Allgemeinheit fehlt und in ihm alles privatrechtlich und lokal ist. Der
Sinn für das Lokale und im engsten Sinne Heimische ist in der deutschen
Natur vorherrschend. Deutschland hat keine großen Städte erzeugt, wo der
Weltverkehr sich drängt, wo das Leben sich zu großen Verhältnissen
aufhäuft und in raschem Umschwung fortbraust: höchstens kommen solche
Städte und auch die größeren Staaten da vor, wo im Osten das deutsche
Blut schon durch Vermischung alteriert ist. In den kleinen Städten unter
engen lokalen Verhältnissen hat sich die eigentümliche deutsche
bürgerliche Sittlichkeit ausgebildet. Arbeitsam und fleißig mehrt der
deutsche Bürger in ruhigem Tagewerk seine Habe, lebt dem kleinen Amte
und Gewerbe, erfüllt geduldig seine Pflichten und Gewohnheit und Geduld,
diese echt deutschen Genien, führen ihn täglich auf demselben Pfade hin
und zurück. Einem hereinbrechenden Landesunglück, dem Kriege, der
Feuersbrunst setzt er den passiven Widerstand seines Fleißes, seiner
heimischen Anhänglichkeit entgegen: die böse Zeit geht vorüber und mit
den alten Gesinnungen richtet sich das alte Leben wieder ein.
Individuelle Existenzen und beschränkte Sphären gliedern die Stadt in
ihrem Innern, das Staatsganze liegt außer der Reflexion des echten
deutschen Bürgers; Verordnungen, höhere Befehle nimmt er mit angeborner
Scheu vor der Obrigkeit entgegen; in ferner Glorie schwebt der Fürst vor
seiner Phantasie und tief rührt es ihn, wenn dieser durch persönliches
Erscheinen, durch Herablassung oder auch nur durch erzählte Anekdoten
humanen Benehmens seinem treuen Gemüte näher gerückt wird. Vor einem
Kaiser oder König gestanden, ein Wort aus ihrem Munde vernommen zu haben
ist eine Ehre, die durch Tradition von Großmutter auf Enkel vererbt
wird; wer bei der Durchreise des Prinzen durch die halbgeöffnete Thür
hat lauschen können, weiß nachher seinen horchenden Freunden von der
wunderbaren Einfachheit oder dem wunderbaren Ueberfluß der fürstlichen
Tafel, Garderobe u. s. w. zu erzählen. Dem deutschen Bürger in seiner
stillen Privatexistenz verwandelt sich alles Politische in ein
Persönliches, eine Anekdote. In dem Wochenblatt nimmt er besonders
diejenigen Stellen mit Interesse auf, die von merkwürdigen Naturspielen,
sonderbaren Prozessen und Testamenten und dergleichen handeln. Höchstens
abends mit dem Nachbar beim Kruge Bier liebt er es, zu kannegießern und
aus gemütlichem Hafen sich erzählen zu lassen, wie weit hinten in der
Türkei die Völker aufeinander schlagen. Er phantasiert lieber über die
Politik des Auslands, als er in den einheimischen Angelegenheiten einen
Schritt thut und, wenn bei andern Nationen morgens im Kaffeehause aus
den Zeitungsblättern die Stimmung sich bildet, aus der die Thaten des
Tages hervorgehen, so politisiert der deutsche Bürger abends nach
vollbrachtem Tagewerk zur Erholung auf Museen, Ressourcen, Kasinos und
legt sich dann zu Bett, um alle Träume und Großthaten zu verschlafen. Er
baut sich in seiner Häuslichkeit, in seinem Familienleben seine eigene
kleine Welt, die mit Wall und Graben umzogen ist und von der aus er das
übrige große Welt- und Völkerleben als ein Fremdes und Feindliches sich
gegenüberliegen sieht; er ist in seinem Hause nach Goethes Ausdruck wie
im Schiff auf dem Meere. Der Romane lebt in der Gesellschaft, im
politischen Gewühl, auf der Straße und flieht seine vier Wände als
drückend und beengend und den Aufenthalt in ihnen als that- und
gedankenlos; der Deutsche atmet auf, wenn er seine Schwelle wieder
betritt, die sein Heiligtum von der harten Außenwelt scheidet. Dort
trägt alles das Gepräge gemütlicher Innigkeit, behaglicher Ruhe, des
Langsamen, Gewohnten und Ererbten von dem Schlafrock und der Pfeife bis
zu den blankgescheuerten Thürgriffen, dem Familiensalzfaß, dem
einförmigen Tiktak der Wanduhr, die noch vom Großvater stammt, der alten
Bibel, auf deren erstem Blatt der Geburtstag von Vater, Mutter,
sämtlichen Kindern und beiden Großeltern steht, der Wochenordnung,
wonach der Montag diese, der Sonnabend jene bestimmte Speise bringt
u. s. w. In der deutschen Ehe, der deutschen bürgerlichen Häuslichkeit
und lokalen Genügsamkeit waltet Treue und Gemüt, in der Thätigkeit der
mehr politischen Völker Verstand und Wille. Mit dem Familienprinzip
hängt die aristokratische Ueber- und Unterordnung, die gleichfalls dem
deutschen Stamme eigen ist, eng zusammen. Das Adelsgefühl ruht auf dem
Gefühl der unverletzten Heiligkeit der Familie, die sich bis auf
Voreltern und Enkel erstreckt und alle Glieder derselben, ja das
Stammschloß, die Bilder, Sammlungen und Diener zu einem gemütlichen
Ganzen vereinigt. Tritt der Deutsche aus der Familie heraus, so empfängt
ihn nicht die Welt oder der Staat, sondern der Stand; die Erweiterung
des Familiengeistes ist der Standesgeist. Daher in Deutschland
Rangstufen, Kastenabsonderungen, Absonderung der höheren und der
niederen Klassen, die in romanischen Ländern, wo alle durch eine gewisse
Gleichheit des Benehmens, der Empfindung und der Sprache verbunden sind,
nicht vorkommt. Abneigung und Scheu trennt in Deutschland den Zivilisten
vom Militär, den Edelmann vom Bürger, diesen vom Bauer, den Kaufmann vom
Gelehrten; auch hier also das vorherrschende Prinzip die Privatexistenz.
Alle diese Züge sind seit Goethes Zeit durch die fortgehende Geschichte
gemildert worden; in den größeren Städten hat sich das Leben dem der
übrigen europäischen Länder ähnlich gestaltet und die Eisenbahnen werden
dazu beitragen, die nationellen Schranken und die partikulären
Lebenskreise zu erweitern. Goethe selbst aber und sein Jahrhundert
hatten keinen Beruf, weder politisch zu wirken noch eine politische
Wirksamkeit, die nicht vorhanden war, poetisch darzustellen. Die
französische Revolution war etwas Fremdes, von dem deutschen Gefühl
nicht Geteiltes; sie fand in der Masse kein Echo und konnte also auch
nicht Stoff eines Epos sein. Aber noch war jenes stille und sittliche
deutsche Familien- und Bürgerleben vorhanden, dort war ein echt
nationaler Kern gegeben; noch bestand jene zwar beschränkte, aber in
sich volle und tiefe Empfindung, die allmählich von den Wogen der
anbrechenden politischen Aera verschlungen und in dem Mechanismus und
der Berechnung der Fabrikindustrie erstickt werden sollte. Hermann und
Dorothea ist das Epos von der deutschen Bürgertugend, das Epos von der
Familie und dem Privatbesitz, dieser Substanz des deutschen Geistes. Es
ist darum ein episches Idyll, wie es Jean Paul benannte, ein
bürgerliches Epos nach Humboldts Bezeichnung, kein heroisches und
historisches. Idyllisch ist es, weil das einfach Menschliche, die
überall wiederkehrende, auf dem Menschengefühl selbst ruhende Sitte, die
stillen Verhältnisse, mit denen die ewig gleiche Natur selbst den
Menschen umgibt, heiter und warm uns aus dem Gedichte entgegenwehen. In
einer Zeit der Reflexion und der Zerfallenheit machen diese
Darstellungen und Zustände nach Hegels Bemerkung dasjenige in uns
lebendig, was zum unvergänglichen Reiz in den ursprünglich menschlichen
Verhältnissen der Odyssee und der patriarchalischen Gemälde des Alten
Testaments gehört, das Freien am Brunnen, das Leben mit den Herden, Zorn
und Segen des Vaters, das Keimen der Familie aus der Familie u. s. w.
Erhöht wird der Reiz dieser Schilderung noch durch den Umstand, daß wir
das idyllische Privatleben gleichsam noch am Rande des Abgrunds in den
letzten Momenten vor seinem Untergange fassen: schon kündigt sich das
politische Zeitalter dumpfgrollend im Hintergrunde an; schon steht der
festgestalteten Lebensordnung unsrer Familie die wilde Auflösung des
Zuges der Vertriebenen gegenüber und, wie ferne Gebirge vom Horizont in
ein friedliches Thal hinübersehen, so hallen die gewaltigen Ideen und
wilden Männer und furchtbaren Ereignisse der Revolution aus gedämpfter
Ferne bis in unsre idyllische Welt, die durch den Kontrast nur noch
inniger an unser Herz tritt. Hierin könnte man Hermann und Dorothea mit
Virgils Eklogen vergleichen, wo gleichfalls ländliche Gemälde auf den
schrecklichen Hintergrund der römischen Revolutionsgeschichte
aufgetragen werden, nur daß bei Virgil die innere Wahrheit der
Darstellung fehlt, die an Hermann und Dorothea entzückt. Das Bewußtsein
eines glücklichen Privatlebens dem Schwanken politischer Umwälzungen
gegenüber wird in dem Gedichte selbst an mehreren Stellen deutlich
ausgesprochen. So sagt die Mutter zu Hermann:
Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist,
Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen.
Und der Pfarrer verteidigt in einer herrlichen Schilderung das
verharrende, immer wiederkehrende Leben des ruhigen Bürgers:
Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger, u. s. w.
Und den gleichen Gedanken als den Sinn und das Resultat des ganzen
Gedichtes spricht Hermann am Schlusse aus:
Desto fester sei bei der allgemeinen Erschüttrung,
Dorothea, der Bund! u. s. w.
Hermann und Dorothea ist so wenig ein politisches Gedicht, daß es
vielmehr in seiner innersten Substanz antipolitisch ist, daß es uns als
ein unverdorbenes Vermächtnis aus jener stillen Zeit überliefert ist,
die den Stürmen der politischen Epoche vorausging. Es ist aus der
inneren Tiefe der deutschen Nationalität hervorgehoben, die überall nur
die zweite Rolle spielen wird, wo die Aufgabe aus der Stille der Natur
in den Kampf des Willens, aus der Familie in den Staat sich versetzt.
Karl Grün wendet Goethes Abkehr von der Politik positiv und will
darthun, die Erringung abstrakter politischer Rechte sei Goethe zu wenig
gewesen und er habe weiterblickend jenes ganze Streben als zu eng und
leer verschmäht. Allein Goethe ruht nicht auf der überwundenen
politischen Bewegung, nicht auf deren Konsequenzen, sondern auf der Zeit
vor der Revolution, wo jene Bewegung noch gar nicht hervorgebrochen war.
Der Kommunismus setzt die Tendenzen des Liberalismus als durchgeführt
voraus; das System politischer Gleichheit, die gleiche Geltung
abstrakter Persönlichkeit ist ihm nur nicht genug: er will jedem
einzelnen auch gleiches Wohlsein, gleiche Möglichkeit humaner Bildung,
wahrhaften Anteil an den materiellen und geistigen Gütern des Lebens
verbürgen und den Individualismus in einem sozialen Organismus zugleich
binden und befreien. Nun strebt zwar auch die deutsche Dichtung nach dem
Besitz humaner Schönheit, aber ohne dem Leben die vorgefundene, durch
Naturkräfte ihm gegebene Gestalt nehmen zu wollen. Im Gegenteil, die
Idee der Natur ist es, die jenes ganze Geschlecht, an dessen Spitze
Goethe steht, bei seinem Abfall wie bei seinem Schaffen leitet. Der
Frieden der Natur, ihre stille Entwicklung, ihr Gewährenlassen wird das
Vorbild auch im Menschenleben: Was die Pflanze willenlos ist, sei du es
wollend, das ist's. Die Liebe wird wieder in ihr Recht eingesetzt,
ebenso die dunkle mächtige Naturkraft des Genies, die Familie, die
Tradition, die Sage, die Poesie. Der Mensch fühlt sich mitbegriffen in
dem großen schaffenden All, ordnet sich ihm unter und wird in offener
Hingabe, im Drang der Umstände und Bedingungen zum Gleichgewicht schöner
Bildung getragen. Aller starren Satzungen, durch welche die
Menschenwillkür der Natur entgegentritt, allem leblosen Dünkel des
Verstandes, den abstrakt formalistischen Diktaten der Kirche entzieht
sich das Subjekt durch Wiederherstellung lauteren Menschengefühls in
sich. Alle Unruhe der kämpfenden Geschichte, jeder Anspruch, empörerisch
Leben und Gesellschaft umzugestalten, wird von Goethe als dem Werden und
Wachsen der Natur entgegengesetzt verabscheut. Die ausbrechenden
politischen Stürme sind daher störend, sie drängen nach Goethes eigenem
Ausdruck ruhige Bildung zurück. Der Sozialismus betrachtet nun zwar sein
Objekt, den Menschen, auch nicht als abstraktes Rechtsindividuum,
sondern als lebendiges Ganzes, dem in allen Bedürfnissen und in seiner
vollen Bestimmung Rechnung getragen werden soll; er will ihn kein Opfer
werden lassen weder der negativen Moralität noch den Scheinbildern
religiöser Transscendenz; hier in dem Rhodos dieser reichen Gegenwart
soll er genießen und sich bilden und der Fülle der Welt sich
bemächtigen. Aber der Sozialismus will mit dem autonomischen Prinzip der
Revolution eingreifen und gestalten und das Recht des Individuums auf
allseitige Existenz in Vollzug setzen. Der Sozialismus verwirklicht ein
philosophisches Ideal, er ist revolutionär und so dem
naturphilosophischen Humanismus Goethes gerade entgegengesetzt. Goethe
steht außer der Geschichte, der Kommunismus fußt auf ihr, indem er ihre
bisherigen Resultate bekämpft. Goethe läßt bei seiner Humanisierung des
Individuums den Staat außer Augen, der Kommunismus will gerade die leere
Form des Staates erfüllen. Goethe ist unpolitisch, der Kommunismus ist
ultrapolitisch. Und welche Verwandtschaft hätte die affirmierende
Anerkennung des Privateigentums in Hermann und Dorothea, welches Gedicht
Karl Grün auch weislich übergeht, mit den Tendenzen des Kommunismus?
Gewiß finden wir gerade hier den echten Goethe reiner als in manchen
Grillen der Wanderjahre, die der Greis geschrieben.
Auch Dahlmann bespricht in seiner Geschichte der französischen
Revolution das Verhältnis des kritischen Geistes in Frankreich zu der
deutschen Literaturperiode des achtzehnten Jahrhunderts. Nachdem er
Montesquieu, Rousseau und Voltaire genannt, fährt er fort: Faßt man
diese drei hervorragenden Köpfe zusammen und fügt noch als vierten Mann
den genialen Diderot hinzu, der noch mehr ätzende Elemente im Geiste
trug, so erkennt man recht deutlich, daß der vierzehnte Ludwig bei
weitem höhere Güter als bloß industrielle antastete, damals als er seine
fleißigen Reformierten ausstieß; denn er schnitt mit ihnen das Asyl für
eine unabwendbare Entwicklung der menschlichen Geisteskräfte ab, welche
sich in dieser bedächtig prüfenden Glaubensform unschädlich hätte
ablagern können; der Protestantismus ist ja nun einmal begnügt, wo man
ihn auch allenfalls bloß duldet, der Katholizismus dagegen will die
Alleinherrschaft führen und Ludwigs Dragoner verhalfen ihm dazu; aber
herrscht denn am Ende eine Kirche wirklich, von welcher sich die ersten
Köpfe der Nation mit Trotz und Geringschätzung abwenden? Ganz anders
stand auch diese Sache im deutschen Reiche; denn in demselben
achtzehnten Jahrhundert trug der deutsche Reichsboden vier großbegabte
Männer, welche ihr gediegenes Wesen aufrichtig hinstellen durften, wie
es war, unbekümmert darum, wie es zu den Glaubenssatzungen stehe,
welchen der westfälische Frieden Schutz verleiht: Winckelmann, Lessing,
Goethe und Schiller; Pflanzen dieser edeln Gattung konnten nur auf einem
Boden gedeihen und ihre unsterblichen Früchte zeitigen, auf welchem der
Protestantismus ein Recht des Daseins hat und sich zugleich mit dem
Katholizismus friedlich eingewöhnen und ausgleichen soll, da denn der
unwiderstehliche Wert solcher höheren Naturen den seichten
Verketzerungstrieb nach beiden Seiten zu Boden wirft; was diese
deutschen Männer nicht ohne heißen Kampf zwar, aber ohne Verbitterung
ihres lichten Innern überwanden, die Hindernisse, welche dumpfer
Glaubenseifer einer edeln Geistesbildung entgegensetzt, an diesen
Klippen scheiterten jene starken Geister Frankreichs und es schlug hier
die verwandte Richtung in den Witz des Grimmes und eine giftige
Leichtfertigkeit um, weil sie keinen erlaubten Boden fand. -- Hier haben
wir die beliebte deutsche Weise, religiöse Kategorieen überall zum
Mittelpunkt von allem zu machen und sie auf Gebiete zu übertragen, wo in
ihnen die Bewegung gar nicht liegt. Dahlmann teilt also die vulgäre
Meinung protestantischer Theologen, Frankreich sei deshalb in die
Revolution gefallen, weil der Protestantismus dort nicht hatte
durchgesetzt werden können, womit die ebenso verbreitete katholische
Ansicht, die Revolution sei nur die natürliche Konsequenz des in der
Reformation enthaltenen Aufruhrprinzipes, in direktem Widerspruch steht.
Nun ist es aber reine Täuschung, das Luthertum oder den Calvinismus des
siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts für eine liberale Lehre zu
halten, die einen unschädlichen Abzugskanal für den Vorwitz und das
Neuerungsgelüst der Menschen gebildet hätte. Der Protestantismus setzte
Autorität gegen Autorität, den geschriebenen Buchstaben gegen die
Tradition; die lutherische Dogmatik ist in keinem Punkte freisinniger,
in mehr als einem naturwidriger als die katholische; nicht die Autonomie
der Vernunft, deren Verstocktheit und Blindheit die Reformatoren nicht
genug einschärfen können, sondern der Glaube und die Schrift ist die
Losung des Kampfes. Den Scheiterhaufen der Inquisition steht die
Verbrennung Servets gegenüber, die von Melanchthon öffentlich gebilligt
wurde. Mußte Galilei im Kerker widerrufen, so mußte der Philosoph Wolff
auf Anklagen der Pietisten Halle und Preußen binnen vierundzwanzig
Stunden verlassen bei Strafe des Stranges. Ludwig der Vierzehnte trieb
die Reformierten durch Dragoner zum Lande hinaus, aber das
erzprotestantische England verfolgte die Katholiken auf nicht minder
empörende Weise und emanzipierte sie erst vierzig Jahre nach der
französischen Revolution und auch da nur teilweise. Erst als durch das
mannigfaltigste Zusammenwirken der verschiedensten Ursachen, besonders
durch den Einfluß der Naturwissenschaften die Glaubensfinsternis
gebrochen ward, begann der Protestantismus die Geistesfreiheit, die
außer ihm gewonnen worden, für sein Prinzip zu erklären und auch das in
ganz allgemeiner theoretischer Weise, da er gleichzeitig =in praxi= der
Aufklärung jeden Schritt streitig machte. Winckelmann freilich fand in
der hellenischen Kunst die selige Anschauung einer mit dem Geiste
versöhnten schönen Sinnlichkeit; aber ist dies protestantisch, da doch
der spezifische Charakter des Protestantismus gerade in der
Sittenstrenge liegt, die er gegen die Sinnenfreundlichkeit des
Katholizismus geltend machte? Mit keiner Epoche hat das Aufblühen der
Poesie in Deutschland eine tiefere Aehnlichkeit als mit dem Humanismus
Italiens im fünfzehnten Jahrhundert, der ganz so auf allmählicher
Ueberwindung der Asketik des Mittelalters ruht, wie der deutsche auf
Ueberwindung der lutherischen Theologie. Gerade gegen jenen
Schönheitskultus in Italien aber war die Reformation gerichtet. Freilich
ist die genannte Blütezeit Italiens doch in mancher Beziehung reicher
als die drei Jahrhunderte später erfolgende deutsche, reicher um das
mannigfache historische Leben, das gleichzeitig in Italien nicht fehlt.
Stellt sich dem wunderbaren Genius Rafaels der ihm so nahe verwandte
Goethes gegenüber, so suchen wir in Deutschland vergeblich nach einem
Macchiavelli. Daß die politische und die humane Bildung getrennt sein
können, sehen wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in England.
Nirgends ist das reine Menschengefühl weniger entwickelt als in England,
diesem angeblich hoch-zivilisierten Musterlande unsrer Doktrinärs,
nirgends die Liberalität der Lebensansicht durch eine dickere Mauer
theologischer Satzung und konventioneller Moral behindert: Heuchelei und
Prüderie, Nutzen und Selbstsucht, Pharisäismus, Barbarei in der Kunst,
öffentliche Herrschaft der Formel bilden eine trübe Atmosphäre der
Unfreiheit, die auf dem englischen Leben und Denken lastet. Jene ideale
Bildung des inneren Menschen, die Deutschland im achtzehnten Jahrhundert
erreichte, ist bis auf den heutigen Tag in dem puritanischen England
nicht erreicht und es kann zu ihr nicht anders gelangen, als durch
politische Unglückstage. Auch in Frankreich war unter all den
mannigfachen Bestrebungen nach dem Licht die Kunst und die Läuterung der
Kunstempfindung nicht mitbegriffen. Dennoch bildet Frankreich für die
ästhetische Verjüngung Deutschlands im achtzehnten Jahrhundert die
Voraussetzung. Lessing bekämpfte Voltaires Poetik, aber den Mut zu allen
seinen kritischen Thaten gab ihm nur die breite Basis der Aufklärung,
die Voltaire über den ganzen Weltteil gelegt. Auch die geniale
Auflehnung in Goethe und seinen Genossen ist ohne den unmittelbar
vorausgegangenen Kampf der kritischen Geister Frankreichs, der in einer
positivistisch erstarrten Welt Luft und Licht schaffte, nicht denkbar.
Für einen Geschichtschreiber wie Dahlmann ist es nun gewiß ein
unglücklicher Gedanke, nach Wegen zu spähen, wie das von ihm
geschilderte Ereignis hätte vermieden werden können, und friedliche
Archäologen, Literaten und Dichter wie Winckelmann, Lessing, Goethe und
Schiller höher zu schätzen, als historische Männer wie Voltaire und
Rousseau. Nach dem Maß der Geschicke des Weltteils und der Geschichte
der europäischen Menschheit im großen gemessen, ist der einzige Voltaire
unendlich wichtiger als alle vier genannten Deutschen zusammen, und es
müßte eine wahre Festlust für einen Historiker sein, seinen Einfluß zu
schildern.
Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme.
Goethe liebte es nicht, wenn man ihn fragte, woher er den Stoff zu
seinen Dichtungen genommen, wenn man gleichsam in die geheimnisvolle
Werkstatt treten wollte, in der sie entstanden. So verriet er auch
nicht, wie er zu der unserm Gedicht zu Grunde liegenden Fabel gekommen.
Dennoch hat er später in Wahrheit und Dichtung, in seiner Erklärung der
Harzreise im Winter u. s. w. selbst den Schleier, der die Entstehung
mancher seiner Gedichte verhüllte, vor den Augen der Neugierigen
weggezogen. Auch zu Hermann und Dorothea ist später die Quelle mit
Wahrscheinlichkeit in einem Vorfall entdeckt worden, der sich im Jahre
1732 bei Vertreibung der Protestanten aus Salzburg ereignete. Nachdem
schon im Jahre 1809 im Morgenblatt jemand darauf aufmerksam geworden,
mußte 1827, wo Panses neue ausführliche Geschichte dieser Auswanderung
erschien, jedem Leser die Aehnlichkeit einer darin erzählten kleinen
Begebenheit mit der Fabel von Hermann und Dorothea in die Augen fallen.
Geschöpft ist dieselbe ursprünglich aus einigen von der Salzburger
Emigration handelnden und mit dem Ereignis gleichzeitigen Schriften.
Eine von ihnen oder vielleicht ein neuer Abdruck in irgend einem
Zeitungs- oder Unterhaltungsblatt muß Goethe in die Hände gefallen sein.
Wir geben die betreffende Stelle aus einer kleinen Flugschrift vom Jahre
1732, die die Quelle der übrigen Berichte gewesen zu sein scheint und
den Titel führt: Das liebthätige Gera gegen die Saltzburgischen
Emigranten d. i. kurze und wahrhaftige Erzählung, wie dieselben in der
gräflich Reuß-Plauischen Residenzstadt Gera angekommen. Dort heißt es
(nach dem Abdruck in einem Aufsatz von Yxem, woselbst sich auch die drei
übrigen Relationen in vergleichender Zusammenstellung nebst
interessanten Bemerkungen finden):
In Alt-Mühl, einer Stadt im Oettingischen gelegen, hatte ein gar feiner
und vermögender Bürger einen Sohn, welchen er oft zum Heyrathen
angemahnet, ihn aber dazu nicht bewegen können. Als nun die Saltzburger
Emigranten auch durch dieses Städtgen passiren, findet sich unter ihnen
eine Person, welche diesem Menschen gefällt, dabey er in seinem Herzen
den Schluß fasset, wenn es angehen wolle, dieselbe zu heyrathen;
erkundigt sich dahero bei denen andern Saltzburgern nach dieses Mädgens
Aufführung und Familie, und erhält zur Antwort, sie wäre von guten,
redlichen Leuten und hätte sich jederzeit wohl verhalten, wäre aber von
ihren Eltern um der Religion willen geschieden und hätte solche zurücke
gelassen. Hierauf gehet dieser Mensch zu seinem Vater und vermeldet ihm,
weil er ihn so oft sich zu verehlichen vermahnet, so hätte er sich
nunmehro eine Person ausgelesen, wenn ihm nur solche der Vater zu nehmen
erlauben wolle. Als nun der Vater gerne wissen will, wer sie sey, sagt
er ihm, es wäre eine Saltzburgerin, die gefalle ihm, und wo er ihm diese
nicht lassen wolte, würde er niemalen heyrathen. Der Vater erschrickt
hierüber und will es ihm ausreden, er läßt auch einige seiner Freunde
und einen Prediger ruffen, um etwa den Sohn durch ihre Vermittelung auf
andere Gedancken zu bringen; allein alles vergebens. Daher der Prediger
endlich gemeinet, es könne Gott seine sonderbare Schickung darunter
haben, daß es sowol dem Sohne, als auch der Emigrantin zum besten
gereichen könne, worauf sie endlich ihre Einwilligung geben, und es dem
Sohn in seinen Gefallen stellen. Dieser gehet sofort zu seiner
Saltzburgerin und fragt sie, wie es ihr hier im Lande gefalle? sie
antwortet: Herr gantz wohl. Er versetzet weiter: ob sie wol bey seinem
Vater dienen wolte? Sie sagt: gar gerne; wenn er sie annehmen wolle,
gedencke sie ihm treu und fleißig zu dienen, und erzehlet ihm darauf
alle ihre Künste, wie sie das Vieh füttern, die Küh melcken, das Feld
bestellen, Heu machen und dergleichen mehr verrichten könne. Worauf sie
der Sohn mit sich nimmet und sie seinem Vater präsentiret. Dieser fragt
das Mädgen, ob ihr denn sein Sohn gefalle, und sie ihn heyrathen wolle?
Sie aber, nichts von dieser Sache wissend, meinet, man wolle sie
vexiren, und antwortet: Ey, man solle sie nur nicht foppen, sein Sohn
hätte vor seinen Vater eine Magd verlangt, und wenn er sie haben wolle,
gedächte sie ihm treu zu dienen und ihr Brod wohl zu erwerben. Da aber
der Vater darauf beharret und der Sohn auch sein ernstliches Verlangen
nach ihr bezeiget, erkläret sie sich: Wenn es denn Ernst seyn solte, so
wäre sie es gar wohl zufrieden, und sie wolte ihn halten, wie ihr Aug im
Kopf. Da nun hierauf der Sohn ihr ein Ehe-Pfand reichet, greiffet sie in
den Busen und sagt: Sie müsse ihm doch auch wol einen Mahl-Schatz geben;
womit sie ihm ein Beutelgen überreichet, in welchem sich 200 Stück
Ducaten befunden.