Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister,
wo der spondeische Ausgang den Eindruck der Würde unterstützt; weit
öfter aber werden wir den Vers, unbekümmert um den jedesmaligen Sinn,
seinen eigenen gleichmäßigen Gang verfolgen sehen. Und letzteres gerade
ist die Idee des Verses. Die gebundene Rede besteht eben darin, daß ohne
Rücksicht auf den mannigfach wechselnden Gedanken ewig ein und dieselbe
unveränderliche rhythmische Form wiederkehrt. Wäre jene Wortmalerei das
Richtige, so müßte ein festes Versmaß überhaupt verworfen werden. Dieses
bindet den Strom mannigfacher Empfindungen und Anschauungen an ein
unverbrüchliches Gleichmaß und steht nur zu dem Ganzen des Gesanges,
nicht aber zu jedem Punkt der Bewegung in entsprechendem Verhältnis.
Goethe wandte den Trochäus da an, wo die alten Dichter den Spondeus
gebraucht hatten. Eigentliche Spondeen nämlich sind im Deutschen
unmöglich. Selbst Voß erkennt dies in einer vorübergehenden Bemerkung
an, deren Gewicht er aber nicht einsah. Steigende Spondeen, sagt er,
ahmen den Jambus, sinkende den Trochäus nach. Der Grund dieser
Unmöglichkeit, reine Spondeen im Deutschen zu bilden, liegt auch sehr
nahe. Bei den Alten, wo die Länge der Silbe etwas für sich Bestehendes
und von dem metrischen Iktus Gesondertes war, konnte auch diejenige
Silbe des Spondeus lang sein, die diesen erhöhten Ton nicht erhielt; im
Deutschen aber, wo die Länge eben nur in jener Erhebung der Stimme,
abgesehen von der quantitativen Zeitdauer, besteht, sind zwei Silben,
von denen nur eine den Ton hat, unmöglich zu einem Spondeus zu
vereinigen. Voß half sich auf eine doppelte Weise, um dennoch wirkliche
Spondeen zu erzwingen, indem er beidemal das Gesetz des deutschen
Wortaccentes verletzte. Er ließ nämlich entweder zwei wirklich betonte
Silben zusammen einen Spondeus bilden und sagte:
Der Herrscher im Donnergewölk Zeus
oder
Faßte, dieweil Karl drängte, den Arm des bescheidenen Jünglings,
wo aber die zweite Silbe 'Zeus', 'Karl' entweder wider Sinn und
Sprachgebrauch den Ton verliert oder beide Silben betont werden und also
aufhören, sich zu der Einheit eines Fußes zu verbinden. Oder er bildete
sogenannte geschleifte Spondeen, indem er die starkbetonte Silbe in die
Senkung, die schwachbetonte in die Hebung brachte und z. B. sagte.
Wer getrost fortgehet, der kommt an. --
Es verfolgt Schwachheit absterbendes Alters,
womit aber aller deutschen Wortbetonung Hohn gesprochen ist. Niemand
sagt 'fortgéhet', es müßte denn sein, daß der Gegensatz zum Fortreiten,
Fortfliegen u. s. w. auf das Gehen den Ton verlegte. Aus dem obigen
folgt, daß auch der deutsche Daktylus ein ganz andrer ist als der
antike; doch kommt auf diesen Unterschied in der Anwendung wenig an.
Wahrhafte Spondeen sind im Deutschen nicht möglich, und angebliche
Spondeen wie 'Weinberg', 'Schauspiele' fügen sich ohne Zwang in
trochäischen Rhythmus. Goethe wandte ähnliche Wörter mit Unbefangenheit
auch im Daktylus an, da in der That die Rede über die zweite Silbe mit
Leichtigkeit fortgeht, z. B.:
Unverzeihlich find' ich den Leichtsinn, doch liegt er im Menschen. --
Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und thätig bestrebet. --
Ungern würd' ich sie sehn, mich schmerzt der Anblick des Jammers. --
Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. --
Meinem Vaterland hilfreich zu sein und schrecklich den Feinden. --
Alle mit Fleiße gepflanzt der Gäste Nachtisch zu zieren.
Goethe hielt den trochäischen Gebrauch solcher Wörter für so
unverfänglich, daß er selbst da, wo die Aenderung auf der Hand lag,
diese Aenderung verschmähte:
Und unten Weinberg und Garten,
wo es so leicht gewesen wäre umzustellen 'Garten und Weinberg', was aber
nach Humboldts Bemerkung die natürliche Aufeinanderfolge gestört haben
würde, da dem von der Höhe des Hügels Blickenden zuerst der Weinberg und
dann erst die Gärten sich boten.
Den so auf die Bedingungen heimatlicher Rede zurückgeführten Vers
behandelte Goethe mit der anmutigsten Leichtigkeit. Der Vers drängt sich
nirgends vor, er drängt sich nirgends gewaltsam auf. In dem dunkeln,
beglückenden Gefühl, sicher und leicht von dem rhythmischen Element
getragen zu sein, überlassen wir uns mit ungestörter Empfindung der
lebendigen Wirkung des schönen Inhalts. Keine ungehörige Wendung, kein
unnützer Zusatz, kein empfindlicher Abzug verrät den Zwang des Metrums;
die Worte, überall klar und natürlich, werden in edler Wohlbewegung von
selbst zu Hexametern, und haben wir oben den epischen,
leichtverschlungenen Periodenbau bewundert, so müssen wir hier
bewundern, wie der Gang der Rede mit dem Gang des Verses in Anfang,
Mitte und Ende so harmonisch zusammenstimmt. Kunstlos und doch voll
Kunst, nachlässig und doch voll Haltung bewegen sich diese Verse im
Spiel der Trochäen und Daktylen, gegliedert durch passende Zäsuren, den
Perioden entgegen und von ihnen ab, bis sie schließlich mit ihnen
zusammentreffen. Auch in der naiven Zwanglosigkeit des Verses kann
Goethe mit Homer verglichen werden. Wie ungezwungen bewegt sich der
Rhythmus gleich in der Anfangsrede:
Hab' ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!
Ist doch die Stadt wie gekehrt, wie ausgestorben. Nicht fünfzig,
Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern u. s. w.
Wie würdig ohne gesuchten Pomp in dem Gleichnis:
Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne
Sie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, faßte,
Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens
Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,
Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben.
Oder in der Naturschilderung:
Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,
Die in Wolken sich tief gewitterdrohend verhüllte,
Aus dem Schleier bald hier bald dort mit glühenden Blicken
Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.
Goethe verdankte die Schönheit seines Hexameters, die in Deutschland, wo
die Schule und das Handwerk immer mächtig war, geringe kritische
Anerkennung fand, bloß dem Ohr und dem richtigen Gefühl, denn die
Theorie desselben war ihm fremd. Er ging, wie einst wegen des Jambus zu
Moritz, so zu Voß in die Schule und hätte von diesem bei minder
glücklichem Instinkt viel böse Angewöhnungen annehmen können. Hin und
wieder erscheinen in dem Gedicht vossische Kunstgriffe, die wir indessen
gerade zu den metrischen Fehlern zählen. Wenn es heißt:
Tretet herein in den heiteren Raum, in das kühlere Sälchen,
so ist das Diminutiv 'Sälchen' für 'Saal' ein ganz vossischer Notbehelf,
zwei Silben zu erzwingen, wo der Sinn sich mit einer begnügt hätte. Auch
der bald darauf gebrauchte pretiöse Genetiv:
Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,
der unnütz hinzugefügte Spondeus 'sorgsam', denn die Sorgsamkeit bildet
hier gar keinen wesentlichen Zug, sowie die ganze folgende zu
niederländische Schilderung der geschliffenen Flasche, der grünlichen
Gläser u. s. w. ist eine nicht angenehm auffallende Nachahmung des
Dichters der Luise. Einigemal begegnen auch Vossens beliebte schleifende
Spondeen: auf halbwahren Worten ertappt, selbst hinging nach Paris, daß
unwillig sie flieht, vom scheu-unsicheren Blicke, die hochherzig ein
Mädchen vollbrachte u. s. w., und es könnte wohl sein, daß der Dichter
manche Stellen der Art als besondern metrischen Schmuck
hineinkorrigierte, als er die letzten Gesänge des Gedichts noch einmal
mit Humboldt genau durchging und dessen prosodische Bemerkungen
benutzte, worüber er an Schiller berichtet.
Der mit Geschrei und Jubel dem Dichter vorgehaltene siebenfüßige
Hexameter:
Ungerecht bleiben die Männer und die Zeiten der Liebe vergehen
scheint uns ein Schreibfehler, der durch Weglassung des 'und' leicht zu
verbessern ist, wenn nicht vielmehr die Zäsur bei 'Männer' das Ohr des
Dichters täuschte; denn eben die Zäsur und Pause hebt mit Leichtigkeit
über die ganz flüchtigen drei Silben weg. In der neuesten Quartausgabe
von Goethes Werken finden wir das 'und' getilgt. Riemer erzählt: Ich
hatte Goethen bereits aufmerksam darauf gemacht; weil aber der Vers,
ohne sein proverbialisches Ansehen zu verlieren und eine gewisse =grata
negligentia= einzubüßen, nicht wohl zu ändern war, ich mich auch
erinnerte, daß Friedrich August Wolf einmal, von diesem Verse sprechend,
ihn nicht nur entschuldigt, sondern auch durch homerische Beispiele
erläutert habe, so ließen wir ihn stehen oder hingehen. Nun machte
später auch Heinrich Voß, der Sohn, auf ihn aufmerksam und Goethe soll,
wie jener erzählt, gesagt haben, die siebenfüßige Bestie möge als
Wahrzeichen stehen bleiben.
Andre deutsche Epen (Luise von Voß, Messias von Klopstock) zur
Vergleichung.
Die Luise von Voß, schon 1783 gedichtet, ist in vielfacher Beziehung ein
dem Goetheschen verwandtes Gedicht; ja man hat Hermann und Dorothea
geradezu für eine Nachahmung jenes Idylls erklärt, die natürlich, wie ja
der Nachahmer immer der Unfreie und an produktiver Kraft Geringere ist,
hinter der Schönheit des Urbildes zurückblieb. Andre, die billig sein
wollten, ließen unentschieden, ob Luise oder Hermann und Dorothea den
Vorzug verdiene, und sprachen bescheiden, sich sehr klug dünkend: =non
nostrum inter vos tantas componere lites=. Niebuhr ging soweit, das
vossische Gedicht mit Homer in Vergleich zu stellen und den letztern
gegen das erstere hingeben zu wollen: das Urteil eines plattdeutschen
oder friesischen Bauernsohnes, sehr willenskräftig, aber ungeheuer
einseitig, mit geringem Sinn für griechische Humanität. Aehnliche Gunst
fand die Luise merkwürdiger Weise auch bei Goethe und Schiller. Goethe
liebte sie vorzulesen, wie er selbst erzählt, und man kann nicht
leugnen, daß sie ihm vorschwebte, als er seinen Hermann dichtete. In dem
Proömium zu Hermann und Dorothea sagt er:
Uns begleite des Dichters Geist, der seine Luise
Rasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.
Und Schiller äußert über sie in der Abhandlung über naive und
sentimentalische Dichtung: Diese Idylle, obgleich nicht durchaus von
sentimentalischen Einflüssen frei, gehört ganz zum naiven Geschlecht
und ringt durch individuelle Wahrheit und gediegene Natur den besten
griechischen Mustern mit seltenem Erfolge nach; sie kann daher, was ihr
zu hohem Ruhm gereicht, mit keinem modernen Gedicht aus ihrem Fache,
sondern muß mit griechischen Mustern verglichen werden, mit welchen sie
auch den so seltenen Vorzug teilt uns einen reinen, bestimmten und immer
gleichen Genuß zu gewähren. Schiller findet also ganz dasselbe in der
Luise, was wir von Hermann und Dorothea gerühmt haben: den antiken
Geist, die Naivetät der Auffassung und Darstellung. Voß selbst hatte
eine hohe Meinung von seinem Gedicht und sah das Erscheinen von Hermann
und Dorothea als einen Triumph mehr für sich an. Er schreibt 1797 an den
alten Gleim, einst den Mäcen aller jungen Dichter, jetzt einen
Allerweltsversmacher, der von der neuen klassischen Poesie nichts
begriff: Sie werden für manche zu eilfertig gearbeitete Stellen durch
sehr schöne entschädigt werden; die zur Vorrede bestimmte Elegie beweist
hinlänglich, daß es ihm Ernst war etwas wo nicht Homerisches, doch
Homeridisches aufzustellen, um auch diesen Kranz des Apollo zu gewinnen;
ich werde mich herzlich freuen, wenn Griechenlands Geist uns Deutschen
ein vollendetes Kunstwerk gewährt, und nicht engherzig nach meiner Luise
mich umsehen; aber ebenso ehrlich denke ich für mich und sage es Ihnen:
Die Dorothea gefalle, wem sie wolle; Luise ist sie nicht; sieh, ich
wollte keck thun und fühle doch, daß ich rot werde. Gleim machte daraus
den Vers:
Luise Voß und Dorothea Goethe,
Schön beide wie die Morgenröte,
Stehn da zur Wahl
Und Wahl macht Qual.
Hier aber, seht, ist nichts zu quälen,
Hier kann die Wahl nicht fehlen:
Luise Voß ist mein in Lied und in Idyll;
Die andre nehme, wer da will.
Auch die Luise ist ein Idyll und schildert häusliche beschränkte
Zustände, einfältige sittlichreine gemütvolle Menschen. Die Sitten eines
Landpfarrerhauses in Norddeutschland treten uns in dem Rahmen des
Gedichtes mit allem Detail entgegen. Luise, die Tochter wird mit dem
Kandidaten Walther vermählt und zieht als künftige Frau Pastorin von
Grünau nach Seldorf. Der ehrwürdige Pfarrer von Grünau, die geschäftige
Mutter und Hausfrau, die gräfliche Nachbarschaft, Hans der Knecht,
Susanne die Magd bilden zusammen einen gemütvollen ländlichen Kreis,
dessen Thun und Reden uns durch manchen Zug echter Menschlichkeit rührt.
Soweit enthält das Gedicht denselben idyllischen Grundton wie Hermann
und Dorothea, gleich welchem es auch in Hexametern geschrieben ist. Aber
Hermann und Dorothea ist nicht bloß ein Idyll, sondern auch ein Epos. Es
hängt durch tausend Fäden mit dem ganzen Menschenleben zusammen, von dem
es ein Stück ist; jede einzelne Empfindung mündet in den Strom großer
objektiver weltbewegender Mächte, während in der Luise der Blick in den
kleinen Familienvorgängen des engen Pfarrhauses gebannt bleibt. So
vollzieht sich in dem Goetheschen Gedicht auch eine wirkliche
Begebenheit, mit welcher zugleich die Charaktere sich entwickeln und in
der ein Menschendasein handelnd den Reichtum seines Inhalts, seiner
Motive und Richtungen darlegt; eine stille sichere, gemessen wandelnde
Erzählung führt von der freundlichen Ruhe unerschlossener Existenz zu
Konflikten und Gegensätzen, von da in die Grundempfindung der
Versöhnung, in die Vernunft und Schönheit sittlicher Ordnung zurück.
Vossens Luise beschreibt etwas Vorhandenes. Luise ist die Braut Walthers
von Anfang an und die geschilderten Lebensverhältnisse werden nicht
durch Störung oder Kampf gezwungen, ihren Inhalt zu bewähren. Das
vossische Gedicht ist also ein reines Idyll mit allem Unzureichenden,
was diese Gattung hat, mit allem Ueberdruß, den sie so leicht erregt,
und aller Armut trotz der gehäuften konkreten Züge. Sehen wir weiter auf
die poetischen Kräfte, die in beiden Gedichten wirksam sind, so geht uns
vollends alle Vergleichung aus. In Hermann und Dorothea öffnet uns ein
Dichtergenius eine ideale, durch das Feuer der Phantasie von allen
Schlacken geläuterte Welt; in Voßens Luise kopiert ein niederländischer
Genremaler ängstlich und genau die kleinsten Bestimmtheiten der
Wirklichkeit. Essen und Trinken, die Mahlzeit vom ersten bis zum
letzten Gericht, die Kleider, der Schlafrock, das Pfeifenrohr, die ganze
Hauseinrichtung, alle Verrichtungen des täglichen Lebens werden in
ausführlicher Malerei aufgeboten, um unsrer Anschauung Realität zu
bieten; dennoch will sich das Bild nicht beleben, es bleibt tot. Auf
mechanische Weise stellt sich Zug neben Zug; die Schilderung erwächst
nicht organisch aus innerem Kern durch den bildenden Instinkt der
Phantasie. Die Goetheschen Personen sind poetische Geschöpfe, sie sind,
wie wir schon oben sahen, Typen und Individuen zugleich; die vossischen
sind eine mechanische Mosaik, Kinder der Reflexion. Der Dichter fragte
sich: wie muß eine Mutter sich benehmen? wie machen es die Mütter
gewöhnlich? wie zeigt sich eine Pfarrersfrau? und nun wandte er die
Züge, die er durch Reflexion über das Mutter- und Gattenverhältnis
gefunden, auf seine Pfarrerin von Grünau an. Ebenso der Vater: er ist
der individualisierte Pfarrer- und Hausvaterstand, der norddeutsche
Pfarrer, wie ihn die Beobachtung findet und die Abstraktion sich denkt.
Daher fehlt den Personen die innere Beseelung, welche die Gebilde
schöpferischer Phantasie durchdringt; so fehlt die Kunst des
Wesentlichen, des Vor- und Rücktretens der Züge, die Kunst idealer
Zeichnung, die, wahrer und konsequenter als die Natur, doch nicht in
jedem einzelnen Punkte nach Verkörperung strebt. Dieselbe bewußte
Absicht zeigt sich in der überall hervortretenden bestimmten Tendenz des
Dichters. Er will uns ein Gemälde reiner Sitten geben; seine letzte
Triebfeder ist nicht der Reiz des Schaffens, sondern moralische
Stimmung, soziale Beobachtung, sittengeschichtliches Interesse.
Aufklärung, Widerwille gegen Dogmen, werkthätige liebevolle Religiosität
erscheint als eine Herzensangelegenheit des Dichters, aber sie geht
neben seinem poetischen Bilden einher, sie wird direkt gepredigt, es
werden sogar Bücher genannt, die sich darauf beziehen, so daß wir uns
aus dem Reiche ästhetischer Freiheit auf den Boden der Erde
zurückversetzt finden. Auch in der äußern Form endlich suchen wir
vergeblich die edle Grazie, die liebliche Anmut und harmonische
Vollendung von Goethes Gedicht. Absicht, Mühe, Unnatur, Verkünstelung
entstellt den Ausdruck und Vers fast überall. Mit diesen
spondeenreichen Hexametern voll Zwang und Arbeit, mit dem Tone kostbarer
Gesuchtheit kontrastiert dann seltsam der Naturalismus einzelner Worte
und Vorfälle, ebenso mit der durchgängigen lastenden Schwere des
Ausdrucks der hin und wieder gemachte Versuch dichterisch spielen und
tändeln zu wollen. Was Voß in allen Gedichten abging, Feinheit der
Technik, fehlt auch seiner Luise. So sind auch die Nachahmungen Homers
und der Alten lange nicht so anmutig in das Ganze verwebt als bei
Goethe; sie ragen mehr oder minder als fremde Stücke aus der Rede
hervor, ohne in ihren Strom zu verfließen.
Fehlt es auf diese Weise dem vossischen Gedicht an Idealität, so leidet
Klopstocks Messias an dem entgegengesetzten, für die Kunst, die am
wenigsten der Sinnlichkeit entbehren kann, noch viel schlimmeren Fehler
des Mangels an Realität. Klopstock hat religiöse Abstraktionen in
Handlung gesetzt, denen aller Zauber lebendiger Gegenwart, alle Wärme
pulsierenden Lebens abgeht. Eben weil sie Abstraktionen sind, duldeten
sie kein näheres Eingehen; wie gestaltlose Schatten wallen sie an uns
vorüber. Voß ist ein Genremaler, Klopstocks Messias eine lange unfaßbare
Musik. Die Handlung ist keine wahre und wirkliche, auf konkreten
Verhältnissen und menschlichen Triebfedern ruhende und in dem
Zusammenhang der Welt begriffene; sie geht über dem Wirklichen in leeren
Räumen vor sich und verläßt die Erde, den vertrauten Wohnsitz der
Menschen. Ueberall nicht sowohl erfülltes Leben als abstrakte Beziehung
auf das dogmatische System, statt anschaulicher Gegenwart zerfließende
religiöse Sentimentalität. Wie anders wäre ein Dichter von wirklicher
Gestaltungskraft verfahren! Das damalige Palästina in seinem
historischen Zustande, die herrschenden Römer, die pharisäischen
Priester mit ihrer Sophistik und ihrem starren Halten an der Satzung,
das Volk der Juden selbst, die auf religiöse Innigkeit dringende, dem
Gesetz die Gesinnung entgegenhaltende neue Sekte der Christen; dazu die
durch Tradition gegebene, nur weiter auszufüllende und zu belebende
Geschichte Christi, die von dem Zwang des Dogmas befreit, aus der
falschen transzendenten Höhe mitten in das Leben verlegt, in einem
schönen Bilde voll Bedeutung und Wärme eine edle Menschlichkeit vor uns
hätte entfalten können; in den Gruppen der politisch Herrschenden und
Beherrschten, der religiös Gebietenden und sich Auflehnenden wirksam
sich entgegenstehende Massen; in den Individualitäten Jesu, des
Verräters Judas, der übrigen Jünger u. s. w. mit einander
kontrastierende, leicht zu gruppierende Charaktere; die Aussicht auf die
einstige Größe der neuen Religion, die antizipierenden Blicke auf die
Geschichte der Kirche wie bei Virgil auf die spätere römische
Weltherrschaft; endlich die südliche Natur des Landes und die damit
zusammenhängenden Sitten, die Palmen und Kamele, Wüsten und Quellen, der
Oelberg und der Tempel, das wunderbare tote Meer -- alles dies gab einer
wahrhaft bildenden Phantasie den reichsten Stoff eine handelnde
konkrete, menschlich das Herz ergreifende Welt zu schaffen. Statt dessen
ging Klopstock an sein Gedicht nicht als gestaltender Epiker, sondern
als musikalischer Lyriker, nicht mit der freien, der Natur der Dinge
sich hingebenden Anschauung des Dichters, sondern mit der Andacht eines
seiner Sünde sich bewußten Herzens, das seine Bedürfnisse mit Hilfe
endlichen Verstandes zu übersinnlichen Wesen macht, denen man nicht
nahen darf, ohne daß sie sich wie alle Abstraktionen in das Nichts
auflösen. Daher in dem ganzen Epos nichts als Empfindungen, daher
Erhabenheit die einzige Stimmung. Der Dichter sucht unablässig zu
steigern, höher zu fliegen, Erweiterung auf Erweiterung zu häufen; er
streift alles sich begrenzende, sich individuell zusammenfassende Leben
ab und findet sich zuletzt in der erhabenen anschauungslosen Leere, in
dem reinen Reich unsagbarer Empfindung; er verstummt. Ermüdung und
Langeweile überfällt den Leser nach wenigen Schritten, die er durch
diese Sammlung von leeren Empfindungen und Reden gemacht hat. Alles
Sinnliche und Körperliche, alles wahrhaft Natürliche und Reelle liegt
tief unter uns; wir steigen von Anbetung zu Anbetung, von Greuel und
Grauen zu Greuel und Grauen; beides als bloß abstrakt kann uns nicht in
wirklichen Umrissen und Farben, sondern nur mit Worten gereicht werden.
Ausrufungen, Floskeln rhetorischer Erhabenheit, Hymnen, Jubel- und
Verzweiflungsgesänge ersetzen die lebenbeseelte Menschen- und Naturwelt
einer wirklichen Dichterphantasie. Zu alledem kommt die Gezwungenheit
der Sprache, aus der uns gleichfalls nicht die Laute vertraulich
redender Menschengeschlechter entgegentönen; sie ist wie durch den Ruck
eines Zauberschlüssels aus der natürlichen Stimmung gedreht, sie ist
immer wie außer sich, sie schreit, sie ruft, sie windet sich
konvulsivisch; harte Worte reiben sich knarrend aneinander, hohle Töne
hallen durch die gestaltlose Oede.