dem Westen wie mit China nachweisbar, so
daß der frühere Glaube an die völlige Abgeschlossenheit der süd- und
ostasiatischen Kultur einer anderen Auffassung hat weichen müssen. In
der allerersten Zeit war es der Handel, der eine Verbindung herstellte
und dabei den Seeweg bevorzugte. Auf diesem Wege gelangten die
Erzeugnisse Indiens nach dem Arabischen Meerbusen und von dort den
Euphrat und Tigris hinauf. Selbst die Ostküste des entfernten Ägyptens
unterhielt lebhafte Handelsbeziehungen zu Indien. Und in späterer Zeit
durchfuhren selbst römische Schiffe das Rote Meer und den Indischen
Ozean, in welchem sich die Seefahrer den regelmäßigen Wechsel der
Monsunwinde zunutze machten[130].
Einem Austausch der Waren wird zu allen Zeiten ein Austausch des
Wissens parallel gegangen sein. Ein weiteres kräftiges Ferment für eine
wechselseitige Befruchtung waren ferner die Ausbreitung der Religionen
und die Eroberungszüge. So entstanden später infolge des Alexanderzuges
an den Grenzen Indiens griechische Königreiche, die einen regen
Austausch auch geistiger Erzeugnisse zwischen den Bewohnern der
Mittelmeerländer und Südasiens vermittelten. Zur römischen Kaiserzeit
und während der byzantinischen Periode fand sogar ein Verkehr zwischen
den indischen und den westlichen Höfen durch Gesandtschaften statt.
Ja, unter Kaiser Antoninus ist sogar eine römische Gesandtschaft am
chinesischen Hofe erschienen[131].
Für die Geschichte der Wissenschaften kommt insbesondere der
Einfluß in Betracht, den die Inder auf medizinischem und
astronomisch-mathematischem Gebiete auf die westlich von ihnen
wohnenden Völker ausgeübt haben. Besaßen doch später die Araber nicht
nur in Galen, sondern nicht minder in den Indern Lehrmeister in der
Anatomie und Chirurgie. Unter den Naturerzeugnissen Indiens befand sich
ferner mancher Stoff, der von den Bewohnern als heilkräftig erkannt und
anderen Völkern übermittelt wurde. So hatten sich bei Alexander[132]
geschickte indische Ärzte eingefunden, die sich besonders auf die
Heilung von Schlangenbissen verstanden. Als ein Beweis für das Alter
der indischen Medizin mag auch gelten, daß die Ärzte bei den Indern in
hoher Achtung standen[133].