Auf das rege nationale Leben im Reformationszeitalter war geistige

Erstarrung gefolgt. Die Universitäten, von denen im sechzehnten

Jahrhundert zum Teil die frische Bewegung ausgegangen war, waren jetzt

die Stätten, wo das Geistesdunkel am sorgfältigsten gepflegt wurde.

Toter Formalismus und barbarische Scholastik umschnürten dort die

lebendige Wissenschaft, die zum gemeinen Handwerk herabgesunken war und

den strebenden Geist, wo er nur seine Flügel zu regen suchte, mit

geistlosem Mechanismus niederdrückte und in die Formel der Orthodoxie

zurückdrängte. Die Schultraditionen wurden auf den Universitäten mit

pedantischer Despotie aufrechterhalten; von den Kathedern ertönte mit

steifer Ernsthaftigkeit die dürre und geistlose, mitunter durch Zoten

gewürzte Paragraphen- und Zitatenweisheit. Der enge Geist der

Korporation schloß die Universitäten gegen das Volk und das Leben ab.

Dieser Geist zeigte sich in der lächerlichen Steifheit und Würde der

gravitätischen Universitätslehrer, unter denen der Brotneid herrschte

(in der That kämpften sie oft mit dem Hunger), sowie in der empörenden

Roheit und dem Pennalismus des Burschenlebens, das sich ohne idealen

Schwung in brutalen Lizenzen dem bürgerlichen Leben ebenso abgeschlossen

gegenüberstellte. Ueberall war statt der Volkssprache das echte Organ

der Scholastik, das Latein, in Gebrauch. Leibniz sagt: =in Germania inter

alias causas ideo fixior est scholastica philosophia, quod sero et ne

nunc quidem satis germanice philosophari coeptum est=. Das Latein bildete

die dicke Mauer zwischen dem Volk und den Gelehrten: jenes erfuhr nichts

von den gelehrten Spitzfindigkeiten und konnte ihnen also weder Spott

noch gesunden Menschenverstand entgegensetzen; diese raubten sich

dadurch selbst den freien Blick ins Leben und bauten, wie Schlosser sich

ausdrückt, im Dunkeln ihre Kartenhäuser, die nur Träumer bewohnen

konnten. Selbst die literarischen Journale, doch für das lebendige

Bedürfnis des Tages und für Kenntnisnahme aller berechnet, erschienen

in lateinischer Sprache, welche Sitte sich bis tief ins achtzehnte

Jahrhundert erhielt: während in Frankreich und England die einheimischen

Sprachen schon eine klassische wissenschaftliche Prosa aufzuweisen

hatten, während z. B. in Paris das =journal des sçavans= in französischer

Sprache erschien, gab es in Leipzig eine lateinische Literaturzeitung

unter dem Namen =acta eruditorum=, in Hamburg eine andre =nova literaria

Germaniae= u. s. w. Das =journal des sçavans= wurde in Deutschland durch

den Professor Nitzsch ins Lateinische übersetzt und noch in der Mitte

des achtzehnten Jahrhunderts sah sich der Philosoph Wolff genötigt, mit

seiner deutsch geschriebenen Logik ein Gleiches zu thun, um sie seinen

gelehrten Amtsbrüdern zugänglich zu machen. Als es Thomasius im Jahre

1688 in Halle wagte, seine Vorlesungen in deutscher Sprache

anzukündigen, war der Skandal ungeheuer und von allen Seiten traf

Verhetzung und Verachtung den kühnen Verletzer der Zunftgesetze: man

erklärte seinen Schritt mit schadenfrohem Dünkel aus seiner Unwissenheit

im Latein. Diejenige Wissenschaft aber, die durch den traurigsten

Einfluß das Leben und alle übrigen Wissenschaften lähmte, war die

Theologie. Die frische religiöse Polemik der Reformationszeit hatte die

starren Formen einer blinden und fanatischen Orthodoxie als Niederschlag

zurückgelassen. Eigensinnige Theologen stritten über Nebenpunkte des

fertigen dogmatischen Systems mit einer Heftigkeit und Hartnäckigkeit,

neben welcher jede andre wahrhaft fruchtbare Geistesarbeit erstickt

ward. In uniformer Rechtgläubigkeit wurde von allen Kathedern gelehrt

und von allen Kanzeln gepredigt. Jeder etwas freier denkende Kopf ward

durch Verfolgung zum Verstummen gezwungen und, wenn er Widerstand

leistete, das weltliche Schwert zu Hilfe gerufen. Der gegenseitige Haß

der Lutheraner und Reformierten war fast ärger als ihr gemeinsamer gegen

die katholische Kirche, und an den protestantischen Höfen hatten die

Oberhofprediger dieselbe einflußreiche und intrigante Rolle, wie die

Beichtväter an den katholischen. Dieser trocknen Schultheologie

gegenüber konnte die katholische Kirche wenigstens aus dem reichen

Schatz ihrer alten Mystik, Kunst und Liturgie schöpfen und an

Fanatismus gaben die lutherischen Zeloten und Kanzelpolemiker den

Jesuiten und römischen Pfaffen der schlimmsten Zeiten nichts nach. Fast

derselbe blinde Positivismus wie in der Theologie herrschte auch in der

Jurisprudenz. Was dort die Formel des Symbols, war hier die Formel des

römischen Rechts. Das lebendige, mit dem Volksbewußtsein verschlungene

Recht war ebenso zur Buchstabenweisheit einer abgeschlossenen Zunft

geworden. Man wird von Schauder ergriffen, wenn man einen Blick in die

damalige Kriminalistik wirft. Nicht bloß zogen sich die Prozesse durch

alle Windungen des Formalismus mit endloser Langsamkeit in die Länge,

sondern ohne Ahnung von dem innern Seelenleben des Verbrechers, von den

Motiven und Gemütsleiden, die zu dem Verbrechen geführt, von den

sozialen und politischen Schäden, deren Symptom es war, wurden mit

Anwendung der Folter Geständnisse erpreßt und schaudervoll grausame

Hinrichtungen verfügt. Die Juristenfakultäten, denen die Akten zur

Begutachtung übersandt wurden, wetteiferten in unmenschlichen

Entscheidungen. Die monströseste Geburt aber, die die positive

Jurisprudenz und die positive Theologie in gemeinsamer Umarmung

erzeugten, waren die entsetzlichen Hexenprozesse, die im siebzehnten

Jahrhundert in ganz Deutschland häufig waren und sich bis ins achtzehnte

Jahrhundert erhalten: theologische Finsternis und juristische Barbarei

wirkten in ihnen zusammen. Die Philosophie war noch immer die

kümmerliche, gedrückte =ancilla theologiae=; bald mit dem Fluch belegt,

bald zu formellen Geschäften benutzt, nahm sie im Verbande der

Wissenschaften ungefähr die Stelle ein, wie die Juden im politischen

Verbande. Leibniz wandte sich in seiner großartigen, vielseitigen

Wirksamkeit mehr an die Höfe und das Ausland und bediente sich bei

seinen Schriften des Lateinischen und Französischen; rücksichtsvoll,

schonend, ängstlich wie er war, flößte er dem breit herrschenden

Dogmatismus keine Besorgnis ein. Erst um die Mitte des achtzehnten

Jahrhunderts begann die Leibnizsche Philosophie unter der systematisch

verständigen Gestalt, die ihr Christian Wolff gegeben hatte, die übrigen

Wissenschaften zu rationalisieren. Unter den Händen der Philologie jener

Zeiten verwandelten sich die Schätze des Altertums in totes Gestein und

bildeten ein Gewicht mehr, den Geist herabzudrücken. Weit entfernt,

durch das ideale Menschentum, das aus den Schriften und Kunstwerken der

Griechen redet, erfrischend und begeisternd die erstarrten Pulse der

Nation zu lösen, hatten die Philologen kaum eine Ahnung von dem wahren

Leben jener Völker, die der Gegenstand ihrer gelehrten Bemühungen waren.

Erst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts wurde durch

Heyne in Göttingen die trockne grammatisch-kommentatorische

Zitatengelehrsamkeit, deren Hauptquartier besonders Sachsen war, von der

ästhetischen Richtung gemildert; erst Friedrich August Wolf emanzipierte

die Philologie als eigne Wissenschaft aus der niedern Stellung eines

theologisch-pädagogischen Mittels; bis auf Buttmann wurden die

grammatischen Regeln nicht aus den Klassikern, sondern meistens aus dem

Neuen Testament abstrahiert. Die Wurzel dieses überall sichtbaren

unfreien Geistes lag in dem traurigen Zustand der Pädagogik und der

Schule. Hier waltete, wie in der äußern Disziplin der Bakel, so im

Unterricht der Zwang kirchlicher Autorität und die Tyrannei der Methode.

Statt die Jugend in naturgemäßer Selbstentwicklung zu fördern und zur

Menschlichkeit zu bilden, waren die gelehrten Schulen nur darauf aus,

durch unfruchtbare Pedanterie alle genialen Regungen in ihr zu töten;

lateinisch sprechen, lateinische Verse machen, war der Triumph der

Schulbildung. Die Naturwissenschaft, noch in der Kindheit begriffen,

ward bei jedem Schritt von der Kirche und deren Dogmen behindert.

Ueberhaupt war das Gefühl für die Natur und die Hingebung an sie durch

den supranaturalen Wunderglauben erstickt; der Standpunkt, sie zu

betrachten, war der mechanische und der teleologische. Die Theologie,

die überall den Mittelpunkt bildete, hatte ja den ganzen Inbegriff der

natürlichen und menschlichen Dinge als weltlich und _also_ nichtig von der

Teilnahme ausgeschlossen, die Erforschung derselben fast als Sünde

gestempelt: wie konnte die Naturforschung, ja die Wissenschaft überhaupt

gedeihen, solange der theologische Standpunkt die Gemüter beherrschte?

Gehen wir von der Wissenschaft zum Leben und zur Sitte über, so finden

wir hier alles in gleicher Unnatur befangen und von toten

konventionellen Formen eingeschnürt. Den geselligen Umgang hemmten

willkürliche Anstandsgesetze, weitläufige Umschweife und Titulaturen,

Heuchelei und schamlose Servilität. Das Ihr in der Anrede ward zum

künstlichen Er, das Er zum völlig abgeschmackten Sie. Nirgends trat der

Mensch selbst hervor, nirgends sprach der Mensch zum Menschen. Die freie

soziale Bildung, die in Frankreich längst aufgeblüht war und sich ihre

eignen Regeln geschaffen hatte, kam nach Deutschland nicht in ihrem

humanen Prinzip, sondern in ihren Regeln hinüber, die nun einen

lächerlich-unwahren Zwang ausübten. Eine prüde Moral hielt die beiden

Geschlechter ferne voneinander; die Stände waren durch strenge Schranken

geschieden und jede Extravaganz der Leidenschaft oder der Begeisterung

über die Linien der Satzung und des Herkommens fand an der Menge eine

lieblose und verdammungssüchtige Richterin. Da auf solche Art das Leben

in jeder Richtung in Formalismus erstarrt war und das Herz der Nation

unter einer dicken Eisrinde stillstand, so konnte auch die Poesie ohne

Wurzeln in der nationalen Wirklichkeit nur ein dürftiges, künstliches

Dasein fristen. Da sie aus dem Quell des lebendigen Menschengefühls

nicht zu schöpfen fand, fiel sie bald in geistlose Leere, bald in

unerträglichen metaphorischen Bilderprunk; sie war in Form und Ausdruck

wie im Inhalt unwahr und konventionell. Obgleich Opitz kaiserlicher Rat

gewesen war, stand das Geschäft des Dichters immer noch in schlimmem Ruf

und Bürger empfahl sich bei den Göttinger Professoren schlecht durch

sein Versemachen.

Aus jenem Formenzwange nun, aus der Selbstentfremdung in dürren

objektiven Satzungen die Nation zu Wahrheit und Natur zurückzuführen,

dem Gemüte, der innerlichen Welt des Subjekts ihr Recht wiederzuerobern,

die falschen Konvenienzen zu brechen, die dumpfen Kerker der Pedanterie

und Scholastik dem Licht zu öffnen, dies war die Arbeit und die Aufgabe

des achtzehnten Jahrhunderts, und auf diesem Punkt ist es, wo Goethe

durch seine Dichtungen den unvergänglichen Lorbeer gewann. Alle

politischen Fragen lagen bei dieser naturalistisch-ästhetischen

Emanzipation außer dem Gesichtskreise. Der Kampf richtet sich gegen die

Schranken, die die freie Subjektivität einengen: das Individuum soll mit

den tiefen Rätseln und Mysterien seines Inneren, mit der ganzen

Unendlichkeit seiner Empfindung das arme Schema der fertigen äußeren

Gattungen durchbrechen, es soll zugleich in schöner Selbstbildung die

Welt anerkennen und mit der positiven Vernunft ihrer Einrichtungen sich

erfüllen; die abstrakten Sätze des hochmütigen, in Kirche und

Wissenschaft verhärteten Verstandes sollen sich in dem Lebensstrom der

totalen allumfassenden Natur auflösen; die Sitte soll wieder die

Wahrheit ursprünglichen Menschengefühls aussprechen und durch schöne

Kultur die elende, heuchlerische Moral ersetzen. Wie seit den Zeiten der

Reformation über zwei Jahrhunderte lang die Theologie das Szepter

geführt und das theologische Interesse den Mittelpunkt gebildet hatte,

so setzte diese neue Zeit über den Trümmern der theologischen Welt die

Schönheit als Herrscherin ein. Winckelmann führte zuerst die Nation in

die Heiligtümer der alten Kunst ein, wo die Versöhnung der Natur und des

Geistes sichtbar vollzogen war; in den marmornen Darstellungen

griechischer Götter, die die Theologen als Teufelswerke und Götzenbilder

der Heiden gebrandmarkt hatten, gingen ihm Ideale der Schönheit und

echten Menschlichkeit auf, die er in seiner Kunstgeschichte mit naiver

Begeisterung beschrieb. Lessings Bestimmung war es, die Schule, diesen

Alp, der auf Deutschland drückte, wegzuwälzen. Mit gewandter Unruhe in

alle Gebiete der Wissenschaft und Kunst bald kritisch, bald produktiv

Streifzüge machend, störte er überall die hochmütige Sicherheit des

gelehrten Besitzstandes und legte Feuer an die morschen hölzernen

Burgen, in denen dieser verschanzt saß. Indem er die Stellen

bezeichnete, wo die wahre Quelle der Poesie, des echten religiösen

Gefühls sprudelte, warf er die Gedichte und orthodoxen Lehren seiner

Zeit als leere Hülsen fort. Wie Winckelmann, der Kunstbegeisterte, aus

dem alten Luthertum austrat, so wußte auch Lessing nicht bloß in seinen

Schriften die umfassendste Gelehrsamkeit in die Form der leichteren

dialogischen Prosa zu bringen, sondern warf auch in seinem Leben allen

pedantischen Zwang ab. Nathan der Weise, sein letztes Werk, befreite

ganz im Sinne des Jahrhunderts die Idee der Menschenliebe und

Menschenachtung aus den positiven Religionen, die auf den Haß und die

alleinige Formel gebaut waren. Gleicherweise ist auch in Herders langer

Schriftstellerlaufbahn die primitive Menschennatur der überall

durchklingende Grundton. Auch er suchte das starre Eis der leblos

gewordenen Formen durch den warmen Hauch des Gemütes zu schmelzen; in

die dürre altlutherische Orthodoxie führte er die belebenden Mächte der

Dichtung und Sage, der Liebe und Phantasie, die Mystik, Vision und

orientalische Bilderwelt, in die Theorie der Dichtkunst die Natur, die

Genialität, das Volkslied, die Unmittelbarkeit der künstlerischen

Produktion, die nationelle und historische Charakterbestimmtheit ein. So

knüpfte sich an ihn der Anbruch jener Epoche, die stürmend und drängend

den inneren Genius aus den Fesseln jeglicher Unnatur zu befreien

trachtete. Goethe war das poetische Genie, das diese Befreiung in

positiven Dichterthaten vollzog; er wollte nach seinen eignen Worten den

Menschen das Gefühl eines edeln und wahren Daseins zum Bewußtsein

bringen. Schon in seinen Jugendliedern, die auf die kalte,

moralisierende, gemachte Lyrik unmittelbar folgen, trifft die wahrste,

naivste, seelenvollste Melodie unser Ohr; im Werther werden alle Leiden

und Seligkeiten eines einseitigen Gemütslebens, das mit sich und der

Welt in grausamem Bruch ist, vor uns erschlossen; im Tasso ist

gleichfalls die innere Welt der Dichterbrust in ihrem thränenvollen

Kampf mit der herben Realität, mit der sie eigenwillig und übergreifend

sich noch nicht in Einklang gesetzt hat, vor unser Auge gezaubert; der

Faust ist das tiefsinnige Drama von dem Ich, das auf sich selbst

gestützt an sich verzweifelt, schmerzvoll ringt, in Genuß und Erkenntnis

vergeblich sich zu genügen strebt und endlich in freier Wirksamkeit und

Thätigkeit den Frieden gewinnt; in der Iphigenie stehen wir auf dem

Boden des schon gewonnenen Sieges und die Schönheit einer edeln Seele

ist Herrin über die blinde Verworrenheit der Leidenschaft und über Fluch

und Frevel grauenvoller Vergangenheit; in den römischen Elegieen ist in

dem süßen Genuß befriedigter Liebe, in der unbefangenen Grazie reinen

menschlichen Empfindens alle negative, naturfeindliche Moral auch selbst

als Feindin aus dem Bewußtsein geschwunden und nur die hineinblickenden

Zeugen einer großen untergegangenen Welt mischen Tropfen der Wehmut in

den Kelch heiterer Freude, diese mehr lindernd als trübend. So bilden in

Goethes Dichtungen überall innere Seelenstimmungen das Thema und in

tausend variierenden Modulationen singt er von den Leiden und der

Heilung der Brust. Die innere Unendlichkeit des Subjekts hat sich

aufgethan und es läutert sich zu Schönheit und Adel. Daher das weibliche

Ideal Goethe am herrlichsten gelungen ist, denn des Weibes Bestimmung

ist, sich mit der Welt ins Gleichgewicht zu setzen, nicht mit ihr

heroisch zu kämpfen. Mit der Politik, wo im Lärm der Leidenschaft und

That die innere Musik der Seele verhallt und die stille Entwicklung

natürlichen Werdens durch die Empörung des Eigenwillens unterbrochen

wird, mit dieser konnte Goethe und das ganze ihn umgebende Geschlecht

nichts zu schaffen haben wollen. Wo Goethe ein politisches Thema zu

behandeln unternimmt, z. B. im Götz, im Egmont, da verwandelt es sich

unter seiner Hand in ein Gemälde innerer Seelenzustände. So bekämpft und

verhöhnt auch Lessing die Aristokratie hochgelehrter Perückenhäupter,

nirgends die politische Aristokratie, den Sultanismus, die

Favoritenherrschaft seiner Zeit. Auch er war ein Literat, kein

Publizist. Die Männer des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich kamen

in die Bastille, sie mußten ihre Bücher in Holland drucken lassen und

diese wurden von Staatswegen öffentlich verbrannt: die gleichzeitigen

deutschen Reformatoren blieben in Frieden mit der Zensur, denn ihre

Bücher waren auf Befreiung des inneren Menschen und des Privatlebens,

nicht auf bürgerliche Emanzipation gerichtet; was sie zerstören wollten,

war die Satzung in Kunst, Moral und Sitte; was sie erobern wollten, war

die Welt im theologischen Sinne des Wortes. Selbst Schiller, den man als

den historischen Dramatiker zu bezeichnen pflegt, hielt sich unter den

Kantschen Werken am meisten an die Kritik der Urteilskraft, wo der

Kampf der Freiheit in der Schönheit sich versöhnt, und entfaltet in

seinen Dramen mehr Neigung zu psychologischen Schilderungen und zum

Pathos des Individuums, als Talent für Zeichnung der ehernen Züge der

Zeitphysiognomie im großen. Mit Recht sagt Gustav Pfizer über den

Wallenstein: Wallenstein macht doch nicht den Eindruck, daß von dem

Schicksal des darin auftretenden Helden die Wendung des welthistorischen

Krieges und das Schicksal Deutschlands großenteils abhänge; Wallenstein

selbst interessiert uns nur als Individuum, als psychologischer, nicht

als historischer Held; Deutschland, das blutende, zerrissene und einer

noch grausenvolleren Zukunft entgegenschauende Deutschland jener Zeit

ist weder in den Piccolomini, noch in Wallensteins Tod vertreten. Auch

in der Maria Stuart ist es nicht der Konflikt zwischen dem

Staatsinteresse Englands und den Forderungen der Menschlichkeit, nicht

der Konflikt zwischen Katholizismus und Protestantismus, auch nicht der

zwischen dem sächsischen und dem schottisch-französischen Volksstamm, es

ist nicht dieser politische Konflikt, der die Seele des Stücks ausmacht,

sondern weibliche Eifersucht führt die tragische Katastrophe herbei und

wir befinden uns ganz in dem privaten Gebiet individueller

Charakterentwicklung. Ganz in dem Sinne jener Literaturepoche ist es,

wenn Schiller in der Ankündigung der Horen sagt, es sei Bedürfnis, durch

ein allgemeines höheres Interesse an dem, was rein menschlich ist, die

Gemüter wieder in Freiheit zu setzen und die politisch geteilte Welt

unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen. Daß

auch in den Briefen über ästhetische Erziehung Schiller nicht die

ästhetische Kultur zu einem geschichtlichen Durchgangspunkt machen

wollte, durch welchen die Völker in den verschiedenen Perioden der

Weltgeschichte gehen müssen, um für die politische Freiheit reif zu

werden, daß also der ganze Gegensatz für Schiller nicht, wie Gervinus

will, ein empirischer Einteilungsgrund des historischen Materials ist,

sondern die ästhetische Erziehung nur eine sittlich-schöne Wiedergeburt

bezweckt, welche, wird sie jemals vollendet, die politische Wiedergeburt

ersetzte und sie enthielte, dies hat Guhrauer vortrefflich gegen

Gervinus und dessen einseitige Betonung des historisch-politischen

Elementes auseinandergesetzt.

Nichts natürlicher also, als daß Goethe, der Dichter des achtzehnten

Jahrhunderts (denn das war er, obgleich sein Leben auch das erste

Drittel des neunzehnten umfaßte), von dem politischen Geiste unberührt

blieb, der jenseit des Rheins so furchtbare Ereignisse ins Leben rief.

Das deutsche Publikum war allen politischen Gegenständen gegenüber

apathisch, es bewegte sich in ganz anderen Sphären; so auch die Dichter.

Ich selbst und mein engerer Kreis, erzählt Goethe von seiner Jugend,

befaßten uns nicht mit Zeitungen und Neuigkeiten; uns war darum zu thun,

den Menschen kennen zu lernen; die Menschen überhaupt ließen wir gern

gewähren. Die Revolution fand zwar anfangs in Klopstock einen

enthusiastischen Anhänger, aber wie alles bei diesem Dichter war auch

diese Bewunderung eine abstrakte; die Freiheit, die ihm vorschwebte, war

eine Seifenblase, die sehr bald zerplatzte; als die Revolution sich auf

konkretem Boden nach den Bedingungen der Wirklichkeit gestaltete, als

sie wie jedes Ideal in die historischen Verhältnisse eingehend durch

diese sich durchkämpfen mußte, da hatte er nicht Sinn für wirkliche

Politik genug, um sie in diesem Kampf zu begleiten; er ward der Idee bei

der ersten unvollkommenen Gestalt, die sie annahm, untreu und schmähte

sie nun mit derselben Grandiloquenz, mit der er sie früher gepriesen

hatte.

Im allgemeinen, muß man bekennen, liegt in der deutschen Natur wenig

politischer Sinn. Wir sind ein Volk der Familie, des Privatlebens, des

Gemütes, und dieser Zug geht durch die ganze Geschichte Deutschlands.

Der Feudalstaat des Mittelalters, dieses germanische Produkt, ruht auf

der Treue, der Liebe, dem Gemüte, der Hingabe des einzelnen an den

einzelnen. Der Vasall folgt dem Lehnsherren, der selbst wieder Vasall

eines Höheren ist: er ergibt sich dem Dienst einer Persönlichkeit, nicht

einem allgemeinen Gedanken. Privatbeziehungen, privatrechtliche

Verhältnisse bilden zusammengerechnet den mittelalterlichen Staat. Alles

zerfällt in eine bunte Mannigfaltigkeit besonderer Existenzen. Jeder

Stand hat seine Rechte und Vorrechte, eine Freiheit steht neben der

andern. Eine allgemeine ordnende Vernunft, ein auf dem gleichen humanen

Anspruch aller einzelnen ruhendes Gesetz gibt es nicht. Der Baron, der

oben auf dem Felsen haust, wird anders gerichtet als der Leibeigene, der

unten an die Scholle gebannt ist, beide anders als der Bürger der

Reichsstadt; in der Stadt hat jede Zunft ihre Gerechtigkeit, ihr

Herkommen, ihren Schutzpatron; dieses Kloster hat Immunitäten, die jenem

fehlen; der einzelne steuert nicht dem Staate, sondern demjenigen, dem

er pflichtig ist; er gehört in Gesichtskreis und Sitte nicht dem

Vaterlande, denn ein solches gibt es nicht, sondern dem Gau, in dem er

geboren ist, und auch nicht dem Gau, sondern der Stadt, deren Bürger er

ist, und auch nicht dieser, sondern der Zunft, zu der er gehört.

Ueber Goethes Hermann und Dorothea · 第 3 / 14 段