Der Zufall! Man könnte ihn mit Humboldt das Wunderbare unsres Gedichts

nennen. Unter die Erfordernisse eines epischen Gedichts stellte die

pedantische Theorie früherer Zeit auch eine sogenannte Maschinerie des

Wunderbaren: es sollten im Epos Götter und Dämonen auftreten und mit

phantastischen Hebeln in das Treiben der Menschen eingreifen. Daher

wurde von dem Dichter eine Götterwelt erfunden, es wurden allegorische

Personifikationen abstrakter Begriffe in Bewegung gesetzt und der Gang

der Handlung nicht als ihre eigene innere, sie forttreibende Dialektik,

sondern als das Werk überirdischer Figuren dargestellt. Schon bei Virgil

sind die Gespräche und Anordnungen der Götter mehr eine kalte

Maschinerie des nachahmenden und reflektierenden Dichters als eine in

der Anschauung unbefangenen Volksglaubens sicher befestigte Welt. Anders

bei Homer. In dem homerischen Zeitalter kamen die sittlichen Mächte, die

das Leben gestalten, nicht als solche dem Menschen zum Bewußtsein; sie

wurden in ein Jenseits verlegt und jede wurde ein Gott, eine handelnde

Person. Die Heiligkeit des Gastrechts z. B., die da, wo sie verletzt

wird, sich an ihrem rohen Verächter in dessen eigenem Busen und eigenem

Lebensschicksal rächt, wurde zu einer lebendigen Person, die über ihre

Aufrechterhaltung wachte; der Geist der Kunstfertigkeit, der überall aus

der menschlichen Natur, wo diese sich entwickelt, hervorbricht, wurde zu

der offenbaren Gabe des sie konkret personifizierenden Hephaistos, dem

nun alle bedeutenden Kunstwerke, deren Möglichkeit dem naiv staunenden

Natursohn ein Geheimnis scheint, beigelegt wurden; die Gewandtheit des

rüstigen jugendlichen Körpers, in ihrem Adel dunkel gefühlt, wurde

Eigenschaft des Hermes, dem sie das Menschengeschlecht verdankte und dem

es nun jede Palästra weihte u. s. w. Streiten zwei Stimmen in der Brust

des Helden und entscheidet er sich nach solchem Selbstkampfe für eines,

so wird dies vorgestellt als Befehl oder Rat eines erscheinenden

Gottes, das Gute als Hilfeleistung des Gottes gegen den erkorenen

Liebling, das Böse als Berückung durch den feindseligen Dämon. Nicht

anders mit den Wirkungen der Götter in der Natur. Das tiefe Leben der

Natur kam dem kindlichen Menschen überall entgegen in tausend Gestalten

und Phänomenen, in ewigem Zeugen, Gebären und Vernichten; als ein von

innen bildendes plastisches Prinzip konnte er es nicht fassen; je mehr

er es aber als ein Unwiderstehliches und Göttliches empfand, desto mehr

war er geneigt, es in Göttergestalten zu verwandeln und nun den Blitz

und Donner dem Zeus, das Erdbeben dem Poseidon u. s. w. zuzuschreiben.

Daher ist in jener mythischen Region eigentlich nichts Wunderbares, denn

die Substanz jener Götter bilden nur irdische Lebensmächte und sie sind

so vollständig in konkrete Individuen übergegangen, daß sie wirkliche

menschliche Wesen, nur in gesteigerter Kraft und Stimmung abgeben. Ein

modernes Epos nun wie Hermann und Dorothea ist über jene mythische

Anschauungsweise hinaus. Die Götter sind in die Brust des Menschen

zurückgekehrt, ihre Einwirkung ist in das Walten und die

Selbstoffenbarung des Weltgesetzes überhaupt zurückverlegt. Das

Geschehen im Epos ist so wunderbar und natürlich zugleich wie das Leben

selbst. Was dem Menschen widerfährt, ist teils nur die Konsequenz seines

eigenen Thuns, teils ist es durch den großen Weltzusammenhang, durch den

Komplex aller Gesetze und Bedingungen des menschlichen Gesamtlebens

mitgesetzt. So ist alles endliche Schicksal wunderbar, denn es steigt

aus dem Grunde der Idee auf und erhält von ihr tiefere Bedeutung, es ist

aber auch natürlich, denn alles hat seine Gründe in der Verknüpfung mit

dem übrigen. Man kann das Hereinragen der französischen Revolution in

die idyllische Familienwelt das Wunderbare unsres Epos nennen,

dasjenige, was in unsrem Gedicht die Götter der Ilias ersetzt; und in

der That derjenige, der auf naive Weise in der Substanz der

Familiensittlichkeit begriffen ist, wird von der gewaltigen, die

Grundlagen der Privatexistenz umwerfenden politischen Idee wie von einer

unbegreiflichen That höherer Dämonen getroffen; umgekehrt aber ließe

sich auch sagen, die Naturkraft der Familie bilde das Wunderbare, da sie

dem in der politischen Sphäre ganz Heimischen als ein unbegreiflich

zäher fundamentaler Widerstand entgegentritt. So gesetzmäßig nun auch

alles Geschehen ist, so wird dennoch, da wir eben in einer endlichen

Welt begriffen sind, immer ein irrationaler Rest bleiben, der sich in

die Formel nicht auflösen lassen will: es ist eben das, was wir Zufall

nennen, wo so ist und auch anders sein könnte, was grundlos sich gefügt

hat, was zutrifft, ohne daß dies Eintreffen aus dem Zweck und Gesetz der

gerade vorliegenden Sphäre erklärt werden kann. Da dieser Zufall eben

irrationell und unberechenbar ist, können wir ihn das Wunderbare nennen.

Daß Dorothea gerade zum Brunnen kommen muß, wo Hermann noch dasteht, ist

ein liebliches Spiel des Schicksals; es ist, als hätten freundliche

Genien ihr den Gedanken geweckt und ihren Gang geleitet, und gern

gewähren wir dies Hineinspielen des bald neckenden, bald hilfreichen

Ungefährs in einer Darstellung, wo alles auf dem sichern Grunde der

ewigen Naturwahrheit ruht.

Hermann redet die kommende Dorothea an, die verwundert ist, den

Wohlthäter von heute morgen hier wiederzufinden. Sie erwiedert

freundlich seinen Gruß und erklärt ihm ihr Kommen. Beide steigen die

steinernen Stufen hinab und setzen sich auf die kleine Mauer, die den

Quell einfaßt; sie beugt sich über und schöpft, er faßt den andern Krug

und beugt sich über; sie sehen ihr Bild in dem blauen Spiegel schwanken

und nicken sich freundlich zu. Dorothea reicht dem Jüngling den Krug und

er trinkt; darauf ruhen sie beide vertraulich auf die Gefäße gelehnt.

Diese Gruppe beider Liebenden, die, während oben der Sommer glüht, hier

unten am rinnenden Brunnen sitzen, auf die Wasserkrüge sich lehnend,

gleicht an Sitte, Einfalt und Adel antiken oder orientalischen

Darstellungen, als müßte die Phantasie sich nicht weit davon die Säulen

eines Tempels denken oder als wären jene Linden Palmen des Morgenlandes.

Dennoch ist das ganze Bild wiederum ländlich, dorfmäßig, deutsch,

heimatlich; das nur Menschliche kehrt ja unter jedem Himmelsstrich

wieder. Nehmen wir zu jener äußeren Gestalt der Szene Hermanns innerlich

bebendes Herz, die bedeutungsvolle Beziehung des Jünglings zu dem

Mädchen, die Spannung der Liebe, die sie zu ewiger Verbindung zu

einander zieht und deren Zug dennoch von Scheu und Selbstbeherrschung

aufgehalten wird, so bethätigt sich hier und in dem folgenden Gesange

die Kunst, durch welche Goethe so einzig ist, die Kunst, die tiefste und

leiseste Stimmung der Seele in die äußere Anschauung, das Bild der

äußeren Anschauung in die Empfindung des Herzens zurückzuführen.

Auf ihre Frage, was ihn hierhergeführt, bringt er halbverhüllt sein

Anliegen vor, dessen Sinn Dorothea mißversteht. Sie glaubt als dienende

Magd von ihm geworben zu werden, geht schnell auf den Antrag ein und ist

bereit mit ihm zu gehen. Kommt mit mir, sagt sie, und empfangt mich aus

den Händen der lieben Freunde, denen ich die Krüge wiederbringe. Beide

stehen auf, sehen noch einmal ihr Bild im Brunnen und süßes Verlangen

ergreift sie. Dann gehen sie durch den Garten zu der Scheune, wo die

Wöchnerin ein Unterkommen gefunden hat. Daß Hermann ihr das

Mißverständnis nicht löste, daß seine Rede so unbestimmt blieb, liegt in

der ängstlichen Natur des Jünglings und der Liebe überhaupt; er bebt vor

der Entscheidung zurück und desto mehr, je mehr von ihr abhängt; das

Mädchen nur überhaupt ins Haus zu führen scheint ihm schon Glück und

Gewinn. Wir selbst zittern mit ihm und freuen uns des Auswegs, durch den

schon viel gewonnen und noch nichts verloren ist. Hermann, innerlich das

süße Geheimnis tragend, ist fast stumm; beglückt Dorotheen zur Seite zu

gehen ist er doch feierlich und wie abwesend. Mit Leichtigkeit bewegt

sich dagegen das gewandte Mädchen vor ihm; sie spricht mit holder Demut

und heiterem Verstande von ihrer Lage, dem Schritte, den sie zu thun

gedenke; sie weiß, wo sie ist und was sie thut; sie ist es, die Hermann

leiten und mitziehen muß. Und in diese Unbefangenheit, die so sehr mit

Hermanns verliebter Schwermut kontrastiert, in diese Leichtigkeit des

anmutigen Benehmens mischt sich mit leichter Andeutung ein Zug

mädchenhaften Strebens dem Jüngling zu gefallen, ein Bewußtsein von der

Macht, die sie über ihn ausübt. Wir ahnen, daß auch sie nicht frei ist

von zärtlicher Neigung. Die Abschiedsszene, die nun folgt, unterbricht

das Spiel der Liebe, die Schwüle der Empfindung mit naiv wahren Zügen,

mit Ernst und Heiterkeit. Dorothea erscheint hier als Glied der Familie

wie eine liebe Tante oder ältere Schwester, die das Hauswesen besorgt

und den Schlüssel zum Speiseschrank führt und an die die Kinder

vertraulich gewöhnt sind. Ihr Bild tritt uns verklärt aus dem Spiegel

der Liebe entgegen, die sie in der befreundeten Familie erweckt hat, des

Bedauerns, das ihr Wegziehen bei groß und klein erregt. Alle segnen sie,

die Mutter weint um sie, die Kinder wollen von ihr nicht lassen, der

Richter, der ernste Menschenkenner, preist den, in dessen Haus sie

kommt. Zugleich aber hat Dorothea weder Vater und Mutter noch

Geschwister, so daß das Interesse des Hörers sie Hermann zu teil werden

zu sehen gar nicht durch übergroßen Schmerz der Trennung geteilt wird.

Vielmehr laufen alle Ströme der Empfindung ungeschwächt darauf hin

Hermann und dessen würdige Familie in den Besitz des schönen seltenen

Mädchens gelangen zu sehen.

Der folgende achte Gesang enthält in reizender Bewegung alle Zauber der

holdesten idyllischen Romantik, die sich zu dem zartesten Natur- und

Seelengemälde vereinigen. Der Sommerabend, der mit kühlem Schatten die

Gluten dämpft, der groß aufgehende, am Himmel herrlich glänzende Mond,

das Gewitter, das die untergehende Sonne umtürmt, um dann in schweren

Donnern über den Häuptern der Menschen zu rollen, die wechselnde, aus

glühenden Sonnenblicken, weißem Mondlicht und dunkeln Wolkenschatten

ahnungsvoll gemischte Beleuchtung, der Pfad durch die uns wohlbekannte

liebliche Oertlichkeit, das wankende Korn, das die Gestalten der

Wandernden an Höhe fast erreicht, der ehrwürdige Birnbaum, unter dem

Hermann heute um das Mädchen geweint, an dessen Hand er nun nach wenigen

verhängnisvollen Stunden dahinwandelt, die belaubte Treppe den Weinberg

hinab -- dazu das Herzensgeheimnis, das beide in sich tragen, die süße

Beklommenheit, die auf dem Jüngling lastet, die Schüchternheit, die bei

dem vollsten Herzen und in der günstigsten Stunde ihm dennoch den Mund

verschließt, die oft so lieblich doppelsinnigen Worte des Gesprächs, das

wir oft eine Wendung nehmen sehen, wo die Blume der Liebe in offenem

Geständnis die Knospe sprengen zu wollen scheint, Dorotheens Ausgleiten

auf den Platten des Weinbergs, die Umarmung, in der Hermann sie auffängt

und die Wärme des Herzens, den Balsam des Atems empfindet, die edle

Selbstbeherrschung, die er in diesem Moment zeigt, Dorotheens Scherz, zu

dem sie bei aller eignen inneren Bewegung doch noch Freiheit des Gemütes

und der Sitte genug hat -- dies alles würde diesen Gesang zur Krone der

ganzen Dichtung machen, wenn es nicht unpassend wäre, in einem Gedicht

wie das unsre von besonders schönen Stellen zu reden, in einem Gedicht,

wo ein mildes Licht über alle Teile seine harmonische Heiterkeit

verbreitet, jeder einzelne Punkt Zweck des Ganzen ist und das

Fortstürmen der Erzählung ebenso mächtig als still, der Anteil des

Gemütes ein ebenso inniger als freier ist. Auch hier spielt der Zufall,

der Liebende ja so oft begünstigt oder neckt, da ihnen alles von

Bedeutung ist und alles ihrer Empfindung eine Handhabe gewährt, sein

liebliches Spiel. Dorothea, unter dem Birnbaum sitzend, sieht im hellen

Mondlicht die Häuser und Höfe der Stadt daliegen, besonders ein Fenster

hell im Wiederschein glänzen: dies Fenster ist zufällig gerade Hermanns;

er sagt es ihr auch; es ist meines, spricht er, vielleicht wird es nun

das deine; dann, als hätte er sich schon zu deutlich verraten, fügt er

hinzu: wir verändern im Hause, welche Worte wieder einen Doppelsinn

enthalten. Auch das Fehltreten Dorotheens, das dem Jüngling noch vor der

Verlobung das Glück schafft die Geliebte ans Herz drücken zu können, ist

ein Spiel des Schicksals, das Amor selbst mit sinnvoller List gefügt zu

haben scheint.

Aus der Sphäre der Empfindung und des Liebesspieles hebt uns der letzte

Gesang, der nach der Urania, der Sternenmuse, benannt ist, in die Höhen

der Familie. So fein auch hier wieder die Spiegelung des wirklichen

Lebens, so reich die Szene an Zügen ist, die der Natur unmittelbar

abgelauscht sind, so sehr alles dadurch in vertrauliche Nähe gerückt

wird, so tritt doch hier im Schlußgesange in und mit der Empfindung für

das sich krönende Verhältnis der uns liebgewordenen Personen der hohe

Sinn des Gedichts, der Ideengehalt zu Tage: Tod und Leben, der Kreislauf

der Lebensalter, Saat und Frucht des Menschenlebens, Schicksal und

Sitte, die Familie in ihrer festen Grundlage mit ihrem Schatz dunkler

unmittelbarer Naturgefühle und die Geschichte, die die Wohnungen der

Naturbestimmtheit zerbrechend Völker gegen Völker treibt und sie eins

nach dem andern als Werkzeuge der sich in ununterbrochener Entwicklung

vollziehenden Idee verwendet. Goldne Worte tiefer Wahrheit hat der

Dichter dem Pfarrer in den Mund gelegt, wenn dieser über den Tod und die

Vergänglichkeit des Lebens die doppelte Ansicht des Philosophen und des

Religiösen ausspricht:

Des Todes rührendes Bild steht

Nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.

Jenen drängt es ins Leben zurück und lehret ihn handeln;

Diesem stärkt es zu künftigem Heil im Trübsal die Hoffnung;

Beiden wird zum Leben der Tod. Der Vater mit Unrecht

Hat dem empfindlichen Knaben den Tod im Tode gewiesen.

Zeige man doch dem Jüngling des edel reifenden Alters

Wert und dem Alter die Jugend, daß beide des ewigen Kreises

Sich erfreuen und so sich Leben im Leben vollende!

Während also der Fromme in dem Tode nicht das Ende sieht, sondern an ihn

die Vorstellung fortgesetzten Lebens knüpft, fordert der Gedanke des

Todes den Weisen auf die Gegenwart zu ergreifen, sie mit Wesentlichem zu

füllen und ewig zu sein in jedem Momente. Die Vergänglichkeit aber ist

zugleich eine immerwährende Erneuerung, der ewige Untergang eine ewige

Geburt; so blicke denn der Jüngling auf den Wert des Alters, dem er

unaufhaltsam zureift, und der Greis auf die Jugend, in der er sich

selbst wiederholt, daß beide sich des ewigen Kreises ohne egoistisches

Bedauern, ohne Vorwurf gegen die Weltordnung erfreuen. Die ewige

Verjüngung und Erneuerung der Familie zeigt sich in Hermanns und

Dorotheens Bunde, denen Vater und Mutter als Repräsentanten des Alters

gegenüberstehen. Bei der Verlobungsszene findet der Pfarrer mit

Erstaunen an Dorotheens Finger den früheren Verlobungsring und nun hält

Dorothea eine Rede, die das idyllische Familienbild in den Zusammenhang

mit dem großen Ganzen der geistigen Welt erhebt. Der Rat, den der

scheidende Bräutigam ihr hinterließ:

Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf! u. s. w.

das Bild, das er ihr von den Stürmen der gewaltigen Zeit entwirft:

Alles bewegt sich

Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen u. s. w.

-- es ist die Stimme der Geschichte selbst, die heiligend und

erschütternd in unsern stillen Kreis hineinruft, um diesen auf den

Gipfel zu heben, wo der Mensch den Zusammenhang des kleinsten Lebens mit

dem größten überblickt. Die frohe Zuversicht aber, die beim Einsturz

aller politischen Formen das Gefühl der unverrückbaren Festigkeit des

Familienfundamentes und des Eigentums dem darauf fußenden Manne gewährt,

dieses echt deutsche Gefühl, diesen letzten Sinn des Gedichts spricht

Hermann in den Schlußworten befriedigend aus. Man könnte sich darüber

wundern, daß Goethe nicht, um die in dem Gedicht herrschende Empfindung

noch mehr abzuschließen, durch eine eingeflochtene Nachricht den Frieden

mit Frankreich und die Sicherheit der Rheinlande zu stande kommen läßt,

um so mehr, da er selbst gerade zur Zeit, wo er an dem Gedicht

arbeitete, an Schiller schreibt: Auch mir kommt der Friede zu statten

und mein Gedicht gewinnt dadurch eine reinere Einheit. Der Dichter

begnügte sich den Vater gleich anfangs von frohen Friedenshoffnungen,

auf die alles deute, von dem festlichen Friedenstedeum, das bevorstehe,

sprechen zu lassen und im Geiste sehen nun auch wir voraus, daß Hermanns

Hochzeit an dem Tage des großen Landesfestes mitbegangen werden kann.

Was den Gang der Szene im einzelnen betrifft, so versetzt uns der

Dichter bei Eröffnung des Gesanges auf einen neuen Schauplatz, ins

elterliche Haus, wo Eltern und Freunde erwartungsvoll der Ankunft

Hermanns harren. Durch die Schilderung der Ungeduld der Mutter, die

lange Erzählung des Apothekers, die Betrachtung des Pfarrers über Tod

und Leben wird der langen Szene der beiden Liebenden gegenüber, die den

ganzen vorigen Gesang einnahm, das Gleichgewicht und die Symmetrie

wiederhergestellt, wonach für das elterliche Haus ein ungefähr gleiches

Verweilen gefordert war. Sehr gewandt ist das Mittel, durch welches der

Dichter das holde Geständnis der Liebe Dorotheen entlockt, über deren

Gesinnung wir bisher nicht ganz sicher waren; die Weise, wie dies aus

dem Mißverständnis sich entwickelt, ist zugleich eine sehr natürliche,

dem Charakter sowohl des Vaters als Hermanns angemessene und stellt uns

noch zum Schluß die ganze mädchenhafte Zartheit Dorotheens, die sich mit

echt weiblicher Entschlossenheit paart, vor die Augen. Der Mißton, der

dem harmonischen Zusammenklang aller Umstände und Charaktere vorhergeht,

erreicht in Dorotheens Rede die höchste Stufe; denn sie will ja wieder

fort; aber er ist auf demselben Punkt der schönen Auflösung am nächsten,

da das Motiv ihrer Entfernung ja die heimliche Liebe zu Hermann ist. Im

übrigen ist auch hier die Naturwahrheit jedes ausgesprochenen Wortes zu

bewundern, die sich mehr nachfühlen als erklären läßt und die den Leser

desto tiefer ergreift, je reicher an Menschen- und Lebenserfahrung er

ist. So wenn die Mutter zu wiederholten Malen das Zimmer der Männer

verläßt und wieder betritt und vom Gewitter spricht und, daß der Mond

sich schon verdunkelt habe, und von der Gefahr der Nacht und die Freunde

lebhaft tadelt, daß sie von Hermann sich getrennt, und der Vater unmutig

nach Weise der Männer sie bedeutet: Mach nicht schlimmer das Uebel; du

siehst, wir harren ja selbst. Oder die muntern Worte, mit denen der

Vater die eben hereingetretene Dorothea neckend begrüßt: Ja, das gefällt

mir, mein Kind u. s. w.; oder auch diejenigen, die er später spricht im

Widerwillen gegen das Weinen des Mädchens: Also das ist mir zuletzt für

die höchste Nachsicht geworden u. s. w.

Charaktere.

Nachdem wir in dem Bisherigen die substanzielle Welt, die sich hier vor

uns öffnet, besprochen haben, gehe ich über zur Beleuchtung der

individuellen Charakterbilder, die der Dichter auf diesem Boden, in

dieser Atmosphäre uns vorführt und in denen der allgemeine darin

herrschende Geist sich individualisiert, sich zusammenfaßt.

Der Hausvater, ein behaglicher, wohl etwas beleibter Wirt, der im

Wohlstande lebt, besitzt nicht bloß sein Gasthaus zum goldenen Löwen,

sondern er ist wie die Bürger kleiner Städte zugleich Landwirt und es

gehört ihm außer dem großen Garten auch ein schöner Weinberg und ein

weites Kornfeld. Im Hause ist unser Wirt etwas herrisch und brummig,

gerade wie Hausväter zu sein pflegen. Mütterchen, seit langen Jahren mit

ihm verbunden, weiß ihn aber zu behandeln und erträgt sein auffahrendes

Wesen mit Gleichmut. Unübertrefflich ist die Physiognomie des alten

Ehebundes gezeichnet: Gewohnheit verbindet beide, ihre Gefühle sind mit

ihnen alt geworden, ja sie streiten miteinander und dennoch würden sie

die Hälfte ihres Selbst verlieren, wenn eins dem andern entrissen würde.

Obgleich sie sich gegen den Sohn auf verschiedene Weise benehmen, sind

sie doch durch gemeinschaftlichen Besitz dieses einzigen Kindes eins und

oft bestimmen sie ihm mit elterlichem Geschwätz bald dieses bald jenes

Mädchen zur Braut. Der alte Herr ist auch Mitglied des Rates gewesen,

hat mit tüchtigem Geschäftssinn manches zur Verbesserung der Verwaltung,

zur Ausbesserung der Gebäude und Reinlichhaltung der Straßen gewirkt,

sich aber auch mit seinen Kollegen im Rat tüchtig gezankt und, wenn er

dann nach Hause kam, mußten die Hausgenossen die üble Laune und den

mitgebrachten Aerger entgelten. Bei Tische trinkt er nach Sitte jener

weintragenden Gegend einige Schoppen, erhitzt sich dabei, wird

gesprächiger, aber auch leicht zum Zorne gereizt und spricht dann manch

heftiges Wort, das ihn am Abend, wenn der kleine Rausch verflogen,

wieder gereut. Nachher ist er dann auch wieder sehr leicht zu behandeln

und für dasjenige, wogegen er heftig geeifert, zu gewinnen. Verhaßt ist

ihm wie vielen älteren Herren das Weinen, Jammern, das viele Reden der

Weiber, das ihn aus seiner Ruhe stört; droht das Geschnatter oder das

Lamentieren anzugehen, dann steht er ärgerlich auf und geht in sein

Schlafzimmer, um sich zu Bette zu legen. Seine Einwilligung zu seines

Sohnes Heirat gibt er halb scherzend nur deswegen, weil er im

entgegengesetzten Fall nur Trotz und Thränen voraussieht. Eine gewisse

Gravität und bürgerlich-stattliche Haltung ist ihm angeboren; bedächtig

schreitet er Sonntags aus der Kirche, so daß die Schuljugend dadurch zu

Neckereien gereizt wird. Seinen Sohn Hermann hat er immer zu tadeln, wie

so oft Väter thun, wenn sie grämlich geworden; er möchte ihn anders

haben und versteht dessen Charakter nicht; er möchte ihn gern nach

Vätereitelkeit zu höherem Stande streben sehen und wünscht ihm feinere

Manieren, gewandteres Benehmen; überhaupt hält er, wie Hermann selbst

Dorotheen mitteilt, auf Aeußeres und auf zierliches Benehmen und er

rühmt von sich selbst, daß er als guter Gastwirt jeden nach Stand und

Charakter zu behandeln wisse. Er will daher auch kein bäurisches Mädchen

zu sich als Schwiegertochter ins Haus; sie soll das Klavier spielen und

die schönsten und besten Leute sollen sich Sonntags bei ihm versammeln.

Bei all diesen Eigenheiten ist der Vater dennoch eine kernhafte und

gutmütige Natur. Das Elend der Vertriebenen rührt ihn und er gibt gern

das Seinige hin ihr Unglück zu mildern. So erteilt ihm auch der Dichter

das Epitheton: der menschliche Hauswirt. Und die neue Schwiegertochter,

so sehr ihr Stand und ihre Armut seinen Lieblingswünschen entgegen ist,

umarmt er dennoch herzlich, die Thränen verbergend.

Ueber Goethes Hermann und Dorothea · 第 7 / 14 段