Messias, Mißgeschöpfe nach entgegengesetzter Richtung hin. Verschmäht es
die Kunst, täuschende Wachsfiguren zu bilden, so hascht sie noch viel
weniger nach Traumbildern: ihre Marmorgestalten sind wahre und dennoch
ideale, natürliche und doch überirdische, lebenerfüllte und doch stille
und kalte Wesen. Wie keusch ist der Dichter von Hermann und Dorothea in
individualisierenden Einzelheiten des Lebens, in Essen und Trinken,
Kleidern, Sitten, Idiotismen der Umgangssprache dem Dichter der Luise
gegenüber! Wie heiter sinnlich entfaltet er in bestimmten Handlungen,
Lokalitäten, menschlichen Motiven das Gemälde vor uns, verglichen mit
den sich jagenden Phantasmagorieen und der verhallenden Musik des
Klopstockischen Gedichts! Er läßt die Charaktere durch Handlungen vor
uns entstehen, während in der Luise nur Beschreibung ist; er nüanciert
und individualisiert sie, während die Personen Klopstocks als
verkleidete Abstraktionen des Guten und Bösen, der Allmacht und Unmacht
u. s. w. alle den gleichen wesenlosen Typus tragen. Von einer Tendenz
ist in Hermann und Dorothea keine Spur; Voß und Klopstock sind beide
Theologen, der eine ein rationalistischer, der andre ein orthodoxer, und
beide haben theologische Absichten. Aus Hermann und Dorothea weht uns
ein geläuterter Geist echter Humanität an, der eins ist mit dem Element
ästhetischer Freiheit und schöner Kunstdarstellung; bei Klopstock
verdrängt Gebet und Fluch die stille Heiterkeit des bildenden Dichters,
die theologische Satzung den Geist freier Betrachtung der Dinge. Beide
Dichter endlich, Voß sowohl als Klopstock sind deutsch und national,
aber ebenfalls in beschränkter Weise. Voß malte manche Seiten
norddeutschen Seins und Lebens mit Glück und befreundete sich mit den
ehrbaren Gestalten begrenzter Sittlichkeit in derjenigen Sphäre, welcher
er durch seine Geburt angehörte, aber er erschöpfte den Gehalt des
deutschen Volkes nicht, sein Deutschtum ist zu eng; Klopstock besang den
leeren Begriff Vaterland und fuhr auf den Flügeln der Begeisterung für
alles Germanische dahin, aber er verkehrte nicht freundlich und
vertraulich mit den konkreten Interessen und den wirklichen Zuständen
des deutschen Volkes und Landes, sein Deutschtum ist zu abstrakt. Es
kostete darum Klopstock auch nichts in seinem Hauptgedicht, welches als
Epos vor allem einen nationalen Boden verlangte, den Kreis des
Vaterländischen zu verlassen und dem religiösen, wohl auch dem
theologischen Interesse auf Kosten des nationalen Genüge zu geben,
welches ihm Goethe in dem Gedicht »die Kränze« auf gewohnte
mildentschuldigende Weise vorwarf. Goethe ist auch nationaler als beide
Dichter, er ist deutscher als irgend einer unsrer Dichter, obgleich er
nie für Arminius geschwärmt, den Welschen immer freundlich gewesen und
seinen Widerwillen gegen eine christlich-germanische Erneuerung des
Mittelalters nicht verhehlt. In Hermann und Dorothea ist deutscher Geist
in echter Wesenhaftigkeit: da aber alles Krankhafte und Irrige, worin
dieser Geist sich selbst verlor, von dem Gedicht ausgeschlossen blieb,
so erscheint es ebenso deutsch als homerisch und human.
Wir haben im Obigen über beide Gedichte, die Luise und den Messias,
etwas hart geurteilt, weil es uns darauf ankam, ihr poetisches
Wertverhältnis zu Hermann und Dorothea deutlich zu betonen. Für sich
betrachtet haben beide gewiß manche Schönheiten, die Luise im naiven,
die Messiade im sentimental-elegischen Tone; den, der die höchsten
Forderungen mitbringt, können sie nicht befriedigen. So ist denn auch
Klopstocks Messias nach einer oft gemachten Bemerkung längst schon ohne
Leser; und von Vossens Luise bleibt August Wilhelm Schlegels Ausspruch
wahr: Bei der Nachwelt wird es Luisen empfehlen können, daß sie Dorothea
zur Taufe gehalten hat.
Anmerkungen.
Die eigenartigen grossen Vorzüge der Auffassung und Darstellung, die aus
Viktor Hehns Gedanken über Goethe (zweite Auflage, Berlin 1888) allen
wahren Freunden unsres Dichters bekannt und liebgeworden sind, die Wärme
der persönlichen Hingabe, die Kraft individuellster Anschauung, das
feine Verständnis für den innersten Wesensgehalt der Poesie und
besonders der Goetheschen Poesie finden sich in vollem Masse auch in
seinen Betrachtungen über Hermann und Dorothea, Goethes innigste und
vollendetste Dichtung. Hehns Manuskript lag fast ganz druckfertig vor
und bedurfte nirgends grösserer Aenderungen: schade nur, dass es nicht
lückenlos erhalten ist. Zwar fehlt nichts Grösseres und Vollständiges,
denn alle in der Disposition S. 6 aufgezählten Punkte kommen in unserm
Texte zur Behandlung; aber an zwei Stellen fehlen leider Bogen, die den
Schluss von Kapiteln enthalten haben. So sollten sich S. 26 noch
Betrachtungen anschliessen, die mit Gedanken über die Spuren der
Entstehung der Tragödie bei den Griechen aus dem Epos beginnen, welche
aber wegen ihres durchaus fragmentarischen Charakters von mir ganz
fortgelassen sind; ihre Ausdehnung lässt sich nicht ermessen und auch so
hat das Kapitel befriedigenden Abschluss. Dann fehlte der Schluss des
Kapitels über die Lebenssphäre, wo ich S. 114 wenigstens den Schluss des
abgebrochenen Satzes und der Betrachtung aus den Gedanken über Goethe S.
253 hierher übernehmen konnte; vielleicht hat noch mancher andre Zug,
der dort sich findet, hier näher beleuchtet werden sollen. Viele Sätze
und auch zuweilen grössere Abschnitte unsres Buches, die ich unten
verzeichnet habe, finden sich schon in den Gedanken über Goethe: sie
konnten hier im Zusammenhange nicht entbehrt werden, wenn sie auch der
Verfasser, der wohl an eine Herausgabe unsres Buches nicht mehr dachte,
schon dort in weiterer Ausgestaltung verwertet hat. Ausgeschieden aus
dem Text, um den ruhigen Fluss genussreicher Lektüre nicht durch öde
Zahlen zu unterbrechen, habe ich alle genaueren Zitate: ich bringe sie
hier in den Anmerkungen nach, denen ich auch einige kleinere auf
zerstreuten Blättern erhaltene Parerga Hehns eingefügt habe; meine
eigenen Zuthaten, meist Literaturnachweise bringend, nehme man für
nichts als anspruchslose Glossen, die ich dem mir liebgewordenen Buche
nicht vorenthalten mochte.
Einleitung.
S. 2. Rötscher, Zum Verständnis des Goetheschen Faust, erschienen in
seinen dramaturgischen und ästhetischen Abhandlungen (Leipzig 1846) S.
36.
Viehoff, Goethes Gedichte erläutert und auf ihre Veranlassungen, Quellen
und Vorbilder zurückgeführt nebst Variantensammlung und Nachlese, 3
Bände, Düsseldorf 1846-53, die 3. Auflage erschien Stuttgart 1876; vgl.
über ähnliche Dinge Scherer, Aufsätze über Goethe S. 5.
Grün, Ueber Goethe vom menschlichen Standpunkte, Darmstadt 1846; vgl.
auch S. 46. 48. Das eigenartige Buch, so sehr es oft Goethes innerstes
Wesen verkennt und seiner Poesie nicht gerecht wird, enthält doch eine
Reihe sehr anregender und tüchtiger Betrachtungen.
S. 3. Die gesamte Literatur über Hermann und Dorothea verzeichnet jetzt
am ausführlichsten Max Koch in der 2. Auflage von Goedekes Grundriss zur
Geschichte der deutschen Dichtung Band 4, S. 689.
Schlegel besprach Goethes Hermann und Dorothea in der Jenaischen
allgemeinen Literaturzeitung 1797 Nr. 393-396, wiederabgedruckt in
seinen Charakteristiken und Kritiken Band 2, S. 260 und seinen
sämtlichen Werken Band 11, S. 183; vgl. auch S. 5. »August Wilhelm
Schlegels ästhetische Kritik kann sich sicherlich mit allem, was die
damalige Zeit hervorbrachte, auch der philosophischen Tiefe nach messen
und fand erst an Hegels und Vischers Aesthetik eine ebenbürtige
Fortsetzung und beziehungsweise Gegnerschaft.... Gleich seine ersten
kritischen Versuche in Jena, über Goethes römische Elegieen und über
Hermann und Dorothea, ragten sowohl historisch als theoretisch über das
Gewöhnliche hoch hinaus. Die römischen Elegieen, die ein bedenkliches
moralisches Wagnis schienen, besprach er mit einer Sachkenntnis und
Wärme, mit einem freien poetisch-sittlichen Gefühl, wie man es den
damaligen und späteren Geschmacksrichtern und Neidern, z. B. Herder,
wohl hätte wünschen mögen.... Wie über die römischen Elegieen war auch
August Wilhelm Schlegels Charakteristik von Hermann und Dorothea eine in
wenig Worten erschöpfende Vorausnahme alles dessen, was jemals über dies
Epos einsichtiges gesagt worden ist« Gedanken über Goethe S. 112. 113.
114. Hehn selbst verdankt Schlegels Rezension in seinen Betrachtungen
viele Anregung, namentlich in den Kapiteln über das Epos und die
Homerismen.
Yxem, Ueber Goethes idyllisches Epos Hermann und Dorothea, erschienen in
von der Hagens Germania (Neues Jahrbuch der Berlinischen Gesellschaft
für deutsche Sprache und Altertumskunde) Band 2, S. 98.
Humboldt, Aesthetische Versuche, erster Teil, über Goethes Hermann und
Dorothea, Braunschweig 1799, wiederabgedruckt in seinen gesammelten
Werken Band 4, S. 1; die 4. Auflage der Einzelausgabe (Braunschweig
1882) enthält wertvolle geschichtliche Vorerinnerungen von Hettner; vgl.
auch S. 5. 77. 95. 136. »In diesem Buche, das von dem Goetheschen
Gedichte handeln will, verschwindet dasselbe als poetisches Individuum
fast ganz unsern Augen und es wird in Weise Schillers, nur noch körper-
und inhaltsloser, über Gattungen und Formen reflektiert und die
Ueberlegung hin und her gewendet, ohne dass sich etwas Greifbares ergäbe
... Humboldts ... Anlage, die als Adel der Gesinnung und Idealität, aber
auch als Eleganz und Kälte bezeichnet werden kann« Gedanken über Goethe
S. 114. 226. Vorurteilsfreier und liebevoller wird Humboldts grosses
Werk von Hettner in den oben erwähnten Vorerinnerungen gewürdigt, die in
ihren Schlussbetrachtungen den richtigen Schlüssel für das Verständnis
des Buches geben: es muss durchaus in festgefügtem Zusammenhang mit
Humboldts sprachwissenschaftlichen und streng-philosophischen Ansichten
betrachtet werden. Tieferes Verständnis irgend einer Seite von Humboldts
Wesen und Leistungen ist ohne eingehende Verwertung von Steinthals
unübertrefflichem Kommentar zu den sprachphilosophischen Werken (Berlin
1884) überhaupt unmöglich.
Schillers Eindruck von Humboldts Werk ersieht man am besten aus seinem
Briefe an Humboldt vom 27. Juni 1798 (Briefwechsel zwischen Schiller und
Humboldt S. 297), den mir Hehn jedoch unrichtig in seiner Grundstimmung
zu deuten scheint; Goethes Ansicht erhellt aus seinem Schreiben an
Humboldt vom 16. Juli 1798 (Goethes Briefwechsel mit den Gebrüdern von
Humboldt S. 55).
S. 4. Hillebrand, Die deutsche Nationalliteratur seit dem Anfange des
achtzehnten Jahrhunderts, besonders seit Lessing, bis auf die Gegenwart
handelt im 2. Bande S. 236 über unser Gedicht; vgl. auch S. 5. »Selbst
Joseph Hillebrand, der von allen Literarhistorikern Goethe am tiefsten
erkannte, hat sich von Gervinus nicht ganz freihalten können.... Wo
Hillebrand selbst spricht, da ist er vortrefflich« Gedanken über Goethe
S. 171, Anm. 2.
Gervinus spricht über Hermann und Dorothea im 5. Bande seiner Geschichte
der deutschen Dichtung S. 522; vgl. auch S. 5. 40. 131. »Er schrieb eine
Geschichte der deutschen Dichtung, wie er sein Buch nannte, in nicht
dichterischer, sondern moralisch-prosaischer Absicht, wo natürlich alle
Grössenverhältnisse sich umkehrten. Er schätzte das jedesmalige
poetische Produkt nicht nach seinem eigenen inneren Werte, auch nicht
als Glied einer fortgehenden Entwicklung, sondern insofern es ein Mittel
werden konnte die ästhetische Stimmung aufzuheben und statt des
literarischen ein politisches Zeitalter mit Bürgerfreiheit und
nationaler Grösse, wie er, Gervinus, sie konstruiert hatte,
herbeizuführen.... Gervinus wurde eine viel studierte Autorität und mit
seiner Doktrin, die Epoche der schönen Seelen sei vorüber und die des
Heroismus angebrochen, neben den übrigen badischen und rheinischen
Professoren der Führer in dem allgemeinen Umschwung. Und sieht man
jetzt, nachdem ein halbes Jahrhundert darüber hingegangen, auf ihn
zurück, so muss man bekennen, er war eigentlich ein beschränkter
Querkopf, der sich selbst oft eigensinnig das Ziel verrückte; kein
rechter Gelehrter, obwohl er als Literarhistoriker viel hatte lesen
müssen; ursprünglich ein Kaufmann, und was dem fehlt, holt man
bekanntlich nie wieder ein. Seine unharmonische Natur malte sich in dem
unerträglich harten Stil: man legt seine Bücher mit dem Gefühl aus der
Hand, als hätte man sich durch ein Dorngestrüpp durcharbeiten müssen und
stünde nun mit zerrissenen Kleidern und zerzausten Haaren da; aber eben
dadurch wuchs sein Ansehen, denn die schöne Form hat in Deutschland
immer verdächtig gemacht« Gedanken über Goethe S. 165. 167. Es ist, als
wenn Hehn nie Gervinus' herrliches Shakespearebuch gelesen hätte; sein
Urteil ist mit Ausnahme der Stilbemerkung recht unbillig und ohne rechte
Fühlung mit Gervinus' innerster Eigenart. Sympathischer und richtiger
ist Hermann Grimms Urteil, der in seinem Goethe S. 90 eine Lanze für den
Schöpfer unsrer Literaturgeschichte bricht; vgl. auch Scherer,
Geschichte der deutschen Literatur S. 723.
Hermann und Dorothea.
S. 5. Das zitierte Urteil Schillers steht in seinem Briefe an Heinrich
Meyer vom 21. Juli 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band
1, S. 296 Spemann).
S. 6. Rosenkranz, Goethe und seine Werke S. 346.
Tag- und Jahreshefte von 1796: Goethes Werke Band 35, S. 65 Weimarische
Ausgabe; vgl. auch S. 57. »Mit Rührung erinnere ich mich, wie uns Goethe
in tiefer Herzensbewegung unter hervorquellenden Thränen den Gesang, der
das Gespräch Hermanns mit der Mutter am Birnbaume enthält, gleich nach
der Entstehung vorlas. So schmilzt man bei seinen eigenen Kohlen, sagte
er, indem er sich die Augen trocknete,« berichtet Karoline von Wolzogen
in ihrem Leben Schillers S. 225 Cotta, wiederabgedruckt in Goethes
Gesprächen Band 1, S. 186.
Jean Pauls Charakteristik wird auch S. 45 erwähnt.
S. 11. Im neuen literarischen Anzeiger von 1807 bemerkt Jakob Grimm: »es
ist ungereimt ein Epos erfinden zu wollen, denn jedes Epos muss sich
selbst dichten, von keinem Dichter geschrieben werden«; die Stelle ist
wiederabgedruckt in seinen kleinen Schriften Band 4, S. 10, Anm. 4;,
vgl. auch S. 14. Wie wir heutzutage über dieses Grundprinzip Grimms zu
denken haben, zeigt Scherer in seinem Jakob Grimm S. 145 und in seiner
Poetik S. 133.
S. 12. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 332; vgl. auch S.
13. 45. 109. Bei Hegels Auftreten »öffnete sich ein unermesslicher
Reichtum vor den trunkenen Blicken, die wiedergewonnene Heimat des
Geistes, und vor der Wärme dieses neuaufgegangenen Frühlings schmolzen
die starren hartnäckigen Trennungen des abstrahierenden Verstandes und
der dualistischen Moral« Gedanken über Goethe S. 15. Hehns
philosophische Ansichten sind durchgehends von Hegel beeinflusst (vgl.
Dehio in Hehns Italien S. VI); auch seine in unsrem Werke
ausgesprochenen allgemeinen Ansichten von Poesie und ihrer Entwicklung
fussen überall auf dem Lebensboden der Hegelschen Aesthetik, dem
greifbarsten und bleibendsten Werke des Philosophen; doch drängt sich
nirgends der Anschluß an den verehrten Meister übermässig oder störend
hervor; der genauer Vergleichende findet oft Aehnlichkeiten bis in den
Ausdruck hinein. Vor unstatthafter Einmischung Hegelscher Dialektik
bewahrte Hehn sein feines poetisches und menschliches Gefühl für die
Gestalten und Formen Goethescher Dichtung.
Herodot sagt im 2. Buche § 53 von Hesiod und Homer: [Greek: houtoi de
eisi hoi poiêsantes theogoniên Hellêsi, kai toisi theoisi tas epônymias
dontes kai timas te kai technas dielontes kai eidea autôn sêmênantes.]
S. 13. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 388.
S. 20. Die homerischen Beispiele finden sich Odyssee Buch 19, Vers 392
und Ilias Buch 21, Vers 34.
S. 23. Gemeint ist Herders Aufsatz im 5. Bande der Adrastea »Vom
Langweiligen, das die Epopöe oft begleitet« sämtliche Werke Band 24, S.
284 Suphan. Ich verdanke den Nachweis der Freundlichkeit Bernhard
Suphans.
Mit der Natur der epischen Poesie beschäftigen sich noch einige Blätter
aus Hehns Nachlaß, aus denen ich hier folgendes mitteilen möchte:
»Das Epos hat mit der Plastik und deren Objektivität im Sinne
sowohl des substanziellen Gehalts als auch der Darstellung in Form
realer Erscheinung die meiste innere Verwandtschaft. Darum blühte
beides in Griechenland. Die Welt der homerischen Gedichte ist in
der schönen Schwebe zwischen den allgemeinen Lebensgrundlagen der
Sittlichkeit in Familie, Staat, religiösem Glauben, Recht, und der
individuellen Besonderheit des Charakters, in dem schönen
Gleichgewicht zwischen Geist und Natur, zweckvoller Handlung und
äußerem Vorgang, nationaler Basis der Unternehmungen und einzelnen
Absichten und Thaten; die freie Bewegung einzelner Helden erscheint
gemäßigt durch den Ernst des Schicksals und die Bestimmtheit der
Zwecke. Daher auch die Naivetät der erscheinenden Göttergebilde,
die ganz menschlich und es doch nicht ironisch sind.
Das Epos, seines poetischen Gewands entkleidet, gibt dasjenige, was
Geschichte in geistvoller Behandlung und Naturbeschreibung in ihrer
größten Allgemeinheit gewährt, einen vollkommenen Ueberblick über
die Menschheit und die Natur in ihrer Verbindung. Nur daß der
Dichter nicht die Vollständigkeit der Objekte braucht, sondern
mittelst eines einzelnen Objekts noch mehr leistet, da er das Gemüt
in eine unendliche Stimmung versetzt. Der epische Dichter genießt
die weiteste Aussicht; seine Dichtung ist am meisten fähig den
Menschen mit dem Leben zu versöhnen.
Das Epos gibt der Musik Gestalt, der Skulptur Bewegung und Sprache.
Idyll heißt nicht bloß eine Dichtungsart, sondern eine
Empfindungsweise. Die Idylle beschreibt einen Zustand, das Epos
erzählt eine Handlung.
Der Kampf individueller Charaktere, Zwecke und Leidenschaften mit
den objektiven Mächten führt zur dramatischen Poesie. Das Epos
fordert aber noch jene unmittelbare Einheit von Empfindung und
Handlung, von inneren konsequent sich durchführenden Zwecken und
äußeren Begebenheiten, eine Einheit, welche nur in den ersten
Perioden des nationalen Lebens vorhanden ist. Indes ist die epische
Kunst selbst später als jener naive unmittelbare Volkszustand, der
unbefangen sich in seinem poetischen Dasein heimisch fühlt. Homer
und Ossian folgen der von ihnen geschilderten Zeit.
Dennoch muß der epische Dichter ganz in den geschilderten
Verhältnissen und diesem Glauben stehen und er bringt nur die Kunst
der Darstellung, das poetische Bewußtsein hinzu. Fehlt diese
Verwandtschaft im Leben und Vorstellen, so wird das Gedicht
disparat. Die Scheidung zwischen dem künstlerischen Geist und der
geschilderten nationalen Wirklichkeit ist unangemessen und störend
z. B. in Goethes Achilleis. Auf der einen Seite stehen die Szenen
des vergangenen Weltzustandes, auf der andern Formen und
Gesinnungen einer davon verschiedenen Gegenwart. Dadurch wird der
frühere Glaube zu einer kalten Sache, einem Aberglauben, einem
leeren Schmuck, einer bloßen sogenannten poetischen Maschinerie,
der alle Lebendigkeit, aller Pulsschlag wahren Lebens, alle Seele
abgeht.
Der Weltzustand, in welchem das Epos entsteht, ist ein solcher, daß
das allgemeine Leben zwar schon eine vorhandene Wirklichkeit ist,
aber noch im engsten ursprünglichen Zusammenhang mit den
Individuen, die dies allgemeine Leben bewußtlos als ihr eigenes
Leben fühlen. Im Epos sollen nicht die Helden einen Gesamtzustand
erst gründen, denn er fiele dann in das Gemüt und den Willen des
Subjekts und erschiene nicht als objektiv vorhanden.
Jedes Epos muß ein bestimmtes Volk schildern. Das Prinzip
griechischen Geistes lernt man in lauterer Quelle aus Homer kennen.
Zweierlei Art nationaler Wirklichkeit: positive spezielle Gebräuche
und Substanz des Volksgeistes, die im Lauf der Zeit unverändert
bleibt. Hermann und Thusnelda sind uns nicht mehr national, auch
die Nibelungen können nicht mehr gefühlt werden. Die besondre
Nationalität muß allgemein-menschliche Geltung haben. So haben
Homers Gedichte ewige Gegenwart. Das indische Epos ist zu
überwiegend spezifisch: das Menschliche kann nicht durchbrechen.
Das Nibelungenlied hat inneres Mark. Auch in ihm ist substanzieller
Gehalt in Bezug auf Familie, Gattenliebe, Vasallentum, Diensttreue,
Heldenschaft; dennoch ist die ganze Kollision eher dramatisch und
tragisch als episch. Die Darstellung hat keinen individuellen
Reichtum, keine lebendige Anschaulichkeit; sie verliert sich ins
Harte, Wilde, Grausame; die Charaktere gleichen in ihrer abstrakten
Schroffheit mehr rohen Holzbildern, als daß sie der menschlich
ausgearbeiteten geistvollen Individualität homerischer Personen
vergleichbar wären.
Die epische Begebenheit muß auf den Boden der sie umgebenden
totalen Volksnatur gegründet sein, die individuelle That darf nicht
mit dieser Natur in Gegensatz stehen. Das allgemeine Leben muß in
so konkreten einzelnen Thaten aufgefaßt sein, daß daraus notwendig
eine bestimmte Situation, bestimmte Zwecke und Handlungen, eine
bestimmte Begebenheit hervorgeht. Die einzelne epische Handlung muß
erstens individuell lebendig und bestimmt sein und zweitens
epischen Charakter haben; drittens muß sie eine innere
Notwendigkeit des Fortgangs haben, welche teils als Schicksal,
teils als offenbare Leitung ewiger Göttermächte erscheint.
Das epische Geschehen muß in die äußere Realität der umgebenden
Welt eintreten und nicht bloß innerlich vorgesetzter Zweck des
Individuums sein, welchen dieses in sich zur Realität bringt.
Daher ist die epische Begebenheit nicht bloß Durchführung von
Zwecken, sondern es treten in sie Umstände, Naturereignisse,
Zufälle u. s. w. ein. Sie ist keine That streng genommen, sondern
ein Geschehen. Sie muß eine ganz individuelle sein, daher nicht
bloß Staat, Vaterland, Menschheit das Subjekt sind, sondern ein
besonderer Held; trotzdem keine Biographie.
Der epische Charakter muß eine Totalität von Zügen, ein ganzer
Mensch sein; daher die Breite der Zeichnung nach allen Seiten hin,
während im Drama das Pathos, die eine Richtung des Menschen
beleuchtet ist und ihn ganz verschlingt. Als total und das
Eigentümliche der Nation und Zeit in sich zusammenfassend haben
diese Helden das Recht, an die Spitze gestellt zu sein. Die Nation
konzentriert sich in ihnen zum Subjekt. Der epische Charakter geht
nicht in seinem Zwecke auf; nicht seine Wirksamkeit, sondern was
ihm begegnet, ist die Hauptsache.
Der dramatische Charakter macht sich sein Schicksal selber, dem
epischen wird es durch die Macht der Umstände gemacht. Das Drama
kehrt das innere Recht der Handlung objektiv heraus, das Epos aber
stellt das totale Dasein dar und diesem substanziellen Zustande
folgt das Individuum und leidet demgemäß. Das Schicksal bestimmt,
was geschieht. Die epische Gerechtigkeit richtet nicht die Person,
wie die dramatische, sondern die Sache; daher ein Grundzug der
Trauer.
Die Notwendigkeit des Schicksals kann doppelt zur Darstellung
gebracht werden. Der Dichter stellt entweder die Begebnisse hin und
erklärt ihren Gang nicht durch das Mithandeln ewiger Göttermächte.
Dennoch muß durch das Ganze sich die Empfindung durchdrängen, daß
es sich nicht um das bloß Zufällige handelt, sondern die Geschicke
in sich selbst begründet sind, ohne daß die dunkle Macht deshalb
hervortritt, bestimmt individualisiert und in ihrer Thätigkeit
poetisch vorgestellt wird. Hierher gehört das Nibelungenlied. Oder
es erscheint eine vielgestaltige Götterwelt, welche eingreift.
Zwischen Göttern und Menschen ist wechselseitige Selbständigkeit
nötig. Die ersteren dürfen nicht leblose Abstraktionen, die
Menschen nicht bloß willenlose Werkzeuge sein. Im Christentum haben
die Engel und Genien zu wenig Körper. In Bezug auf die Götterwelt
besonders ist der Unterschied künstlicher und ursprünglicher Epen
wichtig: so bei Virgil und Homer. Die Anschauungsweise des Dichters
und der dargestellten Welt bei Virgil ist nicht im Einklang: die
Götter sind bloße Erdichtungen, künstliche Mittel, mit denen es
nicht Ernst ist. Bei Homer schweben die Götter in dem magischen
Licht zwischen Dichtung und Wahrheit: der Glaube an sie ist der
Glaube an den substanziellen Gehalt, den sie repräsentieren.
Gemacht sind auch Milton, Bodmer, Klopstock, Voltaire; überall
Zwiespalt des Inhalts und der Reflexion des Dichters. Bei Klopstock
spukt Wolffsche Metaphysik. Gottvater und die himmlischen
Heerscharen sind gar nicht zur Individualisierung gemacht, wie die
homerischen Götter. Klopstocks Welt ist bodenlos, seine Engel und
Teufel leere Einbildung, Abbadonna, der bekehrte Teufel, eine
absurde Inkonsequenz des Lasters, des personifizierten Lasters.
Klopstock gefällt sich in unrealen Personen und Dingen, die nicht
aus der wirklichen Welt und deren poetischem Gehalt herausgegriffen
sind. Moralische Weltrichterschaft geht auf Allgemeines, während
Dante bestimmte Personen verurteilt. Die Reden der Erzväter und
biblischen Figuren stimmen schlecht mit der geschichtlichen Gestalt
zusammen, in der wir sie kennen. Der historische Fond ist hier
verflüchtigt, im ganzen Gedicht viel Hohles, Abstrakt-Verständiges
und zum absichtlichen Gebrauch Herbeigeholtes.
Das Epos muß Einheit und Rundung haben. Dadurch ist es ein Werk der
freien Kunst, während die Wirklichkeit sich zerstreut, in einem
endlosen Verlauf von Ursachen, Wirkungen und Folgen sich fortzieht.
Das Epos blüht nur in Zeiten ruhigen Behagens, es stirbt in Zeiten
drangvoller Arbeit, rapider Entwicklung. Mit der fortschreitenden
Kultur ist zugleich Entzweiung gegeben, darum ist das Epos nicht
die Kunstform zivilisierter Zeitalter.