Die Mutter ist ein echtes Weib, eine echt bürgerliche Hausfrau. Das

Haus, der Keller, der Garten sind das Reich, in dem sie geschäftig

waltet. Voll Besorgnis ihren Sohn suchend, geht sie einmal durch den

Garten und nimmt gleich im Vorbeigehen einige Raupen vom Kohl und stellt

die Stützen der Obstbäume zurecht. Als Weib ist sie leichter gerührt als

der Vater, beweglicher als dieser in seiner bürgerlichen Gravität. Die

Thränen kommen ihr, wie der Dichter sagt, leichtlich ins Auge. Obgleich

sie im wesentlichen sich dem Grundton anschließt, in dem der Vater denkt

und spricht, so hat sie doch oft als Weib und Mutter die raschen Worte

und heftigen Meinungen zu mildern, zu denen jener im Eifer sich

hinreißen läßt. Sie steht als wahrhafte Mutter mit ihrem Sohn in regem

Gemütsbündnis; dieser verläßt nie das Haus, er sagt es ihr denn; sie

neigt sich zu ihm, wenn er leidet, weint mit ihm, errät seine Gedanken,

empfängt seine Geständnisse und schilt den Vater, wenn dieser über ihren

Hermann ungeduldig wird. Sie und der Vater erinnern lebhaft an Goethes

Eltern, denn auch im Goetheschen Hause war die geistvolle nachsichtige

Mutter oft die heimliche Verbündete des genialen Sohnes, wenn dessen

Dichternatur mit der pedantischen Gravität des Vaters in Widerspruch

trat. Auch Wilhelm Meister stand wie Hermann mit seiner Liebe, so mit

seinem Theaterdurst und seinen Kunstidealen dem alten Kaufherren Meister

innerlich fern, der Mutter aber durch Vertrauen und Einverständnis nahe.

Hermann der Sohn zeigt uns die deutsche Natur, die deutsche nationale

Eigenheit in einem meisterhaften Individualbilde verkörpert. Hermann ist

treu und fleißig, gediegen und tüchtig. Ihm ist nicht gegeben, mit

raschem Geistesblick die Dinge zu ergreifen, aus der Tiefe der Seele die

Gedanken mühelos an die Oberfläche zu heben, mit energischem Willen

augenblicklich die Menschen und Einrichtungen nach seiner Absicht und

Einsicht zu zwingen. Geistesgegenwart geht ihm ab, die Waffe der List

ist ihm versagt, die feinere und geistreichere, aber oft auch nichtigere

und leicht verbrausende Lust des Lebens ist ihm unbekannt. Hermann

sprudelt nicht von Witz- und Geistesfunken, die, nachdem sie einen

Moment geleuchtet, erlöschend in Asche versinken; seine Auffassung ist

langsam, aber, wenn sie erfolgt ist, immer der Wahrheit eines reinen und

innigen Gemütes entsprechend. Hermann denkt immer mehr, als er spricht;

auf ihn kann man sich verlassen, sowohl auf sein Gemüt, als auf sein

Wort, als auf die Arbeit, die er thut. In Gesellschaft ist er blöde,

sein Auftreten, seine Kleider sind etwas bäurisch; herzlosen

Weltmenschen erscheint er lächerlich und der Gewandtheit gegenüber ist

er waffenlos. In der Schule ging es mit ihm langsam; der Vater klagt,

daß Hermann immer der Unterste saß; er konnte eben nicht flüchtig

aufnehmen, um das Aufgenommene von jedem neuen Eindruck wieder wegspülen

zu lassen; aber war etwas von ihm angeeignet, so war es gewiß seiner

Natur gemäß und sein Besitztum für immer. Gutmütig und langsam, ließ er

sich von seinen Schulkameraden manches gefallen, nur wenn sein

Innerstes, sein Gemüt mit ins Spiel kam, z. B. wenn über seinen Vater,

über dessen bedächtigen Gang und großblumigen Schlafrock gespottet

wurde, dann erwachte sein Zorn und blind und wütend hieb er um sich;

denn gerade, wenn eine schwerfällige Natur wie die Hermanns einmal

empört wird, so wirft sie unaufhaltsam wie ein Element alle Schranken

vor sich nieder. Fließend und beredt sprechen war Hermann nicht gegeben:

Deine Zunge stockte immer, sagt der Vater. Desto besser gelangen ihm

bäuerliche Arbeiten auf dem Felde, im Weinberg, im Garten. Die Hengste

im Stall besorgt er selbst; er hat sie auferzogen und vertraut sie

keinem andern an, recht ein ländlicher Bursche, dessen Freunde ja immer

die Pferde sind. Er wohnt in der Kammer im oberen Stock, ist frühmorgens

mit der Sonne auf und wenige Stunden gesunden Schlafs genügen ihm.

Ueberhaupt ist er gesund, hat starke Nerven und einen hohen Wuchs. Er

ist kein sentimental schwindsüchtiger Jeanpaulischer Romanheld, der

Sehnsucht nach den Sternen hat. Von künstlichen Reizen und exotischen

Phantasien weiß er nichts: er ist der ruhige Bürgerssohn, der nicht für

das Weite und Umfassende, nicht für Staat, Krieg, Wissenschaft, Ehre

bestimmt ist, sondern für die immer wiederkehrenden Geschäfte des

Ackerbaues und ein enges geordnetes Erwerbs- und Familienleben. Zwar

will er einmal aus den gewohnten Lebensverhältnissen scheiden und mit in

den Krieg ziehen, aber nicht weil ihm jene zu eng sind oder dieser den

inneren Thatendrang zu stillen verspricht, sondern gerade weil er in

Gestaltung seines häuslichen Lebens durch Widerspruch gestört worden

und weil die Liebe, die Seelenbezwingerin, auch ihn für den Augenblick

aus dem Gleichgewicht gebracht hat. In der Uniform zu prunken und als

Soldat vor den Mädchen zu stolzieren, diese Eitelkeit fällt ihm nicht

ein. Am Schlusse des Gedichts spricht er eine standhafte patriotische

Gesinnung aus, aber nur weil der gewonnene Besitz eines geliebten Weibes

ihn mit der Empfindung des Eigentums überhaupt erfüllt hat; nun ist das

Meine meiner als jemals, ruft er aus; es ist der Mut des

Bürgerwehrmannes, des Nationalgardisten, der für den Bestand des

Besitzes auch sterben kann und, wenn die Gefahr vorüber ist, rasch zu

seiner Sphäre des Privaterwerbes zurückkehrt. Bei aller Beschränktheit

des Blickes und der Wünsche ist Hermann rein von Gemüt, unbefleckten

Herzens, voll Zartgefühl gegen die Eltern. Er ist ein ungestörtes

Naturprodukt und ein sicherer Instinkt führt ihn auf das ihm Gemäße, das

er bald erkennt und als das Seinige festhält. So hat er auch Dorotheen

gefunden, nach wenigen Augenblicken erkannt und in einem Tage ist seine

Ehe entschieden. Das Unbehülfliche und Beschränkte seines Wesens ist nur

die äußere Gegenseite der inneren Unverrückbarkeit und Integrität seines

Gemütes. Auch die Art, wie seine Liebe zu Dorotheen sich äußert, stimmt

ganz zu seinem übrigen Wesen und dem Lebenskreise, dessen Produkt er

ist. Kein idealer Wahn der Phantasie, der den Jüngling zu den Füßen des

Mädchens stürzt, kein himmelhoch Jauchzen, zum Tode betrübt; sondern in

stiller Kammer hat er sich einsam gefühlt; der Garten, das Feld, die

Geschäfte sind ihm öde erschienen; der Vater wird alt, die Habe mehrt

sich, für wen schaffen und wirken? Er entbehrte der Gattin, er sehnte

sich nach einer Lebensgefährtin. In solcher Stimmung stieß er auf

Dorotheen und findet rasch, daß sie für ihn bestimmt ist; herzliche

Neigung fesselt ihn so entschieden, daß er das Haus verlassen will, wenn

ihm das Mädchen versagt wird, und ist eine sichere Gewähr für bleibendes

häusliches Glück. So haben wir in Hermanns Liebe nur den Zug der

Sittlichkeit, die Gestalt gewinnen will, das stille Anknüpfen eines

bürgerlichen Ehebundes, nicht die phantastische Ueberspannung einer

poetischen Jugendleidenschaft, deren Flamme, je verzehrender sie um den

ergriffenen Gegenstand lodert, desto eher in diesem Besitze erlischt.

Durch die Gruppe der genannten drei Personen ist die Familie vollendet.

Zu ihr treten zwei Hausfreunde, der Pfarrer und der Apotheker des

Städtchens. Beide sind an Bildung der schlichten Bürgersfamilie

überlegen, der Pfarrer mehr von der idealistischen, der Apotheker von

der realistischen Seite. Doch erkennt man an dem Pfarrer als einem durch

wissenschaftliche Studien Gebildeten eine wirkliche

Geistesüberlegenheit, während der Apotheker seinem Berufe angemessen,

der zwischen dem Gelehrten und Techniker in der Mitte schwebt, eine

halbe Stellung einnimmt und sich mehr die Miene höherer Weisheit gibt,

als diese wirklich besitzt.

Der Pfarrer ist als Kandidat der Theologie nach Vollendung der

Universitätsstudien, wie dies zu geschehen pflegt, Hofmeister eines

jungen Barons gewesen und mit ihm nach Straßburg gegangen, wo der

Zögling wahrscheinlich studieren sollte. Als Hofmeister hat er die Welt

auch in höheren Kreisen etwas kennen gelernt; er versteht z. B. die

weltmännische Kunst einen Wagen vom Bocke zu lenken; überhaupt ist er

kein beschränkter und bäurischer Dorfpfarrer. Er vertritt in dem engen

Bürgerleben der kleinen Stadt den weiteren Geistesblick, die tiefere

Einsicht. Natürlich kennt er sein Fach, die heilige Geschichte, aber

auch in der profanen ist er wohlbewandert. Seine Ansichten tragen das

Gepräge der Versöhnlichkeit und milden Heiterkeit; durch humane Toleranz

ist er die Zierde der Stadt; in allem, was er sagt, drückt sich edle

Lebensweisheit ab; immer weist er auf das Höhere und Vernünftige, auf

die innere Ordnung hin, die dem blinden Treiben der Welt zu Grunde

liegt; er findet das Gute überall heraus und empfiehlt das Sittliche als

das allein Zweckmäßige und Glückbringende. Kein Rigorismus, kein

religiöser Fanatismus, kein Pfaffentum ist in ihm. Auch als mildthätig

zeigt er sich: im Dorf unter den Vertriebenen hat er schnell sein

Silbergeld verschenkt und händigt auch noch ein Goldstück dem Richter

ein, um es durch diesen den Armen zukommen zu lassen. Der Dichter nennt

ihn einen Jüngling, näher dem Manne.

Der Charakter des Apothekers ist äußerst fein von dem Dichter

gezeichnet, so daß es schwer ist, dies leichte und doch so konsequente

Gebilde zu fassen. Haben wir in dem Pfarrer einen ernstfreundlichen

Mann, der in seinen sittlichen Grundsätzen und in reifer Bildung bei

jedem Handeln den Schwerpunkt findet, so bewegt sich der Apotheker

geschäftig und unruhig hin und her; er kann mit der Rede nicht an sich

halten, sondern nimmt jedem das Wort vor dem Munde weg; in seiner

Lebendigkeit schießt er an dem Ziel auch vorbei; er ist rührig und thut

sich auf seine List und Schlauheit etwas zu gute; auch allgemeine

Betrachtungen weiß er anzustellen und gibt sich als einen

Vielerfahrenen, aber er ist zu unstäten Geistes, als daß seine Ansichten

das Wahre und die Wurzel des menschlichen Lebens getroffen hätten, und

häufig hat der Pfarrer den rechten Gesichtspunkt wiederherzustellen. Er

ist ein gutmütiger, dienstfertiger Alltagsmensch, der glücklich ist,

wenn man ihm eine Hantierung aufträgt, mit Bestrebungen und

Besorgnissen, die er mit der großen Menge praktisch-realistischer

Menschen teilt. Geduld ist seine Sache nicht. Schon als Knabe, erzählt

er uns selbst, war ihm einmal, als der Wagen, der sie zu den Linden

führen sollte, zu lange ausblieb, die Geduld völlig ausgegangen; er lief

wie ein Wiesel dahin und dorthin, Treppen hinauf und hinab und von dem

Fenster zur Thür. Die Hände prickelten ihm, er kratzte die Tische,

stampfte mit den Füßen und das Weinen war ihm nahe. Da führte ihn der

Vater ans Fenster und wies auf die gegenüberliegende Werkstatt des

Tischlers, der den Sarg macht, in den wir uns alle legen müssen, früh

genug, ob wir geduldig oder ungeduldig seien. Seitdem, meint er, wurde

ihm die Ungeduld mit der Wurzel ausgerissen, aber er täuscht sich mit

dieser Behauptung. Während im Dorfe der Pfarrer mit dem Richter im

Gespräch begriffen ist und dies Gespräch eine allgemeinere Wendung

nimmt, treibt den behenden Mann die Unruhe fort, er läuft beiseite und

späht durch Hecken und Gärten nach der Unbekannten. Nachdem endlich

beide über das Mädchen hinreichende Erkundigung eingezogen und indem sie

nun wieder zu Hermann kommen, spricht er schon aus der Ferne dem

Harrenden zu, er kann nicht an sich halten. Wie Hermann an einer

früheren Stelle des Gedichts seinen Entschluß kundthut, Dorotheen zur

Gattin zu wählen, stimmt der Pfarrer sogleich freudig bei, der Apotheker

aber rät erst das Mädchen zu prüfen, ob sie des Bräutigams auch wert

sei. Dieselbe vulgäre Klugheit zeigt er in dem Augenblick, wo der

Pfarrer zum ersten Mal Dorotheen erblickt und, von ihrer Gestalt

ergriffen, der Schönheit ihrer Seele sogleich gewiß ist: dem Schein ist

nicht zu trauen, warnt er weise; man soll über niemand urteilen, bevor

man mit ihm den Scheffel Salz verzehrt hat. Gleich anfangs, wo er vom

Anblick des Zuges der Vertriebenen zurückgekehrt ist, nennt er jeden

glücklich, der nicht Weib und Kind daheim hat in so gefährlichen Zeiten,

denn einem solchen kann das Schicksal nichts Ernstes anhaben und sein

Bündel ist leicht geschnürt. Ich selbst habe, sagt er, die Kostbarkeiten

beiseite gepackt, um mich ohne Zeitverlust aufmachen zu können, obgleich

ich die gesammelten Kräuter und Wurzeln ungern verlasse. Unser Apotheker

ist also unverheiratet und in der That macht er den Eindruck eines

Hagestolzen, der nirgends recht festen Fuß gefaßt hat. Wo am Schlusse

des Gedichts die Verwicklung glücklich gelöst ist und die übrigen in

Empfindung verloren sind, neigt sich der Apotheker sogleich mit

Segenswünschen. Eine komische Rolle spielt er, wo er sich in den Wagen

setzen soll, den der Pfarrer leitet: er zaudert und sitzt während der

ganzen Fahrt wie einer, der immer zum weislichen Sprunge bereit ist.

Etwas spaßhaft ist auch seine Wohlthätigkeit: da er kein Geld bei sich

hat, so zieht er wenigstens den gestickten ledernen Tabaksbeutel, öffnet

ihn zierlich und teilt mit dem fremden Richter die wenigen Pfeifen

Knaster, den er zu loben nicht ermangelt. Der Dichter hat den ganzen

Charakter mit einer leichten liebenswürdigen Ironie behandelt, die aber

nirgends stark hervortritt, sondern sich gleichsam nur in einem leisen

Lächeln des erzählenden Sängers kundgibt.

Wenn wir den Richter erwähnt, der wie der Vater die Kinder, wie ein

altorientalischer Patriarch einen ziehenden Stamm, so die Haufen der

Fliehenden mit Weisheit und würdigem Ernste lenkt und ermahnt, so ist

von den Hauptgestalten nur noch eine übrig: Dorothea. Dorothea ist ein

starkes Dorfmädchen in der Tracht, wie sie an zwei Stellen des Gedichts

beschrieben wird, mit blauem, gefaltetem Rock, rotem Brustlatz,

schwarzem Mieder und einer Halskrause. Sie wäscht und trägt, sie treibt

die Ochsen des Wagens, sie holt Wasser und verdingt sich als Magd. Sie

hat auch, wie der Schultheiß erzählt, einmal ihre und ihrer Gefährtinnen

Unschuld gegen eindringendes Kriegsgesindel verteidigt, indem sie mit

rascher Körperkraft den ersten zu Boden hieb und die andern in die

Flucht jagte. Dies beweist ihre Entschlossenheit. Es fehlt ihr aber

deshalb nicht an Zartheit der Empfindung; denn nicht nur ist sie

hilfreich gegen die Wöchnerin und weiß die Kinder an sich zu fesseln;

sie hat auch früher mit liebender Aufopferung einen alten Verwandten,

bei dem sie wohnte, bis an seinen Tod gepflegt; obgleich ihr Auge, wie

Hermann sagt, mehr Verstand als Liebe blickt, hat sie doch schnell eine

zärtliche Neigung zu dem Jüngling gefaßt und die letzte Szene offenbart

uns unter der Hülle der kräftigen Magdgestalt den zartesten Seelenadel

und eine echt jungfräuliche Delikatesse. Eigentümlich weiblich ist es,

wenn Dorothea sich abweisend und kurz abfertigend gegen Hermann benimmt,

z. B. da, wo er ihr den Wasserkrug abnehmen will und sie dies nicht

zugibt. Dorothea ist ein Mädchen von der Westgrenze Deutschlands, etwa

aus dem Kurfürstentum Trier oder Mainz; in ihr verschmilzt das deutsche

Gemüt mit dem feinen Takt und Verstand der französischen Nachbarn.

Selten wird sie von sentimentaler Rührung angewandelt und auch, wo sie

sich der Empfindung überläßt, verliert sie den freien Blick über den

Moment und das, was er fordert, nicht. Scheinbar als Magd in das Haus

ihres künftigen Gatten gelangt, übersieht sie beim ersten Scherzwort

sogleich die Gefahr ihrer Lage und mit Kraft und Offenheit beschließt

sie durch augenblickliche Entfernung ihr zu entgehen. Dies, sowie die

Feinheit ihres immer angemessenen Benehmens, das Taktvolle ihrer Worte

und die verständige Klarheit bei allem Handeln ist ein Anflug aus dem

nahen Frankreich, wie dies Dorothea selbst einmal andeutet. Sie wird,

wie vorauszusehen ist, des Vaters Lieblingstochter werden. Gegen

Dorothea steht Hermann etwas zurück: er ist der Weiche, Innerliche,

sehnsüchtig Bewegte, sie die Besonnene, Bestimmte, die ihre richtige

Empfindung sogleich in die That, z. B. das Mitleid in Hilfsleistung

umsetzt. So finden wir auch in diesem Paar das Charakterverhältnis

wieder, das durch alle Liebespaare der Goetheschen Dichtung geht. Eine

gewisse Weichheit zeichnet die Männer aus und sie sind alle der

weiblichen Vollkommenheit gegenüber leidend und gefangen; so Weislingen,

Werther, Clavigo, Egmont, Tasso, Wilhelm Meister, Eduard. Das weibliche

Ideal gelang Goethe unübertrefflich: er hatte aber selbst zu viel

seelenvolle Weichheit in seiner Natur, als daß er heroischer

Männlichkeit vollkommen hätte nachempfinden können. Von dem Heroismus

aber, der auch in der weiblichen Natur liegt und in entscheidenden

Momenten großen Unglücks oder dringender Gefahr hervortritt, legt auch

Dorothea Zeugnis ab, indem sie die eindringenden Soldaten so tapfer

abwehrt. Diese Selbstverteidigung Dorotheens als einen falschen,

widerwärtigen Zug zu tadeln ist leicht. Wenn auch Wilhelm von Humboldt

sich den Tadlern anschließt, so scheint uns dieses Urteil noch ein Rest

jener stolzen und kalten Idealität, die Humboldt eigentümlich war und

die er in seinem Umgang mit Schiller reichlich pflegte. Die übrigen

minderbegabten Rezensenten, die das Gedicht nach seinem Erscheinen in

den damaligen kritischen Instituten beurteilten, fanden noch eine viel

größere Menge von Zügen unzart und platt; daß sie Ochsen treibt, daß sie

um eine Wöchnerin und ihr eben geborenes nacktes Kind beschäftigt ist

u. s. w.; dies alles ist wider die konventionelle Delikatesse. Sie

mußten folgerecht Dorotheens ganze Gestalt, ja alle Personen und Sitten

des Gedichtes verwerfen. Auch daß Dorothea schon früher einen Bräutigam

gehabt, könnte ihr in den Augen manches Lesers schaden, denn es ist also

nicht die erste frische Liebe, die sie zu Hermann führt, jene Liebe, von

der das bis dahin unbefangene nichtsahnende Herz plötzlich und

unwiderstehlich überrascht wird. Allein die romantische subjektive Liebe

als solche zu schildern war hier überhaupt des Dichters Zweck nicht,

sondern eine werdende Ehe. Er wollte in einem ruhigen Gemälde die Art

und Weise darlegen, wie in einer unverdorbenen bürgerlichen Welt auf

unbefangen menschlichem Wege das Institut der Ehe sich verwirklicht und

von Geschlecht zu Geschlecht sich erneut. Gerade Dorotheens früheres

Unglück, der Verlust ihres Bräutigams gibt ihr bei aller Kraft der

Seele, bei aller Heiterkeit des Schaffens einen rührenden Zug, der uns

das liebliche Mädchen noch näher bringt. Wer daran Anstoß nimmt, daß

Dorothea schon einmal geliebt, der wird in dem Gedicht auch sonst noch

viel vermissen, aber auch die eigentümliche Welt, in der es sich bewegt,

ganz verkennen. Alle Gefühlsschwelgerei, alle Exzentrizität der

Leidenschaft hat der Dichter durchgängig abgewiesen; in der Gesinnung

echter Bürger, sowie in dem Gange ihres Lebens waltet ja nicht sowohl

phantastische Ueberspannung als verständiger Realismus. Hermann und

Dorothea stehen beide nicht zu einander wie Romeo und Julie. Nachdem

Goethe in früheren Dichtungen alles Entzücken und alle Verzweiflung der

Liebe aus tiefster Erfahrung ausgesprochen, neigte sich seine Dichtung

in späteren Jahren den stillen Beziehungen der Ehe zu und, wie in den

Wahlverwandtschaften die Ehe selbst und die in ihr schlummernden

negativen Mächte das Thema bilden, so ist die Muse unseres Gedichts nach

des Dichters eigenen Worten diejenige, die gern die herzliche Liebe

begünstigt und den Bund eines lieblichen Paares vollenden hilft.

Dies sind die Charaktere des Gedichts. Man weiß nicht, was man an ihnen

mehr bewundern soll, die ideale Wahrheit und individuelle Lebendigkeit

oder die poetisch-konkrete Entfaltung oder die feine Nüancierung oder

die Kunst plastischer Gruppierung. Sie sind alle dem Leben selbst

abgelauscht, sie ergreifen durch das wiederkehrend Menschliche, das ewig

Allgemeine, das uns in ihnen entgegentritt. Sie sind ein Ausdruck der

unwandelbaren Naturkräfte, die das Leben durchdringen und gestalten, der

Gefühle, Bestrebungen und Stimmungen, die überall sind, wo nur ein Herz

menschlich schlägt, heute wie im grauen Altertum, bei Homer wie in

unsrer täglichen Erfahrung. Als Schattenbilder im Reiche der Phantasie

in idealen Höhen geboren, treten sie in vertraute Nähe zu uns heran und

wir erkennen sie wieder als befreundete Gestalten, aus denen unsere

eigene innerste Herzenserfahrung spricht. Bei allem individuellen

Kolorit sind sie so typisch, daß wir sie in der äußersten Ferne

wiederfinden: der Apotheker ist in unserm Kreise, was Pylades in der

Iphigenie, Antonio im Tasso, Mephistopheles im Faust, was bei Homer der

erfindungsreiche Odysseus; der Vater gleicht im Rate seiner Freunde und

Familiengenossen dem götterberatenen, gewaltig herrschenden, leicht

zürnenden Sohn des Kronos, den seine Umgebung durch List und Ueberredung

dennoch beherrscht; er wünscht wie jeder Vater, wie Hektor beim Homer,

daß ihm der Sohn nicht gleich sei, sondern ein Besserer; der Pfarrer,

der in Hermanns Liebe die Stimme des Schicksals vernimmt und dieser zu

folgen für die edelste Weisheit hält, er ist, was der Seher Kalchas bei

Homer, welcher kannte, was ist, was war und was sein wird; beide

Hausfreunde stehen sich gegenüber wie Erfahrung und Idee, wie Verstand

und Vernunft als Typen geistiger Gegensätze; und Hermann selbst in

seiner stillen arbeitsamen Naturexistenz, er ist der Jüngling überhaupt,

der zum Manne heranreift, und wie Telemach wohnt er im oberen Stock und

ist auf mit der rosenfingerigen Eos; ja gegen den Schluß mit wachsendem

Kraftgefühl erhebt sich seine Gestalt zu der des Heros überhaupt, der

mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes trägt, den sein Weib zur

Schlacht wappnet:

Und drohen diesmal die Feinde

Oder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen!

Ueber Goethes Hermann und Dorothea · 第 8 / 14 段