nachdem wir die epische Substanz bezeichnet, die epische Haltung, die
Weise der poetischen Behandlung im Epos. Diese wird die einfache
Konsequenz von jener sein, und auch darin kann uns Homer das Muster
sein. Da das Epos in jene frühe Zeit fällt, wo die fühlende Seele in
unmittelbarer Einheit mit der Welt ist und der Wille noch keinen Kampf
mit den Naturtrieben zu bestehen hat, so wird auch die ganze epische
Darstellung von jenem heitern Frieden und jener ungetrübten Harmonie
überall getragen sein. Da ferner der epische Dichter von einer
vergangenen Zeit nur erzählt, da, was er vorträgt, nur durch den stillen
Sinn des Ohres vernommen wird und nicht wie im Drama in unmittelbar
ergreifende Gegenwart tritt, so wird der Gemütsanteil ein milderer, die
Stimmung eine freiere und der Sänger gewinnt Raum zu plastischer
Entfaltung aller Seiten und Umstände, zu ruhiger Entwicklung und
ebenmäßiger Anerkennung auch des Kleinsten und Geringfügigsten. Im Drama
ist der Charakter der Personen gleichsam nur von einer Seite beleuchtet,
insofern sie nämlich durch eine vorherrschende Leidenschaft, durch eine
besondere Stellung zum System des Ganzen in den tragischen
Kollisionsfall verwickelt sind. Das Epos aber hat nicht einen besonderen
Gesichtspunkt, es beleuchtet die Persönlichkeit von allen Seiten, in
allen Beziehungen und stellt den ganzen Menschen mit verweilender
Ausführlichkeit als eine Totalität von Neigungen, Eigentümlichkeiten und
Interessen vor unser geistiges Auge. Das Drama eilt unruhig durch eine
Reihe von immer heftigeren Dissonanzen seinem Ziele entgegen; von
Steigerung zu Steigerung drängt es der Katastrophe zu; der Zuschauer,
zwischen Furcht und Hoffnung bewegt, in sich selbst geteilt und aus dem
Gleichgewicht harmonischen Selbstgefühls gerissen, findet keine Ruhe als
in dem endlichen Ausgangspunkt, wo die gewaltsame Spannung sich in
ideales Mitleid auflöst und die Harmonie des vollendeten Kunstbaues uns
die innere Versöhnung wiedergibt. Umgekehrt bleiben wir dem epischen
Erzähler gegenüber immer in der Freiheit des Gemütes und in der
allseitigen Integrität unsrer Kräfte. Statt wie im Drama den Gehalt
heftig zusammenzudrängen, entfaltet er vielmehr das ganze Leben, die
ganze Breite menschlichen Wirkens und Daseins mit allen Nebenumständen,
allen Nebenstimmungen in gleichmäßig heller Beleuchtung. Seine
freundliche Ansicht der Dinge gewährt auch dem Unscheinbarsten ein
Dasein im Ganzen und er verweilt gern dabei. Mit göttlicher
Unparteilichkeit und Unbefangenheit gibt Homer jedem Gegenstande, dem
größten wie dem kleinsten seinen Namen und sein Recht; nachgiebig und
milde hebt er jede zur Seite sich anschließende Beziehung hervor, sie
mag wichtig oder unwichtig sein, und sich ganz hinter der von ihm
geschilderten Welt verbergend läßt er alles und jedes sich in seinen
eigensten Tönen aussprechen und nach seiner eigensten Form und Stelle in
das reiche und mannigfache Bild einfügen. In dem weiten Umfang seines
anschauenden Geistes und in der gleichmäßigen Wärme seiner Teilnahme ist
nichts als störend, überflüssig oder unbedeutend ausgeschlossen. Er
berichtet uns nicht bloß, wie seine Helden hassen, lieben und kämpfen,
sondern auch, wie sie die Sohlen anlegen und über das Unterkleid den
Mantel werfen; er zählt uns alle Stücke der ehernen Rüstung auf von den
Beinschienen bis zum Haarbusch des Helms, ebenso alle Polster und
weicheren wollenen Teppiche des Bettes; er folgt der Mahlzeit in allen
ihren Teilen, die Helden waschen sich die Hände, sie erhalten alle
gleiche Portionen Fleisch zugeteilt, die Herolde mischen den Wein mit
Wasser und gießen aus dem Mischkessel jedem Gaste das Getränk in den
kleineren Becher u. s. w. Treten im entscheidenden Moment der Schlacht
zwei Kämpfer einander gegenüber, schon ist die Lanze gehoben, so hat der
Dichter doch noch Zeit und heitere Seelenruhe genug uns mit den
bisherigen Schicksalen des einen oder des andern bekannt zu machen, wo
er bisher gelebt, wer seine Mutter und sein Vater gewesen, ja wie dessen
Vater geheißen und wo und wie alt er gestorben sei. Ganz von dieser
epischen Ruhe sind auch Homers Dialoge, die Wechselreden der Helden und
der Götter unter einander durchdrungen. Sie mögen in heftiger
Leidenschaft mit einander streiten oder sie mögen Befehle geben und
empfangen oder prahlend mit einander im Wortkampf wetteifern oder in
Todesnot um Rettung flehen oder forschen oder erzählen, immer ist es der
langsame, ruhig strömende Fluß, der nirgends anhält, aber auch nirgends
mit stürmischer Gewalt fortdrängt. Ein gutes Beispiel epischen
Verweilens bildet die Stelle, wo die Amme Eurykleia beim Fußwaschen
plötzlich ihren Herren, den als Bettler zurückgekehrten Odysseus an der
Narbe am Knie erkennt. Es ist der Moment höchster Spannung: dennoch
erzählt der Dichter nun ausführlich, wie Odysseus in der Jugend zu
dieser Narbe gekommen, bei einem Besuch bei Autolykus auf dem Parnaß;
die Eberjagd, auf der der Eber ihm die Wunde beibrachte, wird mit allen
Einzelheiten geschildert; die dabei vorkommenden Reden werden
mitgeteilt; endlich wird mit den Worten: »diese Narbe also erkannte die
alte Amme« wieder eingelenkt. Wiederum als Patroklus getötet worden und
Achilles die Waffen ergriffen, schwärmt er voll Wut und
Vernichtungseifer auf dem Schlachtfelde: da trifft er auf den Lykaon,
den Sohn des Priamus; ein Augenblick genügte, um den Unglücklichen zu
verderben. Aber der Dichter schiebt ruhig diesen Augenblick noch auf: er
erzählt uns zuerst, wie Achilles schon früher einmal den Lykaon in
dunkler Nacht in des Vaters Weingarten überfallen; der Jüngling schnitt
sich da mit scharfem Messer von einem Feigenbaum junge Ruten; diese
Ruten sollten zu Wegweisern dienen; doch überfiel ihn nun dort
unversehens der göttliche Sohn des Peleus. Aber er schickte den
Gefangenen auf einem Schiffe über das Meer und verkaufte ihn ins
schöngebaute Lemnos. Käufer aber war Euneus, Sohn des Jason. Von dort
kaufte ihn ein Freund los, viel Gold gebend, Eetion der Imbrier, und
schickte ihn nach Troja zurück in die göttliche Arisbe. Von dort
heimlich entfliehend kam er ins väterliche Haus zurück. Daselbst war er
elf Tage, sich des Umgangs seiner Lieben freuend, nachdem er Lemnos
verlassen, am zwölften aber traf er wieder auf den Achilles. Jetzt also
stehen wir wieder bei dem Moment wie vor jener Einschaltung. Aber noch
fällt der tödliche Streich nicht. Achilles ist verwundert den nach
Lemnos Verkauften wieder auf dem Kampfplatz vor sich zu sehen und jetzt
folgt ein lautes Selbstgespräch von zehn Versen, in welchen Achilles
ausruft: Fürwahr ich glaube, die von mir getöteten Troer kehren aus der
Unterwelt wieder zurück; so habe ich diesen doch in die heilige Lemnos
verkauft, aber das graue salzige Meer hat ihn nicht zurückhalten können
und viele kommen doch wider ihren Willen im Meere um; aber nun will ich
sehen, ob er, wenn er meines Speeres Schärfe erfahren, auch von da
zurückkehren wird oder ob ihn die Erde bändigen wird, die ja auch den
Kräftigen bändigt. Jetzt beschreibt der Dichter, wie Lykaon im Gemüte
nicht sterben gemocht, in welcher Stellung Achilles ihm gegenüber
gestanden, wie Lykaon darauf bittend sich ihm genaht, und nun folgt in
mehr als zwanzig Versen diese Bittrede, in der Lykaon wieder Zug für Zug
erzählt, wie er in dem Obstgarten gefangen worden, für hundert Ochsen
nach Lemnos verkauft sei, elf Tage zu Haus zugebracht u. s. w. Ich sehe,
sagt er, daß meine Mutter mich nur zu kurzem Leben geboren hat, die
Laothoe, die Tochter des greisen Altes, welcher über die kriegerischen
Leleger herrscht in der hohen Pedasos am Flusse Satnioeis. Dieses Altes
Tochter hatte Priamus wie viele andre: wir waren von der Mutter zwei
Kinder, du wirst sie wohl beide töten, den einen hast du schon getötet,
den göttergleichen Polydorus u. s. w. Hierauf antwortet Achilles
seinerseits ausführlich in fast ebenso langer Rede, worin er den Tod des
Patroklus anführt, und nun erfolgt die Tötung, deren nähere Umstände
gleichfalls genau angegeben werden. Solche Beispiele des wahrhaft
epischen Tones ließen sich aus Homer unzählige anführen. Der Dichter
folgt aber in der Reihe der Zeitmomente nur dem Gesetz poetischer
Anschaulichkeit und, wenn er manchmal das Ausgedehnte zusammenfaßt, so
entfaltet er meistens das, was sich in der Wirklichkeit zusammendrängt,
z. B. wenn sich eine spannende Lage, ein heftiges Gefühl in unsrer Brust
oft nur in einem kurzen Ausruf oder in einem einzigen Wort Luft macht,
zu voller Darlegung des darin liegenden mannigfaltigen Gehaltes. Der
epische Dichter gleicht darin ganz dem bildenden Künstler: auch dieser
hält einen im Zeitflusse vorübergehenden Moment fest und stellt ihn mit
festen und vollen Marmorumrissen vor unsre Anschauung, so daß wir seinen
ganzen Inhalt entfaltet und bleibend vor uns haben. Daher nun auch die
Neigung des epischen Dichters zu Episoden. Im Drama duldet die Angst
der Erwartung kein Abspringen, es folgt immer in strenger Linie Schlag
auf Schlag dem Endziele, aber das Epos ist der wahre Boden der
mannigfaltigsten Episoden. Der Dichter wie der Zuhörer folgen in ihrem
inneren Frieden jedem Zuge der sich darbietenden Gelegenheit; wo ein
Seitenpfad sich öffnet, wird er harmlos betreten. Homer macht nichts
parteiisch, weil er das Recht eines jeden Dinges kennt und bereit ist es
ihm zu geben. Seine Darstellung will weder loben noch tadeln, sondern
nur sich selbst genugthun. Ganze Gesänge der Ilias, kann man sagen, sind
nur Episoden, so der sehr schöne fünfte, der von der Tapferkeit und den
Thaten des Diomedes handelt; in den Gesängen aber sind die unzähligen
kleineren Digressionen wieder, so zu sagen, für sich bestehende Epen im
kleinen, Teilgebilde, die ein eigentümliches Leben führen und nur locker
und lose mit dem Hauptgange zusammenhängen; polypenartig wächst Epos aus
Epos hervor. Jeder Punkt in dem großen Gebilde ist für sich belebt;
jeder Satz hat seine eigne Seele und ist um seiner selbst willen da; und
daher auch die lose Wort- und Satzverknüpfung überhaupt, die bis in die
kleinste Form von dem epischen Prinzip durchdrungen ist. Auch die
häufigen ausgeführten Gleichnisse, die alle epischen Dichter dem Homer
nachgebildet haben, sind von diesem Geiste ruhigen Verweilens bei
Nebenvorstellungen eingegeben: indem dem Dichter bei irgend einer
Situation eine ähnliche aus einem andern Gebiete einfällt, verweilt er
bei dieser zweiten, die unter der Hand zu einem eigenen Ganzen wird und
ein selbständiges Interesse gewinnt, was sich auch in dem Uebergange aus
dem abhängigen Nebensatze in einen Hauptsatz zeigt, der bei homerischen
Gleichnissen so oft vorkommt. Dieselbe epische Ruhe zeigt sich bei den
so häufigen Wiederholungen: wenn bei Homer ein Bote eine Meldung zu
bringen hat, so wird er den Auftrag gewiß, so lang dieser sein mag, mit
allen Nebenmotiven in denselben Worten wiederholen. Auch dies ist ja nur
ein Zeichen jener göttlichen Geduld, die durch die ganze epische Welt
waltet, jener zwar immer schaffenden und bildenden epischen Phantasie,
die aber, eben weil sie solchen Reichtum im Schoße trägt, ganz wie die
gebärende Natur selbst mit ihrem Erzeugen halb zurückhaltend zögert. Das
Epos, sagt Herder einmal, muß langweilig sein: dies ist in dem Sinne
wahr, als es allen dramatischen Drang, alle lyrische Erreglichkeit und
Unruhe ausschließt. Aber das dadurch mangelnde lebhaftere Interesse
ersetzt es durch die Sinnlichkeit, durch die Plastizität, durch das
helle Licht und den ununterbrochenen greifbaren Umriß, womit es den
anschauenden Sinn entzückt.
Wir haben uns scheinbar von Goethe und unserm Gedicht weit entfernt,
aber in der That dadurch die wichtigsten Anhaltspunkte zu seiner
Beurteilung und Charakterisierung gewonnen.
Goethe war seiner ganzen Naturanlage nach nicht bloß ein Dichter,
sondern im besondern ein epischer Dichter nach den Merkmalen, die wir
oben angegeben haben. Sein ganzes Leben ist ein großes episches Gedicht
und verfloß in innerer und äußrer Harmonie unter dem stillen Bilden der
Lebensschicksale. Eine Altersstufe löste mit unmerklichem Werden die
andre ab und jede trug im vollen Walten des Naturgesetzes die ihr
eigentümlichen Blüten und Früchte. Der Strom seines Lebens stockte und
wirbelte nie, von feindlichen Hindernissen gehemmt; in sanften Windungen
umging er den Fuß entgegentretender Felsberge. Goethe war immer
glücklich und jedes Mißgeschick verwebte er ausgleichend in den großen
Zusammenklang seines Lebens und der Natur. Wohl hatte auch er innere
Kämpfe zu bestehen, Kämpfe voll tiefer Spaltung und Verfinsterung der
Seele, denn er war ja ein Dichter, aber immer stimmte die reiche
Heilkraft seiner Natur das gebrochene Gemüt wieder zur heitern
Versöhnung mit der Welt und mit sich selbst. Immer in kindlichem
Zusammenhang mit der Ordnung der Natur und in ihren stillen
gesetzmäßigen Gang einstimmend konnte er daher zu der Tragödie, die die
Kämpfe des Subjekts mit den objektiven Mächten oder den Konflikt der
letzteren unter sich poetisch darstellt, sich nicht bestimmt fühlen. Ich
fühle deutlich, schreibt er an Schiller, daß der bloße Versuch eine
wahre Traggödie zu schreiben mich innerlich zerstören würde. In der
epischen Welt dagegen, die von jenem Leiden der subjektiven Freiheit
nicht berührt wird, fand er den Frieden wieder, den die Natur und das
rein und einfach Schöne gewährt. Von Shakespeare entfernte er sich, je
länger er lebte, immer mehr; zu Homer fühlte er sich immer mehr gezogen;
er dachte in Sizilien lange über den Plan zu einem Drama Nausikaa nach,
er begann in späterer Zeit ein Heldengedicht, die Achilleis: in beiden
wollte er mit Homer wetteifern. Das Epische liegt teils vor dem
Tragischen, d. h. wo dieses in der ungetrübten Brust noch nicht
hervorgebrochen ist, teils in der Höhe über demselben, wo nach
Ueberwindung aller Qualen und Widersprüche der endlichen Welt die
bewußtvolle Versöhnung und Seligkeit wieder eingetreten ist. Goethe nun
stand in dieser Region echter in sich beruhigter Menschlichkeit. Die
höchste Bildung war ihm die reinste Menschlichkeit; Schönheit und
Sittlichkeit, ebenso Glück und Sittlichkeit war ihm eins. Der Zustand,
wo die Pflicht mit der Neigung, der moralische Wille mit dem natürlichen
Triebe nicht zusammenstimmt, wo wir also nicht in vollem ungeteiltem
Besitz unsrer selbst sind, war ihm unerträglich. Er folgte dem schönen
Zuge seiner Natur, aber nicht der gemeinen und häßlichen, sondern der
edeln und geläuterten. Dies ist ganz jene Geistesstufe, die wir oben als
die dem Epos und dem epischen Dichter eigentümliche gefunden haben.
Goethes besonderes Erbteil war eine mächtige Energie der Phantasie und
die volle Gabe der Anschauung. Dadurch blieb er in einem Zeitalter des
kalten und trocknen Verstandes ein ewiger Jüngling. Mit klarem Blick
schaute und beobachtete er die Dinge um sich her, trübte ihr Anschauen
nie durch Haß und eigne Einmischung, ließ sie unbefangen auf sich wirken
und stellte sie mit idealer Kunstläuterung dann in ihrer innersten
Wahrheit wieder dar. Wahrheit und Natur sind daher die Hauptmerkmale
aller Goetheschen Dichtung. Die objektive Treue, mit der das
Menschenleben und die Natur sich in seiner Dichtung spiegelt, die
plastische Sinnlichkeit, mit der alle Darstellungen seiner Hand im
heitern Sonnenlicht nachbildender Kunst uns entgegentreten, läßt sich
nur mit der Plastik und Objektivität des Homer vergleichen. Merck, der
ältere Freund Goethes, erriet diese Gabe des Dichters schon frühe und
äußert in einem Briefe, Goethes unverrückbare Richtung sei die, dem
Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben, während die andern nur die
Imagination zu verwirklichen suchten. Auch Schiller bemerkt über Goethe,
bei keinem modernen Dichter finde sich so die volle sinnliche Wahrheit
der Dinge als bei ihm. Goethe hielt sich ganz an die lebendige Gegenwart
der ihn umgebenden Dinge und fand in ihr den Gehalt der Ewigkeit:
Willst du ins Unendliche schreiten,
Geh nur im Endlichen nach allen Seiten!
Das Uebersinnliche galt ihm nur, insofern es sich im Sinnlichen
offenbart; er schaute das Allgemeine im Besondern an; so war er Realist
und Idealist zugleich. Nach fernen Idealen jagen war ihm zuwider;
sentimentale Sehnsucht, wenn sie ihn beschlich, legte er in ein
lyrisches Lied nieder, das ihn wieder heilte und befreite, und bog sie
zur erfüllten Gegenwart um. Daher kam es nun auch, daß Goethe wie später
Schiller, der Mann der Freiheit, der Dramatiker, von Kant, daß so der
epische Goethe von Spinoza mächtig angezogen ward. Goethe liebte und
studierte diesen Denker, besonders seine Ethik eifrig, mit dem er in
ursprünglicher Wahlverwandtschaft stand. Die alles ausgleichende Ruhe
Spinozas, die Goethe selbst an ihm preist, war nur das Widerspiel seiner
eigenen Sinnes- und Darstellungsweise. Was er selbst längst gefühlt,
davon fand er die bewußte Erkenntnis bei Spinoza: die Gegenwart des
Unendlichen im Endlichen, die Unabtrennbarkeit der Idee von der
Erscheinung, die erhabene sittliche Ruhe und Versöhnung, die
pantheistische Nähe Gottes in allem. Auch Spinoza wie Goethe sah in der
Welt, in den Dingen, die uns umgeben, in jedem Augenblick, der uns
geschenkt ist, überall die Immanenz, d. h. das bleibende Inwohnen eines
ewigen Gehaltes und eine große Harmonie, in der das All zusammenklingt.
Jene episch-plastische Richtung, die der Dichter durch seine eigene
Natur und durch Spinoza erhalten hatte, kam zur völligen Reife in dem
plastischen Italien. Die Natur- und Kunstwelt Italiens gab ihm die
durchsichtige Klarheit, die vollendete Form, die objektive Bestimmtheit
und den milden Frieden, der seine Werke von da an auszeichnet. Die
bildende Kunst, weil sie so reine Anschauung ist, die Natur, weil sie
ohne Willkür ihr stilles, aber tiefes Leben vollendet, waren von jetzt
an für immer Gegenstände seiner Liebe und Betrachtung. Noch aus Rom
schreibt Goethe, er glaube nun doch wohl einzusehen, daß er mehr zur
Poesie als zur bildenden Kunst geboren sei, woraus also folgt, daß es
eine Zeit gegeben, wo er sich zum Bildhauer bestimmt glaubte.
Naturwissenschaft, Beschäftigung mit der eigentlichen Kunst hat er sein
ganzes übriges Leben lang nicht aufgegeben. Die Dichtwerke, die er aus
Italien mitbrachte, Iphigenie, Tasso, Wilhelm Meister, tragen den reinen
epischen Kunstcharakter deutlich an sich. Zwar bewegt sich die Iphigenie
aus dem innerlichen Boden seiner Seelenvorgänge, aber in der ganzen Form
herrscht die Gleichmäßigkeit, Stille und der sanfte Fluß des Epos.
Wahl des Stoffes. Warum kein politischer.
In Goethe selbst lagen alle Bedingungen zum epischen Dichter: desto
schwieriger war es mitten in der Prosa einer alternden Welt einen Stoff
zu finden, der der epischen Darstellung fähig war. Treten wir den
damaligen Zeiten und Volksverhältnissen näher, um zu sehen, welcher Art
dieser Stoff nur sein konnte.
Man hat es in neuerer Zeit Goethe oft zum Vorwurf gemacht, daß er so
egoistisch sich abgeschlossen und nichts für sein Volk gethan. Er mit
seiner mächtigen Rede hätte die schlummernde Nation zur Freiheit wecken,
zu Thaten begeistern und zur politischen Größe führen sollen. Aber statt
dem unterdrückten Recht seine hilfreiche Stimme zu leihen, suchte er
Selbstgenuß in der schönen Kunst; ohne Herz für die Leiden des
Vaterlandes, das in den Fesseln feudaler Barbarei oder moderner
Polizeigewalt lag und in unzählige Herrschaften zerstückt das
Schlachtfeld Europas bildete, vergnügte er sich als Höfling in Weimar
und weder die Thaten Friedrichs des Großen noch die Unmacht des heiligen
römischen Reichs deutscher Nation erregten ihn zu Begeisterung oder
Unwillen. Besonders gegen das große Weltereignis, das am Ende des
Jahrhunderts von Frankreich aus seine Donner über den Weltteil rollen
ließ, hätte er nicht mit solcher Abneigung sich verschließen sollen:
denn wo ließ sich ein mächtigerer Stoff für Epos oder Tragödie finden
und wodurch konnte ein wahrhafter Dichter würdiger zu großen Gesängen
gestimmt werden und tiefer alle Herzen der Zeitgenossen und der
nachkommenden Geschlechter zu bewegen hoffen?
Es war besonders Ludwig Börne, ein gewiß ebenbürtiger Gegner, der diese
Vorwürfe häufte. Lessing sagt in einem Briefe, er laufe Gefahr ärgerlich
zu werden und mit Goethen trotz dem Genie, worauf dieser so poche,
anzubinden. Ein halbes Jahrhundert später erfüllte ein Geistesverwandter
Lessings die Drohung gegen den unterdes mächtig gewordenen Dichter. In
immer erneuerten hingeworfenen Bemerkungen kommt er auf Goethe zurück,
den er von Anbeginn gehaßt zu haben gesteht, und schleudert aus der Glut
seines edeln Herzens, in der sich sein Märtyrerleben verzehrte,
leuchtende Brandkugeln in Goethes Kunstanlagen. Goethe, ruft er aus,
hätte ein Herkules sein können, sein Vaterland von großem Unrate zu
befreien; aber er holte sich bloß die goldenen Aepfel der Hesperiden,
die er für sich behielt, und dann setzte er sich zu den Füßen der
Omphale und blieb da sitzen. Wie ganz anders lebten und wirkten die
großen Dichter und Redner Italiens, Frankreichs und Englands! Und nun
führt er das Beispiel Dantes, Alfieris, Montesquieus, Voltaires,
Rousseaus, Miltons u. s. w. an. Die furchtlose unbestechliche Richterin,
sagt er ein andermal, wird Goethe fragen: Dir ward ein hoher Geist, hast
du je die Niedrigkeit beschämt? Der Himmel gab dir eine Feuerzunge, hast
du je das Recht verteidigt? Du hattest ein gutes Schwert, aber du warst
immer nur dein eigener Wächter! Wenn Gottes Donner rollen und
niederschmettern das Gequieke der Menschlein da unten, dann horcht ein
edles Herz und jauchzt und betet an und, wer angstvoll ist, hört und ist
still und betet; der Dämische aber verstopft sich die Ohren und hört
nicht und betet nicht und betet nicht an. Schiller während der heißen
Tage der französischen Revolution schrieb in der Ankündigung der Horen:
Vorzüglich aber und unbedingt wird sich die Zeitschrift alles verbieten,
was sich auf Staatsreligion und politische Verfassung bezieht. So sprach
und dachte auch Goethe, er, der angstvoller als eine Maus beim leisesten
Geräusche sich in die Erde hineinwühlt und Luft, Licht, Freiheit, ja des
Lebens Breite, wonach sich selbst die totgeschaffenen Steine sehnen,
alles, alles hingibt, um nur in seinem Loche ungestört am gestohlenen
Speckfaden knuppern zu können. Als ich heute gegen Weimar zu fuhr,
schreibt er in einem Briefe, und es vor mir lag mit seinen roten Dächern
im Wintersonnenschein kalt und freundlich, und ich dachte, daß Goethe
darin schon länger als fünfzig Jahre wohne, daß er es nie verlassen, da
überfiel mich wieder der Groll gegen diesen zahmen, geduldigen,
zahnlosen Genius. Wie ein Adler erschien er mir, der sich unter der
Dachtraufe eines Schneiders angenistet. Und ein solcher Mensch sollte
doch ein fleischfressendes Tier sein und nicht wie ein Spatz Gerste
essen, auch nicht aus der schönsten Hand. Und zu Goethes Tag- und
Jahresheften von 1790 ruft er: Was? Goethe, ein reichbegabter Mensch,
ein Dichter, damals in den schönsten Jahren des Lebens, wo der Jüngling
neben dem Manne steht, wo der Baum der Erkenntnis zugleich mit Blüten
und mit Früchten prangt, er war im Kriegsrate, er war im Lager der
Titanen, da, wo vor vierzig Jahren der zwar freche, doch erhabene Kampf
der Könige und Völker begann, und zu nichts begeisterte ihn dies
Schauspiel, zu keiner Liebe, zu keinem Hasse, zu keinem Gebete, zu
keiner Verwünschung, zu gar nichts trieb es ihn an als zu einigen
Stachelgedichten, so wertlos nach seiner eigenen Schätzung, daß er sie
nicht einmal aufbewahrte, sie dem Leser mitzuteilen? Und als die
prächtigsten Regimenter, die schönsten Offiziere an ihm vorüberzogen,
da gleich der jungen blassen Frau eines alten Mannes bot sich seinem
Beobachtungsgeiste kein anderer, kein besserer Stoff dar als die
vergleichende Anatomie? Und als er in Venedig am Ufer des Meeres
lustwandelte, Venedig, ein gebautes Märchen aus Tausend und einer Nacht,
wo alles tönt und funkelt, Natur und Kunst, Mensch und Staat,
Vergangenheit und Gegenwart, Freiheit und Herrschaft, wo selbst Tyrannei
und Mord nur wie Ketten in einer schauerlichen Ballade klirren, die
Seufzerbrücke, die zehn Männer, es sind Szenen aus dem fabelhaften
Tartarus, Venedig, wohin ich sehnsuchtsvolle Blicke wende, doch nicht
wage ihm nahe zu kommen, denn die Schlange österreichischer Polizei
liegt davor gelagert und schreckt mich mit giftigen Augen zurück, dort,
die Sonne war untergegangen, das Abendrot überflutete Meer und Land und
die Purpurwellen des Lichts schlugen über den felsigen Mann und
verklärten den ewig Grauen und vielleicht kam Werthers Geist über ihn
und dann fühlte er, daß er noch ein Herz habe, daß es eine Menschheit
gebe um ihn, einen Gott über ihm, und dann erschrak er wohl über den
Schlag seines Herzens, entsetzte sich über den Geist seiner gestorbenen
Jugend, die Haare standen ihm zu Berge und da in seiner Todesangst,«nach
gewohnter Weise, um alle Betrachtungen loszuwerden«, verkroch er sich in
einen geborstenen Schafschädel und hielt sich da versteckt, bis wieder
Nacht und Kühle über sein Herz gekommen! Und den Mann soll ich verehren?
den soll ich lieben? u. s. w.
Um diese Vorwürfe zu würdigen, ist es nötig, das Jahrhundert, in dem
Goethe lebte, und die Nation, die ihn hervorgebracht hatte, kurz zu
zeichnen.
Das achtzehnte Jahrhundert verfolgte bei den drei Hauptvölkern Europas
eine ganz verschiedene Richtung: es war in England industriell, in
Frankreich emanzipativ, in Deutschland ästhetisch. Das achtzehnte
Jahrhundert erhob England zu der kolossalen Industrie, die jetzt das
Staunen der Welt bildet; damals begann von geringen Anfängen die
Baumwollenproduktion, die der Töpferwaren, die Stahl- und
Eisenbearbeitung und stieg mit rapidem Wachstum zu ihrer jetzigen Höhe
auf. In den industriellen Bezirken wurden kleine Flecken, ärmliche
Fischerdörfer in wenigen Jahren mächtige Fabrikstädte; ganze
Grafschaften verwandelten sich in unermeßliche rauchumhüllte
Werkstätten. Industrielle Genies traten auf, die durch Erfindungen aller
Art, durch unermüdliche Beharrlichkeit den wichtigsten Zweigen in der
Stille einen raschen Schwung gaben. Ein verbessertes Verfahren drängte
das andre, eine Maschine die andre. In gleichem Verhältnis mit der
Entwicklung der Industrie stieg die der See- und Kolonialmacht Englands.
England eroberte Ostindien, das große anglo-indische Reich ward
gegründet und den Franzosen, Spaniern, zuletzt auch den Holländern alle
ihre Kolonien entrissen. Der nordamerikanische Freiheitskrieg zwar
schien dies Wachstum unterbrechen zu wollen, eine der wichtigsten
Kolonien hatte sich losgerissen und Frankreich gewann wieder Vorteile.
Aber die langwierigen Kämpfe mit der französischen Revolution und mit
Napoleon machten England zur Herrscherin in allen Meeren; wenn man Kuba
ausnimmt, welches Spanien verblieb, und Java, welches die Holländer
retteten, so gingen alle bedeutenden und reichen Niederlassungen in
allen Teilen der Welt und alle wichtigen Seestationen in Englands Hände
über; es faßte Fuß im mittelländischen Meer, riß den levantischen Handel
an sich und öffnete sich Mittel- und Südamerika, indem es den Abfall der
spanischen Dependenzen begünstigte. So machte das achtzehnte Jahrhundert
England in größerem Maßstabe zu dem, was im siebzehnten Jahrhundert
Holland gewesen war.
Eine ganz andre Mission hatte das Jahrhundert in Frankreich zu erfüllen.
Hier war politische und religiöse Emanzipation der Punkt, dem alle
nationalen Kräfte zuströmten. Nach der formellen Klassik unter Ludwig
dem Vierzehnten wurde unter dem Regenten und unter Ludwig dem
Fünfzehnten Kritik und Skepsis in allen Gebieten herrschend. Was schon
Cartesius an die Spitze gestellt hatte »=de omnibus dubitandum est=«, was
darauf Pierre Bayle mit durchdringendem Scharfsinn, obgleich noch
schüchtern begonnen hatte, das wurde jetzt von Voltaire, Rousseau und
den Encyklopädisten umfassend ins Werk gesetzt. Es war das Jahrhundert
der Aufklärung, das überall mit der Leuchte der Humanität und
Philosophie die Gespenster des Aberglaubens zu bannen und die Fesseln
barbarischer Traditionen zu brechen suchte. Unter der Fahne der Ideen
Vernunft, Natur, Menschheit, Freiheit, mit den Waffen des Spottes, der
Beredtsamkeit und der Kritik ward ein siegreicher Kampf mit den Dogmen
und der Hierarchie der Kirche und den politischen Einrichtungen geführt.
Der Deismus, der in England keine nationalen Wurzeln gehabt hatte und
bald abgestorben war, ward in Frankreich zur populären Sache des
Jahrhunderts erhoben. Montesquieu, der schon in seinen =lettres persanes=
die Kirche empfindlich getroffen hatte, lenkte durch seinen esprit des
lois die Blicke der Nation aus den Staat; Rousseau untersuchte in seinem
=contrat social= das Fundament der politischen Gesellschaft; Voltaire, der
Alleinherrscher seiner Zeit, lag sein langes Leben hindurch mit den
Ungeheuern der Finsternis im Kampf, die er spielend erlegte; die
Encyklopädisten unterwarfen alles Gegebene den dekomponierenden
Operationen ihres Verstandes; Beaumarchais untergrub durch seine Komödie
»die Hochzeit des Figaro« den Adel: so nahm in allem das Subjekt die
Autonomie in Anspruch und nichts galt mehr, als was sich vor Vernunft
und Menschengefühl rechtfertigen konnte. Während in England zugleich mit
dem Industrialismus und wachsendem Volkswohlstand der finstere
Methodismus sich verbreitete, die Hochkirche erstarrte, die Oligarchie
und Kastensonderung sich befestigte, der Staat ein irrationales Gewächs
blieb und in Gebräuchen, Meinungen und Sitten das Mittelalter und die
Scholastik ihre Herrschaft behaupteten, brach Frankreich die Bastille
und die Adelsschlösser nieder, hob in der Nacht des 4. August alle
feudalen Vorrechte auf, impfte durch Jefferson Amerika seine Demokratie
ein, rief die Schwarzen von St. Domingo zur Freiheit auf und durchzog
mit Ideen und Kriegsheeren den Weltteil.
Ganz anders gestaltete sich die Aufgabe, an deren Lösung Deutschland in
diesem Jahrhundert arbeitete. Sie war weder kommerziell wie in England,
noch progressistisch wie in Frankreich, sondern ästhetisch und
metaphysisch; die innere Freiheit und Schönheit des Gemütes war das
Ziel, das den Besten der in äußeren geistlosen Formen erstorbenen Nation
vorschwebte.