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Ueber
Goethes Hermann und Dorothea.
Von
_Viktor Hehn._
Aus dessen Nachlaß herausgegeben
von
Albert Leitzmann und Theodor Schiemann.
Stuttgart 1893.
_Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung_
Nachfolger.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
Vorwort.
Viktor Hehns litterarische Thätigkeit ist durch seine ungerechte
Verbannung nach Tula im Jahre 1851 gewaltsam durchbrochen worden. Er
hatte bis dahin unermüdlich gesammelt, und mit wahrhaft
bewunderungswürdigem Fleiß nicht nur die lange Reihe seiner
Reisetagebücher zu stilistischer Vollendung ausgearbeitet, sondern auch
in seinen Kollegienheften eine deutsche Litteraturgeschichte entworfen,
die überall auf eigene Studien gegründet, die klassische Periode unsrer
Litteratur, speziell Schiller und Goethe, soweit es der damalige Stand
der Wissenschaft erlaubte, erschöpfend behandelte. Schon damals war ihm
Goethe der Meister, zu dem er aufschaute und die später in seinen
Gedanken über Goethe niedergelegten Anschauungen und Urteile lassen sich
im Keim bereits in jenen für seine Schüler an der Universität bestimmten
Vorlesungen wiederfinden. Nur daß sie in Zweck und Anlage eine andre
Behandlung des Problems verlangten und teils zu ausführlichen
Kommentaren einzelner Werke, und bestimmter zu einem Ganzen
zusammengefaßter Dichtungen sich gestalteten, teils einen biographischen
Charakter trugen. Daß Hehn in den vier Jahren seiner Dorpater
Dozentenzeit neben seinen weitgreifenden linguistischen Studien, die
damals auch die esthnische Sprache umfaßten, die Zeit fand, den
ungeheuren Stoff nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch zu
bewältigen, wird nur verständlich, wenn man weiß, daß er von jeher das
litterarhistorische Gebiet mit besonderer Liebe gepflegt hat, und in
seinen sorgfältig bewahrten Kollektaneen, die bis in den Anfang der
dreißiger Jahre zurückreichten, Vorarbeiten besaß, die ihm nunmehr sehr
zu statten kamen. Es kann als sicher angenommen werden, daß Hehn
einzelne Abschnitte seiner Vorlesungen zu selbständigen Darstellungen zu
erweitern gedachte. Ausgeführt hat er den Plan nur mit Hermann und
Dorothea. Das Manuskript war fertiggestellt, auch die Vorrede bereits
geschrieben, als seine Verhaftung erfolgte.
Sämtliche Papiere Hehns wurden mit Beschlag belegt und nach Petersburg
gebracht. Auch nach der »Begnadigung« im Mai 1855 wurden sie ihm nicht
wiedererstattet, das geschah erst viel später. Hehn schreibt darüber im
Dezember 1874 seinem älteren Bruder: »(Meine Papiere) werden endlich
geordnet werden müssen, nachdem sie vor 23 Jahren in den Händen der
heiligen Hermandad gewesen sind -- die sich in ihrer Liebenswürdigkeit
die besten Stücke ausgewählt und zum Andenken behalten hat. Bisher war
ich zu weichlich, daran zu rühren; nur daß von meinen Dorpater
Kollegienheften einzelne Bogen, wahrscheinlich besonders anstößige,
fehlen, habe ich konstatiert und mich giftig geärgert.« Zu einer
vollständigen Ordnung der Papiere ist es nun überhaupt nicht gekommen.
Es scheint, daß Hehn jenes von ihm als »weichlich« bezeichnete Gefühl,
nicht überwinden konnte. Nur mit den Tagebüchern und den Heften seiner
Lesefrüchte machte er eine Ausnahme. Die wurden fleißig durchackert, und
es läßt sich noch heute an dem Unterschiede der Handschrift verfolgen,
wo er für nötig hielt, Korrekturen anzubringen, oder etwa durch ein
Fragezeichen seiner inzwischen anders gewordenen Ueberzeugung Ausdruck
zu geben. »Hermann und Dorothea« gehört zu den nicht berührten
Manuskripten und ist leider in der »dritten Abteilung« (so hieß die
Geheimpolizei in Petersburg) ebenfalls beraubt worden. Glücklicherweise
gestatten die zum Teil erhaltenen Konzepte des Buches die Lücken mit
annähernder Sicherheit in Hehns Geiste zu schließen.
Hehn war 37 Jahre alt, als er das Manuskript über Hermann und Dorothea
fertigstellte. So wesentlich sich auch nachher sein politisches Urteil
modifizierte und sein Wissen bereicherte, sein ästhetisches Urteil war
um jene Zeit bereits dasselbe wie in späteren Jahren. Wo er, wie in den
»Gedanken über Goethe« über das Goethesche Epos redet, finden wir keinen
Widerspruch zu seinen mehr als ein Menschenalter früher formulierten
Ausführungen. Es bietet dem Freunde Hehnscher Gedankenarbeit aber einen
besonderen Reiz, zu verfolgen, wie in diesen Werken des kräftigsten
Mannesalters eine Wärme der Empfindung überwiegt, die später oft durch
eine kühle Ironie in Beurteilung von Menschen und Verhältnissen
zurückgedrängt wurde. Findet das Hehnsche Buch die Beachtung und
Anerkennung, die wir ihm wünschen, so soll es der Vorläufer anderer
sein.
Theodor Schiemann.
Inhalt.
Seite
Einleitung 1-4
Hermann und Dorothea 5-26
Wahl des Stoffes. Warum kein politischer 26-51
Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme 52-60
Ort und Zeit 60-65
Gang der Fabel 65-85
Charaktere 86-100
Sitten und Lebenssphäre 100-114
Diktion 114-129
Vers 129-139
Andre deutsche Epen (Luise von Voß, Messias von Klopstock)
zur Vergleichung 139-146
Anmerkungen 147-164
Einleitung 148-150
Hermann und Dorothea 150-156
Wahl des Stoffes. Warum kein politischer 156-158
Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme 158-159
Ort und Zeit 159
Gang der Fabel 159
Charaktere 160
Sitten und Lebenssphäre 160-161
Diktion 161-162
Vers 162-163
Andre deutsche Epen (Luise von Voß, Messias von Klopstock)
zur Vergleichung 163-164
Einleitung.
Wieder über Goethe! ruft vielleicht mancher und wirft das Buch
ungeduldig beiseite. Aber was haben wir denn sonst noch Großes, was
besitzen wir bis jetzt noch andres, nicht im Traum, sondern wahrhaft,
als Goethe? Wie die Franzosen sich das Bild der Revolution, ihres
Heroenzeitalters, in immer neuer Beleuchtung vorführen, so füllen wir
Bibliotheken über die Literatur und vornehmlich über deren größte
Gestalt, den einzigen wirklichen Dichter, der uns zu teil geworden. Jch
bringe meinen Beitrag zu den vielen andern. Der fromme Beter, aus dem
Tempel tretend, pflanzt dankbar auch sein Bäumchen, so daß im Lauf der
Jahre ein immer herrlicherer Hain das Heiligtum umrauscht.
Noch ist die Arbeit, Goethe in das Bewußtsein der Nation einzuführen,
lange nicht vollendet. Wer die herrschende Bildung beobachtet hat, muß
gestehen, daß die große Mehrzahl gar nicht ahnt, wieviel sie an Goethe
besitzt. Seine Dichtungen sind berühmt und von allen gekannt, genossen
und empfunden sind sie nur von wenigen. Sinn für Poesie ist überhaupt
nicht weiter verbreitet als Talent z. B. für Mathematik. Die meisten
haften an dem falschen Golde rhetorischen Schmuckes, werden kindisch
gelockt von den Flittern der Diktion und, wenn es sich um Gestalten
handelt, nur durch abstrakte Idealität berührt und fortgerissen. Selbst
unter denen, die als Goethes Ausleger aufgetreten sind, haben sich nicht
alle durch das Entzücken des poetischen Genusses und das Streben, auch
andre daran teilnehmen zu lassen, zu ihrem Amte berufen geglaubt,
sondern wurden vielmehr durch schulphilosophische Bedürfnisse,
religiöse, politische, soziale Standpunkte, also mehr durch ein
scholastisches und praktisches Interesse dazu geführt. Sie suchten an
jenen Dichtungen die Gelegenheit, sie drängten sich den Inhalt schon
mitbringend an sie heran, statt in unbefangener Hingabe die schöne
Menschlichkeit und reine Darstellung auf sich wirken zu lassen und der
Empfindung andrer näher zu bringen. So ist in den zahlreichen Schriften
über Faust zwar jedes Wort, das in des Helden Monologen, in den
Gesprächen mit Mephistopheles und Wagner ausgesprochen wird, zu einem
heiligen Text geworden, zu dem die Noten und Exkurse sich häuften und
welcher zu aller Art von Schriften und Verhandlungen Sprüche liefert,
aber die wundervollen Szenen zwischen Faust und Gretchen, die Blüte des
Werkes, wo die volle dichterische Schöpfungsmacht das ergreifendste
individuelle Bild von Lieb und Leid des Menschenlebens vor uns hinwirft,
bilden weiße Seiten, bei denen die geschäftige Interpretation schweigt.
Wenn es Rötscher über sich vermag, bei Gretchens Gestalt und über sie
hinweg an Unschuld, Fall und Erlösung des Menschengeschlechts, die durch
sie dargestellt werden, zu denken, so müssen wir an seinem poetischen
Sinne ebenso sehr zweifeln, als wenn Viehoff in seinem neusten Kommentar
zu Goethes Gedichten die Schönheit derselben in Zäsur und Alliteration,
iambischem und trochäischem Rhythmus, in das Vorherrschen dieses und
jenes Vokals u. s. w. setzt. So findet Karl Grün die volle Bedeutung des
Goetheschen Geistes in Wilhelm Meisters Wanderjahren, im zweiten Teil
des Faust u. s. w., während z. B. Hermann und Dorothea von ihm kaum
berührt wird. Auch ihm also liegt die soziale Wahrheit näher am Herzen
als die poetische Kunst: er kann gleichgültig vorübergehen, wo die
letztere unwiderstehlich fesselt; er kann liebevoll verweilen, wo sie
erloschen ist. Sind so die Ausleger nicht immer das Organ reiner Freude
an der Gegenwart der Poesie geworden, so findet man unter der großen
Menge der Leser und Urteiler überwundene Meinungen und längst verlassene
Standpunkte noch so sehr in vollem Bestand, daß es fortwährend not thut,
die in engerem Kreise gewonnene ästhetische Einsicht von neuem
vorzutragen. Der moralisch-didaktische Gesichtspunkt einem Dichterwerk
gegenüber, die religiösen Abstraktionen, der Dualismus zwischen
Sinnlichem und Uebersinnlichem, Leib und Seele, Irdischem und
Himmlischem, der alle Kunst bis zur Wurzel zerstört, die Flucht aus der
vollen Wirklichkeit der Natur und des Lebens, das Unvermögen, in der
ersteren den innerlich bildenden Geist, in den Gestalten des letzteren
die sie hervortreibende und beseelende Sittlichkeit zu empfinden -- dies
alles ist in der großen Masse der Gebildeten noch so wenig erschüttert,
daß es noch vieler und wiederholter Anwendung der Wahrheit auf einzelne
Punkte bedarf, ehe sie sich des Sieges wird rühmen dürfen.
Unter den Goetheschen Dichtungen hat übrigens Hermann und Dorothea
verhältnismäßig nur wenig von sich reden gemacht. Voll klarer Einsicht
in das Wesen des homerischen Epos ist die gleich nach Erscheinen des
Goetheschen Werkes verfaßte Rezension von August Wilhelm Schlegel.
Geistvolle Bemerkungen enthält ein Aufsatz über Hermann und Dorothea von
Yxem, den wir, wie billig, für unsre Darstellung benutzt haben. Nur
geringe Belehrung haben wir in Wilhelm von Humboldts Schrift über
Hermann und Dorothea gefunden, die schon im Jahre 1799 als erster und
einziger Teil der ästhetischen Versuche erschien. Die Darstellung hält
sich in blut- und markloser Abstraktion, von deren Höhe das lebendige
poetische Individuum ganz aus dem Gesicht verschwindet, und löst man den
jedesmaligen Gedanken aus der gezwungenen Eleganz und eisigen
Vornehmheit des Ausdrucks, so findet man ihn gewöhnlicher, als es den
Anschein hatte. Wenn Schiller daher nach Lektüre der ihm übersandten
Schrift von der kunstphilosophischen Theorie überhaupt nichts mehr
wissen wollte, so wird diese Stelle seines Briefes zwar gewöhnlich als
Geständnis der Umkehr, in der er sich vom Denker zum schaffenden Dichter
gerade befand, gefaßt; vieles aber an jener Stimmung kommt gewiß auf
Rechnung des gerade sehr unfruchtbaren Buches, aus dessen Veranlassung
er sich äußert. Auch Goethe wandte sich bald von der Lektüre desselben
unwillig ab, angeblich weil ihn der Tadel eines in dem Gedicht
vorkommenden Motivs verdroß. Auch uns hat die ganze umfangreiche
Abhandlung geringere Ausbeute geliefert als die wenigen Seiten, die der
vortreffliche Hillebrand dem Gedichte widmet. Gervinus erwähnt dasselbe
nur vorübergehend, weniger, wie wir glauben, aus Gründen seines Prinzips
historischer Genesis, dem er selbst häufig genug untreu wird, als wegen
der seiner Darstellung überhaupt zu Grunde liegenden Kälte gegen den
Dichter des Humanismus.
Hermann und Dorothea.
Von allen Dichtungen Goethes ist keine, wenn wir den Werther ausnehmen,
gleich anfangs von der Nation mit so allgemeinem Beifall aufgenommen
worden, als Hermann und Dorothea. Der Faust, der jetzt vielleicht unter
den Goetheschen Werken das populärste ist, auch im Auslande, gewann sein
Ansehen erst allmählich und wohl erst in der späteren Gestalt, in der er
zur Zeit der romantischen Schule im Jahre 1808 neuvermehrt in zweiter
Auflage erschien. Hermann und Dorothea war dem Stoffe nach so deutsch
und so menschlich ansprechend und zugleich eine so durchsichtige und
vollendete Kunstgestalt, daß das Gedicht sowohl die Menge, die nur nach
dem Stoffe urteilt, als den gebildeten Kunstsinn, dem nur die Form, die
künstlerische Behandlung gilt, zur Bewunderung hinriß. Schiller
erklärte, nachdem er Hermann und Dorothea gelesen, dies Gedicht für den
Gipfel der Goetheschen, ja aller modernen Kunst. Wilhelm von Humboldt
knüpfte in einem eigenen Buche, das bald nach Hermann und Dorothea unter
dem Titel »Aesthetische Versuche« erschien, an dies Gedicht eine
ausführliche Erörterung allgemeiner ästhetischer Prinzipien. Auch August
Wilhelm Schlegel nannte in einer eigenen Beurteilung Hermann und
Dorothea ein vollendetes Kunstwerk im großen Stil, ein Buch voll goldner
Lehren der Weisheit und Tugend. Mit gleicher Bewunderung äußern sich
neuere Kritiker. Hermann und Dorothea, sagt Hillebrand, der ganz
kürzlich eine vortreffliche Geschichte der deutschen Nationalliteratur
von Lessing bis auf die Gegenwart verfaßt hat, Hermann und Dorothea ist
ein Bibelwerk deutscher Religion und Tugend. Und Gervinus meint, wenn
jetzt ein alter Grieche wieder auferstünde, so wäre in der ganzen
neueren Literatur Hermann und Dorothea das einzige Gedicht, das wir ihm
ohne Verlegenheit anbieten dürften. Auch Rosenkranz hält wie Humboldt
und Gervinus Hermann und Dorothea in künstlerischer Hinsicht für das
vollendetste von Goethes Werken. Goethe selbst hatte eine besondere
Vorliebe für dasselbe: er konnte es, wie er in den Tag- und Jahresheften
erzählt, nie ohne Thränen der Rührung vorlesen.
Ein ähnliches Urteil spricht unser eigenes Gefühl: wir haben alle das
Gedicht, das uns hier beschäftigen soll, gelesen und genossen. Dennoch
aber erhöht diesen Genuß Mitteilung und klares Bewußtsein seiner
Quellen; die Wirkung, die ein schönes Gedicht auf uns macht, strebt von
selbst nach einem angemessenen Ausdruck, und da ein wahrhaftes
Kunstwerk, wie Hermann und Dorothea, immer halb unbewußt von dem
künstlerischen Genius geschaffen ist, gleichsam eine Unendlichkeit von
Absichten in sich birgt, so ist es zwar schwer, ein so beseeltes und
ganz individuelles Gebilde treffend zu charakterisieren, gleichsam die
Fäden seiner Textur aufzuwinden und den Eindruck, den es macht, kritisch
in die einzelnen wirkenden Motive zu zerlegen; dennoch aber bietet es
gerade durch seinen Reichtum der Auslegung und Betrachtung die
verschiedensten Seiten dar und gibt der Aesthetik fruchtbare
Gelegenheit, ihre allgemeinen Prinzipien daran zu messen.
Hermann und Dorothea ist ein Epos oder, wie Jean Paul es noch näher
bezeichnet, ein episches Idyll. Wir werden also, um dem Gedicht seine
Stelle, gleichsam seine substanzielle Heimat anzuweisen, im folgenden
uns ausführlich daran erinnern müssen, welches das Wesen und die Gesetze
der epischen Dichtung überhaupt sind; wir werden dann zu Goethe
zurückkehren und finden, daß er durch eine einzige Gunst der Natur ganz
zum epischen Dichter geboren war und daß das Wesen seiner Dichtung mit
dem Wesen der epischen Dichtung auf das glücklichste zusammenfällt. Wir
werden darauf zusehen, ob die Zeit und Nation, in welche der Dichter
fiel, dem Epos günstig war oder nicht, welches sein Verhältnis zu den
großen politischen Begebenheiten von damals und zu der ihn umgebenden
nationalen Welt war, ob es leicht war hier einen epischen Stoff zu
finden und ob der Dichter eine glückliche Wahl dabei getroffen. Wir
werden dann weiter die Begebenheit selbst, die der Dichter uns erzählend
vorführt, die Personen und Charaktere, die er in Handlung setzt, sowie
die ganze Art der Darstellung und Behandlung näher ins Auge fassen. Auch
die Diktion, der sprachliche Ausdruck, der Versbau gehört zur
Charakteristik des Gedichts, sowie zum Schluß die Begleichung mit den
beiden epischen Vorgängern unsres Gedichts in der deutschen Literatur,
ich meine mit Klopstocks Messias und Voßens Luise dazu dienen wird, die
Eigentümlichkeit und den Wert unsres Gedichts ins Licht zu setzen. Dies
also der Faden, an dem unsre Betrachtung fortlaufen wird.
Die inneren Gesetze der epischen Poesie werden wir nirgends sicherer
erkennen und in reinerer Gestalt wiederfinden können, als bei dem Vater
aller epischen Poesie, dem alten Homer. Das glückliche Volk der Griechen
war ja so künstlerisch und poetisch organisiert, daß bei ihnen die
einzelnen Gattungen der poetischen Idee sich in naturgemäßer Stufenfolge
eine aus der andern entwickeln und sich selbst ihre notwendige Form
erschufen, so daß die inneren Momente des Begriffs nirgends so rein mit
der Wirklichkeit, die Poetik mit der Geschichte der Poesie
zusammenfällt. Goethe selbst hatte, indem er Hermann und Dorothea
dichtete, den Homer als Vorbild vor Augen und so ruft er eben mit Bezug
auf seinen Hermann:
Denn Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön.
Wir werden also, indem wir die Grundzüge der epischen Poesie entwerfen,
dies immer im Hinblick auf Homer thun.
Epos, Wort, Sage ist die Poesie im Kindheitsalter der Völker, in den
Anfängen der Geschichte. Die epische Poesie blüht in jener
Morgendämmerung, wo ein Volk schon aus der Wildheit und Stumpfheit des
ersten Naturdaseins zum Geiste erwacht ist, wo aber die geistigen und
sittlichen Mächte noch nicht als etwas Bewußtes, klar Erkanntes und als
eine abgesonderte feste Gewalt dem Menschen gegenüberstehen, sondern
dieser auf ganz naive Weise mit dem sittlichen Gebot noch eins ist. Es
gibt in dieser Periode zwar schon ein Staatsleben, aber noch nicht in
Form bestimmter Gesetze und fester Rechte, die die Freiheit des
Einzelnen zügeln. Jeder trägt vielmehr die politische Sitte in seiner
eignen Brust und, indem er ihr folgt, weiß er nicht, daß es anders sein
könnte. Gesetz und Empfindung sind noch nicht geschieden und die
Empfindung ist es eben, die den politischen Zustand geschaffen hat. So
ist Agamemnon zwar König, aber diese Herrschaft beruht auf keinem
geschriebenen Gesetze. Wenn er den besten Anteil von der Beute erhält,
so versteht sich dies bei jedem von selbst. An welchem Punkte seine
Macht aufhört und die der Aristokratie, der Geronten und Basileis
beginnt und die letztere wieder durch die Volksversammlung beschränkt
wird, dies ist nicht durch feste Satzung bestimmt, sondern durch das
Allgemeingefühl der Einzelnen von selbst gegeben. Eine durch Reflexion
bestimmte, durch Beratung zu stande gebrachte geschriebene promulgierte
Verfassung gibt es nicht; die politische Ordnung hat keinen andern Boden
als die unbefangene Gesinnung aller. Ebenso ist auch das Recht und die
Rechtspflege nicht eine für sich bestehende Welt; die Bestimmungen
derselben sind schwankend; es hat keine andre bindende Form, als die ihm
durch das unmittelbare Volksleben, durch das Rechtsgefühl und den
Billigkeitssinn gegeben wird. Hat einer z. B. einen Mord begangen, was
bei dem frischen Dasein der homerischen Menschen nichts Seltenes ist, so
sucht er die Familie des Getöteten durch eine Buße zu versöhnen oder er
verläßt fliehend die Heimat: eins oder das andre macht ihm die Sitte zur
Pflicht. Streiten zwei um ein Gewicht Goldes, so bildet das Volk im
Freien einen Kreis, die Greise als Richter sitzen auf erhöhten
steinernen Stufen, das Szepter als Zeichen richterlichen Ansehens und
erfahrener Weisheit in der Hand: hin und her wird gestritten, das Volk
fällt von beiden Seiten schreiend ein, die Herolde gebieten Ruhe;
endlich geben die Greise nach eigenem Sinne und unmittelbarem
Wahrheitsgefühl die Entscheidung. So ist auch das Kriegswesen der
homerischen Zeit ohne äußerlich zwingende Norm und gestaltet sich aus
dem Grunde des in allen Teilnehmern lebenden kriegerischen Sinnes. Keine
Disziplin braucht wie in späteren Zeiten die widerstrebende Willkür der
Individuen zu zügeln; wenn sich die Reihen fest zusammenschließen, wenn
ein Kämpfer dem andern hilft, wenn um den Leichnam des Gefallenen die
Ueberlebenden rettend und schirmend sich scharen, so geschieht dies
nicht nach Befehl, sondern durch eine innere Nötigung, die jeden von
selbst drängt. So handelt in diesem epischen Zeitalter das Individuum
ganz naiv und unbewußt nach dem Zuge seiner Menschlichkeit; es ist von
dem Volksgeist in allem, was es thut und fühlt, bestimmt und in den
allgemeinen Mächten, die das Leben und die Sitte bilden, völlig
enthalten. Es sind mit einem Worte objektive, substanzielle Menschen. So
wie nun in einer späteren Periode der Geschichte die Trennung des
Subjekts von der Substanz vor sich geht, treten wir aus der spezifisch
epischen Welt heraus. Das Gemüt und die Gesinnung des Einzelnen sind
nicht mehr im Einklang mit dem Geltenden: was früher bei seinem Thun
eine innere Notwendigkeit war, das steht ihm jetzt gegenüber als ein
moralisches Gebot; es gibt feste Rechte und Gesetze, die sich dem Gefühl
des Einzelnen als Schranke entgegensetzen; der Staat tritt auf als eine
bestimmte Verfassung mit besondern Satzungen, geschaffen durch
Gesetzgeber; letzterer freilich faßt auch nur die geltende nationale
Empfindung in Sätze und Formeln, dennoch ist schon diese Form des
geschriebenen Gesetzes die erste Stufe der Reflexion; das poetische
Gesamtleben der episch-heroischen Zeit wird zu einer prosaischen Ordnung
der Dinge. Wird nun das in sich gebrochene Gemüt, das aufgehört hat ein
totales zu sein, in sich selbst zurückgetrieben, um dort in subjektiven
Empfindungen und Betrachtungen zu weilen, so gibt diese Beschäftigung
des Subjekts mit sich selbst der lyrischen Poesie Entstehung; drängt es
umgekehrt den Zwiespalt mit der bestehenden Welt nach außen und sucht
praktisch und handelnd sein Inneres in der objektiven Welt geltend zu
machen, so führt dieser Kampf individueller Zwecke und Charaktere mit
den allgemeinen objektiven Mächten zur dramatischen Poesie.
Wie aber in der Periode des Epos die Kräfte des Menschen überhaupt noch
in Einheit sind, so ist auch sein sinnliches Dasein noch nicht von dem
geistigen unterdrückt. Die homerischen Helden sind ganze volle, zugleich
herrlich sinnliche und edel geistige Menschen, stehen im engen Verkehr
mit der äußern Natur, und die physischen Bedürfnisse und deren
Befriedigung gelten ihnen eben so sehr, als wir sie zu verhüllen
streben. Essen und Trinken ist in ihrem Lebenslauf keine Nebensache, und
die äußeren Verrichtungen, die dazu nötig sind, stehen nicht unter ihrer
Würde. Der Held schlachtet selbst seinen Ochsen und zerlegt und reinigt
ihn und brät das Fleisch; der Sessel, auf dem er sitzt, das Bett, in dem
er schläft, die Matten, Segel und Ruderbänke des schnellen hohlen
Schiffes, mit dem er übers Meer gekommen, sein Helm, sein Schild, sein
Panzer und der Speer, mit dem er sich zur Schlacht wappnet, der Wagen,
mit dem er über die troischen Gefilde eilt, die Zügel, die Pferde --
alles dies gehört wesentlich zum Kreise, in dem seine Persönlichkeit
gegenwärtig ist. Und indem er in diese sinnlichen Beschäftigungen und
physischen Bedürfnisse sein ganzes Ich hineinlegt, werden diese
Verrichtungen selbst geadelt und gleichsam menschlicher. Für uns
arbeiten Maschinen und Fabriken; wir beteiligen uns an den sinnlichen
Geschäften nur halb, unser edleres Selbst ist nicht dabei zugegen;
Diener thun es für uns hinter unserm Rücken; Handwerker verfertigen
unser Gerät; die Speisen kommen uns künstlich bereitet schon zu und
diejenige Klasse, die sich mit jenen Verrichtungen abgibt, hat dafür den
geistigen Adel eingebüßt, den die homerischen Menschen bei all ihrem
Thun bewahren. So macht es jetzt einen rührenden Eindruck auf uns, wenn
Penelope, die Fürstin von Ithaka, und Helena, die Gattin des
Königssohnes Paris, selbst ihr Gewand weben, daß Nausikaa selbst am
Meeresufer mit ihren Mägden ihre Kleider wäscht und trocknet. Wenn von
dem einen Helden gerühmt wird, daß die Beredsamkeit von seinen Lippen
geflossen wie süßer Honig (ein sehr geistiges Lob), so preist der
Dichter dafür andre wegen ihrer mächtigen Stimme, wegen der
Schnelligkeit ihrer Füße und der Kraft, mit der sie große Steine
aufheben und fortschleudern, also wegen sinnlicher Eigenschaften. Das
Ansehen des Königs stützt sich auf die Gewalt des Heldenkörpers, durch
die der Herrscher dem Volk überlegen ist. Der Kampf selbst ist ein
körperlicher: Mann trifft auf Mann. Voll schöner symbolischer Gebräuche
ist die Kriegführung, die Bestattung, der Opferdienst, öffentlich ist
die Volksversammlung, sie bewegt sich in lauter sichtbaren und hörbaren
Formen. So gilt das Recht der Sinnlichkeit unverkürzt und das Sittliche
und Physische verschmelzen mit gleicher Macht zum Bilde einer totalen,
in sich einigen und ungebrochenen Menschennatur.
Auf diesem Boden also entsteht das Epos und damit ergeben sich alle
Eigenschaften dieser poetischen Gattung von selbst. Wenn der Held abends
von seinen Thaten ruht, wenn nach beendigtem Mahle das Verlangen nach
Speise und Trank gestillt ist, dann tritt der Rhapsode auf und sein Lied
ist eine ideale Reproduktion des Erlebten und Vollführten, Erzählung
geschehener Thaten und Begebenheiten, Erinnerung an eine nähere und
fernere Vergangenheit. Solche Gesänge tönen bei jedem Fest, unter jedem
Dache, überhaupt wenn die Mußezeit eingetreten ist. Sie sind nicht
willkürlichen und individuellen Inhalts; nicht der Einzelne hat sie mit
diesem bestimmten Geiste gefüllt und in dieser bestimmten Form
gestaltet; er ist ein Organ, gleichsam der Mund des Volkes, das
lautwerdende Allgemeingefühl. Das Nibelungenlied, sagt Grimm, hat sich
selbst gedichtet. So haben diese Rhapsodieen einen inneren Zug
zusammenzufließen; zugleich bildet sich die anfangs schwankende Sage
durch vielseitigen Austausch zu einer festen Gestalt. Das so entstehende
epische Gedicht wird in einer Periode, wo überhaupt mehr die allgemeinen
Lebensgesetze gelten als das Individuum, das ganze nationale Leben
umfassend spiegeln; es wird ein Abbild der Thaten und Gesinnungen des
Volkes überhaupt. Das Volk selbst dichtet das wahre Epos und spricht
sich darin mit allen seinen Eigentümlichkeiten aus. Das epische Gedicht
erzählt uns daher keine vereinzelte That, sondern die Bewegung, die Züge
und Kämpfe nationaler Massen: in ihm herrscht nicht eine einzelne
Empfindung oder Leidenschaft oder eine begrenzte Herzens- und
Lebenssituation wie im lyrischen Gedicht oder im Drama, sondern es
umschließt die volle Totalität einer Nation und einer Zeit. Dadurch nur
wird auch das Epos zum Hauptbuche, zur allgemeinen Quelle der Erziehung
und Bildung oder, wie Hegel treffend sagt, zur Bibel des Volkes. So
blieb Homer für immer der heilige Lehrer der Griechen, dessen Aussprüche
wie Entscheidungen eines Gottes galten, auf den sich jeder berief, der
das Fundament wurde, auf welches sich die gesamte poetische, religiöse
und sittliche Bildung der Griechen auferbaute. Homer schuf nach Herodot
den Griechen ihre Götter, die Tragiker entnahmen ihm die Fabel ihrer
Stücke, die Philosophen maßen ihre Ansichten an ihm; Grenzstreitigkeiten
wurden nach seinen Aussprüchen geschlichtet; Lykurg legte ihn der
altdorischen Ordnung, die er befestigte, zu Grunde; in Athen war Homer
das Erziehungsbuch der Jugend. Eine ähnliche epische Bibel hat fast jede
bedeutende Nation in einem gewissen Stadium ihrer Geschichte
hervorgebracht: die Indier haben ihre großen Epen wie die Griechen ihren
Homer; so erzeugten die Italiener gleichfalls am Anfangspunkt ihres
nationalen Werdens ihren Dante, für dessen Erklärung sogar eigene
Lehrstühle an den Universitäten errichtet wurden; so die Portugiesen
ihren Camoens, der ebenfalls in einer Periode des Aufschwunges der
portugiesischen Volksmacht lebte und diesen Aufschwung, nämlich die
Entdeckungsfahrten nach Indien in seine Lusiaden aufnahm; und nicht
anders wurde im deutschen Mittelalter Wolfram von Eschenbachs Parzival
der treue und vollständige Spiegel des damals herrschenden mystischen
Rittertums und wurde daher auch das am allgemeinsten verbreitete Buch,
Genuß und Vorbild für alle. Manchen Bibeln fehlt die epische Form, z. B.
dem alten Testament, wo auch niedergelegt ist, was das jüdische Volk an
Sage und Geschichte, an Poesie und Nachdenken besaß, obgleich im Alten
Testament das Religiöse zu sehr vorherrscht, als daß wir es für ein
wirkliches Epos erklären könnten. Ebenso verhält es sich mit den
religiösen Grundbüchern der Perser und Araber, dem Zendavesta und dem
Koran. Eben aber weil das Epos auf diese Weise den ganzen geistigen
Schatz eines Volkes in sich schließt, rührt es in seiner reinsten
Gestalt auch nicht von einem einzelnen Dichter her, sondern ist aus
Rhapsodieen, Volksgesängen, epischen Bruchstücken aller Art
zusammengeflossen. Wie Homer sind auch die Nibelungen und Gudrun, auch
das finnische Epos auf diese Weise entstanden. Hegel widersetzt sich
zwar mit Nachdruck der Wolfschen Hypothese, wonach die Ilias und Odysse
aus gesonderten Teilen erst später zusammengesetzt worden: aber er thut
dies nicht aus Gründen historischer Kritik, sondern weil er mit Recht
glaubte, die Einheit sei einem Gedicht unerläßlich und ein wahrhaftes
Kunstwerk müsse ein geschlossenes Ganzes bilden. Allein die Einheit
braucht deshalb nicht verloren zu gehen: es kommt durch die
Gleichartigkeit des in der epischen Zeit alle Einzelnen beherrschenden
Volksgeistes und seiner Sage in die getrennten Bruchstücke von selbst
Einheit des Tones und lebendiger Zusammenhang; ferner ist ja das Epos in
der Gestalt, wie es den späteren Geschlechtern überliefert wird, das
Werk eines Ordners und Zusammensetzers (Diaskeuasten), der nach einem
bestimmten Gedanken verfährt, welcher in den Bruchstücken selbst
enthalten ist. So konnten die Ilias und Odyssee, obgleich sie nur eine
Konkretion alter Heldengesänge und epischer Hymnen sind, dennoch den
strengen Zusammenhang haben, dessen Fugen nur das geschärfte kritische
Auge an manchen Stellen entdeckt. Umgekehrt fehlt es in manchen
reflektierten späteren Epen, obgleich sie von einem Dichter herstammen,
an der nötigen inneren Gleichartigkeit. Die Aeneis des Virgil z. B.
besitzt die künstlerische Einheit nicht; die Geschichte von der Dido
z. B. fällt aus dem epischen Ton heraus und ist eine ganz tragische
Episode. Auch Klopstocks Messias ist, weil der Dichter ungefähr zwanzig
Jahre daran arbeitete, sehr disparat in seinen einzelnen Teilen. Gerade
wenn das Gedicht das unmittelbare Produkt des naiv dichtenden Volkes
ist, wird es in sich zusammenstimmen, so lang es auch sei. Das echte
Epos wird immer das Ansehen haben, als wenn das Volk selbst mit dunklem
Triebe nach Selbstdarstellung es geschaffen: der Einzelne, der daran
gearbeitet, verliert sich; das Nibelungenlied hat sich selbst gedichtet,
es ist erwachsen. Daher sagt Jakob Grimm sehr wahr: es gibt gute und
schlechte lyrische Gedichte, gute und schlechte Dramen, aber dem echten
Epos steht nur ein falsches gegenüber. Dies ist der Mangel z. B. bei
Virgil: er ist ein künstlicher gelehrter Dichter, der an die Wahrheit
der Dinge, die er erzählt, selbst nicht glaubt; er ist in dem Bewußtsein
der von ihm geschilderten Welt nicht befangen, schafft mit Absicht, ahmt
nach und stutzt seine Rede mit rhetorischen Blumen auf. Nur in einer
Hinsicht zeigt er sich als wahrhaft epischen Dichter: auch ihn nämlich
durchdringt wie das ganze römische Volk das Bewußtsein der Herrlichkeit
dieses Volkes, seine göttergleiche Größe, der Stolz und die Pracht der
Weltherrschaft. An solchen Stellen ist auch er nur ein Ausdruck seines
Volkes, die Begeisterung ist keine künstliche und die Worte strömen ihm
zu, daher er auch fünf Jahrhunderte hindurch in allen Schulen bei den
Römern der gefeierte Liebling blieb.
Indem wir nun mit Recht das Epos für das poetische Totalbild eines
Volkes und einer Zeit ansehen, ist dies nicht so zu verstehen, als solle
das Gedicht ein ethnographisches Gemälde sein oder eine geordnete
Schilderung der damals herrschenden Sitten, wie sie der Historiker
unternimmt. Vielmehr fordert das Gesetz aller Poesie auch beim Epos, daß
der allgemeine Geist sich zu einer bestimmten epischen Begebenheit
zusammenziehe und sich individualisiere, und daß nicht das ganze Volk
oder gar die Menschheit, sondern ein bestimmter Held Subjekt derselben
sei. Das nationale Leben wird uns im Epos in einer einzelnen begrenzten
That vorgeführt; es kommt durch eine bestimmte Situation, durch
bestimmte Zwecke und Handlungen als ein konkretes Individualbild zur
Anschauung. Einen Konflikt und eine Kollision verlangt auch das Epos,
aber dieser Konflikt ist von dem dramatischen sehr verschieden. Im Drama
stehen sittliche Mächte in Kollision; das Subjekt, das sich auf dem
Punkte ihres Zusammenstoßes befindet, geht zu Grunde. Oder das
Individuum macht sein individuelles Pathos, den inneren Drang seiner
Leidenschaft der objektiven Ordnung der Dinge gegenüber geltend; es
kreuzt mit seinen subjektiven Zwecken die des Schicksals und der
sittlichen Notwendigkeit und macht untergehend die tragische Erfahrung
seiner Endlichkeit. In der epischen Welt aber gibt es noch keinen so
tiefen Zwiespalt; der Lauf des Schicksals tritt dem Streben des
Einzelnen nicht entgegen, sondern hebt und fördert es. Die epische
Kollision vernichtet daher den Frieden des Menschen nicht; ohne die
harmonische Entfaltung des Volksganzen zu stören, bringt sie nur eine
belebende Bewegung hervor. Eine passende epische Kollision ist daher der
Krieg, in welchem die Nation ihre Kräfte übt und Wachstum und Entfaltung
beschleunigt fühlt; nur darf der Krieg kein innerer, im Schoße des Volks
selbst ausgebrochener sein, kein Dynastieenkampf wie bei Shakespeare,
kein Bruderzwist um das Erbe des Thrones, denn dann stehen wir auf dem
tiefen Boden der dramatischen Kollision. Auch Entdeckungszüge wie die
der Portugiesen bei Camoens, eine Kreuzfahrt wie bei Tasso sind ein
schöner epischer Stoff: auch dort türmen sich die Hindernisse, die
Gefahren nur auf, um überwunden zu werden, und der Widerstand der
Wirklichkeit dient nur dazu bei jedem Schritte sich dieser Wirklichkeit
vollständiger und glücklicher zu bemächtigen. Auf diesem allgemeinen
Boden epischer Kollision tritt nun die ganz individuelle epische
Begebenheit auf, und in ihr bewegen sich die epischen Charaktere. Auch
der Charakter des epischen Helden schwebt wie die Begebenheit in der
Mitte zwischen der nationalen Basis und seiner individuellen
Besonderheit. Er ist, was jeder sein kann, was jeder im Grunde ist: dies
in ihm Waltende ist nichts andres als die allgemeine Lebensgrundlage,
die alle trägt. Sein Streben ist kein Kampf, weder mit dem Schicksal
noch mit der ihn umgebenden Volksnatur. Er will nicht die Welt
umgestalten und etwas erst noch in seinen Gedanken Vorhandenes
realisieren, sondern in der Realität selbst wirkend, folgt er dem Zuge
der Dinge mehr in ein äußeres Geschehen verflochten als durch wirkliche
That, die immer in dem Innern des Subjekts entspringend in der Welt der
Objekte sich durchsetzt, die Natur nach Zwecken seiner Freiheit
umformend. Im Epos ist daher kein verwickeltes psychologisches Getriebe,
kein verstecktes Motiv; die Handlungen fließen aus dem Instinkt des
Ganzen. Die erzählte Begebenheit strömt ruhig an uns vorüber; der äußere
Vorgang, Umstände, Zufälle, Ereignisse, dasjenige, was dem Helden
begegnet, nicht der Held selbst als eine innerlich von Absichten bewegte
oder von streitenden Motiven aus dem Gleichgewicht gebrachte
Persönlichkeit ist im Epos das Wesentliche. Danach lassen sich alle
geschichtlichen Charaktere in epische und dramatische einteilen. Der
epische Held ist nur eine Konzentration der Nation und der Zeit; was er
will und fühlt, ist Wille und Gefühl aller. Er ist daher immer
glücklich, er ist der Günstling des Geschickes und die Götter sind mit
ihm. Die Macht der Umstände trägt ihn von Erfolg zu Erfolg, Hindernisse
und Hemmungen weichen, sein eigenes Innere ist offen, harmonisch bewegt;
keine individuelle Willkür reißt ihn los von der Lebensgemeinschaft mit
allen übrigen, und, indem er ein umfassendes Werk mit Größe vollführt,
ist diese Vollführung vielmehr das bewußtlose Werden der Dinge selbst.
Bei den tragischen Charakteren, die der reine Gegensatz der epischen
sind, ist die religiöse Harmonie zur Empörung geworden. In Zeitaltern
vorgeschrittener Zivilisation isoliert sich der begabte weiter blickende
Genius; er fühlt der stumpfen Masse gegenüber höhere Einsicht,
überwiegende Kraft in sich; er bildet den ersten Strahl des kommenden
Zeitalters; in dem Kampf gegen das Bestehende fällt er als Opfer; der
zähen Gewohnheit, der Beschränktheit gegenüber verblüht er langsam; oder
er überwindet den Widerstand, steigt zum höchsten Glanz empor und will
die Welt nach seinen Zwecken zwingen. Aber da ereilt ihn nach dem
tiefsinnigen Ausdruck der Alten der Neid der Götter, die nicht dulden
können, daß ein Sterblicher sich mit ihnen messe und das Steuer der
Weltregierung ihren Händen entreiße. Indem er sein individuelles Pathos
zum alleinigen Gesetz macht, stört er den Gesamtkomplex der sittlichen
Mächte, die in gegenseitiger Durchdringung das Leben bilden; seine Kraft
und Größe nach einer Seite ist seine Schwäche nach der andern; die
durchbrochene Ordnung stellt sich wieder her, die Massen reagieren gegen
ihn und, wo er am höchsten stand, stürzt er am tiefsten; in dem
Augenblick, wo seine Pläne dem Gelingen am nächsten waren, sinken sie in
Staub. Die Götter, die den epischen Helden lieben, hassen und vernichten
den tragischen. Prometheus ist der wahre Typus tragischer Helden. Cäsar,
Xerxes, der in seinem Uebermut den Hellespont geißelte, Ajax, den Pallas
ins Verderben stürzt, sind tragische Charaktere, die daher auch von den
Dichtern, von Shakespeare, Aeschylus und Sophokles gewählt wurden.
Manche Figuren der Weltgeschichte tragen, je nachdem sie aufgefaßt
werden, mehr den tragischen oder den epischen Charakter, z. B. Napoleon.
Im ersten Stadium seines Lebens, als Obergeneral in Italien und Aegypten
ist er der epische Held, den die Schwinge des Jahrhunderts und die
Strömung der Dinge glück- und sieggewährend trägt; seine Thaten sind ein
sonnenbeglänztes Epos; allmählich isoliert er seine Zwecke; er verliert
sich in eine immer kühnere und einsamere Höhe; die objektive Welt mit
allen endlichen Bedingungen und Verhältnissen, die Völker mit ihrer
nationalen Denkart werden ihm nur der gleichgültige Stoff, dem er die
Form seines idealen Willens aufprägen will; da reagiert eben diese reale
Welt, die sich von keinem Einzelnen aus dem Schwerpunkt rücken lassen
will; die Katastrophe, d. h. das plötzliche Umschlagen erfolgt und den
Vermessenen trifft ein erschütterndes Verderben. So ist auch bei
Alexander dem Großen, bei Kolumbus eine doppelte Auffassung möglich:
epische Helden sind beide, insofern sie nur Organ des Zeitgeistes sind;
der eine öffnet den Orient, der andre den fernen Occident; beide sind
von dem allgemeinen Streben der beengten Völker nach Erweiterung des
Weltbewußtseins zu glücklichem Ziele getragen; in das Leben beider
mischt sich aber bald das tragische Unglück, dem der eine in der Blüte
der Jugend, der andre nach einer Kette von Kränkungen und Mißgeschicken
verfällt.