erhalten hat, liebt es die sittlichen Mächte, von denen es regiert wird,
in Sprichwörter, Maximen, Lebensregeln, allgemeine Erfahrungssätze
zusammenzufassen. Der ehrsame Meister, wenn er seinen Lehrlingen gute
Lehren mit auf den Weg gibt, wenn er abends auf der Bank vor seiner
Hausthür sitzt und das menschliche Treiben behaglich bespricht, die
Nachbarn, wenn sie beim Kruge Bier sich das Herz öffnen, bedienen sich
immer sprichwörtlicher Sentenzen, in denen sich ihre Moral wie ihre
Lebensweisheit ausdrückt. Solche Erfahrungssätze sind eigentlich die
Religion des ehrsamen, fleißigen, verständig-herzlichen Bürgers und sie
leiten sein Thun mehr als die Dogmen, die er Sonntags in der Kirche
hört, so heiß ihm auch oft die Hölle dort gemacht wird. In der
Bürgerregion sind die Sprichwörter ganz eigentlich zu Hause. Als die
Adelsromantik im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts abblühte und die
Literatur von den Schlössern der adligen Grafen und Herren zu den
zünftigen Meistern der Städte herabstieg, da that sich in
Spruchgedichten jene bürgerliche Lebensweisheit auf wie im wälschen
Gast, in Freidanks Bescheidenheit, im Renner des Hugo von Trimberg, in
den Priameln der Meistersängerschulen, jene dumm-tüchtige,
unerschütterliche, etwas konventionelle Moral, die den bürgerlichen
Philister ausmacht. So ist auch Sancho Panza, der Repräsentant des
derben plebejischen Realismus, ganz voll von Sprichwörtern, mit denen
er die sublimen Schwärmereien seines Herren ins komische zieht.
Sprichwort und Fabel ist Handwerkspoesie. In Hermann und Dorothea ist
dies der Ton, in dem alle Reden gehalten sind; es sind ganz bürgerliche
Reflexionen, menschliche Verhältnisse betreffend, voll naiven Glaubens
an die sittlichen Ideen, wie ihn Weltmenschen so oft belachen, ohne die
dogmatische Herzenshärtigkeit, wie sie Theologen so oft beherrscht,
Maximen, gesammelt aus der Lebenserfahrung des Kleinstädters und
Dorfbewohners, eingegeben von der Mitempfindung des in den mannigfachen
menschlichen Verhältnissen waltenden sittlichen Geistes. Da das
Sprichwort Allgemeingedanke des Volkes ist, da es traditionelle Klugheit
enthält, so kann es nicht originell und geistreich sein und der geniale
Kopf verschmäht es; es ist der Ausdruck des begrenzt-sittlichen,
beschränkt-verständigen Bürgertums, das eine natürliche Abneigung gegen
alles Ungewöhnliche hat, dem nichts ferner liegt als Schrankenlosigkeit
des Gefühls oder der Phantasie. Blättern wir nur in den Anfangsgesängen
unsres Gedichtes, so finden wir eine Menge dieser unscheinbaren
Reflexionen:
Aller Anfang ist schwer, am schwersten der Anfang der Wirtschaft. --
Mancherlei Dinge bedarf der Mensch und alles wird täglich
Teurer: da seh' er sich vor des Geldes mehr zu erwerben. --
Ein wackerer Mann verdient ein begütertes Mädchen. --
Ungerecht bleiben die Männer, die Zeiten der Liebe vergehen. --
Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm. --
Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden erwachsen
Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,
Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung. --
Wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket,
Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal,
Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet. --
Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen;
So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,
Sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren. --
Der eine hat die, die andern andere Gaben,
Jeder braucht sie und jeder ist doch nur auf eigene Weise
Gut und glücklich. --
Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten:
Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke; so bleibt es. --
Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste. --
Ein Tag ist
Nicht dem anderen gleich: der Jüngling reifet zum Manne;
Besser im stillen reift er zur That oft als im Geräusche
Wilden schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbt hat. --
Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig. --
Vieles wünscht sich der Mensch und doch bedarf er nur wenig,
Denn die Tage sind kurz und beschränkt der Sterblichen Schicksal. --
Denn ich habe das Sprichwort so oft erprobet gefunden:
Eh du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret,
Darfst du nicht leichtlich ihm trauen; dich macht die Zeit nur gewisser,
Wie du es habest mit ihm und wie die Freundschaft bestehe. --
Der Augenblick nur entscheidet
Ueber das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke;
Denn nach langer Beratung ist doch ein jeder Entschluß nur
Werk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte;
Immer gefährlicher ist's beim Wählen dieses und jenes
Nebenher zu bedenken und so das Gefühl zu verwirren u. s. w.
Auch Schiller liebt es, in lyrischen Gedichten wie in Tragödien
Sentenzen anzubringen, aber wie verschieden sind sie von denen in unsrem
Gedicht! Es sind Prachtgedanken, philosophische Sprüche, mit bildlichem
Schmuck umgeben, blendende rhetorische Antithesen; hier ist es der
schlichte Sinn der mannigfaltigen Lagen des Lebens, der ohne Prätension
in einer allgemeinen Bemerkung sich aufthut. Daher ergreifen diese Reden
wie echte Lebensweisheit; daher kann man von diesem Gedicht sich durchs
ganze Leben begleiten lassen und es immer wieder vornehmen und lesen.
Die Maximen sind nur leichte ideale Gegenbilder der schönen realen
Sittlichkeit, die sich hier als eine konkrete Welt von Handlungen und
Charakteren vor uns ausbreitet.
Die positive Religion hat in diesem Gedicht voll reiner Menschlichkeit
keine Stelle gefunden. Nur einmal tritt sie in einer vorübergehenden
Andeutung auf, wo des Tedeums am Friedensfeste erwähnt wird; der Vater
wünscht, Hermann möchte dann auch mit der erwählten Braut vor den Altar
treten. Die Religion ist hier also nicht getrennt von dem schönsten
Inhalt des Menschenlebens und seinen reichsten Momenten, der
Friedensfeier und der Ehestiftung, Momente, die so reich sind, daß alle
Lebenskraft, die die Kirche noch besitzt, ihr von dorther zufließt und
sie an ihnen parasitisch ihr Dasein fristet.
Kleinstädtisch und bürgerlich ist auch die Geltung, die der
Nachbarschaft zukommt. Der Apotheker wird als Nachbar angeredet und er
hat als solcher ein Recht, der Familie nahe zu stehen. Frisch, Herr
Nachbar, getrunken! ruft ihm der Vater zu, und ein andermal: Gern geb'
ich es zu, Herr Nachbar. Auch Hermann redet ihn so an: Nachbar,
keineswegs denk' ich wie Ihr. Die Nähe der Wohnung wird zum Bande der
Freundschaft, zur geistigen Nähe und Vertraulichkeit. Nachbarn sehen
sich oft, kümmern sich um einander, helfen sich aus; die Kinder
erwachsen zusammen spielend auf denselben Höfen, an denselben
Gartenzäunen. Alexis und Dora, auch Hermanns Eltern waren
Nachbarskinder. So wird auch Frau Martha im Faust von Gretchen Nachbarin
angeredet und ihre Freundschaft rührt daher. Der Vater wünscht, Hermann
möge aus dem grünen Nachbarhause sich eine der Töchter des Kaufmanns
wählen, mit denen er als Knabe so oft gespielt. In großen Städten umgibt
uns keine trauliche Teilnahme der Nahewohnenden; wir verlieren uns
isoliert und fremd in den wechselnden Strom der gleichgültigen Menge.
Kaum kennen wir den, der über uns im zweiten Stock wohnt, kaum grüßen
wir ihn; in demselben Hause oft zu gleicher Zeit eine Hochzeit und ein
Leichenbegängnis, beide nichts von einander wissend; aus den Zeitungen
erfahren wir, daß gestern in dem Dachzimmer uns gegenüber ein
Selbstmörder seinem Leben ein Ende gemacht; und wenn ein einsamer
Unglücklicher, in der Verlassenheit weinend, aus dunkler Kammer auf die
Straße hinausblickt, sieht er oft die Fensterreihe, die ihm gegenüber
liegt, glänzend erleuchtet und weiß nicht, welches Fest dort von
Unbekannten begangen wird, ob eine Verlobung oder ein Geburtstag oder
eine Rangerhöhung.
Den armen Flüchtlingen gegenüber findet sich die Bürgerfamilie nicht
durch einen baren Geldbeitrag ab, nicht mit einer Hilfeleistung =in
abstracto= ohne menschliche Nähe und Teilnahme; sie sendet den Ueberfluß
der Wirtschaft, Schinken und Brot, Bier und Leinwand und läßt den
Notleidenden so unmittelbar teilnehmen an der eigenen Wohlhabenheit. So
kauft der ländliche Bürger seine Hausbedürfnisse auch nicht für Geld aus
dem Laden: er braut sein Bier selbst, backt sein eigenes Brot, gewinnt
die Wäsche aus eigenem Flachs durch eigenes Spinnen und Weben und
erzieht das Schwein selbst, das ihm den Schinken und die Würste liefert.
Ist das Erzeugnis der eigenen Arbeit auch nicht immer so vollkommen wie
die aus großen Anstalten bezogene Ware, so ist es doch lauter und echt,
nicht bloß scheinbar, auch nicht vermengt und gefälscht. Und auch besser
schmeckt es und trägt sich besser, denn die Erinnerung an die eigene
Mühe, an manche aufgewandte Kunst und Fertigkeit haftet daran.
Diktion.
Das Innere der Dichtung, wie wir es bisher besprochen, tritt mit seiner
Entfaltung in Stil und Sprache bis in das einzelne Wort nach außen und
ist in der körperlichen Hülle überall durchsichtig und gegenwärtig. Wie
der Umfang des Bildes bei allem Reichtum der Lebenserfahrung, den es
einschließt, nicht groß ist, so ist auch in der Diktion Einfalt und
schlichte Bescheidenheit das erste Merkmal, das uns in die Augen fällt.
Aus dem reichen Schatz von Worten und Wendungen, die die Sprache bot,
griff der Dichter nach dem Unscheinbarsten und Gewöhnlichsten; er ist so
sparsam an Schmuck, daß der Unkundige, der Verbildete geneigt ist, das
Maß für Kälte und die Sparsamkeit für Armut zu erklären. Die äußerste
Anspruchslosigkeit zeigt sich gleich bei den Epitheten, mit denen der
Dichter die Nennung der Personen begleitet: der treffliche Hauswirt, der
menschliche Hauswirt, der gute Vater, der edle verständige Pfarrherr,
der wohlgebildete Sohn, der alte würdige Richter, der gehaltene
Jüngling, der sinnige Jüngling u. s. w. Dieselbe Schlichtheit herrscht
auch sonst in der Wahl adjektivischer Bezeichnungen. Dorothea sagt:
O laßt mich dieser Erinnrung
Einen Augenblick weihen, denn wohl verdient sie der Gute.
Der Pfarrer sagt von Dorotheen, die eben in höchster Erregung ihr holdes
Bekenntnis gethan und nun durch die Sturmnacht nach Hause will, wodurch
sie jedem um das Geheimnis wissenden Anwesenden so ungemein lieblich
erscheinen muß:
Welche Klugheit hätte denn wohl das schöne Bekenntnis
Dieser Guten entlockt?
Dorothea spricht mit demselben Lieblingsworte des Dichters zu Hermann:
Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke.
Und früher am Brunnen:
Da ich finde den Guten, der uns so manches gereicht hat.
Von der Wöchnerin sagt sie:
Ja, ich gehe mit euch, sobald ich die Krüge den Freunden
Wiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten.
Hermann spricht zu den Freunden:
Glaubt ihr, es sei ein Weib von solcher Schönheit und Sitte
Aufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen?
Und:
Und mit wenigen Worten entscheide die Gute mein Schicksal!
Zu Dorothea auf dem Heimgange:
Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos!
Dorothea zur Wöchnerin:
O, so gedenkt des Jünglings, des guten, der sie uns reichte!
Unmittelbar darauf heißt es:
Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder.
Einige Verse weiter spricht der Richter:
Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig und gut ist.
Der Pfarrer sagt:
Komm, daß wir
Um sie werben und bald nach Hause führen die Gute.
Den schreienden Kindern wird versprochen:
Sie geht in die Stadt und bringt euch des guten
Zuckerbrotes genug, das euch der Bruder bestellte.
Nach Goethes Weise, der ganz als Dichter von dem Schlechten nicht
abstrakt moralisch verletzt, sondern als von etwas Ordnungswidrigem
ästhetisch gestört wird, steht auch in unserm Gedicht dem Wunderlichen
und Verworrenen als Tadel das Ruhige und Verständige als Lob gegenüber.
Der Vater sagt:
Mir ist lästig dies wunderliche Beginnen.
Ferner:
Leidenschaftlich Geschrei, das heftig verworren beginnet.
Und Dorothea nennt sich da, wo sie dem Vater den Verdruß abbittet, eine
Verworrene:
Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war,
Sei der letzte zugleich!
Dagegen ist das Ruhige und Verständige überall das mild lobende Beiwort.
Dorothea sagt zu Hermann:
Kommt und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten!
Der Pfarrer, als er den Richter die Streitenden hat beschwichtigen
sehen, preist seinen ruhigen Sinn:
Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen
Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte.
Auch an dem Bürgerlose rühmt er das Ruhige:
Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger. --
Nein, der Mann bedarf der Geduld, er bedarf auch des reinen
Immer gleichen ruhigen Sinns und des graden Verstandes. --
Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen!
Hermann sagt von dem Eindruck, den Dorothea auf ihn gemacht:
Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen.
Und Dorothea in der Abschiedsszene wiederum von ihm:
Also folg' ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling.
Der Pfarrer gibt Hermann dasselbe Prädikat:
Nun verkennet es nicht, das Mädchen, das eurem geliebten
Guten verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.
Auch sonst findet sich das gemäßigte Beiwort:
Es ergreift doch nur der Verständ'ge das Rechte.
Ein andermal:
Bald zu thun und gleich, was recht mir deucht und verständig.
Ein drittesmal:
Ach, da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sei.
Auch das Reinliche und Saubere erscheint als allgemeines Lob, nicht bloß
der Kleider:
Aber ich geb' euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider;
sondern auch sonst:
Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Türme. --
Wo die Hengste rasch den reinen Hafer verzehrten. --
Knüpften mit sauberen Stricken die Kraft der Pferde. --
Wenn ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quelle genießet. --
Denn, wer die Städte gesehen, die großen und reinlichen, ruht nicht. --
Die ihr das Kinn umgibt, das runde, mit reinlicher Anmut.
Dieselbe Mäßigung zeigt sich in den Ausdrücken für Schmerz und Freude.
Ein wiederkehrendes Wort ist das milde 'traurig', ihm gegenüber
'bequemlich', 'erquicklich', 'behaglich', 'freundlich', besonders
'munter'. Das Wort 'munter' kehrt z. B. in der Erzählung des Richters
von den Revolutionsereignissen mit kurzen Zwischenräumen dreimal wieder.
Mit derselben Einfalt wiederholt sich überall das Wort 'herrlich' als
höchstes Lob, zu dem die Rede es bringt: herrlich glänzte der Mond; im
Schatten des herrlichen Baumes; die herrliche weite Landschaft.
Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Unglück? --
Sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten. --
Von der herrlichen That, die jene Jungfrau verrichtet. --
Und so fühlt er die herrliche Last. --
Es zeigte das herrliche Paar sich. --
Alle lobten das herrliche Wasser. --
Kam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen. --
Und redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens u. s. w.
Von höchster Anspruchslosigkeit sind auch die folgenden Adjektiva:
Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit. --
Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden beschattet. --
Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt. --
Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter. --
Morgen fangen wir an zu schneiden die reichliche Ernte.
Ebenso die adverbialen Zusätze:
Da versetzte der Wirt mit männlichen klugen Gedanken. --
Ruhig erwiderte drauf der Sohn mit ernstlichen Worten. --
Und es versetzte darauf der Apotheker mit Nachdruck u. s. w.
Dieselbe Blässe des Ausdrucks bei Schilderung der die Personen
bewegenden Empfindung. Das Mädchen, sagt Hermann von seiner Geliebten:
Das ich allein nach Haus zu führen begehre. --
Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaft
Für ein Mädchen empfinden? --
Sollt' ich im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin
Mich nicht erfreuen des Kriegs?
Dorothea von ihrer Liebe zu Hermann:
Sondern weil mir fürwahr im Herzen die Neigung sich regte
Gegen den Jüngling. --
Wo ich beschämt und ängstlich nur stehe,
Frei die Neigung bekennend und jene thörichte Hoffnung.
Hermann tadelt des Apothekers Egoismus, der
Leiden und Freuden zu teilen
Nicht verstehet und nicht dazu von Herzen bewegt wird.
Dieselbe kühle Wendung braucht der Pfarrer von Hermanns Liebe:
Das Mädchen, das eurem geliebten
Guten verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.
Auch die Wonne der endlichen Vereinigung beider Liebenden spricht sich
zwar gesteigerter, aber immer noch mit sparsamer Beherrschung des
Ausdrucks am Schlusse aus:
Da schön mir die Liebe das Glück hier
Neu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen aufschließt.
Auch in den Naturszenen sind nur ganz milde Farben aufgetragen:
Die herrliche weite
Landschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umherschlingt.
So die Schilderung der Weinlese, selbst im vorletzten Gesange die des
Gewitters und Mondscheins:
Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne u. s. w.
und später:
Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter u. s. w.
Diese Einfalt und Schlichtheit der Rede hat aber nicht den Sinn, als sei
sie dem Gegenstande nicht gewachsen. Im Gegenteil: mit den geringsten
Mitteln erreicht der Dichter die tiefste Wirkung. Die Wahrheit ist es,
wodurch er wie durch Zauber die Phantasie weckt und das Gemüt rührt.
Kein falsches Wort drängt sich zwischen den Gegenstand und die
Anschauung, kein ungehöriger Ton trübt die durchsichtige Klarheit, die
uns bis ins innerste Herz der Dichtung blicken läßt. Alles bloß
Rhetorische, alle künstlichen Blumen, Tropen und Metaphern sind hier
ausgeschlossen. Ein Pöbelgeschmack, der grelle Farben liebt, eine durch
Gewürz abgestumpfte Zunge, ein kindisches Urteil, das sich durch
blitzende Glasperlen bestechen läßt, kann an dieser einfach-wahren Rede
kein Gefallen finden, die so schmiegsam dem jedesmaligen Gegenstande
sich anschließt, die Empfindung in ihren innersten Tönen voll und leise
hervorströmt und überall den gediegenen Gehalt des Gedankens ohne Abzug
und Zusatz auf ganz antik naive Weise ausprägt. Je prunkloser und
ruhiger sie ist, desto mehr hat es der Dichter in der Gewalt durch
vermehrte Wärme, erhöhte Farbe und beschleunigte Bewegung die Wirkung an
passenden Punkten ins Unendliche zu steigern. Solche Stellen sind die
Blumen unter den Blättern im Kranz:
Gib auch Blätter, den Glanz der blendenden Blumen zu mildern;
Auch das Leben verlangt ruhige Blätter im Kranz.
So ist zwar zur Schilderung von Hermanns Liebe nicht viel Aufwand von
Worten gemacht, dennoch kommen glühendere Stellen wie folgende vor, wo
nun die Wirkung um so tiefer ist:
Ich will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja mich
Glücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret. --
Und süßes Verlangen ergriff sie. --
Hermann hörte die Worte nur flüchtig; ihm bebten die Glieder
Innen und stille war der ganze Kreis nun auf einmal.
Wenn der keusche Dichter einmal ein Bild braucht, so übt es gewiß durch
beglückende Wahrheit eine ergreifende Macht auf unsre Phantasie. Ein
geringerer Dichter hätte sich z. B. die Gelegenheit nicht nehmen lassen
das Gewitter, das die Liebenden überfällt, mit Pomp zu schildern: Hier
finden wir nur wenige Striche, die aber eine zauberische Wirkung üben.
Sie gingen, heißt es, der sinkenden Sonne entgegen, die sich
gewitterdrohend in Wolken hüllte und aus dem Schleier bald hier bald
dort eine ahnungsvolle Beleuchtung strahlte. Diese Worte malen aufs
glücklichste den Zustand des Himmels und der Erde in dem Moment, wo
Gewitterwolken die Sonne zu verhüllen drohen. Die Streiflichter fallen
dann glühend auf das Feld, über den Wald, sind zerstreut und
vorübergehend, erscheinen hie und da, werden abwechselnd vom
Wolkendunkel verschlungen und überfliegen die Gegend, wie eine plötzlich
erhellende Ahnung den Geist überfliegt, der dann wieder in bewußtloses
Dunkel versinkt. Indem Hermann und Dorothea unter den Birnbaum gelangt
sind, ist es schon Nacht; nur der Vollmond steht am Himmel. Vor ihnen,
sagt der Dichter, lagen in Massen gegen einander Lichter hell wie der
Tag und Schatten dunkler Nächte. Das Eigentümliche des Mondlichtes die
Welt in große Massen abzusondern ist hier so wahr und einfach angegeben,
daß die dadurch erregte Phantasie das Ganze des Bildes leicht vollzieht.
Auch in Schillers Erwartung heißt es:
Der Mond erhebt sein strahlend Angesicht,
Die Welt zerschmilzt in ruhig große Massen.
Wie glücklich ist das Gefühl der Wolkennacht in dem Verse ausgedrückt:
Nicht die Nacht, die breit sich bedeckt mit sinkenden Wolken.
Oder das Gefühl des Ackerbaus, der über fruchtbare Ebenen seinen Segen
erstreckt:
Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich aufthut.
Oder das Gefühl irrender Flucht, entgegengesetzt dem Gefühl der
Sicherheit, die fester Anbau gewährt:
Aber zerrüttet die Not die gewöhnlichen Wege des Lebens,
Reißt das Gebäude nieder und wühlet Garten und Saat um,
Treibt den Mann und das Weib vom Raum der traulichen Wohnung,
Schleppt in die Irre sie fort durch ängstliche Tage und Nächte u. s. w.
Wie sehr es dem Dichter um Wahrheit, nicht um die künstlichen Regeln der
Rhetorik und Stilistik zu thun ist, lehrt z. B. die Stelle, wo die
Mutter unter dem Birnbaum den Sohn auffordert in seinen Geständnissen
fortzufahren: Fahre nur fort u. s. w. Hier folgt sich unmittelbar das
Wort 'heftig' dreimal, das Wort 'geschickt' zweimal.
Als eine weitere Eigenschaft der Diktion unsres Gedichts ist eine
gewisse epische Breite, behagliche Geschwätzigkeit und anmutige Fülle zu
erwähnen. Die Rede fließt überall wie ein langsamer breitausgedehnter
Strom von Gedanken zu Gedanken. Dahin gehören Stellen wie folgende:
Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet. --
Wo ihm das Ehbett stand und wo er zu ruhen gewohnt war. --
Ihr habt mich
Auf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung. --
Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden.
Von dem Geiste geschwätziger Behaglichkeit ist auch die Form der Sätze
und Perioden, die in dem Gedichte herrscht, eingegeben. Immer hell und
natürlich hält sie eine anmutige Mitte zwischen einem leidenschaftlich
abgebrochenen Aufreihen von lauter Hauptsätzen und der rednerischen
vielverschlungenen Periodik. Eine immer wiederkehrende
Lieblingsverbindung der Sätze ist die mit 'denn', auch wo das Folgende
nicht unmittelbar den Grund des Vorhergehenden enthält: diese Partikel
verbindet er auf ganz allgemeine Weise mit behaglich-schwatzender
Argumentation. Beispiele finden sich überall:
O, wie geb' ich dir recht, du gutes treffliches Mädchen,
Daß du zuförderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest!
Denn so strebt' ich bisher vergebens dem Vater zu dienen u. s. w.
Oder:
Aber noch früh genug merkt' ich, sie hatten mich immer zum besten;
Und das war mir empfindlich, mein Stolz war beleidigt, doch mehr noch
Kränkte mich's tief, daß so sie den guten Willen verkannten,
Den ich gegen sie hegte, besonders Minchen, die Jüngste.
Denn so war ich zuletzt an Ostern hinübergegangen u. s. w.
Und:
Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwidern.
Deinetwegen kam ich hieher und was soll ich's verbergen?
Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern,
Denen ich traulich das Haus und die Güter helfe verwalten u. s. w.
Oder:
Billig seid ihr, o Freund, zu den guten Wirten zu zählen,
Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind.
Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde
So wie Schafe genau bei Tausch und Handel betrachtet u. s. w.
Eine ebenso häufige Uebergangsform ist 'und so', die gleichfalls das
Gepräge liebenswürdiger wortreicher Gemütsruhe trägt. Wo wir das Gedicht
aufschlagen, stoßen wir auf diese Verbindung:
Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter. --
Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens. --
Was ein Knecht schon verrichtet des wohlbegüterten Mannes,
Thust du; indessen muß der Vater des Sohnes entbehren,
Der ihm zur Ehre doch auch vor andern Bürgern sich zeigte.
Und so täuschte mich früh mit leerer Hoffnung die Mutter. --
Dieser kannte das Leben und kannte der Hörer Bedürfnis,
War vom hohen Werte der heiligen Schriften durchdrungen,
Die uns der Menschen Geschick enthüllen und ihre Gesinnung;
Und so kannt' er wohl auch die besten weltlichen Schriften.
Noch eigentümlicher, aber voll Grazie ist die Verbindung mit 'so auch':