TAHITI

_Roman aus der Südsee_

von

#Friedrich Gerstäcker.#

_Zweite unveränderte Auflage._

_Dritter Band._

Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.

#Leipzig,#

_Hermann Costenoble._

1857.

#Inhalt des dritten Bandes.#

Seite

Cap. 1. Alte Erinnerungen und neue Schmerzen 1

" 2. Pomare und ~Du Petit Thouars~ 54

" 3. Die Tahitische Flagge 80

" 4. Die Conferenz 122

" 5. Susanna 143

" 6. Jim O'Flannagan in Thätigkeit 178

" 7. Consul Pritchards Gefangennahme 230

" 8. Pomare's Flucht 259

" 9. Der erste Kampf 292

" 10. Der Abschied 310

Capitel 1.

Alte Erinnerungen und neue Schmerzen.

Ueber die See strich der Morgenwind leise und feucht, kräuselte die

Wogen, die spielend, neckend nach ihm auflangten, und glitt dann rasch

zwischen die Palmen am Ufer und in den fruchtschweren Wald, in dem er

rauschte und flüsterte und Thau und Blüthen niederschüttelte aus dem

blitzenden Laub. Bleigrau lag noch das Meer, und nur dunkle Schatten

flogen über seine Fläche, wo der Wind sie faßte, herüber und hinüber

drängend und oft im raschen Zug darüber hinstreichend. Nur am Himmel

kündete der lichte Streif den nahenden Morgen, und sandte seine

zuckenden Strahlen weit aus über den noch sternfunkelnden Himmelsdom,

vor denen die Kinder der Nacht erblichen und scheu und furchtsam

zurückwichen, dem Sonnengott Raum zu geben.

Und heran kam der, auf schnaubenden Rossen, wie vom Sturm getragen, und

nicht langsam und zögernd, wie bei uns im kalten Nord -- dem ersten

Angriff folgend mit starker mächtiger Hand, scheuchte er die Nacht vor

sich her, und seinem ersten dämmernden Nahen folgte auch schon der

Siegeszug, mit dem er den flüchtigen Feind zu Paaren trieb.

Dunkel und blau lag das Meer, als der erste zündende Strahl darüber

zuckte und die kleinen Wellen neugierig die Köpfe hoben, zuerst dem

nahenden Gott in's Auge zu schauen; und ein blinkendes Netz warf er über

sie aus, Gold und Purpur strahlend, und wie von einem Zauberstab

berührt, glühte plötzlich das weite wogende Meer, jede Welle den blauen

schlanken Nacken mit Diamanten überstreut und von Gold- und Silberadern

dicht und leuchtend durchzogen. Und die Berge strahlten den Widerglanz

zurück, die thaubedeckten Palmenkronen warfen den silbernen Regen nieder

in Thal und Schlucht, und wie aufathmend in unendlicher Wonne und

Seligkeit, strömte der Duft aus von all den Blüthenhainen, die tief

versteckt im dunklen Laube ruhten, den Seewind rückwärts treibend, mit

sanfter liebender Gewalt.

Ueber die Berge aber schaute der Sonnengott freundlich in's Thal, und

grüßte die friedlichen Dächer alle, die tief versteckt im schattigen

Laub lagen und ihn fürchteten den Gewaltigen. Nicht täuschte sie dabei

der leise Kuß den er ihnen zuwarf wie er nur den Hain erreicht; -- höher

steigend und wachsend an Macht und Gewalt wäre der Kuß zum giftigen

sengenden Pfeil geworden, der zündet was er erreicht und dorrt und

brennt, und die Palmen hatten dann alle Hände voll zu thun, und mit

allen Fasern den kühlen Lebenssaft aus dem feuchten Strand heraufziehen,

das ihnen anvertraute Gut, die Wohnungen der stillen Menschen vor dem

glühenden Strahl zu schützen und zu schirmen.

Und wie freundlich er da unten auf dem gelben Laub spielte, das hie und

da den Boden bedeckte, wie er sich durch jede Zweigesspalte durchstahl

und den saftigen Blättern schmeichelte und mit ihnen kos'te, ihn nur

durchzulassen, ein kleines kleines wenig nur durchzulassen zu den

Blüthen und Früchten unten, denen er Zucker bringen wollte und ein

goldenes Kleid, und dann wunderliche Figuren mit ihren Schatten formte,

und ihnen Zeichen und Bilder in die Haut grub zum Angedenken.

Welch freundliches Leben und Treiben in dem herrlichen Wald, und daß die

Axt da kommen sollte mit gierigem Zahn, und die Palmen niederschlagen

und Bäume, Felder zu bilden mit langen geraden Reihen, viereckige,

eingezäunte Felder, dem Sonnenstrahl preisgegeben, der dann nicht

spielend mehr zwischen den Zweigen kost, sondern verlangend sich an den

Boden saugt und ihn hart und trocken zieht in gieriger Lust.

Aber fort mit dem traurigen Bild; noch rauschen die Bäume, noch flüstert

der Morgenwind, der flatterhafte Geselle, den Blüthen allen seinen

tollen Liebesunsinn vor, und unter dem Laub, die schönste Zierde des

Hains, der Blumen eine die das Land gebar und die zu ihnen gehörte, zu

den schlanken Palmen und duftenden Blüthen saß Sadie, und wie an den

wehenden, raschelnden, wispernden Blättern der Banane, die ihre grünen

Fächer schützend über sie breitete, der Thau in großen hellen Tropfen

blitzte und funkelnd niederfiel in ihren Schoos, so hing an ihren

Wimpern ein klares Thränenpaar und schwer und langsam sank es nieder zu

dem Thau -- anderen, schwereren Perlen Raum zu geben.

Sie war allein -- nur das Kind spielte zu ihren Füßen, haschte nach den

wechselnden Schatten die ein neckischer Strahl über ein hin- und

herwehendes Blatt warf, oder suchte sich kleine blitzende Muscheln aus

dem Korallenkies, der sich hier mit dem Boden vermengte -- René hatte

seine Heimath -- zum ersten Mal seit sie mit ihm vermählt -- schon vor

Tag, und zwar durch Bertrand abgeholt, verlassen, in einer Stimmung

verlassen, die ihr das Herz mit Sorge füllte -- sie wußte selber nicht

warum, und jetzt schnürte ihr eine Angst, der sie nicht Worte zu geben

wußte, die Brust zusammen und die Thränen, die ihren Wimpern entfielen

linderten den Schmerz nicht, der sie erzeugt, sondern brannten nur

weiter in zündender, quälender Lohe.

So saß sie da, lange, lange Minuten, in ihrem Gram, die brennenden Augen

in der Hand geborgen und die klaren Tropfen preßten sich gewaltsam Bahn,

zwischen den zarten, zitternden Fingern durch, hinaus ins Freie. Aber

immer ängstlicher wurde ihr dabei ums Herz, ein merkwürdig stechendes

Gefühl zog ihr durch Scheitel und Hirn -- sie athmete schwer und wie von

einer heranprassenden Gefahr bedroht, die sie umgab und wenn auch

unsichtbar bedrohte, schaute sie endlich verstört und bleich empor und

sprang mit einem jähen Schrei auch auf von ihrem Sitz, denn vor ihr

stand, mit auf der Brust gekreuzten Armen, den ernsten aber jetzt nicht

strengen Blick fest und forschend auf sie geheftet, der Mann, der einst

mit kalter starrer Hand hineingreifen wollte in ihre Liebe, in ihr

Leben, und dem sie sich seit jenem Tag nicht mehr gegenüber gesehen --

_der Missionair Rowe_.

Und was führte ihn jetzt zu ihr? -- Sorge? Theilnahme? hatte sein

starres unduldsames Herz verziehen? oder -- wie Fieberfrost zog es ihr

durch Mark und Bein wenn sie des fernen Gatten dachte und den stillen

wehmüthig ernsten Blick des finstern Mannes so fest, so entsetzlich fest

auf sich gerichtet sah.

»Um Gott! -- was ist geschehen?« flüsterte sie endlich in kaum hörbaren,

angstdurchzitterten Tönen -- »wo ist René? -- was ist vorgefallen

ehrwürdiger Herr?« und das Kind, das auf dem Boden neben ihr gespielt

und die schmerzlichen Laute der Mutter hörte, ihre Thränen sah, sprang

auf und klammerte sich schreiend an ihr Knie, sich nur wieder beruhigend

als es den Schutz fühlte, den ihre Nähe gab. Aber der ehrwürdige Mr.

Rowe schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst:

»Wenn Du eine Unglücksbotschaft fürchtest, meine Tochter, so beruhige

Dich, denn sie kann nicht von mir ausgehen -- ich weiß von keinem

fleischlichen Leid, das Dich und die Deinen betroffen haben könnte. Aber

nicht dem auch sind Deine Thränen geflossen,« setzte er wehmüthiger

hinzu -- »nicht die Furcht vor Krankheit oder Tod hat diese Wangen

gebleicht, diese Augen geröthet -- o Prudentia, sind _das_ die Früchte

unserer Lehren, das die freudigen Hoffnungen, die wir, Dein

Pflegevater und ich auf Dein Wachsen und Aufblühen setzten? -- ist das

Versprechen Wahrheit geworden, das uns Dein kindlich frommer Sinn in

früher Jugend gab, und pflegst Du _so_ das Wort Gottes, das Dir, ein

heiliger tröstender Stern hätte vorleuchten sollen auf der schweren Bahn

der Prüfung die Du, nach dem Willen des Höchsten betreten, und der Du,

ach, nach so kurzer, so entsetzlich kurzer Zeit schon erliegst?«

Sadie schwieg -- das Herz war ihr schon überdies voll und schwer, und

die Worte des Geistlichen schnitten nur noch tiefer ein in die Wunden.

Auch der wehmüthige, fast liebende Ton den sie an ihm nie gewöhnt, drang

ihr mit scharfem Schmerz in die Seele und wie das, was ihr in früher

Jugend gelehrt und ihr Herz damals in voller ungetheilter Kraft erfüllt

hatte, jetzt wieder, vielleicht stärker noch durch die Gestalt des

damaligen strengen Lehrers, durch die Stimme selber zu Tag gerufen

worden, deren Klänge in ihrer Erinnerung nie verwischt, nur geschlummert

hatten, so stieg auch mit den Worten der mahnende finstere Geist auf und

hob warnend die Hand und der Gedanke _ich habe gesündigt_ wuchs, ein

Furcht- und Schreckensbild, mit riesenhafter Schnelle vor ihrem inneren

Auge empor und gab der Angst und Qual die sie an diesem Morgen schon

gefühlt einen entsetzlichen und doch ihr unbewußt so falschen Ausdruck.

»Ach, ehrwürdiger Herr« flüsterte sie leise -- »nicht aus eigenem Antrieb

-- Gott weiß es -- betrat ich jenen Ort, und nicht wohl hab' ich mich

darin gefühlt, zwischen den fremden Menschen.«

»Aber Du hast mit ihnen _getanzt_!« sagte traurig der Missionair und

sein Auge haftete in ernster Wehmuth auf den bleichen Zügen der armen

jungen Frau -- »ihrer wilden zügellosen Lust mit der sie sich im Kreise

schwingen, fremde Frauen in den Armen fremder Männer, hast Du

beigewohnt, hast Theil daran genommen und wenn Du da glaubst, und Dir

vorsprichst vielleicht, Dich vor Dir selber zu entschuldigen, Dein Herz

sei noch frei von böser Absicht, bösen Wünschen -- glaube es nicht! --

Der Feind hat die Hand nach Dir ausgestreckt, die Du ihm, statt ihn mit

frommem inbrünstigem Gebet und fleißigem Lesen in der heiligen Schrift,

abzuwehren, willig -- ja Prudentia -- willig geboten hast. Der erste

Schritt dazu war, als Du einem Manne folgtest, der dem wahren Glauben

abhold, nie in das stille Heiligthum Deines Herzens hätte eindringen

dürfen, eindringen können, wäre nicht grobe Sinnlichkeit und

fleischliche Lust stärker in Dir gewesen als die Liebe zu Gott.«

»Ehrwürdiger Herr« bat Sadie.

»Es schmerzt mich« fuhr der Geistliche mit fast weicher Stimme fort »es

schmerzt mich tief Dir weh thun zu müssen, Prudentia, denn ich habe Dich

lieb gehabt, schon als kleines Kind, und Dein Wachsen und Gedeihen in so

Gott wohlgefälliger Weise mit inniger Freude angesehen. Ich hielt es

damals für meine Pflicht Dir entgegenzutreten als Du den ersten

Fehltritt thun wolltest -- der Herr hat es anders gelenkt, Sein Name sei

gepriesen. -- Aber nur eine Prüfung wollte er Dir auflegen, ob Du, das

Kind dieser Inseln, die Du die Herrlichkeit Seines Namens von Seinen

Dienern selber gehört, und sorgfältig aufgezogen warst, Sein Wort weiter

zu verbreiten auf diesen Inseln, auch bestehen würdest auf dem rauhen

Pfad des Lebens, wenn keine treue und sichere Hand Dich mehr führte und

leitete auf Seinen Wegen zu wandeln. Alle, alle diese Hoffnungen sind

dahin gestoben, wie Spreu im Winde -- der erste Lufthauch der Lust, der

Verführung, und Jahrelange Arbeit und Müh schwand dahin, als ob es ein

Nichts gewesen wäre, ein todtes Blatt im Herbststurm, das dem Meere der

Vernichtung entgegenweht. Und noch -- jetzt _noch_ ist es Zeit Dich

zurückzuhalten, jetzt noch ist Rettung nicht unmöglich, wenn Du die

mahnende Freundesstimme -- die Stimme _Gottes_ hören wolltest, die

bittend, flehend zu Dir spricht, durch meinen Mund. Noch ist die elfte

Stunde nicht vorüber -- noch lacht Dir das Licht der Verheißung und es

ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der reuig zurückkehrt in

die Arme des Allliebenden, als über tausend Gerechte die da eingehn zur

himmlischen Herrlichkeit.«

»Was _kann_ ich thun?« klagte die arme Frau und faltete verzweifelnd die

Hände auf dem Schooße »mein Gatte, mein Kind fordern mein Leben -- ihnen

gehört es, ihnen muß ich bleiben und sagt nicht selbst Gott in seinem

Wort: Du sollst Vater und Mutter verlassen, und dem Manne folgen?«

»Dem Manne, aber nicht dem Feind« rief der Missionair zum ersten Mal

wieder den alten unversöhnlichen Haß im Blick -- »nicht dem Feind,

Prudentia, der Dich mit süßen Liedern und rauschenden Klängen lockt. Du

sollst dem Mann, der nun doch einmal Dein Mann geworden, in allem

_Guten_ folgen, aber nicht in Sünde und Finsterniß -- und das nicht

allein, Du sollst, Du _mußt_ all Deine Kraft, all Deine Macht über ihn

anwenden, ihn selber zurückzuhalten von dem, was ihm Verderben droht.«

»Was würde Vater Osborne sagen« fuhr er wieder mit weicherer leiserer

Stimme fort, »wenn er Dich gestern in ihren Reihen, die Fröhlichste

unter den Fröhlichen noch hätte sehen können?«

Sadie schüttelte traurig mit dem Kopf und seufzte tief auf.

»Wenn er Zeuge gewesen wäre, wie Du ihre Tänze tanztest und in ihren

Armen den Abend verbrachtest, der in Gebet um Deinen Gatten, um Dein

Kind hätte verfließen sollen. Prudentia -- _kannst_ Du noch beten?«

»Aus voller inniger Seele zu meinem Gott!« rief aber das arme Weib

jetzt, dem bei den Worten eine Last von der Seele wälzte -- »der Schein

mag wider mich sein, und der Ausspruch der Menschen; aber Gott der mein

Herz sieht und kennt, weiß mit wie wehmüthigem Gefühl ich dem Befehl,

dem Wunsch meines Gatten gehorchte, Theil zu nehmen an den Lustbarkeiten

der Fremden. Mir war nicht freudig dabei zu Muthe und nicht froh; ich

passe nicht zwischen sie mit ihren fremden Sitten und Gebräuchen -- mit

ihren fremden Gedanken von recht und gut -- mir ist nur wohl in meiner

Heimath, bei meinem Kind und hätt' ich mein freundliches Atiu nicht

verlassen dürfen, wie froh, wie glücklich, wie Gott dankbar hätte ich

leben wollen.«

»Ich komme jetzt von Atiu« sagte Mr. Rowe leise.

»Von Atiu?« rief Sadie rasch und bewegt die Hände faltend -- »von -- von

Atiu;« setzte sie langsamer und mit kaum hörbarer Stimme hinzu -- »von

meinem Atiu -- und haben sie meiner freundlich noch gedacht?«

»Bruder Ezra hat mich begleitet« sagte der Missionair ohne direkt auf

ihre Frage zu erwiedern -- »denn der jetzigen inhaltschweren Verhältnisse

wegen ist eine Zusammenkunft von allen solchen Männern wenigstens nöthig

geworden, die irgend eine vorragende Stellung auf den verschiedenen

Inseln einnehmen, dort etwa auftauchendem Französischem Einfluß zu

begegnen. Die Mutterkirche in England scheint theilnahmlos unserem

Kampfe zuschauen zu wollen, und wir müssen ihr jetzt zeigen über welche

Kräfte wir zu gebieten haben, und ob nur einige wenige, der christlichen

Religion gewonnene Häuptlinge ihren Schutz verlangten, oder ein starkes

zahlreiches _Volk_, das ein _Recht_ hat, ihre Hülfe zu beanspruchen.«

»Mi-to-na-re« flüsterte die junge Frau, unter Thränen lächelnd leise vor

sich hin -- »Mi-to-na-re.«

»Ja Prudentia -- dort allerdings war eine schöne Zeit für Dich« sagte

der Geistliche, mit ernster Theilnahme den Faden auffassend, der an ihre

Erinnerung knüpfte -- »und Gottes Hand lag liebend auf Deiner Heimath,

seinen Segen spendend zu jeder Stunde die mit Glück und heiliger Ruhe

Deine Brust erfüllte. Keine Reue über eine einzige verfehlte Stunde --

keine Furcht vor einem einstigen Strafgericht erfüllte da Dein Herz --

der aufkeimenden Sünde wehrten die Männer, die ihre Lieben daheim, ihr

Vaterland verlassen hatten, Dich und die Deinen einem ewigen Leben einer

einstigen Glückseligkeit zu gewinnen, indem sie die heidnischen Gräuel

zerstörten, die diese Wälder und die Herzen ihrer Bewohner füllten, und

Gottes Vaterhuld spannte seinen blauen Himmelsdom liebend über ein

glückliches Land. Da kam der Versucher und Du erlagst.«

»Ehrwürdiger Vater« bat Sadie.

»Fürchte nicht, mein Kind, daß ich in dieser Stunde gekommen bin Dir

Vorwürfe zu machen über Vergangenes; es ist geschehen -- ich streckte

meine Hand aus Dich zu retten, aber Du stießest sie zurück, und wenn ich

Dich auch, durch die Verhältnisse gezwungen, eine Zeitlang Deinem

Schicksal überlassen mußte, habe ich Dich doch nicht einen Tag nur aus

den Augen verloren Prudentia, und keineswegs die Hoffnung aufgegeben,

Deine Seele ihrem Erlöser zu retten -- ja ich fürchte fast, _wieder zu

gewinnen_.«

»Aber was kann ich -- _darf_ ich thun?« frug Sadie in peinlicher Angst

-- »meinem Gatten gehört mein Leben, mein Glück -- selbst unsere

Religion gebietet uns ihm zu gehorchen.«

»Willst Du seinen Leib oder seine Seele retten?« frug der Priester mit

finsterer, fast tonloser Stimme.

»Seinen Leib?« rief Sadie -- der mit Blitzesschnelle der neue Gedanke an

Gefahr des Gatten durch die Seele zuckte -- »seinen Leib? was droht ihm?

-- was soll ich retten -- o sprecht um des Heilands Willen, was ist

geschehen?«

»Thörichtes Kind« sagte aber der fromme Mann kopfschüttelnd und seufzend

auf sie nieder schauend -- »thörichtes blindes Kind, das hoffend und

träumend, in sündhafter Sorglosigkeit in die Welt hineingelebt hat, und

die wetterschwangere Wolke, die droben furchtbar am Himmel droht, nicht

sieht -- oder nicht sehen _will_. Nicht von dem Einzelnen spreche ich,

der leichtsinnig die Rache seines Gottes herausfordert durch verstocktes

Anhängen am Götzendienst, mit dem sich die Frevler hier Bahn gebrochen

haben durch der Waffen Gewalt -- nicht der Einzelne ist es, der den

strafenden Schlag des Allmächtigen zu fürchten hat -- »Ich will meine

Pfeile mit Blut trunken machen,« spricht der Herr -- »und mein Schwert

soll Fleisch fressen über dem Blut der Erschlagenen, und über dem

Gefängniß und über dem entblößten Haupt des Feindes. -- Jauchzet Alle,

die Ihr sein Volk seid, denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und

wird sich an seinen Feinden rächen und gnädig sein dem Lande seines

Volks -- Nun will ich mich aufmachen spricht der Herr -- nun will ich

mich erheben, nun will ich hoch kommen, denn die Völker werden zu Kalk

verbrannt werden, wie man abgehauene Dornen mit Feuer ansteckt -- Und

der Herr ist zornig über alle Heiden, und grimmig über Alles ihr Herr --

er wird sie verbannen und zum Schlachten überantworten und ihre

Erschlagenen werden hingeworfen werden daß der Gestank von ihren

Leichnamen aufgehen wird, und die Berge mit ihrem Blut fließen.«

»Allerbarmer!« rief Sadie und barg zusammenschaudernd ihr Antlitz in den

Händen, dem furchtbaren Bilde zu entgehen, das der finstere Mann vor ihr

heraufbeschworen.

»Allerbarmer ja!« sagte der Priester in langsamem und tiefem Ton -- »ja,

bis zum letzten Faden seiner Gnade und Barmherzigkeit -- dann aber auch

der Rächer und furchtbare Richter, mit dem Schwert seines gewaltigen

Zornes und dem Eisen seiner Allmächtigkeit. Sein Arm ist furchtbar und

die Welt zittert wenn er den Finger hebt.«

»Aber Gott _kann_ nicht den Untergang _Aller_ wollen« bat Sadie -- »er

sieht die Herzen und weiß die Schuldigen von den Schuldlosen zu trennen

-- o wäre Vater Osborne hier, daß er seinem armen Kinde Trost spendete

und Rath in der entsetzlichen Noth.«

»Nur im Gebet liegt Beides« erwiederte streng und ernst wie je, der

Geistliche -- »bete Tochter, verlorenes Lamm der Heerde -- bete. Bete zu

dem Allmächtigen daß er Deiner Stimme Kraft verleiht, zu dem Ohr des

Gatten zu dringen, daß er Deinem Herzen die Stärke giebt, auszuhalten in

dem schweren Werk und Seinem Pfad zu folgen, trotz allen Irrgängen des

Versuchers. Noch ist der Böse mächtig in Dir, aber der Herr wird Dich

beugen und niederwerfen in den Staub, wenn Du Dich am sichersten

glaubtest vor Seinem Arm -- so bete, bete daß Er die Fasern Deines

Herzens zum Lichte wende und Seine Hand über Dich halte, Dich zu

schirmen und schützen in dem nahen Kampf.«

Und wie von dem Geist berührt von dem er sprach, warf er sich plötzlich

neben der Trauernden, die mechanisch seinem Beispiel folgte, auf die

Knie nieder, und die Augen schließend und die fast krampfhaft

zusammengefalteten Hände zum Himmel aufhebend rief er mit lauter

wehdurchschauerter und das Herz des Weibes wie mit scharfer Waffe

treffender Stimme in dem Psalm Assaphs:

»Herr es sind Heiden in Dein Erbe gefallen -- die haben Deinen heiligen

Tempel verunreinigt und aus Jerusalem Steinhaufen gemacht.

»Wir sind unseren Nachbarn eine Schmach geworden, ein Spott und Hohn

denen, die um uns sind.

»Herr wie lange willst Du so gar zürnen, und Deinen Eifer wie Feuer

brennen lassen?

»Schütte Deinen Grimm aus auf die Heiden, die Dich nicht kennen, und auf

die Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen.

»Denn sie haben Jacob aufgefressen und seine Häuser verwüstet.

»Gedenke nicht unserer vorigen Missethat, erbarme Dich unserer bald,

denn wir sind fast dünne geworden;

»Hilf uns Gott, unser Helfer, um Deines Namens Ehre willen; errette uns

und vergieb uns unsere Sünde um Deines Namens willen.

»Warum lässest Du die Heiden sagen »Wo ist nun ihr Gott?

»Laß unter den Heiden vor unseren Augen kund werden die Rache des Blutes

Deiner Knechte, das vergossen ist.

»Laß vor Dich kommen das Seufzen der Gefangenen; nach Deinem großen Arm

behalte die Kinder des Todes,

»Und vergilt unsern Nachbarn siebenfältig in ihren Busen ihre Schmach,

damit sie Dich, Herr, geschmähet haben.

»Wir aber, Dein Volk und Schaafe Deiner Weide, danken Dir ewiglich und

verkündigen Deinen Ruhm für und für!«

Langsam erhob sich der Priester nach dem Gebet der Rache an den

_Allerbarmer_ und stand noch viele Minuten lang, mit fest auf der Brust

gefaltenen Händen neben der knieenden Frau; aber Sadie regte sich nicht

-- das Antlitz in den Händen über den Stuhl hingebeugt, lag sie in

heißem brünstigen Gebet und nur das heftige Wogen ihrer Gestalt, der

heiße rasche Athem der sich ihrer Brust entrang, verrieth das Leben, das

Leiden der Armen.

Der ehrwürdige Mr. Rowe schaute mit ernstem fast wehmüthigem Blick auf

die Betende nieder und legte dann seine beiden Hände leise und wie

segnend auf ihr Haupt. Sadie fühlte die Berührung und zuckte unter ihr

zusammen, aber sie blieb regungslos in ihrer Stellung.

»Prudentia« sagte Bruder Rowe leise -- »Prudentia!« -- aber keine

Antwort wurde ihm, und nur fester schien die Weinende das Antlitz in

ihren Händen begraben zu wollen. »So sei Gott mit Dir!« sagte der fromme

Mann, seinen Hut ergreifend, den er daneben auf den Tisch gestellt --

»so sende er Dir sein Licht und seine Gnade -- er lasse sein Angesicht

leuchten über Dir und gebe Dir seinen Frieden!«

Sich dann wendend, verließ er mit leisen Schritten das Haus, ging

langsam durch den Garten, an dessen Thüre ein Insulaner halb auf der

Lauer, halb auf ihn wartend, gestanden hatte und folgte der Broomroad,

die nach Papetee hinunter führte.

Seine etwas lange und hagere Gestalt war aber noch nicht ganz hinter

den, diesen Theil der Hecke bildenden Papayen verschwunden, als aus der

ziemlich dichten Orangenlaube die nahe zum Hause stand, eine kleine

wohlbeleibte Figur, ganz das Gegentheil des mageren Geistlichen,

vortauchte, und dessen Entfernung mit augenfälliger Aufmerksamkeit und

fast wie mißtrauisch beobachtete. Der hier jedenfalls versteckt Gewesene

schien sich auch gar nicht damit zu beruhigen daß der also Bewachte

seinen Weg die Straße entlang bis außer Sicht fortsetzte, sondern er

verließ ebenfalls den Garten und folgte dem Andern zuerst eine kurze

Strecke auf dem Weg, und dann, als er eine kleine Anhöhe erreichte, von

der er einen ziemlichen Ueberblick gewann, noch eine ganze Zeitlang mit

den Augen, bis er wirklich in weiter Ferne hinter einer Biegung der

Straße verschwunden war. Erst dann schien er sich vollkommen sicher zu

fühlen und eilte jetzt mit raschen Schritten und Freude strahlenden

Augen zum Haus zurück, dessen Thüre noch, wie sie der Geistliche

verlassen, halb geöffnet stand. An der Schwelle aber blieb er wie scheu

und unschlüssig stehen -- er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken --

er setzte den Fuß vor, und zog ihn fast ängstlich wieder zurück; endlich

aber faßte er sich ein Herz -- die Sonne stieg mit jedem Augenblick

höher und er _durfte_ die kostbare Zeit nicht länger versäumen, und die

Hand der Thüre nähernd klopfte er, mit einem jedenfalls gewaltsam

gesammelten Entschluß laut und herzhaft an.

Keine Antwort; -- drinn im Zimmer rührte und regte sich Nichts und der

Klopfer blieb kopfschüttelnd und unschlüssig in seiner lauschenden

Stellung an der Thür. Endlich, und nach augenscheinlicher Ueberwindung

klopfte er zum zweiten Mal, und zwar etwas stärker als vorher, und als

auch diesmal seine Anmeldung so unbeantwortet blieb als vorher, gewann

die Ungeduld bei ihm so weit die Oberhand, daß er, vielleicht auch halb

mit der Ueberzeugung es sei Niemand mehr im Haus, den Knöchel seines

dritten Fingers laut und heftig an die Thür anpochte, in demselben

Augenblick aber auch mit einem kaum unterdrückten Schrei zurücksprang,

als das leise aber doch so deutliche und ihm so wohlbekannte »~hare

mai~« einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Sein erstes Gefühl

schien auch wirklich unbedingte Flucht, aber die Töne hatten zugleich

alte und oh so liebe Erinnerungen in ihm geweckt, und fast instinktartig

und jedenfalls unbewußt nach seinen Füßen hinunterfühlend, ob er die

Schuhe auch, wie es sich gehöre, daran habe, und nicht etwa wieder

barfuß als roher Wilder zwischen den cultivirten Menschen herumlaufe in

der Welt, schob er die Thüre langsam auf und trat hinein.

Sadie hatte sich eben, als sie das Klopfen gehört, vom Boden erhoben und

stand der Thüre zugedreht, kaum aber auch die kleine, so lang

befreundete Gestalt des Eintretenden erblickt als sie mit dem Freudenruf

»Mitonare -- mein guter, lieber Mitonare,« auf ihn zusprang und seine,

nach ihr ausgestreckte Hand ergriff.

»Pu-de-ni-a!« stammelte der kleine Mann, und riß die Augen weiter und

weiter auf, den mehr und mehr füllenden und vorquillenden Thränen, die

er nicht zurückpressen konnte in ihr Bett, einen Blick abzugewinnen auf

das Wesen, das ihm das Liebste gewesen war auf der Welt, fast seit dem

Tag an, wo er es zuerst auf seinem Arm gewiegt und mit allen

Schmeichelnamen genannt hatte die er wußte -- »Pu-de-ni-a -- es -- es

freut mich recht -- recht sehr -- Sie -- Sie -- Dich --« Er kam nicht

weiter -- die großen hellen Thränen rollten ihm die Backen hinunter und

die nicht widerstrebende Frau an sich ziehend, rieb er -- den höchsten

Ausdruck innigster, herzlichster Zärtlichkeit den er kannte, seine Nase

an der ihrigen, zog sie dann fester an sich, streichelte ihr mit beiden

Händen die Schläfe, drehte ihr Köpfchen zu sich hin, ihr in die Augen zu

sehen und nannte sie dabei mit allen alten Schmeichelnamen die er kannte

und ihr, o wie viel tausend Mal schon, in früheren Jahren liebkosend

gegeben hatte; Sadie aber barg ihr Köpfchen an seiner Brust und ihre

Thränen strömten ungehindert an dem Herzen des treuen ehrlichen

Freundes.

Bruder Ezra war auch wirklich der Erste der sich wieder sammelte, und

das geliebte Kind auf Armes Länge leise von sich schiebend, daß er eben

die bleichen, thränenfeuchten Züge erkennen und überblicken konnte,

sagte er flüsternd und mit recht weicher, wehmüthiger Stimme, doch nicht

in seinem gebrochenen Englisch, sondern der ihm geläufigen

Muttersprache:

»Aber was ist das? -- ist Pudenia -- meine kleine, liebe Pu-de-ni-a

nicht mehr das fröhliche leichtherzige Kind von A-ti-u? -- sind die

klaren Augen schon so trüb geworden in der kurzen Zeit, und die Wangen

so fahl? und ist der böse böse Wi-Wi etwa gar schlecht gewesen mit

meinem Lieb, meinem süßen herztröstenden Lieb?«

Unter ihren Thränen vor lächelte Sadie und seine Hand fassend und

streichelnd schüttelte sie leise mit dem Kopf und sagte, mit wieder fast

dem vollen Strahl vorigen Glücks in den schönen Zügen:

»Nein Mi-to-na-re -- nein er ist gut und lieb wie je und mein Herz ist

sein bis zum Tod, und weit, weit darüber hinaus -- zanke mir nicht den

Wi-Wi --«

»Dann hat Dir der »schwarze Mann« wieder das Herz schwer gemacht mit

seinen Worten, die Einem wie Messer einschneiden in die Brust und nur

immer brennen und schmerzen« sagte Bruder Ezra, und der scheue aber

zürnende Blick den er aus dem Fenster die Straße entlang warf, verrieth

nur zu deutlich wen er damit gemeint. »Wenn ich eine Zeitlang mit ihm

zusammen bin, und ihn beten und predigen höre, dann komme ich mir immer

vor wie der entsetzlichste furchtbarste Sünder, der noch ein besonderes

Feuer in der Hölle haben müßte, seine Sünden vollständig abzubüßen --

und wenn ich sonst mit Vater Osborne sprach, war mir's dagegen, als ob

mir der eine Last von der Brust gewälzt und mir Balsam in die frischen

Wunden gegossen hätte. Es ist doch eine ganz erschreckliche Geschichte,

wenn man so gar nicht gewiß erfahren kann ob man ein nichtswürdiger

Sünder oder ein guter Christ ist, und ich bin bei mir noch nicht im

Stande gewesen dahinter zu kommen.«

»Aber wie siehst Du aus, Mitonare« -- rief Sadie, indem sie lächelnd

einen Schritt zurücktrat, seine Gestalt und Kleidung, die sich

allerdings seit sie ihn nicht gesehen um ein Wesentliches verändert

hatte, besser überschauen zu können -- »segne mich, wie Du Dich

gekleidet hast, und wie stattlich Du einher gehst jetzt, und wie

ehrwürdig.«

Bruder Ezra schüttelte mit dem Kopf, und sich selber, mit einem

keineswegs sehr selbstgefälligen Blick von oben bis unten betrachtend,

sagte er leise und traurig:

»Es ist Nichts, Pudenia -- gar Nichts; die Hosen machen einen Menschen

höchstens unbequem aber noch nicht zum Christen, und die steifen Dinger

hier unter den Ohren -- der Weiße hatte gestern recht der mir sagte wenn

ich mich einmal rasch und plötzlich bückte, schnitt ich mir die Ohren

ab, wie mit dem Rasirmesser.«

»Die Kleider machen allerdings den Christen nicht, Mi-to-na-re« lächelte

Sadie, »aber das treue Herz in der Brust hat Dich dem reinen schönen

Glauben gewonnen und Dein Herz erfüllt mit Seinem Ehr und Preis.«

Der kleine Mitonare seufzte recht aus schwerem Herzen tief auf, und es

war augenscheinlich daß ihn dort etwas drückte, mit dem er sich scheute

an Tageslicht zu kommen. Sadie fühlte das mehr als sie es sah, denn des

Mitonare veränderte Kleidung hatte ihre Aufmerksamkeit bis jetzt in der

That zu sehr in Anspruch genommen. Erst jetzt bemerkte sie auch

eigentlich, ihm voll in's Angesicht schauend, daß nicht Alles so mit dem

kleinen, sonst so freundlichen Manne stehe als es wohl solle, und irgend

etwas vorgefallen sein müsse, das ihn drücke und quäle, und nicht zu

Ruhe kommen lasse. Mit seinen Schwächen und Eigenschaften aber auch

wieder bekannt, lächelte sie, denn nicht unwahrscheinlich kam ihr der

Gedanke, die neue außergewöhnliche und unbequeme Kleidung die ihm der

Missionair jedenfalls wenn nicht aufgenöthigt doch angerathen (bei Mr.

Rowe so gut wie ein Befehl) drücke ihn und nehme ihm das Freie, das

Zutrauliche seiner Bewegungen.

Mi-to-na-re sah aber auch wirklich verzweifelt aus, denn nicht allein

daß er die Weste fest und eng zugeknöpft trug über dem seit einiger Zeit

wieder gediehenen Bauch, und die Knöpfe derselben in wirklich

gefährlicher Spannung hielt, nicht allein daß ihm das weiße dicke Tuch

dreimal in dichten Falten um den Hals lag und dem Kopf das Ansehen gab,

als ob er mit dem steif und starr gestärkten Hemdkragen oben eben nur

hinausgeschnürt sei; nicht allein daß seine Füße wie früher in den

breiten unbequemen Schuhen standen, und er bei jedem Schritt auftrat,

als ob er den Fuß irgendwo eingeklemmt hätte, und ihn wieder

herauszuziehen wünsche, so war ihm auch jetzt das, sonst doch wenigstens

bequeme und luftige Lendentuch genommen, und die kleinen dicken Beine

staken in so engen, strammen Hosen, daß es ein Wunder schien wie er

überhaupt hineingekommen und den kleinen schüchternen Mann veranlaßt

hatte einen kurzen Pareu, _trotz_ den Einreden des Geistlichen, noch

_über_ diesem neuen und jedenfalls unpassenden Kleidungsstück zu tragen,

das nun einmal durchaus nöthig sein sollte auch den letzten heidnischen

Anstrich von ihm zu entfernen. Und selbst das war nicht genug gewesen,

denn sogar der hohe trostlose Europäische Hut durfte nicht fehlen ihn

elend zu machen, und so oft war er schon damit in jedem Guiavenbusch,

jeder Banane, in der Thür jeder Hütte, in den Zweigen jedes Baumes

hängen geblieben, daß er jetzt unter keiner Palme mehr hinging ohne den

schmalen Rand seines Peinigers zu fassen und sich zu bücken.

Solcher Art, und noch mit dem Zusatz eines dicken und schweren

Gebetbuchs, das er in die linke und enge Fracktasche hineingezwängt

trug, während es ihm in dem schmalen Zipfel fortwährend in die

Kniekehlen schlug, war Mitonare aufgeputzt, und es läßt sich denken daß

er sich, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, an das freie Leben

seiner Inseln gewöhnt, nicht hätte leicht und behaglich fühlen können.

Aber dem armen kleinen Mann drückten auch noch andere Sorgen.

»Die schöne Zeit ist vorbei« sagte er traurig, »wo nur die Sterne die

Augen Gottes waren, und ich hineinschauen konnte, durch die funkelnden

Lichter bis tief in sein herrliches Reich. Mitonare ist unglücklich,

sein Glaube ist wankend geworden, und nun hat er den Weg verloren und

weiß nicht ob er gerade durch über die Berge und durch die Thäler weg

steigen und klettern, oder ein Canoe nehmen, und im seichten

Binnenwasser der Riffe langsam hinsteuern soll.«

»Armer Mitonare« lächelte Sadie, die noch immer nicht den ernsten Sinn

seiner Worte begriff -- »aber wer hat Dich nur so herausgeputzt in der

fremden Tracht, die Dir nicht paßt und zusagt?«

»Wer?« murmelte Bruder Ezra finster vor sich hin -- »wer? -- er hat noch

andere Sachen gethan. Wir sind arge Sünder und müssen jetzt entsetzlich

viel beten und Bibelstellen auswendig lernen, oder wir gehen Alle

rettungslos zu Grund -- Mitonare kennt das halbe dicke Buch, und die

andere Hälfte hat er auch gekannt aber wieder vergessen; nun muß er noch

einmal von vorn anfangen und -- und sein Vater und Großvater bleibt doch

in der -- da unten -- tief da unten.«

Der kleine, sonst so freundliche Mann schüttelte finster mit dem Kopf

und Sadie, seine Hand ergreifend sagte mit leiser unendlich rührender

Stimme:

»Es wird schon noch Alles gut gehen, Mi-to-na-re -- und Gott ist ja der

Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von

Deinem Haupte fällt -- so erzähle mir von Atiu -- von meinem Atiu -- was

sie dort treiben und thun und -- ob sie meiner noch manchmal freundlich

da gedenken. Ach kein Tag vergeht, wo ich die Wolken nicht neide die da

hinüberziehn, und mit meinen Gedanken, meinen Wünschen ihnen doch noch

so weit, so weit voraus bin.«

»Atiu« wiederholte der kleine Mann, langsam und freundlich mit dem Kopfe

nickend -- »mit dem stillen luftigen Haus und der kleinen lieben Kirche

-- wo die ~nahuitarava ia mere~[A] Abends gerad über unserem Dache stehn

und ihr mildes Licht auf uns heruntergießen; wo -- aber es ist auch

manches anders geworden auf Atiu« setzte er sinnend, und fast wie mit

sich selber redend, hinzu -- »die Leute werden zu klug und zu reich, und

dann ist's mit dem Frieden vorbei und dem Glück. -- Wie schön war Atiu

als es nur seine Palmen hatte und seine Pandangedeckten Hütten.«

[A] ~Nahuitarava ia mere~, das Gestirn des Orion.

»Wie schön war Atiu« wiederholte seufzend die junge Frau.

»Und vielen Besuch haben wir drüben gehabt« setzte der kleine Mitonare

mit noch fast ernsterer Stimme hinzu -- »lauter Leute die es gut mit uns

meinten, wie sie sagten, und die gekommen waren unsere Seelen zu retten,

und die uns entsetzlich viel versprachen wenn wir nur gerade da

hineinspringen wollten, wo die Anderen sagten daß es lichterloh mit Pech

und Schwefel brenne.«

»Waren Missionaire von Frankreich auf Atiu?« frug Sadie rasch und fast

erschreckt.

»Ich weiß nicht wo sie herkamen,« sagte der kleine Mann traurig, »aber

Wi-Wis waren darunter und Andere auch -- und -- sie haben uns wenigstens

das Herz schwer gemacht, mit ihren Versprechungen und drohenden Reden.«

»Und weiß Mr. Rowe daß die Fremden da gewesen?«

Mitonare lächelte fast wieder wie in alter Zeit und sagte schmunzelnd:

»Ob er es weiß; und Mord und Blut hat er vom Himmel heruntergebeten für

die -- die Götzendiener -- und der Himmel blieb blau« setzte er

unheimlich lachend hinzu -- »und dann kamen die anderen Männer und

sprachen vom lieben Gott, den sie ganz genau kennen wollten und der ihr

bester Freund sein sollte, und riefen auch wieder einen Feuerregen von

Pech und Schwefel nieder auf die Häupter ihrer Gegner -- und der Himmel

blieb _blau_!«

So scharf und grell stieß er dabei das letzte Wort aus, daß die kleine

Sadie, die bis jetzt ruhig und unbeachtet am Boden gespielt, erschreckt

in die Höhe fuhr und einen leisen Schrei ausstieß. Bruder Ezra drehte

sich rasch danach um und das Kind kaum am Boden erblickend, warf er, mit

Mißachtung jedes Unfalls, den Hut von sich auf die Erde, fiel neben dem

noch immer furchtsam zu ihm emporschauenden Kinde auf die Knie nieder

und rief mit, vor innerer Rührung fast erstickter aber auch jubelnder,

jauchzender Stimme:

»~Iti iti Pudenia, iti iti aiu, potii.~«[B]

[B] Kleine kleine Pudenia, kleines, kleines Herzchen, mein kleines

Mädchen.

Und die Kleine, die ihn erst staunend betrachtet hatte, streckte die

Händchen nach ihm aus und lachte ihm entgegen, und der gute kleine

Mitonare griff sie auf, nahm sie auf den Arm und sprang jauchzend mit

ihr im Zimmer umher, bis ihn das hinten wie wüthend über solches

Betragen schlenkernde Buch zum Einhalten zwang, so sehr sie sich Beide

darüber freuten. Jetzt hatte er aber auch, mit dem Kind, Alles

vergessen, was ihn bis dahin gedrückt oder weh gethan, und das Mädchen

nur herzend, das sich wunderbarer Weise Alles von ihm gefallen ließ, was

er mit ihr vornehmen mochte, als ob es gewußt hätte daß ihr von _dem_

Manne sicher nichts Uebeles drohe, plauderte er mit ihr das tollste

wildeste Zeug, nannte sie bei allen Schmeichelnamen und fing endlich

sogar an mit ihr in seinem gebrochenen Englisch, von dem er aber in den

letzten Jahren noch viel mehr vergessen als dazu gelernt hatte, zu

schwatzen und lachen und Geschichten zu erzählen aus Bibel und

Heidenzeit, von Meer und Land, wie es ihm durch den Sinn zuckte, dem

lieben lächelnden Kind gegenüber. Und Sadie stand daneben, die linke

Hand auf den Tisch gestützt und mit der rechten in den Locken des Kindes

spielend und seinen Scheitel streichend, während die kleine Sadie

jauchzte und lachte über den neuen wunderlichen Spielgefährten, ihre

Aermchen um seinen Nacken legte und ihn an den steifen Hemdkragen und

Halstuchspitzen zupfte. Und Mitonare ließ sich das Alles ruhig gefallen,

und hatte tausend und tausend Fragen und Liebkosungen für das Kind.

»Und wie lange bleibst Du auf Tahiti, Mitonare?« sagte da Sadie -- »hast

Du auch Atiu verlassen, und willst nicht wieder zurückkehren nach dem

lieben Land?«

Da wurde der kleine Mann plötzlich ernsthaft, setzte das Kind, das ihn

noch gar nicht lassen wollte nieder auf den Boden und sagte, recht

herzhaft mit dem Kopfe schüttelnd und einen scheuen Blick nach der Thür

werfend:

»Wär' es auf mich angekommen, hätt' ich die Insel nicht verlassen mein

Lebelang, außer Dich hier, Pudenia, vielleicht einmal wieder aufzusuchen

und -- wenn es anging, zurückzuholen zu Deinen alten Lieblingsstellen;

aber es ist jetzt eine schlimme Zeit -- die Leute sind irre geworden an

ihrem Gott und mit _Gewalt_ wollen sie die Liebe bringen, und mit Blut

den Glauben begießen, daß er wachse und gedeihe.«

»Aber ich verstehe Dich nicht« sagte Sadie.

»Sie haben was vor hier auf Tahiti!« fuhr der Bruder Ezra leise fort,

als ob er sich fürchte irgend ein Geheimniß zu verrathen, »was es ist,

weiß ich noch nicht, aber die Bibelstellen die Vater Rowe gepredigt

riechen nach Blut. Die Beretanis haben Kriegsschiffe hier, wie ich sehe,

aber die Wi-Wis sind auch nicht müßig, und vorgestern waren zwei große

Schiffe auf Atiu in Sicht, von denen Raiteo behauptet, daß sie den

~Feranis~ gehörten und viel Kanonen an Bord hätten mit Pulver und

schweren Kugeln.«

»Und was können unbewaffnete Menschen dagegen thun?« frug Sadie

wehmüthig mit dem Kopfe schüttelnd.

»Unbewaffnete, _Nichts_« erwiederte Bruder Ezra rasch, »aber Bewaffnete

desto mehr; Bibeln waren _nicht_ in den Kisten, die sie vom Bord

desselben Wallfischfängers, der jetzt, wenn mich nicht Alles täuscht,

hier im Hafen liegt, in Atiu an Bord und zu sicheren Verstecken in die

Berge schafften.«

»Die Missionaire werden nie die Hand reichen zu Gewalt und

Blutvergießen« rief Sadie.

»Wenn ich 'was nicht sehen mag, dreh' ich den Kopf weg,« sagte der

Mitonare trocken -- »es giebt Leute genug überall, die, einen Dollar zu

verdienen, leicht ein schlechtes Werk thun, wie viel eher denn nicht ein

gutes -- ihre Landsleute mit Waffen zu versehen, daß sie sich selbst

beschützen können.«

»Du nanntest erst Raiteo, Mitonare?« frug Sadie -- »wie geht es ihm und

was treibt er jetzt -- ist er ein besserer Mensch geworden?« --

»Was er in diesem Augenblicke treibt weiß ich wahrlich nicht«, sagte der

kleine Mann finster, »aber als ich kam stand er draußen auf Posten, und

ging dann mit dem ehrwürdigen Bruder Rowe in die Stadt zurück; -- ist

nicht das erste Mal daß sie in einem Joche ziehn.«

»Raiteo hier auf Tahiti?« rief Sadie erstaunt.

»Raiteo Mitonare« erwiederte Bruder Ezra trocken.

»Mitonare? -- Raiteo? der seinen Vater verrathen würde um ein Stück

Kattun zu verdienen oder ein Stück Geld?«

»Raiteo Mitonare« bestätigte aber auf das Bestimmteste der kleine Mann

und setzte, langsam dabei mit dem Kopfe nickend hinzu -- »Menschen sind

einmal bös, und dann wieder gut -- Raiteo hat seine Sünden eingesehen

und ist frommer Mann geworden -- aber trägt noch keine Hosen« fügte er,

trotz aller Unbequemlichkeit, doch mit einem gewissen Grad von

Eifersucht hinzu; »hat noch sein Lendentuch und seine nackten Beine und

bloßen Kopf -- und nur am Sabbath in der Kirche einen Frack -- kann nicht

gut ohne Frack in die Kirche kommen.«

»Raiteo Mitonare« wiederholte aber wiederum Sadie, die sich noch immer

nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte -- »und das auf Atiu -- wo sie

ihn kennen.«

Bruder Ezra verneinte das aber. Auf Atiu eigentlich nicht, der Wahrheit

die Ehre zu geben, denn wenn auch sein frommer christlicher Sinn dort

gerade bei ihm zum Durchbruch gekommen, habe doch auch Manches wieder,

gerade in der Erinnerung der Bewohner der Insel, gegen ihn gesprochen

und Bruder Rowe, der sich von seiner wirklichen Sinnesänderung

überzeugt, hätte ihn eben nur mitgenommen, um ihn vielleicht mit bei

der, in den nächsten Tagen zu haltenden Versammlung von

»Kirchenältesten« zu wissen und dann auf irgend eine der Nachbarinseln,

auf denen er nicht gerade persönlich bekannt sei, zu versetzen.

Sadie blickte erstaunt auf den kleinen Mann, denn eine wunderbare

Veränderung war jedenfalls in dessen ganzem inneren Wesen vorgegangen.

Er, der noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den Lippen der

Missionaire in frommer, furchtsamer Scheu gelauscht, und weit eher an

seiner eigenen Existenz, als an der Wahrheit ihrer Sätze und

Glaubensformeln gezweifelt hätte, sprach jetzt, selbst von dem

strengsten ihrer Schaar, gleichgültig; ja Sadie konnte sich über den

Ausdruck in seinen Zügen und Worten nicht länger täuschen, fast

ironisch, und das bittere Lächeln das um seine Lippen spielte mochte der

_Furcht_ noch den Platz gönnen, aber strafte die Ehrfurcht Lügen.

Bruder Ezra schaute noch eine Zeit lang gerade vor sich nieder, er

fühlte daß Sadiens Blick auf ihm haftete -- daß sie die Veränderung

entdeckt die in ihm vorgegangen, und scheute sich auch gerade ihr

vielleicht das zu gestehen, was in ihm arbeitete -- was ihm den Schlaf

raubte und den Frieden und ihn manchmal wie eine furchtbare Sünde

drückte und doch auch wieder mit jedem Tage, in seiner nächsten Umgebung

selbst, die neue Nahrung fand. Als er aber einmal scheu und flüchtig den

Blick zu ihr aufschlug, und die zärtliche, liebende Angst sah die aus

diesen treuen Augen leuchtete, da mochte es ihm wohl durch das Herz

zucken, daß sie -- seine Pu-de-ni-a, sein liebes liebes Kind das er

gehegt und gepflegt und wie einen Augapfel gewahrt -- ja das zu ihm bis

jetzt mehr wie zu einem zweiten Vater als einem Freunde aufgesehen,

Schlimmes -- Schlimmeres von ihm denken könne als er ertragen mochte, und

in _der_ Furcht die Hand bittend gegen sie ausstreckend sagte er leise:

»Mitonare ist kein böser Mensch geworden, Pu-de-ni-a; er liebt seinen

Gott und -- thut auch -- thut Alles was in der Bibel steht aber --

andere Männer, Männer die auch sagten daß sie der liebe Gott geschickt

-- sind zu ihm gekommen und haben ihm, wo er in Verzweiflung war, Trost

gebracht -- wo er weinte, seine Thränen getrocknet, wo er unschlüssig

stand, einen neuen Pfad gezeigt und -- wenn er sich auch bis jetzt noch

nicht getraute den neuen Pfad zu wandeln -- hat er doch bis jetzt --«

Er stockte, als ob er sich nicht mehr getraue weiter zu reden, und Sadie

fuhr langsam und traurig seine Hand ergreifend fort:

»Den alten Pfad seiner Religion verlassen und nur die äußere Form

beibehalten, seinen Gott damit zu täuschen.«

»Aita Pudenia, aita« -- rief aber der kleine Mann da rasch und ängstlich

vielleicht, weil er die Wahrheit wenigstens eines Theils des Vorwurfs

fühlte -- »nein Kind, nicht meinethalben bin ich wankend geworden im

rechten Pfad, nein die Mitonares selber tragen die Schuld, die einander

anfeinden und schimpfen, und Heiden- und Götzenanbeter nennen, während

sie Alle allein behaupten, den rechten und auch alleinigen Glauben zu

haben, dessen Feinde Gott mit seiner Rache heimsuchen und von der Erde

vertilgen müsse. Was mir aber am Herzen nagte, das Schicksal von altem

Mann Vater -- von der _Mutter_, die noch gar Nichts von einem anderen

Glauben gewußt, ja ihn kaum nennen gehört, und die nun doch rettungslos

sollten verloren sein und verdammt, das that mir weh, und als der andere

Priester kam und mir die Aussicht stellte, ich könne durch fleißiges

Beten und frommen Wandel ihre Seligkeit auch gewinnen, von dem

allbarmherzigen Gott, und als Bruder Aue dagegen donnerte mit allen

Waffen der heiligen Schrift, da zuckte und zog es mir im Herz, und böse

Gedanken stiegen auf in mir, und ließen mich nicht rasten und ruhn, und

jetzt weiß ich nicht -- hat der Eine recht und sind sie unrettbar

verdammt zu ewigem Feuer, oder der Andere und ich begehe eine

entsetzliche Sünde, wenn ich mein Leben dann nicht ihrer Rettung weihe

wo ich die Mittel dazu vielleicht in Händen habe. Armer Mitonare« setzte

er dann traurig hinzu -- »ist recht bös daran, soll anderen Kanakas den

Glauben bringen und weiß selber nicht -- Und wenn der alte Mann nun doch

am Ende recht hätte.«

»Was für ein alter Mann, Mitonare?« frug Sadie erstaunt. Bruder Ezra

aber hob rasch und erschreckt den Finger an die Lippen und sich scheu

umsehend, sagte er langsam und vorsichtig:

»Pst -- Pudenia, pst, das war ein wunderbarer, furchtbarer alter Mann

und er kam und ging in einem Sturm.«

»Und was that er bei Euch auf Atiu?«

»Wie er sagte kam er von den Inseln zu Leewärts, Handel zu treiben und

Cocosöl und Perlmutterschaalen einzukaufen in seinen kleinen Cutter,

aber er sprach furchtbare Sachen und mich schauderts wenn ich daran

denke -- wenn ich darüber nachsinne.«

»Aber was sprach er so Entsetzliches?« drängte die Frau.

»Pu-de-ni-a,« sagte da Mitonare, der Frage jetzt noch ausweichend, oder

sie durch eine andere beantwortend -- »hast Du schon einmal an einem

Abgrund -- am äußersten Rand einer schwindelnden Höhe gestanden, und ist

Dir da nicht das Gefühl gekommen, als ob Du hinunterspringen möchtest in

die Tiefe, daß Du den Platz nur schnell verlassen mußtest in Furcht und

Grauen?«

Sadie nickte, noch in der Erinnerung schaudernd.

»Siehst Du, _so_ war es mir, wenn ich den Worten des alten weißen Mannes

lauschte,« flüsterte der kleine Indianer und nickte still vor sich hin.

»Er trug einen langen weißen spitzen Bart, und die kleinen blitzenden

Augen lagen wie zwei glühende Kohlen unter den buschigen Brauen -- Sein

ganzes Gesicht hing dabei in dichten Falten, die kein Alter mehr

erkennen ließen auf der Haut, und er mußte _sehr_ alt sein, denn er

hatte die Welt gesehn von dem Theil wo das Wasser zu Stein wird in

grimmiger Kälte, bis zu wo die Sonne Abends in ihr Lager sinkt, und er

sprach von Gott und den Sternen als ob er da oben zu Hause gehöre und

zwischen den Sternen gewandelt hätte wie in einem Garten.«

»Aber er glaubte an Gott?« frug Sadie leise und scheu.

»Er hatte denselben Namen dafür wie wir -- Jehovah,« sagte der kleine

Mitonare, »aber er verleugnete« -- setzte er leise, fast flüsternd hinzu

-- »er verleugnete den Heiland.«

»Gütiger Gott!«

»Er leugnete Jesus Christus« bestätigte da Mitonare »und mir lief's wie

Fieberfrost durch die Adern, als ich mit ihm allein in dem stillen Haus

saß und der Weststurm um das Dach heulte, daß die flackernden Oelflammen

hoch aufschlugen in rother Gluth, und der magere alte bärtige Mann mir

von dem Heiland erzählte der nur ein Mensch gewesen sei wie wir Alle --

aber ein guter Mensch, und von seinen Neidern und den reichen Leuten,

die fürchteten daß er durch seine Reden das Volk gegen sie aufwiegeln

würde, an das Kreuz geschlagen wurde, da elendiglich umzukommen.«

»Er verleugnete Gottes Sohn,« sagte Sadie schaudernd.

»Ja, und er trieb Spott über Alles, was selbst die Wi-Wis für heilig

halten« nickte der Kleine »und doch, doch lauschte ich ihm gern, denn

sein Gott war ein Gott der Liebe und der Gnade, und alle Menschen waren

seine Kinder, _alle, alle_ nahm er auf zu sich, Kanakas und Weiße,

Beretanis und Feranis, wenn sie gut und redlich lebten und seinem Worte

folgten; und mein Vater und meine Mutter -- ach Pudenia es war wohl

recht sündhaft daß ich seinen Worten so gerne horchte -- aber mein Vater

und meine Mutter waren auch eingegangen zu seiner Herrlichkeit, wenn sie

nicht sonst recht schlechte und böse Menschen gewesen. Seit der Zeit nun

sind meine Gedanken nicht mehr mein eigen« fuhr der kleine Mann

trübselig fort; »seit der Zeit härm' ich mich und gräm' ich mich und

mache mir Sorge und Kummer, und Nachts kommt der Böse und lockt mich mit

seinen Schmeicheltönen, und am Tag seh ich, wo ich auch bin, den Alten

neben mir, wie er sich den Bart streicht und mit den scharfen

abgestoßenen Worten mir doch Trost und Hoffnung in die Seele gießt. Seit

dem Tag ist der kleine Mitonare ein anderer verzweifelter Mensch

geworden, der mit dem dicken Gebetbuch in der Tasche herumläuft, und

nicht den Muth hat hineinzusehen, dem das Blut in den Adern gerinnt wenn

er an den zornigen Gott denkt, wie ihn die weißen Mitonares lehren, und

der demselben Gott doch immer wieder, und trotz allen Schilderungen zu

Füßen fallen, und ihn Vater, Jehovah nennen möchte, wie ein Kind seinen

eigenen Vater ruft, den es nicht fürchtet, aber von Herzen, recht von

Herzen liebt.«

»Du armer, armer Mitonare« sagte da Sadie mit ihrer weichen Stimme,

mitleidig des alten kleinen Mannes Hand ergreifend, und sie leise

streichelnd; »bete Du armes geprüftes Herz, bete recht aus tiefster

Seele zu Deinem Heiland daß er Dich führen und schützen möge auf Deiner

Bahn, und den rechten Pfad durch Nacht zum Licht -- bete daß er Dir die

Wahrheit zeige zu Seinem Preis, und Dich eingehn läßt zu Seiner

Herrlichkeit. Aber verzage nicht, fürchte Dich nicht, denn gerade in der

tiefsten Noth ist er Dir ja auch am nächsten und hört die Stimme Seines

Kindes die zu ihm ruft, und die Hand ausstreckt nach ihm, um Schutz und

Hülfe.«

»Was ist _das_?« sagte da plötzlich der Mitonare, dessen Blick in tiefem

schmerzlichem Sinnen hinausschweifte über die See, und der jetzt das

Boot eines Kriegsschiffes, von acht Matrosen gerudert, um die nächste

Landspitze kommen und gerade auf das Haus zu halten sah. Hinten am Heck

wehte die französische Flagge.

»Ein Boot der Feranis« sagte Sadie ruhig, »das wahrscheinlich nach

Papara hinunter will und sich dicht an der Küste, des ruhigen Wassers

wegen hält -- sie kommen oft hier vorüber.«

»Dann hätten sie die Korallenspitze vermeiden müssen, die jetzt zwischen

ihnen und dem Fahrwasser der Binnenriffe liegt« sagte der Mitonare, der

mit einem Blick den Charakter der Bai überschaut hatte, und jetzt

aufmerksamer als vorher hinüberblickte. »Sie können nur hierherwollen,

wie auch ihr Bug zeigt, oder sie müßten die ganze Strecke wieder zurück.

Hinten neben dem steuernden Mann sitzen zwei Officiere der Wi-Wis und

neben ihnen --«

»Heiliger Gott -- neben ihnen _liegt_ Jemand auf der Bank« rief aber

auch in diesem Augenblick Sadie in Todesangst, der die böse Ahnung, die

ihr den ganzen Morgen die Brust erfüllt, mit mächtiger Kraft zurück zum

Herzen drängte -- »René!«

»René?« rief Bruder Ezra erschreckt -- »was hat der tollköpfige Wi-Wi

wieder angestellt, daß ihn die eigenen Landsleute gefangen haben

sollten? -- aber das Boot dreht doch vielleicht ab von hier --«

Sadie antwortete ihm nicht -- in sprachloser Angst und Erwartung hing

ihr Blick an dem rasch näher kommenden Fahrzeug, das von den elastischen

Rudern getrieben rauschend durch die Wellen schäumte -- schon glaubte

sie die Züge des Officiers zu erkennen, der hinten lehnte und auch sie

war jetzt von den im Boote Befindlichen erkannt worden. Die auf dem Sitz

liegende Gestalt richtete sich halb empor und winkte herüber, und mit

lautem Aufschrei flog sie hinaus an den Strand, flog, ihre Europäischen

Kleider vergessend, hinein in die klare Fluth dem Boot entgegen, denn

darin lag, bleich und blutend, wenn er auch freundlich jetzt

herüberwinkte -- ihr Gatte -- lag René.

Im nächsten Moment schoß das Boot heran, die Matrosen der Backbordseite

warfen ihre Riemen mit einem Schlag empor und Bertrands Hand streckte

sich dem armen Weib entgegen, dessen stierer und entsetzter Blick nur an

dem bleichen Antlitz des Verwundeten hing. In demselben Moment fast

berührte das Boot den Strand, und ein Theil der Matrosen sprang über

Bord ihn an Land zu tragen.

»Aber Sadie« flüsterte René halb vorwurfsvoll, halb verlegen der jungen

Frau die Hand hinüberreichend -- »was machst Du für tolle Streiche,

wildes Mädchen?«

»Du bist verwundet« war Alles was die Frau in fast athemloser Angst über

die Lippen bringen konnte.

»Unsinn« lachte aber dieser, »eben nur die Haut geritzt, und _hergehn_

hätt' ich können, hätte nicht Bertrand hier in übergroßer Besorgniß

darauf bestanden mich her zu _fahren_.«

»Die Wunde ist unbedeutend, Madame« bestätigte aber auch jetzt der junge

Officier, der an Land gesprungen war und eine fast unwillkürliche

Bewegung machte die junge Frau hinauf und zum Haus zurückzuführen, wohin

jetzt vier kräftige Matrosen auf einer der Boot Doften den Verwundeten

trugen. Sadie aber ließ des Gatten Hand nicht los und während sie sich

ängstlich an ihn schmiegte, fuhr der junge Officier fort: »Ich fürchtete

nur eine mögliche Entzündung, wenn er den langen Weg in der Sonnenhitze

hätte zu Fuß zurücklegen sollen; wenige Tage werden ihn wieder

hergestellt haben.«

»Aber was ist geschehn, um des Heilands Willen« bat Sadie.

Bertrand biß sich auf die Lippen und René sagte finster:

»Nichts von Bedeutung Kind; ein doppelter Aderlaß einer neckischen

Göttin zum Opfer gebracht -- das Fleisch heilt bald -- aber -- wer ist

das da drüben? -- Mi-to-na-re? -- bei Allem was da lebt -- in Hosen

und Strümpfen -- Mitonare« und dem kleinen, auf ihn zueilenden Mann die

Hand entgegenreichend schüttelte er sie fest und herzlich und -- wandte

den Kopf zur Seite, denn gerade in diesem Augenblick traf ihn die

Erinnerung an Atiu wie ein Stich in's Leben, und trieb ihm das Wasser

hinauf in die Augen, das er den Seeleuten bergen wollte.

»Böser Wi-Wi!« rief aber auch jetzt der kleine Missionair wieder in

seinem tollsten Englischen Kauderwelsch, das er mit dem Europäer glaubte

sprechen zu müssen, »~aita maitai~ -- macht ~ole manni~ viel Sorge --

leichtsinniger Kopf der in dicken Bambus fährt und durchwill -- läßt

kleine Pu-de-ni-a zu Haus und kommt nachher angefahren, blutig und blaß

und jagt ihr den Todesschreck in die Glieder, daß sie auch krank wird

und stirbt.«

»Pu-de-ni-a!« sagte leise René und drückte die Hand des treuen Weibes,

die in der seinen ruhte, »und Du lieber wackerer Freund,« wandte er sich

dann plötzlich im reinsten Tahitisch zu dem, darüber aufs Aeußerste

erstaunten Mitonare »wo kommst Du her, was treibst Du, wie geht es Dir?

-- und willst Du bei uns bleiben jetzt auf Tahiti?«

Ehe aber der Mitonare die rasch hintereinander an ihn gerichteten Fragen

beantworten konnte, verbot der mitgekommene Schiffsarzt jede weitere

Aufregung, bis er die, allerdings nicht gefährliche aber in einem heißen

Klima doch immer zu beachtende Wunde erst nochmals untersucht und wieder

verbunden hätte. Vor allen Dingen müsse der Verwundete in ein kühles

Zimmer geschafft werden, dort die nöthige Pflege zu finden.

Sadie besorgte das Alles mit zitternder Hast, häufte Matte auf Matte,

ihm ein kühles und weiches Lager zu bieten, und wechselte erst ihre

eigenen, durchnäßten Kleider, als sie den Gatten mit allem versorgt, was

ihre liebende Hand für ihn bereiten konnte. Die Wunde war allerdings

nicht gefährlich, ja nicht einmal bedeutend, und die Kugel ihm eben nur

durch den oberen Theil des Armes dicht an der Schulter durchgegangen,

ohne den Knochen weiter zu verletzen, Blutverlust und Ermattung hatten

ihn aber doch erschöpft und als der zweite Verband mit Sadiens Hülfe

angelegt war, fiel der Leidende in einen sanften aber festen Schlaf, in

dem ihn der Arzt nicht gestört haben wollte, und selbst Sadie bat das

Zimmer zu verlassen. Nur Mataoti mußte bei ihm zurückbleiben, um zu

rufen sobald er wieder erwachen würde.

Am Strande lag unterdessen das Boot schon wieder zur Abfahrt gerüstet,

und Bertrand wollte eben Abschied nehmen von Sadie, an Bord

zurückzukehren, als diese seinen Arm ergriff und ihn mit leiser, aber

dringender Stimme bat, ihr die Ursache der Verwundung anzugeben, die sie

mit peinlicher Angst, sie wisse selber eigentlich nicht recht, warum?

erfülle. Der junge Mann zögerte erst verlegen mit der Antwort, aber er

fühlte auch, wie er ihr dieselbe eigentlich nicht verweigern durfte, und

erzählte ihr jetzt mit so kurzen und schonenden Worten als möglich, wie

jener Officier, nach den gestrigen Vorgängen, nicht umhin gekonnt habe,

Europäischen Begriffen von Ehre nach, René zu fordern, und wie sie sich

heut Morgen, unfern der Stadt mit ihren Secundanten getroffen und

geschossen hätten. Rodolphe, sein Gegner, habe zuerst gefehlt und eine

leichte Streifwunde bekommen, aber dann hartnäckig darauf bestanden den

zweiten Schuß zu thun. Die Secundanten konnten ihm den nicht weigern und

von beiden, ziemlich zugleich gefeuerten Kugeln sei René in die

Schulter, Rodolphe durch die Brust getroffen. Der Gegner lebe zwar noch,

aber die Wunde sei ziemlich gefährlich; René habe übrigens für seine

Sicherheit nicht das Mindeste zu befürchten, setzte er rasch hinzu, denn

selbst im unglücklichsten Fall stehe er gerechtfertigt da. Er hatte

nichts Anderes gethan als sich vertheidigt.

Sadie wurde todtenbleich -- ihr Gatte verwundet, vielleicht ein Mörder

-- ihrethalben, mit dieser Last auf seiner Seele, und zugleich der

irdischen Gerechtigkeit für blutige That verfallen, denn mit Entsetzen

dachte sie daran, wie gerade jetzt die englischen Schiffe die Obermacht

im Hafen hätten und kaum einen Fall vorübergehn lassen würden, einen aus

dem ihnen feindlichen Stamm zu Rechenschaft zu ziehen vor ihr Gericht.

Bertrand schüttelte aber bei der laut gewordenen Besorgniß lachend mit

dem Kopf.

»Die englische Herrschaft ist vorbei« rief er, trotzig den Kopf

emporwerfend; »Großbritannien erkennt das Französische Protectorat an,

und zieht seine Schiffe zurück -- ja noch mehr, in der Nähe einer der

Nachbar-Inseln sind schon zwei Französische Kriegsschiffe -- jedenfalls

~Du Petit Thouars~ mit seiner Flotte im Aufkreuzen gesehen worden, und

die Tricolore herrscht von jetzt an auf Tahiti.«

»Zwei französische Schiffe sind gesehen worden? -- und von wem habt Ihr

die Nachricht?« frug Sadie rasch, und ein Gedanke an Raiteo durchblitzte

ihr Hirn.

»Kleine Fahrzeuge kreuzen herüber und hinüber« antwortete der Officier

-- »wir haben überall unsere Wächter; aber sehn Sie Madame daß ich recht

hatte? -- dort über den Riffen draußen segelt der Talbot vor dem Wind,

diese Küsten zu verlassen, und ha -- dort kommt auch der Vindictive,

schwerfällig seine weiten Segel entfaltend. Halt meine Burschen -- Ruhe

bis wir draußen in See sind,« unterbrach er sich rasch, dem eben

ausgebrochenen Jubelruf seiner Leute zu wehren -- »der Kranke schläft

und Ihr dürft ihn nicht wecken durch Euer Hurrah. Doch jetzt auch nach

Papetee zurück, denn wir werden dort alle Hände voll zu thun bekommen,

und heute Abend, wenn es geht, komm' ich einen Sprung herüber, mich nach

dem Befinden unseres lieben Kranken zu erkundigen. So Adieu Madame, auf

ein froheres Wiedersehen«, und sich freundlich gegen sie neigend sprang

er auf den Rand des hinangezogenen Bootes und hinein, wo der Arzt schon

seinen Sitz wieder eingenommen hatte, die Leute liefen damit hinaus in

tieferes Wasser, folgend, sobald sie das schwanke, scharfgebaute

Fahrzeug flott fühlten, und wenige Minuten später zischte und preßte der

Bug wieder gegen die crystallene Fluth an, sie in leichten Kräuselwellen

zur Seite werfend, der nächsten Landspitze zu, um die es bald darauf

verschwand.

»Was sagte der Wi-Wi von den Schiffen da draußen?« frug aber jetzt der

Mitonare, der dem ihm unverständlichen Gespräch besonders so erstaunt

gelauscht, weil seine kleine Pudenia die fremde ihm unbegreifliche

Sprache so geläufig sprach, und dem dabei die zwei großen Schiffe die

jetzt erst in Sicht gekommen und augenscheinlich von der Insel

fortsegelten, ebenfalls aufgefallen waren.

»Es sind die Englischen Kriegsschiffe, die den Hafen verlassen« sagte

Sadie.

»Den Hafen _verlassen_?« wiederholte erstaunt der kleine Mann -- »und

Bruder Aue hat uns davon ganz andere Geschichten erzählt -- puh, puh,

und die Wi-Wis kommen mit großen Schiffen angesegelt -- böse Sachen,

böse Sachen -- wo bleibt da _unser_ Gott?«

Sadie hörte gar nicht was er sprach -- vor ihrem inneren Auge lag der

verwundete Gatte, lag sein blutendes Opfer, und während die hellen

Thränen ihr still und schwer die Wangen niederträuften, murmelte sie mit

leiser, schmerzerfüllter Stimme:

»Verloren -- verloren -- Glück und Frieden dahin -- oh armer armer Vater

Osborne, wie gut daß Du still und ruhig in der kühlen Erde liegst -- wenn

nicht der frühere Gram -- der Tag hätte Dein treues Herz gebrochen.«

»Ja, Vater ~O-no-so-no~,« seufzte der kleine Mann, seinen Hut wieder

ergreifend und aufsetzend, unter dem das breite, dunkle, gutmüthige

Gesicht gar so komisch und widernatürlich aussah -- »Vater

~O-no-so-no~ war ein guter Mann, und wären sie alle so gewesen wie er --

Aber ich muß in die Stadt hinüber,« unterbrach er sich selbst, »denn die

Versammlung soll heut' Morgen sein und Mitonare Ezra und Mitonare Raiteo

sind von Atiu geschickt und sollen keine Wi-Wis haben wollen. ~Gu-bei~

Pudenia, ~gu-bei~ -- Nach der Versammlung kommt Mitonare wieder hierher

zurück und bleibt bei tollen Wi-Wi, bis er gesund ist und bei kleine

Pudenia ~iti iti~ --«

Damit wandte er sich und verließ den Garten; das schwere Gebetbuch aber

in dem langen schmalen Frackzipfel fing wieder an zu schlenkern, und er

nahm den Zipfel bedächtig in den linken Arm und verfolgte langsam seinen

Weg, ohne sich weiter umzusehen. Und Sadie schaute ihm schwer

aufseufzend nach, als sie die kleine komische in so entsetzliche

Kleiderformen gezwängte Gestalt den Weg hinabgehen sah, und daran dachte

was für ein einfach natürliches Herz unter den unnatürlichen Stoffen

schlage; aber der Ernst des Augenblicks wandte ihre Gedanken bald wieder

dem ab, und dem Gatten zu, und nur wenige Minuten später saß sie am Bett

des Schlafenden, ihr Kind auf dem Schoos, den Schlummer des Kranken

bewachend und von seiner fieberheißen Stirn Mosquito und Fliege fern

zu halten.

Auch nach Aumama hatte sie hinübergeschickt, ihr beizustehn, wenn sie

irgend einer Hülfe bedürftig sein sollte; Aumama war aber früh am Morgen

nach Hause zurückgekehrt, und hatte ihre Kinder geweckt und mit

fortgenommen, Niemand wußte wohin; Lefévre war ebenfalls nirgends zu

sehen und zu finden, und das Nachbarhaus lag wie ausgestorben.

Capitel 2.

Pomare und ~Du Petit Thouars~.

Papetee war in furchtbarer Aufregung; schon am frühen Morgen liefen

dumpfe Gerüchte durch den kleinen Ort, die Englischen Kriegsschiffe

machten sich zum Auslaufen fertig und ganz in der Nähe wäre dafür schon

~La Reine Blanche~, mit dem gefürchteten Admiral ~Du Petit Thouars~ an

Bord, gesehen worden, deren Kanonen jetzt aufs Neue das kleine Häufchen

Protestantischer Christen preisgegeben sein würde.

Die Capitaine der beiden Englischen Fahrzeuge waren am vergangenen Tag

lange Zeit an Land und der Capitain des Talbot sogar mehrere Stunden mit

dem zurückgekehrten Englischen Consul und früheren Missionair

Pritchard zusammen gewesen, und dieser also allein konnte wirkliche

Aufklärung über das sonst unbegreifliche Zurückziehn der Englischen

Streitmacht geben. Zu dessen Haus strömte nun auch die Masse, Erklärung

fordernd, wo die britische Hülfe, der britische Schutz bliebe, der ihnen

den Uebergriffen der Franzosen gegenüber so fest war versprochen worden

-- offene Erklärung, was der nach England gesandte Missionair dort

ausgerichtet, und welchen Beistand die Königin von England der in ihren

Rechten gekränkten Pomare zugesichert und zugesagt habe.

Mr. Pritchard tröstete sie mit dem Beistand Gottes, der die Seinen nicht

zu Schanden werden lasse, und berief eine Versammlung der Geistlichen

von Papetee, die nächsten und nöthigsten Schritte zu berathen, falls

eine Französische Flotte Tahiti wirklich aufs Neue heimsuchen würde.

Darüber sollten sie aber nicht lange in Zweifel bleiben, nur wenige Tage

später lief allerdings wieder ein kleines Englisches Kriegsschiff, eine

sogenannte ~catch~ von nur 200 Tons ein, aber nur um die anderen Schiffe

abzulösen und sich ruhig und ohne weitere Demonstration in der Bai vor

Anker zu legen (es war der ~Basilisk~) und bald danach wurden von den

Höhen Schiffe signalisirt, die auf Tahiti zuhielten. Zwei zusammen

kreuzende Segel erschienen in Sicht, und die Angst vor der ~Reine

blanche~ gab dem größten der Schiffe schon lange ihren Namen, ehe nur

Takelage und Bau des Fahrzeuges so weit erkennbar wurden, den

schlimmsten Verdacht zu bestätigen.

Am anderen Morgen ankerten die Kriegsschiffe in der Bai von Papetee, von

ihrem Heck flatterten die französischen Nationalfarben und das Echo der

Berge gab den donnernden Eisengruß der Fremden dumpf und grollend

zurück, wie zürnend, die ungebetenen Gäste auf's Neue in seiner Nähe zu

wissen.

Herzlicher gemeint waren aber die Freudensalven der ~Jeanne d'Arc~, die

den in so trotziger Stärke einlaufenden Landsleuten entgegenjubelten. --

Ihre Lage, von den Englischen Schiffen überwacht, war ihnen schon lange

eine drückende ja unerträgliche geworden, noch dazu da ein Theil des

Volks schon bei mancher Gelegenheit -- ob dazu aufgereizt oder nicht --

die Feranis suchte fühlen zu lassen, daß man weder ihren Gott noch ihre

Regierung wolle und sich unter dem Schutz der Beretanis sicher genug

fühle, ihren Uebergriffen nun etwa trotzen zu können. Der von England

zurückkehrende Consul und Missionair hatte dabei in seiner

zuversichtlichen Haltung ihren schlimmsten Befürchtungen noch eine Art

von Bestätigung gegeben, und die Mannschaft der ~Jeanne d'Arc~

ersehnte unter solchen Umständen den Augenblick, wo sie den Befehl zum

Rückzug erhalten würde, die schon halb occupirten Inseln wieder ihrem

früheren Oberherrn, oder vielmehr der Herrschaft der Missionaire zu

überlassen.

Welchen Unterschied hatten da die letzten wenigen Tage hervorgerufen;

die stolzen Englischen Fregatten, die bis jetzt die Interessen der

Tahitischen Königin überwacht, ließen den Feind derselben, der schon

öfter die Hand nach dem ganzen Reiche ausgestreckt, und nur immer die

vielleicht bösen Folgen zu gierigen Zulangens gefürchtet, jetzt im

ruhigen unbestrittenen Besitz der ganzen Inseln, und während die

Missionaire in Bestürzung und Zorn gerade die Schiffe in dem

entscheidenden Moment absegeln sahen, deren Feuerschlünde sie als von

England gesandt proklamirt hatten, den wahren Glauben wie seine

Vertreter zu schützen, wagten sie es noch nicht einmal den Tahitiern den

ganzen Umfang ihrer Befürchtungen mitzutheilen, und von ihnen ausgehend

lief bald darauf das beruhigende Gerücht durch Papetee: die Engländer

seien blos ausgesegelt die Marquesas-Inseln ebenfalls von dem Druck des

Französischen Joches zu befreien, und wenige Wochen später würden sie

mit Verstärkung zurückkehren die Macht der Christlichen

Protestantischen Kirche, wenn es sein müßte, mit Gewalt der Waffen

aufrecht zu erhalten. -- Es war das ihre letzte Hoffnung.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band. · 第 1 / 8 题