Fort mit dem Gedanken an sie -- an Alles was sie umgab, gerade hier lag
die Gefahr für ihn, für sein häusliches Glück, und er fühlte recht gut
selber wie er zu schwach, viel zu schwach sei, den immer aufs Neue auf
ihn eindrängenden Verführungen lange widerstehn zu können.
Er liebte Sadie aus tiefster innerster Seele, und dennoch hatte er den
Zauber, die Gewalt die diese Liebe über ihn ausüben sollte, überschätzt
-- dennoch fühlte er, wie er jetzt _flüchten_ müsse mit ihr, sich selber
zu entgehn und seiner Leidenschaft; flüchten, einer Gefahr auszuweichen,
die drohend über ihrem Glücke hing, und in dem Gefühl lag das Bewußtsein
seiner Schwäche; gewaltiger noch daß er nicht wagte es sich selber zu
gestehn, gefährlicher für ihn, daß er je geglaubt hatte es besiegen zu
können, ja selbst jetzt noch sich selber damit täuschen wolle daß er
nach freiem Willen handle.
Schon an diesem Tag begann er seine, jedoch eben nicht so bedeutenden
Vorbereitungen, Tahiti zu verlassen, und Sadie sah den Eifer mit dem er
es betrieb und dankte ihm in ihrem Herzen dafür. Glücklicher fast als
der Gedanke ihr liebes, freundliches Atiu nun bald wieder zu sehn, es
nie mehr zu verlassen, machte sie das Bewußtsein des Gatten Liebe noch
zu besitzen und sich in jener furchtbaren Stunde -- so entsetzlich ihr
selbst jetzt noch die Erinnerung daran war -- getäuscht zu haben. Er
konnte jenes fremde schöne Mädchen nicht lieben, hätte er sonst so
geeilt aus ihrer Nähe zu kommen? und daß es ihn gerade zurück nach Atiu
zog, war ihr ja der Bürge für ihr schönstes Glück -- für den Frieden
ihrer Seele. Wie weh that es ihr jetzt daß Aumama nicht bei ihr
geblieben war, Zeuge ihres Glücks zu sein; das wilde Mädchen hatte sich
aber nicht länger halten lassen und war noch lange vor Abend schon in
ihrem Canoe allein nach Taiarabu aufgebrochen, dort bei der Schwester zu
bleiben; ja vielleicht -- sie hatte ihr zornig klopfendes Herz fest
festhalten müssen, als sie der Freundin die Worte zuflüsterte in denen
ihr ganzes Elend lag -- dort, dort noch einmal dem treulosen Gatten zu
begegnen, und Rechenschaft von ihm zu fordern, für ein mißhandeltes,
zertretenes Leben.
Arme Aumama.
René hatte sich von der Mission einen kleinen Cutter zu verschaffen
gewußt, seine Sachen und was er sich an Bequemlichkeiten auf der Insel
angekauft, gleich mit einem Mal nach ihrem alten Wohnplatz
hinübertransportiren zu können, und derselbe wurde schon an dem
nämlichen Nachmittag, ein Beweis wie es ihm Ernst war um seinen Vorsatz,
von Papetee herüber und an seine Landung geschafft, wo er ruhig und
vollkommen vor Wind und Wetter geschützt, vor Anker liegen konnte, bis
er im Stande war seine Geschäfte hier so weit als möglich zu reguliren
und sich einzuschiffen.
Niemand freute sich mehr darüber als der Mitonare Ezra, der sich
augenblicklich zum Passagier anbot, und nebenbei noch versprach die
Mannschaft vollständig aufzutreiben. Mehr wie drei Leute gebrauchten sie
ohnedies nicht, da René ja selber Seemann genug war das wenige an Bord
solch kleinen Fahrzeugs, wenn ja einmal Noth an Mann sein sollte mit
verrichten und besser verrichten zu können, wie die Insulaner selber.
Mitonare erhielt da die erste Botschaft, nach der Stadt, zu dem
ehrwürdigen Mr. Rowe zu kommen, und René bekam ebenfalls eine Einladung
von dem jetzt Befehlenden auf Papetee, Gouverneur Bruat, ihn zu
besuchen, da er sich nach Manchem bei ihm zu erkundigen wünsche.
Die Botschaft beunruhigte ihn im Anfang -- sollte etwa wegen der Flagge
Nachforschung gehalten sein? -- aber lieber Gott, da hätten sie ihm
dieselbe, wenn er wirklich verrathen wäre, einfach wieder abfordern
lassen; das Tuch hatte weiter keine Bedeutung, sobald es einmal von der
Stange herunter war. Oder das Duell? -- es war nicht wahrscheinlich daß
solche Sache in solcher Zeit zur Untersuchung kommen sollte; und
überdies hatten beide Theile darin gehandelt wie es den nun einmal
bestehenden Gesetzen der Ehre entsprach, denen sie sich fügen mußten.
Es half ihm Nichts daß er sich den Kopf darüber zerbrach, und gegen
Abend -- er war auf vier Uhr Nachmittag nach Papetee beordert worden --
folgte er der Aufforderung des Gouverneurs.
Es handelte sich dabei übrigens weder um Flagge noch Duell; im
Gegentheil war Mr. Bruat ungemein freundlich mit dem jungen Mann, dessen
Schicksale er sich, wie er ihm versicherte, habe erzählen lassen, und um
ihm zu beweisen wie er sich für ihn interessire, wünsche er ihn an
sich und Papetee zu fesseln, und bot ihm, da er ja schon überdies früher
in der Französischen Armee als Officier gedient, eine gleiche Stellung
in Papetee, unabhängig von den Schiffen und mit gesichertem Aufenthalt
auf den Inseln.
René begriff recht gut, daß er dies Anerbieten weniger seinen
Verdiensten als der vermutheten Verbindung verdanke, in der er, durch
seinen längeren Aufenthalt hier wie seine Heirath, mit den Eingeborenen
stand. Das Abenteuer mit dem Missionair war ebenfalls, wenn auch nicht
laut ausgesprochen, doch ruchbar geworden, und es fehlte den Franzosen
gerade in diesem Augenblick besonders an Leuten, die ihren Interessen so
ergeben, als denen der Missionaire entgegen wären, und doch dabei eine
etwas freundlichere Vermittlung zwischen den beiden so schroff
abstoßenden Elementen, den Eingeborenen der Insel und den Eroberern
derselben, bieten könnten. Das wäre aber auch jedenfalls der Weg gewesen
sich den Insulanern vollkommen zu entfremden, und er lehnte die ihm
gebotene Stellung auf das artigste und mit der Versicherung größter
Dankbarkeit für das ihm bewiesene Zutrauen, aber auch entschieden ab.
Monsieur Bruat schien etwas pikirt darüber; er hatte wohl keinenfalls
eine so ganz definitive Weigerung erwartet, René beharrte aber fest
darauf und wurde endlich mit einer zwar artigen aber sehr kalten
Verbeugung entlassen.
* * * * *
In Mons. Belards Hause, in dem kleinen traulichen Stübchen der Madame
Belard, saß diese an ihrer Arbeit, hinter den niedergelassenen
Jalousien, die eine angenehme Kühle in dem freundlichen Gemach
verbreiteten, während Susanna vor dem Instrument in leisen, wehmüthigen
Akkorden und mit halbgeschlossenen Augen ihrer Phantasie, ihren Gedanken
freien und ungestörten Lauf ließ.
»Lieber Gott, Susanna,« sagte Madame Belard endlich, ihre Nadel ruhen
lassend und zu der Freundin aufschauend -- »Du bist entsetzlich
langweilig heute, und spielst Melodieen daß man immer glaubt es sollte
Jemand zum Richtplatz geführt werden. Was um Gottes Willen steckt Dir im
Kopf, was hast Du, was fehlt Dir? -- heraus mit der Sprache, Mädchen,
aber quäle mir die Molltöne nicht auf solch grausame, unbarmherzige
Art.«
»Ich? -- Nichts -- was soll mir fehlen?« sagte Susanna.
»Ja das frag' ich Dich -- etwas _ist_ mit Dir, denn Du bist wie
ausgewechselt gegen sonst.«
»Unsinn« lachte Susanna, die vollen Locken aus der Stirn werfend, und
zu einer lebendigern Weise übergehend -- es war die Marseillaise.
»Ach damit hast Du gestern Abend Monsieur Delavigne vertrieben« lachte
Madame Belard -- »wie rasch er aufsprang und fortstürzte. Wir hätten uns
heute doch einmal sollen nach ihm erkundigen lassen, wie ihm die
Aufregung gestern bekommen und ob er sein Haus glücklich erreicht hat.«
Susanna erwiederte Nichts darauf, hatte aber die Marseillaise schon
wieder fallen lassen, und praeludirte eines ihrer kleinen
melancholischen Creolenlieder aus Louisiana, als Schritte aus dem
Vorsaal gehört wurden und Mons. Belard gleich darauf die Thür öffnete
und hereinschaute.
»Ist Delavigne hier gewesen?« frug er die Damen.
»Monsieur Delavigne? nein,« rief seine Frau und Susanna hörte auf zu
spielen und sah sich nach ihm um -- »ist er wieder in der Stadt?«
»Hat er Euch denn noch Nichts gesagt?« frug der Gatte aber jetzt, sie
etwas erstaunt ansehend und ganz ins Zimmer tretend, »wißt Ihr noch
Nichts?«
»Wir? -- was ist denn?« rief Madame Belard erschreckt, »um Gottes Willen
-- aber wenn er selber in der Stadt war -- ist ihm denn zu Hause etwas
passirt -- seinem Weib?«
»Ah Papperlapapp,« sagte Mons. Belard lachend, und ging zu einem
kleinen Eckschrank den er dort zu seinem eigenen Gebrauch stehen hatte,
sich ein Glas Brandy und Wasser einzuschenken, »da soll bei Euch immer
gleich was passirt sein; der Frau wird auch was zustoßen, die
Indianerinnen haben eine zähe Natur und sind nicht gleich immer
umgeworfen wie andere Leute. Wenn ich noch einmal zu heirathen hätte,
ich wüßte auch was ich thäte.«
»Bitte, Monsieur, geniren Sie sich nicht« bat Madame Belard etwas
beleidigt und mit kalter Höflichkeit -- »ich möchte Ihrem weiteren Glück
nicht gern im Wege stehn.«
»Aber was ist vorgefallen?« frug auch jetzt Susanna, mit größerem
Interesse als sie bis jetzt gezeigt, »bringen Sie uns eine angenehme
oder unangenehme Neuigkeit?«
»Nun ich weiß gerade nicht« sagte Mons. Belard die Mischung von Wasser
und Brandy erst einen Augenblick gegen das Licht haltend und dann, wie
mit der Farbe zufrieden, auf einem Zug leerend -- »angenehm ist sie
gerade nicht -- wenigstens nicht für Sie Beide, und mir selber thut es
auch leid, obgleich sich die Sache nun einmal nicht ändern läßt und des
Menschen Wille sein Himmelreich ist. Wenn's ihm nicht länger bei uns
gefällt, kann ihn natürlich keine Seele halten.«
»Mons. Delavigne will fort von hier? -- aber wohin?« riefen die beiden
Damen, wie fast aus einem Munde.
»Soviel ich verstanden habe, nach Atiu zurück, wo er hergekommen«
lautete die Antwort.
»So wird er dorthin wohl sein Geschäft verlegen wollen.«
»Nein das ist ja eben der Unsinn« rief der Kaufmann ärgerlich, »das
dacht' ich mir auch im Anfang, denn darin wäre ein Sinn, aber wie mir
jetzt scheint, läuft die ganze Geschichte auf irgend einen romantischen
Schwindel hinaus, und wenn das wirklich der Fall wäre, sollt' er mir
leid thun, denn keine zwei Monat hält er's drüben mit seiner
Paradies-Comödie aus. Er will sein ganzes Geschäft förmlich mit der
Wurzel herausreißen und wegwerfen, und sich drüben hinsetzen und
Brodfrucht und Tarowurzel essen mit Madame Sadie. Das klingt wohl recht
schön, ist aber nur leider unausführbar -- er müßte denn eben kein
Franzose -- kein civilisirter Mensch sein, dessen ganze Existenz, er mag
sich darüber äußerlich vorlügen soviel er will, doch mit all seinen
tausend Seelenfasern an dem alten gewohnten Leben hängt und nicht
losgerissen werden _kann_.«
»Aber ist denn vielleicht hier irgend etwas vorgefallen?« sagte Madame
Belard -- »hat er hier Unannehmlichkeiten gehabt, die ihn vielleicht
dazu treiben?«
»Doch nicht etwa mit der Regierung?« frug Susanna rasch, die
unwillkürlich und mit leiser Angst der so keck eroberten Flagge
gedachte.
»Nicht daß ich wüßte« brummte Mons. Belard -- »im Gegentheil scheint ihm
der Gouverneur wohl gewogen gewesen zu sein, denn wie mir Delavigne
selber sagt hat er ein Anerbieten von dorther gehabt -- ein Anerbieten
einer festen gesicherten Stellung, wenn er es allenfalls nun überdrüssig
gewesen wäre Handel zu treiben; aber auch das hat er von der Hand
gewiesen. Er ist rein toll -- oder blind.«
»Und wann will er fort?« sagte Mad. Belard.
»Morgen schon, soviel ich weiß, wenn er alle seine Siebensachen packen
und zu Schiff bringen kann -- er hat einen kleinen Cutter gemiethet, der
schon bei seinem Hause liegt. Nein die Sache ist Ernst und nicht nur
eine flüchtige Idee; ein Schlag aus reinem Himmel, denn gestern, wo ihn
Brouard auf der Straße traf, wußte er noch kein Wort davon. Aber ich muß
wieder fort -- er kommt jedenfalls noch zu Euch hierher heute, Adieu zu
sagen, und wenn ich nicht da sein sollte, bitte gieb ihm dies Papier
hier, Marie; ich habe ihm versprochen, es hierher für ihn zu legen,
vielleicht komm ich nachher noch einmal herüber.« Und mit kurzem Gruß
verließ er das Zimmer wieder.
Die Frauen saßen noch schweigend, und in tiefem Nachdenken, als Mons.
Belard schon lange das Zimmer verlassen hatte, und Susanna berührte
wieder leise die Tasten in weichen, kaum hörbaren Akkorden.
»Merkwürdig« brach Madame Belard endlich das Schweigen -- »etwas _muß_
da vorgefallen sein, was ihn kann zu diesem wunderbar raschen Entschluß
getrieben haben -- gestern Abend schon sein eigenthümliches Betragen.«
»Du sprichst von Mons. Delavigne?« sagte Susanna, ohne die Freundin
anzusehn.
Madame Belard schaute rasch nach ihr um, ließ ihr Auge einen Moment auf
ihr ruhen und sagte dann leise:
»Ja.«
»Die Männer sind wunderliches Volk« sagte die Schöne -- »er wird sich
mit seiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurückziehn, und von der
Welt -- in ihren Armen träumen.«
Madame Belard schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte ernst:
»Das ist nicht Alles wie es sein sollte -- hätte er den Entschluß
langsam und mit reiflicher Ueberlegung gefaßt, so würde es mich recht
von Herzen, in tiefster Seele gefreut haben.«
»Wie so?« frug Susanna rasch.
»Weil mich Sadie, das arme liebe Mädchen, in einer Welt hier in die sie
nicht gehört, in die sie nicht paßt, recht von Herzen dauert. Es ist ein
liebes engelgutes Kind, und _verdiente_ glücklich zu sein -- und wird es
nie werden« setzte sie recht tief aufseufzend hinzu.
»Warum nicht glücklich?« sagte Susanna gleichgültig, der Stimme
wenigstens den Ausdruck gebend, »so viel ich von dem Leben dieser
Insulanerinnen gesehen habe, verlangen sie es, wissen sie es gar nicht
besser, als daß sich ein Europäer, Franzose oder Engländer ist ihnen
ziemlich gleich, um sie bewirbt und -- die Dauer seines Aufenthalts
vielleicht -- bei ihnen bleibt; kehrt er in seine Heimath zurück fällt
es ihm natürlich nicht ein eine farbige Frau mitzunehmen.«
»In der Regel, ja --« sagte Madame Belard -- »leider Gottes handeln die
Männer hier leichtsinnig genug in dieser Hinsicht, und haben schon
manches arme Herz gebrochen, selbst unter den ungebildetsten der
Insulaner -- das Herz kehrt sich ja nun doch einmal nicht an Sitte und
Gebrauch.«
»Sie sehn mir nicht aus, als ob ihre Herzen so leicht brechen könnten«
entgegnete Susanna etwas kalt.
»Doch, doch« sagte leise Madame Belard, »und Sadie ist gar nicht wie ein
Kind dieser Inseln erzogen -- nur die Farbe, das Aussehn, und das Freie,
Natürliche ihrer Bewegungen verkünden sie als ein Kind des
Korallenbodens; der alte Mr. Osborne, der hier auf Tahiti starb, hat sie
wie eine Tochter gehalten, unterrichtet und ihr damit Gutes thun wollen,
aber ich fürchte fast, statt dessen einen schlimmen Dienst erwiesen.
Nicht Indianerin, nicht Europäerin muß sie für das Leben ihres
Vaterlandes verloren sein, nie wenigstens würde sie sich, wozu sie doch
Gott bei ihrer Geburt bestimmte, an der Seite eines gewöhnlichen
ungebildeten faulen Indianers glücklich fühlen können -- und ich
fürchte, sie wird _nicht_ im Stande sein, den jetzt geliebten Mann auf
immer an sich zu fesseln.«
»Und verlangst Du von Delavigne daß er sein Leben auf jenem Atiu
verträumen -- diese monotonen Inseln mit ihren ewigen Palmen und
Brodfruchtbäumen nie wieder verlassen soll?« rief Susanna in ihrem Spiel
aufhörend und sich rasch und fast heftig nach der Freundin umdrehend.
»Verlangen?« sagte diese achselzuckend -- »ich verlange von einem Mann
vor allen Dingen daß er seine Schwüre hält, es ist das wenigste _was_
man verlangen kann, und doch unendlich viel, und thut das Delavigne, so
kann er die Inseln nur verlassen, wenn er die Indianerin _als sein Weib_
mit hinüber in das alte Vaterland nimmt.«
»Um dort der Kinder Spott zu werden« rief Susanna rasch.
»Er hat das Alles voraus gewußt,« sagte Marie Belard, »Sadie ist
übrigens ein wunderhübsches Weibchen.«
»Und wie lange wird das dauern?« frug Susanna, »in sechs Jahren, in fünf
vielleicht schon, ist die Blüthenzeit dieser Kinder der Tropen vorüber
und _die_ Zeit muß ihm vorschweben, wenn er an ein späteres Leben in den
civilisirten Städten der alten oder neuen Welt zurückdenkt. Ja in der
neuen könnte er nicht einmal jetzt mit ihr existiren, wo sich jede
anständige Familie in New-York sowohl wie New-Orleans von ihm
zurückziehn würde, um nur nicht in den Verdacht zu kommen mit
_schwarzem_ Blute Umgang zu haben.«
»Aber Susanna, in Virginien rühmen sich die ältesten Geschlechter von
der Königstochter Pokahontas abzustammen« sagte Madame Belard.
Susanna zuckte die Achseln.
»Ja, sie zum Ahn zu haben lassen sie gelten« sagte sie, »aber frag
einmal eine der dortigen Familien, ob sie _jetzt_ einem ihrer Söhne
gestatten würden die Ehre ihrer Geschlechter durch Indianisches Blut zu
_beflecken_. Das Vorurtheil, wenn es überhaupt ein Vorurtheil genannt
werden kann, wo es sich um etwas unseren Naturen total widerstrebendes
handelt, besteht nun einmal und wir Einzelne können es nicht ändern --
Uebrigens sind die hier geschlossenen Ehen« fügte sie mit weit leiserer
Stimme etwas zögernd hinzu, »wie man überall hört, ja keineswegs so
bindend, und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf
ziemlich willkürliche Scheidung wieder enthalten.«
»Die meisten, ja, leider Gottes« sagte Madame Belard -- »die
leichtsinnigen Mädchen der Inseln würden selbst die Formel nicht
verlangen, hielten die Missionaire nicht darauf, bei etwas, das sie doch
nun einmal nicht verhindern können, wenigstens so viel als möglich den
Anstand zu wahren. Bei den meisten ist auch wirklich nichts weiter
geschehn; manche aber vollziehen wirkliche Ehen, so vollständig in ihrer
Ceremonie als bei uns und -- ich sollte denken -- auch ebenso bindend.
Wahrscheinlich ist dasselbe auch mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie
ist die Pflegetochter eines Geistlichen, und von ihm erzogen und
getraut; der würdige Mann wird nicht daran gedacht haben eine andere
als vollgültige Ehe zwischen den Beiden zu schließen. Ueberdies bliebe
sich das auch gleich, das todte Wort was dabei gesprochen wird kann nur
gesetzlich binden, und zwar an Stellen wo das Gesetz die Kraft und
Ausdehnung hat, hier wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich desselben
bringen kann, ist das _eigene_ Wort, das eigene Herz das einzige worauf
man wirklich trauen kann, und ich will zu Sadies Bestem hoffen, daß
Delavigne dem fest und treu zu eigen bleibt.«
»Und glaubst Du wirklich daß er sein Leben solcher Art hier beschließen
wird?« frug Susanna -- »Marie denke Dir er ist vielleicht fünf oder sechs
und zwanzig Jahr alt, und soll jetzt _aufhören_ zu leben -- ist das
wahrscheinlich?«
»Aufhören zu leben -- mit der Frau die er liebt an seiner Seite, mit
seinem Kind?« frug Madame Belard dagegen, »er kann das nicht gut
»aufhören zu leben« nennen, was, wie er mich oft versichert, das höchste
und schönste Ziel seines Lebens gewesen; -- es wäre zu traurig für die
arme Sadie; und doch _fürchte_ ich fast das wilde ungestüme Wesen des
Mannes wird sich nicht in die engen festen Banden eines solchen Lebens,
auf die Länge der Zeit wenigstens, einschnüren lassen. _Ihr_ Beiden
hättet besser zusammen gepaßt.«
Susanna lachte, aber sie wandte rasch den Kopf und begann wieder, und
zwar mit raschen kräftigen Griffen die Marseillaise zu spielen, während
Mad. Belard an das Fenster trat und hinausschaute.
Die Thür öffnete sich leise und René erschien auf der Schwelle -- keine
der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes
kommen hören, und mehre Minuten lang stand er schweigend die Blicke fast
wehmüthig auf die holde Jungfrau am Instrument geheftet die, den
Lauscher nicht ahnend das Lied schloß und wieder über zu den weicheren
seelenvollen Melodieen kleiner, spanischer, Lieder ging, wie sie
dieselben daheim an den Ufern des Mississippi oft und oft gehört. Eine
Weile spielte sie so fort und dann endlich, wie den Gedanken des Liedes
folgend das sie begonnen, fiel sie mit ihrer weichen klangvollen Stimme
leise ein.
Die Halme wehn gedankenschwer
Auf jener Wiese drüben,
Sie sagen wohl einander nur
Daß sie sich innig lieben;
Ich aber liege einsam hier
Und schaue in die Höhe --
Ach daß mich Niemand lieben will
Ist ja mein einzig Wehe.
»Ein trauriges Lied« seufzte Madame Belard und drehte sich nach der
Freundin um, stieß aber unwillkürlich einen leisen Schrei aus, als sie
den, mit dem sie sich eben in wirklich traurigen Bildern beschäftigt,
bleich und ernst vor sich stehen sah.
Susanna schaute rasch auf den Ruf um, und während ihr das Blut in die
Wangen schoß, stand sie auf und verließ das Instrument.
»Sie haben uns belauscht« sagte sie und ihr Auge haftete so fest auf dem
seinen, als ob sie die Gedanken lesen wollte, ehe ihnen die Lippen Worte
geliehn.
»Den Dichter wenigstens« entgegnete René, ihrem Blick begegnend -- »den
armen Dichter, dem als er das Lied schrieb, wohl recht weich und weh muß
um's Herz gewesen sein. Sie sollten freundlichere Lieder singen, Miß
Lewis, vor Ihnen liegt das Leben noch frei und offen in all seiner
Pracht und Herrlichkeit -- es wäre Sünde wenn Sie gerade, vor tausend
Anderen, solchen traurigen Lamentationen Raum geben wollten. Doch --
sein Sie mir nicht böse daß ich Sie gestört habe -- ich will ihre Zeit
nicht lange in Anspruch nehmen -- ich komme Ihnen Adieu zu sagen.«
»Sie wollen fort?« sagte Susanna leise.
»Hoffentlich Morgen« erwiederte René mit einem Lächeln wenigstens,
wenn es auch ein gezwungenes war.
»Der Entschluß muß Ihnen über Nacht gekommen sein« rief Madame Belard --
»gestern Abend wußten Sie noch kein Wort davon.«
»Ich habe mich allerdings erst gestern dazu entschlossen.«
»Mein Mann hat uns schon auf die schmerzliche Nachricht vorbereitet,
lieber Delavigne -- auch hier ein Papier für Sie hergelegt, falls er Sie
wirklich nicht noch -- einmal sehn sollte -- es thut uns recht, recht
leid Sie von hier verlieren zu müssen.«
»Madame Belard« sagte René und seine Stimme zitterte.
»Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit herübergebracht, soll ich sie
nicht wiedersehn?«
»Sie werden sie entschuldigen müssen« sagte René das Papier mit einer
dankenden Verbeugung an sich nehmend, das ihm die junge Frau reichte
-- »Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu thun und -- es ist besser so
vielleicht -- ich selber wollte brieflich von Ihnen Abschied nehmen«
setzte er dann nach einer kurzen Pause hinzu, »aber meine Geschäfte
zwangen mich die Stadt noch einmal aufzusuchen und -- da konnte ich es
doch nicht übers Herz bringen, so ganz vorbei zu gehn.«
»Wir hätten Ihnen das im Leben nicht verziehen« rief Madame Belard
schnell -- »aber kommen Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der
Hand da stehn und setzen Sie sich zu uns -- es ist ja das letzte Mal
vielleicht für eine lange Zeit. Nehmen Sie den Stuhl da, neben Susannen.
Sie haben auch recht eigentlich, daß Sie den politischen Wirren aus dem
Wege gehn; besonders in ihren Verhältnissen hätten Sie es doch am Ende
manchmal nicht vermeiden können, mit einer oder der anderen Parthei in
Collision zu kommen, und hat sich erst Alles wieder regulirt, sind Sie
ja noch immer Ihr freier Herr.«
»Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig« sagte René -- »ich
kann den Gewaltstreich meiner Landsleute, den sie jetzt durch
spitzfindige Rechtsclauseln zu beschönigen suchen, einem schwachen
harmlosen Volke gegenüber nicht billigen, und habe mich schon auf der
anderen Seite auch zu sehr über das Treiben und Wesen der fanatischen
Missionaire geärgert, diesen wieder das Wort zu reden; ich würde mich
also weder der einen noch der anderen Parthei angeschlossen haben. Wahr
ist übrigens daß man bei solcher Gelegenheit nicht immer seine
Neutralität, selbst bei den besten Vorsätzen, vollständig behaupten
_kann_, und in sofern wäre es allerdings gut selbst der Möglichkeit
einer Collision entrückt zu sein. Den Eingeborenen ist übrigens jede
Hoffnung genommen, sich gegen die Uebermacht vertheidigen zu können,
denn eben ist noch ein neuer Französischer Kriegs-Dampfer, wenn ich
nicht irre der Salamander, signalisirt worden.«
»Der Salamander lag nach den letzten Nachrichten in Havre,« rief Madame
Belard rasch, »dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns
Briefe aus der Heimath.«
»Aus der Heimath« sagte René leise -- »es ist doch ein wunderbares Wort
-- ich hätte nie geglaubt daß solch ein Zauber darin liegen könnte --
aber -- ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel gestört, Miß Lewis -- Sie
werden wahrlich erst ungestört spielen können, wenn ich fort bin.«
»Wir haben mitsammen geplaudert, und nur in Gedanken setzte ich mich
an's Clavier,« sagte Susanna, in einem Buche blätternd das neben ihr
lag, den Kopf von René abgewandt.
»Und was hört man draußen im Land über unsere Zustände hier?« frug
Madame Belard -- »Sie wohnen doch außer der Stadt, glauben Sie daß sich
die Eingeborenen ohne Weiteres den Französischen Befehlen fügen werden?«
»Gott weiß was sie thun« sagte René -- »soviel ist gewiß, daß die
Regierung jetzt mehr den Einfluß der Missionaire, besonders des
Englischen Consuls, als irgend etwas anderes zu fürchten scheint, und
nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernstlich gegen ihn
einzuschreiten.«
»Dieser Mr. Pritchard hat etwas recht anständiges nobles in seinem
ganzen Wesen« sagte die junge Frau -- »ich hätte ihn gar nicht für einen
Missionair gehalten.«
»Er ist es auch wohl nur noch in dem Einfluß, den er auf die
Eingeborenen ausübt -- ich bin übrigens kein Freund dieser Herren, und
froh besonders meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu können. Diese
tollen Schwärmereien immer mit anzuhören ist zum Verzweifeln, und wenn
irgend etwas auf der Welt, das wahrhaftig könnte mich rasend genug
machen, lieber wieder an Bord eines Wallfischfängers zu springen, ehe
ich einem schleichenden, tödtenden Bekehrungsversuch entgegenginge.«
Susanna lächelte und sagte mit leisem Kopfschütteln:
»Der Rückfall ist bei Ihnen nicht zu fürchten -- seit Sie den Frack
wieder getragen, und die Glacéhandschuh haben Sie sich den Geschmack an
dem romantischen Leben der Wallfischfahrt jedenfalls verdorben.«
»Sie können mir den Frack noch immer nicht vergessen,« lachte René,
rasch und willig in den lebendigeren Ton des Mädchens eingehend.
»Es war das erste was mir, mit dem Bewußtsein Ihrer Geschichte, an Ihnen
in die Augen sprang« sagte schelmisch das Mädchen, »und ich malte mir
Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck hat sich bei mir auch
nicht wieder verwischen lassen.«
»Das also war der erste Eindruck den meine Erscheinung auf Sie
hervorgebracht,« lachte René, »Frack und Glacéhandschuh -- wieder ein
Beweis für eine Beobachtung die ich von je gemacht, daß Frauen selten im
Stande sind ein richtiges unbefangenes Urtheil über eine, ihnen zum
ersten Mal aufstoßende Physionomie oder Persönlichkeit zu fällen.«
»Ei Sie grober Mensch« rief Madame Belard rasch, »wie können Sie etwas
derartiges in Gegenwart von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie auf
alle Beide vielleicht einen günstigen Eindruck gemacht haben. Der erste
Eindruck ist gerade bei mir der wichtigste und entscheidendste, denn das
Auge ist dabei kein Diener des Verstandes sondern des Herzens. Viele
Leute wollen behaupten daß der Kopf, der kalte Verstand für das Herz
denken und handeln müsse, und dabei alle Hände voll zu thun habe, aber
hierbei findet gerade das Gegentheil statt. Wie oft z. B. geschieht
es, daß wir fremde Menschen mit dem ersten Blick schon lieb gewinnen und
uns von anderen eben so abgestoßen fühlen. Die Einen haben uns noch
Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid gethan, aber das Herz
streckt seine Fühlfäden aus, und was der nüchterne Verstand in Monaten
vielleicht nicht herausbekommen, und sich dann am Ende doch noch
getäuscht hätte, das sagt uns das Herz mit einem Schlag, und wie selten
ist es daß es sich irrt.«
»Sie _hätten_ recht,« erwiederte René, »wenn Ihr erster Blick eben ein
unpartheiischer wäre, der gleich die Züge des fremden, zum ersten Mal
begegneten Menschen trifft, aber der erste Blick gehört bei Ihnen stets
den _Kleidern_ des oder der Fremden, der zweite hat dann schon aufgehört
unbefangen zu sein -- eine falsch gewählte Farbe, eine veraltete Mode
sprach das Urtheil vorher.«
»Und ich will Ihnen beweisen daß sie unrecht haben« rief Susanna wärmer
werdend -- »schon nach dem ersten Blick auf einen Menschen sag' ich
Ihnen was er für Augen, was für Zähne hat.«
»Augen und Zähne« erwiederte René achselzuckend -- »das Gesicht also
abermals wieder nur als Kleidungsstück betrachtet.«
»Etwas spricht für Ihre Behauptung« sagte Madame Belard etwas pikirt --
»daß wir armen Frauen so oft von Euch Männern betrogen werden
-- vielleicht haben Sie doch recht, und dieser Kleiderblick ist unser
Fluch. Ich habe nicht geglaubt daß Sie so boshaft sein könnten.«
»Herr Delavigne will uns die Trennung leichter machen« sagte Susanna,
wirklich fast böse über die etwas herbe Bemerkung.
»Gott verhüte daß ich Sie kränken sollte« fiel ihr René rasch ins Wort
-- »zürnen Sie mir nicht, mir ist der Kopf wirr und toll seit heute
Morgen, und der Gedanke Tahiti -- so viele liebe Freunde zu verlassen,
noch zu neu, zu fremd -- zu ungewohnt. Aber ich muß auch fort; es
dunkelt schon und ich habe noch Einiges in der Stadt zu besorgen, was
vor dem Abendschuß abgethan sein muß.«
»Also wirklich fort?« sagte Madame Belard.
»Ich kann nicht anders« seufzte René und fuhr dann leiser und ihre Hand
ergreifend fort, »ich lasse viele liebe Freunde hier zurück -- werden
auch Sie manchmal meiner gedenken?«
»Wir wollen keinen großen Abschied von einander nehmen, Delavigne« sagte
die kleine Frau bewegt, mit Willen und Anstrengung aber die Bewegung
niederkämpfend -- »Sie gehn nicht aus der Welt, und werden manchmal hier
herüber kommen; es ist ja das Schönste was wir haben auf der Welt,
liebe, uns theuere Freunde wieder zu sehn, deren Bild, auf dem dunklen
Hintergrund der Trennung nur so viel schärfer und reiner in unserer
Seele bleibt. Gehn Sie mit Gott, grüßen Sie mir Ihr Weibchen und --
mögen Sie das finden was Sie suchen.«
Ihm rasch ihre Hand entziehend, denn sie hatte den jungen Mann durch
sein offenes herzliches Wesen wirklich lieb gewonnen, und er sollte die
Thränen nicht sehn die ihr ins Auge stiegen -- verließ sie rasch das
Zimmer.
Susanna machte eine Bewegung als ob sie ihr folgen wollte, besann sich
aber und blieb an dem Instrument stehen, auf das sie sich mit der linken
Hand stützte.
»Miß Lewis« sagte René leise -- »ich glaube nicht daß wir uns wiedersehn
werden --«
»Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen,« unterbrach ihn
die Jungfrau, gewaltsam gegen ein Gefühl ankämpfend, dem sie nicht Worte
geben mochte und konnte; aber, ohne daß sie eigentlich wußte warum,
einen ernsten Abschied fürchtend, fuhr sie, in den leichten Ton
übergehend, freilich in gezwungener Fröhlichkeit fort -- »Sie haben sich
mir auf Gnade und Ungnade ergeben und müßten mich jedenfalls erst um
Urlaub bitten. Wissen Sie wohl daß mir der Preis bekannt ist, den mein
Vater auf Ihr Wiedereinbringen gesetzt hatte, und soll ich Sie jetzt
so ohne Weiteres entlassen?«
»Ueben Sie Gnade vor Recht Mademoiselle« bat aber René leise und ernst
-- nicht im Stande in diesem Augenblick auf den leichten, scherzenden
Ton einzugehn -- ȟben Sie Gnade meinet- -- Gnade eines anderen Wesens
wegen.«
»Ich verstehe Sie nicht« sagte Susanna rasch, »aber ich sehe wohl ein,
mir armem schwachen Mädchen wird das nicht gelingen, was der Delaware
mit seiner ganzen Mannschaft umsonst versuchte -- Sie zu halten. -- Und
was soll ich meinem Vater sagen?«
»Sagen Sie ihm,« rief René jetzt, kaum im Stande das gewaltsam zu Tag
brechende Gefühl nieder zu kämpfen -- »sagen Sie ihm -- daß ihn die
Tochter hart und schwer gerächt. Und nun -- leben Sie wohl, recht wohl
und -- glücklich.«
Ihre Hand dabei ergreifend preßte er sie fest an seine Lippen und sprang
dann mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinunter und aus dem Haus.
»René!« wollte Susanna rufen, aber die Zunge versagte ihr den Dienst --
die Worte erstarben ihr auf den Lippen, und die Hand fest und krampfhaft
auf ihr Herz gepreßt, floh sie auf ihr Zimmer, und schloß hinter sich
die Thür mit dem Riegel.
Capitel 6.
Jim O'Flannagan in Thätigkeit.
Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende und hier dem Verschwinden
des Taggestirns fast augenblicklich folgende und eben so rasch in
wirkliche Nacht übergehende Dämmerung verkündete es wenigstens, denn
dichte Wolkenschleier lagen über dem Horizont, und breiteten, reckten
sich höher und höher, eine stürmische Nacht versprechend in dem sich
wieder erhebenden Westwind, der jedesmal fast seine Gewalt mißbraucht,
wenn er den ruhigen und vernünftigen Ostpassat einmal zu verdrängen
gewußt hat, auf kurze Zeit.
Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind, und selbst der Mitonare
Ezra, der ihr fest versprochen hatte recht früh zurückzukehren und ihr
noch mit manchem zu helfen in Packen und Zurechtstellen, nicht gekommen.
Auch René blieb heute so entsetzlich lange aus -- aber er hatte noch
viel zu thun in der Stadt. Lieber Gott der Entschluß war ja so
plötzlich, so überraschend schnell gefaßt worden, sie konnte sich leicht
denken wie schwer es da sein mußte Alles zu ordnen was er zurückließ,
und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen könne. Bald,
ach bald war ja das nun Alles überstanden; nach Atiu -- o wie sie der
Gedanke mit Glück und Seligkeit erfüllte -- nach Atiu, nach ihrem lieben
lieben Atiu -- und wie ihr die Palmen da entgegenwinken würden und die
stillen Blumen die sie gepflegt und gehegt; und das Lieblingsplätzchen
am freundlichen Strand, von den Lüften gegrüßt, von den Riffen umbraust,
der stille theuere Ort, mit der Erinnerung ihrer Jugend -- ihrer Liebe
-- o es war als ob ihr das Herz springen müsse vor lauter Seligkeit,
wenn sie der frohen Rückkehr gedachte nach ihrem Atiu.
Aber wo blieben die Männer? -- auch Mata-oti war draußen und kehrte,
trotz mehrmaligem Rufen nicht wieder; das Wetter zog dabei höher und
höher herauf -- und gerade heute ließ man sie so allein. Doch draußen --
das waren Schritte -- die Gartenthür hatte geknarrt, und gleich darauf
betrat mit etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das Zimmer;
sie konnte ihn in der jetzt vollkommen eingebrochenen Dämmerung, ja
Nacht, kaum noch erkennen.
»Joranna Sadie, Joranna,« sagte er und trocknete sich den Schweiß von
der Stirn die er, aus den engen Frackärmeln heraus, mit den kurzen
dicken eingezwängten Armen kaum erreichen konnte -- »René ist noch nicht
zurück?«
»Nein, Mitonare, aber er muß bald kommen, und es freut mich nur daß
wenigstens Einer von Euch da ist -- es ist gar so unheimlich hier so
ganz allein zu sein, mit dem leeren und öden Haus Lefévres dicht daneben
-- ich weiß nicht jene leeren Räume haben etwas Todtes Unheimliches für
mich.«
»Ist Bruder Aue hier gewesen?« frug Mitonare leise.
»Mr. Rowe? wie kommst Du auf den?« rief Sadie erstaunt, »nein.«
»Pst« sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um und dann setzte er sich
auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände
und jagte, starr vor sich niedersehend, die Daumen umeinander herum.
Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer und sie zündete die
Lampe an die auf dem Tisch stand.
Es war indeß vollkommen dunkel geworden, und der Wind hob sich heftiger
und schleuderte die Brandung an die gegenüberliegenden Riffbänke mit
immer dumpferem Brausen.
»Aber was hast Du nur, Mitonare?« rief Sadie endlich, vor ihn tretend
und ihn bestürzt ansehend -- »Du siehst aus, als ob irgend etwas
vorgefallen. Ist ein Unglück geschehn? -- Heiliger Gott, René -- wo ist
René --«
»Pst -- pst« sagte aber der Mitonare eifrig mit der Hand winkend, und
schloß die Augen dabei, schob die beiden außerdem schon etwas dicken
Lippen vor, und schüttelte aus Leibeskräften mit dem Kopf -- »pst, pst
Pu-de-ni-a -- nicht solchen Spektakel machen -- haben Schildwache dicht
bei --«
»Aber René --«
»Unsinn, Unsinn, der Wi-Wi läuft, so viel ich von ihm weiß ganz gesund
und munter in der Stadt herum und trinkt seinen Freunden den Wein aus,
zum Abschied -- Mitonare hat ihn in drei Häusern gesehn, auf die Art«
sagte Bruder Ezra, ergriff Sadiens Hand und streichelte sie, die arme
Frau zu beruhigen -- »Tolle Gedanken die sich Pudenia macht um den Wi-Wi
-- bah -- ist wie Guiave, nicht auszurotten; stecke heute einzigen Apfel
in die Erde habe im anderen Jahr ganzen Wald.«
»Aber weshalb fragst Du nach Mr. Rowe -- der Mann erscheint mir nur immer
vor Sorge und Trübsal und großer Noth -- was soll er hier, heute noch
hier wollen? und wenn ihn René hier fände, gäb' es vielleicht harte
Worte zwischen den Männern. Gott wolle es verhüten.«
»Aber ich begegnete ihm doch draußen am Thor -- er verließ den Garten,
wie ich kam -- war er nicht hier im Haus?«
Sadie faltete die Hände und sah erschreckt zu dem Mitonare auf.
»Er kam aus _unserem_ Garten?« frug sie leise -- »doch ich bin ein
thörichtes Kind,« setzte sie rascher hinzu, »mir da Sorge und Kummer zu
machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den ganzen Nachmittag fast ein
fremdes Canoe an unserer Landung gelegen und zwei Männer, die darin
gekommen, waren an Land. Vielleicht daß ihm das gehörte und er danach
sehen wollte vor dem einbrechenden Sturm.«
»Und ist das Canoe wieder fort?« frug Bruder Ezra.
»Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner hat es nur
zurückgerudert.«
Mitonare stand auf, trat in die Thür und schaute einige Minuten still
und schweigend hinaus in die Nacht.
»Haben die Wi-Wis mehr Soldaten als den einen da unten unter dem
Pandanusdach, wo das Feuer ist?« frug er endlich, sich wieder umdrehend,
als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinausgesehen hatte.
»Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag« sagte Sadie, »aber sie
trieben sich meist oben an der Straße herum, wo Tanui der alte Lootse
mit seinen Töchtern wohnt.«
»Ahem, ahem« nickte der kleine Mann, und strich sich das Kinn mit Daumen
und Zeigefinger der rechten Hand; langsam aber auf- und abgehend im
Zimmer murmelte er dann leise vor sich hin -- »es ist doch eine böse
Geschichte, böse, böse Geschichte.«
Sadie, die von den Worten nichts verstehen konnte, sah ihm, immer noch
nicht vollkommen beruhigt zu, und horchte ängstlich dabei hinaus, denn
ihr scharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom Wasser herüber zu
dringen schien. Es war indeß so dunkel geworden, daß man die Hand kaum
vor Augen erkennen konnte.
»Was war das?« sagte sie leise -- »war das nicht als ob ein Canoe dort
unten landete -- ich dächte ich hätte eine Stimme gehört. René wird doch
nicht in dem Wetter zu Wasser kommen?«
»Unsinn« sagte Bruder Ezra, rasch mit dem Kopf schüttelnd und die Thür
zumachend -- »wahrscheinlich ist es der Mann in seinem Cutter -- Cutter
liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachsehn ob Alles in Richtigkeit ist,
wenn das Wetter vielleicht noch ordentlich losbricht.«
»Dort draußen geht Jemand« rief aber Sadie, die nichtsdestoweniger ihre
Sinne zum Aeußersten angestrengt hatte, den geringsten Laut zu
erlauschen -- »das ist René.«
»Possen,« sagte der kleine Mann und suchte sie von der Thüre
fortzuziehn, aber deutlich hörten sie in diesem Augenblick schwere
Tritte dicht unter ihrem Fenster hingehn, und es war als ob Jemand da
unten flüstere.
»Heiliger Gott, was geht da vor?« sagte aber Sadie, sich entschlossen
von der Hand des kleinen Mitonare befreiend -- »was hast Du, Mitonare
-- Du glühst und zitterst selber; welch Geheimniß birgt die Nacht da
draußen?«
»Pu-de-ni-a -- es ist Nichts -- ist nicht viel« sagte der kleine braune
Missionair und fing an sich vor lauter Verlegenheit bald an seinem
Frack, bald an seinen unteren Kleidern zu zupfen -- gute Freunde von --
keine guten Freunde von Wi-Wis -- aber nicht von _unserem_ Wi-Wi« setzte
er rasch hinzu -- »wollen sich -- wollen sich was in die Berge tragen,
daß ihnen der Wi-Wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.«
»Was in die Berge tragen? -- wie versteh' ich das?« frug die Frau
erstaunt -- »geschieht da etwas gegen die Gesetze?«
»Nicht gegen das dicke Buch!« rief Mitonare schnell -- »im Gegentheil,
das steht Alles darin; wir haben heute die ganze Geschichte abgelesen
-- ist Alles vorgeschrieben drinn.«
»Wer hat es abgelesen?« flüsterte Sadie leise.
»Bruder Aue und noch viele andere Männer.«
Die Frau schauderte in sich zusammen, sie wußte selber kaum warum, aber
die Angst um das was da draußen vorgehe, ließ ihr auch keine Ruhe im
Haus drinn, und sie schritt der Thüre zu, diese wieder zu öffnen.
Mitonare verhinderte sie daran.
»Nein, nein Pu-de-ni-a« sagte er rasch -- »nicht hinaussehn jetzt --
brauchen gar nichts mit zu thun zu haben und was davon zu wissen wenn
Wi-Wi fragen. Sind im Haus gewesen und haben Nichts gesehen, wie sie
Gewehre in die Berge tragen.«
»Gewehre?« frug Sadie rasch und erschreckt -- »Waffen für die
Eingebornen?«
Mitonare schüttelte erst wieder rasch mit dem Kopf, dann aber sich doch
besinnend daß er nicht geradezu, als besonders abgeschickter Mitonare,
eine auffällige Lüge sagen könne und dürfe, hielt er mit Schütteln
plötzlich ein, sah Sadie einen Augenblick an und nickte dann eben so
kräftig, und mit den Augen dazu verschmitzt blinzelnd, mit dem Kopf.
»Und weiß René davon?« frug die Frau.
»Der Wi-Wi?« lachte aber Mitonare schon über einen solchen Gedanken
gerad hinaus -- »der Wi-Wi soll was davon wissen? aber Pu-de-ni-a --
Nein das ist gerad das Komische -- nehmen es durch sein eigen Haus und
er weiß _nicht_!«
»Aber wenn er jetzt dazu käme und den Alarm gäbe?« frug die Frau,
ängstlich die Möglichkeit bedenkend daß René die Hand nicht dazu bieten
würde, seine eigenen Landsleute zu bekriegen.
»Bah, bah« lachte aber der Mitonare still in sich hinein -- »der Wi-Wi
kommt jetzt nicht, gute Freunde haben dafür gesorgt -- haben ihn
eingeladen bis zehn Uhr -- nachher Alles vorbei -- kann nachher kommen
und sehn wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in
den Bergen ohne Gewehre lassen?« setzte er dann entschieden hinzu, als
er sah wie die Frau unschlüssig ihm gegenüber stand und dem Geräusch
draußen horchte -- »sollen sie Nichts haben womit sie die Bibel, ei
womit sie ihren eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen können, wenn fremde
unverschämte Männer über das Wasser kommen und Brodfrucht mit Baum und
Garten und Umgegend gleich dazu nehmen? -- Bah -- soviel für die Wi-Wis
-- sind ein paar gute darunter ja -- aber nicht viel; Kanaka muß was in
der Hand haben womit er sich wehren kann, sonst ziehen sie ihm die
Matten unter dem Rücken fort.«
Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das auch vor dem Gatten zu
verbergen suchte, fühlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene
Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute,
wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen dastehen
müsse, wenn es keinen Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rächen,
und gleichgültig und feige seine Flagge in den Staub treten lasse. Seine
_Flagge_? ein eignes, unsagbar schmerzliches Gefühl durchzuckte sie, als
sie der Tahitischen Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und nicht den
Muth hatte sie gehabt, René danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm
ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener Zeit
gedenken zu können, und mit der Angst um René, was er thun, was er sagen
würde wenn er erführe was hier geschehn, mischte sich auch wieder ein
eignes stolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahitischen Männer nicht feige
die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der
ihr theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten.
Und der Erfolg? -- sie seufzte wenn sie daran dachte, aber die Berge
waren steil, die Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhältniß
schmal und dicht zum Strand gedrängt; ein Haufen entschlossener Männer,
nur einigermaßen gut bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren
Feinde die Spitze bieten. -- Aber Blut -- Blut sollte in diesen Thälern
fließen, in denen der Friede Gottes seit langen, langen Jahren ungestört
geherrscht, und so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu
vertheidigen, und wenn es das Leben Tausender koste, so weh und
unheimlich war ihr das Gefühl dabei, jetzt selber an der Schwelle zu
stehn, von der Blut und Verderben ausgehen mußte für so Viele.
Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare, der sonst in
seiner Bibel studirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von
ihr Nichts verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit, und _die_
selber fürchtete, wenn er sich Männer wie Bruder Aue und manche Andere
dabei als leitende herrschende Wesen dachte -- den kleinen friedlichen
Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in stiller Nacht in die
Berge zu schaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten --
sie konnte es nicht fassen, nicht begreifen.
»Aber Mitonare« sagte sie tief aufseufzend, denn ein eigenthümliches
ängstliches Gefühl beklemmte ihr die Brust -- »wenn die Männer zu den
Waffen greifen, haben sie recht -- die jungen Leute eines Stammes haben
ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen
Platz ihn anzubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen
entrissen, so können sie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr so
vollständig erfüllen. Anders ist es jedoch mit den _Lehrern_ eines
Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe
selber verkündigt haben, und noch verkündigen wollen; dürfen diese das
Schwert auffassen und in den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem
Bruder in die Hand drücken und sagen: Da, gehe hin und erschlage die,
die Dich angegriffen haben? -- ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine
thörichte Frau, die sich mit unnützen, falschen Scrupeln und
Befürchtungen quält, aber mir ist doch so gar weh zu Muth, und ich weiß
nicht ob Du recht thust, auch nur um etwas derartiges zu wissen. Vater
Osborne hätte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt daß wir
unsere Religion mit der Schärfe des Schwertes vertheidigen sollten.«
»Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen und haben ihm das Land
weggenommen,« rief der Mitonare schnell -- »Religion -- ja das ist
Alles recht schön und gut -- Religion ist ein sehr gutes Ding, wenn man
aber keinen Platz hat wo man sich hinsetzen und beten kann, hilft Einem
auch die Religion Nichts.«
Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an -- sprach das der kleine
gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit, und waren nur wenige Jahre
im Stande gewesen, eine so merkwürdige gewaltige Veränderung mit seinem
ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen?
»Mi-to-na-re!« rief sie bittend.
»Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind« sagte der kleine Mann gerührt, denn in dem
einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit
-- »Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber anders geworden. Der
alte Mann auf Atiu, mit dem weißen Bart sagte freilich man würde nicht
anders, man würde nur klug, wenn man das Alles einsähe, und das ist auch
wohl vielleicht recht hübsch und nothwendig -- aber glücklich wird man
nun einmal nicht dabei.«
»Und wir _waren_ glücklich auf Atiu« sagte Sadie, in stiller Wehmuth
seine Hand ergreifend.
»Ja« flüsterte der kleine Mann plötzlich und ein anderer Geist kam
wieder über ihn -- »recht glücklich waren wir -- bis die Wi-Wis kamen
-- nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen -- bis die anderen
Priester kamen und uns sagten daß wir unsere alten Götter umsonst
verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet hätten, bis sie uns sagten
daß wir auch ohne das hätten selig werden können, und nun nur beten
müßten, recht viel beten, unsere Eltern aus dem heißen Platz, aus dem
Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht
mehr welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit auch
wieder in alten Weg zurückgeführt hatte -- es ist doch nicht mehr so wie
früher, wir sind älter geworden und -- ha -- was war das? -- Jemand ist
an der Thüre.«
»Das wird René sein« rief Sadie.
Die Klinke draußen wurde versucht.
»Sadie -- öffne schnell! ich bin es,« rief in dem Augenblick der junge
Franzose vor der Pforte, die Mitonares vorsichtige Hand verriegelt
hatte.
»Segne mich« sagte aber Bruder Ezra erschreckt, während Sadie rasch
hinzusprang dem Gatten zu öffnen -- »warum kommt er nicht oben herein
von der Straße -- er muß sie gesehn haben.«
»Was geht hier vor?« rief aber in diesem Augenblick René, sein Weib und
den Mitonare, die Beide bestürzt vor ihm standen, erstaunt ansehend.
»Was sind das für Leute hier im Garten und was tragen sie?«
»Was für Leute?« frug Mitonare, in einer noch unbestimmten Absicht dem
Wi-Wi die ganze Geschichte geradezu wegzuleugnen.
»Was für Leute?« wiederholte René erstaunt -- »habt Ihr denn Nichts
gehört und dicht unter dem Fenster hier huschten die Gestalten vorbei?
-- wo ist mein Gewehr? ich muß sehn was hier vorgeht; die Wache von
nebenan wird auch gleich hier sein.«
»Die Wache?« rief Bruder Ezra erschreckt -- »was weiß sie von hier?«
»Einer der Soldaten kam mit herüber und sprang rasch zurück als wir die
verdächtigen Gestalten bemerkten, den Alarm zu geben.«
»Alle Wetter!« rief aber der Mitonare, und in die Thür springend hielt
er die hohlen Hände an den Mund, und stieß einen zwar nicht sehr lauten,
aber doch weithin schallenden und ganz eigenthümlichen Schrei aus.
»Was zum Teufel, Mitonare!« schrie aber René auf ihn zuspringend und ihn
zurückziehend -- »was soll das heißen?« Der kleine Bruder Ezra leistete
jedoch nicht den mindesten Widerstand; er schien Alles ausgeführt zu
haben was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht zum Fenster auf
einen dort stehenden niederen Schemel -- mit den hohen Stühlen konnte
er sich nie befreunden und horchte, das Ohr an das Fenster gedrückt,
still und aufmerksam nach außen, als ob er irgend einen Erfolg hier
ruhig abzuwarten gedenke.
* * * * *
René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn
gleichgültig gegen die Bahn machte die er einschlug, und eine halbe
Stunde wohl schritt er mit fest verschränkten Armen in der dunklen und
jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt führte,
auf und ab. Die kühle Nachtluft, die mit dem frisch einsetzenden
Westwind herüberwehte, scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn und
machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte sich von einer Last befreit
die ihn bis dahin gequält und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem
Bewußtsein Alles gethan zu haben was in seinen Kräften stand, kehrte
auch Ruhe und Frieden in sein Herz zurück.
Das höher und höher steigende Wetter machte ihn endlich darauf
aufmerksam, daß er die eigene Heimath suchen müsse, wenn er nicht von
dem Sturm, den meist ein tüchtiger Regen begleitete, überrascht werden
wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut' Abend zu thun, und
sorgte und ängstigte sich gewiß, wenn er länger ausblieb.
Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und trat den Heimweg an; es war
dicht vor dem Abendschuß, und als er die Brücke erreichte, die schon
eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb Papetee über einen
breiten jetzt aber seichten Bergstrom führte, hörte er wie eine Gruppe
von Eingeborenen im eifrigen Gespräch dort zusammenstand und jedenfalls
etwas höchst Wichtiges oder doch wenigstens Interessantes mitsammen
verhandelte, denn sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und René
konnte schon von Weitem hören daß ihre Debatte dem Betragen einzelner
ihrer Häuptlinge, vorzüglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien
eine, den Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung
eingeschlagen, und sich der Französischen Parthei zugewandt hatten. Das
Für und Wider wurde hier besonders debattirt und ganz vorzüglich ob es
die Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einfluß der
Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan haben möchten. Alle waren aber
einig darüber daß es eine Schande für Tahiti sei und die frommen
Mitonare's sehr kränken würde, die sich mit solcher Aufopferung um ihr
Seelenheil bemüht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi-Wis --
Andeutungen über sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge,
und noch manche andere dunkle Worte die René, als er am Beginn der
Brücke stehn geblieben war den Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand
-- in der That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je
daran, den für ihn so fatalen Wirren in deren Mitte er gerade stand, zu
entgehn, und die Brücke betretend, schritt er rasch darüber hin sein
Haus zu erreichen.
Wie sein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat, denn auf dem weichen
Grasboden vorher hatte man seine Schritte nicht so leicht hören können,
war die Unterhandlung drüben zwischen den Eingeborenen wie mit einem
Schlage abgeschnitten; kein Laut ließ sich mehr vernehmen, und so
überraschend schnell kam das Schweigen, daß René wirklich einen
Augenblick zaudernd stehen blieb und hinüber horchte.
»An meinem besohlten Schritt auf den Planken haben sie gehört daß ich
ein Europäer bin« dachte er aber auch zu gleicher Zeit -- »sie werden
fürchten, behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrückt haben.
Meinetwegen, ich wäre der Letzte der sie verrathen möchte,« und ohne
selbst weiter an die Leute zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen,
schritt er rasch über die ziemlich roh aufgeführte und sehr schmale,
mehr stegartige Brücke hinüber, und erreichte eben die andere Seite
der Uferbank, als er etwas neben sich regen sah, und sich auch in
demselben Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und umspannt
fühlte.
Widerstand war, wie er gleich fühlte, unmöglich, denn er vermochte
keinen Arm zu rühren, sein erster Gedanke aber auch, daß hier ein
Versehen statt gefunden habe und er für einen anderen der Französischen
Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem verwundeten Arm aber, an dem
sie ihn so unsanft gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb,
vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitisch:
»Hab Acht Freund, Du drückst mich an der Schulter und ich habe dort eine
noch nicht ganz vernarbte Wunde -- laß mich los, wir können ruhig mit
einander reden.«
»Aber nicht ganz los« sagte der Eine, die Stimme war René jedoch fremd.
»Und warum nicht?« frug er dagegen, während der, der ihn an der
verwundeten Schulter gehalten, diese frei gab und seinen Arm nur noch
unten leise hielt -- »was habt Ihr gegen _mich_? -- es ist doch wohl nur
ein Versehen, daß Ihr _mich_ gerade angefallen habt.«
»Versehen? -- vielleicht« sagte der Eine vorsichtig -- »nicht viel zu
sehen hier überhaupt -- wie heißt Du?«
»René Delavigne, und wohne schon über Jahr und Tag hier in Mativai Bai
unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das Vater O-no-so-no früher
bewohnte.«
»Ist Alles in Ordnung« sagte ein Anderer der Leute.
»Nun dann laßt mich wenigstens los, was wollt Ihr von mir?«
»Müssen Dich erst noch sprechen -- komm herein in das Haus hier -- thun
Dir Nichts« sagte der Erste wieder.
»Ich fürchte Euch nicht,« entgegnete trotzig der junge Franzose, »habe
aber keine Lust mich von Euch hinschleppen zu lassen, wohin es Euch
beliebt.«
»Bist Du ein Freund von Kanaka?« frug ein Dritter jetzt, der bis dahin
noch nicht gesprochen.
»Wenn ich's _nicht_ wäre hätte ich schon um Hülfe gerufen, und Euch den
Französischen Posten auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt
von hier entfernt auf der Straße liegt« entgegnete mürrisch René.
»Hm, wenn das lauter Beweis ist« lautete die etwas mißachtende Antwort
-- »Schreien kann man einem Menschen wehren. Nein, komm mit uns hier
zum nächsten Haus -- gleich am Wasser dran -- wollen was mit Dir
sprechen.«
»Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geschäfte die mich eilig nach
Hause rufen« sagte René ausweichend.
»Deshalb gerade« lachte der erste Sprecher -- »komm Freund, Du _mußt_ --
weißt Du, dann kann man nicht anders.«
»Da hast Du recht, Kamerad« erwiederte René, jetzt auch lächelnd über
den praktischen Humor des Eingeborenen. Er sah auch wohl daß ihn keine
Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wäre hier
ein eben so guter Platz dazu gewesen, als irgendwo anders -- aber _was_
wollte man von ihm? -- »Gut« sagte er nach kurzem Ueberlegen -- »ich
will Euch folgen, aber dann müßt Ihr mir auch versprechen, daß Ihr mich
ungehindert wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein zu Hause und
muß zu ihr.«
»Maitai, maitai« riefen die Eingeborenen rasch und freudig, da sie sahen
daß der Gefangene ihnen die Sache so leicht und bequem machte -- »soll
Dir Nichts geschehn, Freund -- blos warten ein Bischen blos warten« --
und ihn führend, ohne aber für jetzt seine Arme noch frei zu geben,
gingen sie mit ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf, wo
etwa, zweihundert Schritt von der Brücke entfernt, ein kleines Dorf tief
versteckt zwischen Fruchtbäumen und Palmen lag.
René folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen Grund aber nur, weil
er eins seiner Terzerole, gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich
das Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit verderben
wollte. So, anscheinend als gute Freunde, konnte er seine Zeit abwarten,
und bekam er erst einmal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei,
daß er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann ließ sich eher mit den
Leuten sprechen. Eine Absicht hatten sie jedenfalls ihn hier
aufzuhalten, und eine ihm günstige konnte es auch nicht sein, also je
eher er sich wieder frei machte, desto besser.
Rasch vorwärts schreitend hatten sie jetzt das erste Haus erreicht, und
die Thür öffnend, trat der Erste der Eingeborenen zurück, ließ René's
Arm los und bat ihn hinein zu gehn -- er habe Nichts für sich zu
fürchten.
»Ich fürchte auch Nichts, Kamerad« sagte der junge Mann, seinen rechten
Arm ausstreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand
dann, wie nachlässig in den vorn halb zugeknöpften Rock schiebend, »aber
ich möchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu lassen, und da
etwas aus dem Weg zu gehn, sonst --« und er riß das Terzerol, das er
in demselben Augenblick spannte, aus der Tasche und hielt es dem
Eingeborenen entgegen -- »möcht' ich genöthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu
vertreiben.«
»Ah?« sagte der Insulaner ruhig, während sich die Andern etwas scheu
hinter ihn zurückzogen, er selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in
der Thür stehen blieb und auf das Terzerol sah -- »hast Du so was auch
in der Tasche? -- hätten eigentlich nachsehen sollen, denken aber immer
nicht an die kleinen Dinger; aber schadet Nichts -- schießt Du mich,
sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab und werfen Dich in's Wasser.«
»Du nimmst's kaltblütig« lachte René mit einem Blick den inneren Raum
der Hütte überfliegend. Am andern Ende derselben saßen fünf oder sechs
Frauen und Mädchen um eine hellflackernde Cocosölflamme, dort aber
konnte er keine Thür weiter erkennen, nur eine einzige starke Bambuswand
umzog das Haus, und er sah recht gut ein daß hier nur ein rasches
entschiedenes Auftreten ihn retten oder sein Schicksal entscheiden
konnte.
»Du hast recht Kamerad -- es könnte mir nicht viel helfen, wenn ich Dir
eine Kugel durch den Kopf jagte -- drei Andere wären noch da mich
aufzuhalten -- aber _Dir_ eben auch nicht. Ihr habt mich in aller
Stille hier aufgehoben und hierhergebracht, jedes auffällige Geräusch zu
vermeiden; ich aber verlange jetzt augenblicklich von Euch daß Ihr mir
sagt was Ihr von mir wollt _oder_ -- ich gebrauche doch hier diese
Waffe, die mit donnerndem Mund durch die Nacht spricht und jedenfalls
Hülfe herbeiholt von meinen Landsleuten. Also was soll ich hier? und
weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?«
Die Insulaner, die keck vielleicht der Gefahr der Waffe getrotzt, hatten
in der That nicht an den Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen
würde, und den sie noch dazu mit von weit größerem Geschütz herrührend
verwechselten; jedenfalls mußte ihnen diese Drohung wichtiger als die
erste dünken, denn sie unterhielten sich rasch und eifrig miteinander,
ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen zu lassen.
»Du willst nicht bei uns bleiben?« frug der Eine ihn jetzt.
»Gutwillig nicht -- Ihr sagt mir denn sonst weshalb.«
Wieder steckten sie die Köpfe zusammen und die leise und flüsternd
geführte Berathung war eigentlich von größerer Wichtigkeit für René, als
er ihr vielleicht zutrauen mochte, denn es handelte sich dabei in der
That um nichts Geringeres, als sein Leben. Die angeborene Gutmüthigkeit
der Stämme aber -- vielleicht auch die Vorsicht die sie bis jetzt
auffällig mit den Franzosen beobachtet hatten und die sie scheu einen
direkten Beginn der Feindseligkeiten vermeiden ließ, weil sie wohl
fühlten wie sie auf einem Punkt standen, wo der erste Schlag, der erste
vergossene Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden mußte auf Leben
und Tod, schien hier zu René's Gunsten zu sprechen.
»Wir wollen Dir kein Leides thun« sagte der eine Insulaner, der Einzige
der im Licht stand, dessen Züge ihm aber gar nicht bekannt waren, und
der von einem anderen Theil der Insel hergekommen sein mußte -- »unser
Zweck war nur Dich eine kurze Zeit bei uns zu behalten, wenn Du das
nicht willst magst Du gehn. Vorher mußt Du aber zuerst mit uns zu Nacht
essen -- Du sollst nicht sagen können daß wir Dich in eine unserer
Wohnungen geführt, und Dich hungrig wieder hinausgelassen haben.«
René lachte laut auf über die unverhoffte und wunderliche Einladung, und
doch lag aber auch wieder so viel Gutmüthiges darin daß er es,
vielleicht auch besorgt dabei keine Furcht sehen zu lassen, ihnen nicht
abschlagen mochte und konnte; das Terzerol aber noch immer gespannt in
der Hand forderte er dann von seinem freundlichen Wirth das
Versprechen, ihn augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod ungehindert
ziehn zu lassen.
»Ich verspreche Dir das« sagte der Eingeborene, »und zum Beweis daß ich
Dir traue, wie Du mir trauen kannst, ist hier die Thür offen -- wir
halten Dich nicht mehr -- aber« setzte er dann etwas leiser und mit
einem eigenen Ausdruck in der Stimme hinzu -- »wenn Du Freund von Kanaka
bist, wirst Du's beweisen können heut'.«
»Gut denn« lachte René, sein Terzerol sorglos in Ruh setzend und in die
Tasche zurückschiebend -- »so kommt, meine Burschen, und Ihr sollt sehn
daß ich Eurem Fisch und Poe oder was Ihr sonst haben mögt, Ehre mache.«
Die Frauen, die sich beim ersten Eintreten der Männer und den
feindlichen da gewechselten Worten und Drohungen scheu zurückgezogen
hatten in den entferntesten Theil der Hütte, hörten jetzt kaum die
friedliche Wendung die Alles zu nehmen schien, als sie, freilich immer
noch schüchtern, hervorkamen, und nur erst Leben gewannen, als ihnen die
Männer zuriefen »den Tisch zu decken.« Schon bereit gehaltene Blätter
wurden augenblicklich auf die Erde ausgebreitet, wo schon Matten lagen
für die Neugekommenen und von zwei hellen Cocosölflammen beleuchtet
saßen die, die sich noch vor wenigen Minuten auf Leben und Tod
entgegengestanden und deren Leben an dem Gedanken des Einen oder Andern
gehangen, sich friedlich plaudernd gegenüber, nur emsig eben bemüht die
aufgetragenen Speisen zu beseitigen.
Und René war der Fröhlichste unter ihnen; so wild und weh ihm noch kurz
vorher ums Herz gewesen, so vollkommen hatte das eben bestandene kleine
Abenteuer, wie das unvorbereitete romantische seiner ganzen Lage und
Umgebung, jeden trüben Gedanken abgestreift von seinem Geist; das
leichte fröhliche Blut, das seinem ganzen Körper jene unendliche und
nicht zu ertödtende Spannkraft verlieh, hatte wieder gesiegt und nur dem
Augenblick gab er sich hin in sorglosem Muth, der dem Morgen, was er
auch bringen mochte, keck und unbekümmert ins Auge sah.
Nichtsdestoweniger zögerte er nicht länger, als er nothwendig brauchte
sein Abendbrod zu verzehren; an einem der noch aufgehäuften reinen
Hibiscusblätter trocknete er sich Mund und Finger, und erklärte jetzt,
aufstehend, den Heimweg antreten zu wollen. Fast wider sein Erwarten,
denn er war nicht immer gewohnt bei den _civilisirten_ Indianern Treu
und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand daran, sein Wirth selber
öffnete ihm freundlich und lächelnd die Thür, und nach herzlichem
Abschied, als ob er hier alte Freunde gesucht und gefunden, und nicht
als Gefangener vor kaum einer halben Stunde diese Schwelle betreten
hätte, verließ er das Bambushaus -- kopfschüttelnd dabei, was das
räthselhafte Betragen der Eingebornen, ihm gegenüber, zu bedeuten
gehabt.
Kaum aber fühlte er den gebahnten Weg wieder unter sich, zu dem er sich,
am Ufer des Baches nieder, hatte hinunterfühlen müssen, als er so rasch
den Heimweg antrat, als ihn seine Füße tragen wollten. Weshalb hatten
ihn die Insulaner aufgehalten? und stand das am Ende gar in irgend einer
Verbindung mit der eigenen Heimath? Es war ihm ein unheimliches fatales
Gefühl, und das gespannte Terzerol in der Hand, einem etwaigen neuen
Angriff nicht wieder so blind zum Opfer zu fallen, lief er mehr als er
ging, den, zwar sehr betretenen, aber doch schmalen und dunklen Pfad
entlang, der ihn zuerst durch einen stattlichen Palmenhain und dann
durch den noch düsterern Grund eines mit Wi- und Mapebäumen besetzten
Thales führte. Mit diesem Thal näherte er sich aber mehr und mehr dem
eigenen Haus, dessen Licht er nun schon bald hoffte durch die Büsche
schimmern zu sehn, als er plötzlich durch ein etwas barsches und gar
nicht weit entferntes »~Qui vive!~« fast erschreckt und in seiner Bahn
gehemmt wurde.
»Hallo Kamerad« sagte er aber lachend, sobald er die Antwort gegeben und
durch den hier so dicht bei seinem Haus aufgestellten Posten auch jetzt
so weit beruhigt war, daß dort nichts Außerordentliches konnte
vorgefallen sein -- »Ihr liegt ja hier förmlich im Hinterhalt und
könntet nervösen Personen den Tod einjagen vor Schreck, wenn sie so
plötzlich angeschrien würden; aber lieb ist mir's daß ich Euch hier
finde.«
»Habt Ihr irgend etwas gesehn?« frug der Soldat rasch.
»Gesehn? -- nein« sagte René nach kurzem Bedenken, er wollte nicht als
Ankläger gegen die sich auch doch nur ihrer Haut wehrenden Eingebornen
auftreten, »aber paßt gut auf, Kamerad -- Ihr habt es mit listigen und
der Waldwege gewohnten Burschen zu thun, wenn sie ja etwas unternehmen
sollten in späterer Zeit.«
»Hat Nichts zu sagen« lachte der junge Soldat, »meine Augen sind frisch,
Kamerad, und mein Gehör so scharf wie das ihre wohl, so leicht entgeht
mir Nichts -- aber, Kamerad, Ihr könntet uns hier auf der Wacht einen
gewaltigen Freundschaftsdienst erweisen, wenn Ihr's nämlich bei Euch
führt.«
»Und das wäre? von Herzen gern wenn ich's kann.«
»Wir sind hier vier Mann im Haus, ohne den einen, der hinunter an den
Strand postirt ist, sein Auge auf dem Wasser zu halten, und haben nicht
eine Pfeife voll Taback zwischen uns -- alle fünf -- wenn Ihr nur die
geringste Quantität --«
»Nicht die Idee, Kamerad, in der Tasche gerade,« sagte René freundlich,
»aber ein ganzes Pfund dicht daneben in dem Haus da, wo ich wohne. Wollt
Ihr die paar Schritt mit mir hinübergehn, steht er Euch gern zu
Diensten.«
»Ich selber darf nicht vom Posten« rief der Soldat fröhlich, »aber ich
geb' Euch einen meiner Kameraden mit; Gott sei Dank, da ist doch
Aussicht auf eine Pfeife« -- und rasch der vielleicht zwanzig Schritt
vom Weg abliegenden Bambushütte zueilend rief er von dort einen der da
drin auf der Matte schon faul ausgestreckten Soldaten heraus, den
Landsmann zu begleiten und die freundliche Gabe in Empfang zu nehmen.
René war der Schildwacht bis zum Haus gefolgt, denn von dort schnitt ein
ihm wohlbekannter, etwas näherer schmaler Fußpfad durch ein weites
unbebautes und mit hohen Cocospalmen bewachsenes Grundstück nach seinem
eigenen Garten hinüber, der von hier kaum mehr wie fünf- oder
sechshundert Schritt entfernt lag, und wohin ihn jetzt der junge
Französische Soldat, ohne es selbst der Mühe werth zu halten sein Gewehr
mitzunehmen, begleitete. Die Insulaner hatten sich bis jetzt nicht
allein so friedlich, nein wirklich freundlich gegen sie gezeigt, daß
keiner der Soldaten an einen Zusammenstoß mit ihnen auch nur dachte.
All' diese Vorsichtsmaßregeln, besonders die am Strand hin aufgestellten
einzelnen Posten galten auch keineswegs den Eingebornen, sondern sollten
einzig und allein dazu dienen die Mannschaft der im Hafen liegenden
fremden Schiffe zu verhindern an heimlichen Stellen zu landen und die
Eingeborenen, was man besonders von den Engländern fürchtete, nicht
allein gegen die neuen Herren des Landes aufzuhetzen, sondern ihnen auch
Waffen und den fast für den Frieden der Küste ebenso gefährlichen
Branntwein zuzuführen.
Rasch und schweigend, René voran, waren sie den Pfad entlang
geschritten, der hier zu schmal zwischen dem dicht aufwuchernden Unkraut
hinlief, zweien neben einander Raum zu geben, und René hatte eben die
Einfriedigung erreicht die ihn von seinem Garten trennte, und die Hand
darauf gelegt hinüber zu steigen, als er sich etwas darin regen sah, und
gleich darauf eine Gestalt zu erkennen glaubte, die mit irgend einer
schweren Last, rasch aber geräuschlos vom Strande aufwärts, dicht unter
den Fenstern seines eigenen Hauses hin, der Straße zuschritt. Nun lag
allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in dem er sich morgen
einzuschiffen gedachte, aber er hatte noch Nichts von seinen Sachen
eingeladen, also auch dort keine Diebe zu fürchten; überdies schlief
einer der Eingebornen als Wächter darin. Was aber wollten die Leute da?
-- was trugen sie?
»Was ist da?« flüsterte jetzt der Soldat hinter ihm, der noch Nichts
sehen konnte, aber ein Geräusch zu hören glaubte, »irgend etwas
Verdächtiges?«
»Verdächtiges? -- ja« flüsterte René zurück -- »ich kann nur noch nicht
recht daraus klug werden -- bst --« sagte er plötzlich, den Arm des
Soldaten fassend, »da kommt noch Einer.« Dieser glitt etwas weiter nach
vorn, und deutlich konnten sie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht
irgend etwas ausgeführt wurde, das das Licht zu scheuen hatte. Bei ihm
im Hause brannte die Lampe, aber sein Weib schien keine Ahnung von dem
zu haben was unter ihrem Fenster vorging, und wenn auch René nicht
glaubte daß gerade irgend etwas Feindliches gegen ihn selber
beabsichtigt wäre, sah das Ganze doch viel zu unheimlich aus, ihm hier
draußen Ruhe zu lassen. Dem Soldaten also zuflüsternd daß er
hinüberspringen wolle sein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet zu
untersuchen was hier vorgehe, benutzte er den Augenblick, wo der
letzte Träger hinter dem Haus verschwunden war, stieg leise über die
Fenz, und glitt rasch und geräuschlos seiner Hausthür zu, während der
Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer blieb und sich erst dann, als
er wieder Schritte vom Wasser herauf hörte, so still wie er konnte
zurückzog, die Mannschaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher Weise
noch nicht von dem doch zu diesem Zweck unten aufgestellten Posten
alarmirt worden war, herbei zu holen.
* * * * *
An Bord der Kitty Clover hatte an diesem Tag, wenn auch nur unter Deck,
eine besondere Thätigkeit geherrscht mit Klopfen und Hämmern, obgleich,
wer das alte schmutzige Fahrzeug von außen sah, das kaum hätte vermuthen
dürfen. An Deck trieben sich ein paar Matrosen schläfrig herum, oder
stiegen langsam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein Tau nachzusehn
oder eine zersprengte Weveling[F] auszubessern, höchst aufmerksam jedoch
stets signalisirend, wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu nah kam, wo
dann jedesmal das Klopfen und Hämmern in seinem Bauch schwieg, und Mac
Rally vielleicht selber seine steile Cajütstreppe aufkletterte,
nachzusehn was die Störung oben verursacht hätte.
[F] Die Querseile an den Wanten, die zu Strickleitern dienen.
Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben an Deck -- die Leute
beschäftigten sich mit einem der zur Vorsorge mitgenommenen und über dem
Hinterdeck auf einem besonders dazu hergerichteten Gestell gehaltenen
Boote, und nahmen es mehr nach vorn, etwa midschips, um es nachzusehn.
Hoch postirt aber und längs der Schanzkleidung hin an Backbordseit,
diente es zugleich dazu den weiter in der Bai liegenden Schiffen die
Aussicht auf sein Deck, die überdies in der rasch einbrechenden
Dunkelheit unsicher wurde, vollkommen zu versperren; auch nach Land zu
war ein Ueberblick an Deck durch dort, wie zufällig, aufgehangene
Matrosenwäsche theils, theils durch ein altes Segel, versperrt, und vier
Fässer waren unter dieser Schutz an Deck geschafft worden und mit Tauen
umwunden, um, sobald die Nacht vollständig eingebrochen sei, über Bord
gelassen zu werden.
Eine günstigere Nacht hätte sich Mac Rally aber auch gar nicht zu seinem
von O'Flannagan angegebenen Unternehmen wünschen können, das in nichts
Geringerem bestand als zweihundert Stück Gewehre mit der nöthigen
Munition, wie eben so viele Säbel, an den durch den Iren selber
bestimmten Ort zu schaffen. Da man aber wußte daß die Küste an diesem
Abend schon scharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem Wasser gehendes
Boot kaum unbemerkt hätte durchkommen können, waren die Waffen in
gewöhnliche Thranfässer mit hölzernen Reifen förmlich verspuntet worden,
und die Fässer selber mit ihrer Fracht eben nur so weit belastet, daß
sie im Wasser, kaum drei oder vier Zoll über die Oberfläche vorragend,
schwammen. Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nöthig als sie zu
steuern, wozu ihnen vier, schon an Bord befindliche Indianer mitgegeben
waren, die sie ebenfalls schwimmend begleiten mußten. Mit einbrechender
Nacht konnte dies wunderliche Floß, das sich in der That nur durch einen
ganz schmalen schwarzen Streifen von der es umgebenden Wasserfläche
unterschied, unmöglich vom Ufer aus, von dem es schon durch die Korallen
auf etwa hundert und funfzig Schritt abgehalten wurde, erkannt werden.
Mit der Lokalität genau bekannt, war auch keine Gefahr da, daß die
Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur Jemand an Land die
Aufmerksamkeit der dicht bei der eigentlichen Landung stationirten
Schildwacht ablenken wollte, und der dort wohnende Franzose, durch
dessen Garten die Fracht geschafft werden mußte, entfernt oder für ihr
Unternehmen gewonnen werden konnte. Das erstere hatte O'Flannagan
selber, das zweite Mr. Noughton -- wie er sagte »_durch seine
Freunde_« -- übernommen.
Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in diesen Breiten ziemlich
regelmäßig um sechs Uhr das ganze Jahr hindurch einfällt, und der am
Strand eben abgelöste Posten schritt, sein Gewehr im Arm, langsam auf
der harten sandigen Fläche auf und ab. Mißtrauisch wohl manchmal nach
Westen hinüberschauend, wo über den scharfzackigen Kuppen von Imoe
schwarze düstere Wolkenschleier aufstiegen, hinter denen die Sonne schon
eine ganze Weile verschwunden war, fesselte das ihn umgebende
prachtvolle Schauspiel der Riffe doch weit mehr seine Aufmerksamkeit,
und nicht satt sehen konnte er sich an den weißen schäumenden Massen,
die in dumpfem Brausen, wenn auch zurückgeschlagen, immer auf's Neue mit
ungeschwächtem Muth zum Kampfe eilten und ihre blitzenden schneeigen
Kronen dem Feind in's Antlitz schleuderten. Dazu die wehenden Palmen
über sich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh geschüttelten
Blüthen der Orangen und Wi's zu ihm herüberwehte, das leise Plätschern
des kaum erregten Binnenwassers auf dem harten Sand, wie die Fluth fiel
und das Wasser weiter und weiter nach See zurückwich -- es war ihm froh
und leicht um's Herz, und fast vergessend daß er hier eigentlich her
postirt war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar nicht
gehörender, feindlicher Körper, summte er sich doch ein munteres Lied
und athmete die kühle würzige Luft ein -- der Brust ein herrliches
Gefühl nach dem schwülen dumpfigen Tag.
In jenen Ländern kennt man die Dämmerung kaum; der letzte Gluthenstreif
der Sonne ist eben hinter dem Horizont verschwunden, und im Osten treten
schon die Sterne sichtbar vor; heller und heller blitzen sie uns, wie es
scheint fast die Nachbarlichter an dem eigenen Strahl entzündend, weiter
und weiter der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend wie sie
oben stehn; -- so nicht fünfzehn Minuten später hüllt wirkliche Nacht
die Erde ein, während noch der hellere Streif im Westen die Stelle
kündet wo die Sonne kaum verschwunden.
In der kurzen Dämmerung die dem scheidenden Tage folgte, war es, als ein
Seemann, wenigstens der Kleidung nach, mit einem kleinen, in ein
rothseidenes Tuch eingeknüpften Bündel am Strande suchend heraufkam, und
seine Aufmerksamkeit ganz auf das Wasser gerichtet hielt, als ob er von
dort her irgend Jemand erwarte. Die Schildwacht hatte ihn zuerst bemerkt
als er über den benachbarten Gartenzaun sprang, aber wenig weiter auf
ihn geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe, besonders der
Englischen, streiften in der ganzen Nachbarschaft umher und mußten doch
alle mit dem um acht Uhr gefeuerten Abendschuß Papetee wieder verlassen
haben, an Bord ihrer verschiedenen Schiffe zurückgekehrt zu sein; es war
Zeit daß der Mann dorthin aufbrach, er verpaßte sonst die Stunde, und
konnte vielleicht die Nacht, statt in seiner bequemen Hängematte, in dem
Französischen Wachthaus zubringen -- eine Abkühlung für die Freuden des
Tages.
Der Matrose schien aber gar nicht direkt nach Papetee zurückzuwollen,
denn langsam am Ufer hinschlendernd, wobei er sich der Schildwacht mehr
und mehr näherte, blieb er manchmal stehn und erwartete jedenfalls ein
Boot von See her, das vielleicht versprochen hatte ihn hier abzuholen.
So wenigstens erklärte sich die Schildwacht die Bewegungen des Mannes.
Endlich mußte dieser -- und es war fast dunkel indessen geworden -- zu
einem andern Entschluß gekommen sein; er stampfte erst ein paar Mal, wie
ärgerlich und ungeduldig mit dem Fuß, und schritt dann, dabei alle
möglichen Englischen Flüche in den Bart murmelnd, gerade auf den
Franzosen zu, der jetzt, da ihm die Fernsicht doch durch die
einbrechende Dunkelheit genommen war, sich gegen ihn wandte, zu sehen
was der Bursche von ihm wolle.