Dies Typische spricht sich in dem Gedicht an zahlreichen Stellen aus,

z. B. wenn die Mutter ausruft: So sind die Männer! oder der Vater: Sind

doch ein wunderlich Volk, die Weiber! oder wenn er sagt, er erfahre, was

jedem Vater gedroht ist, daß den heftigen Willen des Sohnes die Mutter

immer allzugelind begünstigt. Hermann, von seiner Liebe sprechend, ruft

aus: Ja, es löset die Liebe, das fühl' ich, jegliche Bande, wenn sie

die ihrigen knüpft; und nur das hinzugefügte »das fühl' ich« führt jenes

allgemeine in die Sphäre des besondern Individuums zurück. Wie in

Hermann der Sohn und Jüngling, so spricht und handelt in Dorothea das

Mädchen, das Weib überhaupt: und sie sagt dies wiederum selbst, wo sie

ihren Schritt als Magd dienen zu wollen als allgemeine weibliche

Bestimmung des Dienens und Sorgens hinstellt. Ist Hermann der

Telemachus, der Hektor überhaupt, so erscheint in Dorothea der Typus

griechischer Jungfrauen, Töchter und Heldenfrauen, die liebende

Andromache, die weise gewaltige Athene, die [Greek: parthenos

androktonos], die schreitende Kanephore oder das =amphora=tragende Mädchen

u. s. w. Nirgends zeigt sich ferner im Gedichte die Absicht einen

Menschen vor uns hinzustellen, keine abstrakte Zeichnung, keine

besondere Charakterschilderung; sondern, indem uns die Begebenheit

erzählt wird, ergeben sich zugleich und unabtrennbar in organischem

Zusammenhang die sie tragenden und von ihr wiedergetragenen Charaktere.

Die Handlung geht nur fort, insofern der Charakter sich entfaltet, und

diese Entfaltung eben ist es, die die Handlung weiterführt. So konkret

auf diese Art die Charaktergebilde vor uns entstehen, so fein sind sie

unter einander nüanciert. Alle Personen sind in der idyllischen Sphäre

des Ganzen enthalten, sie sind alle ein Spiegel reiner Sitten,

gemütlicher Güte und bürgerlich schlichten Verstandes. Dennoch hat diese

gleiche Substanz in jedem auf eigentümliche Weise Gestalt gewonnen: hier

der Vater mit leichter Hinneigung zu den Schwächen und Eigenheiten des

Alters, der Bevormundung, der Eitelkeit; dort der Sohn mit tiefer

Färbung unbehilflicher Gemütskonzentrierung; hier der Pfarrer als ein

etwas pedantischer Verbesserer; dort der Apotheker mit seinem naiv

drolligen Egoismus; dort die Mutter, die bewußtlos gutmütig alles nur in

ihrem Hermann sieht u. s. w. Uebrigens treten die Charaktere in dem

Gedicht selbst lange nicht so schneidend hervor, wie wir sie oben aus

zerstreuten Zügen zusammengestellt; manche Reden, die der eine spricht,

könnte man bei flüchtigem Hinsehen auch wohl dem andern zuteilen. Wie

alles in unserm Gedicht maßvoll ausgeglichen und verschmolzen ist, so

zittert auch um die Charaktere ein feiner Aether, sie ebenso beleuchtend

als verhüllend, ein zarter Nebel, der zwar durchscheinend ist, aber die

Härte mildert und eine reizende Blässe um sie gießt. Man muß die sich

bewegenden Personen aufmerksam verfolgen, sie lange ansehen, um die

ganze Zartheit der Nüancierung zu empfinden. Aeußerst kunstvoll und

plastisch sind sie endlich gruppiert. Die stille Gruppe der idyllischen

Hauptgestalten wird durch den Gegensatz der flüchtenden Menge, die

verworren von der Grenze herzieht und, wie sie alle Brunnen im Dorfe

getrübt hat, so auch mit trüben Sinnen und in leidenschaftlichem Gezänke

auf ihrem Wege weiterdrängt, getragen und beleuchtet. Des Vaters

Ungeduld hebt die liebevolle Nachsicht der Mutter; an die im Mittelpunkt

stehende Familie treten zu beiden Seiten die beiden innerlich

verschiedenen Hausfreunde heran; der realistischen Gruppe des Vaters und

Apothekers stellt sich die idealistische des Pfarrers und Richters

gegenüber; hier der Vater mit den beiden Freunden in kälterer Stimmung

und unter allgemeineren Gesprächen im Wirtssaale, dort gleichzeitig die

liebende Mutter mit dem tiefergriffenen Sohn unter dem Birnbaum; Hermann

und Dorothea, das selig beklommene Paar, am Brunnen, auf dem Heimgang,

draußen im Mondlicht, unter drohenden Gewitterwolken, ihnen gegenüber

die unruhig harrenden Eltern und Freunde im Hause; endlich in der

Schlußszene die rührende Vereinigungsgruppe aller Personen in

mannigfaltiger Beziehung zu dem Ereignis, je nach der Nüance des

Charakters und der Beteiligung näher und weiter mit leichterer und

tieferer Seelenbewegung zu dem glücklichen Momente sich stellend. Die

Linien sind überall so einfach, die Gestalten so heiter und rein, die

Momente bei aller Tiefe der Bedeutung so faßlich, daß hier alles die

bildende Kunst zu einer Reihe von Figuren und Gruppen aufzufordern

scheint. Bei der herrlichen Gruppe, die Hermann und Dorothea bilden, wo

sie auf den Stufen des Weinbergs gestrauchelt ist und er sie in seinen

Armen hält, ruft der Dichter selbst:

So stand er

Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt.

Vielleicht schwebte seiner Phantasie hier unbewußt die Gruppe des

Sabinerinnenraubs von Giovanni da Bologna in der Loggia zu Florenz vor:

ein sich stemmender heldenhafter Jüngling, der ein junges Weib hoch

trägt ganz wie Hermann hier die über ihm hochschwebende Dorothea. Beide

am Brunnen sitzend, neben einander herschreitend, am Baumstamm ruhend

--lauter Momente für eine Marmorgruppe. An Meyer schreibt er, die

höchste Instanz, vor der das Gedicht gerichtet werden könne, sei die,

vor welche der Menschenmaler seine Kompositionen bringt; und an

Schiller, er habe die Vorteile, deren er sich in Hermann und Dorothea

bediente, alle von der bildenden Kunst gelernt. In der That gibt es kein

neueres Gedicht, dem die klare stille Kunst der Plastik verwandter und

dessen Phantasiegebilde leichter in sichtbare Marmorgestalten zu

verwandeln wären.

Sitten und Lebenssphäre.

Schon oben ist von dem epischen Gedicht gesagt, daß es das Leben in

seiner ganzen Breite vor uns aufrollt, mit freundlicher Anerkennung dem

Kleinsten wie dem Größten eine Stelle in dem Gemälde gewährt und den

Menschen als sinnlich-geistige Totalität im konkreten Zusammenhang mit

der ganzen ihn umgebenden Welt der Dinge in den poetischen Spiegel

aufnimmt. Nun hat aber eben unser Leben eine Gestalt, wie sie dem

Dichter und Künstler nicht zusagt, sei es infolge der Zivilisation oder

infolge des düstern Klimas, welches ein schönes Gleichgewicht

menschlicher Entwicklung nicht begünstigt. Das Sinnliche ist bei uns

zurückgedrängt, die frische Energie der Existenz, die in schönen und

kräftigen Formen nach außen tritt, ist bei uns gebrochen. Der Maler

sträubt sich gegen unsre Kleidertracht als phantasielos: er flieht mit

seinen Darstellungen in frühere Jahrhunderte oder in einsame

Gebirgsthäler oder in den Orient und sucht dort kleidsame farbige

Gewänder, malerische Formen und Schnitte, prächtigen Schmuck, Adel und

Einfalt der Erscheinung. Wie weit haben sich bei uns die Formen des

Umgangs von jener naiven Ursprünglichkeit entfernt, mit der der Mensch

die ganze Macht seiner innern Leidenschaft und Gesinnung in sein äußeres

Benehmen, in den Ausdruck des Gesichts, in Gang, Haltung und Wort

hineinlegte! In unsrer Geselligkeit darf weder der Zorn und Haß, noch

die Freude und Liebe rein hervorbrechen und sich energisch in der

sinnlichen Erscheinung malen. Nirgends versetzen wir in unser äußeres

Thun den vollen Inhalt eines ungebrochenen Herzens, wir achten im

Gegenteil unser Naturdasein gering und schätzen den Menschen nur nach

dem Maß seiner geistigen Thätigkeit.

Im homerischen Zeitalter stehen die Helden noch im engen Verkehr mit der

äußern Natur: bei ihnen verschmelzen das Sittliche und Physische zum

Bilde einer totalen und in sich einigen Menschennatur. Wie ganz anders

bei uns! Wir beteiligen uns an den sinnlichen Geschäften nur halb oder

gar nicht mehr. Schon hört bei uns das Handwerk allmählich auf, wo der

Mensch mit gemütlichem Anteil in ein bestimmtes Werk seiner Hände sich

vertieft: es verwandelt sich in Fabrik- und Maschinenarbeit, die ihr

Produkt gleichgültig und uniform zu Tage wirft. Wo sonst ein Herold in

bunter Tracht mit silberner Trompete den Krieg ankündigte, da wird jetzt

ein Manifest geschrieben. Krieg und Schlacht sind mechanisch geworden,

eine halb mathematische Wissenschaft, die mit Truppenlinien, mit Carrés,

mit Stoß und Gegenstoß massenhaft operiert; es kann der Sieg gewonnen,

die Schlacht verloren sein, ohne daß der einzelne Krieger etwas davon

gewahr geworden. Die Erfindung des Schießpulvers hat wie die des Geldes,

welche letztere erst in unsrem Jahrhundert zu ihren Konsequenzen

gekommen, das volle einzelne Leben in Abstraktionen aufgelöst. Statt der

naiven Rechtsverhandlungen unter offnem Himmel, wo der geehrte Sinn der

Handlung in zahlreichen symbolischen Formen hervortrat, werden jetzt

zwischen düstern Mauern Aktenstöße zusammengeschrieben und Paragraphen

zitiert. Die Staaten befehden sich durch Noten und Schriften; wo der

Mensch sonst mit Mund und Auge, mit Wort und That hervortrat, da wird

jetzt in geheimen Staatskabinetten geschrieben; geschrieben wird

überall, in Büreaus, in Amtsstuben, in Kanzleien; dem lauten bunten

Leben tritt die Polizeiregel, der freien Individualität die

mechanisierte hierarchische Verwaltung entgegen. Schreiben und Lesen ist

bei uns an die Stelle von allem getreten. Und doch ist der Mensch, wie

Goethe selbst sagt, eigentlich nur berufen in der Gegenwart durch seine

Persönlichkeit zu wirken; Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache,

stille für sich Lesen ein trauriges Surrogat der Rede. Unsre Sinne,

nicht mehr im Kampf mit den Elementen geübt, sind stumpf und blöde

geworden; jede eigensinnige Individualität, d. h. jede Durchdringung

ganz eigentümlicher Umstände und Bedingungen, die in dieser Art nie

wiederkehren kann, ist in negativen allgemeinen Richtungen

untergegangen. Nivelliert sind auch unsre Städte, in denen man das Haus

nach der Nummer, in Amerika, diesem Lande moderner Prosa, sogar die

Straße nach der Nummer aufsucht; nivelliert ist das Land, wo regelmäßige

Grenzen einen Acker von dem andern sondern und die Naturfreiheit der

Landschaft immer weiter vor der verfolgenden Bodenkultur zurückweicht.

Der wechselnde Pfad, der den Reiter unter Gefahren und Mühseligkeiten

durch Wälder, durch Ströme und über Berge führte, er ist zur geraden und

öden Chaussee geworden, diese zur noch abstrakteren Eisenbahn. Der Tag

des Städters wird von dem Amt, von der Gewohnheit prosaisch und

pünktlich geregelt; der Landmann blickt nicht mehr nach der Sonne, um

sich die Tageszeit anschaulich-sinnlich vom Himmel zu holen; er hat eine

Uhr, ein mechanisches Werkzeug dazu. Die Maschine dringt auch immer mehr

in den Ackerbau: Sähmaschinen, Dreschmaschinen, selbst Pflugmaschinen

ersetzen die lebendige Hand; wenn der Ackerbauer sonst mit kundigem

Blick den Horizont übersah, um das kommende Wetter zu erraten, wenn ihm

dabei poetisch-abergläubische Traditionen, gereimte Sprüche behilflich

waren, so hat er jetzt ein Barometer an der Wand hängen, wenn nicht gar

ein Hygrometer. Ein unfruchtbarer Acker wurde sonst als vom Teufel

verdorben, vom bösen Blick gestochen unter geheimnisvollen Gebräuchen

exorzisiert und neugeweiht; jetzt wird ein Lehrbuch der

Agrikulturalchemie aufgeschlagen und der Boden entmischt und gemischt.

Die seltsamen bunten mannigfaltigen Tauf-, Hochzeits- und

Beerdigungsgebräuche unsrer Ahnen sind nur noch in schwachen Spuren

übriggeblieben; der Volkstanz, sonst voll Charakter und unmittelbarer

Energie, ist allmählich zu dem bleichen Schatten unsrer

Gesellschaftstänze geworden, wo von schöner Darstellung nicht mehr die

Rede sein kann und die, je feiner die Gesellschaft ist, desto

ängstlicher als bloße abstrakte Formen aufrecht erhalten werden; der

Ausdruck gerade wird bei ihnen gemieden, die zu starke Erhitzung gilt

für unanständig. So ist unser ganzes Leben aus einem blühenden naiven

Naturdasein zu einem abstrakten, ohnmächtig reflektierten, von einigen

allgemeinen Formeln umschlossenen geworden. Fern sei der Gedanke diese

Losreißung von dem natürlichen Pflanzenleben zu verurteilen; Abstraktion

ist gegen Unmittelbarkeit die höhere Stufe und unser allzu geistiges

Dasein muß zu einer zweiten Natur, zum Ziel schöner Sittlichkeit führen;

so wie unsre Sitten aber jetzt sind, müssen sie den Dichter und Künstler

anwidern, vor der ästhetischen Betrachtung sind sie verworfen. In

welchem traurigen Dilemma befindet sich der Bildhauer, der einen

heutigen Helden als Statue zu bilden hat: abgesehen davon, daß

Heldengröße heutzutage nicht durch Kraft und Anmut des Leibes, sondern

auf Kosten derselben erreicht wird, die Skulptur also an dem zu

verherrlichenden Manne eigentlich nichts darzustellen findet, so muß der

Künstler entweder das abstrakt idealisierende Kostüm, z. B. die antike

Toga, wo alle Wahrheit aufgeopfert wird, oder den modernen Frack und die

Militäruniform wählen, wo alle plastische Schönheit ausgeschlossen ist.

Einen Mann wie Napoleon konnte der Erzgießer in seinem Ueberrock und

seinem dreieckigen Hute auf die Vendômesäule stellen: der Held hatte

sich so der Völkerphantasie auf immer eingeprägt und von historischer

Macht ergriffen hat der Sinn beim Anschauen des Bildes gleichsam nicht

Zeit auf die Linie der Schönheit zu achten. Im übrigen ist die Bildnerei

beschränkt auf mythologische Figuren und Gruppen, überhaupt auf

Gegenstände, die unserm Sinn und Leben fernliegen. Wie sie das Nackte

bei uns schmerzlich vermißt, denn wir verhüllen alles, wie sie unsern

gebrechlichen verunstalteten Körper überhaupt verschmäht, so sucht die

Malerei bei uns vergebens nach Repräsentation, nach augenfälligen

Szenen, Handlungen und Momenten. Der epische Dichter, um auf diesen

zurückzukommen, befindet sich in gleicher Verlegenheit wie die bildende

Kunst; er soll eine Welt poetisch schildern, die sich der poetischen

Darstellung auf allen Punkten entzieht, die sich gar nicht fassen läßt,

da sie das Sinnliche abgestreift oder, wo sie es nicht aufgeben konnte,

wenigstens so viel als möglich ins Dunkel verwiesen hat.

Unter solchen Umständen griff Goethe mit glücklichem Takt nach

derjenigen Schicht der Gesellschaft, die der Einfalt der Natur in Worten

und Werken noch nahe stand, ohne mit dumpfem Blödsinn gegen die Weite

der Welt und des Lebens verschlossen zu sein. Es ist eine Bürgerfamilie,

die zugleich das schöne uralte heilige patriarchalische Geschäft des

Ackerbaues treibt. Dadurch ist sie mit der lebendigen Natur in

beständiger Berührung; Wolken und Winde, Regen und Sonne, der stille

Wechsel der Jahreszeiten ist ihr wichtig; körperliche Arbeit wird von

ihr gefordert; ihre Mühen wie ihre Erholungen sind sinnlicher Art.

Hermanns Vater ist kein bleicher, blöder Gelehrter, dem es hinter der

Oellampe gleichgültig ist, ob es in der übrigen freien Welt regnet oder

schneit; er sitzt vor seiner Thür und zum Himmel schauend spricht er:

Schönes Erntewetter morgen! Hermann, der Sohn, schirrt die Pferde

selbst, legt ihnen das Gebiß an, zieht die Riemen durch die Schnallen,

befestigt die Zügel, führt die so geschirrten Tiere auf den Hof, auf den

unterdes der Knecht die Kutsche schon hinausgeschoben, setzt sich auf

den Bock, bändigt die Hengste, schwingt die Peitsche und fährt bergan

und bergunter. Er ist es, der arbeitend und anordnend auf den Feldern

waltet; am Erntetag, wo gewiß die ganze Familie Hand anlegt, wird dann

auch das ländliche Mahl im Schatten des Baumes gehalten, ganz wie auf

dem Schilde des Achilles, während die Schnitter die goldnen Halme

sicheln und zusammenbinden, die Herolde unter der Eiche das schöne Mahl

bereiten und körbetragende Frauen ihnen dabei zur Hand gehen. Hermann

sagt von sich selbst:

Und ich verstehe wohl gut die weltlichen Dinge zu sondern,

Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket.

Auch sein Blick ist scharf: auf seiner ersten Fahrt fällt ihm sogleich

ein Wagen, von tüchtigen Bäumen gefügt, ins Auge; zwei gewaltige Ochsen

schreiten ihn ziehend daher, die er sogleich als ausländische erkennt.

Auch Dorothea ist ein Mädchen voll frischer bäuerlicher Lebenskraft: sie

ist keine ätherisch-sentimentale Stubenblume, trägt kein Korsett, ist in

keiner Pension erzogen und liest keine blumigen Novellen aus Almanachen

mit goldnem Schnitt, keine vergoldeten Gedichte von Theodor Körner oder

Emanuel Geibel. Der Richter rühmt von ihr, sie sei rüstig geboren und

ebenso gut als stark; Hermann selbst vergißt neben dem Verstande, der

sich in ihren Worten zeigt, unter ihren Eigenschaften nicht die frohe

Gewandtheit, die Stärke des Arms, die volle Gesundheit der Glieder.

Phantasielose Rezensenten der alten Schule fanden es bei Erscheinen des

Gedichts zu niedrig, daß Dorothea die Ochsen treibt, Wasser holt, sich

als Magd verdingt. Aber gerade dies Bild Dorotheens neben den Ochsen mit

dem Stabe ist wie das der Wasserschöpfenden von rührender homerischer

Einfalt und Menschlichkeit. Der Ochse und die Kuh sind seit der ersten

Gesittung des Menschengeschlechts in das Leben und die Sitten desselben

verflochten, es sind heilige Tiere wie das Roß, sie sind poetisch wie

der Pflug; sie dienen dem Menschen in geruhiger Würde, ganz Nahrung und

Gedeihen ausdrückend. Gern verweilt die Phantasie an ihnen gleichwie an

Szenen aus der kindlichen Zeit primitiver Menschengeschlechter, gern

stellte auch die bildende Kunst den Menschen neben sie und statt

Niedrigkeit finden wir Adel in jener Gruppe Dorotheens und Hermanns auf

der Landstraße. Auch Dorotheens bäuerliche Tracht ist noch so bunt

sinnlich, daß sie Stück für Stück an zwei Stellen des Gedichts vom

Dichter beschrieben, daß das Mädchen auf ganz episch primitive Weise

nach ihr erkannt und beurteilt werden konnte. Bei alle dem sind es

nicht bloße Bauern, die wir vor uns haben; sie sind nicht wie diese

stumpfsinnig auf das nächste sinnliche Dasein gerichtet. Das städtische

Bürgertum, dem sie zugleich angehören, die Wohlhabenheit, in der sie

leben, hat ihre freiere geistige und sittliche Entwicklung begünstigt.

Hermanns Vater ist kein roher Dorfbauer, er ist zugleich Gastwirt,

dadurch mit den verschiedensten Menschen in Berührung gekommen, in den

Stand der Reflexion übergetreten und eine Art Weltmann im kleinen

geworden. Auch bei den übrigen Personen finden wir auf ganz homerische

Weise die Einfalt der Lebensgewohnheiten und kindlich-sinnliche

Beschränktheit der Lebenssphäre mit echt menschlicher Zartheit der

Empfindung und gesunder Einsicht in die allgemeinen Verhältnisse

gepaart. Jene Wohlhabenheit, die so günstig wirkt, wird dennoch nur

durch Arbeit erhalten, wie sie nur durch Arbeit gewonnen worden; und

diese Arbeit ist wiederum nicht die des armen Knechtes, des gedrückten

Hörigen und an gemeine Dienstverrichtungen gefesselten Proletariers; sie

macht darum nicht roh und unflätig wie in dem einen, nicht unterwürfig

und gehorsam wie in dem andern Falle. Der fleißige Hermann hat dennoch

noch einen Knecht, der ihm zur Hand geht. So gewann der Dichter gerade

bei solcher Lebensstellung seiner Personen die nötige Naturlebendigkeit,

indem er zugleich eine reiche Welt innerlicher sittlicher Motive vor uns

aufthun konnte. Wir sammeln im Folgenden die einzelnen Züge, die das

Bild dieser bürgerlich-ländlichen Sphäre der Sitten vervollständigen.

Hermanns Vater hat auf der Brandstätte beider Häuser die Mutter zur

Gattin gewählt; der Brand aber war vor zwanzig Jahren geschehen; Hermann

selbst wird also nicht mehr als achtzehn oder neunzehn Jahre zählen.

Dennoch ist er längst von den Eltern getrieben worden, sich eine Braut

zu wählen und ihm selbst ist das Leben öde und einsam erschienen, weil

er der Gattin entbehrte: alles dies schon im achtzehnten bis neunzehnten

Jahre. So ist hier also die schöne Naturordnung noch ungeirrt, nach

welcher der Jüngling, wenn er zeugungsfähig geworden, mit dem Weibe sich

verbindet und jetzt erst das sittlich erfüllte Leben, derjenige

Abschnitt desselben beginnt, zu dem alles Vorhergehende nur

Vorbereitung ist. In der Zivilisation unsrer großen Städte heiratet der

Mann meistens dann, wenn er abgelebt ist und nach erschöpftem Genuß sich

ein häusliches Asyl schaffen will; die Ehe ist das Hospital für den im

Kriegsdienst des Lebens Aufgeriebenen und Ermüdeten. In frischen Jahren

fehlt in der Regel das ernährende Amt oder die einseitig geistige

Ausbildung ist noch nicht vollendet oder das Freiheitsgefühl hindert den

Jüngling bei unsrer Form der Ehe sich auf ewig zu binden. Die Idee der

Familie kommt dabei nur verkümmert zur Wirklichkeit; wie selten ist

jener so rührend patriarchalische Kreis, wo um das würdige weiße Haupt

des Ahnherren die Kinder, die Enkel, die Schwiegersöhne und

Schwiegertöchter, die homerischen [Greek: galoô kai einateres eupeploi]

mit ihren Abkömmlingen sich gruppieren und seine segnende welke Hand

küssen, wo der Großvater noch rüstig sich regt und neben ihm mit Höfen

und Aeckern der Sohn, der Enkel sich angebaut hat. Auch Hermanns Mutter

war nach ihrer eigenen Erzählung fast noch ein Kind, da der Vater sie

zur Braut wählte, so daß wir wohl hoffen dürfen, sie werde noch als

Großmutter, ja als Aeltermutter in der Mitte des jüngeren Geschlechts

sich einer erneuten Jugend freuen. Gegenüber der abgeschmackten

Gefühlsromantik unsrer Schauspiele und Romane, die gerade dort alles

Interesse erschöpft glauben, wo der eigentliche Inhalt des Lebens erst

recht beginnt, gehört auch dies zu der Lauterkeit homerischer

Empfindungsweise, die uns aus dem ganzen Gedicht so wohlthuend anweht.

Auch der folgende echtbürgerliche, auf Hervorwachsen einer Familie aus

der andern bezügliche Zug fehlt in dem Gedichte nicht. Die Eltern

bereiten der Tochter schon frühe eine Art Aussteuer: die Mutter sammelt

ihr manche Jahre hindurch Leinwand im Kasten, zu der sie das Garn ohne

Zweifel selbst gesponnen hat, die Taufpaten verehren ihr Silbergerät und

der Vater legt im Pult die seltene Goldmünze für sie zur Seite.

Ein Zug von hoher Wahrheit wird es jedem, der das Bürgerleben, die

Sitten der kleinen Stadt kennt, erscheinen, wenn bei den Personen unsres

Gedichts das Brandunglück, von dem die Stadt vor zwanzig Jahren

betroffen wurde, zur Zeitbestimmung dient und beim Zurückdenken die

Epochen des Familienlebens, das Vorhandene und Geschaffene im Geiste

sich immer an jenes Ereignis knüpfen. Es war zwei Jahre nach dem großen

Brande, sagt der, der auf ein Vergangenes sich besinnt, der das

Geburtsjahr irgend eines Hauses, einer Einrichtung u. s. w. angeben

will.

In älterer Zeit, berichtet der Apotheker, war es Gebrauch, daß, wenn die

Eltern für ihren Sohn eine Braut sich ersehen hatten, sie einen

vertrauten Freund des Hauses als Freiersmann zu den Eltern des Mädchens

sandten. Dieser kam etwa Sonntags nach Tische stattlich geputzt in das

erkorene Haus, sprach zuerst über allgemeines, lenkte dann das Gespräch

geschickt auf die Tochter, die er samt ihren Eltern rühmte, dann auf den

Mann, der ihn gesandt hatte, den er gleichfalls lobte. Gegenseitig

merkte man bald die Absicht und den Willen und konnte sich weiter

erklären; ward der Antrag abgelehnt, so war's für keinen eine Schande.

Gelang aber die Unterhandlung, so blieb in dem Hause des neuen Paares

der Freiersmann auf immer der erste. Jetzt ist das alles, fügt der

Sprechende hinzu, mit andern guten Gebräuchen aus der Mode gekommen. --

Hier ist zunächst die letzte Aeußerung in ganz bürgerlichem Geiste: der

Bürger liebt es, in die behaglichen Zustände der Gegenwart eingesponnen,

auf die Sitte der Voreltern sich zu beziehen und mit der Phantasie sich

eine gemütlich ideale Welt aus Erinnerungen des Alten zu erbauen. Auch

Homer hat eine solche großväterliche Zeit im Hintergrunde, wo die

Menschen stärker waren und mit den Göttern verkehrten; [Greek: hoioi nyn

brotoi eisin] heißt es oft halb verächtlich. So beruft sich auch der

Vater an einer Stelle auf die Alten:

Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten.

Dann ist jene Art der Ehestiftung, wo die Eltern wählen, die ganz

unverfälscht bürgerliche; nicht die Romantik eigensinniger Phantasie,

wie bei dem Minnen des Rittertums, sondern Gemüt und Verstand, das

Familiengefühl sind bei derselben thätig; nicht Individuum verbindet

sich mit Individuum, sondern Familie mit Familie. Der Sohn muß heiraten,

dieser Entschluß geht voraus; die Eltern ratschlagen; indem sie seinen

Sinn auf ein Mädchen lenken, folgt daraus die Neigung. Und Hegel an

einer merkwürdigen Stelle der Rechtsphilosophie erklärt diese Art der

Ehestiftung sogar für sittlicher als diejenige, wo nicht die

Veranstaltung der wohlgesinnten Eltern und der Entschluß zur

Verehelichung den Anfang macht und die Neigung erst zur Folge hat,

sondern wo der Jüngling verzaubert an der Vorstellung eines bestimmten

Mädchens haftet: dort nämlich gilt die objektive Sittlichkeit der Ehe

überhaupt, hier setzt die moderne übergreifende Subjektivität an eine

Grille alles Glück und Wehe. Dennoch liegt in jener Wahl durch die

Eltern etwas Hartes, Gebundenes, Unerschlossenes; es wird darum diese

Sitte in die Zeit der Eltern zurückverlegt, also in eine Höhe, zu der

wir mit Ehrfurcht aufblicken und von der alle Quellen der Sittlichkeit

zu uns herabgerauscht kommen.

Nachdem die Woche fleißig gearbeitet worden, ist der Sonntag die Zeit

der Erholung, der Landfahrten. Dieser bürgerliche Zug kommt mehrmals

vor. Damals, als der Vater des Apothekers dem Knaben durch Hinweisung

auf die Tischlerwerkstatt die Ungeduld benahm, war es ein Sonntag und

die Fahrt sollte zum Lindenbrunnen gehen. Als vor zwanzig Jahren die

Feuersbrunst ausbrach, wurde sie deshalb so gefährlich, weil als am

Sonntag alle Leute in festlichen Kleidern spazierend auf den Dörfern und

in Schenken und Mühlen zerstreut waren. Und heute, wo unsre Geschichte

vorgeht, ist gleichfalls Sonntag; nur heute hat der arbeitsame Hauswirt

Zeit, behaglich unter dem Thorweg zu sitzen und mit den Nachbarn zu

schwatzen; nur heute können diese auf der Stelle die Fahrt ins Dorf

machen und dort verweilend sich erkundigen. Gerade diese Bedeutung des

Sonntags und der Feste ist dem Bürgerstande eigentümlich. Dem Vornehmen

und Reichen ist jeder Tag gleich, er würde es für schlechten Ton halten,

gerade am Sonntag sich besonders herauszuputzen und überläßt sich an

jedem Tage mit Freiheit dem Genuß und der Pflege des Körpers. Der Bürger

besucht Sonntagvormittags in festlichen Kleidern, frisch gewaschen und

gekämmt, das Gesangbuch unter dem Arm, die Kirche und macht nachmittags

Spaziergänge zum Thor hinaus, begleitet von Frau und Töchtern und

Gesellen und Burschen, wie dies im Faust am Ostersonntag geschildert

wird. Die Stube ist an solchem Tage frisch mit Sand bestreut; ein

Gericht mehr kommt auf den Tisch. Unübertrefflich hat Goethe selbst das

Poetische der arbeitsamen Regelmäßigkeit des Bürgerlebens in dem Gedicht

»der Schatzgräber« ausgedrückt, welches mit den Worten schließt:

Tages Arbeit, abends Gäste,

Saure Wochen, frohe Feste

Sei dein künftig Zauberwort.

Ueber Goethes Hermann und Dorothea · 第 9 / 14 段