Mißtrauisch beobachtete vor allen Andern Aimata, die Königin dieser

Inseln, die Bewegungen der Feranis, die sie nun schon seit einer Reihe

von Jahren als ihre Feinde hatte kennen lernen, und das stolze Blut der

Pomaren schoß ihr zornig in die Schläfe, als sie die Banner Frankreichs

wieder so keck und trotzig in der Brise flattern sah, und den

Kanonendonner hörte, der grüßend dem Feind aus ihrer eigenen Bai

entgegenschallte.

Sie stand an dem Fenster ihres, ziemlich in Europäischem Geschmack

eingerichteten und mit einer Masse von Putz und Geschenken

ausgestatteten oder besser überfüllten Hauses, die heiße Stirne fest

gegen die Glasscheibe gepreßt und der ehrwürdige Mr. Pritchard ging mit

auf der Brust fest zusammengeschlagenen Armen in dem Gemach auf und ab,

und blieb nur manchmal an dem zweiten Fenster stehen, die Bewegungen der

eben eingekommenen Schiffe zu beobachten, aber ohne ein Wort zu sprechen

sein oder der Königin Nachdenken im Mindesten zu stören. Die Fenster

dröhnten dabei von den gewaltigen Saluten der bewaffneten Schiffe und

die lockeren Scheiben klapperten und klirrten in ihren Rahmen.

Auf dem einen Tisch, entrollt und über einem Globus, einem

Kaffeeservice, mehreren Blumenvasen und einigen geschmackvoll

eingebundenen englischen Bilderbüchern lag die Tahitische rothe Flagge

mit dem einzelnen weißen Stern, und oben über demselben mit einer

goldenen von Palmzweigen umgebenen Krone frisch hineingestickt.

»Das sind nun Euere Versprechungen!« sagte die Königin endlich nach

langer Pause, sich halb gegen den Missionair der zugleich die Stelle

eines Englischen Consuls versah, herumdrehend -- »das ist Euer Prahlen

von dem Schutz der mächtigen Beretanis -- des mächtigen Gottes der

Weißen -- Weit draußen in Lee schwimmen die Schiffe die man mir über und

über erzählt daß sie mich und mein Volk beschützen sollten, und mitten

in meinem Reich darf mir der stolze landgierige Ferani die eigene Flagge

trotzig entgegenhissen, und unter dem Schutz seiner Kanonen vielleicht

neue Erpressungen fordern -- wie kann ich sie jetzt ihm weigern?«

»Er _darf_ nicht weiter gehn als er bis jetzt gegangen ist« entgegnete

finster der Missionair -- »die neue Flagge hier, mit dem Emblem der

Majestät wird ihm beweisen, welche Ansprüche Pomares England

unterstützt, und mit dem ganzen Volk gegen sich, und dem Bewußtsein daß

Englische Kriegsschiffe in dieser See kreuzen und jeden Tag wieder

einlaufen können in die Bai, deren Bewohner sie durch die Bande der

Religion und Freundschaft verpflichtet sind zu schützen, ist ~Du Petit

Thouars~ zu klug einen trostlosen Feldzug zu eröffnen, der den Zorn und

die schwere Hand eines mächtigen Volkes auf ihn und den Thron der ihn

beschützen würde, herabziehn könnte.«

»Und wer schützt mein armes Volk _jetzt_ vor ihren Kugeln, wenn ich die

Flagge hisse und ihren Zorn reize?« frug Pomare.

»Du bist hier Königin« sagte der Missionair ernst und feierlich, »wie

Englands Königin daheim ihr Banner kann wehen lassen über dem Schloß das

sie bewohnt, ein Zeichen ihrer königlichen Gegenwart, so steht dasselbe

Recht _Dir_ zu, in Deinem Reich; der Franke _darf_ es Dir nicht wehren,

wenn er auch möchte, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn er, nach dem

Vorhergegangenen, nicht sogar klug genug wäre schon das Aufhissen dieser

Flagge mit einer Salve seiner Kanonen zu ehren. Die Franzosen sind

höflich« -- setzte er trocken hinzu, »wenn man ihnen auch sonst gerade

nichts Gutes nachsagen kann.«

Pomare sah ihn forschend an -- ihre Fahne, durch Kanonenschüsse der

gefürchteten Feranis geehrt -- der Gedanke hatte einen unsagbaren Reiz

für sie, und ihre weibliche Eitelkeit griff danach, so sehr sie auch

noch kurze Zeit vorher einem so entschiedenen Schritt entgegen gewesen

sein mochte.

»Und Du hissest zugleich die Englische Flagge vor _Deinem_ Haus?« frug

sie rasch, des Priesters Arm ergreifend.

»Als Gruß der Königlich Tahitischen in jedem Fall« erwiederte der

Missionair -- »ich bin sogar dem Amt nach, das ich vertrete, dazu

verpflichtet.«

»So sei es -- gut!« rief die Königin und ein eigenes Lächeln belebte

ihre schönen, sprechenden Züge und gab dem raschen ausdrucksvollen Blick

einen höheren Glanz. »Der Wi-Wi soll mir die Krone grüßen müssen, die er

nicht berühren darf, und Dein Gott mag mir jetzt beweisen ob er, wie Ihr

uns oft erzählt, mit Wohlgefallen auf diese Inseln niederschaut, deren

Bewohner ihre alten Götter und Gesetze in den Staub geworfen haben, das

Kreuz des Heilands aufzurichten, und seinen Namen zu ehren, oder ob er

gleichgültig die Erfolge betrachtet, die sein Wort hier auf Erden hat,

dem Götzendienst des anderen Volkes gegenüber. Ruf mir die Häuptlinge

die schon den ganzen Morgen draußen gewiß ungeduldig meiner Befehle

harren -- ich _will_ Königin sein, und eine Königin wie sie über dem

großen Wasser drüben auf der Insel Deines Vaterlandes herrscht, nicht

ein Spott nur und Fratzenbild aus einem Spiel der Areois, dem jeder

fremde Freibeuter die Krone abnehmen und bespötteln darf.«

»Und Du wirst sehn, Pomare, daß Du Nichts zu fürchten hast,« sagte der

Geistliche -- »in Deinem Reiche darf keine fremde Macht die Hand an

Deine Flagge legen, die Zugeständnisse zu denen man Dich zwang sind

ungültig, eben _weil_ sie erzwungen waren, und Dein Volk ist stark und

mächtig in der Begeisterung des Herrn, selbst einem also gewappneten

Feinde Trotz zu bieten, und ihn auf seine Schiffe mit blutigem Kopf

zurückzuweisen. Ich schicke Dir die Häuptlinge, Deine Befehle zu

erfüllen, und gehe selbst jetzt hinüber in mein Haus, das königliche

Signal zu beantworten, sobald es in der Brise flattert. Indessen aber

sei der Herr mit Dir in dieser Stunde und gebe Dir seinen Segen und

Frieden in Jesu Christo.«

Und freundlich seine Hände gegen sie, wie zum Segen ausstreckend, blieb

er einen Moment mit zum Himmel gerichteten Blicken stehen, und verließ

dann langsam das Gemach.

Pomare, die sich dem Segen erst leise geneigt hatte blieb, als der

ernste Mann ihr Zimmer verlassen, mit fest in beide Hände gepreßter

Stirne stehen; ihr Busen wogte heftig, ihre ganze Gestalt zitterte vor

innerer Aufregung, und sie bedurfte einer kurzen Zeit, ehe sie sich

wieder vollständig sammeln konnte. Kaum aber hörte sie die Schritte der

nahenden Männer, als sie auch mit der Energie, die ihrem ganzen Wesen

und Charakter eigenthümlich war, jede Schwäche von sich abschüttelte,

und die Lippen fest aufeinander gebissen, wenn auch noch mit klopfenden

Schläfen, die Häuptlinge empfing, die rasch und ebenfalls in Aufregung,

in ihrer Gegenwart erschienen.

»Joranna Pomare« riefen Aonui und Potowai, »Joranna, und schütze Dich

Gott in dem nahen Kampf.«

»Dem nahen _Kampf_?« frug Pomare, erstaunt zu ihnen aufsehend, »wer

spricht von einem Kampf?«

»Der fromme Mann der Dich verließ ermahnte uns standhaft auszuhalten

selbst gegen die Uebermacht des Feindes draußen« sagte Aonui, »und so

mit Gott, was brauchen wir da irdische Waffen zu scheuen oder zu

fürchten.«

»Hier ist von keinem Kampf die Rede« entgegnete Pomare ernst -- »nur

unsere Landesflagge sollt Ihr aufziehen an meinem Haus -- ich will

keinem Menschen Böses, und unsere Religion ist eine Religion des

Friedens und der Liebe -- sagt das den Leuten draußen. Sie sollen keinen

Zank anfangen mit den Feranis, sondern sie freundlich behandeln, und

ihnen Alles verschaffen, was sie an Nahrungsmitteln brauchen -- Pomare

hat keinen Zorn gegen sie und will in Frieden mit ihnen leben.«

»In Frieden mit ihnen leben?« wiederholte kopfschüttelnd Potowai -- »das

ist ein schweres Ding. Ein Frieden mit den Feranis ist wie der

durchsichtige Stein den sie uns gebracht und in unsere Häuser gesetzt

haben, das Licht hineinzulassen, Du rührst ihn an und er bricht und

splittert und verwundet die Hand, die sich freundlich, ohne Arges zu

denken, nach ihm ausstreckt -- trau dem Ferani. Aber was thuts« --

setzte er rasch und freudig hinzu, die Fahne aufgreifend und die goldene

Krone betrachtend, die von Cocosblättern umgeben gar künstlich und

zierlich von frommen weißen Frauen gestickt war -- »wir haben die Bibel

auf unserer Seite und unser gutes Recht, und zehntausend Mal lieber seh

ich dabei den Tahitischen Stern im Winde flattern, als irgend ein

anderes Tuch der weiten Welt. So mit Gott, und das Volk wird Dir zeigen,

Pomare, wie dankbar es sein kann für diesen Beweis Deiner Liebe.«

Und von dem frommen Aonui gefolgt verließ er rasch das Haus, die Fahne

an dem nahen Flaggenpfahl zu befestigen, um den sich indeß schon ein

zahlreicher Volkshaufen, mehr aus Neugierde als die Wichtigkeit der

Demonstration begreifend, versammelt hatte. Ja die meisten sahen eben

nichts weiter darin, als eine sehr gewöhnliche Handlung, vielleicht

sogar der Artigkeit gegen die Fremden, die ihre eigenen Flaggen wehen

ließen -- weshalb konnten sie nicht dasselbe mit der ihrigen thun?

Noch ein Schiff war indeß in Sicht gekommen, und wie ein Theil der

Tahitier es schon mit froher Zuversicht als eines der zurückkehrenden

Englischen Kriegsschiffe ausrief, schwuren die einzeln zwischen den

Eingebornen zerstreuten, meist Englischen oder Amerikanischen Matrosen,

das Schiff habe so wenig Englischen Kiel unter sich, wie die im Hafen

liegende ~Reine blanche~ oder ~Danae~ und trage so gut die Tricolore wie

sie alle Beide. Unter der Masse bildeten sich denn auch bald einzelne

Gruppen, die das für und gegen eifrig besprachen, und dabei, wenigstens

die Eingebornen, mit einer Art von Stolz auf ihre stattliche Fahne

blickten, die lustig im Winde hinauswehte, und nach den Schiffen hinüber

zu grüßen schien.

Unser alter Bekannter, Bob Candy war unter ihnen und schien

gewissermaßen eine Autorität, was die Natur des fremden, eben

einsegelnden Schiffes betraf, auszuüben, denn einestheils verstanden ihn

nur wenige in seinen gebrochenen Tahitischen Ausdrücken, und dann

erklärten Andere wieder, die ein wenig die Englische Sprache gelernt

hatten, daß er jedes Segel an Bord des Fremden erkenne, und wisse warum

es da, und wo es gemacht sei; sein Sieg war auch vollkommen als die

Fregatte endlich ihre Flagge zeigte und an ihrem Heck, wie an den

anderen Kriegsfahrzeugen in der Bai, die gefürchteten, jedenfalls

gehaßten Französischen Nationalfarben sichtbar wurden.

»Segne mich!« sagte da aber Teraitane, der Häuptling, der sich der

Gruppe eben zugesellt hatte, »uns hat der ehrwürdige Bruder Mi-ti

(Smith) immer gesagt, die Feranis hätten nur ein einziges Kriegsschiff

in ihrem ganzen Reich, und das schickten sie her bald so, bald so

angemalt, und bald mit dem, bald mit jenem Namen, Geld zu erpressen, und

jetzt liegen drei schon im Hafen und das vierte segelt eben ein, und

eines immer größer als das andere -- der ehrwürdige Bruder Mi-ti muß

geträumt haben.«

»Bruder Mi-ti träumt aber gewöhnlich mit den Augen offen« bemerkte Bob,

trocken; »merkwürdig kluge Erzählungen die sich die Leute machen, nur

daß die Farbe abgeht, wenn sie naß werden. Die Feranis könnten eine

ganze Woche hintereinander jeden Tag vier andere Kriegscanoes

herschicken, und behielten immer noch so viel zu Hause.«

Während sich die Eingeborenen, denen ein Anderer das von Bob gesagte

übersetzte, um diesen drängten, der unwillkommenen Mähr von der Macht

eines Feindes zu lauschen, der ihnen bis jetzt eher als unbedeutend

geschildert war, hatte die ~Reine blanche~ mit dem neu einkommenden

Fahrzeug rasch Signale gewechselt, aber die erwartete und von der

Königin erhoffte Begrüßung ihrer Flagge, der gegenüber jetzt, von dem

Pritchard-Haus, die Englische wehte, blieb aus, und die Kriegsschiffe

lagen still und ernst in der Bai -- ob Freund ob Feind -- erst die

Zukunft sollte das entscheiden.

Von der ~Reine blanche~ kam jetzt ein Boot ab, mit der wehenden

Tricolore am Heck, und hielt, von sechzehn Riemen pfeilschnell über die

spiegelglatte Fluth dahergetrieben, gerade dem Hause Pomarens zu, vor

dem sich eine Masse Volk jedes Geschlechts, wie jeder Farbe fast,

versammelt hatte.

Der im Stern des Bootes sitzende Officier war aber ~Du Petit Thouars~

selber und ehe nur Einzelne der Umstehenden ihn, von seinem früheren

Besuch noch in der Erinnerung, erkannt hatten, sprang er an Land, rief

dem ihn begleitenden Officier einige Worte zu und schritt dann, allein

und unangemeldet, rasch dem Hause zu, vor dessen Schwelle die mit der

Krone gezierte Flagge der Pomaren stolz ausflatterte.

Einen Augenblick blieb er daneben stehn, und es war fast, als ob ein

spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel zuckte, als er zu dem

flatternden Banner hinaufschaute, und den Blick von da zu den Englischen

Farben schweifen ließ -- wenn so, ging das aber eben so rasch vorüber

als es gekommen, und mit flüchtigen Schritten sprang er die wenigen

Stufen zu der Verandah der Königin empor.

Die Einanas, im Vorzimmer, wollten ihm freilich den Eintritt weigern,

eine aber erkannte ihn wieder und eilte mit dem Schreckensruf zu ihrer

Herrin, denn ~Du Petit Thouars~ war, ob verdient oder unverdient, der

Popanz der Inseln geworden, mit dem man die Kinder furchtsam machte und

die Mädchen.

Pomare erschrak -- was wollte der Befehlshaber der Kriegsschiffe da

draußen von ihr, daß er, ohne angemeldet, ohne um förmliche Audienz

einzukommen, wie das üblich gewesen war von jeher, das ihr von den

Missionairen und Consuln eingeprägte, und für unumgänglich nöthig

geschilderte Ceremoniell soweit außer Augen setzte, sie allein

aufzusuchen. Einen Augenblick stand sie unschlüssig und zögernd da; aber

sie hörte schon die lachende Stimme des Französischen Befehlshabers

dicht vor ihrer Thür, wie er sich, durch die ihm den Weg versperrenden

Mädchen Bahn zu brechen suchte mit scherzhafter Gewalt, vielleicht

nicht einmal böse über den Widerstand.

»Ruf mir den ehrwürdigen Bruder Pi-ri-ta-ti«[C] sagte sie da schnell,

und das Mädchen öffnete kaum die Thür, dem Befehl Folge zu leisten, als

der Admiral auch, ängstlich von den Frauen Pomares umstanden,

auf der Schwelle erschien, und den Hut abziehend mit, Pomaren

entgegengestreckter Hand ihr sein freundliches Joranna entgegenrief.

[C] Pritchard.

»Joranna Peti-Tua« sagte die Königin ernst, ihm die Hand nicht

versagend, aber immer noch in einer eigenen Mischung von beleidigter

Eitelkeit und Verlegenheit zu ihm aufschauend -- »bringst Du mir Frieden

oder Krieg jetzt, in Deinen großen Schiffen mit denen Du die Bai füllst,

und bist Du den weiten Weg noch einmal hergekommen, eine arme schwache

Frau zu kränken, oder hat Dich Dein König geschickt mit freundlichem

Wort, und ist das Joranna treu gemeint und nicht blos wie ein Hauch von

den Lippen?«

»Ich bringe Dir Frieden, Pomare,« sagte ~Du Petit Thouars~ freundlich,

und hielt die Hand die sie ihm gereicht, immer noch in der seinen --

»Frieden und Freundschaft, wenn Du eben nicht selber trotzig das Alles

von Dir weist und mich förmlich dazu zwingst Dir weh zu thun -- und das

wirst Du hoffentlich nicht.«

»Du willst wieder Geld von mir haben auf Deine Schiffe zu nehmen?« sagte

Pomare rasch und mißtrauisch -- »aber ich habe Nichts mehr -- das letzte

was ich hatte haben die Missionaire von mir bekommen, unglückliche

Heiden in Australien und Afrika zu bekehren.«

Der Admiral biß sich die Unterlippe und ein leichtes, halb verlegenes

Lächeln zuckte über seine Züge.

»Nein« sagte er endlich nach kleiner Pause, »Du irrst, Pomare, und ich

verzeihe Dir gern Deine Unerfahrenheit in solchen Dingen; ich will auch

Nichts von Dir haben, als was Du uns freiwillig schon gegeben hast --

nur nichts _nehmen_ möcht' ich mir lassen, und deshalb komme ich her.

Noch aber liegt das Alles zwischen uns Beiden, und ich hoffe wir werden

es mit wenigen Worten auch leicht und freundlich lösen. Ich meine es gut

mit Dir Pomare, und möchte Dich nicht kränken noch betrüben.«

»Das ist eine lange Vorrede zu einem freundlichen Wort« sagte Pomare,

den herzlichen Worten des Feranis immer noch mißtrauend.

»So will ich denn kurz zur Sache kommen« sagte der Admiral und seinen

Hut auf den Tisch, zwischen den Wirrwarr von wunderlichen staubbedeckten

Sachen, Globen und Servicen, Zeugen und Spielereien legend, warf er sich

selber in den nächsten Stuhl und fuhr, das rechte Bein über das linke

legend, und die Hände darüber faltend ernster fort: »Ich brauche Dir

nicht erst die während meiner Abwesenheit passirten Vorgänge ins

Gedächtniß zurückzurufen -- eine Rotte unnützes Volk, wie ich gern

glauben will, mit Priestern und weggelaufenen Matrosen an der Spitze,

denen der Henker daran liegt ob Krieg ob Frieden hier auf den Inseln

ist, und welche Folgen ein so unüberlegter thörichter Schritt für Dich

und das Land mit sich führen könnte, haben die Französische Flagge

beleidigt und die Verträge gebrochen, die Du selber mit uns eingegangen

bist. Die Römisch-katholischen Priester sind wieder klagbar geworden --

bitte laß mich erst ausreden und höre Alles was ich Dir zu sagen habe --

sie behaupten wieder in ihren Rechten gekränkt zu sein und viel Schaden

durch das willkürliche und widerrechtliche Benehmen der Protestantischen

Geistlichen erlitten zu haben; aber ich will annehmen, Pomare, daß Dir

jene Vorgänge selber leid thun, und Du sie nur nicht hindern konntest.

Ich will Alles vergessen und vergeben, und ich verlange nicht einmal

eine Entschuldigung von Dir für das Vorgefallene, aber Du mußt mir

dann auch beweisen daß es Dir _jetzt_ wenigstens Ernst ist Se. Majestät,

den König von Frankreich zum Freund zu behalten und nicht in starrem

Trotz die Hand von Dir zu schleudern, die Dir den Frieden bringt.«

»Und _was_ verlangst Du?« frug Pomare ungeduldig, »denn etwas _willst_

Du doch von mir, das fühl' ich klar.«

»Du sollst nur den Vertrag halten den Du eingegangen« sagte der Admiral

ernst, »Du sollst, mit einem Wort, das Französische Protektorat

anerkennen, dessen Annahme Du selber, wie Deine ersten Häuptlinge,

unterschrieben, und dem zu Folge Du den bunten Schmuck auch in der vor

Deinem Hause wehenden Flagge, die selbstständige Krone, wegnehmen mußt,

die Dir nicht gebührt.«

»Wem anders, wenn nicht mir?« rief Pomare aber jetzt gereizt, und das

Blut schoß ihr in vollem Strom in Stirn und Schläfe -- »wem anders,

stolzer Ferani, als der eingeborenen Königin dieses Landes?«

»Bah, bah« sagte der Officier kopfschüttelnd und mit zusammengezogenen

Brauen, »das sind Redensarten, die Dich Deine frommen Missionaire

gelehrt haben, und sie hätten, beiläufig gesagt, etwas gescheuteres

thun können. Du verkennst Deinen Rang, Pomare, denn es ist bei Gott ein

Unterschied zwischen der ~Pomare wahine~ einer kleinen Insel, und der

Fürstin eines mächtigen Reiches, im alten Vaterland; wenn man Dir also

das nicht früher klar gemacht hat, geschah es nur Deine Eitelkeit nicht

in einer Sache zu kränken, auf die eigentlich damals nicht viel ankam.

Anders wird das jedoch, wenn Du _unter_ dem Schutz eines anderen Staates

stehst, dessen Oberherrschaft Du selber anerkannt; dann gebührt Dir die

Krone nicht mehr, noch dazu wenn Du Dich in solchen falschen Ansprüchen

von einer uns feindlichen Macht unterstützen läßt, wie das Wehen der

Englischen Flagge da drüben beweist, und ich muß Dich bitten,

Deinetwegen bitten, sie selber und in aller Stille wieder nieder und

nicht wieder aufzuziehn -- es soll mir das ein Zeichen sein, daß Du

meinen vernünftigen und ruhigen Vorstellungen Gehör gegeben, und nicht

wie früher mit dem starren Weibestrotz einer Unmöglichkeit die Stirne

bieten willst.«

»Die Königin Viktoria hat ebenfalls ihre Fahne mit der Krone wehn und

Niemand darf es ihr verwehren,« rief Pomare, der Argumente ihres

Geistlichen gedenkend.

»Ach, Kinderspiel,« sagte ~Du Petit Thouars~, ärgerlich den Kopf

herüber und hinüber werfend -- »was haben wir hier mit der Königin

Viktoria zu thun -- sie ist mächtig genug sich selbst zu schützen, und

hat das Recht eine Krone zu führen! -- Wer überhaupt hat Dich auf den

tollen Einfall gebracht, der Dir nichts nützt und Dich nur wieder in

Fatalitäten bringen kann, Dich mit der Königin Viktoria zu vergleichen?«

»Peti Tua« erwiederte Pomare gereizt -- »es sind auch noch andere

Europäer auf der Insel, die wissen was sich für eine Königin schickt --

wärest Du allein da, müßte ich Dir glauben.«

Wieder preßte der Admiral seine Unterlippe zwischen die Zähne und mit

einem leise gemurmelten Fluch zischte er:

»Dacht' ich's mir doch, daß die Schwarzröcke in ihrem Uebermuth wieder

die Hand dabei im Spiel gehabt« und er sprang auf und ging ein paar Mal,

mit auf den Rücken gelegten Händen rasch im Zimmer auf und nieder; dann

aber, wie sich besinnend, strich er sich über die Stirn, blieb einen

Augenblick, still vor sich niedersehend stehn, und ging dann plötzlich,

mit freundlicherem Ausdruck in den Zügen auf Pomare zu, ergriff mit der

Linken ihre Rechte und mit dem Zeigefinger der Rechten ihr Kinn in die

Höhe hebend sagte er lächelnd, ja fast herzlich:

»Sei vernünftig, Pomare, und horche dies eine Mal nur auf den Rath eines

Mannes der, trotz allem was sie Dir mögen dagegen gesagt haben, es

wirklich gut mit Dir meint. Sieh die Depeschen sind schon in Frankreich

angekommen, nach denen Dein Reich unter dem Protektorate meines Königs

steht, und ich _dürfte_ dem nicht mehr zuwider handeln, wenn ich

wirklich wollte. Traue auch nicht alle dem, was Dir die Englischen

Priester sagen; Du hast schon oft gefunden, daß sie sich irrten. Sie

wollen nur Macht hier im Land gewinnen und die Alleinherrschaft haben,

und wir Franzosen passen ja doch wahrhaftig besser zu Euch wie die

Kopfhänger.«

In diesem Augenblick öffnete sich leise die Thür, Pomare entzog dem

Admiral rasch ihre Hand und trat einen Schritt von ihm zurück, und eine

der Einanas meldete, den Kopf zur Thür hereinsteckend, den »boda

Piritati« der draußen stände und die Königin zu sprechen wünsche.

»Schick ihn fort, ~wahine~« rief aber ~Du Petit Thouars~ ärgerlich --

»wir haben hier wichtige, _weltliche_ Dinge zu reden und brauchen den

Pfaffen nicht -- schick ihn fort« --

»Ich habe ihn rufen lassen« entgegnete Pomare, während das Mädchen

unschlüssig erst auf den direkten Befehl ihrer Herrin wartete, »auch ist

er nicht allein ein Mitonare, sondern ebenfalls der Consul der

Beretanis.«

»Ein Zwitterding« erwiederte der Franzose, »ich habe mit ihm weder als

das eine noch andere etwas zu schaffen; schick ihn fort, oder _ich_

gehe, und Du hast Dir die Folgen dann selber zuzuschreiben.«

»Er wird warten, denn ich muß mit ihm sprechen« sagte Pomare, »und

weiter hast Du mir ja doch nichts mehr zu sagen.«

»Nichts mehr zu sagen?« rief der Admiral erstaunt -- »Frau das ist

gerade genug, denn es betrifft Dein ganzes Reich --«

»Du darfst es mir nicht nehmen,« rief die Königin und ihre Augen

blitzten -- »Piritati hat mir selber gesagt, daß mich England beschützen

wird gegen meine Feinde.«

»Gebe Gott daß Du nur Deine Feinde erkennen lerntest« warnte sie, mit

gehobenem Finger, der Franzose, »aber meine Zeit ist gemessen, so

antworte mir denn, wenn Du dem Freundesrath nicht folgen _willst_,

einfach auf meine Frage, und sage mir ob Du Dich dem, was ich jetzt von

Dir noch Auge in Auge verlange, fügen willst oder nicht.«

»Und was ist das, in klaren einfachen Worten?« frug Pomare.

»Einfach die Anerkennung unseres Vertrags,« entgegnete ~Du Petit

Thouars~, »und zum Zeichen ziehst Du die Flagge mit der Krone nieder,

und hissest die Tricolore, die ich im Boot für Dich mitgebracht.«

»Nie im Leben!« rief Pomare, und stampfte mit dem Fuß den Boden.

»Du zwingst mich denn Deine Flagge mit Gewalt zu streichen und

Frankreichs Banner dafür aufzupflanzen -- bedenke Pomare daß von dem

Augenblick, wo das durch _meine_ Hand geschieht, Du aufgehört hast zu

regieren, denn das Land steht dann nicht mehr nur unter Frankreichs

Schutz, nein es ist _erobert_, und der Sieger verfügt darüber wie es ihm

gut dünkt.«

»Ich verstehe nicht, was Du mit den fremden Worten willst,« entgegnete

finster Pomare, »aber Du darfst mir mein Land nicht nehmen; die

Englischen Schiffe leiden es nicht.«

»Wer Dir _das_ sagt ist Dein Feind« entgegnete rasch der Admiral --

»denke an mich, Pomare, und was ich Dir gerathen; aber meine Zeit ist

auch verflossen und ich fürchte fast nutzlos, denn der Missionair wird

Dir das Kreuz wieder vorhalten und mit der Bibel drohen.«

»Ich lasse mir nicht drohen« rief die Königin.

»Ich habe Dich darum _gebeten_, Pomare« sagte, noch einmal zu ihr

tretend, mit leiser gedämpfter Stimme der Admiral, »Deinethalben

gebeten, weil ich Dich achte und liebe und Dir Dein kleines schönes

Reich nicht rauben, Deine Macht hier nicht mit einem Schlage vernichten

möchte; _zwinge_ mich nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unnützen

Schmuck, der Dir nur Verderben bringt, nieder und ziehe meines Landes

Farben auf, und Du bleibst was Du bist, wenn nicht unbeschränkt, doch

Königin dieses Landes.«

»Und wenn nicht?«

»Trotzkopf« murmelte der Franzose ärgerlich sich auf dem Absatz

herumdrehend -- »so nimm denn die Folgen. Und doch geb' ich Dir noch

Zeit zum Nachdenken bis morgen früh,« setzte er nach kurzem Sinnen hinzu

-- »überleg' es Dir wohl und handle danach, und Gott leite Dich, daß Du

den rechten Weg gehst; wenn aber nach dem Morgenschuß nicht die

Tricolore von Deinem Hause weht, dann komm' ich nicht mehr zu Dir

hinüber, sondern schicke Dir rauheren Besuch, und Du hast die Folgen Dir

selber zuzuschreiben.«

Und damit rasch das Zimmer verlassend, rannte er fast gegen den

Missionair, der gerade im Begriff schien es zu betreten. Mr. Pritchard

grüßte ihn, und machte eine Bewegung, als ob er ihn anreden wolle, der

Französische Admiral war aber keineswegs in einer Stimmung sich mit ihm

einzulassen, berührte einfach seinen Hut, und ging mit raschen Schritten

wieder der Landung zu, wo indessen seine Leute, von den Indianern

umlagert, doch dem gemessenen Befehl nach nicht den mindesten Verkehr

mit diesen haltend, das Boot weit genug vom Strand abgestoßen hatten

flott, und außer Verbindung mit dem Ufer zu bleiben. Rasch griffen aber

die Riemen wieder ins Wasser, als sie ihren Vorgesetzten zurückkehren

sahen -- ein kurzer Befehl und einer der Leute sprang mit einem vorn im

Boote liegenden Pakete -- der zusammengerollten Französischen Flagge --

die Uferbank hinauf, dem Hause Pomares zu, sie dort für die Königin dem

ersten Mädchen gebend das er traf; wenige Minuten später kam er in

raschem Lauf zurück, das Boot flog herum und schnitt wieder, zischend

und schäumend, wie ein verfolgter Fisch die Oberfläche theilend, der

~Reine blanche~ entgegen, die in all ihrer dunklen furchtbaren Majestät

vielleicht eine Kabelslänge davon vor Anker lag.

Capitel 3.

Die Tahitische Flagge.

Sadie hatte indessen gar trübe, angsterfüllte Tage verlebt; Renés Wunde

war allerdings nicht gefährlich, ja sogar viel leichter als sie im

Anfang gefürchtet, gewesen und heilte so rasch, daß er schon am nächsten

Tage wieder sein Lager verlassen und mit dem Arm in der Binde sich

ziemlich frei umherbewegen konnte, aber Renés Gegner war an seiner Wunde

gestorben, und so sehr sich auch Bertrand jetzt Mühe gab, die Kunde dem

Ohr der armen jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch

schwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in ihre Hütte und füllte ihr

Herz mit unermeßlichem Weh. --

René ein Mörder -- ihrethalben, und Alles was ihr der Geistliche erst

vor wenigen Tagen von Schmach und Sünde und Gottes Zorn gesagt, traf ihr

die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und schrieb ihr den bitteren

furchtbaren Vorwurf mit blutigen Zügen tief in das angstgequälte Herz.

-- René ein Mörder -- Blut an der Hand, die sie in Glück und Liebe

tausendmal geküßt -- Blut an der Hand, in die sie die ihrige vor Gottes

Altar einst gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das Nerv und Leben

traf, und ihr das Blut fast starren machte in den Adern -- und René? Als

sie zu ihm stürzte, sich an seinen Hals warf und ihn trösten wollte mit

einem Herzen, dem jeder Trost gebrach, als sie da vor ihm auf die Knie

fiel, und ihn nieder ziehn wollte zu sich, in brünstigem Gebet Linderung

zu finden für das Entsetzliche, und nur Thränen hatte in ihrem ersten

furchtbaren Schmerz, nur Thränen die ihr Blut schienen wie sie ihr von

den Wimpern niederbrannten -- da blieb er kalt. Das Blut hatte wohl

seine Wangen verlassen bei der Nachricht, aber kein weiteres Zeichen,

kein Muskel seines Angesichts verrieth daß er _fühle_ was er gethan, und

Sadie blickte in Schreck und Staunen zu ihm auf und suchte umsonst sein

Herz zu seinem Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu erflehn

vor dem Thron des Allliebenden den er schwer beleidigt ja mit

Brudermord.

»Laß das, laß das Kind,« sagte er finster, sich ihrem Griff entziehend

-- »das sind Sachen die Du nicht verstehst und deshalb nicht begreifen,

nicht beurtheilen kannst.«

»Du hast einen Menschen mit kaltem Blut getödtet« weinte Sadie, ohne

sich zu erheben -- »hast Abschied an dem Morgen von mir genommen und

Deinem Kind -- hast uns geküßt und geliebkost, und bist mit ruhiger

heiterer Stirn hinausgegangen einen Bruder zu ermorden.«

»Sadie« bat René sie jetzt leise und weicher als vorher, als er sah,

welchen furchtbaren Eindruck die That auf sie machte, die nur in ihrem

nackten Erfolg starr und gräßlich vor ihr stand, während sie die

Triebfedern solcher Handlung in Europäischen Begriffen wurzelnd, in

ihrem einfach reinen Sinn ja nicht verstehen _konnte_ -- »thörichtes

Kind, hab' ich Dir denn nicht oft und oft von solchen Sitten aus meinem

Vaterland erzählt, wie Mann gegen Mann empfangene Beleidigung nicht

anders rächen kann, als mit Pistole oder Degen? und zwang uns nicht

Beide das Gesetz der Ehre zu solchem Kampf, selbst wenn wir Beide das

Geschehene schon von ganzem Herzen bereut und gern vergessen hätten?«

»Ein Gesetz der Ehre erkanntest Du an,« klagte Sadie, »und vergaßest das

Gesetz Gottes -- nein, vergaßest es nicht, sondern stießest es mit Füßen

von Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn -- oh René, René, Du

hast meinen Frieden zerstört auf ewige Zeiten.«

»Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit solchen Reden« bat sie da, kurz

abbrechend, René -- »die Priester haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn

gesetzt, und Du weißt recht gut, ich kann's nicht leiden, nicht

ertragen.«

»Oh daß Du die Stimme der Priester, die Stimme Gottes hören wolltest«

klagte das arme Weib, die Hände ringend und das Haupt gesenkt, starr und

trostlos vor sich niedersehend -- »daß Dir Gottes Wort zum Herzen

spräche mit allgewaltigem Klang und Donnerton, Dich aufzuscheuchen vor

Dir selber und Dir den Pfad zu zeigen, in all seinen Schrecken und

seiner Finsterniß, dem Du mit starrem trotzigem Sinn entgegeneilen

willst. Oh der ehrwürdige Vater Rowe hatte ja recht als er mich mahnte,

mit heißen brünstigen Worten mahnte, Dich zurückzuhalten von dem was Dir

Verderben droht -- aber konnte ich es denn? -- ward mir armen schwachen

Weibe denn die Kraft gegeben? ich kann nur beten für Dich, René, und den

Heiland bitten, Dich vor Dir selber zu schützen und Geduld mit Dir zu

haben in seiner Allbarmherzigkeit.«

»Rowe?« sagte René aufmerksam werdend und sah Sadie rasch und scharf an

-- »was weißt Du von dem Schleicher? -- ich will doch nicht hoffen, daß

er meine Schwelle betreten?«

»Er war hier« hauchte Sadie, unfähig eine Lüge zu sagen, aber das Blut

schoß ihr in Strömen in Stirn und Schläfe.

»Hier? -- und Du hast mir das bis jetzt verschwiegen?« -- rief René,

seinen erwachenden Aerger, überdies schon gereizt, nur mit Mühe

bändigend -- »zum Teufel mit dem Burschen! was wollte er, was trieb ihn

her?«

»Die Sorge um mich« sagte leise Sadie -- »er war mein Lehrer in der

Kindheit, und nimmt auch jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein

Recht dazu, seit Vater Osborne gestorben und dessen Sorge um meiner

Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich doch überging?«

René biß sich auf die Lippen -- es drängte ihn, seinem Zorn über den

Mann den er alle Ursache hatte zu hassen, und dessen Charakter er nicht

ganz ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu lassen, aber er fühlte auch

wie weh er der armen Frau dadurch thun würde, und nur die Stirn heftig

mit der rechten Hand reibend, ging er einige Mal rasch im Zimmer auf

und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die noch immer in ihrer

knieenden Stellung verharrte und das sorgenschwere Haupt an der

Stuhllehne in den vorgehaltenen Arm stützte, stehn, und seine Hand auf

ihre Stirn legend flüsterte er mit freundlicher liebender Stimme:

»Beruhige Dich, mein Herz; nicht so schwer lastet das Blut auf meiner

Seele, daß ich Deinem Gott nicht noch frei und offen in's Auge schauen

könnte. Ich bin mir nichts Böses bewußt, denn diese That fällt nicht

mir, sie fällt der Gesellschaft zur Last die sie billigt, ja fordert --

Nichts hilft es dabei dem Einzelnen sich dagegen zu sträuben. Komm,

schau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb und laß die Grillen --

geschehene Dinge sind nicht mehr zu ändern, und Du brauchst die Hand

nicht zu fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner schützte.«

Sadie schauderte und ihr Antlitz in den Händen bergend flüsterte sie:

»Bete -- René -- bete zu Gott daß er Dir die That vergeben möge und ich

will mit Dir meine Stimme erheben zu dem Höchsten --«

»Sadie«

»Neige Dein Ohr Allmächtiger« flehte die Frau, inbrünstig seine Hand

fassend und die Augen zur Decke erhebend, »verwirf mich nicht von Deinem

Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. -- Tröste mich

wieder mit Deiner Hülfe und der freudige Geist enthalte mich -- denn ich

will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu Dir

bekehren. Errette mich von den Blutschulden Gott, der Du mein Gott und

Heiland bist, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.«

»Komm, komm Sadie« sagte aber René ihr leise doch entschlossen seine

Hand entziehend, »das ist genug und ich bin des Lamentirens überdrüssig.

Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort mit Dir reden kann, ich

will dann suchen Dich zu überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich

die frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir ist

schwül und heiß geworden bei Deinen Reden.«

Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne selbst weitern Abschied von ihr

oder dem Kinde zu nehmen, rasch das Haus und schritt die Straße nach

Papetee hinunter.

Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß

und brünstig für den geliebten Mann; immer noch hoffte sie dabei daß

René zurück -- reuig zurückkehren würde, sich mit ihr am Thron des

Höchsten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn für das _Verbrechen_;

aber er kam nicht, und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und ließ

ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von Mataoti erfuhr daß er den

Weg nach Papetee eingeschlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn

beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der Gerechtigkeit gerade

entgegen eile. Der Leichtsinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber

er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, über ihn zu

wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lächelnd und den Schmerz nicht

ahnend der ihre Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte

sie, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend, zum Strand

hinunter, machte mit Hülfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald

darauf, ihr Kind zu ihren Füßen, den schlanken Kahn mit kräftigen

Ruderschlägen über die spiegelglatte Fluth treibend, dem nicht so fernen

Hafen zu.

Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang der Residenz ihrer

Königin zudrängten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen

fremden eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde sie doch

größtentheils auf die Beine gebracht, nein sie wußten auch, daß sich in

Papetee irgend eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten

dessen Zeuge -- ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer

und Mitwirkende sein.

Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare selber, vielleicht auch durch

die Einanas die wohl draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der

zwischen Pomare und ~Du Petit Thouars~ stattgehabten Unterredung bald,

wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen, in Papetee und der Umgegend

bekannt geworden; man wußte daß der Ferani verlangt hatte, die Königin

solle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafür

hissen, ja man behauptete jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle

gedroht die Stadt zu beschießen, was Einzelne der Furchtsamsten sogar

bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die

Berge zu schaffen, den französischen Kugeln außer Bereich zu kommen.

Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur Entscheidung bestimmten

Morgen, schon mit Tagesanbruch eine Unmasse Volk gerade am Strand

versammelt, während Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der

Insel herzuströmten, und mit einer Art von scheuer Freude sahen die

Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle

wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Resultats. Auch die Decks der

fremden Kriegsschiffe, der Französischen wie der Englischen Catch

~Basilisk~ die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung

einnehmen konnte, waren von den Officieren wie der Mannschaft besetzt,

die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und

Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes Zeichen

bekannte Tahitische Flagge gerichtet hielten. Aber der Morgenschuß war

vom Bord des Französischen Admiralschiffs gefeuert worden, ohne daß

irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autorität des Landes, oder die

Flagge geschehen wäre, denn der Admiral ~Du Petit Thouars~ hatte während

der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Frist für Pomare bis zum

Nachmittag verlängert. Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin jede nur

mögliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen, den er außerdem nach

allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er

sich aber auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fühlen mochte;

wußte er doch nicht einmal, wie er in Frankreich selber aufgenommen

werden würde.

Die Königin hatte den Tag über mehre Berathungen mit dem Englischen

Consul sowohl, wie den anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr

ebenfalls an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes, sehr

wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer Erklärung für ihre

Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitische sowohl

wie die Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und ~Du Petit

Thouars~ durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es Pomare zum

Aeußersten treiben wolle der Französischen Macht zu trotzen, und den

früheren Vertrag, als ihr in unwürdiger Weise abgezwungen, zu

verleugnen.

Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte Termin ausgedehnt worden,

und ein Theil des Volks hatte sich sogar schon wieder in der

Zwischenzeit zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine Siesta zu

halten, bis die entscheidende Stunde schlage. Kein Boot landete indessen

von den Schiffen, kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit Früchten

oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren, wie das die Eingeborenen

bis jetzt immer sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher und

beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fühlten daß jetzt keine

Zeit zum Feilschen sei, wo die Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten

bei ihren Geschützen ständen.

Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei Stunden überschritten haben,

als René die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erstaunt über die

Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so leicht veranlaßt

werden konnten, sich in der Hitze des Tages am offenen Strand

herumzutreiben, wo die Palmen- und Guiavenhaine rings umher so

trefflichen Schatten boten; er hatte ~Du Petit Thouars~ sowohl wie

Pomare schon fast vergessen. Die wehende Flagge der letzteren mahnte ihn

aber wieder an das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die

geschäftig hin und hergehenden Missionaire, die theils mit den

verschiedenen Gruppen verkehrten, theils zwischen den Häusern Pomares

wie einzelner Häuptlinge, oder auch den eigenen Wohnungen herüber und

hinüberwechselten, charakterisirten das Ganze deutlich genug.

Die schwarzgekleideten bleichen Männer, mit den gezwungen milden und

doch heute so eilfertigen Zügen konnten nicht dazu dienen Renés überdies

gereizte Stimmung zu bessern, oder freundlicher zu gestalten, und

finster und schweigend erwiederte er ihren Gruß, wenn sie an ihm

vorüberschritten, oder gar ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollten in

ihrer Art.

Gedanken- und ziellos schlenderte er so am Strande hin, die Arme auf der

Brust ineinandergeschlagen, und den Hut fest und verdrossen in die Stirn

gezogen, als er plötzlich von klarer wohlbekannter Stimme seinen Namen

rufen hörte, und aufschauend sich gerade vor Mr. Belards Hause fand,

dessen Fenster eines breiten Hintergebäudes diesen ganzen Theil des

Strandes überschauten, und von der Familie eingenommen waren, Zeugen der

erwarteten Vorfälle zu sein.

Madame Belard selber hatte ihn gerufen aber er schrak förmlich zusammen,

und fühlte wie ihm das aufschießende Blut die Stirnadern zu sprengen

drohte, als er dicht neben dem freundlichen Gesicht der jungen hübschen

Frau, die engelschönen lächelnden Züge Susannens erkannte, die ebenfalls

zu ihm niedergrüßte.

»Es freut uns herzlich, Monsieur Delavigne wieder so frisch und wohl zu

sehen,« rief Madame Belard jetzt, als er in aller Ueberraschung und

Verlegenheit nur eben flüchtig grüßte und vorüberstürzen wollte -- »aber

hat er nicht einmal so viel Zeit einen Augenblick herauf zu kommen, und

zu sehn wie es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere Geschäfte

fortrufen, haben wir hier ein prächtiges Plätzchen für Sie das

Schauspiel, einer friedlichen Insel Eroberung, mit anzusehn und Sie

mögen unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in Französischen

Grund und Boden verwandelt.«

»Und darf ich?« frug René, und die Frage galt diesmal dem jungen

Mädchen, das bis dahin nur lächelnd zu ihm niedergeschaut und jetzt

fröhlich ausrief:

»Wenn Sie sich nicht vor der Tochter Ihres früheren Capitains fürchten

-- ich wüßte keinen anderen Grund weshalb nicht« -- und wenige Minuten

später stand René in dem kleinen Gemach an Susannens Seite, die Frauen

zu begrüßen.

»Großer Gott, wie bleich sehn Sie aus« rief aber hier das junge Mädchen,

als er ihr die Hand gereicht und das Blut, die erste unnatürliche

Aufregung vorüber, wieder in seinen alten Canal zurückdrängte -- »Ihre

Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie haben sich zu sehr angestrengt --

guter Gott, Ihr Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.«

»Und würden Sie mich betrauern?« frug René, ihr forschend ins Auge

schauend.

Susanne erröthete, aber Madame Belard enthob sie einer Antwort, denn den

jungen Mann dem Lichte zukehrend stimmte sie Susannen bei und erklärte,

Monsieur Delavigne gleiche eher einem herumwandelnden Todten, als einem

Lebenden, und je eher er sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto

besser sei es für ihn -- zu früh könne es aber gar nicht mehr geschehen,

und ihre Schlüssel aufgreifend, von denen sie den Kellerschlüssel ihrer

Indianischen Dienerschaft nicht anvertrauen durfte, verließ sie rasch

das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich selber zu holen und

einzugeben, wie ein guter, sorgsamer Arzt.

Susanne und René waren allein, und der Letztere wollte sich eben mit

seiner Wunde für sein, vielleicht unfreundlich scheinendes Betragen von

vorhin entschuldigen, als diese für ihn selber sprach; die ungewohnte

Anstrengung, da es das erste Mal gewesen war nach seiner Verwundung daß

er einen solchen Marsch unternommen, die Aufregung zu Hause -- jetzt, und

beide ach wie so verschiedener Art, wirkten zu heftig auf ihn -- er

mußte von dem rasch zuspringenden Mädchen unterstützt, zu einem Stuhl

taumeln und mit einer Ohnmacht kämpfend, deren Schleier er aber

glücklich bezwang, stützte er das todtenbleiche Antlitz in die Hand,

sich wieder zu sammeln, zu erholen.

»Sie böser, böser Mann« flüsterte das schöne Mädchen, ihr weiches Tuch

rasch in kalt Wasser tauchend und um seine Stirn legend -- »was laufen

Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn Sie krank und elend sind

-- weshalb hat Sie Ihre Sadie nur hinausgelassen?«

Sadie -- René athmete tief und schwer und seine Stirn fassend traf er

der Jungfrau Hand, die dort das Tuch hielt und sie nicht wegziehn durfte

wenn es nicht fallen sollte. Sie blieben wenige Secunden in dieser

Stellung und Susanne fuhr wie bestürzt zurück, als sich die Thür rasch

öffnete in der Madame Belard mit Flasche und Glas im Arm wieder

erschien, und etwas erstaunt, ja erschreckt, das bleiche Antlitz ihres

Gastes bemerkte.

»Hallo, was ist hier vorgefallen,« rief sie halb lachend halb bestürzt,

»werden die Herren ohnmächtig und müssen ihnen die Damen beistehn? --

schöne verkehrte Welt das, aber meine Medicin ist da um so mehr am

Platz. Hier Monsieur« fuhr sie fort, ihm ein volles Glas einschenkend,

aber zugleich einen flüchtigen Blick nach Susannen hinüberwerfend setzte

sie neckend hinzu: »und die Dame da scheint mir auch ein Glas vertragen

zu können, Ihr habt Euch Beide alterirt -- Wie steht es mit Ihrer Wunde,

Delavigne?«

»Besser -- gut« sagte er rasch.

»Sie haben von Ihrem Gegner gehört?« frug Susanne leise.

»Ja« hauchte René.

»Er hat es nicht anders haben wollen« beruhigte ihn aber die Französin

-- »wäre er mit der ersten Lektion zufrieden gewesen, so war die Sache

abgemacht und Niemandem ein Schade geschehn -- es soll das siebente

Duell gewesen sein, das er gehabt. Aber reden wir von etwas

Angenehmerem« setzte sie rasch hinzu, »wissen Sie daß unsere junge

Freundin Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat Urlaub

bekommen hat, auf Tahiti zu bleiben? -- der alte Seewolf muß doch gar

kein so übler Mann sein.«

»Und ist der Delaware glücklich zu Hause angekommen?« frug René lächelnd

zu Susanne gewandt.

»Oh schon lange« erwiederte Susanne, »und hat eine ausgezeichnete Reise

gemacht« setzte sie dann mit komischem Ernst hinzu -- »Sie haben sich

sehr im Lichte gestanden, Monsieur Delavigne, nicht an Bord geblieben zu

sein. Sie könnten jetzt ihren Thran zu höchst annehmbaren Preisen --

Papa hat mir einen Preis-Courant mitgeschickt, als ob ich für ihn

Geschäfte machen sollte -- an die Firma ~Bornholm Watts & Comp.~

verkaufen und hätten noch immer Zeit genug übrig behalten sich zu einer

neuen so romantischen Fahrt auf den Wallfischfang auszuruhen und zu

rüsten. Sie werden mir zugeben daß Einem auf einer solchen Fahrt höchst

interessante Sachen begegnen können.«

»Sie werden mir zugeben Mademoiselle, daß Sie grausam sind« sagte René

-- »Sie wissen nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit solchen Worten

thun.«

»Gerade _jetzt_?« frug Susanne erstaunt, aber sie wurden hier durch

einen Lärm von der Straße unterbrochen, der sie alle drei rasch an das

Fenster rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht fernen Kirche

her, wohin Bruder Dennis einen Theil seiner Gemeinde gezogen und in

stürmischer Predigt ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus

für die heilige Sache der Religion und des Vaterlands erregt haben

mochte.

»Gott wie die Menschen schreien« sagte Madame Belard ängstlich -- »wenn

sie nur Vernunft annehmen und nicht gegen eine Macht gerade zu einer

Zeit antrotzen wollten, wo diese den Zügel und die Wehr fest in Händen

hält; sie werden noch das größte Unglück über sich hereinrufen.«

»Und von der Fahne da drüben soll es abhängen, ob Krieg ob Frieden«

sagte Susanne, nur das Interessante des Augenblicks in dem Bewußtsein

fühlend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden -- »was für eine

wunderhübsche Flagge das ist, und wie Jammerschade, daß sie soll

niedergeholt werden. Seit wann führt denn Pomare die goldene Krone im

Wappen, mit dem Cocoszweig?«

»Seit thörichte Priester ihre Eitelkeit anstachelten und ihrem Stolz

schmeicheln wollten« sagte René finster.

»Denen stecken die Ehrenstellen und einträglichen Aemter im Kopf« rief

Madame Belard, »die auf den Sandwichsinseln in dem jetzt ganz nach

Europäischem Maßstab eingerichteten Hof Einzelne der Missionaire für

sich gewonnen haben; große Titel und Gehalte mit allen möglichen

Auszeichnungen. Wenn Pomare eine bloße Insulanerin blieb, eine Pomare

~wahine~, konnte keiner von ihnen Minister werden und das Consulamt

bringt neben dem Bischen Ehre, nur Aerger und Verdruß; Minister des

Auswärtigen oder der inneren Angelegenheiten klingt besser.«

»Ach Unsinn« lachte Susanne -- »es sind zu vernünftige Männer etwas

derartig Närrisches zu erstreben. Minister Ihrer Tahitischen Majestät

-- hahahaha --«

»Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiischen«[D] sagte René ernst, »und

dort ist es geschehen. Leider Gottes haben Titel und Orden schon manchen

ehrlichen Mann -- zu Fall gebracht -- nicht einen schlimmeren Ausdruck

dafür zu gebrauchen, und der Klang irgend eines langen unbehülflichen

Worts, das Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallstücks im

Knopfloch hat Grundsätze umgeworfen, die dem Schicksal bis dahin fest

und gewaltig Trotz geboten. Schade daß sie dies schöne Land jetzt zum

Schauplatz ihres unsinnigen Treibens gemacht -- es können schwere Zeiten

kommen für dies Volk.«

[D] Seit einigen Jahren ist z. B. am Hawaiischen Hof zu Honolulu auf

Oahu »nach reiflicher Ueberlegung beschlossen worden, das beim

Wiener Congreß befolgte Ceremoniell behufs des gegenseitigen Ranges

fremder Consuln zum Grund zu legen.«

»Glauben Sie das nicht Delavigne« sagte Madame Belard kopfschüttelnd,

»der Tahitier, so weit ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und

selbst gleichgültig gegen das Höchste was wir im Leben anerkennen -- er

hätte seine Religion nicht sonst so leicht, und auf manchen Inseln

wirklich aus reiner Gefälligkeit verändert. Der Französische leichte

Sinn sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische Ernst.

-- Nur diesen einen Tag, den ersten Umsturz überstanden, und der

Eingeborene wird sich leicht in das _Geschehene_ fügen, ja vielleicht es

sogar liebgewinnen, wenn er findet daß es ihm manche Erleichterungen

manche Freiheiten bietet, die ihm der starre Methodismus nicht

zugestehen wollte.«

René schüttelte den Kopf.

»Wenn sich selber überlassen, ja« sagte er ernst, »aber der Fanatismus

wird seine Brandfackel in ihre Herzen schleudern; der heilige Geist wird

wieder die Trommel rühren, und die »Lämmer Gottes« zum Kampfe treiben

und der Name Gottes wird auf's Neue zum Schlachtschrei gebraucht werden,

Ehrgeiz und Habsucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu rächen.

Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.«

»Sie werden sich natürlich zu den Eingebornen schlagen?« sagte halb

neckend halb lauernd Susanne, und ließ ihren Blick fest und forschend

auf dem jungen Franzosen ruhn.

»Wir würden dann unter _einer_ Fahne kämpfen« lachte René der Frage

ausweichend.

»Wer ich?« rief Susanne schnell -- »da haben Sie weit am Ziel

vorbeigeschossen, Monsieur; wenn auch in Nordamerika und von einem

Protestantischen Vater geboren, bin ich doch in Louisiana im rechten

Glauben erzogen, und meine Sympathie ist ganz auf Seiten des

Gekreuzigten -- ich hasse die Methodisten.«

»Gott weiß es, ich auch« sagte René und der tiefe Seufzer mit dem er es

sprach bürgte für die Aufrichtigkeit. »Der beste von ihnen ist

gestorben« fuhr er dann, wie mit sich selber redend fort, seine Worte

wenigstens an keine der Frauen richtend -- »der alte Osborne war ein

braver wackerer Mann, und sie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren

Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Einzelne zwischen ihnen sein

mögen, die wirklich in wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn

folgen -- die meisten sind Heuchler, hängen den Namen Gottes vor ihr

eigenes Bild, und streuen nur Haß und Unfrieden in Familienkreise, wo

sie Liebe und Eintracht säen und die Herzen aneinander festigen sollten

statt sie auseinander zu reißen. Gift über sie, mir thäte es in der

Seele wohl ihre Macht hier gebrochen, ihr Reich zertrümmert zu sehn --

und doch fürchte ich, kann es nicht ohne Blutvergießen geschehn, denn

gutwillig geben diese Leute die Waffen nicht aus ihren Händen.«

»Ha der Schuß!« rief Susanna die den Blick gerade auf das Französische

Admiralschiff geheftet hielt, und den blendenden Strahl bemerkte, der

plötzlich daraus hervorschoß, und mit dem Worte fast schlug der Donner

des Geschützes an ihr Ohr und machte das Blut von Tausenden rascher

durch die Adern jagen.

»Da kommen auch die Boote!« rief René, »nun wird sich das Schicksal des

Tages bald entscheiden.«

»Und glauben Sie daß die Eingebornen jetzt einen Kampf mit uns wagen

werden?« frug Madame Belard rasch und ängstlich.

»Fürchten Sie Nichts« lachte aber René -- »was können die Unbewaffneten

jetzt gegen die Schießgewehre der Soldaten, mit den Kanonen der

Fregatten auf sich gerichtet, beginnen, es wäre Wahnsinn, und ein

solcher Kampf müßte so rasch enden, wie er begonnen hätte.«

Die Boote stießen wirklich von den verschiedenen Kriegsschiffen ab;

Schaluppen vollgedrängt von Bewaffneten, die von den regelmäßigen

Riemenschlägen der Matrosen getrieben, rasch wie der Seefalke auf seine

Beute, dem Lande zuschossen. Das Ufer stand gedrängt voll Menschen, aber

man sah keinen bewaffneten Insulaner; die Lenden und Schultern mit ihren

Tüchern umhüllt, die Brust und das Haupt mit Blumen und gelben

Bananenblättern geschmückt, lachend und schwatzend standen sie da, die

Boote erwartend, als ob deren Kommen eine für sie sehr gleichgültige,

vielleicht sogar erwünschte Handlung wäre, und nicht wirklich den

Umsturz alles Bestehenden, in Politik, Religion, Regierung und Gesetzen

drohte und bedingte.

Kaum Raum gaben sie dabei den landenden Truppen, und wenn diese auch

anfänglich mißtrauisch den zahlreichen Schwarm betrachteten, der schon

in seiner Masse ihnen hätte eine Art Widerstand bieten können, sahen sie

doch bald daß sie hier weder Angriff noch Schwierigkeiten zu erwarten

hätten, und der Menschenknäul, fast aus eben so viel Frauen und Mädchen

als Männern bestehend, drängte sich langsam auseinander, dem landenden

Feinde Raum zu geben, seine Truppen aufzustellen.

Es waren etwa zweihundert Artilleristen und Marinesoldaten und drei bis

vierhundert Matrosen, mit Cutlaß, Pistolen und Musketen bewaffnet; die

Bayonnette aufgesteckt, und ziemlich gut einexercirt formirten sie sich

auf das Commando in einzelne starke Rotten, und zogen mit festem

dröhnendem Schritt, von dem Corvetten-Capitain Mons. ~D'Aubigny~

angeführt, der sogar zum zeitweiligen Regierungsrath der Insel von dem

Admiral ~Du Petit Thouars~ ernannt worden, zum Hause Pomares hinauf, von

dem noch immer, fest und trotzig die Landesfahne mit der stolzen Krone

ihren Feinden furchtlos entgegenwehte.

Im Hause aber lag Alles todtenstill -- die Vorhänge waren niedergezogen,

die Thüren verschlossen, kein Mensch auf der Verandah oder an irgend

einem Fenster zu sehn, denn die Furcht schien doch stärker in den Herzen

der Einanas, als die Neugier, und lautlos rückte die Schaar in

geschlossenen Colonnen bis dicht vor das Haus, schwenkte, machte Front

und die Gewehre rasselten auf das Kommandowort auf den hartgetretenen

Boden nieder.

»Und was werden sie jetzt thun, wo sich Niemand ihnen widersetzt?« frug

Susanna, und fast unwillkürlich wandte sich ihr Herz dem Schwächeren,

Angegriffenen zu, den sie widerstandlos dem mächtigen Feinde übergeben

sah.

»Sie werden die Flagge herunternehmen« sagte René, »die Tricolore dafür

aufpflanzen und das Land in den Besitz des Königs von Frankreich

erklären, so wenigstens lautete die Drohung des Admirals.«

»Und was geschieht mit der Tahitischen Flagge?« frug Susanna rasch und

blickte dem jungen Mann fest in's Auge.

»Ich weiß nicht« lächelte dieser, »irgend einer der Officiere wird sie

wohl mit sich auf's Schiff zurücknehmen.«

»Ob wohl ein specieller Befehl da ist, was mit ihr geschehen soll?«

»Ich glaube kaum« meinte René -- »was liegt an dem Tuch?«

»Ich weiß nicht _was_ ich darum gäbe, _die_ Fahne mein eigen zu nennen«

rief Susanna da plötzlich, und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und

Busen nieder waren wie von Gluth übergossen.

»Die Tahitische Fahne?« frug René erstaunt.

»Sie könnte mich glücklich machen« sagte Susanna, und hielt die

leuchtenden Blicke fest auf das, in der Abendsonne hell blitzende Tuch

geheftet, das jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden

sollte.

René, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut

auf, der neben ihm auf einem Tische lag, und wollte das Zimmer

verlassen.

»Wo wollen Sie hin?« rief Madame Belard bestürzt -- »sind Sie rein vom

Bösen besessen?«

»Ich bin gleich wieder bei Ihnen!« rief René und warf die Thüre hinter

sich ins Schloß.

»Monsieur Delavigne« rief auch Susanna und blickte bestürzt ihm nach,

aber er hörte schon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und

eilte flüchtigen Schrittes, seiner Schwäche förmlich trotzend, die

Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen benachbartes Grundstück

eine offne Thür nach dem Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten

später mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Französischen Soldaten,

und dem Flaggenstock gerade gegenüber, an den in diesem Augenblick ein

Französischer Officier, Bertrand, hinantrat, die Königliche Flagge

niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn standen die unter seinem Befehl

stehenden Matrosen der ~Jeanne d'Arc~ theils, theils der ~Danae~, und

René drängte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen sie hinein

daß die Seeleute, die ihn bald für einen Landsmann erkannten, glaubten,

er habe jedenfalls ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu

erscheinen, und ihn ruhig gewähren ließen.

Ein Trommelwirbel erschütterte jetzt die Luft, und Bertrand zog während

desselben und unter einem Todtenschweigen der versammelten Tausende, die

Flagge an dem Flaggenfall nieder -- kein Schrei des Zorns oder der

Entrüstung von Seiten der Eingebornen, kein Hurrahruf der Sieger

begleitete den Akt -- es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das

fühlen, denn halb abgewendet schob er die gedemüthigte Flagge von sich

und absichtlich einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lösen, erstaunt

aber drehte er sich gegen René um als er einen Fremden erblickte, der,

ein kleines blitzendes Messer in der Hand, das Flaggenfall unten mit

einem raschen Schnitt trennte und das Messer in die Tasche

zurückschiebend, die Fahne ruhig und gleichmüthig zusammenrollte.

»René,« rief der Seemann erstaunt und mit halb unterdrückter Stimme aus,

als er ihn erkannte -- »Mensch, was thust Du hier?«

René winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben sich hörte er die

halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte:

»Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen hat -- was beim

Teufel will der hier zwischen uns?«

Das Blut schoß ihm im Zorn in die Schläfe, aber er wußte auch daß er

sich hier nur eingeschmuggelt und nicht an seinem Platz befinde, und

ruhig die Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den Arm, und

suchte jetzt den Rückweg anzutreten. An Bord der Französischen Schiffe

hatte man auch in der That so fest geglaubt die Tahitier würden ihre

Flagge selber streichen, daß gar keine Verfügung, sie selbst betreffend,

erlassen war. Das Interesse des Augenblicks band sich auch überdies

nicht an solche Nebensache, denn der, noch an demselben Abend zum

zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. ~d'Aubigny~ brach jetzt

in die allerdings merkwürdigen Worte aus:

»Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr Bewohner dieser Inseln, denen

wir _Gerechtigkeit_ und _Frieden_ bringen, -- im Namen des Königs,

unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land -- wir Alle

werden mit Freuden in der Vertheidigung der glorreichen dreifarbigen

Fahne sterben. Hißt die Flagge!«[E]

[E] Wörtlich.

Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der Tahitischen an dem

Flaggenfall befestigt, die ihm nächststehenden Seeleute sprangen hinzu

sie aufzuhissen, und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem

donnernden ~Vive le roi~ der Soldaten und Matrosen, drängte sich René

wieder den Gärten zu und gewann das Freie; ~d'Aubigny~ aber mit seinem

blanken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er

nur erst einmal hoffen durfte den Lärm zu durchdringen:

»_Die Königin Pomare hat aufgehört zu regieren und wir stehen jetzt auf

Französischem Grund und Boden!_«

Unmöglich wär' es den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten die

Französischen Kehlen zu zersprengen drohte; es war ein förmlicher

Aufschrei von Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen die

Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier ab, die den Sinn des Satzes

gar nicht verstanden hatten, und kopfschüttelnd dem Lärm horchten, den

die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Straße, dicht vor dem Hause ihrer

Königin, vollführten. Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und das

Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Absicht der Fremden doch ziemlich

deutlich herauserkennen. Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine

so entscheidende Handlung, wie es von den Europäern angesehen werden

mußte, denn die Insulaner kannten die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu

dem Maße. Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flatterte,

blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe Gerücht das sich anfing

Bahn zu brechen -- die Wi Wis hätten ihre Königin abgesetzt und wollten

selber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb

Einzelne dem Hause des Englischen Consuls zu.

Dort aber war indessen die Englische Flagge von Mr. Pritchards eigener

Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore

emporstieg, die Demonstration auch auf den Französischen Schiffen wohl

bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frühere Missionair fand

sich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine

Erklärung der stattgehabten Vorfälle haben wollten und hier zu ihrer,

eben nicht angenehmen Ueberraschung erfuhren, daß die Franzosen wirklich

Besitz von der Insel genommen hätten und diese von nun an behaupten

wollten.

»Bah« lachten aber Andere wieder, »ein paar Tage haben sie hier das

große Wort, und wenn sie fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen

wieder herunter, wie schon früher einmal.«

Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte die Eingebornen von

der Gefahr zu überzeugen, in der in diesem Augenblick ihre

Unabhängigkeit nicht allein, nein auch die Religion schwebe, die sie

als die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgültigkeit gegen

äußere Formen die ihnen unbedeutend schienen, theils ihre angeborne

Gutmüthigkeit, die selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste

zutraun wollte, ließ sie dem Allem nur mit halbem Ohre lauschen.

Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und bürdete ihnen die Folgen

auf, die alle aus dieser fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten

Verhältnisse entspringen könnten; sie schüttelten lachend mit dem Kopf

und schlenderten dann wieder langsam zu der Königin Haus zurück, vor dem

und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten

und Matrosen noch immer aufmarschirt standen, und selber erstaunt

darüber schienen, daß die sonst doch gar nicht feigen Insulaner die

größte Beleidigung die einem Lande bildlich geschehen kann, so ruhig und

selbst heiter und vergnügt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier

aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei, denn

das bloße Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls vor einiger Zeit auch

zu ihrem Vergnügen gethan, ohne irgend etwas Böses dabei zu denken; die

Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie wieder fort waren

mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern.

René indessen, dem der wirklich unerwartet glückliche Erfolg seiner

kecken That, ganz wieder den alten fröhlichen Muth, vielleicht auch

Leichtsinn, zurückgegeben, sah schon von weitem wie sich Susanna,

ängstlich nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und wie er mit der

Hand hinüber winkte und den Hut schwenkte zum Zeichen fröhlichen

Gelingens, wehte ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er sah weder nach

rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer fast zitternd

mit seiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte streitig zu

machen, den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch schritt er

kaum auf fünf Fuß Entfernung an seinem eigenen Weib, die das schlafende

Kind auf dem Arm trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein

unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen, vorüber, und ließ

Sadie in sprachlosem Staunen starr und kaum ihren Sinnen trauend,

zurück. Dem Gatten war sie gefolgt, theils für seine Sicherheit

fürchtend nach einer That die sie für ein Verbrechen hielt, theils auch

weil sie sich Vorwürfe machte, ihn wohl zu schroff und hart von sich

gestoßen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr

liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder

heraufbeschwor, und jetzt? -- strahlend von Glück und Seligkeit, mit

leuchtenden Augen und glühenden Wangen floh er an ihr, ohne sie zu

sehen, vorüber und dort am Fenster -- ein stechender jäher Schmerz

zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschöne Europäerin

erkannte, mit der René schon an jenem furchtbaren Abend so viel

gesprochen und getanzt, und deren kaltem fast verächtlichem Blick sie

dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen Gefühl von

ahnungsvoller Angst begegnet war.

Noch stand sie still und regungslos auf derselben Stelle auf der ihr

René wie eine Erscheinung entschwunden war, und sie wußte im ersten

Augenblick nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen oder

zurückgehn solle, still und allein in ihre Heimath die Rückkunft des

jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedürfenden Gatten geduldig zu

erwarten, als eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berührte, und

eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüsterte:

»Sadie!«

»Aumama!« rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend, und hatte in diesem

Augenblick fast den Gatten vergessen in dem Schreck über das

wildverstörte, fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin, deren

räthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge und Kummer genug gemacht.

»Aumama, wo um Gottes Willen kommst Du her? -- wo warst Du die ganze

Zeit und wie siehst Du aus?«

»Wie ich aussehe, Herz? hahaha,« lachte das schöne Mädchen in

unheimlicher Lustigkeit, »der Thau in den Bergen gräbt Spuren in die

Haut und -- aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich zeige Dir

etwas, komm; glaubst Du an Geister?« --

»An Geister? -- wie verstehst Du das? -- was soll's?« frug Sadie

erschreckt -- »was hast Du Aumama, Du machst mich fürchten.« --

»Fürchten? -- bah, thörichtes Kind -- wovor? vor dem eigenen Mann? --

der thut Nichts -- sieh nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem

ganz fremden Mädchen ist, würde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide

thun? -- hahaha Schatz, ich glaube wir Beide können uns bald lustige

Geschichten erzählen« -- und die Widerstandlose über den breiten Weg mit

sich hinüberziehend, wo ein Haufen aufgeschichteter und zu Canoes

bestimmter Blöcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge

hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten Arm und jetzt

Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses

hinüber, die René gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten

Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrüßt wurde.

»Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind --

bringt er seiner neuen Liebe« flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer

Bewegung zitternder Stimme -- »sieh nur, sieh wie sie sich zu ihm

überbeugt -- hahaha -- ich glaube das war ein Kuß -- nein« lachte sie

dann höhnisch, »sie werden die Nasen aneinander gerieben haben nach

Inselart. Aber komm -- komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzählen,

und wenn das Pärchen da drin wieder zur Besinnung kömmt, könnten sie uns

hier draußen bemerken -- den Triumph sollen sie nicht haben -- komm.«

Sadie ließ sich willenlos fortführen von der Frau, und nur ihr Kind

fester an sich drückend folgte sie der Führerin, gleichgültig welchen

Weg sie einschlage, durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden

Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann, auf weniger begangenen,

jetzt fast menschenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer

eigenen Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, aber sie

erkannte sie nicht wieder, und blickte erstaunt endlich umher, als sie

vor ihrer eigenen Thüre stand, denn das Bild des Gatten mit dem schönen

fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herüber und hinüber und wie

eine entsetzliche Erklärung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen

Schmerz, der eigenen Schmach.

Bei dem letzten unglückseligen Europäischen Tanz hatte Lefévre zum

ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen und sich toll und blind in sie

verliebt. ~Nahuihua~ -- der blitzende Stern im Norden -- liebte aber

seine Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen und floh,

und Lefévre verließ Weib und Kind und folgte ihrer Spur über die ganze

Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er

sie endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft

entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute nach Papetee,

aber nicht in seine Heimath zurückgekehrt, selbst nach seinen Kindern zu

fragen.

-- Und René? --

»Hahahaha« lachte Aumama mit wildem Feuer im Blick -- »Aia hatte recht

-- sie sind sich _alle_, _alle_ gleich -- Alle, _Teufel_ mit ihren

glatten Zungen und freundlichen Augen, und wenn sie die Blume gepflückt

die ihnen im Wege stand, und sich an ihrem Duft einen Augenblick gefreut

-- werfen sie sie fort -- sie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit«

setzte sie mit weicherer wehzerschnittener Stimme hinzu, »und im Weg,

von den Vorübergehenden getreten muß sie ihr junges hingemordetes Leben

lassen. Aber Rache will ich haben, Rache beim ewigen Gott!« rief sie

plötzlich sich hoch und stolz emporrichtend -- »meine Kinder hab' ich

schon in die Berge geschafft, in gute Pflege, daß sie mich nicht an

meinem Ziel beirren, und der treulose Mann soll sehen, wie sich ein

Tahitisches Mädchen zu rächen weiß.«

Aumama war in furchtbarer Aufregung, und Sadie schrak zurück vor der

entsetzlichen Gluth und Wildheit die in ihren Zügen lag, und der sie das

sonst so sanfte fröhliche Wesen nie für fähig gehalten hatte; sie wollte

sie beruhigen, aber das gereizte Weib stieß sie zornig zurück, und der

Schmerz löste sich erst in milden Thränen, als die Erinnerung an

vergangenes, nie wiederkehrendes Glück sich Bahn brach durch

Leidenschaft und Trotz.

Und Sadie saß noch lange, das frohe spielende sorglose Kind zu ihren

Füßen, das Haupt der Freundin an ihre Brust gelehnt, Trost gebend wo sie

selber o des Trostes so viel bedurfte, entschuldigend wo ihr selber das

Herz brechen wollte in Angst und furchtbarer Qual.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band. · 第 2 / 8 题