Und René? --

Saß lachend und plaudernd neben Madame Belard, der schönen Susanna

gerade gegenüber; sie sprachen von der Welt draußen, von Paris, von

seinem Vaterland, sie lachten und scherzten, und als sich Susanna

endlich an das Pianoforte setzte und mit fertiger Hand dem schönen

Instrument so liebe bekannte Weisen entlockte, als ihm das Herz immer

höher und höher schlug und das Blut heiß durch die Adern jagte, da --

er mußte sich gewaltsam zurückhalten der schönen Spielenden nicht in zu

glühenden Worten zu sagen wie glücklich sie ihn heute Abend gemacht, und

mit wie schwerem Herzen er doch heute gerade nach Papetee gekommen -- da

fühlte er vielleicht zum ersten Mal den Abstand seines jetzigen Lebens

mit der früheren Welt, die fest und abgeschlossen hinter ihm lag, die

Brücke abgebrochen die hinüberführte -- Zum ersten Mal brach sich der

Gedanke in ihm Bahn an das was er gethan, und das Bild des alten

Osborne, wie er im Lehnstuhl auf Atiu vor ihm saß, so ehrwürdig mit dem

weißen Haar, so mild und ernst mit den freundlichen stillen Zügen,

tauchte in ängstlicher Wahrheit vor ihm auf und blickte, wehmüthig mit

dem Kopfe nickend und mahnend zu ihm herüber.

»Spiel' etwas Heiteres, Susanna« rief da Madame Belard, »unser junger

Freund wird schon wieder ganz bleich und melancholisch -- die

Marseillaise ist heut besser hier am Platz, und nicht all das süße und

weiche Gekose.«

Susanna ging rasch in die herausfordernden Töne des begeisternden Liedes

über, und René fühlte wie ihn die Melodie hob und sich selber wiedergab

-- Großer Gott, wohin war er gerathen -- was hatte er gethan? und mit

dem Bewußtsein faßte ihn die Angst -- die Reue. Nur fort von hier jetzt,

fort, war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und aufspringend griff

er nach seinem Hut.

»Wohin?« frug Madame Belard erstaunt.

»Zu Hause --«

»Jetzt? -- Sie werden doch erst Thee mit uns trinken -- nicht einmal das

Lied will der grobe Mensch aushören« rief die junge Frau erstaunt.

»Fehlt Ihnen etwas?« frug Susanna, mitten in der Melodie vom Instrument

aufspringend.

»Nein -- ja --« stammelte René -- »schon zu lange bin ich hier gewesen

-- die beängstigende Luft -- die späte Stunde -- ich muß fort -- Sadie

auch ängstigt sich um mich.«

»Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken haben,« sagte mit

komischem Aerger Madame Belard -- »ich hatte nun so fest auf Sie heute

Abend gerechnet.«

Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestärkte ihn nur mehr darin

aufzubrechen -- »Ich _muß_ fort« sagte er bestimmt.

»Sie haben recht« unterstützte ihn aber auch jetzt darin Susanna, »Sadie

_muß_ sich ängstigen, wenn Sie noch länger auf sich warten lassen; aber

dürfen wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn? -- wenn Sie nun wieder

einen Anfall jener Schwäche --«

René dankte ihr der Sorge wegen, die sie um ihn trug, wies aber jede

Angst um sich, lächelnd ab. Er fühlte sich, seiner Aussage nach, wieder

vollkommen wohl, nur nicht länger zögern wollte er, und mit kurzem, fast

verstörtem Gruß verließ er die Frauen, das Haus, und schritt hinaus in

die dunkle, kühle, sterndurchschimmerte Nacht.

Aber das zurückgedrängte, mächtige Gefühl brach sich hier die Bahn --

»Sadie -- mein armes, armes Weib« flüsterten seine Lippen, während die

Hände fest sich preßten auf das Herz -- »armes, verrathenes Kind --

Nein, nein,« rief er aber rasch und heftig aus -- »noch ist es nicht zu

spät, noch bin ich Dein -- noch hab' ich die Kraft in mir das fremde

Bild aus meiner Brust zu reißen, in die es, Gott nur weiß wie, die Bahn

gefunden, und Dein will ich auch bleiben in treuer, wahrer, inniger

Liebe. Sie haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du hast keine Klage

gehabt für mich, nur stille leise Thränen, und jede von den Thränen die

ich verschuldet, brennt mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein

trautes liebes Weib -- Sadie!« --

Und mit der Sehnsucht im Herzen nach dem treuen Lieb, die seine Schritte

beflügelte und ihn heimwärts drängte, wurde ihm auch wieder, mit der

freien Luft, frisch und frei um das reugequälte Herz, und als er seine

Sinne der Außenwelt wieder zuwandte, und das Rauschen hörte der wehenden

Palmen, das Flüstern des dunkeln Laubes und das dumpfe Donnern der

Brandung, wie vor alter Zeit, da war es ihm fast als ob ein böser,

entsetzlicher Zauber von ihm genommen sei, mit dem Ton, und des trauten

Weibes Bild, wie es sorgend und liebend daheim saß mit dem Kind, seiner

kleinen, herzigen Sadie, tauchte mit neuer, kräftiger Gewalt in seiner

Seele auf.

Mit flüchtigen Schritten, die seiner Ungeduld noch lange nicht folgen

konnten, und fast keine Schwäche mehr fühlend, eilte er der stillen

Heimath zu, und als ihn dort sein holdes Weib empfing, als sie ihr

Köpfchen, selig in dem Bewußtsein daß er zu ihr zurückgekehrt -- sie

noch liebe und _nicht_ verlassen habe, an seine Brust legte, und kein

Vorwurf über ihre Lippen kam, der Blick den sie aufhob zu ihm nur voll

von reiner heiliger Liebe glühte, da zog er sie an sein Herz, bedeckte

ihre Stirn und Lippen mit seinen heißen Küssen und nun erst weinend,

aber in einem Uebermaß von Glück, schlang Sadie ihren Arm um ihn, als er

sie sein Weib, seine kleine süße Pu-de-ni-a nannte und sie bat guten

fröhlichen Muthes zu sein, denn in den nächsten Tagen, in acht, sechs,

vier, ja vielleicht morgen schon, wollten sie Tahiti ja wieder verlassen

und hinüberziehn nach dem Land ihrer Sehnsucht, nach der Wiege ihrer

Liebe, ihres Glücks -- zurück nach Atiu.

»Nach Atiu« war Alles was Sadie erwiedern konnte, und in jauchzender

Lust lag sie an des Gatten Brust und weinte laut.

Capitel 4.

Die Conferenz.

So gleichgültig die Insulaner, wenigstens scheinbar, die im letzten

Capitel beschriebenen Vorgänge aufgenommen hatten, und so theilnahmlos

sie der Entehrung ihrer Flagge, als etwas höchst Unwesentlichem

zugesehn, so viel gewaltigere Aufregung rief es im Lager der Missionaire

hervor, die einen entscheidenden Schritt Frankreichs wohl schon lange

gefürchtet, aber doch nicht so schroff auftretend erwartet haben

mochten. Das Zurückziehn der Englischen Fregatten war zu gleicher Zeit

eine ihnen wohl verständliche, und für sie höchst unglückselige

Demonstration, denn es bewies etwas, das in geradem Widerspruch mit den

freundlichen und ermuthigenden Versprechungen des Englischen

Ministeriums stand, und wovon die Französischen Fregatten schon

jedenfalls Kenntniß haben mußten: daß nämlich England keineswegs gewillt

sei dieses kleinen Inselreichs wegen einen Krieg mit Frankreich zu

beginnen, sondern Tahiti und seine Königin dem Protektorat -- man konnte

ihm nicht mehr gut den Namen einer _Entdeckung_ geben und wünschte doch

derselben Erfolg -- des Nachbarstaates überließ.

Das aber hieß dem Protestantismus den Boden unter den Füßen fortnehmen,

denn die Franzosen brauchten jetzt nur Gleiches mit Gleichem zu

vergelten, so packten sie die evangelischen Geistlichen auf ihre oder

andere Schiffe und schickten sie, gleichviel wohin, nur fort von ihren

Besitzungen. Aber das nicht allein; schon der Gleichberechtigung der

anderen Confession hatten sie von frühster Zeit an mit allen Kräften

entgegengearbeitet. Die katholische Religion sprach weit mehr zu den

Sinnen, als das kalte protestantische Wesen der Geistlichkeit, jene

erregte die Phantasie, diese ertödtete Alles mit ihrer nackten

Unerquicklichkeit, nur in starrer Strenge den Glauben fordernd für das

Unbegreifliche. Auch mehr Freiheit ließen die Katholiken den fröhlichen

Kindern dieser glücklichen Zone, die nun einmal das unglückselige

Vorurtheil hatten, daß Gott ihnen diese wunderschöne Welt auch zum

Genuß geboten, die nicht begreifen konnten oder wollten daß der

Palmenhain ihnen nicht zum Tanzen und Lachen, sondern zum Büßen und

Beten so prachtvoll aufgerichtet sei, und das Herz frevle, das auf

andere Weise zu seinem Gott bete, als sie es lehrten.

Der Erfolg den die Katholiken dabei schon auf den Sandwichsinseln gehabt

hatte sie lange vorsichtig gemacht, und mußte ihnen jetzt die schwersten

und begründetsten Befürchtungen aufdringen. Mit dem »Dublin« waren

deshalb auch schon die dringendsten Aufrufe und Nothschreie an die

Missionsgesellschaften in England erlassen, zuerst beim Ministerium,

dann aber auch bei dem Englischen Volk Hülfe für die »Prediger in der

Wüste« und ihre Gemeinden zu fordern, während bei der jetzigen

entschieden feindlichen Handlung der Papisten allerdings die Hoffnung da

war, daß das schwankende Ministerium eine entschiedenere Handlung den

Uebergriffen Französischer Seeleute gegenüber, einnehmen würde.

Hinhalten mußten sie deshalb hier vor allen Dingen die Entscheidung, die

unbedingte Unterwerfung der Insulaner, aber das nicht allein, sie mußten

auch Beweise, sprechende schlagende Beweise bringen, daß die

Eingeborenen der Südsee das Französische Joch so sehr verabscheuten, wie

sie sich nach der Englischen Mutterkirche sehnten, und daß sie bereit

und entschlossen wären, wenn England die ihnen durch die Missionaire im

Vertrauen auf das Englische Volk versprochene Hülfe _nicht_ senden

sollte, ihr Gut und Blut und Leben einzusetzen, die Unabhängigkeit ihrer

Nation sowohl wie ihrer Seelen, zu erhalten.

Beides ließ sich zu gleicher Zeit durch augenblicklichen Widerstand --

nicht allein mit machtlosen Protestationen eines Consuls, sondern durch

Waffengewalt, erreichen, und war das Volk nur im Stand dem Feind so

lange die Stirn zu bieten, bis die Berichte seiner _Religions_kämpfe

nach England gelangen konnten, so zweifelten wenige der frommen Männer

daran, daß England, gerührt durch solche Anhänglichkeit an den

christlichen Glauben, auch ein Machtwort sprechen und schon dadurch die

Feinde ihrer Flagge wie Spreu vor dem Winde zerstieben würde.

Hierbei hatten sie jedoch mit zwei nicht unbedeutenden Hindernissen zu

kämpfen; zuerst mit der entsetzlichen Gleichgültigkeit der Indianer in

allem was nicht zum täglichen Leben gehörte, und sie etwa gezwungen

hätte irgend eine harte Arbeit zu thun, der sich ihre Theilnahmlosigkeit

für die christliche Kirche paarte, und dann mit dem Mangel an Waffen,

dem allerdings schon unter der Hand bedeutend abgeholfen war, aber

doch jetzt nicht so ganz und auf einmal begegnet werden konnte.

Das erste mochte irgend eine glückliche Gelegenheit von selber heben;

der Uebermuth der Franzosen, die nirgend Widerstand fanden, und das

schöne Land schon fast in Händen zu haben glaubten, gab leicht die

Gelegenheit dazu, aber dem zweiten Uebelstand mußte durch andere Mittel

abgeholfen werden, und diese durfte man unter keiner Bedingung länger

als nöthig hinausschieben.

Der nächste Ort Waffen zu bekommen war Valparaiso, nach ihm Sydney, und

nach beiden Häfen hatten umsichtige Amerikaner schon vor längerer Zeit

Fahrzeuge abgesandt, dort aufzukaufen was sie bekommen könnten, und so

rasch als möglich damit zurückzukehren. Die Schiffe aber durfte man

selbst mit dem günstigsten Winde noch nicht zurückerwarten, und es blieb

dann noch immer die Frage, wie die Ladung unter den jetzigen

Verhältnissen würde an Land zu bringen sein, wo die Franzosen sicherlich

Alles thaten solche, und ihnen die gefährlichste, Zufuhr zu verhindern.

Mr. Noughton, der Amerikanische Kaufmann, hatte aber auch noch andere

Verbindungen, und wenn er sich auch nicht gerade übergern mit solchen

Sachen einließ, doch zu viel kaufmännischen und speculativen Geist

sich ein gutes Geschäft durch die Finger schlüpfen zu lassen, wenn er es

eben dazwischen halten konnte. Er selber stand mit den Protestantischen

Geistlichen auf sehr vertrautem Fuß, und durch diese auch mit den

Protestantischen Häuptlingen, wie ihm denn überhaupt nichts mehr verhaßt

war, als das Französische und dadurch Katholische Regiment. Daß er mit

den einzelnen dort angesiedelten Franzosen auf freundschaftlichem,

wenigstens gesellschaftlichem Fuße stand, war die Schuld der

Handelsinteressen, die er nie aus den Augen ließ -- selbst nicht in der

Kirche.

Mr. Noughton war in seinem Zimmer mit dem Consul Pritchard, und der

letztere ging, mit auf dem Rücken gelegten Armen, rasch und finster auf

und ab, und schien ein eben gehabtes, keinenfalls angenehmes Gespräch,

zu überdenken.

»Und ich habe doch recht, Mr. Noughton,« sagte er endlich, vor dem

Kaufmann stehn bleibend und ihm fest in's Auge sehend, »England kann und

darf uns nicht in dieser Verlegenheit stecken lassen, denn nicht allein

seine Interessen, nein seine _Ehre_ steht hierbei auf dem Spiel und ich

habe von dem Earl von Aberdeen das _feste_ Versprechen schleuniger und

entschiedener Hülfe, wenn ein gegen die bestehenden Verträge gerichteter

Gewaltschritt der Franzosen ihnen nur die entfernteste Rechtfertigung

vor den übrigen Staaten geben würde.«

Der protestantische Geistliche und jetzige Englische Consul war ein

hochgewachsener, stattlicher Mann, mit freier offener Stirn und ein paar

klaren, klugen grauen Augen, aus denen jetzt ein lebendiges, reges Feuer

sprühte -- sein volles Kinn war glatt rasirt und er trug nur einen

halben aber starken, krausen Backenbart, und ging in Civil gekleidet,

mit etwas langem, noch nach dem Geistlichen schmeckenden Rock und weißer

Halsbinde und Weste.

»Bah, bah, bah« sagte der Amerikaner, eine lange hagere Gestalt, an der

nur die Augen Feuer zu haben schienen, kopfschüttelnd -- »wir kennen

solche Redensarten -- der Earl von Aberdeen steht überhaupt in dem Ruf

als ob er ein etwas Indianisches Temperament habe, das nur heute _Ruhe_

verlangt, und dem Morgen sich selber überläßt. Das sind Redensarten, mit

denen wir hier nicht vom Fleck kommen, und Sie müssen bedenken daß

zwischen jedem Brief von hier nach England, herüber und hinüber, immer

_zehn Monat Zeit_ liegen -- ein unberechenbares Capital für den, der den

Augenblick zu benützen versteht. Die Franzosen hier werden _handeln_ und

die Engländer werden _protestiren_, denn beide Theile wissen recht gut,

daß zwei große Nationen, mit den Gefahren eines Europäischen Umsturzes

vor sich, nicht eines solchen Fleckchens Erde wegen einen Krieg anfangen

können; so lange sie nur im Stande sind den Anstand nach Außen zu

bewahren, können Sie sich darauf verlassen daß nichts Ernstliches zu

ihrem Vortheil hier geschieht.«

»England _muß_!« rief Mr. Pritchard.

»Ach was, England muß nie, wenn es nicht selber will, und wenn es

überhaupt _wollte_, hätte es die Sache schon gar nicht so weit

brauchen kommen zu lassen. Wenn Ihnen Ihr Earl Aberdeen, statt

Privatversprechungen eine Depesche für den Talbot, oder irgend ein

anderes Kriegsschiff Ihrer Majestät mitgab, und das dem Französischen

Cabinet zu wissen that, so müßte ich mich sehr irren, oder ~Du Petit

Thouars~ kreuzte jetzt noch an der Chilenischen Küste herum, oder läge

ruhig im Hafen von Valparaiso, höchstens bei den Marquesas-Inseln vor

Anker. Da das nicht geschehn ist, _wollen_ die Leute auch so wenig von

der Sache hören als angeht, und das Einzige was uns in dem Fall zu thun

übrig bleibt, ist so viel Spektakel als möglich zu machen und sie nicht

ruhen und rasten zu lassen -- vielleicht bekommen sie's dann mit der

Zeit satt und schlagen zu, nur um des Friedens, um der Ruhe willen.«

»Aber was können wir thun?« rief in Unmuth der Consul -- »wenn ich

nicht Consul und -- Geistlicher wäre, beim Himmel, ich griffe selber zu

den Waffen und stellte mich an die Spitze der Insulaner, ihnen ihr

Vaterland vertheidigen zu helfen. Nie, so lange die Welt steht, so lange

wir eine Geschichte haben, ist ein feigerer Einfall unter einem matteren

Vorwand, auf ein friedliches, harmloses Volk geschehen und -- geduldet

worden.«

»Glauben Sie daß das Volk überhaupt kämpfen würde, wenn es Waffen

hätte?« frug Mr. Noughton.

»Ich bin überzeugt davon« erwiederte der Consul, »übrigens _sind_ Waffen

auf der Insel, besonders haben die uns ergebenen Häuptlinge -- einen

solchen Fall gerade nicht für unmöglich haltend -- eine ziemliche

Quantität Munition, Pulver und Blei irgendwo in ihren Verstecken, in den

verschiedenen Ansiedelungen -- die anderen Inseln sind sogar reichlich

damit versehen.«

»S--o--o« sagte Mr. Noughton, sich das Kinn streichend und die Lippen

vorn etwas mehr als gewöhnlich zusammenziehend -- »in den Kisten waren

wohl nicht _lauter_ Bibeln?«

Mr. Pritchard setzte seinen Weg durch das Zimmer wieder fort und

entgegnete gleichgültig:

»Ich weiß nicht wann und auf welche Art sie hier gelandet sind -- es

ist, wie ich höre, während meiner Abwesenheit geschehen, aber

verdenken kann ich's den Leuten nicht, daß sie sich mit den Mitteln

versehen, ihr Haus, ihren Glauben vertheidigen, wenn Beides

widerrechtlicher, ja widernatürlicher Weise nicht allein mehr bedroht,

nein wirklich angegriffen und ihnen entrissen werden soll. Der schwache

Vogel selbst vertheidigt sein Nest gegen Schlange und Marder, und wenn

uns die christliche Religion gebietet Blutvergießen zu vermeiden und

lieber ein geringes Unrecht geduldig zu ertragen, so verlangt sie nicht

von uns, daß wir uns feige dem Schlimmsten unterwerfen sollen. »Und der

Herr sprach zu Josua: Fürchte Dich nicht und zage nicht, nimm mit Dir

alles Kriegsvolk und mache Dich auf und ziehe hinauf gen Ai -- und die

Bewohner von Ai fielen Alle durch die Schärfe des Schwertes, bis daß sie

Alle umkamen.«

»Ja das ist Alles recht schön und gut« sagte Mr. Noughton, den

Zeigefinger an der Nase und nachdenkend vor sich niederschauend; »ich

habe auch nicht den mindesten Zweifel daß uns der liebe Gott eine

Opposition gegen den großprahlerischen Franzmann mit dem größten

Vergnügen vergeben wird -- aber ich weiß nur noch nicht ob wir die

Insulaner eben zum Zuschlagen bringen und -- wer bezahlt nachher die

Waffen?«

Mr. Pritchard biß seine Lippe und sagte nach kleiner Pause:

»So viel ich weiß sind die an Land befindlichen schon bezahlt, ich wüßte

wenigstens nicht wie sie sonst in den Besitz der Häuptlinge kommen

sollten, und weiter sind noch keine anderen da -- warten wir bis sie

kommen, das Uebrige findet sich.«

»Aber ich habe eine ziemliche Quantität aufgetrieben und gewissermaßen

auch schon gekauft« erwiederte Mr. Noughton, »es fragt sich nur jetzt ob

_Sie_ dieselben übernehmen und weiter darüber verfügen wollen, denn

aufrichtig gesagt möchte ich mit den Häuptlingen selber, die gar keine

Idee von Geld und Geldeswerth haben, nicht gern ein solches Geschäft

abschließen, da man überdies auch gar nicht weiß wie die ganze Sache

abläuft und ob die guten Leute nachher noch überhaupt eine Cocosnuß

übrig behalten, womit sie bezahlen _könnten_, selbst wenn sie ehrlich

genug wären zu wollen.«

»Ich kann und will, ja darf mich mit der ganzen Sache nicht einlassen«

sagte Mr. Pritchard nach kurzem Besinnen kopfschüttelnd, »aber es

interessirt mich natürlich die Quelle zu kennen, aus der Sie hier zu

schöpfen hoffen. Ist es ein Englisches Schiff?«

»Die Kitty Clover --«

»Ah der Wallfischfänger -- diese Kitty hat auch Spirituosen an Land

geschafft, aber ohne daß wir im Stande waren ihr auf die Finger zu

klopfen, und wie ich höre waren alle Vorkehrungen dagegen getroffen; Sie

müssen schlaue und mit der Küste hier sehr vertraute Leute an Bord

haben.«

»Der eigentliche Unterhändler lebt hier an Land« entgegnete Mr.

Noughton, »aber das ist Alles Nebensache, wenn ich nur erst die

Gewißheit hätte, daß es hier zu einem wirklichen Kampf käme, und die

Insulaner nicht ihren _Regierungs_wechsel eben so ruhig und gleichgültig

mit ansehen werden, als gestern den _Flaggen_wechsel, der sie, zu meinem

Erstaunen, entsetzlich kalt ließ.«

»Wenn die Franzosen Ernst mit ihrer Drohung machen« entgegnete Mr.

Pritchard rasch, »und nicht eben nach dieser einfachen Demonstration

wieder in See gehn, Pomare wie ihre Häuptlinge in sonst ungestörtem

Besitz der Insel zu lassen, so läuft auch die förmliche

Besitzergreifung, wo sie dann ja die Zügel der Regierung in die Hand

nehmen und das Pabstthum proklamiren werden, nicht unblutig ab, und

_ein_ Leben genommen und die ganze Insel greift mit einem Schlag zu den

Waffen.«

»Sie glauben also wirklich --«

»Ich bin fest überzeugt davon.« --

»Nun dann kommt da unten Freund Mac Rally, der Master des

Wallfischfängers draußen, gerad' apropos die Straße nieder -- he Sir!«

-- und an's Fenster klopfend winkte er dem Schotten, der überdies schon

die Richtung gerade nach dem Hause zu hatte, und dessen rascher Schritt

bald auf der hölzernen Treppe gehört wurde. Wenige Secunden später

betrat Mac Rally das Gemach und wollte sich eben nach kurzem Gruß an den

Kaufmann wenden, als er die dritte Person im Zimmer sah, still schwieg

und sich mit einem fragenden Blick nach dem Amerikaner umschaute.

»Es ist ein Freund von mir, ein Geistlicher« sagte Mr. Noughton und

winkte Mac Rally Platz zu nehmen.

»Ein Missionair, so?« sagte der Seemann, Mr. Pritchard etwas mißtrauisch

betrachtend, bei seinem Branntweinschmuggeln hatte er die Leute nicht

eben als Freunde kennen gelernt, und er wußte nicht wie weit der

anwesende gerade mit seiner nicht unbedeutenden Thätigkeit in diesem

Geschäftszweig bekannt sein mochte; außerdem haßte er Missionaire. Hier

galt es übrigens eine Geschäftssache, in der er wußte daß ihm der

geistliche Mann nicht entgegen sein würde, und er sagte rasch:

»Mit unserem Handel wird es wohl Nichts werden, Mr. Noughton -- es ist

zu spät.«

»Wie so?« frug der Kaufmann rasch und erschreckt -- »Sie _dürfen_ jetzt

kein höheres Gebot mehr machen, denn ich habe die Bestellung fest

gemacht, wie Sie recht gut wissen -- die Waffen sind _mein_.«

»Und sollen die Ihrigen bleiben, mit dem größten Vergnügen,« lachte der

Seemann, »wenn Sie nur wissen sie an Land zu schaffen.«

»Und geht das nicht mehr auf dem gewöhnlichen Weg?«

»Was für Einer ist das?« frug Mr. Pritchard -- der Seemann glaubte aber

nicht eine Antwort darauf schuldig zu sein, sondern sagte achselzuckend:

»Die Franzosen haben in der That Besitz von Tahiti genommen; Posten sind

ausgestellt an allen Plätzen wo es nur einigermaßen möglich ist zu

landen, und eben wird eine Proclamation in Tahitischer, Französischer

und Englischer Sprache angeklebt, nach der, unter anderem, Boote nicht

einmal mehr nach Dunkelwerden in der Bai fahren, viel weniger an Land

kommen dürfen.«

»Den Teufel auch« sagte Mr. Noughton, »und das müssen _Sie_ sich hier

von einem Anderen _erzählen_ lassen?«

Mr. Pritchard zuckte mit den Achseln und sagte leise:

»Gegen rohe Gewalt hab' ich keine Macht und keine Aufträge anzustürmen;

das muß der Zeit überlassen bleiben.«

»Zeit« brummte der Seemann ungeduldig -- »die wird Einem dabei auch nicht

gerade im Uebermaß zugemessen -- morgen muß ich in See sein.«

»Und was haben Sie so zu eilen?« sagte Mr. Noughton.

»Das fragen Sie den Französischen Admiral« brummte der Engländer -- »ob

sie mich hier in Verdacht haben, oder ob ihnen irgend etwas verrathen

ist, ich weiß es nicht, aber so viel ist gewiß, daß ich den Befehl

bekommen habe was ich an Wasser und Provisionen brauche heute in Ordnung

zu bringen, und morgen mit dem Landwind also etwa um neun Uhr, in See zu

gehn. Das ist »kurz und süß« wie sie bei uns sagen.«

»Die Franzosen thun wirklich, als ob sie hier schon die Herren wären«

sagte Mr. Pritchard.

»_Thun_ so, Sirrah?« rief Mac Rally -- »und verdammt gute Ursache dazu,

denn sie _sind's_, so lange Sie nicht die Indianer dazu bringen können

mit Macht über sie hereinzubrechen -- und damit sieht's windig aus.

Hätten Sie die Leute ein Bischen weniger beten und ein Bischen mehr ihre

gesunden Glieder brauchen und ihre Waffenübungen nicht ganz

vernachlässigen lassen, so wären die heidnischen Spiele dem lieben Gott

jetzt selber zu Hülfe gekommen; jetzt können sie weiter Nichts wie mit

Bibeln drein werfen, und daran stirbt Keiner -- die Langeweile müßte sie

denn wieder forttreiben.«

Mr. Pritchard legte den Kopf zurück und drehte ihn zur Seite, aber er

erwiederte kein Wort; Mr. Noughton ging mit ineinandergeschlagenen Armen

im Zimmer auf und ab, und murmelte leise etwas vor sich hin, endlich

blieb er vor Mac Rally stehn, und frug, ihn finster dabei ansehend:

»Und was sagt Jim dazu?«

»Jim ist ein Tollkopf« brummte der Engländer -- »ein richtiger Ire, dem

nicht wohl ist wenn ihm nicht Jemand den Schädel zerschlägt, oder wenn

er nicht denselben Liebesdienst Jemand Anderem erweisen kann.«

»Also er meint es sei wirklich möglich sie heute Abend an Land zu

schaffen?« frug Mr. Noughton schnell.

»Der sagt zu Allem ja« knurrte Mac Rally.

»Nun also, was haben wir denn da noch außerdem für Hindernisse?«

»Er verlangt daß ich ihm die Gewehre und was dazu gehört, in

wasserdichten Fässern an eine gewisse Stelle in Matawai Bai liefere und

das ginge allenfalls; aber dorthin haben die verdammten Franzosen

wahrhaftig auch heute Morgen eine Schildwacht gestellt, wie überhaupt an

jeden Corallengang durch den mehr als ein Canoe einfahren könnte, und

ich kann meine Leute nicht dazu riskiren. Wenn sie entdeckt werden, und

das ist kaum anders möglich, so wird jedenfalls auf sie geschossen, oder

doch der Alarm gegeben, und sie stecken mir nicht allein die Leute ein,

und der ganze Transport ist verloren sondern sie -- visitiren mir auch

am Ende noch das Schiff und -- das wäre mir unangenehm.«

»Posten schon überall ausgestellt?« rief Noughton erstaunt, »ei dann

zeigen sich die Monsieurs schon allerdings als Herren der Insel und es

hat keine Gefahr mehr, daß mir die Gewehre auf dem Lager blieben -- Mac

Rally Sie müssen wahrhaftig Rath schaffen; mit einer einzelnen

Schildwache läßt sich am Ende auch noch sprechen.«

»Sprechen, ja, aber nichts durchbringen« brummte der Wallfischfänger --

»_Sie_ haben auch Nichts dabei zu riskiren, ich aber desto mehr, und

nehme da lieber die paar hundert Stück Gewehre wieder mit in See; in

Huaheina oder Bola Bola find' ich, wenn auch nicht so gute Preise doch

mehr Sicherheit.«

»Wo müßten sie denn gelandet werden?« frug der Geistliche.

»Der einzig mögliche Platz wäre Matawai Bai und zwar in der Einfahrt, in

der früher ein alter Missionair wohnte, der leider Gottes gestorben ist

-- jetzt sitzt ein Franzose drin -- ja zwei eigentlich, denn dicht

daneben wohnt noch Einer, und außerdem hat sich der Posten gerade

überhalb der beiden Häuser in eine alte, nicht mehr benutzte Hütte

placirt, der, wie ich gehört habe, alle zwei Stunden von Papetee aus

abgelöst werden soll, während die weiter unten befindlichen mit einem

anderen, dorthin gelegten Detachement in Verbindung stehn.«

»Und könnten wir nicht _unter_ oder _über_ der Vorposten-_Grenze_

landen?« frug Mr. Noughton.

»Nein« sagte der Seemann, kopfschüttelnd, »erstlich nimmt das zu lange

Zeit weg, und selbst das nicht einmal gerechnet, müßte ein Boot auf dem

Binnenwasser und dicht am Strande hin völlig Spießruthen bei den Posten

laufen, und es wäre rein unmöglich es unentdeckt an den Ort seiner

Bestimmung zu bringen, während dorthin gerade die Ladung im Schatten der

Riffe und später der Palmen die größte Wahrscheinlichkeit sicherer

Landung für sich hat.«

»Das ist das Haus wo Monsieur Delavigne wohnt« sagte Mr. Noughton --

»und sein Nachbar heißt Lefévre.«

»Ich glaube das sind die Namen« brummte der Alte, »kommt aber nicht

d'rauf an wie, sondern _wo_ sie getauft sind.«

»Hm, hm, hm« sagte der Amerikaner, nachdenkend im Zimmer auf- und

abgehend -- »ich glaube -- lassen Sie mich einmal sehn -- ich glaube

Bruder Rowe hat Zutritt da im Haus --«

»Wird ihm wenig helfen« meinte Mac Rally.

»Kann ich einmal mit Jim sprechen?« frug Noughton, vor dem Seemann

stehen bleibend.

»Ich wollte selber ich könnte seiner habhaft werden« erwiederte dieser,

»aber wie mir Bob, mein Zimmermann sagt, hat er alle Ursache sich nicht

bei Sonnenschein zwischen den Franzosen blicken zu lassen -- es müssen

alte Geschichten sein. In den Guiaven drin steht aber ein Haus, wo er zu

finden sein soll.«

»Bei der alten Irischen Hexe?« frug der Amerikaner.

»Nein, da kommt er seit jenem Abend, wo sie ihn beinah einmal abfaßten

nicht mehr hin -- 's ist nicht so weit draußen und ich kenne die Stelle

-- und was sagen Sie dazu, Mr. Pritchard?«

Bei Nennung des Namens drehte sich der Wallfischfänger rasch nach diesem

um, der Consul aber sagte achselzuckend:

»Ich kann in meiner Stellung Nichts dabei thun, Mr. Noughton, obgleich

ich den Insulanern jeden Erfolg gegen ihre Feinde wünsche.«

»Sie sind Consul hier in Papetee?« sagte Mac Rally.

Mr. Pritchard machte eine bejahende Bewegung mit dem Kopf.

»Dann werd' ich Sie bitten mir heute Nachmittag meine Papiere in Ordnung

zu bringen« bat der Engländer -- »'s ist jedenfalls besser ich habe die

regulirt.«

»Kommen Sie nachher zu mir, ich werde es Ihnen besorgen.«

»Mac Rally,« sagte Mr. Noughton, »thun Sie mir einmal den Gefallen, zu

Mr. Rowe zu gehn und ihn zu bitten, mich heute Morgen, sobald er

möglicher Weise kann, auf einen Augenblick zu besuchen; ich hätte etwas

_sehr_ Wichtiges mit ihm zu besprechen; wollen Sie?«

»Ich will gleich von hier zu ihm gehn -- und unser Geschäft?«

»Sein Sie nachher um elf Uhr hier wieder im Haus. Sie können mich zu dem

Haus führen, wo wir Jim O'Flannagan treffen mögen?«

»Gewiß kann ich« brummte dieser, »aber es wird dann die höchste Zeit daß

etwas geschieht, wenn wir's überhaupt noch ausführen wollen.«

»Haben Sie Alles gepackt und in Ordnung?«

»Schon seit heute Morgen um sechs Uhr.«

»Gut -- überlassen Sie dann das andere mir -- und Mr. Rowe?«

»Schicke ich Ihnen unter Adresse und Frachtbrief augenblicklich ins Haus

-- guten Morgen Gentlemen,« und sich langsam auf seinen Hacken

umdrehend, drückte er die Thür hinter sich ins Schloß, und ließ die

beiden Männer allein, die sich bald darauf in eine sehr lebhafte aber

mit leiser Stimme geführte Unterhaltung vertieften, in der sie erst

wieder gestört wurden, als sich der ehrwürdige Mr. Rowe unten anmelden

ließ.

Capitel 5.

Susanna.

Der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte allerdings die Inseln der Königin

Pomare, worunter er damals die beiden Gruppen der Gesellschafts- und

Georgen-Inseln verstand, im wahren Sinn des Worts in Besitz genommen,

und dachte, allem Anschein nach, gar nicht daran, sie, wie das vorige

Mal, als es bei einer Protectoratserklärung geblieben, wieder vollkommen

zu verlassen, wenigstens von Militair zu entblößen. Der Admiral suchte

sich einzureden daß Pomare in ihrem Widerstand gegen ihn zu weit

gegangen sei, und dem zu begegnen fiel er in denselben Fehler, der ihm

freilich für den Augenblick nicht soviel Schaden bringen konnte, da er

gerade der Stärkere war.

Recht gut wußte er dabei daß die Insulaner, wenn nicht unnöthiger Weise

gereizt, eben durch ihre Eifersucht unter sich, und bei dem Haß, den ein

Theil derselben gegen die strenge Herrschaft der Missionaire hegte,

nicht leicht persönlichen Widerstand leisten würden, außer, durch die

Fremden, besonders die Missionaire selber angereizt und dem

_vor_zuarbeiten, ehe ein förmlicher Bruch herbeigeführt werden konnte,

that er natürlich Alles was in seinen Kräften stand. Die

protestantischen Geistlichen wurden schon an und für sich gleich

gewarnt, das Volk nicht gegen die jetzige _rechtmäßige_ Regierung

aufzureizen, und außerdem noch eine Proclamation erlassen worin jeder

Fremde, der _gegen_ die Französische Oberherrschaft sprechen (man sagte

nicht _predigen_) würde, augenblicklich von der Insel, überhaupt aus den

Gruppen zu verweisen sei; es war das ein Paragraph der die Missionaire

am schwersten traf, und auch, besonders in England, von ihnen am meisten

angegriffen und verdammt wurde.

Ebenso vorsichtig mußten sich die Franzosen dagegen zu wahren suchen daß

Waffen und Munition den Insulanern durch ihre Freunde zugeführt wurden,

und eins der eben eingelaufenen Schiffe erhielt augenblicklich die Ordre

die Insel zu umschiffen und verdächtige Fahrzeuge abzuweisen, während

die hier liegenden Engländer, von denen man aber nur das kleine

Kriegsschiff in Verdacht haben konnte, ebenfalls scharf bewacht wurden.

Auch Spirituosen suchte man den Insulanern fern zu halten, sie nicht

aufzureizen und zu Excessen zu treiben, die unter den jetzigen

Verhältnissen leicht einen ernsten Charakter annehmen konnten, und es

war deshalb auch daß die Kitty Clover, von der man ziemlich genau wußte

daß sie unter der Hand Spirituosen an die Insulaner verkaufe und auch

noch eine ziemliche Quantität derselben an Bord habe, Befehl erhielt die

Bai am nächsten Morgen zu verlassen. Niemand vermuthete daß sie auch

noch weit gefährlichere Waffen zum gelegentlichen Handel bei sich führe,

die Mac Rally übrigens auch wohlweislich einer ziemlich genauen

Visitation seines Schiffes, sollte dieselbe ja stattgefunden haben, aus

dem Weg gesteckt hatte.

Außerdem aber waren die Französischen Soldaten streng beordert die

Eingeborenen freundlich zu behandeln, und ihnen strenge Strafen

angedroht, wenn sie dieselben durch Erpressungen, Mißhandlungen oder

sonstigen Uebermuth reizen und dadurch Anlaß zu Streitigkeiten geben

würden.

Den Fremden war ebenfalls ihr Eigenthum vollständig gesichert, nur

sollten sie sich, wie schon erwähnt, jeder böswilligen Einwirkung auf

die Insulaner enthalten, oder der Folgen dafür gewärtig sein.

Auch eine Regierung hatte der jetzt allmächtige Admiral ernannt, einen

Regierungsrath wenigstens aus drei Personen bestehend, Mr. Aubigny,

Capitain der Corvette Ambuscade, Lieutenant Clou und Mr. Moerenhout, und

die Wahl des Letzteren besonders kränkte Pomare tief, da sie wußte wie

er von jeher ihr gesinnt gewesen, während die Missionaire in dem ihnen

gerade feindlich gesinnten Mann einen vollständigen Beweis sahen, was

sie für sich von der neuen Ordnung der Dinge zu erwarten hätten.

Viel Zeit durften sie aber auch nicht verlieren, denn noch an demselben

Abend lief der Französische Kriegsdampfer, der Cormorant ein, und ein

dumpfes Gerücht durch die Stadt daß der ganze übrige Theil der, bis

jetzt noch an den Marquesas-Inseln stationirten Flotte, ebenfalls hier

eintreffen würde, den Eingeborenen zu imponiren, und ihnen zu beweisen

wie fruchtlos jeder Versuch des Widerstands gegen eine so gewaltige

Macht unter jeder Bedingung für sie ausfallen müßte.

Die Eingeborenen fingen jetzt erst an wirklich stutzig zu werden, denn

das ganze Benehmen der Fremden hatte diesmal einen weit anderen

Charakter wie früher. Die ausgestellten Posten, das gelandete und ohne

weiteres in einem der Pomare gehörigen Häuser untergebrachte Militair --

die Besitznahme der kleinen in der Mündung der Bai liegenden Insel

Motuuta, von jeher der Königssitz und in der That Lieblingsaufenthalt

der Pomaren, wo die Königin sogar ihren Knaben geboren, und wohin jetzt

ohne weiteres mächtige Kanonen geschafft wurden, die gar nicht aussahen

als ob sie blos für die kurze Dauer des Aufenthalts der Schiffe da

liegen bleiben sollten; vor allen andern Dingen aber das jetzt plötzlich

so scheue und zurückhaltende Wesen ihrer Missionaire, das sie an ihnen

wahrlich nicht gewohnt waren, machte sie stutzen, und flößte ihnen zum

ersten Mal die ernstliche Besorgniß ein, daß doch wohl nicht Alles so

geschwind wieder vorüber gehn würde und auch nicht genau so sei, wie

ihnen die frommen Lehrer bis jetzt erzählt haben mochten.

Mr. Pritchard allein blieb sich, auf seine Stellung als Englischer

Consul fußend, ja vielleicht trotzend, treu in dieser Zeit. So

unbekümmert die Franzosen irgend etwas gegen die Religion eines fremden

Staates und deren Vertreter unternahmen, und auch vielleicht unternehmen

konnten, so vorsichtig mußten sie jedenfalls zu Werke gehn, wo sie es

mit der Diplomatie und dadurch auch mit den Rechten desselben zu thun

bekamen, und als Consul stand er, wie er recht gut wußte, unter dem

direkten und unmittelbaren Schutz seines Vaterlandes. Die Eingeborenen

verstanden aber diesen Charakter gar nicht; ihnen war Mr. Pritchard noch

immer der Mitonare und Lehrer von früher her, nur mit mehr Autorität

vielleicht als früher, da er die anderen Geistlichen oft in seinem Hause

versammelte, mit ihrer Königin in stetem Verkehr stand, und dann auch

durch die neue Reise noch gewaltig in ihrer Achtung gewonnen hatte.

Jedenfalls kam er jetzt gerade von dem Land der Beretanis, mußte also am

besten wissen was sie von dort zu hoffen hätten, und ob die Engländer

Schiffe senden würden sie und ihre Religion zu unterstützen, oder ob sie

auf sich selber verlassen bleiben sollten, den zahlreichen

Feuerschlünden des mächtigen Feindes gegenüber.

Die anderen Missionaire hatten, durch die Drohung des Admirals

eingeschüchtert, nicht gewagt, eine bestimmte Antwort zu geben, und die

Gläubigen auf die Bibel und den lieben Gott vertröstet, der die Seinen

schützen und schirmen würde in schwerer Noth und Angst. Mr. Pritchard

dagegen sprach zu ihren Herzen, und sein Ruf an sie muthig zu sein und

nicht zu verzagen war mehr ein Aufruf zu den Waffen, als ein Trost.

»Widerrechtlich hatten die Feranis die Flagge Pomares niedergezogen,

widerrechtlich setzten sie eine Regierung ein, dem direkt

ausgesprochenen Willen Englands gegenüber, daß das Land sich frei und

unbelästigt des Friedens Segen und der christlichen Religion erfreuen

könne. Mit Kanonen und Bayonnetten überwältigten sie ein stilles

harmloses Volk und die »Baals-Priester« zogen im Lande umher, dem Feinde

Seelen zu gewinnen. Er protestirte von Anfang an feierlich gegen jede

Französische Autorität auf der Insel, die er unter keiner Bedingung

anerkennen würde, und wahrte sich das Recht zu dem Volke zu reden und

ihm zu rathen, wie es ihm gut dünke, und wie er es in seinem Amt als

Englischer Consul sowohl wie Missionair vor seinem Gewissen und seiner

Regierung, aber nicht vor dem Französischen Admiral zu verantworten

habe.«

Die Insulaner hielten sein Haus förmlich belagert, denn der Mann, wie

sie erst einmal die wahre Absicht der Fremden verstanden, sprach ihnen

aus der Seele, aber noch mehr -- er _ver_sprach ihnen auch Englische

Hülfe von der zuerst einkommenden Englischen Fregatte, während mit dem

Dublin schon die Klagen und Beschwerden sämmtlicher Missionaire nach

England abgegangen waren.

Es läßt sich denken daß die Französischen Autoritäten, den

Protestantischen Geistlichen überdies nicht gewogen, die Aufreizungen

dieses Mannes mit Aerger und Verdruß ansahen und nur durch seine

officielle Stellung noch zurückgehalten wurden, etwas Ernstliches und

Entschiedenes gegen ihn zu unternehmen. Dazu brauchten sie aber irgend

eine gegen ihn sprechende Thatsache als Vorlage, und eine solche mußte

jedenfalls erst abgewartet werden.

Spione umgaben ihn dabei genug, aus seinen Reden an das Volk irgend

eine, direkt zur Empörung aufreizende Aeußerung zu finden, Mr. Pritchard

war aber klug genug sich keine solche Blöße zu geben, und der Zorn der

Französischen Officiere gegen ihn stieg von Stunde zu Stunde.

René beschloß indessen sich von jeder Betheiligung an den politischen

Ereignissen vollkommen entfernt zu halten; er mochte natürlich nicht

gegen seine Landsleute kämpfen, so sehr er auch fühlte daß den

Eingeborenen hier unrecht geschah, und natürlich noch viel weniger

diesen feindlich entgegentreten, mit denen er durch sein Weib in so nahe

und freundliche Beziehung gekommen war.

Je mehr er aber über sein künftiges Leben auf den Inseln nachdachte,

desto mehr fühlte er sich davon überzeugt, wie er solcher Art, und

gewissermaßen zwischen zwei Feuern, in Papetee jedenfalls eine höchst

unangenehme, ja gefährliche Stellung für die Zukunft einnehmen müsse,

denn von beiden Partheien wäre er, wenn er es mit keiner offen hielt,

auch rettungslos verdächtigt worden. -- Er wollte Papetee -- Tahiti

verlassen und drüben in Atiu, in der stillen Zurückgezogenheit seines

häuslichen Glücks konnte er bald die Welt um sich her vergessen --

verachten. Sorge um seinen Lebensunterhalt brauchte er nicht zu haben,

Gott hatte den Tisch der Eingeborenen dort mit seinen reichsten Gaben

überdeckt -- ein fröhliches, gutmüthiges Volk bewohnte die Insel, und

mit Sadie an seiner Seite --

Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band. · 第 3 / 8 题