Man versenkte sich in das Wesen des Kunstwerks und seiner Wirkung,

man lernte in dem simplen Naturausschnitt das abgeschlossene Bild

erkennen, lernte noch einmal zeichnen, nicht im akademischen Sinne

der kalligraphisch-schönen Linie, sondern im Sinne der Japaner, in

genauester Beobachtung des Wesentlichen in Form und Bewegung, in

organischem Zusammenhang -- und doch vereinfachend, stilisierend -- mit

einem Hang zur monumentalen Auffassung; man lernte auch auf neue Art

sehen. Das Auge wurde empfindlich selbst für die feineren Intervallen

des Tones, und man stimmte die Werte vornehmer als früher, -- zu

deutsch: -- man lernte malen, man empfand die Freude an der Farbe.

Und zu dem kam noch, daß man der Forderung dekorativer Kunst, des

Flächenschmuckes, der Raumverteilung voll bewußt wurde.

[Illustration: Abb. 147. _Th. Th. Heine_: Aus d'Aubecq »Die Barrisons.«]

[Illustration: Abb. 148. _Th. Th. Heine_: Aus d'Aubecq »Die Barrisons.«

(Verlag von Schuster & Löffler in Berlin.)]

Die Schulung in Zeichnung und Farbe wurde eine allgemeine. Verstaubte

Regeln hing man an den Nagel; jeder trat als einzelner Kämpfer der

Natur gegenüber, sah sie in ihrem ewig wechselnden Spiel der Stimmungen

und suchte ihrer Herr zu werden auf seine Weise.

Der Reiz der Stimmung, des Unwägbaren, der Beziehungen der Dinge zu

einander -- eines Dorfes zu seiner landschaftlichen Umgebung, eines

Menschen zu seinem Wohnraum -- erschloß sich den Jungen. Mit einem

Wort: Der Reiz des Milieus. Ebenso wie der Reiz des Unmittelbaren,

Unfertigen, Halbempfundenen, Halbverschwiegenen, der Mache -- der Reiz

der künstlerischen Impression. Wir, die Beschauer, die Außenstehenden

lernten bald die persönliche Sprache der Zeichner schätzen, lernten uns

freuen an ihrer neuen, eigenartigen Stilistik.

All dieses Sehnende, Werdende: Liebe, Abscheu schroffer

Persönlichkeiten -- sprach sich auch besonders stark in der Karikatur

aus. Sie dehnte sich aus, wollte tiefer wie vordem in das politische

und soziale Leben Deutschlands eingreifen, und sie gewann an

künstlerischem Wert, indem sie sich enger und fester an das Dasein

anschmiegte, es reicher und besonders formvollendeter bespiegelte.

[Illustration: Abb. 149. _Heine_: Bilder aus dem Familienleben.

»Pfui, Cäsar, schämst du dich nicht, eine so schmutzige Hose in den

Mund zu nehmen!..« (Verlag von Albert Langen, München.)]

Es soll gewiß nicht geleugnet werden: diese junge Bestrebung, welche

oft ebenso rücksichtslos wie anspruchsvoll im »Simplicissimus«, in der

»Jugend« und dem gestrandeten »Narrenschiff« debütierte, die, wenn auch

ein wenig verflaut, in den »Lustigen Blättern« sich bewährt hat, die

im »Süddeutschen Postillon« unter der geschickten Leitung von Eduard

Fuchs sich künstlerisch hervorthut -- sie hat manchen Fehlgriff gethan,

viele zurückgestoßen durch einseitige oder absichtlich verzerrte

Betrachtungsweise. Sie muß noch weite Strecken sich unterthan machen,

wird noch manche Wandlungen erfahren müssen, noch lange Zeit vieles

und viele von sich abstoßen. Aber bei alledem hat sie Gutes geleistet,

Neues und Wertvolles geschaffen, in kurzer Lebensdauer eine Anzahl

starker Begabungen erweckt.

Schon durch die Neuerung des Druckverfahrens, die Zinkätzung, die

Anwendung einiger weniger Farbenplatten u. s. f., wurde der Karikatur

eine bisher ungeahnte Größe und Geschlossenheit der Wirkung gegeben.

Jetzt hieß es für diese neuen Mittel aus anderen Gesichtspunkten --

wie vordem -- schaffen. Jetzt mußte Wirkung, Fläche gegen Fläche --

und sei es auch nur in schwarz und weiß -- erzielt werden. Es mußte

interessante Fleckenverteilung bedacht, auf Gegensätze komponiert

werden.

[Illustration: Abb. 150. _Bruno Paul_: Mißraten.

»Sie hier? Nun, was ist denn aus Ihnen geworden, lieber Baumann?« --

»Ich bin Maler, Herr Rektor.« »Maler!? Ach und Ihr seliger Vater war

doch ein so braver, anständiger Mann ...« (Simplicissimus, Verlag von

Albert Langen in München.)]

Die Linie der Kontur gab in kräftiger Betonung mehr als früher, denn

ihrer Führung bleibt -- da Licht und Schatten jetzt nur untergeordnet

zur Geltung kommen -- die Modellierung überlassen. Und es ist

erstaunlich, wie schnell sich unser Auge dem angepaßt hat, wie wir dort

Rundung, Form, Bewegung sehen, wo nur Linie und Fläche gegeben ist.

Zwei andere wichtige Faktoren sind durch diese technischen Neuerungen

für die moderne Karikatur hinzugetreten. Dadurch, daß man den Dingen

wieder Farbe gab, lag es auch nahe -- das Stoffliche an ihnen zu

betonen. Man begann die Musterung der Kleider, sowie ihre rauhe oder

glatte Oberfläche, die Struktur von Holz und Stein -- soweit es mit

den einfachen Mitteln anging -- kenntlich zu machen. Und dadurch, daß

man auf anderer Seite in einer gewissen Beschränkung nur über wenige

Farben verfügte, wurde man auf das Wichtigste gelenkt: die »Stimmung«.

Und mit diesem Eindringen der Stimmung vollzieht sich erst die große

Umwandlung der Karikatur.

[Illustration: Abb. 151. _Rudolf Wilke_: Typen von der Waterkant.

(Münchener Jugend.)]

[Illustration: Abb. 152. _Rudolf Wilke_: Fraktion Schultze. (Münchener

Jugend.)]

[Illustration: Abb. 153. W. _Caspari_: Liebe mit Erfolg! Das

Rendez-vous. (Münchener Jugend.)]

[Illustration: Abb. 154. W._Caspari_: Liebe mit Erfolg! Der Kuß.

(Münchener Jugend.)]

Erst jetzt verstehen wir das Landschaftliche in seiner ganzen

Bedeutung, achten auf Intimität und Charakter; erst jetzt erfassen

wir ganz den Wert des Intérieurs, erst jetzt beginnt die Karikatur

ihre Wesen nicht mehr allein und losgelöst zu geben, sondern legt

gleiches Gewicht auf die Sphäre, die Umgebung, in welche ihre Gestalten

hineingehören, und welche mit ihnen gleichsam verwachsen sein muß. Erst

jetzt schafft die Karikatur in ihrem Sinne »Bilder«. Man könnte am

ehesten von einer »dekorativen« Bildwirkung der »modernen« Karikatur

sprechen.

[Illustration: Abb. 155. W. _Caspari_: Liebe mit Erfolg! Die Schwelle

der Ehe. (Münchener Jugend.)]

[Illustration: Abb. 156. E. _Neumann_: Dienstmänner. (Verlag der

Lustigen Blätter in Berlin.)]

Die Künstler haben sich schnell für die neuen Techniken eingearbeitet,

haben gelernt, zweckdienlich das Zeichenmaterial zu wählen, beginnen

mit Tusche und Deckweiß, Feder, Schabpapier und Messer zu arbeiten,

wieder die Spritzmanier zu verwenden; schaffen für Konturplatten,

Farbplatten und Halbtöne, und versuchen durch Kombinierung der

Verfahren reiche, schillernde Wirkungen zu erzielen. Mit dem

Vollbewußtsein der Künstler -- Neues sagen zu können, erweitert die

Karikatur ihre Kreise, gewinnt an Ausdehnung, wie an Tiefe.

Die engeren Kreise des Humors von vordem konnten nur einen geringeren

Typenreichtum aufweisen, sie hatten stets noch etwas von Schablone,

weil ihnen ernstes Naturstudium und damit die letzte Fähigkeit der

Variation fehlte. Die soziale Karikatur aber -- welche gleichmäßig

alle Gesellschaftsschichten umfaßt, hoch wie niedrig, -- hat uns einen

ungeahnten Typenreichtum erschlossen. Die soziale Karikatur zieht auch

wieder eine ganze Kette von Neueroberungen nach sich.

[Illustration: Abb. 157. B. _Wilke_: Engländer.

»Ich finde, das Turnen der Deutschen ist kein Sport, es ist eine

Gemütskrankheit ..«

(Simplicissimus, München.)]

Mit dem intimeren Studium der Technik muß Hand in Hand eine schärfere

Bespiegelung der wechselnden Moden in der Kleidung gehen, und diese

wird noch besonders durch den Farbendruck begünstigt.

Mit dem intimeren Studium der Typen vereint sich zu geschlossener

Wirkung nun die genaueste Kenntnis der Lebensbedingungen, all jener

Stilunterschiede in Wohnung und Umgebung, der flüchtigen Stimmung in

Landschaft und Straßenbild.

[Illustration: Abb. 158. E. _Thöny_: Der Leutnant. »Reich bin ich jrade

nich, aber blödsinnig bejütert ...« (Albert Langen, München.)]

Nicht nur unsere Thätigkeit, unser »äußeres« Leben, findet so seinen

Widerhall in der modernen Karikatur, auch unser »inneres« Leben,

unsere Geschmacksrichtungen in der Kunst, unsere Vorliebe für das

Landschaftliche verkörpern sich hier. Die ganze Sensibilität der Nerven

einer Decadence findet hier ihren Ausdruck, und sei es auch nur im Fluß

abstrakter Linien, ja man möchte fast sagen, daß die verschiedensten

litterarischen Richtungen sich hier wiederfinden. In Heine z. B.

die Unerbittlichkeit der Norweger und ihre glühend eigenartige

Phantastik, in Baluschek etwas vom Berliner Vorstadtroman u. s. f. Am

auffallendsten aber ist das wunderbare Verständnis einiger moderner

Zeichner für die Biedermaierzeit -- jene Zeit der Romantik, der wir

uns heute wieder litterarisch so nähern, mit dem Zurückgehen auf

Anfängliches in der Kunst, der Vorliebe für das Märchenhafte, der fast

übergroßen Empfindsamkeit der Natur gegenüber, dem Winkelig-Bizarren im

altertümlichen Stadtbild.

[Illustration: Abb. 159. _Wilhelm Schulz_: Die Sippe. (Simplicissimus,

München.)]

Über das Wesen der modernen, deutschen Karikatur, wie ihrer

Hauptkünstler, ist einiges von Johannes Schlaf, Franz Servaes

und dem Verfasser geschrieben worden. Sie haben in breiterer

Ausführung versucht, diese Errungenschaften zu werten. Die moderne

Karikatur schafft an zwei Centren, München und Berlin. München mit

»Jugend«, »Simplicissimus«, »Süddeutschem Postillon«, Berlin mit dem

gescheiterten »Narrenschiff«, dem auch nur kurzlebigen »Münchhausen«

und dem illustrativ tüchtigen Organ der »Lustigen Blätter«. Aber

die wirkliche Berliner Karikatur, welche heute mit einem Schlage

hervorzuzaubern wäre, und für die genug lebensfähige Ansätze sich in

den letzten Jahren schon gezeigt haben, sie hat auch heute wieder keine

Stätte zur Entfaltung, und so müssen wir Berliner -- wie ehemals aus

den »Fliegenden« -- wieder von München her eine künstlerische Nahrung

in uns aufnehmen, welche uns doch nie und nimmer Brot werden kann. Der

Einfluß, den diese Münchener Blätter auf die gesamte deutsche Karikatur

und das Illustrationswesen in Deutschland geübt haben, wird ihnen immer

zum Ruhm gereichen, -- wenn auch vielleicht einmal die Zeit kommen

wird, wo sie als Organe abgewirtschaftet haben werden. Von der »Jugend«

ist dies weniger bald zu erwarten, denn sie ist nicht so einseitig

tendenziös -- man möchte sagen -- so fortschrittlich reaktionär --

wie der »Simplicissimus«, in dem sich, ganz abgesehen von der manchmal

unliebsamen, nicht immer unanfechtbaren Tendenz, in letzter Zeit bei

den gewiß hochbefähigten Zeichnern eine gewisse Erstarrung bemerkbar

macht. Die künstlerische Eigenart mancher ist drauf und dran, Manier zu

werden.

[Illustration: Abb. 160. _Arpad Schmidhammer_: Zu »Der Neue Plutarch«.

Goethe und Fräulein von Göchhausen. (Münchener Jugend.)]

[Illustration: Abb. 161. _Arpad Schmidhammer_: Zu »Der Neue Plutarch«.

Schiller und Goethe. (Münchener Jugend.)]

[Illustration: Abb. 162. _Eugen Kirchner_: »Faß' Moritzche an, geht vor

und rechnet ein Bißchen zusammen ...« (Fliegende Blätter, München.)]

Aber dieser augenblicklich etwas schiefe Stand der Dinge hindert -- bei

aller gegensätzlichen Stellung! -- in keiner Weise, anzuerkennen, was

uns bisher von München aus, rein künstlerisch, geboten worden ist. Vor

allen Th. Th. Heine; er ist als moderner Zeichner auch für all die,

welche er durch seine Bitterkeit gegen sich hat, eine interessante

Erscheinung und kann in künstlerischer Potenz nur mit Oberländer und

Busch zusammen genannt werden. Zweifellos ist er am Studium der Japaner

und an dem englischer Stilisten, -- besonders des genialen, so früh

verstorbenen Schwarz-Weiß-Künstlers Aubrey Beardsley -- erstarkt. Aber

Heine hat eine vollkommene eigene Sprache der Stiftführung gefunden

und hat es verstanden, das Leben in seiner ganzen Vielgestaltigkeit

in seine herben Linien zu pressen. Er hat einen wunderbar scharfen

Blick für das Charakteristische an Menschen, Dingen, Landschaft und

Kunstepochen; und er stellt alles hin, hart wie in Stein geschnitten.

Zu Heines Sinn für kleine und feine Eigenarten und Merkmale der

Gesellschaftsstände und Rassen kommt noch das eingehende Verständnis

für das passende Milieu, die passende Umgebung hinzu, -- ein

Verständnis, das mit seinem ganzen Scharfblick geradezu einer geistigen

Analyse gleich kommt. Immer wieder wird man bei Heine erstaunen über

die Einfachheit des Vortrages, das Feste, die Sicherheit, wie über die

Vielfältigkeit in der Darstellung von Gemütsbewegungen jeder Art, von

einfachen bis zu feineren, komplizierteren, auch dann, wenn man sich

selbst mit seiner Richtung nicht befreunden kann, ja, derselben schroff

gegenübersteht.

Aber diesem tiefen Eindringen, dieser scharfen, oft unerfreulichen

Erkenntnis des Realen gegenüber steht bei Heine eine märchenhafte,

glühend eigenartige Phantastik, mit Fabelwesen, Höllenherrschern,

Drachen und Schrecken, Ausgeburten einer überregten Einbildungskraft;

und seiner ätzenden Satire gegenüber, die ihm so viele Feinde

geschaffen, steht bei Heine eine Sehnsucht nach Schönheit der Form und

Linie, ein Sinn für Anmut und Vornehmheit.

[Illustration: Abb. 163. _Anonyme Karikatur auf die

Frauenemancipation_. (Süddeutscher Postillon, München.)]

Auch in der Ornamentik, im Buchschmuck hat Heine eine eigenartige

Linienkarikatur geschaffen, und das Werkchen: Die Barrisons von Aubecq

(Lindner) war für uns im gewissen Sinne bahnbrechend (Abb. 145-148).

Heines Weltanschauung ist die Karikatur, und so hat er auch das

Plakat ihr unterthan gemacht, ja, er wählt selbst für seine Bilder

karikaturistische Vorwürfe. Er hat sich an alle Gesellschaftsschichten

mit seiner stets bissigen Kritik gewagt. Bleibend werden wohl die

»Bilder aus dem Familienleben« sein (Abb. 149 u. Einschaltbild zw.

S. 120 u. 121). Sie sind im letzten Grunde noch diktiert von den

Gefühlen des Abscheus, die der Künstlergeist vor den kleinen Kreisen,

der Roheit und Engherzigkeit der Philister hat, und es steckt in ihnen

ein Stück modernster Philosophie. Was aber an den Dingen seinerzeit

so überraschend wirkte, war das Stilgefühl, das feine Abstimmen der

Intérieurs und das Hineinpassen der Menschen in ihre Umgebung. So tief

war man vordem noch nicht in die Äußerungen des Lebens eingedrungen;

es war bei aller absichtlichen Verfärbung doch mehr Wirklichkeit, mehr

Sehen und Erfassen in den Dingen, und weniger Grübeln und Sentiments

über sie, wie vordem.

Etwas von unserer modernen Ruhelosigkeit, der Gehetztheit, der

Zerrissenheit, Unzufriedenheit ist in Heines Welt, wie etwas von

den starren Linien, welche uns erst die Maschine gegeben, in seiner

Zeichnung. Und dem gegenüber scheint sein reiches Verständnis,

das er dem nervösen, perversen Rokoko, dem wohlanständigen,

glatt-langweiligen Empire, dem müden Ausklingen alter Schönheitsstile

entgegenbringt -- wie ein leiser Spott, wie ein absichtliches

Zurückflüchten. Aber gerade in jenem halb spöttischen Zurückflüchten

lebt sich sein inniger Schönheitskult aus, da schwelgt er in Linien,

da berauscht er sich am zarten Duft müder, verblaßter Farben. Ich mag

begreifen, daß man nicht ein Freund Heines sein kann, auch daß man kein

Verständnis für das dekorative Streben seiner Kunst offenbart, aber man

mag denken über ihn wie man will, dem Reiz der Persönlichkeit wird man

sich nicht verschließen können.

[Illustration: Abb. 164. _Hans Baluschek_: »Er und Sie.« (Narrenschiff,

Berlin.)]

Das Gleiche gilt von Bruno Paul. Auch die Tendenz seiner Kunst mag man

verdammen und in ihr nur Verderbliches sehen, seine Künstlerschaft

steht auf einem anderen Felde. Heine ist Meister in der Führung der

Linie, Paul in der Anordnung der Fläche. Er vereinfacht im Plakatstil

und erzielt in manchen Blättern Wirkungen von gewaltiger Kraft.

Paul scheut im Gegensatz zu Heine nicht vor Übertreibung zurück,

er ist vielleicht in der Tendenz noch herber wie sein Vorgänger,

noch ernster, großzügiger. Er haßt geradezu die Menschen; in seiner

Betrachtungsweise liegt etwas von Verachtung. Aber mit dieser grotesken

Satire vermischen sich zu eigenartiger Wirkung künstlerische Qualitäten

von hoher Schönheit: ein Zeichnenkönnen, ein malerischer Sinn, ein

Liniengefühl, herb, hart, ernst, wie seine ganze Betrachtungsweise.

Paul ist derjenige von den Künstlern, der am meisten Stil besitzt,

am tiefsten empfindet, und auch in seinen Schmerzen walten Schönheit

und Größe. Paul ist ehern, unerbittlich, schwerfällig; nicht leicht

beweglich wie Heine, nicht geistreich wie jener: wenn jener manchmal

lächelt, vielsagend spöttisch, so lacht Paul bitter und anklagend,

lacht aus Haß. In Pauls Welt fällt kein Hoffnungsschimmer, kein

Kinderlachen, kein Sonnenblick; selbst die Kinder sind kleine, arme

Proletarierwürmer, dickköpfige Tiere mit bösen Augen wie Gnomen,

denen ihre Laufbahn vorgeschrieben ist, und die schon frühzeitig alle

Laster, bis herab zum Alkoholismus kennen lernen. Pauls Arbeiter sind

geistlose Maschinen, in Menschenform aufgestapelte Energien, roh,

massig, -- mit Riesenpranken und Füßen von ~x~ Quadratmetern Fläche. --

Seine ganze mitleidslose Kunst ist wie die Wilkes ein Zurückflüchten,

eine Verteidigung ihrer leicht verletzlichen Seelen vor dieser

unerbittlichen Welt, die ihnen täglich mit ihren rohen Bildern breite,

blutende Wunden schlägt.

[Illustration: Abb. 165. K. _Schnebel_: Der Gast. (Verlag der Lustigen

Blätter, Berlin.)]

Wilke ist Paul verwandt, doch etwas beweglicher, geistiger. Auch er übt

eine herbe Kritik, ist voll Bitterkeit und Verachtung. Seiner Karikatur

fehlt absichtlich jede äußere Schönheit, seine Typen sind unerfreulich,

von mürrischer Häßlichkeit. Aber trotz dieser Häßlichkeit ist er von

überraschend scharfer Charakteristik. Wie Wilke als Mensch etwas

weicher ist, als Paul, so ist er auch als Künstler ein wenig intimer.

Seine Kunst hat nicht das ewige ~forte~ des Gefühles. Wilkes Art zu

sehen ist vielleicht noch malerischer, als die seines Vorgängers, und

wie er die Dinge in den Raum einfügt, wie er stets eine abgerundete

Bildwirkung erzielt, ist von äußerster Feinsinnigkeit; zu all dem kommt

noch sein starkes, eigenartiges zeichnerisches Vermögen. Geben die

beiden Proben aus der »Jugend« mehr Beweise seines malerischen Sinnes,

so ist der »Engländer« (Abb. 157) ein Beweis für sein eminentes,

zeichnerisches Können, sein eingehendes Naturstudium. Wie viel

Formverständnis steckt hier in dieser harten, breiten Linie. Seiner

Zeit erschien diese Zeichnung neben einer Einzelfigur Thönys, und der

geistvolle Thöny erschien daneben flau und unfähig. Wenn wir auch Wilke

geistig nicht unter die ersten der ~Fin de siècle~-Karikaturisten

rechnen können, so verdient er künstlerisch diese Stelle. Zu den

eigentlichen Karikaturisten müssen wir auch noch _Walter Caspari_

rechnen, den wir hier nur als Schöpfer witzigen Buchschmuckes

(Abb. 153-155) betrachten wollen. Er ist ein feines, zartes Talent,

überaus zierlich in seiner beabsichtigten Naivität. Er hat sich in das

Empire, den Biedermaierstil, völlig eingelebt, und es ist ihm geglückt,

zu einem eigenartigen Stil zu gelangen, dem Stil der Münchener

Decadence. Wenn Caspari auch keine gleich kräftige Erscheinung ist, wie

seine Vorgänger, so ist er doch ein liebenswürdiges Talent, an dessen

schalkhaftem Humor man seine Freude haben kann.

[Illustration: Abb. 166-168.

_Edmund Edel_: Aus der Philharmonie.

(Verlag der Lustigen Blätter, Berlin.)]

Der stilisierenden Karikatur, welche Wesen und Dinge unter bestimmtem

Gesichtswinkel sieht, sie in bestimmte, feste Formen preßt, steht

im »Simplicissimus« die eigentliche Gesellschaftsschilderung in

Thöny, Heilemann, Reznicek gegenüber. Es ist im Grunde die gleiche

Betrachtungsweise, welcher wir schon bei Marold begegnet sind. Nur

gesehen aus einer anderen Tendenz, geschaffen mit anderen Mitteln, für

andere Vervielfältigungsarten. Die Künstler bemühen sich ein möglichst

getreues Abbild von Kleidung, Sitten, Typen der Gegenwart zu geben,

bemühen sich, der Psychologie dieser Erscheinungen nachzugehen. Die

Tendenz der Gesellschaftsschilderung ist eine schärfere geworden,

wie vordem. Und doch steckt unter all dem Spott, all den Angriffen,

bei den Zeichnern die Freude an aristokratischen Gestalten und

aristokratischen Lebensgewohnheiten. Thönys »Der Leutnant« (Abb. 158)

zeigt ein feineres, eingehenderes Verständnis für Uniformen und

Offizierstypen, für alle Äußerungen ihrer Lebensführung, als jede

frühere Militärkarikatur, übertrifft an psychologischem Verständnis bei

weitem die Arbeiten von Nagel oder Schlittgen; aber nicht allein für

den Offizier in der Karikatur hat Thöny das erlösende Wort gesprochen,

auch noch eine ganze Reihe von Ständen und Kreisen hat er unserer Kunst

erobert. Alte, feudale Sektonkel, wie freche, prunkende Kokotten,

Dachauer Bauern und Tiroler Naturburschen -- ein ganzes Zauberrad voll

Typen hat er an uns vorüberziehen lassen, eine nach der anderen, in

rascher Folge. Als geistige Macht, als feinsinniger Kulturschilderer

muß Thöny anerkannt werden, als Künstler und Zeichner scheint er mir

aber vielfach überschätzt; es steckt etwas von Schablone, etwas von

Auswendig-Gelernthaben in seiner Technik und Formengebung.

Heilemann ist insofern interessant, daß er eine ganz eigene

Gesellschaftssphäre karikaturistisch beleuchtet. Den Deutsch-Amerikaner

mit seiner hageren, langen Eleganz und seiner blasierten

Regungslosigkeit in dem hübschen, langweiligen Gesicht. Vor allem

treffliche Kleiderstöcke, stets nach neuester Mode behangen; ja

Heilemanns Damen haftet sogar etwas vom Typus »Modejournal« an.

Heilemann lebt in Berlin, und die Modelle für seine Kunst haben sich

in letzter Zeit hier bedenklich vermehrt, so daß seine Karikatur für

uns nicht ohne Bedeutung ist. Er ist vielleicht auch der raffinierteste

Zeichner dieser Gruppe, aber seine Kunst läßt den Beschauer vollends

kalt.

Reznicek zeigt den Einfluß, den die Wiener Mode auf Süddeutschland

ausübt, und besitzt etwas Leichtgeschürztes, eine gewisse bestechende

Grazie, die uns an das »Brettl« gemahnt, chic, liebenswürdig und

oberflächlich.

[Illustration: _Th. Th. Heine_: _Bilder aus dem Familienleben_. »Papa,

was willst Du eigentlich 'mal werden?« (Albert Langen, München.)]

Hier möchten wir auch gleich E. Neumanns gedenken, von dem wir eine

Arbeit aus den »Lustigen Blättern« (Abb. 156) bringen. Weil Neumann

nichts Augenbestechendes besitzt, wird er weniger geschätzt, und doch

bietet er uns technisch, sowie in seiner vornehmen Betrachtungsweise

reiche, ästhetische Genüsse.

[Illustration: Abb. 169. L. _Feininger_: Hohenlohe und Chronos

(bezüglich der Aufhebung des Vereinsgesetzes). (Ulk, Berlin.)]

Die deutsche Karikatur im 19. Jahrhundert · 第 9 / 11 段