Und ganz wie die Grammatiker jedem Gesange des Homer eine Ueberschrift

gegeben hatten, die dessen Inhalt andeuten sollte, z. B. [Greek: ta en

Pylô, nekuia, mnestêrophonia, oneiros], so überschrieb auch Goethe jeden

Gesang mit einem ganz allgemein gehaltenen Titel, z. B. Schicksal und

Anteil, die Weltbürger, das Zeitalter u. s. w. Alles dies fand man

unbescheiden (so z. B. der Rezensent in der Bibliothek der schönen

Wissenschaften) zumal im Hinblick auf jenes Epigramm, welches erzählt,

daß Herodot die Musen bewirtet und von jeder eines seiner Bücher zum

Zeichen der Dankbarkeit erhalten habe. Allein wenn Goethe es in den

Gedichten dieser Zeit liebte, den Musen seinen Gesang zu weihen, so hat

dieser fromme Dienst keinen andern Sinn, als daß der bescheidene Dichter

still zurücktritt und den Gesang sich selbst durch seinen eigenen

innewohnenden Trieb, eben durch die Huld der Musen Gestalt und Gesetze

geben läßt. Der Rhapsode, sagt Goethe selbst, sollte als ein höheres

Wesen in seinem Gedichte nicht selbst erscheinen; er läse hinter einem

Vorhange am allerbesten, so daß man von aller Persönlichkeit

abstrahierte und nur die Stimme der Musen im allgemeinen zu hören

glaubte. Die Abteilung in Gesänge wird übrigens wie die des Dramas in

Akte durch das Gesetz des pulsierenden Rhythmus, des Wechsels von

Spannung und Ruhe erfordert: jeder Gesang umschließt mehr oder minder

ein eigentümliches Bild und der Sänger benutzt jene momentane

Unterbrechung, die Phantasie auf einen neuen Schauplatz zu versetzen

oder den Sprung zu einer eintretenden weiteren Entwicklung der erzählten

Begebenheiten zu erleichtern.

Der Dichter versetzt uns, was auch die Alten vom Homer rühmten, ohne

Vorrede mitten in die Dinge. Das alte Ehepaar sitzt unter dem Thorweg

des Hauses in behaglicher Ruhe und des Vaters abgerissen hingeworfene

Bemerkungen, zwischen denen Pausen zu denken sind, lehren uns sogleich,

wo wir sind und was heute vorgeht. Die Kriegsnot hat eine Menge Menschen

von jenseit des Rheines zur Flucht genötigt, sie ziehen in einiger

Entfernung von der Stadt vorbei, alle Einwohner sind trotz dem heißen

Mittag hinausgewandert, den Zug zu sehen, und auch Hermann, der Sohn,

ist in der neuen Kutsche hingefahren, um die Notleidenden zu erquicken.

Allmählich kommen die Neugierigen zurück, die Straßen füllen sich, der

reiche Kaufmann von drüben kommt an sein neues Haus gefahren, auch der

Pfarrer und der Apotheker sind wieder da und gesellen sich grüßend zu

den beiden Sitzenden. Einige allgemeine Betrachtungen, die die beiden

hinzugekommenen Hausfreunde über das heutige Ereignis in verschiedenem

Sinne anstellen, unterbricht die ungeduldige Hausfrau mit der Frage nach

dem, was sie denn gesehen. Der Apotheker, schnell das Wort ergreifend,

gibt darauf eine lebendige Schilderung des verworrenen Zuges der

Flüchtigen, der ordnungslos unter Unfällen und Bildern mannigfachen

Elends dem Dorfe zuging. Dieser Bericht rührt den menschlichen Hauswirt,

aber in seiner behaglichen Art will er die Gedanken davon abwenden und

lädt die Freunde zu einem erfrischenden Glase Wein in den kühleren Saal.

Dort sitzen die drei Männer um den großen braunen Tisch und fröhliche

Hoffnung belebt den Wirt. Dies Städtchen, ruft er aus, dessen Wohlstand

seit dem großen Brande so sichtlich gedeiht, Gott wird es nicht von

neuem untergehen lassen. Ja, fährt er nach einer bestätigenden

Zwischenrede des Pfarrers fort, der mächtige Rheinstrom wird uns wie

Wall und Graben schützen; die Streiter sind müde, alles deutet auf

Frieden. Und wenn dann das Friedensfest gefeiert wird und in der Kirche

Orgel, Glocke und Trompete das Tedeum begleiten, wenn doch dann dies

hohe Landesfest für mich auch ein häusliches Fest würde und mein Hermann

mit der Braut vor den Altar träte. Aber ich fürchte, das wird nicht so

sein, denn so thätig zu Hause, so schüchtern ist er nach außen, zeigt

sich nicht unter den Leuten und flieht den Tanz und die Gesellschaft

junger Mädchen. Indem er so sagte, rollte Hermanns Wagen donnernd unter

den Thorweg.

Damit schließt der erste Gesang. Er enthält die Exposition in

unmittelbar frischem Gemälde; noch kein Hindernis, kein Knoten, aber

deutlich ist die eigentümliche Welt des Gedichts vor uns ausgebreitet,

in der wir schon heimisch sind: die Bürgersitten, die Lage des

Städtchens, Ort, Tageszeit, die Familie, das Ereignis des Tages, das

bald das individuellere unseres Gedichts zur Folge haben wird; auch die

Charaktere sind angedeutet; in dem Wunsche des Vaters und seiner

Schilderung des Sohnes liegt die kommende Handlung; Aussicht auf

fröhliche Entwicklung ist in dem ganzen heiter epischen Tone schon im

voraus gegeben. Der Dichter versetzte uns nicht selbst in das Gedränge

der Flüchtigen, welches Schauspiel uns zu mächtig in Anspruch genommen

hätte; wir sollten vor allen Dingen mit dem behaglichen Bürgerhause und

dessen Gliedern vertraut werden und, nachdem auf die Familie

hinreichendes Licht gefallen, werden wir später an der Hand des Dichters

den hohen Standpunkt ersteigen, wo wir das politische Wetter drohend am

Himmel sehen.

Der zweite Gesang führt uns die Personen schon näher, und indem dies

geschieht, schürzt sich der Knoten zusehends. Hermann tritt ins Zimmer

und des Pfarrers kundiger Blick erkennt an seinem ganzen Wesen eine

Veränderung: der Jüngling ist munterer und heiterer. Dies bestätigt

unsre Ahnung von etwas Geschehenem, das bald in ruhigem epischem

Fortgang sich vor uns aufthun wird. Hermann erzählt, wie er mit seinem

Wagen etwas zu spät gekommen und den Zug schon vorüber gefunden; nur ein

Wagen mit Ochsen bespannt war zurückgeblieben, den ein Mädchen, zu Fuße

schreitend, mit langem Stabe lenkte. Das Mädchen sprach den Jüngling um

eine Gabe für die auf dem Wagen im Stroh liegende bleiche Wöchnerin an,

und da Hermann gerade deshalb gesandt worden, gibt er rasch und freudig

das mitgebrachte wollene und leinene Zeug her. Wie das Mädchen weiter

ins Dorf ziehen will, hat Hermann schnell so viel Vertrauen zu ihr

gefaßt, daß er ihr auch alle Lebensmittel, die er im Wagen liegen hat,

mitgibt mit dem Auftrag, alles im Dorfe unter die Notleidenden zu

verteilen. Das Mädchen verspricht dies und beide scheiden. Nachdem

Hermann so berichtet, spricht der Apotheker den Gedanken aus, wie doch

derjenige glücklich sei, der in so schweren Zeiten nicht für Weib und

Kind zu sorgen hat. Diese so einfache, sich von selbst ergebende und mit

dem besondern Charakter des Sprechenden übereinstimmende Wendung leitet

in unaufhaltsamem Fortschritt die Verwicklung ein. Hermann nämlich

tadelt die Gesinnung des Nachbars und erklärt gerade heute lieber als je

sich zur Heirat entschließen zu wollen. Beide Eltern stimmen freudig ein

und die Mutter erzählt ausführlich, wie auch sie einst unter furchtbarer

Not unmittelbar nach dem großen Brande ihre Ehe geschlossen, und lobt

Hermann wegen seines Vertrauens, im Krieg und unter Trümmern freien zu

wollen. Da fällt aber der Vater lebhaft ein und meint: Besser ist

besser. Hermann soll kein unbegütertes Mädchen in ein leeres Haus, in

drückende, armselige Verhältnisse führen; es soll die Wirtschaft

reichlich besorgt und das häusliche Behagen durch gute Mitgift gleich

anfangs verbürgt sein. Ja, Hermann, fügt er hinzu, du würdest mein Alter

hoch erfreuen, wenn du mir aus jenem grünen Kaufmannshause dort drüben

eine Schwiegertochter brächtest; der Mann ist reich, von seinen drei

Töchtern solltest du eine wählen. Hermann erwidert, dies sei auch seine

Absicht gewesen, aber die Mädchen seien eitel und lieblos, und dabei

erzählt er einen Vorfall, wo sie singend und beim Klaviere sitzend sich

über ihn lustig gemacht. Während die Mutter Hermanns Urteil über die

Mädchen zu mildern sucht, fährt der Vater zornig auf und wirft ihm

Beschränktheit und Mangel an Ehrgefühl vor. Da der Sohn sich schweigend

der Thür naht, ruft der Vater immer mehr entrüstet: Denke nicht, mir je

eine Bäuerin als Schwiegertochter ins Haus zu bringen; ich verlange von

ihr, sie soll sich gefällig zu benehmen wissen, Erziehung haben und

meinem Hause zur Ehre gereichen. Da verließ Hermann schweigend das

Zimmer.

Meisterhaft dient dieser Gesang dazu die Charaktere in den Wechselreden

zu entfalten und in ihrer Verschiedenheit das Hindernis zu begründen,

das die beginnende Handlung zugleich aufhält und forttreibt. Vater und

Sohn empfinden verschieden im Punkt der Wahl eines Mädchens: der Boden

eines Konflikts ist gelegt; wir ahnen, daß Hermann im Herzen schon die

Geliebte trägt, daß ihr Stand mit den Wünschen des heftigen Vaters nicht

übereinstimmt; wie von selbst fallen unsre Gedanken auf jenes Mädchen,

von dem Hermann eben erzählt hat; er, der in der Wirtschaft Erfahrene,

konnte das Mädchen und alles, was sie sorgend that, gewiß rasch

beurteilen. Vielleicht wären ihm die Gefühle, die ihr Anblick, ihr

Gespräch in ihm erregt, nicht einmal deutlich zum Bewußtsein gekommen

oder er hätte sie still und ängstlich verborgen, wenn nicht die einfache

Bemerkung des Apothekers und das daran sich knüpfende Gespräch seinen

inneren Zustand rasch zur Reife gebracht und die Verhältnisse in

scharfer Beleuchtung gezeichnet hätte. Hier ist keine Wendung, kein

Glied in der Kette wegzudenken. Man kann die Erzählung der Mutter von

dem Brande und ihrer an dies Unglück sich knüpfenden Heirat als eine

Episode betrachten, damit auch dies epische Erfordernis hier nicht

fehle; in der That führt die ganze Stelle von dem Boden der

gegenwärtigen Situation ab und gewährt ein kleines, überaus liebliches

und wahres Bild für sich; dennoch aber ist sie in dem Fortgang des

Gespräches wesentlich und steht in der nächsten inneren Beziehung zur

Gegenwart. Die in diesem und dem ersten Gesange geschilderten Szenen der

Flucht und Verwirrung erinnern übrigens an manches, was der Dichter

selbst in der Champagne erlebte und in seinem Tagebuche, der Campagne in

Frankreich, uns erzählt hat, so namentlich das Umstürzen des großen

schwerbepackten Wagens und die von dem unbekannten Mädchen der bleichen

Wöchnerin geleistete Hilfe.

Der dritte Gesang enthält noch keine weitere faktische Fortführung. Wir

hören den fortgehenden Reden zu, die dazu dienen, die Charaktere und

Gesinnungen zu entwickeln und den in ihnen liegenden Gegensatz sowie die

mögliche Ausgleichung nach allen Seiten zu beleuchten. Nach dem harten

Anstoß und der bewegten Leidenschaft des vorigen Gesanges beruhigt sich

in diesem die Stimmung; gegenseitiges Gespräch mildert die Aufregung

des Vaters sowie die Furcht des Hörers. Die Mutter, nachdem sie den

Vater wegen seines harten Benehmens gescholten, eilt dem Sohne nach, um

ihn zu begütigen.

Am Anfang des vierten Gesanges begleiten wir die suchende Mutter auf

ihrem Wege. Hier wird nun die Gegend geschildert, Garten, Weinberg,

Feld, Birnbaum, immer aber in unbefangener Verknüpfung mit der Wanderung

der besorgten, sich nach ihrem Sohne umsehenden Mutter. Naturbild und

Muttersorge tritt als eins und unabgesondert in unsre Empfindung ein.

Die Naturschilderung ist nicht die modern-sentimentale, nicht die

Gemütsschwelgerei Werthers, was mit dem Tone des ganzen Gedichts

gestritten hätte, sie ist auch nicht die des abstrakten Kenners der

Landschaft, sondern sie bleibt auf dem Standpunkt des unverdorbenen

menschlichen Gefühls, das sich zwar der Natur freut, aber diese Freude

noch gar nicht von dem Wohlsein, dem Nutzen und der Fruchtbarkeit

abtrennt. Der Weinberg ist schön, aber besonders deshalb, weil er so

herrliche Trauben trägt. Um den Birnbaum schwebt die Poesie des Alters,

die Poesie ferner Landschaft, die vor dem unter ihm rastenden Wanderer

ausgebreitet liegt, aber nicht minder dient zu seiner Verherrlichung,

daß er so schmackhafte Früchte trägt und dem Hirten wie dem Schnitter in

der heißen Mittagsstunde willkommenen Schatten gewährt. Einen bloß

malerischen Baum mit schöner Aussicht zu schätzen läge ganz außer der

Empfindungssphäre unsres Gedichts. Die Darstellung schwebt vielmehr in

jener Mitte, wo der Gegensatz des rein prosaischen Nutzens und der

unwahren weichherzigen Natursentimentalität noch gar nicht

hervorgebrochen ist; sie erhält sich in jener primitiven, wiederum

homerischen Einheit, wo die Schönheit der Natur und die Natur als Sphäre

des Ackerbauers, Gärtners, Jägers, Fischers, Schiffers u. s. w. zu einem

Gesamteindruck zusammenfließen und ein Gesamtgefühl bilden. Landschaft

und Wetter, Sonne, Pflanzen, Wiesen und Berge, alles wird hier mit dem

Auge des schaffenden Arbeiters, des besitzenden Bürgers, des

einsammelnden, von der Erde sich nährenden Ansiedlers betrachtet; die

Natur wird geliebt als Bodenkultur, als [Greek: aia biodôros] in

Sophokles' Philoktet. Zugleich erhalten wir das Bild der geschäftigen

Hausfrau, die keinen Schritt vergeblich thut, sich in ihrem Gebiete und

Besitze fühlt und in diesem Gefühl ihr kleines, durch Fleiß erworbenes

Königreich durchwandert. Der Spur des Sohnes immer weiter folgend,

finden wir ihn endlich abgewandt unter dem Birnbaum sitzend. Er hat

Thränen im Auge, indem die Mutter ihn überrascht. In dem nun folgenden

Gespräch tritt uns die Hauptperson, Hermann, nahe ans Herz. Wie durch

Zauber thut sich sein Sein und Wesen vor uns auf, wir hören seine

Geständnisse und die echt menschliche Wahrheit seiner Worte und

Entschließungen gewinnt ihm unsre Teilnahme und Rührung. Obgleich ganz

episch in langen weitausholenden Reden sich fortbewegend, enthält die

ganze Szene doch mit meisterhafter Entwicklung den Verlauf innerer

Gemütsbewegungen, die sich unter Thränen in der Einsamkeit erst

verbergen, dann halb sich verraten, dann endlich hervorbrechen und zum

Entschlusse, zur That werden, den Prozeß zwischen der leidenschaftlichen

Seelenerregung des Sohnes und Jünglings, die sich endlich in die Brust

der Mutter ergießt, und der erst betroffenen, dann mit liebevoller

Besorgnis forschenden, endlich nach erfolgtem Geständnis beratenden

mütterlichen Helferin. Zu der Wahrheit, mit der dieser stufenweise

fortgehende Prozeß fortgeführt ist, zu der Sicherheit, mit der sich das

Verhältnis von Mutter und Sohn nach den in ihm liegenden Momenten

darlegt, kommt noch der Reichtum dieses Verhältnisses selbst, der

Reichtum an sittlich-menschlichen Motiven, den der Augenblick bei aller

Einfachheit in sich trägt. Ein Sohn, den eine unglückliche Liebe in

seinem Innern schmerzvoll zerreißt, eine weinende Mutter, die sich voll

Muttermitleid forschend und ratend über ihn niederbeugt -- diese Szene

ist an sich rührend und heilig. Sie ist heilig, wie es die

Madonnenbilder Rafaels sind, auf denen gleichfalls durch Darstellung der

Mutter mit dem Kinde der reinste menschliche Inhalt uns vor Augen

gestellt wird. Und diese menschlich rührende Szene ist in eine

Oertlichkeit verlegt, die sie mit allem poetischen Zauber umgibt: es ist

der Rasensitz unter jenem Birnbaum, von wo der sehnsüchtig kummervolle

Blick nach der Gegend hinreicht, in der die Geliebte weilt.

In dem fünften Gesang wird, wie die Mutter vorhergesagt hatte, die

Einwilligung des Vaters wirklich erlangt. Hiermit ist die Verwicklung

gelöst und scheinbar ein Schluß herbeigeführt. Allein auf ganz epische

Weise liegt in der Auflösung eine neue Verwicklung, ein neues Hindernis,

das der Strom der Erzählung ruhig zu umgehen hat. Der Apotheker hat den

Vorschlag gethan, doch erst das Mädchen zu prüfen und die Gemeinde, in

der sie aufgewachsen, nach ihr zu befragen. Diese Wendung ist abermals

dem Charakter des Apothekers angemessen; sie fließt auch sonst auf

natürliche Weise aus der Lage der Dinge, denn man will doch vorher

erfahren, wer und wie das unbekannte Mädchen ist; indem aber dieser Rat

des Vaters Zustimmung erst möglich macht, knüpft er dieselbe doch an

eine erst zu erfüllende Bedingung und das accelerierende Moment ist

zugleich ein retardierendes. Im übrigen enthält auch diese Szene in

ihrer successiven Entwicklung und dem Spiel der einander

gegenübergestellten Charaktere die größte Naturwahrheit. An Hermann

zeigt sich in jedem Wort, daß die Liebe ihn, den blöden und unbeholfenen

Jüngling, schnell zum Manne gereift hat, daß sie seinen Blick geschärft

und seine Sprache beflügelt hat. Der Vater, der lebhaft gutmütige Mann,

ist nach dem Zornausbruch von heute mittag schon innerlich nachgiebig

gestimmt; da kommen nun Sohn, Mutter und Freunde mit ihrer dringenden

Ansprache; anfangs schweigt er verwundert; endlich wie einer, der sich

einer Sache nicht voll überlassen mag, macht er die Seitenbemerkung,

Hermanns Zunge, die immer gestockt, sei nun mit einemmale gelöst; dann

gleichsam aus Scham, von einer lange mit Eifer und Würde verfochtenen

Gesinnung jetzt abgehen zu sollen, kleidet er seine Zustimmung in die

humoristische Wendung, er erfahre, was jedem Ehemann und Vater gedroht

sei, daß Mutter und Freunde immer den Willen des Sohnes begünstigen; und

wie noch halb grollend richtet er die Zusage nicht an den Sohn, sondern

an die übrigen Anwesenden: Gehet und prüfet und bringt mir meinetwegen

die Tochter ins Haus, wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen; wie

dies alles in ähnlicher Lage im Leben überall sich wiederholt.

Nach einer ganz homerischen Beschreibung des Anschirrens der Pferde

folgt die Fahrt ins Dorf. Hermann hält die Pferde im Schatten der Linde

und die beiden Hausfreunde gehen nach Erkundigung aus. Wir begleiten sie

in das Gewühl der Menschen, von dem wir eine episch ausführliche

niederländische Genreschilderung erhalten. Nachdem wir uns Schritt vor

Schritt der politischen Sphäre genähert, stehen wir endlich betrachtend

vor dem furchtbaren Ereignis der Revolution und des Krieges, welches

allen stillen Naturbildungen den Untergang droht, um die Welt aus Nacht

und Chaos nach Vernunftprinzipien neu zu gestalten. Hermanns Liebe tritt

für einen Augenblick zurück, aber nur um sich auf dem nun sich

zeichnenden düstern Hintergrund desto heller abzuheben. Aus der Tiefe

der Auflösung selbst wird die ewig wirksame Bildungskraft von neuem die

Familie hervortreiben. In dem verworrenen Zuge der Flüchtlinge, in der

Schilderung des Richters tritt uns Auflösung aller sittlichen Bande,

Zerrüttung entgegen, aber, wie gewaltig auch der furchtbare Sturm der

Geschichte die Wohnungen des Privatgeistes niederwerfe, immer wieder

faßt der Mensch von neuem Fuß, knüpft neue Bande, steckt neue Grenzen

des Besitzes aus und gründet feste Anstalten, in die er den Inhalt des

Gemütes gießt. Die Revolution tritt uns nahe, aber nur damit

antipolitisch und antikommunistisch die Privatexistenz, die Familie, das

Eigentum sich bewähre und aus der Zerstörung neu erzeuge. Als das Symbol

dieser in der Menschheit wohnenden Naturmacht wird uns Dorothea

erscheinen, sie, die Flüchtige, Elternlose, des väterlichen Hauses, des

Bräutigams Beraubte, die in den Krieg und die Verwirrung als ein

hilfloses Mädchen Verschlagene, die dennoch, wo sie auch ist, sorgend

und weiblich durch Rat, Pflege und Hilfeleistung eine Sphäre der Liebe

um sich zieht, die endlich als künftige Gattin und Mutter in einen neuen

Familienkreis einzieht, den sie durch ihre Einkehr vollendet und

abschließt. Gleich bei den ersten Schritten, die die beiden Freunde

unter die Menge thun, treffen sie diese in Streit: die Männer drohen

einander, die Weiber mischen sich schreiend ein. Das häßliche Bild wird

aber rasch vor den Augen weggezogen und es folgt eine versöhnende

patriarchalische Szene. Ein langes Zwiegespräch zwischen dem Pfarrer und

dem ehrwürdigen Richter der Gemeinde füllt den Schluß des fünften und

den Anfang des sechsten Gesanges. Wir erhalten eine Schilderung des

Verlaufes der Revolution, der Freiheitsbegeisterung, der darauf

folgenden Enttäuschung, der Greuel des Krieges; wir hören von Dorotheens

heroischer Selbstverteidigung. Unterdes hat der Apotheker das Mädchen

aufgespürt und zieht den geistlichen Herrn mit fort. Wir blicken mit

beiden durch die Lücke des Zauns und sehen zum erstenmal Dorotheen.

Nachdem wir soeben alle Zerrüttung des Krieges durchlebt, nachdem wir

voll Bewunderung und Entsetzen von der That der männermordenden Jungfrau

([Greek: androktonos]) gehört, erblicken wir sie nicht schreitend, nicht

handelnd, sondern ruhig und betrachtungsvoll dasitzend, in ihrem Arm das

neugeborene Kind; wir sehen sie als liebende Helferin und künftige

Mutter. Der Richter tritt nochmals hinzu und vollendet durch weitere

Nachricht über das Mädchen das geistige Bild, das wir von ihr gefaßt.

Nachdem wir durch alles Gesehene und Erfahrene sicher geworden, daß

Hermanns Wahl eine glückliche gewesen, nachdem seine Liebe durch ihre

Beziehung zu dem Schicksal der Völker und Staaten eine tiefere

allgemeine Bedeutung für uns gewonnen, eilen wir mit ungeduldiger

Teilnahme zu dem am Brunnen harrenden Jüngling, ihm die herrliche

Botschaft zu bringen. Allein abermals hat sich, kaum daß die Spannung

gelöst ist, eine neue vorbereitet. Hermanns Seele, in der Einsamkeit

sich selbst überlassen, ist unterdes von schweren Sorgen befallen

worden, von Sorgen, wie sie ein liebendes und also ängstliches Herz zu

quälen pflegen. Daß die Freunde von Dorotheen nur Gutes erfahren würden,

wußte er im voraus: aber wird sie selbst auch einwilligen? Wird sie dem

ersten besten, der da kommt, zu folgen bereit sein? und ist ihr Herz

nicht vielleicht schon versagt? Während einer komischen

Zwischenerzählung des Apothekers, die recht für die epische Gelassenheit

Zeugnis gibt und deren für den gegenwärtigen Moment Unpassendes der

gesprächige Mann nicht merkt, hat Hermann innerlich nach Art der

Liebenden einen zugleich kräftigen und dennoch ängstlichen und

ausweichenden Entschluß gefaßt. Die Freunde sollen ohne ihn nach Hause

fahren und den Eltern die Nachricht bringen; er will allein

zurückbleiben, Dorotheen selbst befragen und den näheren Fußweg am

Birnbaum vorbei entweder glücklich mit ihr nach Hause herabsteigen oder

ohne sie einsam zurückschleichen. Alle Worte, die er hier spricht, sind

die eines liebenden, zwischen Jammer und Glück hin- und hergeworfenen

Herzens, die dieselbe Wahrheit, Tiefe und Zartheit an sich tragen wie in

Alexis und Dora. Wir schweben mit dem Jüngling in Erwartung, teilen

seine Betrübnis, lächeln über die drolligen Scherze bei der Abfahrt der

Freunde, aber innerlich bewegt sehen wir mit Hermann den Staub sich

erheben, sich zerstreuen und stehen wie er ohne Gedanken.

Je näher wir mit Eröffnung des siebenten Gesanges dem Schlusse rücken,

desto reicher werden die aufgewandten poetischen Mittel, die Empfindung

immer inniger, ängstlicher, die Darstellung immer seelenvoller und ihre

zartbleichen Farben steigern und röten sich unmerklich. Das innere Herz

und die äußere Natur, die Stimmung der Seele und die umgebende

Landschaft, der Zug der Liebe und der leise spielende Zufall, alles

neigt sich zusammen, Sinn und Bedeutung des Bildes zu steigern und

sammelt alle Zauber der Phantasie zu der Fülle der zartesten Rührung,

die aus dem Grunde eines lauter menschlichen Verhältnisses quillt. Der

Gesang beginnt mit einem ebenso wahren als prachtvollen Gleichnis. Wie

der Wanderer am Abend die versinkende Sonne noch einmal ins Auge faßt

und dann geblendet ihr Bild schweben sieht, wohin er die Blicke auch

wendet, so sah Hermann Dorotheens Gestalt sich vor seinem Auge durch das

Feld bewegen. Es war der Traum der Liebe, in welchem die Geliebte dem

geblendeten Auge überall gegenwärtig ist, aber der Traum verschmilzt

hier mit der Wirklichkeit: Hermann erwacht und staunt und staunt wieder,

denn Dorothea kommt wirklich, es ist kein Scheinbild, sie ist es

selbst. Mit Krügen in der Hand kommt sie zum Brunnen geschritten, um

Wasser zu schöpfen. Der Zufall führte sie gerade jetzt zur Quelle, bei

der Hermann in Sorgen der Liebe einsam träumte.

Ueber Goethes Hermann und Dorothea · 第 6 / 14 段