oder in dem Hexameter unsres Gedichts:

Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister,

wo der spondeische Ausgang den Eindruck der Würde unterstützt; weit

öfter aber werden wir den Vers, unbekümmert um den jedesmaligen Sinn,

seinen eigenen gleichmäßigen Gang verfolgen sehen. Und letzteres gerade

ist die Idee des Verses. Die gebundene Rede besteht eben darin, daß ohne

Rücksicht auf den mannigfach wechselnden Gedanken ewig ein und dieselbe

unveränderliche rhythmische Form wiederkehrt. Wäre jene Wortmalerei das

Richtige, so müßte ein festes Versmaß überhaupt verworfen werden. Dieses

bindet den Strom mannigfacher Empfindungen und Anschauungen an ein

unverbrüchliches Gleichmaß und steht nur zu dem Ganzen des Gesanges,

nicht aber zu jedem Punkt der Bewegung in entsprechendem Verhältnis.

Goethe wandte den Trochäus da an, wo die alten Dichter den Spondeus

gebraucht hatten. Eigentliche Spondeen nämlich sind im Deutschen

unmöglich. Selbst Voß erkennt dies in einer vorübergehenden Bemerkung

an, deren Gewicht er aber nicht einsah. Steigende Spondeen, sagt er,

ahmen den Jambus, sinkende den Trochäus nach. Der Grund dieser

Unmöglichkeit, reine Spondeen im Deutschen zu bilden, liegt auch sehr

nahe. Bei den Alten, wo die Länge der Silbe etwas für sich Bestehendes

und von dem metrischen Iktus Gesondertes war, konnte auch diejenige

Silbe des Spondeus lang sein, die diesen erhöhten Ton nicht erhielt; im

Deutschen aber, wo die Länge eben nur in jener Erhebung der Stimme,

abgesehen von der quantitativen Zeitdauer, besteht, sind zwei Silben,

von denen nur eine den Ton hat, unmöglich zu einem Spondeus zu

vereinigen. Voß half sich auf eine doppelte Weise, um dennoch wirkliche

Spondeen zu erzwingen, indem er beidemal das Gesetz des deutschen

Wortaccentes verletzte. Er ließ nämlich entweder zwei wirklich betonte

Silben zusammen einen Spondeus bilden und sagte:

Der Herrscher im Donnergewölk Zeus

oder

Faßte, dieweil Karl drängte, den Arm des bescheidenen Jünglings,

wo aber die zweite Silbe 'Zeus', 'Karl' entweder wider Sinn und

Sprachgebrauch den Ton verliert oder beide Silben betont werden und also

aufhören, sich zu der Einheit eines Fußes zu verbinden. Oder er bildete

sogenannte geschleifte Spondeen, indem er die starkbetonte Silbe in die

Senkung, die schwachbetonte in die Hebung brachte und z. B. sagte.

Wer getrost fortgehet, der kommt an. --

Es verfolgt Schwachheit absterbendes Alters,

womit aber aller deutschen Wortbetonung Hohn gesprochen ist. Niemand

sagt 'fortgéhet', es müßte denn sein, daß der Gegensatz zum Fortreiten,

Fortfliegen u. s. w. auf das Gehen den Ton verlegte. Aus dem obigen

folgt, daß auch der deutsche Daktylus ein ganz andrer ist als der

antike; doch kommt auf diesen Unterschied in der Anwendung wenig an.

Wahrhafte Spondeen sind im Deutschen nicht möglich, und angebliche

Spondeen wie 'Weinberg', 'Schauspiele' fügen sich ohne Zwang in

trochäischen Rhythmus. Goethe wandte ähnliche Wörter mit Unbefangenheit

auch im Daktylus an, da in der That die Rede über die zweite Silbe mit

Leichtigkeit fortgeht, z. B.:

Unverzeihlich find' ich den Leichtsinn, doch liegt er im Menschen. --

Der im Glück wie im Unglück sich eifrig und thätig bestrebet. --

Ungern würd' ich sie sehn, mich schmerzt der Anblick des Jammers. --

Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. --

Meinem Vaterland hilfreich zu sein und schrecklich den Feinden. --

Alle mit Fleiße gepflanzt der Gäste Nachtisch zu zieren.

Goethe hielt den trochäischen Gebrauch solcher Wörter für so

unverfänglich, daß er selbst da, wo die Aenderung auf der Hand lag,

diese Aenderung verschmähte:

Und unten Weinberg und Garten,

wo es so leicht gewesen wäre umzustellen 'Garten und Weinberg', was aber

nach Humboldts Bemerkung die natürliche Aufeinanderfolge gestört haben

würde, da dem von der Höhe des Hügels Blickenden zuerst der Weinberg und

dann erst die Gärten sich boten.

Den so auf die Bedingungen heimatlicher Rede zurückgeführten Vers

behandelte Goethe mit der anmutigsten Leichtigkeit. Der Vers drängt sich

nirgends vor, er drängt sich nirgends gewaltsam auf. In dem dunkeln,

beglückenden Gefühl, sicher und leicht von dem rhythmischen Element

getragen zu sein, überlassen wir uns mit ungestörter Empfindung der

lebendigen Wirkung des schönen Inhalts. Keine ungehörige Wendung, kein

unnützer Zusatz, kein empfindlicher Abzug verrät den Zwang des Metrums;

die Worte, überall klar und natürlich, werden in edler Wohlbewegung von

selbst zu Hexametern, und haben wir oben den epischen,

leichtverschlungenen Periodenbau bewundert, so müssen wir hier

bewundern, wie der Gang der Rede mit dem Gang des Verses in Anfang,

Mitte und Ende so harmonisch zusammenstimmt. Kunstlos und doch voll

Kunst, nachlässig und doch voll Haltung bewegen sich diese Verse im

Spiel der Trochäen und Daktylen, gegliedert durch passende Zäsuren, den

Perioden entgegen und von ihnen ab, bis sie schließlich mit ihnen

zusammentreffen. Auch in der naiven Zwanglosigkeit des Verses kann

Goethe mit Homer verglichen werden. Wie ungezwungen bewegt sich der

Rhythmus gleich in der Anfangsrede:

Hab' ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!

Ist doch die Stadt wie gekehrt, wie ausgestorben. Nicht fünfzig,

Deucht mir, blieben zurück von allen unsern Bewohnern u. s. w.

Wie würdig ohne gesuchten Pomp in dem Gleichnis:

Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne

Sie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, faßte,

Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des Felsens

Schweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,

Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben.

Oder in der Naturschilderung:

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,

Die in Wolken sich tief gewitterdrohend verhüllte,

Aus dem Schleier bald hier bald dort mit glühenden Blicken

Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.

Goethe verdankte die Schönheit seines Hexameters, die in Deutschland, wo

die Schule und das Handwerk immer mächtig war, geringe kritische

Anerkennung fand, bloß dem Ohr und dem richtigen Gefühl, denn die

Theorie desselben war ihm fremd. Er ging, wie einst wegen des Jambus zu

Moritz, so zu Voß in die Schule und hätte von diesem bei minder

glücklichem Instinkt viel böse Angewöhnungen annehmen können. Hin und

wieder erscheinen in dem Gedicht vossische Kunstgriffe, die wir indessen

gerade zu den metrischen Fehlern zählen. Wenn es heißt:

Tretet herein in den heiteren Raum, in das kühlere Sälchen,

so ist das Diminutiv 'Sälchen' für 'Saal' ein ganz vossischer Notbehelf,

zwei Silben zu erzwingen, wo der Sinn sich mit einer begnügt hätte. Auch

der bald darauf gebrauchte pretiöse Genetiv:

Sorgsam brachte die Mutter des klaren herrlichen Weines,

der unnütz hinzugefügte Spondeus 'sorgsam', denn die Sorgsamkeit bildet

hier gar keinen wesentlichen Zug, sowie die ganze folgende zu

niederländische Schilderung der geschliffenen Flasche, der grünlichen

Gläser u. s. w. ist eine nicht angenehm auffallende Nachahmung des

Dichters der Luise. Einigemal begegnen auch Vossens beliebte schleifende

Spondeen: auf halbwahren Worten ertappt, selbst hinging nach Paris, daß

unwillig sie flieht, vom scheu-unsicheren Blicke, die hochherzig ein

Mädchen vollbrachte u. s. w., und es könnte wohl sein, daß der Dichter

manche Stellen der Art als besondern metrischen Schmuck

hineinkorrigierte, als er die letzten Gesänge des Gedichts noch einmal

mit Humboldt genau durchging und dessen prosodische Bemerkungen

benutzte, worüber er an Schiller berichtet.

Der mit Geschrei und Jubel dem Dichter vorgehaltene siebenfüßige

Hexameter:

Ungerecht bleiben die Männer und die Zeiten der Liebe vergehen

scheint uns ein Schreibfehler, der durch Weglassung des 'und' leicht zu

verbessern ist, wenn nicht vielmehr die Zäsur bei 'Männer' das Ohr des

Dichters täuschte; denn eben die Zäsur und Pause hebt mit Leichtigkeit

über die ganz flüchtigen drei Silben weg. In der neuesten Quartausgabe

von Goethes Werken finden wir das 'und' getilgt. Riemer erzählt: Ich

hatte Goethen bereits aufmerksam darauf gemacht; weil aber der Vers,

ohne sein proverbialisches Ansehen zu verlieren und eine gewisse =grata

negligentia= einzubüßen, nicht wohl zu ändern war, ich mich auch

erinnerte, daß Friedrich August Wolf einmal, von diesem Verse sprechend,

ihn nicht nur entschuldigt, sondern auch durch homerische Beispiele

erläutert habe, so ließen wir ihn stehen oder hingehen. Nun machte

später auch Heinrich Voß, der Sohn, auf ihn aufmerksam und Goethe soll,

wie jener erzählt, gesagt haben, die siebenfüßige Bestie möge als

Wahrzeichen stehen bleiben.

Andre deutsche Epen (Luise von Voß, Messias von Klopstock) zur

Vergleichung.

Die Luise von Voß, schon 1783 gedichtet, ist in vielfacher Beziehung ein

dem Goetheschen verwandtes Gedicht; ja man hat Hermann und Dorothea

geradezu für eine Nachahmung jenes Idylls erklärt, die natürlich, wie ja

der Nachahmer immer der Unfreie und an produktiver Kraft Geringere ist,

hinter der Schönheit des Urbildes zurückblieb. Andre, die billig sein

wollten, ließen unentschieden, ob Luise oder Hermann und Dorothea den

Vorzug verdiene, und sprachen bescheiden, sich sehr klug dünkend: =non

nostrum inter vos tantas componere lites=. Niebuhr ging soweit, das

vossische Gedicht mit Homer in Vergleich zu stellen und den letztern

gegen das erstere hingeben zu wollen: das Urteil eines plattdeutschen

oder friesischen Bauernsohnes, sehr willenskräftig, aber ungeheuer

einseitig, mit geringem Sinn für griechische Humanität. Aehnliche Gunst

fand die Luise merkwürdiger Weise auch bei Goethe und Schiller. Goethe

liebte sie vorzulesen, wie er selbst erzählt, und man kann nicht

leugnen, daß sie ihm vorschwebte, als er seinen Hermann dichtete. In dem

Proömium zu Hermann und Dorothea sagt er:

Uns begleite des Dichters Geist, der seine Luise

Rasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.

Und Schiller äußert über sie in der Abhandlung über naive und

sentimentalische Dichtung: Diese Idylle, obgleich nicht durchaus von

sentimentalischen Einflüssen frei, gehört ganz zum naiven Geschlecht

und ringt durch individuelle Wahrheit und gediegene Natur den besten

griechischen Mustern mit seltenem Erfolge nach; sie kann daher, was ihr

zu hohem Ruhm gereicht, mit keinem modernen Gedicht aus ihrem Fache,

sondern muß mit griechischen Mustern verglichen werden, mit welchen sie

auch den so seltenen Vorzug teilt uns einen reinen, bestimmten und immer

gleichen Genuß zu gewähren. Schiller findet also ganz dasselbe in der

Luise, was wir von Hermann und Dorothea gerühmt haben: den antiken

Geist, die Naivetät der Auffassung und Darstellung. Voß selbst hatte

eine hohe Meinung von seinem Gedicht und sah das Erscheinen von Hermann

und Dorothea als einen Triumph mehr für sich an. Er schreibt 1797 an den

alten Gleim, einst den Mäcen aller jungen Dichter, jetzt einen

Allerweltsversmacher, der von der neuen klassischen Poesie nichts

begriff: Sie werden für manche zu eilfertig gearbeitete Stellen durch

sehr schöne entschädigt werden; die zur Vorrede bestimmte Elegie beweist

hinlänglich, daß es ihm Ernst war etwas wo nicht Homerisches, doch

Homeridisches aufzustellen, um auch diesen Kranz des Apollo zu gewinnen;

ich werde mich herzlich freuen, wenn Griechenlands Geist uns Deutschen

ein vollendetes Kunstwerk gewährt, und nicht engherzig nach meiner Luise

mich umsehen; aber ebenso ehrlich denke ich für mich und sage es Ihnen:

Die Dorothea gefalle, wem sie wolle; Luise ist sie nicht; sieh, ich

wollte keck thun und fühle doch, daß ich rot werde. Gleim machte daraus

den Vers:

Luise Voß und Dorothea Goethe,

Schön beide wie die Morgenröte,

Stehn da zur Wahl

Und Wahl macht Qual.

Hier aber, seht, ist nichts zu quälen,

Hier kann die Wahl nicht fehlen:

Luise Voß ist mein in Lied und in Idyll;

Die andre nehme, wer da will.

Auch die Luise ist ein Idyll und schildert häusliche beschränkte

Zustände, einfältige sittlichreine gemütvolle Menschen. Die Sitten eines

Landpfarrerhauses in Norddeutschland treten uns in dem Rahmen des

Gedichtes mit allem Detail entgegen. Luise, die Tochter wird mit dem

Kandidaten Walther vermählt und zieht als künftige Frau Pastorin von

Grünau nach Seldorf. Der ehrwürdige Pfarrer von Grünau, die geschäftige

Mutter und Hausfrau, die gräfliche Nachbarschaft, Hans der Knecht,

Susanne die Magd bilden zusammen einen gemütvollen ländlichen Kreis,

dessen Thun und Reden uns durch manchen Zug echter Menschlichkeit rührt.

Soweit enthält das Gedicht denselben idyllischen Grundton wie Hermann

und Dorothea, gleich welchem es auch in Hexametern geschrieben ist. Aber

Hermann und Dorothea ist nicht bloß ein Idyll, sondern auch ein Epos. Es

hängt durch tausend Fäden mit dem ganzen Menschenleben zusammen, von dem

es ein Stück ist; jede einzelne Empfindung mündet in den Strom großer

objektiver weltbewegender Mächte, während in der Luise der Blick in den

kleinen Familienvorgängen des engen Pfarrhauses gebannt bleibt. So

vollzieht sich in dem Goetheschen Gedicht auch eine wirkliche

Begebenheit, mit welcher zugleich die Charaktere sich entwickeln und in

der ein Menschendasein handelnd den Reichtum seines Inhalts, seiner

Motive und Richtungen darlegt; eine stille sichere, gemessen wandelnde

Erzählung führt von der freundlichen Ruhe unerschlossener Existenz zu

Konflikten und Gegensätzen, von da in die Grundempfindung der

Versöhnung, in die Vernunft und Schönheit sittlicher Ordnung zurück.

Vossens Luise beschreibt etwas Vorhandenes. Luise ist die Braut Walthers

von Anfang an und die geschilderten Lebensverhältnisse werden nicht

durch Störung oder Kampf gezwungen, ihren Inhalt zu bewähren. Das

vossische Gedicht ist also ein reines Idyll mit allem Unzureichenden,

was diese Gattung hat, mit allem Ueberdruß, den sie so leicht erregt,

und aller Armut trotz der gehäuften konkreten Züge. Sehen wir weiter auf

die poetischen Kräfte, die in beiden Gedichten wirksam sind, so geht uns

vollends alle Vergleichung aus. In Hermann und Dorothea öffnet uns ein

Dichtergenius eine ideale, durch das Feuer der Phantasie von allen

Schlacken geläuterte Welt; in Voßens Luise kopiert ein niederländischer

Genremaler ängstlich und genau die kleinsten Bestimmtheiten der

Wirklichkeit. Essen und Trinken, die Mahlzeit vom ersten bis zum

letzten Gericht, die Kleider, der Schlafrock, das Pfeifenrohr, die ganze

Hauseinrichtung, alle Verrichtungen des täglichen Lebens werden in

ausführlicher Malerei aufgeboten, um unsrer Anschauung Realität zu

bieten; dennoch will sich das Bild nicht beleben, es bleibt tot. Auf

mechanische Weise stellt sich Zug neben Zug; die Schilderung erwächst

nicht organisch aus innerem Kern durch den bildenden Instinkt der

Phantasie. Die Goetheschen Personen sind poetische Geschöpfe, sie sind,

wie wir schon oben sahen, Typen und Individuen zugleich; die vossischen

sind eine mechanische Mosaik, Kinder der Reflexion. Der Dichter fragte

sich: wie muß eine Mutter sich benehmen? wie machen es die Mütter

gewöhnlich? wie zeigt sich eine Pfarrersfrau? und nun wandte er die

Züge, die er durch Reflexion über das Mutter- und Gattenverhältnis

gefunden, auf seine Pfarrerin von Grünau an. Ebenso der Vater: er ist

der individualisierte Pfarrer- und Hausvaterstand, der norddeutsche

Pfarrer, wie ihn die Beobachtung findet und die Abstraktion sich denkt.

Daher fehlt den Personen die innere Beseelung, welche die Gebilde

schöpferischer Phantasie durchdringt; so fehlt die Kunst des

Wesentlichen, des Vor- und Rücktretens der Züge, die Kunst idealer

Zeichnung, die, wahrer und konsequenter als die Natur, doch nicht in

jedem einzelnen Punkte nach Verkörperung strebt. Dieselbe bewußte

Absicht zeigt sich in der überall hervortretenden bestimmten Tendenz des

Dichters. Er will uns ein Gemälde reiner Sitten geben; seine letzte

Triebfeder ist nicht der Reiz des Schaffens, sondern moralische

Stimmung, soziale Beobachtung, sittengeschichtliches Interesse.

Aufklärung, Widerwille gegen Dogmen, werkthätige liebevolle Religiosität

erscheint als eine Herzensangelegenheit des Dichters, aber sie geht

neben seinem poetischen Bilden einher, sie wird direkt gepredigt, es

werden sogar Bücher genannt, die sich darauf beziehen, so daß wir uns

aus dem Reiche ästhetischer Freiheit auf den Boden der Erde

zurückversetzt finden. Auch in der äußern Form endlich suchen wir

vergeblich die edle Grazie, die liebliche Anmut und harmonische

Vollendung von Goethes Gedicht. Absicht, Mühe, Unnatur, Verkünstelung

entstellt den Ausdruck und Vers fast überall. Mit diesen

spondeenreichen Hexametern voll Zwang und Arbeit, mit dem Tone kostbarer

Gesuchtheit kontrastiert dann seltsam der Naturalismus einzelner Worte

und Vorfälle, ebenso mit der durchgängigen lastenden Schwere des

Ausdrucks der hin und wieder gemachte Versuch dichterisch spielen und

tändeln zu wollen. Was Voß in allen Gedichten abging, Feinheit der

Technik, fehlt auch seiner Luise. So sind auch die Nachahmungen Homers

und der Alten lange nicht so anmutig in das Ganze verwebt als bei

Goethe; sie ragen mehr oder minder als fremde Stücke aus der Rede

hervor, ohne in ihren Strom zu verfließen.

Fehlt es auf diese Weise dem vossischen Gedicht an Idealität, so leidet

Klopstocks Messias an dem entgegengesetzten, für die Kunst, die am

wenigsten der Sinnlichkeit entbehren kann, noch viel schlimmeren Fehler

des Mangels an Realität. Klopstock hat religiöse Abstraktionen in

Handlung gesetzt, denen aller Zauber lebendiger Gegenwart, alle Wärme

pulsierenden Lebens abgeht. Eben weil sie Abstraktionen sind, duldeten

sie kein näheres Eingehen; wie gestaltlose Schatten wallen sie an uns

vorüber. Voß ist ein Genremaler, Klopstocks Messias eine lange unfaßbare

Musik. Die Handlung ist keine wahre und wirkliche, auf konkreten

Verhältnissen und menschlichen Triebfedern ruhende und in dem

Zusammenhang der Welt begriffene; sie geht über dem Wirklichen in leeren

Räumen vor sich und verläßt die Erde, den vertrauten Wohnsitz der

Menschen. Ueberall nicht sowohl erfülltes Leben als abstrakte Beziehung

auf das dogmatische System, statt anschaulicher Gegenwart zerfließende

religiöse Sentimentalität. Wie anders wäre ein Dichter von wirklicher

Gestaltungskraft verfahren! Das damalige Palästina in seinem

historischen Zustande, die herrschenden Römer, die pharisäischen

Priester mit ihrer Sophistik und ihrem starren Halten an der Satzung,

das Volk der Juden selbst, die auf religiöse Innigkeit dringende, dem

Gesetz die Gesinnung entgegenhaltende neue Sekte der Christen; dazu die

durch Tradition gegebene, nur weiter auszufüllende und zu belebende

Geschichte Christi, die von dem Zwang des Dogmas befreit, aus der

falschen transzendenten Höhe mitten in das Leben verlegt, in einem

schönen Bilde voll Bedeutung und Wärme eine edle Menschlichkeit vor uns

hätte entfalten können; in den Gruppen der politisch Herrschenden und

Beherrschten, der religiös Gebietenden und sich Auflehnenden wirksam

sich entgegenstehende Massen; in den Individualitäten Jesu, des

Verräters Judas, der übrigen Jünger u. s. w. mit einander

kontrastierende, leicht zu gruppierende Charaktere; die Aussicht auf die

einstige Größe der neuen Religion, die antizipierenden Blicke auf die

Geschichte der Kirche wie bei Virgil auf die spätere römische

Weltherrschaft; endlich die südliche Natur des Landes und die damit

zusammenhängenden Sitten, die Palmen und Kamele, Wüsten und Quellen, der

Oelberg und der Tempel, das wunderbare tote Meer -- alles dies gab einer

wahrhaft bildenden Phantasie den reichsten Stoff eine handelnde

konkrete, menschlich das Herz ergreifende Welt zu schaffen. Statt dessen

ging Klopstock an sein Gedicht nicht als gestaltender Epiker, sondern

als musikalischer Lyriker, nicht mit der freien, der Natur der Dinge

sich hingebenden Anschauung des Dichters, sondern mit der Andacht eines

seiner Sünde sich bewußten Herzens, das seine Bedürfnisse mit Hilfe

endlichen Verstandes zu übersinnlichen Wesen macht, denen man nicht

nahen darf, ohne daß sie sich wie alle Abstraktionen in das Nichts

auflösen. Daher in dem ganzen Epos nichts als Empfindungen, daher

Erhabenheit die einzige Stimmung. Der Dichter sucht unablässig zu

steigern, höher zu fliegen, Erweiterung auf Erweiterung zu häufen; er

streift alles sich begrenzende, sich individuell zusammenfassende Leben

ab und findet sich zuletzt in der erhabenen anschauungslosen Leere, in

dem reinen Reich unsagbarer Empfindung; er verstummt. Ermüdung und

Langeweile überfällt den Leser nach wenigen Schritten, die er durch

diese Sammlung von leeren Empfindungen und Reden gemacht hat. Alles

Sinnliche und Körperliche, alles wahrhaft Natürliche und Reelle liegt

tief unter uns; wir steigen von Anbetung zu Anbetung, von Greuel und

Grauen zu Greuel und Grauen; beides als bloß abstrakt kann uns nicht in

wirklichen Umrissen und Farben, sondern nur mit Worten gereicht werden.

Ausrufungen, Floskeln rhetorischer Erhabenheit, Hymnen, Jubel- und

Verzweiflungsgesänge ersetzen die lebenbeseelte Menschen- und Naturwelt

einer wirklichen Dichterphantasie. Zu alledem kommt die Gezwungenheit

der Sprache, aus der uns gleichfalls nicht die Laute vertraulich

redender Menschengeschlechter entgegentönen; sie ist wie durch den Ruck

eines Zauberschlüssels aus der natürlichen Stimmung gedreht, sie ist

immer wie außer sich, sie schreit, sie ruft, sie windet sich

konvulsivisch; harte Worte reiben sich knarrend aneinander, hohle Töne

hallen durch die gestaltlose Oede.

Ueber Goethes Hermann und Dorothea · 第 12 / 14 段