Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus,
Das er doch nicht vollbringt; so gibt er auch zu das Versagte. --
Und sie reichte das Wasser herum; da tranken die Kinder
Und die Wöchnerin trank mit den Töchtern; so trank auch der Richter.
Dahin gehört auch die anmutige Art einen Nebenzug in Form eines kurzen
Hauptsatzes ohne weitere Verbindung folgen zu lassen:
Und so sitzend umgaben die drei den glänzend gebohnten
Runden braunen Tisch; er stand auf mächtigen Füßen. --
Und so kam auch zurück mit seinen Töchtern gefahren
Rasch an die andere Seite des Markts der begüterte Nachbar
An sein erneuertes Haus, der erste Kaufmann des Ortes,
Im geöffneten Wagen; er war in Landau verfertigt.
Wir führen noch drei Stellen an, die für die in dem Gedicht herrschende
Satzverbindung charakteristisch sind:
Lange hab' ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln,
Weiß zu bewirten die Herren und Frauen, daß sie zufrieden
Von mir weggehn; ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln.
Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlich
Wieder begegnen und so mir die viele Mühe versüßen. --
Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer,
Freund sich los von Freund; so löst sich Liebe von Liebe. --
Heilig sei dir der Tag, doch schätze das Leben nicht höher
Als ein anderes Gut; und alle Güter sind trüglich.
So heißt es im Reineke Fuchs:
So scheut das böse Gewissen
Licht und Tag; es scheute der Fuchs die versammelten Herren,
was prosaisch wäre: der Fuchs scheute die Versammlung, wie das böse
Gewissen Licht und Tag zu scheuen pflegt.
Ueberhaupt könnte Hermann und Dorothea gerade im Punkt des Periodenbaus
zu einer reichen Quelle der Belehrung werden. Die Rede fließt so
verbindungslos und dennoch in so ununterbrochenem Zusammenhang, sie
bewegt sich bei dem freisten Gang so voll Numerus, die Glieder, die sich
logisch auf einander beziehen, sind oft so weit von einander, ohne
jemals die volle Klarheit dieser Beziehung einzubüßen; das epische
Prinzip der Episodik durchdringt so sehr jedes einzelne, daß man auch
hierin an Homer und die bei diesem Dichter herrschende Einheit von
Kunst und kindlicher Einfalt erinnert wird. Jakob Grimm bemerkt in
seiner Grammatik, es finde sich nach epischer Weise in Hermann und
Dorothea kein einziges Präsens historicum, während in Vossens Luise am
Anfang des dritten Gesangs aus der Erzählung gewichen wird und Wielands
Oberon nach romanischer Weise solche Präsentia im Ueberfluß hat.
Bei aller Wahrheit und Natürlichkeit unterscheidet sich die poetische
Sprache in unserm Gedicht dennoch von der prosaischen des gemeinen
Lebens. Der Dichter erreicht diese Idealität, indem er scheinbar den
Boden der alltäglichen Rede gar nicht verläßt, ja indem er auf demselben
ganz bequemlich sich niederläßt. Die Nachlässigkeiten der mündlichen
Rede erhebt er zu poetischen Freiheiten: dies zeigt sich sogleich an der
Wortstellung. Diese ist überall die ganz natürliche des täglichen Redens
und nirgends gehindert, verschoben und gezwungen wie so oft bei Voß und
Klopstock; im Sprechen aber lassen wir ein Wort, das uns erst im Lauf
der Rede eingefallen ist, nachfolgen, während es eigentlich schon hätte
vorangehen müssen. Dies wendet nun der Dichter als poetische Kühnheit
an, z. B.
Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes
oder:
Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden.
So ist an unzähligen Stellen des Gedichts der Genetiv von dem
regierenden Substantiv getrennt. Eben dahin gehört die so häufig
vorkommende Nachsetzung des Adjektivs mit dem Artikel, die gleichfalls
nur der poetischen Sprache angehört und dennoch aus der Rede des
gemeinen Lebens entspringt, wo wir das vergessene Adjektiv gleichsam
erklärend nachholen:
Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern,
Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen. --
Denn wer die Städte gesehen, die großen und reinlichen, ruht nicht.
Nicht anders ist die versetzte Wortfolge bei Stellen wie folgende zu
erkären:
Als du zu Pferden nur und Lust nur bezeigtest zum Acker. --
Der eine mit schwächeren Tieren
Wünschte langsam zu fahren, der andere emsig zu eilen.
Etwas weiter erhebt sich der Dichter von der Sprache der Prosa in den
zusammengesetzten Adjektiven wie folgende: der vielbegehrende Städter,
der allverderbliche, der vielbedürfende Krieg, die gartenumgebenen
Häuser, die wohlgezimmerten Scheunen, der wohlumzäunte Weinberg, die
wohlerneuerte Kirche. So anspruchslos diese Adjektiva auch sind, so wohl
sie sich in die deutsche Rede fügen, so erinnern sie doch an die antike
Dichtersprache: [Greek: pamphthartos, polyphthoros, euktimenos,
eunaietaôn] und unzähliges andre der Art. Hier ist der Ort auf die
vielfachen Anklänge an die Ausdrucksweise der Alten und besondes Homers,
die das Gedicht durchziehen, aufmerksam zu machen.
Zwar, so groß die Verwandtschaft ist, die das Goethesche Gedicht in
Geist und Ton mit Homer an den Tag legt, so wenig läßt sich sagen, daß
der Dichter direkt nachgeahmt hätte. Er ließ sich vielmehr von Homers
Anschauungs- und Empfindungsweise ganz durchdringen und schuf dann auf
modernem Boden und mit modernen Mitteln ein Gedicht, das in seiner Weise
ganz denselben heitern reinmenschlichen stillrührenden Eindruck macht.
Dennoch aber hat der Dichter hin und wieder Formeln aus den Alten
herübergenommen, mit denen er in heitrer Ueberlegenheit nur spielt, die
aber dennoch dazu beitragen den Naturton, die nationale Wahrheit des
Denkens und der Rede durch kleine, fremdartig reizende Unterbrechungen
noch rührender hervortreten zu lassen oder im Zusammenklang mit den
entferntesten Weisen uralter Menschensprache in ihrer ewigen Geltung zu
bestätigen. So wird die Wirkung des Gedichts, die wunderbare Harmonie
seiner Form durch jene Nachahmungen, die von einer kaum merklichen
Ironie angeflogen sind, nur noch erhöht.
Zwei Stellen erinnern uns an Virgil und Cicero. Bei der Szene, wo der
ehrwürdige Schultheiß die streitende und drohende Menge durch sein
Auftreten schnell besänftigt, scheint der Dichter eine Stelle in Virgils
Aeneis vor Augen gehabt zu haben:
=Ac veluti magno in populo cum saepe coorta est
seditio saevitque animis ignobile volgus
jamque faces et saxa volant, furor arma ministrat,
tum, pietate gravem ac meritis si forte virum quem
conspexere, silent arrectisque auribus adstant;
ille regit dictis animos et pectora mulcet.=
Noch deutlicher ist die Uebereinstimmung einer Reflexion des Richters
über den Leichtsinn, mit welchem man Menschen wählt, während man doch
Rinder, Pferde und Schafe erst genau bei Tausch und Handel betrachtet,
mit einer den gleichen Gedanken enthaltenden Stelle in Ciceros Schrift
über die Freundschaft: =sed saepe querebatur, quod omnibus in rebus
homines diligentiores essent, ut capras et oves quot quisque haberet,
dicere posset, amicos quot haberet, non posset dicere; et in illis
quidem parandis adhibere curam, in amicis eligendis neglegenter esse nec
habere quasi signa quaedam et notas, quibus eos, qui ad amicitiam essent
idonei, judicarent.= Cicero hat selbst wieder eine ähnliche Stelle in
Xenophons Memorabilien vor Augen gehabt, die aber weiter von Goethes
Worten abliegt als Ciceros Nachbildung.
Antik ist auch der Anruf der Musen:
Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt u. s. w.
Aber der Dichter verlegte ihn nicht an den Anfang des ganzen Gedichts,
wo er uns kalt und fremd entgegenträte, sondern nachdem wir zu inniger
Teilnahme gerührt worden und der ganze Ton des Gedichtes sich unmerklich
gesteigert, rufen wir mit dem Dichter die freundlichen Göttinnen an,
deren Erwähnung nun halb wie ein frommes Gebet halb wie ein heitres
Spiel erscheint. Auch Homer ruft ja nicht bloß am Anfang des Epos,
sondern bei bedeutungsvollen Abschnitten die Musen an:
[Greek: Espete nyn moi, Mousai, olympia dômat' echousai?]
und so ruft auch unser Dichter:
Aber saget ([Greek: espete]) vor allem, was jetzt im Hause geschiehet.
Homer ist reich an Gleichnissen. Unser Dichter hat nur ein einziges,
aber ein sehr schönes und wahres:
Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der Sonne
Sie noch einmal ins Auge, die schnellverschwindende, faßte u. s. w.
Goethe selbst erklärte diese Sparsamkeit durch den Grund, weil einem
mehr sittlichen Gegenstande das Zudringen von Bildern aus der physischen
Welt nur lästig gewesen wäre, d. h. er hatte nicht so viel äußerlich
Sinnliches zu schildern wie Homer, sondern mehr Seelenvorgänge; ganz
derselbe Unterschied wie zwischen seiner Iphigenie und der griechischen.
Zwei andre Gleichnisse treten nicht in Gestalt selbständiger Teilgebilde
hervor, sondern sind mehr in die Rede verflochten.
Auch die homerische Sitte schon dagewesene Stellen mit gleichen Worten
zu wiederholen ist nur einmal in unserm Gedicht nachgeahmt, bei
Schilderung nämlich von Dorotheens Tracht. Gerade dadurch aber wird das
Mädchen aufs festeste unsrer Anschauung eingeprägt. Der ganze Ton dieser
Schilderung ist übrigens homerisch und das Altertümliche darin
kontrastiert auf drollige Weise mit dem Modernen in der Tracht der
heutigen Bäuerin, so daß auch hier die schon erwähnte leichte Ironie
sich zeigt.
Gleichfalls homerisch ist die Detailschilderung des Anschirrens der
Pferde:
Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die mutigen Hengste
Ruhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten u. s. w.
Auch hier liegt in der Anwendung homerischer Formen auf die
Stallgeschäfte eines heutigen Burschen ein Zug ironischer
Schalkhaftigkeit.
Die halb ernste halb scherzende Wendung, wodurch der Dichter die Person,
die er als sprechende bezeichnen will, selbst anredet, ist ebenfalls dem
Homer nachgebildet. Wie Homer den Eumäus anredet:
[Greek: Ton d' apameibomenos prosephês, Eumais sybôta,]
so spricht auch unser Dichter zum Apotheker:
Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest,
und zum Richter:
Aber du sagtest indes, ehrwürdiger Richter, zu Hermann.
Auch Homers Weise jeder Person, jedem Gegenstande ein Adjektiv
beizugeben, welches nun zum festen Begleiter des Substantivs wird ohne
Rücksicht auf den Zusammenhang jeder einzelnen Stelle, auch diese
freundlich epische Weise, die mit heitrer Anerkennung kein Ding ohne
rühmendes Beiwort lassen will, findet sich in unserm Gedicht wieder. Da
heißt es: die reinlichen Türme, der kräftig strotzende Kohl, die mutigen
Hengste, die schön versilberten Schnallen, die saubern Stricke, die
geräumigen Plätze, der gewölbte Busen, die reinliche Anmut, zierliches
Eirund, die wohlgebildeten Knöchel u. s. w. Selbst Homers fixierte
Adjektiva fehlen nicht:
Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern. --
Und es erstaunten die Freunde, die liebenden Eltern erstaunten. --
Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebenden Eltern.
In der Abschiedsszene heißt es von den fremden Frauen:
Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig ans Ohr hin,
und gleich darauf:
Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend;
beide Verse nahe übereinstimmend mit dem homerischen:
[Greek: hôde de tis eipesken, idôn es plêsion allon.]
Noch andre homerische Formeln sind: mit fliegenden Worten, mit
geflügelten Worten ([Greek: epea pteroenta]), da befahl ihm sein Geist
([Greek: thymos anôgen, epotrynei, keleuei]), und süßes Verlangen
ergriff sie ([Greek: kai me glykys himeros hairei]), denn Zwiespalt war
mir im Herzen ([Greek: diandicha mermêrixa]). Auch die homerische
Umschreibung mit »Kraft« ([Greek: menos, is biê]) ist einigemal
angewandt:
Abgemessen knüpften sie drauf an die Wage mit saubern
Stricken die rasche Kraft der leicht hinziehenden Pferde. --
Und freute
Sich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,
Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.
Griechisch ist die Umschreibung mit »Mann«: der wandernde Mann ([Greek:
anêr hodoiporos]), ein Knecht des wohlbegüterten Mannes ([Greek: anêr
aphneios]), der Richter von diesen flüchtenden Männern ([Greek: anêr
hiketês]), die häufige Wiederkehr der Versicherungsformel »fürwahr« und
»wahrlich«, die Verbindung des Verbums »sein« mit dem Dativ, z. B. dem
ist kein Herz im ehernen Busen ([Greek: chalkeon êtor]), dem ist kein
Sinn in dem Haupte ([Greek: en phresi thymos]), mir ist im tiefsten
Herzen beschlossen, wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, und es ist
mir genug davon im Kasten des Wagens u. s. w.
Noch leisere Homerismen ließen sich in Menge anführen, nur daß die
Grenze, wo sie beginnen und die ungemischt deutsche Ausdrucksweise
aufhört, nicht zu bestimmen ist, da die fremde Färbung oft nur wie ein
kaum sichtbarer Hauch über die nationale Rede hinschwebt:
Aber ich geb' euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider. --
Viele Leinwand der Tochter von feinem und starkem Gewebe. --
Des Gewinnes,
Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herumhäuft. --
Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist. --
Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau. --
Aber es kommt der Abend heran und die vielen Gespräche
Sind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt. --
(Das Gespräch), das viel hin und her nach allen Seiten geführt wird. --
Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten. --
Da freut' ich mich seines
Anblicks so sehr, als wär' mir der Himmlischen einer erschienen. --
Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern. --
Liegt die erst entbundene Frau des reichen Besitzers.
('Besitzer' deutsch nicht ohne Ergänzung möglich, nicht absolut.)
Vers.
Für das Epos, welches instinktiv auf dem Boden des poetischen
Gesamtlebens einer Zeit erwächst, erfindet der Einzelne nicht die
Versgattung, sie gibt sich ihm als die einzig vorhandene und höchstens
bildet er sie aus. In der epischen Zeit ist der epische Vers die
poetische Form überhaupt, und erst später, wenn mit dem Erwachen der
Subjektivität die Lyrik auftritt, entfalten sich mannigfache Maße und
Rhythmen, und jedes Lied ist je nach dem eigentümlichen Gefühl, von dem
es beseelt ist, verschieden moduliert. So war der Hexameter bei den
Griechen das erste und zugleich epische Versmaß für immer, dessen Geburt
und Werden sich in eine dunkle, bewußtlose Zeit verliert. Diese
Sicherheit und Notwendigkeit ging nun einem in die jüngste moderne Zeit
gestellten Dichter wie Goethe ab; das Versmaß blieb seiner eigenen Wahl,
wo nicht gar seiner Erfindung überlassen. Historisch gegebene Versmaße
gab es nur folgende und auch nur dem Literaten, nicht dem Volke gegeben:
der Hexameter der Alten, die Terzinen und Stanzen der Italiener, der
französische Alexandriner, der Nibelungenvers. Von diesen war der
Alexandriner durch die letzte literarische Revolution vor kurzem, als im
Deutschen zu eintönig, sogar aus kleineren Gedichten verbannt worden;
von ihm konnte zum epischen Gebrauch nicht die Rede sein. Die Terzinen,
die Dante angewandt hatte, die achtzeiligen Stanzen bei Tasso, Ariost,
Camoens waren zu künstlich, zu musikalisch und melodisch, um dem
epischen Erzähler bei seiner heitern, gleichmäßigen Entfaltung dienen zu
können. Die Nibelungenstrophe hatte den Vorteil, national zu sein, aber
auch dies nur scheinbar, denn die Zeit, in der sie gebraucht, die
Gedichte, zu denen sie verwandt worden, waren durch eine unermeßliche
Kluft von der Gegenwart geschieden; Jahrhunderte totaler Vergessenheit
lagen dazwischen, und wer mit jenem Versmaß in die Mitte der
Zeitgenossen hätte treten wollen, brachte ihnen gewiß etwas weit
Fremderes, als die Metra der Alten waren. Goethe und die damalige Zeit
kannten zudem die altdeutschen Dichtungen kaum, so daß schon darum die
Anwendung ihrer Form eine Unmöglichkeit war. Später freilich wurden jene
Dichtungen durch die neualtdeutschen Romantiker und
christlich-germanischen Patrioten eifrig hervorgesucht, gepriesen und
anempfohlen, so daß es z. B. die Nibelungen zu einer gewissen
Popularität gebracht haben, die indes gleichfalls mehr eine künstliche,
der Schule angehörige ist und daher auch wahrscheinlich mit den
Tendenzen, von denen sie getragen wurde, wieder absterben wird. Seit dem
Auftreten der romantischen Doktrin ist die Nibelungenstrophe in epischen
Romanzen häufig angewandt worden; mit ihr verband sich ein Streben nach
volksmäßiger Kindlichkeit des Tons, eine gesuchte Unbehilflichkeit, eine
reflektierte Unmittelbarkeit, naive Anwendung ausfüllender Formeln, aber
unter diesem Schein der Herablassung und freiwillig angelegter
Knechtsgestalt verbarg sich ein wirkliches poetisches Unvermögen, die
wirklich mangelnde Fähigkeit, einen reichen Inhalt zu seiner eignen
schönen Form zu vollenden. Auch Gervinus meint, hinter der
Nibelungenstrophe verstecke sich die Armut sehr leicht, und fügt
treffend hinzu, die Romanzenabteilung zerpflücke das Epos wieder in
seine ersten Elemente. Was von der Nibelungenstrophe, gilt in noch
höherem Maße von den sogenannten höfischen Reimpaaren; der Reim
überhaupt mit seiner Rückkehr und seinem Widerhall und als Ausdruck der
die Seele durchziehenden Klänge ist der anschauenden Heiterkeit des
epischen Erzählens ganz unangemessen. Für Goethe blieb also nur der
Hexameter übrig, ein fremder, ein griechischer Vers. Aber derselbe
Dichter, der in der Iphigenie die antike Formschönheit mit der modernen
Unendlichkeit des Gefühls zu vermählen und die Nebel nordischer
Phantastik mit griechischer Sonnenheiterkeit zu durchleuchten gewußt
hatte, der in unserm Epos den Geist homerischer Einfalt durch eine ganz
moderne Welt wehen ließ, demselben war es vorbehalten, auch den
heroischen und elegischen Vers der Alten nach Klopstocks und Vossens
mühevoller, nicht immer glücklicher Anstrengung mit so leichter
Aneignung in unsre Sprache zu verpflanzen, daß es schien, er habe
derselben von jeher angehört.
Die ersten Versuche, deutsche Hexameter zu machen, fallen in die Zeit,
wo das Mittelalter abblühte und der Geist nach dem Rausche
transszendenter Romantik vor allem nach Form verlangte; wie in der
Architektur, in der Tragödie, in der Behandlung der Sprache u. s. w.
Nachahmung des Antiken herrschend wurde, so auch in der Versform.
Fischart, der in seiner Bearbeitung des Rabelais deutsche Hexameter
anbrachte, verbindet sie noch mit dem einheimischen Reim. Erst Opitz
indes stellte im siebzehnten Jahrhundert die neuere deutsche Prosodie
fest, ohne welche deutsche Hexameter ein Unding waren. Das Gesetz
derselben bestand darin, daß nicht die äußere Zeitdauer, die nach Länge
und Kürze des Vokals und nach dem Zusammenstoß der Konsonanten gemessen
wird, sondern die Bedeutsamkeit eine Silbe zur langen mache und daß im
Deutschen die Länge mit dem Accent zusammenfällt. Nach einigen Versuchen
des Christian Weise (1642-1700, Rektor am Gymnasium zu Zittau) und des
Heräus (1671-1730, Hofdichter bei Kaiser Karl dem Sechsten in Wien) war
es erst Klopstock, der mit Entschiedenheit von der scholastischen
Tradition quantitierender lateinischer Metrik abging und den Hexameter
nach dem modernen Gesetz accentuierender Rhythmik bildete. Voß erzählt
in seiner Zeitmessung der deutschen Sprache von seinem Lehrer in der
Schule, wie dieser über die unverständigen Neuerungen Klopstocks gezürnt
und seinen Schülern die Worte aus Luthers Bibelübersetzung als echten
Hexameter wiederholt habe:
Daß Isaak scherzte mit seinem Weibe Rebekka.
Klopstocks ziemlich mangelhafter Hexameter wurde von Johann Heinrich Voß
vervollkommnet. Voß suchte den deutschen Hexameter der technischen
Strenge des alten zu nähern; er bemühte sich um Spondeen, vermied,
soviel er konnte, den Trochäus, schuf sich künstliche Daktylen, setzte
fest, welche Silben lang, welche kurz sein müßten, welche als
mittelzeitig bald kurz bald lang gebraucht werden könnten, und gelangte
so zu Hexametern wie folgende:
Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau,
oder:
Jetzo begann holdselig ihr Lied die melodische Jungfrau
Und des Gesangs Wohllaut, eindringenden Worten vereinigt,
Wallete hell, dann leise gedämpft in die Stille des Abends.
Von hinschmelzendem Halle gesänftiget lauschten sie ringsum,
Fühlten erstaunt der Natur Hoheit und schwangen sich aufwärts
Ueber Mond und Gestirne zu Gott und den Seligen Gottes.
Da aber der Genius der deutschen Sprache sich gegen solche vollkommene
Hexameter sträubte, so mußten häufig Listen und Zwangsmittel angewandt
werden, um ihn zu bändigen. Voß brauchte Diminutiva auf -lein, z. B.
'Söhnlein' statt 'Sohn', um Spondeen zu gewinnen; er setzte den
Komparativ der Adjektiva für den Positiv, z. B. 'der grünere Hain' statt
'der grüne', behielt das durch den Sprachgebrauch ausgestoßene e der
Verbalflexion bei, wie in dem obigen Beispiel 'wallete', 'besänftiget',
beides, um Daktylen zu erzwingen; er brach die Worte durch schwere
Spondeen wie 'drauf antwortetest', 'du ehrwürdiger', wodurch das
Grundgesetz von der Geltung des Accents umgestoßen ward, da niemand
sagt: 'antwortetest', 'ehrwürdiger'. Das schlimmste aber war, daß die
Versnot überall eine ganz undeutsche Ausdrucksweise, die des natürlichen
Gefühles spottete, und lateinisch-griechische Wendungen und
Wortstellungen herbeiführte. Der Sieg, den der Genius des Deutschen
durch die akzentuierende Rhythmik über die lateinische Prosodie
erfochten hatte, war abermals durch scholastische Metrik verkümmert; der
Hexameter in dieser harten und steifen Gestalt war ein fremder, ein
aufgedrängter Vers, aus dem keine Seele sprach. Erst Goethe und Schiller
machten ihn aus einem Kunststück der Schule zum Eigentum der Nation und
bewiesen sich durch die feine Grazie ihrer Behandlung als größere
Verskünstler und metrische Meister als Voß, August Wilhelm Schlegel und
Platen. Selbst bei dem Letztgenannten überwiegt das Interesse der
glänzenden Technik des Verses zu sehr, um den lautern und vollen
ästhetischen Eindruck nicht zu stören. Auch Platens Verse sind nicht
'frei und schlank wie aus dem Nichts entsprungen' und noch fühlen wir an
ihnen die Gegenwart der widerstrebenden unbezwungenen Materie, deren
Schwere nicht weichen will, so gewandt auch der Meißel an ihr sich
herumbewegt; wir fühlen, daß der Inhalt erst allmählich nach dem
Bedürfnis des Verses entstand und daß jene prächtige Form zwar in einem
kleinen Gedicht, in einer einzelnen Stelle erreicht werden, nicht aber
ein langes Epos hindurch sich erhalten und dessen mannigfaltigen
Reichtum begleiten konnte. So wird wahrhafter Formensinn in die
triumphierende Ueberlegenheit nicht einstimmen, mit welcher Voß und
Platen auf die weimarischen Hexameter herabsehen.
Goethe gab bei seinem Hexameter zuförderst alle Versmalerei auf, die mit
Absicht durch den Gang des Verses den jedesmaligen Gegenstand
versinnlichen will. In Zeiten, wo das wahrhafte poetische Gefühl
verschwunden war, bei Dichtern, die nach verständigen Regeln den Effekt
erzwingen wollten, bildeten solche künstliche Malereien den Gipfel
poetischer Schönheit. In der didaktisch-moralischen Zeit der deutschen
Literatur wurden die Verse des Virgil und Ovid, wo das Galoppieren des
Pferdes durch lauter Daktylen, das Fallen der Hämmer durch lauter
Spondeen, das Gequäk der Frösche durch ähnliche Laute versinnlicht wird,
höchlich bewundert und Voß gab in seinen Uebersetzungen ähnliche
Malereien mit Treue, oft sogar übertreibend wieder. Daher sein:
Hurtig mit Donnergepolter entrollt ihm der tückische Marmor,
und:
Ihn von der Au' aufwälzend den Berg.
Er selbst dichtete:
Als ringsher pechschwarz aufstieg grau'ndrohende Sturmnacht.
Homers und Goethes Vers wissen nichts von dergleichen Künsteleien und
der Inhalt gibt die Wahl und Zusammenstellung der Worte von selbst.
Hinterdrein kann man dann hie und da ein ungesuchtes Zusammentreffen
bewundern, wie in den beiden angeführten homerischen Versen:
[Greek: Autis epeita pedonde kylindeto laas anaidês. --
Laan anô ôtheske poti lophon,]