Vergleichen wir diese Erzählung mit dem darauf gebauten Goetheschen

Gedicht, so tritt der ganze Unterschied des bloßen Faktums und

prosaischen Vorfalls mit einer von der Phantasie wiedergeborenen idealen

Begebenheit hervor. Der Dichter hatte mit dem rohen Stoffe, nachdem er

ihn aller Zufälligkeit entkleidet, eine doppelte Prozedur vorzunehmen:

er mußte ihm eine Seele, eine Idee einhauchen und von diesem Lebenspunkt

aus die Form sich gestalten und bis ins einzelnste individuell

herausarbeiten lassen. Es war eine Familienbegebenheit, eine auf

verworrener Wanderung in einer kleinen Stadt zu stande gekommene Heirat,

die in der Anekdote vorlag: die Familie, Darstellung des in der Familie

und dem Bürgertum waltenden und durch Tradition sich immer neu

erzeugenden Geistes unmittelbarer Sittlichkeit, Kontrastierung desselben

mit der Unruhe geschichtlicher Kämpfe, dies wurde folglich die Idee des

Gedichts, nach der sich nun alle übrigen Teile desselben dienend

richteten. Um die Familie zu vollenden, war auch die Mutter nötig, die

in der Anekdote fehlt; die dort erwähnten mehreren Freunde zog der

Dichter der Ueberschaulichkeit wegen in zwei zusammen; mit Vater,

Mutter, Sohn, zwei Hausfreunden und der hinzukommenden Tochter war der

menschliche Kreis der Familie vollendet. Alle diese Gestalten empfingen

den Typus der reinen Menschlichkeit und der besondern Sphäre, deren

Vertreter sie waren, während der Bürger und sein Sohn nur reale

Individuen waren mit allem Eigensinn und Zufall der endlichen Existenz;

zugleich aber wurden sie zu allseitig bestimmten und plastisch

verkörperten Individuen, während die prosaische Quelle nur ganz

allgemein die Personen nannte, mit denen jener Vorfall sich ereignet

hatte. Der Gastwirt, der Pfarrer, der Apotheker vertreten die drei

Hauptfiguren jeder kleinen Stadt. Daß das Mädchen dem Jüngling einen

Mahlschatz von zweihundert Dukaten gereicht habe, blieb als eine unreine

Zuthat der Wirklichkeit weg. Der so im großen umgestaltete Stoff mußte

nach allen Seiten motiviert, durch Belebung im einzelnen nahe gerückt,

nach Zeit, Lokalität und Umständen als gegenwärtig vor unsre Phantasie

gestellt werden. Dies alles hat der Dichter geleistet und, wie viel dazu

gehörte, welchen Reichtum schöpferischer Akte bei aller Einfalt diese

Belebung des Stoffes erforderte, lehrt ein Blick auf die Quelle. Mit

fester Bildnerhand, deren Züge überall von der Inspiration der Phantasie

wie von der bewußten Einsicht gereifter Kunsterfahrung geleitet werden,

hat er den Plan folgerichtig entworfen, sicher durchgeführt, an jedem

Punkte festgehalten, die Personen eigentümlich charakterisiert und

zugleich zu idealen Typen generalisiert, die Lokalität so individuell

bestimmt, daß wir sie kennen wie unser Vaterhaus, die Zeit endlich so

glücklich gewählt, daß Familie und Bürgertum gerade in jenem bestimmten

Moment von der innigsten Lebenswärme durchdrungen erscheinen. Die

Salzburgische Religionszwistigkeit nämlich war eine verschollene,

verhältnismäßig kleinliche Angelegenheit: der Dichter ließ sie fort und

setzte die französische Revolution an ihre Stelle, die bei weitem

mächtiger die gemütliche Privatexistenz erschütterte und von deren

ergreifenden, das heterogen gestimmte Gemüt des Dichters zerrüttenden

Eindrücken er sich soeben zu ästhetischer Freiheit der Betrachtung

wiedererhoben hatte. Zugleich mußte nun das thüringische Städtchen zu

einem Städtchen am Rhein werden und danach die ganze Welt der Sitten und

die Oertlichkeit im einzelnen sich richten.

Goethe glaubte an dem Stoffe einen besonders glücklichen Fund gemacht zu

haben. Er schreibt an Heinrich Meyer: der Gegenstand selbst ist äußerst

glücklich, ein Sujet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet;

wie denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltener

gefunden werden, als man denkt, deswegen auch die Alten beständig sich

nur in einem gewissen Kreise bewegen. Die letztere Bemerkung zu prüfen,

würde hier zu weit führen; wir erinnern nur an Friedrich Vischers

geistvolles Wort, die Findung des Stoffes sei dem geheimen

Wechselgespräche zwischen Zufall und Genius zu überlassen, an dem

Instinkt habe der Künstler seine Wünschelrute, an dem Zufall seinen

Boden.

Auch die Idee zu Hermann und Dorothea hatte Goethe schon mehrere Jahre

mit sich herumgetragen, wie Schiller an Körner schreibt. Es ging also

mit diesem Gedicht wie mit den meisten der übrigen Dichtungen Goethes:

er trägt sie lange, sie werden langsam reif, eine gewisse Weichlichkeit

hält ihn ab, die Schmerzen und die Arbeit, die mit der Ablösung

verbunden sind, zu übernehmen; auch wird ihm der geheime innere Schatz

so lieb, daß er ihn ungern an die Außenwelt entläßt. So gehen viele

Goethesche Konzeptionen ganz verloren, weil ihre Geburtsstunde niemals

kam; andre blieben Fragment, Entwurf; bei andern kam der Moment der

eigentlichen Niederschlagung zu spät, d. h. des Dichters Lebensalter war

darüber hinaus. Eine alte Idee war so die Braut von Korinth, die um

dieselbe Zeit entstand und von deren befreundeten Gestalten der Dichter

ungern schied. Manches überließ er auch Schiller. Der Moment der

Ausführung war aber bei Hermann und Dorothea ein sehr glücklicher. Mit

niemand war über den Plan hin- und hergesprochen worden, wie etwa bei

Wilhelm Meister, also kein innerer Zweifel, keine störende Reflexion;

die Geschwindigkeit der Produktion, wie sie Goethe in jugendlichen

Jahren besessen, war wiedergekehrt. Die Ausführung, schreibt Schiller an

Körner, die gleichsam unter meinen Augen geschah, ist mit einer mir

unbegreiflichen Leichtigkeit und Schnelligkeit vor sich gegangen, so daß

er neun Tage hintereinander jeden Tag über anderthalb Hundert Hexameter

schrieb. Schiller mußte dies unbegreiflich sein, da Schiller, von der

Natur nicht so begünstigt, überhaupt der Schönheit und Vollendung des

Daseins sich nicht so unbefangen und göttlich heiter erfreuend, alle

seine Produkte mit ernstem Willen und mühevoll der Natur abtrotzen und

abringen mußte, wovon natürlich die Spuren immer noch sichtbar blieben.

Die Ausführung geschah übrigens im Herbst 1796 teils in Weimar und Jena,

teils in dem lieblichen Bergstädtchen Ilmenau. Vossens Luise hatte das

Gedicht zwar »nicht veranlaßt, aber doch neuerdings geweckt«: beide

Gedichte sind übrigens himmelweit verschieden, wie wir später sehen

werden, und es ist lächerlich, sie vergleichen zu wollen.

Goethe war selbst mit dem Gedicht sehr zufrieden, was immer ein

günstiges Zeichen ist: es war der Prozeß der Entäußerung also nie vor

sich gegangen. Er liebte das Gedicht vorzulesen, was er nie ohne Thränen

der Rührung konnte. Zum erstenmal geschah es ihm auch, daß das Publikum

gleich anfangs zufrieden war, daß ein freudiger Widerhall ihm

antwortete, während er sonst immer erst sein Volk allmählich zu sich

heranziehen und immer erst eine Generation vergehen mußte. Seine

philisterhaften prosaischen Feinde, die preußische Schule mit ihrem

beschränkten sogenannten gesunden Menschenverstande mäkelten dennoch

auch an diesem Gedichte herum; Kritiker der alten Schule nahmen eine

wohlweise Miene an. Der Rezensent z. B. in der neuen Bibliothek der

schönen Wissenschaften und freien Künste sagt, die einen hätten das

Gedicht ebenso sehr erhoben, als andre es herabgesetzt hätten; wir

glauben für unsre Person, daß es ebensowenig ohne Einschränkung gerühmt

als ohne Einschränkung getadelt werden könne. Also mattherzige Mäßigung,

wie wir sie auch bei den jetzigen Gegensätzen, den religiösen und

politischen, bei Alltagsköpfen finden, die sich dabei sehr weise dünken.

Das Gedicht, fährt er fort, liegt auf dem Gange der epischen und

mimischen Gattung: Unsinn!

Goethe sandte seinem Epos ein kleines elegisches Gedicht nach unter dem

Titel Hermann und Dorothea, das sich unter den lyrischen Gedichten

findet und worin er wie ein Vorredner von sich, seinem Publikum, seinem

Werke spricht. Dennoch ist in dem schönen Gedichte alles Prosaische und

bloß Individuelle durch eine ganz poetische Behandlung ausgelöst. Ein

Hauch menschlich-natürlicher Lebenseinfalt, ein Zug rührender

Vertraulichkeit durchweht diese Worte; man muß das Gedicht lesen,

nachdem man Hermann und Dorothea gelesen, um auch den liebenswürdigen

Dichter selbst, sein Haus, seine Person sich nahe gerückt zu sehen. Er

klagt über kommendes Alter und bittet das Geschick nur um zweierlei, um

die fortwährende Gunst der Muse und um einen stillen und frohen

häuslichen Kreis; beides wird ihm die Jugend erhalten und die Heiterkeit

nicht erlöschen lassen. Heller flamme das Feuer im Kamin, das die Gattin

schürt und in das der Knabe spielend das Reis wirft. Der Wein fehle im

Becher nicht, die Freunde mögen kommen und sich zu freundlichen

Gesprächen niederlassen und des Dichters neuestes Werk hören. Auf sehr

treffende und herzliche Weise spricht er selbst von diesem seinem

Lieblingskinde; den idyllisch-idealen Charakter deutet er in den Worten

an:

Deutschen selber führ' ich euch zu in die stillere Wohnung,

Wo sich nah der Natur menschlich der Mensch noch erzieht.

Auch daß Krieg und Revolution als Hintergrund die einfach rührende

Idylle trägt, wird in den folgenden Versen angedeutet; dann sagt der

Dichter:

Hab' ich euch Thränen ins Auge gelockt und Lust in die Seele

Singend geflößt, so kommt, drücket mich herzlich ans Herz!

Interessant sind auch die literarischen Anspielungen in dem Gedichte und

die Weise, wie der Dichter auch literarische Kritik in die Grazie

elegischer Poesie aufzulösen verstand. So freut er sich darüber, daß

Friedrich August Wolf den einen Dichter Homer in mehrere Rhapsoden

zerlegt hat, denn der _eine_ war zu groß und schlug allen Mut nieder:

Erst die Gesundheit des Mannes, der endlich vom Namen Homeros

Kühn uns befreiend uns auch ruft in die vollere Bahn!

Denn wer wagte mit Göttern den Kampf und wer mit dem Einen?

Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön.

Später freilich dachte Goethe anders. Auch Voß bekommt wegen seiner

Luise ein nur allzu freigebiges Lob:

Uns begleite des Dichters Geist, der seine Luise

Rasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.

Beide Dichter, Schiller und Goethe, überschätzten das Vossische Gedicht

und liest man Schillers Aeußerungen in seiner naiven und

sentimentalischen Dichtung, wo er griechischen und naiven Geist in der

Luise findet, so begreift man nicht, wie Schillers sonst so

eindringendes Urteil hier sich so bestochen zeigt. Auch in diesem

Gedicht ärgert man sich, gleich hinter Homer den Schulmeister von Eutin

mit dem Werke seiner etwas groben Finger erwähnt zu sehen. Wie Voß einen

Kranz bekommt, so werden andrerseits die Tadler abgewiesen, die Goethe

wegen seiner Elegieen und Epigramme, wegen des üppigen und stachlichten

Tons Vorwürfe gemacht. Er beruft sich auf seine römischen Vorgänger und

meint mit vollem Recht, gerade er habe den Geist des Altertums ergriffen

und die Alten aus dem Staube der Schulstube in das Leben geführt:

Also das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert,

Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegne, gesellt?

Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten,

Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt?

Und mit Bezug auf die neue Art, den Genuß der Liebe auch poetisch

auszusprechen:

Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht?

So ist das ganze Gedicht warm, persönlich, eine liebenswürdige Beichte:

so führt es uns ein in den traulichen Kreis des Goetheschen Hauses, in

das Heiligtum seines schönen Gemüths und weiß über alles dies den Glanz

der Poesie, eine antike Hoheit und Milde zu verbreiten. Schiller

schreibt darüber: Ihre Elegie macht einen eigenen tiefen Eindruck, der

keines Lesers Herz, wenn er eins hat, verfehlen kann; ihre nahe

Beziehung auf eine bestimmte Existenz gibt ihr noch einen Nachdruck mehr

und die hohe schöne Ruhe mischt sich darin so schön mit der

leidenschaftlichen Farbe des Augenblicks; es ist mir eine neue

trostreiche Erfahrung, wie der poetische Geist alles Gemeine der

Wirklichkeit so schnell und so glücklich unter sich bringt und durch

einen Schwung, den er sich selbst gibt, aus diesen Banden heraus ist,

so daß die gemeinen Seelen ihm nur mit hoffnungsloser Verzweiflung

nachsehen können.

Ort und Zeit.

Der Dichter versetzt uns in ein Städtchen am Rhein zur Zeit der

Revolutionskriege. Es liegt von der großen Heerstraße seitwärts in einer

glücklichen Verborgenheit, denn von den Vertriebenen sagt der Wirt, daß

sie

Durch den glücklichen Winkel

Dieses fruchtbaren Thals und seiner Krümmungen wandern.

Und an einer andern Stelle:

Schon ist der neue Chausseebau

Fest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.

Gerade in dieser stillen Abgelegenheit, die nicht bis zur völligen

barbarischen Isolierung geht, konnte sich die häusliche Sittlichkeit

guter Menschen entwickeln und erhalten. Unser Städtchen liegt am

Mittelrhein gerade da, wo in weintragender, fruchtbarer, vielbevölkerter

Gegend die Sitten menschlicher sind und das Blut leichter und fröhlicher

ist. Der Vater wünscht einmal, sein Sohn Hermann solle sich etwas in der

Welt umthun und

Sehn zum wenigsten Straßburg und Frankfurt

Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.

Und in einer Rede des Pfarrers kommt Straßburg nochmals vor:

Denn wir waren in Straßburg gewohnt den Wagen zu lenken,

Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglich

Rollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Thor durch

Staubige Wege hinaus bis fern zu den Auen und Linden

Mitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.

In jener Gegend hatte der Dichter selbst seine Heimat, dort waren seine

Jugendjahre verflossen: in Frankfurt war er geboren, in Straßburg hatte

er zwei Jahre zugebracht, die durch sein Liebesverhältnis mit

Friederike von Sesenheim, durch die Bekanntschaft mit Herder und die

literarische Revolution in seinem Innern zu den inhaltvollsten seines

Lebens geworden waren. Dort liegen die Wurzeln seiner Poesie. Wer aus

dem Norden Deutschlands den Main überschreitet, der wird an dem vollen

Leben und der naiven Fröhlichkeit der Menschen inne, daß er in Goethes

Heimat- und Jugendluft atmet: hier wurden seine Lieder empfangen und

geboren; hier umklang des Dichters Seele von früh auf in der konkreten

und graziösen Volkssprache jener Hans-Sachsische Ton, der in seinen

Werken so unendlich heimatlich zu uns spricht und über den wir mit so

tiefer Rührung lächeln; hier fand er in der vollen Teilnahme an dem

Leben und in der Fülle der Anschauung, die es gewährte, ein Präservativ

gegen den blöden und zähen Pedantismus der Schule; hier endlich in dem

Element leichterer Sitten an der Grenze des hellen und humanen

Frankreich knüpften und lösten sich immer von neuem die Bande der Liebe,

wie sie bei dem gröberen niederdeutschen Stamme und den Engländern, die

nur die beiden gleich widerwärtigen Pole der Prüderie und der

Prostitution kennen, in so unbefangen menschlicher Weise nimmermehr

möglich gewesen wäre. Alle Dichtungen Goethes sind nur später

aufschlagende Blüten seines Main- und Rheinaufenthalts und wir dürfen

behaupten, daß auch Hermann und Dorothea nicht bloß auf jenem Schauplatz

spielt, sondern in seiner Essenz von dorther geflossen ist.

Kindergefühle und alte Eindrücke belebten des Dichters Darstellung jener

Menschen und Gegenden. Er war in dem dortigen Bürgertum geboren und

blieb ihm bei aller aristokratischen Vornehmheit innerlich verwandt. Wir

müssen uns unser Städtchen in einem der Querthäler des Rheins denken; es

ist wahrscheinlich von Fachwerk erbaut und mit einer Mauer und einem

trocknen Graben umgeben. Das Städtchen enthält eine fleißige,

wohlhabende Bevölkerung voll Lust, Neugier und Thätigkeit; es ist

gewerbsam, denn

Mancher Fabriken befliß man sich da und manches Gewerbes

und die Einwohner betrieben neben dem städtischen Geschäft auch Weinbau

und Ackerbau. Am Markte liegt das neue grüngestrichene Haus des

Kaufmanns, des reichen Mannes, mit großgetäfelten Fenstern und weißer

Stuckatur in grünen Feldern, denn wer thut es dem Kaufmann nach, der

bei seinem Vermögen

Auch die Wege noch kennt, auf denen das Beste zu haben?

Woraus zugleich hervorgeht, daß die Fenster der übrigen Häuser aus jenen

kleinen sechseckigen, mit Blei verbundenen Scheibchen bestehen. Am

Markte liegt auch die Apotheke zum Engel und das Wirtshaus zum goldenen

Löwen, dessen Besitzer der Vater unsres Hermann ist; beide waren einst

nach dem großen Brande, der das Städtchen vor zwanzig Jahren zerstört

hatte, die schönsten am Markte, sind jetzt aber von dem Hause des

Kaufmanns verdunkelt. So ist auch der goldene Engel Michael, der die

Offizin des Apothekers bezeichnet, von der Zeit ganz gebräunt. An das

Wirtshaus zum goldenen Löwen stoßen doppelte Höfe, Scheunen und Ställe;

ihnen schließt sich der weite Garten mit Apfel- und Birnbäumen und

Kohlpflanzungen an und reicht bis an die Stadtmauer, bis zu einer Laube

von Jelängerjelieber. Dort hatte einst der Ahnherr unsres Löwenwirtes,

der würdige Bürgermeister, aus besondrer Gunst ein Pförtchen durch die

Mauer brechen dürfen, um den weiten Umweg durch das Thor zu vermeiden.

Trat man durch das Pförtchen hinaus und überschritt den trocknen Graben,

so gelangte man an den aufsteigenden Weinberg, den ein bedeckter

Laubgang auf unbehauenen Platten hinanführte; zu beiden Seiten wuchsen

große, weiße und rötlichblaue Trauben, nicht zum Keltern, sondern zum

Nachtisch, und den übrigen Berg bedeckten Stöcke mit kleineren Trauben,

von denen der edle Wein kommt. Rief man auf der Höhe des Weinbergs, so

kam ein geschwätziges Echo von den Türmen der Stadt zurück. Eine Thür

führte dort auf das weite goldene Kornfeld, das den breiten Rücken des

Hügels bedeckte und das man auf einem schmalen Grasrain durchschritt dem

Birnbaum zu, der oben die Grenze der Felder bezeichnete, die dem Wirt

zum goldenen Löwen gehörten. Man wußte nicht, wer jenen Baum gepflanzt.

Er war weit und breit in der Gegend zu sehen, seine Früchte waren

berühmt; in seinem Schatten freuten sich die Schnitter des Mahles und

rasteten die Hirten mit ihrer Herde. Bänke von hohem Rasen und Stein

umgaben seinen Stamm. Zwei der lieblichsten und rührendsten Szenen des

Gedichts spielen unter diesem Baum und man kann von ihm wohl rühmen, was

Cicero von der berühmten Platane des Plato, die am Anfang des Phädrus

vorkommt, preisend sagt, daß sie mehr durch die Darstellung des

Philosophen als durch den Quell an ihrem Fuße so gediehen. Verfolgte man

von dem Baume den Pfad weiter, so erblickte man bald den Turm eines

Dorfes und sah die Häuser und umgebenden Gärten in geringer Entfernung.

Dort lag ein weiter, grüner, rasenbedeckter Anger, den uralte Linden

beschatteten, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort. Unter den

Bäumen befand sich ein flachgegrabener Brunnen, zu dem man auf Stufen

hinabstieg; eine Mauer faßte den immer lebendigen Quell ein und

steinerne Bänke zum Ruhen umgaben ihn. Das Wasser stand in hohem Rufe:

Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.

Auch an diesem Brunnen unter diesen Bäumen geht eine der herrlichsten

Szenen vor, die Begegnung beider Liebenden, ihr Gespräch und gemeinsames

Schöpfen. Ueber die Bedeutung der Linden vor den Dörfern, in deren

Schatten sich die Gerichtsstätte der Gemeinde befand, vergleiche man

Jakob Grimms deutsche Rechtsaltertümer, wo zwei interessante Stellen aus

Hans Sachs angeführt sind. Auch außer der Weihe zur Gemeindestätte ist

die Linde auf dem Anger, die Quelle unter der Linde ein altnationaler,

ländlicher Lustort und durch die Poesie so verbreitet wie die Platane

bei den antiken Dichtern. So heißt es im Parzival:

=dâ vor stuont ein linde breit

ûf einem grüenen anger=

und an einer andern Stelle:

=dâ vermûret und geleitet was

durch den schaten ein linde.=

Auch in Tristan und Isolt weiß der Dichter das einsame Paradies, in

welches er die Liebenden versetzt, nicht besser zu schmücken als durch

einen Anger, drei Linden und in ihrem Schatten eine Quelle:

=und einhalp was ein planje,

dâ vlôz ein funtanje,

ein vrischer küeler brunne

durchlûter als diu sunne;

dâ stuonden ouch drî linden obe

schône unde ze lobelîchem lobe,

die schermeten den brunnen

vor regene unde vor sunnen.=

Diese ganze Lokalität ist nicht etwa abgesondert geschildert, nicht ein

vorausgeschicktes Gemälde, welches abstrakt, d. h. außer dem lebendigen

Zusammenhang mit dem Treiben und den Empfindungen der Menschen vor uns

aufgestellt würde, sondern alle Züge sind unbefangen in die Erzählung

verwebt, einer nach dem andern tritt in der Entfaltung der Fabel von

selbst mit ein, trägt diese und wird von ihr getragen und atmet in

demselben heitern Element anschaulicher Gegenwart.

An die Oertlichkeit schließt sich die Jahreszeit, das Wetter, der

Himmel. Ein halber Tag genügt dem Gedicht: die am Mittag beginnende

Handlung ist am Abend vollendet. Wir befinden uns im Hochsommer, glühend

brennt die Sonne, kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen. Unter dem

Thorweg des Hauses ist zwar Schatten, aber die Fliegen umsummen die

Gläser und, wer behaglich ruhen und trinken will, zieht sich in die

inneren Räume zurück, wo die stärkeren Mauern die warme Luft abwehren.

Hermann, der ins nahe Dorf eine Fahrt gemacht, läßt die Pferde im

Schatten der Bäume halten, und wie sie nach Hause eilen, quillt der

Staub wirbelnd unter ihren Hufen. Schon wankt das Korn schwer und

golden, die Ernte ist für den nächsten Tag bevorstehend. Nach dem heißen

Tage steigt am Abend der klare Vollmond am Himmel auf, mit ihm ein

schweres Gewitter. Die Sonne hatte beim Untergehen mit getürmten Wolken

gekämpft und bald hier bald dort hervorbrechend eine kurze glühende

Beleuchtung über die Gegend geworfen: später, als es völlig Nacht

geworden, blickte der Mond mit schwankenden Lichtern durchs Laub, bis

ihn die schwarzen Wetterwolken gänzlich umhüllten. Die Nacht bedeckt

sich immer breiter mit sinkenden Wolken, der Sturm saust, der Donner

grollt und Regengüsse schlagen herab. Auch dieser einfache

Witterungsverlauf verwebt sich untrennbar mit dem Thun und Fühlen der

geschilderten Menschenwelt; zu rechter Zeit mit kurzen Zügen angedeutet,

hebt er anschaulich und ausdrucksvoll deren Momente. Wie herrlich

begleitet die Mondnacht und das Gewitter Hermanns und Dorotheas Heimgang

durch das Kornfeld und den Weinberg, ihr Ruhen unter dem Birnbaum, ihr

schüchtern vertrautes Gespräch und die Umarmung auf den Stufen! Und die

letzte Szene im Hause, wo wir der Vollendung des reinsten Liebes- und

Familienglücks beiwohnen, wie rührend wird sie gehoben durch das draußen

stürmende Unwetter und den Regen, der durch die finstre Nacht

niederströmt! Auch daß der Dichter gerade den Sommer wählte, ist der

glückliche Griff des Genies. Der Hochsommer ist die Zeit, wo das

nordische Leben für einige Wochen an dem Himmel Ioniens teilnimmt, wo

die Geschäfte und Zusammenkünfte der Menschen in die freie Natur treten,

wo die unförmlichen Hüllen fallen, die farbigen Trachten sich

hervorwagen und unter Bäumen, auf Wegen und in Gärten Gestalten und

Szenen sich bilden. In dem ganzen Gedicht waltet eine sommerliche,

lichtvolle Phantasie, gerade wie umgekehrt auf dem ganzen Hamlet die

Nebel Skandinaviens liegen.

Gang der Fabel.

Wie die Grammatiker die Geschichte des Herodot nach der Zahl der Musen

in neun Bücher teilten, wie manche, z. B. Krates von Mallos, auch den

Homer nach neun Gesängen ordneten, so hat auch Goethe sein kleines Epos

in neun Gesänge zerlegt und jeden nach einer Muse benannt. Er ließ die

Musen abwechselnd singen mit schöner Stimme von der Götter Herrlichkeit

und den Schmerzen der Endlichkeit:

[Greek: ameibomenai opi kalê

humneusin rha theôn dôr' ambrota êd' anthrôpôn

tlêmosunas.]

Ueber Goethes Hermann und Dorothea · 第 5 / 14 段