Haus, der Keller, der Garten sind das Reich, in dem sie geschäftig
waltet. Voll Besorgnis ihren Sohn suchend, geht sie einmal durch den
Garten und nimmt gleich im Vorbeigehen einige Raupen vom Kohl und stellt
die Stützen der Obstbäume zurecht. Als Weib ist sie leichter gerührt als
der Vater, beweglicher als dieser in seiner bürgerlichen Gravität. Die
Thränen kommen ihr, wie der Dichter sagt, leichtlich ins Auge. Obgleich
sie im wesentlichen sich dem Grundton anschließt, in dem der Vater denkt
und spricht, so hat sie doch oft als Weib und Mutter die raschen Worte
und heftigen Meinungen zu mildern, zu denen jener im Eifer sich
hinreißen läßt. Sie steht als wahrhafte Mutter mit ihrem Sohn in regem
Gemütsbündnis; dieser verläßt nie das Haus, er sagt es ihr denn; sie
neigt sich zu ihm, wenn er leidet, weint mit ihm, errät seine Gedanken,
empfängt seine Geständnisse und schilt den Vater, wenn dieser über ihren
Hermann ungeduldig wird. Sie und der Vater erinnern lebhaft an Goethes
Eltern, denn auch im Goetheschen Hause war die geistvolle nachsichtige
Mutter oft die heimliche Verbündete des genialen Sohnes, wenn dessen
Dichternatur mit der pedantischen Gravität des Vaters in Widerspruch
trat. Auch Wilhelm Meister stand wie Hermann mit seiner Liebe, so mit
seinem Theaterdurst und seinen Kunstidealen dem alten Kaufherren Meister
innerlich fern, der Mutter aber durch Vertrauen und Einverständnis nahe.
Hermann der Sohn zeigt uns die deutsche Natur, die deutsche nationale
Eigenheit in einem meisterhaften Individualbilde verkörpert. Hermann ist
treu und fleißig, gediegen und tüchtig. Ihm ist nicht gegeben, mit
raschem Geistesblick die Dinge zu ergreifen, aus der Tiefe der Seele die
Gedanken mühelos an die Oberfläche zu heben, mit energischem Willen
augenblicklich die Menschen und Einrichtungen nach seiner Absicht und
Einsicht zu zwingen. Geistesgegenwart geht ihm ab, die Waffe der List
ist ihm versagt, die feinere und geistreichere, aber oft auch nichtigere
und leicht verbrausende Lust des Lebens ist ihm unbekannt. Hermann
sprudelt nicht von Witz- und Geistesfunken, die, nachdem sie einen
Moment geleuchtet, erlöschend in Asche versinken; seine Auffassung ist
langsam, aber, wenn sie erfolgt ist, immer der Wahrheit eines reinen und
innigen Gemütes entsprechend. Hermann denkt immer mehr, als er spricht;
auf ihn kann man sich verlassen, sowohl auf sein Gemüt, als auf sein
Wort, als auf die Arbeit, die er thut. In Gesellschaft ist er blöde,
sein Auftreten, seine Kleider sind etwas bäurisch; herzlosen
Weltmenschen erscheint er lächerlich und der Gewandtheit gegenüber ist
er waffenlos. In der Schule ging es mit ihm langsam; der Vater klagt,
daß Hermann immer der Unterste saß; er konnte eben nicht flüchtig
aufnehmen, um das Aufgenommene von jedem neuen Eindruck wieder wegspülen
zu lassen; aber war etwas von ihm angeeignet, so war es gewiß seiner
Natur gemäß und sein Besitztum für immer. Gutmütig und langsam, ließ er
sich von seinen Schulkameraden manches gefallen, nur wenn sein
Innerstes, sein Gemüt mit ins Spiel kam, z. B. wenn über seinen Vater,
über dessen bedächtigen Gang und großblumigen Schlafrock gespottet
wurde, dann erwachte sein Zorn und blind und wütend hieb er um sich;
denn gerade, wenn eine schwerfällige Natur wie die Hermanns einmal
empört wird, so wirft sie unaufhaltsam wie ein Element alle Schranken
vor sich nieder. Fließend und beredt sprechen war Hermann nicht gegeben:
Deine Zunge stockte immer, sagt der Vater. Desto besser gelangen ihm
bäuerliche Arbeiten auf dem Felde, im Weinberg, im Garten. Die Hengste
im Stall besorgt er selbst; er hat sie auferzogen und vertraut sie
keinem andern an, recht ein ländlicher Bursche, dessen Freunde ja immer
die Pferde sind. Er wohnt in der Kammer im oberen Stock, ist frühmorgens
mit der Sonne auf und wenige Stunden gesunden Schlafs genügen ihm.
Ueberhaupt ist er gesund, hat starke Nerven und einen hohen Wuchs. Er
ist kein sentimental schwindsüchtiger Jeanpaulischer Romanheld, der
Sehnsucht nach den Sternen hat. Von künstlichen Reizen und exotischen
Phantasien weiß er nichts: er ist der ruhige Bürgerssohn, der nicht für
das Weite und Umfassende, nicht für Staat, Krieg, Wissenschaft, Ehre
bestimmt ist, sondern für die immer wiederkehrenden Geschäfte des
Ackerbaues und ein enges geordnetes Erwerbs- und Familienleben. Zwar
will er einmal aus den gewohnten Lebensverhältnissen scheiden und mit in
den Krieg ziehen, aber nicht weil ihm jene zu eng sind oder dieser den
inneren Thatendrang zu stillen verspricht, sondern gerade weil er in
Gestaltung seines häuslichen Lebens durch Widerspruch gestört worden
und weil die Liebe, die Seelenbezwingerin, auch ihn für den Augenblick
aus dem Gleichgewicht gebracht hat. In der Uniform zu prunken und als
Soldat vor den Mädchen zu stolzieren, diese Eitelkeit fällt ihm nicht
ein. Am Schlusse des Gedichts spricht er eine standhafte patriotische
Gesinnung aus, aber nur weil der gewonnene Besitz eines geliebten Weibes
ihn mit der Empfindung des Eigentums überhaupt erfüllt hat; nun ist das
Meine meiner als jemals, ruft er aus; es ist der Mut des
Bürgerwehrmannes, des Nationalgardisten, der für den Bestand des
Besitzes auch sterben kann und, wenn die Gefahr vorüber ist, rasch zu
seiner Sphäre des Privaterwerbes zurückkehrt. Bei aller Beschränktheit
des Blickes und der Wünsche ist Hermann rein von Gemüt, unbefleckten
Herzens, voll Zartgefühl gegen die Eltern. Er ist ein ungestörtes
Naturprodukt und ein sicherer Instinkt führt ihn auf das ihm Gemäße, das
er bald erkennt und als das Seinige festhält. So hat er auch Dorotheen
gefunden, nach wenigen Augenblicken erkannt und in einem Tage ist seine
Ehe entschieden. Das Unbehülfliche und Beschränkte seines Wesens ist nur
die äußere Gegenseite der inneren Unverrückbarkeit und Integrität seines
Gemütes. Auch die Art, wie seine Liebe zu Dorotheen sich äußert, stimmt
ganz zu seinem übrigen Wesen und dem Lebenskreise, dessen Produkt er
ist. Kein idealer Wahn der Phantasie, der den Jüngling zu den Füßen des
Mädchens stürzt, kein himmelhoch Jauchzen, zum Tode betrübt; sondern in
stiller Kammer hat er sich einsam gefühlt; der Garten, das Feld, die
Geschäfte sind ihm öde erschienen; der Vater wird alt, die Habe mehrt
sich, für wen schaffen und wirken? Er entbehrte der Gattin, er sehnte
sich nach einer Lebensgefährtin. In solcher Stimmung stieß er auf
Dorotheen und findet rasch, daß sie für ihn bestimmt ist; herzliche
Neigung fesselt ihn so entschieden, daß er das Haus verlassen will, wenn
ihm das Mädchen versagt wird, und ist eine sichere Gewähr für bleibendes
häusliches Glück. So haben wir in Hermanns Liebe nur den Zug der
Sittlichkeit, die Gestalt gewinnen will, das stille Anknüpfen eines
bürgerlichen Ehebundes, nicht die phantastische Ueberspannung einer
poetischen Jugendleidenschaft, deren Flamme, je verzehrender sie um den
ergriffenen Gegenstand lodert, desto eher in diesem Besitze erlischt.
Durch die Gruppe der genannten drei Personen ist die Familie vollendet.
Zu ihr treten zwei Hausfreunde, der Pfarrer und der Apotheker des
Städtchens. Beide sind an Bildung der schlichten Bürgersfamilie
überlegen, der Pfarrer mehr von der idealistischen, der Apotheker von
der realistischen Seite. Doch erkennt man an dem Pfarrer als einem durch
wissenschaftliche Studien Gebildeten eine wirkliche
Geistesüberlegenheit, während der Apotheker seinem Berufe angemessen,
der zwischen dem Gelehrten und Techniker in der Mitte schwebt, eine
halbe Stellung einnimmt und sich mehr die Miene höherer Weisheit gibt,
als diese wirklich besitzt.
Der Pfarrer ist als Kandidat der Theologie nach Vollendung der
Universitätsstudien, wie dies zu geschehen pflegt, Hofmeister eines
jungen Barons gewesen und mit ihm nach Straßburg gegangen, wo der
Zögling wahrscheinlich studieren sollte. Als Hofmeister hat er die Welt
auch in höheren Kreisen etwas kennen gelernt; er versteht z. B. die
weltmännische Kunst einen Wagen vom Bocke zu lenken; überhaupt ist er
kein beschränkter und bäurischer Dorfpfarrer. Er vertritt in dem engen
Bürgerleben der kleinen Stadt den weiteren Geistesblick, die tiefere
Einsicht. Natürlich kennt er sein Fach, die heilige Geschichte, aber
auch in der profanen ist er wohlbewandert. Seine Ansichten tragen das
Gepräge der Versöhnlichkeit und milden Heiterkeit; durch humane Toleranz
ist er die Zierde der Stadt; in allem, was er sagt, drückt sich edle
Lebensweisheit ab; immer weist er auf das Höhere und Vernünftige, auf
die innere Ordnung hin, die dem blinden Treiben der Welt zu Grunde
liegt; er findet das Gute überall heraus und empfiehlt das Sittliche als
das allein Zweckmäßige und Glückbringende. Kein Rigorismus, kein
religiöser Fanatismus, kein Pfaffentum ist in ihm. Auch als mildthätig
zeigt er sich: im Dorf unter den Vertriebenen hat er schnell sein
Silbergeld verschenkt und händigt auch noch ein Goldstück dem Richter
ein, um es durch diesen den Armen zukommen zu lassen. Der Dichter nennt
ihn einen Jüngling, näher dem Manne.
Der Charakter des Apothekers ist äußerst fein von dem Dichter
gezeichnet, so daß es schwer ist, dies leichte und doch so konsequente
Gebilde zu fassen. Haben wir in dem Pfarrer einen ernstfreundlichen
Mann, der in seinen sittlichen Grundsätzen und in reifer Bildung bei
jedem Handeln den Schwerpunkt findet, so bewegt sich der Apotheker
geschäftig und unruhig hin und her; er kann mit der Rede nicht an sich
halten, sondern nimmt jedem das Wort vor dem Munde weg; in seiner
Lebendigkeit schießt er an dem Ziel auch vorbei; er ist rührig und thut
sich auf seine List und Schlauheit etwas zu gute; auch allgemeine
Betrachtungen weiß er anzustellen und gibt sich als einen
Vielerfahrenen, aber er ist zu unstäten Geistes, als daß seine Ansichten
das Wahre und die Wurzel des menschlichen Lebens getroffen hätten, und
häufig hat der Pfarrer den rechten Gesichtspunkt wiederherzustellen. Er
ist ein gutmütiger, dienstfertiger Alltagsmensch, der glücklich ist,
wenn man ihm eine Hantierung aufträgt, mit Bestrebungen und
Besorgnissen, die er mit der großen Menge praktisch-realistischer
Menschen teilt. Geduld ist seine Sache nicht. Schon als Knabe, erzählt
er uns selbst, war ihm einmal, als der Wagen, der sie zu den Linden
führen sollte, zu lange ausblieb, die Geduld völlig ausgegangen; er lief
wie ein Wiesel dahin und dorthin, Treppen hinauf und hinab und von dem
Fenster zur Thür. Die Hände prickelten ihm, er kratzte die Tische,
stampfte mit den Füßen und das Weinen war ihm nahe. Da führte ihn der
Vater ans Fenster und wies auf die gegenüberliegende Werkstatt des
Tischlers, der den Sarg macht, in den wir uns alle legen müssen, früh
genug, ob wir geduldig oder ungeduldig seien. Seitdem, meint er, wurde
ihm die Ungeduld mit der Wurzel ausgerissen, aber er täuscht sich mit
dieser Behauptung. Während im Dorfe der Pfarrer mit dem Richter im
Gespräch begriffen ist und dies Gespräch eine allgemeinere Wendung
nimmt, treibt den behenden Mann die Unruhe fort, er läuft beiseite und
späht durch Hecken und Gärten nach der Unbekannten. Nachdem endlich
beide über das Mädchen hinreichende Erkundigung eingezogen und indem sie
nun wieder zu Hermann kommen, spricht er schon aus der Ferne dem
Harrenden zu, er kann nicht an sich halten. Wie Hermann an einer
früheren Stelle des Gedichts seinen Entschluß kundthut, Dorotheen zur
Gattin zu wählen, stimmt der Pfarrer sogleich freudig bei, der Apotheker
aber rät erst das Mädchen zu prüfen, ob sie des Bräutigams auch wert
sei. Dieselbe vulgäre Klugheit zeigt er in dem Augenblick, wo der
Pfarrer zum ersten Mal Dorotheen erblickt und, von ihrer Gestalt
ergriffen, der Schönheit ihrer Seele sogleich gewiß ist: dem Schein ist
nicht zu trauen, warnt er weise; man soll über niemand urteilen, bevor
man mit ihm den Scheffel Salz verzehrt hat. Gleich anfangs, wo er vom
Anblick des Zuges der Vertriebenen zurückgekehrt ist, nennt er jeden
glücklich, der nicht Weib und Kind daheim hat in so gefährlichen Zeiten,
denn einem solchen kann das Schicksal nichts Ernstes anhaben und sein
Bündel ist leicht geschnürt. Ich selbst habe, sagt er, die Kostbarkeiten
beiseite gepackt, um mich ohne Zeitverlust aufmachen zu können, obgleich
ich die gesammelten Kräuter und Wurzeln ungern verlasse. Unser Apotheker
ist also unverheiratet und in der That macht er den Eindruck eines
Hagestolzen, der nirgends recht festen Fuß gefaßt hat. Wo am Schlusse
des Gedichts die Verwicklung glücklich gelöst ist und die übrigen in
Empfindung verloren sind, neigt sich der Apotheker sogleich mit
Segenswünschen. Eine komische Rolle spielt er, wo er sich in den Wagen
setzen soll, den der Pfarrer leitet: er zaudert und sitzt während der
ganzen Fahrt wie einer, der immer zum weislichen Sprunge bereit ist.
Etwas spaßhaft ist auch seine Wohlthätigkeit: da er kein Geld bei sich
hat, so zieht er wenigstens den gestickten ledernen Tabaksbeutel, öffnet
ihn zierlich und teilt mit dem fremden Richter die wenigen Pfeifen
Knaster, den er zu loben nicht ermangelt. Der Dichter hat den ganzen
Charakter mit einer leichten liebenswürdigen Ironie behandelt, die aber
nirgends stark hervortritt, sondern sich gleichsam nur in einem leisen
Lächeln des erzählenden Sängers kundgibt.
Wenn wir den Richter erwähnt, der wie der Vater die Kinder, wie ein
altorientalischer Patriarch einen ziehenden Stamm, so die Haufen der
Fliehenden mit Weisheit und würdigem Ernste lenkt und ermahnt, so ist
von den Hauptgestalten nur noch eine übrig: Dorothea. Dorothea ist ein
starkes Dorfmädchen in der Tracht, wie sie an zwei Stellen des Gedichts
beschrieben wird, mit blauem, gefaltetem Rock, rotem Brustlatz,
schwarzem Mieder und einer Halskrause. Sie wäscht und trägt, sie treibt
die Ochsen des Wagens, sie holt Wasser und verdingt sich als Magd. Sie
hat auch, wie der Schultheiß erzählt, einmal ihre und ihrer Gefährtinnen
Unschuld gegen eindringendes Kriegsgesindel verteidigt, indem sie mit
rascher Körperkraft den ersten zu Boden hieb und die andern in die
Flucht jagte. Dies beweist ihre Entschlossenheit. Es fehlt ihr aber
deshalb nicht an Zartheit der Empfindung; denn nicht nur ist sie
hilfreich gegen die Wöchnerin und weiß die Kinder an sich zu fesseln;
sie hat auch früher mit liebender Aufopferung einen alten Verwandten,
bei dem sie wohnte, bis an seinen Tod gepflegt; obgleich ihr Auge, wie
Hermann sagt, mehr Verstand als Liebe blickt, hat sie doch schnell eine
zärtliche Neigung zu dem Jüngling gefaßt und die letzte Szene offenbart
uns unter der Hülle der kräftigen Magdgestalt den zartesten Seelenadel
und eine echt jungfräuliche Delikatesse. Eigentümlich weiblich ist es,
wenn Dorothea sich abweisend und kurz abfertigend gegen Hermann benimmt,
z. B. da, wo er ihr den Wasserkrug abnehmen will und sie dies nicht
zugibt. Dorothea ist ein Mädchen von der Westgrenze Deutschlands, etwa
aus dem Kurfürstentum Trier oder Mainz; in ihr verschmilzt das deutsche
Gemüt mit dem feinen Takt und Verstand der französischen Nachbarn.
Selten wird sie von sentimentaler Rührung angewandelt und auch, wo sie
sich der Empfindung überläßt, verliert sie den freien Blick über den
Moment und das, was er fordert, nicht. Scheinbar als Magd in das Haus
ihres künftigen Gatten gelangt, übersieht sie beim ersten Scherzwort
sogleich die Gefahr ihrer Lage und mit Kraft und Offenheit beschließt
sie durch augenblickliche Entfernung ihr zu entgehen. Dies, sowie die
Feinheit ihres immer angemessenen Benehmens, das Taktvolle ihrer Worte
und die verständige Klarheit bei allem Handeln ist ein Anflug aus dem
nahen Frankreich, wie dies Dorothea selbst einmal andeutet. Sie wird,
wie vorauszusehen ist, des Vaters Lieblingstochter werden. Gegen
Dorothea steht Hermann etwas zurück: er ist der Weiche, Innerliche,
sehnsüchtig Bewegte, sie die Besonnene, Bestimmte, die ihre richtige
Empfindung sogleich in die That, z. B. das Mitleid in Hilfsleistung
umsetzt. So finden wir auch in diesem Paar das Charakterverhältnis
wieder, das durch alle Liebespaare der Goetheschen Dichtung geht. Eine
gewisse Weichheit zeichnet die Männer aus und sie sind alle der
weiblichen Vollkommenheit gegenüber leidend und gefangen; so Weislingen,
Werther, Clavigo, Egmont, Tasso, Wilhelm Meister, Eduard. Das weibliche
Ideal gelang Goethe unübertrefflich: er hatte aber selbst zu viel
seelenvolle Weichheit in seiner Natur, als daß er heroischer
Männlichkeit vollkommen hätte nachempfinden können. Von dem Heroismus
aber, der auch in der weiblichen Natur liegt und in entscheidenden
Momenten großen Unglücks oder dringender Gefahr hervortritt, legt auch
Dorothea Zeugnis ab, indem sie die eindringenden Soldaten so tapfer
abwehrt. Diese Selbstverteidigung Dorotheens als einen falschen,
widerwärtigen Zug zu tadeln ist leicht. Wenn auch Wilhelm von Humboldt
sich den Tadlern anschließt, so scheint uns dieses Urteil noch ein Rest
jener stolzen und kalten Idealität, die Humboldt eigentümlich war und
die er in seinem Umgang mit Schiller reichlich pflegte. Die übrigen
minderbegabten Rezensenten, die das Gedicht nach seinem Erscheinen in
den damaligen kritischen Instituten beurteilten, fanden noch eine viel
größere Menge von Zügen unzart und platt; daß sie Ochsen treibt, daß sie
um eine Wöchnerin und ihr eben geborenes nacktes Kind beschäftigt ist
u. s. w.; dies alles ist wider die konventionelle Delikatesse. Sie
mußten folgerecht Dorotheens ganze Gestalt, ja alle Personen und Sitten
des Gedichtes verwerfen. Auch daß Dorothea schon früher einen Bräutigam
gehabt, könnte ihr in den Augen manches Lesers schaden, denn es ist also
nicht die erste frische Liebe, die sie zu Hermann führt, jene Liebe, von
der das bis dahin unbefangene nichtsahnende Herz plötzlich und
unwiderstehlich überrascht wird. Allein die romantische subjektive Liebe
als solche zu schildern war hier überhaupt des Dichters Zweck nicht,
sondern eine werdende Ehe. Er wollte in einem ruhigen Gemälde die Art
und Weise darlegen, wie in einer unverdorbenen bürgerlichen Welt auf
unbefangen menschlichem Wege das Institut der Ehe sich verwirklicht und
von Geschlecht zu Geschlecht sich erneut. Gerade Dorotheens früheres
Unglück, der Verlust ihres Bräutigams gibt ihr bei aller Kraft der
Seele, bei aller Heiterkeit des Schaffens einen rührenden Zug, der uns
das liebliche Mädchen noch näher bringt. Wer daran Anstoß nimmt, daß
Dorothea schon einmal geliebt, der wird in dem Gedicht auch sonst noch
viel vermissen, aber auch die eigentümliche Welt, in der es sich bewegt,
ganz verkennen. Alle Gefühlsschwelgerei, alle Exzentrizität der
Leidenschaft hat der Dichter durchgängig abgewiesen; in der Gesinnung
echter Bürger, sowie in dem Gange ihres Lebens waltet ja nicht sowohl
phantastische Ueberspannung als verständiger Realismus. Hermann und
Dorothea stehen beide nicht zu einander wie Romeo und Julie. Nachdem
Goethe in früheren Dichtungen alles Entzücken und alle Verzweiflung der
Liebe aus tiefster Erfahrung ausgesprochen, neigte sich seine Dichtung
in späteren Jahren den stillen Beziehungen der Ehe zu und, wie in den
Wahlverwandtschaften die Ehe selbst und die in ihr schlummernden
negativen Mächte das Thema bilden, so ist die Muse unseres Gedichts nach
des Dichters eigenen Worten diejenige, die gern die herzliche Liebe
begünstigt und den Bund eines lieblichen Paares vollenden hilft.
Dies sind die Charaktere des Gedichts. Man weiß nicht, was man an ihnen
mehr bewundern soll, die ideale Wahrheit und individuelle Lebendigkeit
oder die poetisch-konkrete Entfaltung oder die feine Nüancierung oder
die Kunst plastischer Gruppierung. Sie sind alle dem Leben selbst
abgelauscht, sie ergreifen durch das wiederkehrend Menschliche, das ewig
Allgemeine, das uns in ihnen entgegentritt. Sie sind ein Ausdruck der
unwandelbaren Naturkräfte, die das Leben durchdringen und gestalten, der
Gefühle, Bestrebungen und Stimmungen, die überall sind, wo nur ein Herz
menschlich schlägt, heute wie im grauen Altertum, bei Homer wie in
unsrer täglichen Erfahrung. Als Schattenbilder im Reiche der Phantasie
in idealen Höhen geboren, treten sie in vertraute Nähe zu uns heran und
wir erkennen sie wieder als befreundete Gestalten, aus denen unsere
eigene innerste Herzenserfahrung spricht. Bei allem individuellen
Kolorit sind sie so typisch, daß wir sie in der äußersten Ferne
wiederfinden: der Apotheker ist in unserm Kreise, was Pylades in der
Iphigenie, Antonio im Tasso, Mephistopheles im Faust, was bei Homer der
erfindungsreiche Odysseus; der Vater gleicht im Rate seiner Freunde und
Familiengenossen dem götterberatenen, gewaltig herrschenden, leicht
zürnenden Sohn des Kronos, den seine Umgebung durch List und Ueberredung
dennoch beherrscht; er wünscht wie jeder Vater, wie Hektor beim Homer,
daß ihm der Sohn nicht gleich sei, sondern ein Besserer; der Pfarrer,
der in Hermanns Liebe die Stimme des Schicksals vernimmt und dieser zu
folgen für die edelste Weisheit hält, er ist, was der Seher Kalchas bei
Homer, welcher kannte, was ist, was war und was sein wird; beide
Hausfreunde stehen sich gegenüber wie Erfahrung und Idee, wie Verstand
und Vernunft als Typen geistiger Gegensätze; und Hermann selbst in
seiner stillen arbeitsamen Naturexistenz, er ist der Jüngling überhaupt,
der zum Manne heranreift, und wie Telemach wohnt er im oberen Stock und
ist auf mit der rosenfingerigen Eos; ja gegen den Schluß mit wachsendem
Kraftgefühl erhebt sich seine Gestalt zu der des Heros überhaupt, der
mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes trägt, den sein Weib zur
Schlacht wappnet:
Und drohen diesmal die Feinde
Oder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen!