Wenn wir ein Blatt von Toepfer betrachten, so erscheint es uns zuerst

geradezu kindlich; diese naiven unzusammenhängenden Haarstriche, diese

bröcklige Formengebung, diese grotesken, knochigen Typen glichen

Arbeiten eines begabten Schuljungen. Aber bei längerem Zusehen

erkennen wir den Geist der Mache, und aus dem kindischen Gekritzel

entsteht uns ein moderner Impressionismus, eine erstaunliche Kunst,

welche die flüchtigste Augenblicksregung in Mensch und Dingen, Luft,

Licht und Landschaft festzuhalten vermag. Und dieses scheinbare

Nicht-zeichnen-können wandelt sich in reifes zeichnerisches Verstehn;

der bröcklige Strich wird zu schwankend bewegter Kontur. Es hat

meines Erachtens nach keiner darauf aufmerksam gemacht, daß zwischen

Toepfer und den großen Japanern eine Ähnlichkeit, eine Verwandtschaft

besteht -- wie z. B. der Gegner des Herrn Altholtz in das Mühlwehr

gelangt, vom Rad erfaßt und dort einige Monate herumgedreht wird,

auftaucht, strömend aus Mund, Haar, Nase und Kleidung, um dann gleich

wieder untergetaucht zu werden --, das ist geradezu von japanischer

Kunstwirkung, so momentan und bewegt, so geistvoll im Haarstrich mit

leisem, schwellendem Druck. Man könnte meinen, eine Skizze Hokusaïs

vor sich zu haben, und wie die Japaner hat Toepfer einen seltenen

Sinn für die Vielheit, für bunte, bewegte Massen, kribbelnde Mengen

kleiner Wesen, in denen ein Einzelwesen untergeht. Er hat einen Sinn

für Licht und hat Blätter geschaffen in dieser Kindertechnik, auf denen

breit und voll die Sonne liegt. Und doch ist hier jeder äußere Einfluß

ausgeschlossen. Was uns noch so sehr überrascht an Toepfer, das ist

der moderne Sinn für das Landschaftliche, das Verstehen der Luft-

und Lichtwirkungen, der Baumsilhouetten, der Linien eines Waldthals

(Abb. 126), eines Hohlwegs, der Blumenmuster einer Wiese, der fernen

Bergzüge -- überhaupt jeder Bewegung des Bodens; und ebenso versteht

er das Stadtbild, das Haus in seiner grünen Umgebung (Abb. 127),

alles klar, lebhaft und doch nur angedeutet in diesem kritzeligen

Impressionismus. Nicht die persönliche, feste Handschrift wie bei Busch

mit Haar- und Grundstrich, nein zag, unbeholfen -- wirklich ein Rätsel

in der Wirkung; und rätselhafter noch, wenn man bedenkt, was nun alles

damit gegeben ist, welche unglaubliche Variationsfähigkeit der Affekte,

des Ausdrucks -- der ganze Kreis des menschlichen Gemütes. Dinge, die

man zeichnerisch kaum für möglich halten sollte, er löst sie: ein

Mensch ist in einen Sack gesteckt und hüpft und läuft, und in dieser

plumpen, formlosen Masse zeichnen sich -- übertragen -- die Bewegungen,

die Proportionen des Körpers -- und alles das ist mit geradezu

kindlichen Mitteln wiedergegeben.

[Illustration: Abb. 122. G. _Brandt_: »Das wird sich schwer ersetzen

lassen, ohne daß man den Schaden sieht ...« (Verlag von A. Hofmann &

Comp. in Berlin.)]

Toepfers Werke sind zusammenhängende Bilderfolgen, Bilderromane,

altfränkisch, steif; heute sind sie uns inhaltlich etwas fremd

geworden, aber sie amüsieren uns doch in ihrer burlesken,

romanhaften Abenteuerlichkeit »kraus, launenhaft, kunterbunt im

Aufbau; Wirklichkeit mit hyperbolisch märchenhaften, phantastisch

arabeskenhaften Elementen verbindend, eine unendlich verzwickte und

komplizierte Handlung mit behaglicher Breite ausführend« -- so Johannes

Schlaf.

[Illustration: Abb. 123. _Schulze und Müller_. Kladderadatsch 1870. (A.

Hofmann & Comp. in Berlin.)]

Alle Gesetze der Natur sind ausgeschaltet; mit irgend einer ganz

kleinen Thatsache, einem Blatt Papier, das in die Luft geweht wird,

beginnt die Geschichte und schlägt immer weitere Kreise, setzt den

ganzen Staatsmechanismus, Wissenschaft, Regierung, Volk, alles in

Bewegung; jedes und jeder bekommt da seine Pille zu schlucken,

aber endlich löst sich alles in Wohlgefallen, und wir erwachen wie

aus einem bunten Traum. Alle Naturgesetze sind ausgeschaltet --

Wirbelstürme blasen Menschen in der Luft umher, monatelang; treiben

sie wieder zusammen; pusten sie auseinander, je nach Laune; Menschen

sind da im Kasten eingesperrt und krabbeln umher, und dieser Kasten

nimmt vollends die Bewegung (Abb. 129) und den Ausdruck des Menschen

an, Leute begehen Unmöglichkeiten, hungern, dürsten, erleiden alle

Strapazen der Welt als Fanatiker irgend einer bizarren Idee; aber

all diese lächerlichen Unglaubwürdigkeiten sind ausgestattet mit

allen Zeichen der Glaubwürdigkeit, nicht ein Wort, das unbestimmt

bliebe -- und sei es für die absurdesten Geschehnisse --, nicht eine

Nebenperson, die namenlos aufträte, nicht eine Zahl, ein Zeitraum, der

nicht genau angegeben wäre. Eine reale Phantastik; Unmögliches, Spiel

des Geistes wie der Feder, im Stil nüchterner, breiter, einfacher

Chronik der Möglichkeit. Und in dieser Möglichkeit des Gewandes,

da ist die Geißelung der Zustände, des Staates, der Charlatanerie

der Gelehrtenwelt, des Erziehungswesens, der übertriebenen

Liebesromantik -- Toepfer immer als der getreue Schilderer, ein Stück

Kulturhistoriker, ein närrisches Echo seiner Zeit. Kein Vers, der die

Wirkung unterstützt, wie bei Busch, sondern trockene, umständliche

Prosa. Den tiefen Lebensgehalt, den wir aus dem philosophischen Humor

eines Busch ziehen, bietet uns Toepfer nicht. Er ist lustig, aber auch

in seiner Bizarrerie etwas altmodisch. Diese merkwürdig verknöcherten

Typen seiner Helden, mit ihrem komischen Pathos der Übertreibung, dem

ständigen Forte des Gefühls in Dur oder Moll, haben etwas Französisches

im Blut, und doch wieder ist eine gewisse Beschaulichkeit, ein Humor

in den Dingen deutsch an ihnen. Die bedeutendsten Werke Toepfers sind:

Griffonade, Docteur Festus (1840), Voyage en Zickzack, Monsieur Pencil,

Monsieur Jabot, Monsieur Vieux-bois u. s. f. Letztes scheint mir

zeichnerisch seine reifste Leistung.

[Illustration: Abb. 124. W. _Simmler_: Einer der nicht auf den Leim

geht. (Schalk.)]

Johannes Schlaf weist mit Recht darauf hin, daß Toepfers Bilderromane

im Stofflichen uns heute nur von historischem Interesse -- im

Technischen sind sie aber wieder aktuell und bieten eine Fülle

feinster, ästhetischer Genüsse.

Und nun zu _Wilhelm Busch_, dem größten deutschen Humoristen der

Zeichnung, dem feinsten, überraschendsten Humoristen des Wortes.

Für Toepfer ist das Leben seiner Zeit Problem; Busch ist das Leben

selbst Problem, so, wie es ist, war und sein wird. Toepfer hat den

Biedermaier verkohlt -- man verzeihe dieses Wort! -- Busch nimmt sich

den Menschen an sich aufs Korn, dieses zweibeinige Wesen, das schläft,

ißt, trinkt, heiratet, Kinder bekommt, stirbt, das vom Leben gezwackt

und gequält wird, ewig zur Schule geht und doch nichts lernt. Busch ist

Philosoph in Allem, ein ausgefeimter Schopenhauerianer, der Mann des

pessimistischen Humors -- vielleicht der einzigen Anschauung, die mit

gutem Recht in dieser schlechtesten der Welten bestehen kann -- der

einzigen Anschauung, die uns nach rechts und links deckt und uns das

seelische Gleichgewicht erhält, komme was da mag.

[Illustration: Abb. 125. _Wienieski_: Tanzsaalstudie. Aus den 80er

Jahren. (Schalk.)]

Busch ist der verkörperte niederdeutsche Humor; in breiter Behäbigkeit

sitzt er auf seinem Sorgenstuhl, stellt lachend seine Betrachtungen

an und orakelt über sich selbst, über Welt und Menschen; er sagt

mit tiefsinniger Miene selbstverständliche Wahrheiten, und mit

selbstverständlicher Miene Tiefsinniges; er freut sich an allem

Seßhaften, Bequemen, gutem Essen und Trinken, ruhigem Lebens- und

Liebesgenuß und scheut sich wohl auch nicht, Dinge beim richtigen Namen

zu nennen: »Lachen ist mir der Ausdruck relativer Behaglichkeit, ich

bin ein Mensch und erfreue mich gern an den kleinen Verdrießlichkeiten

und Dummheiten anderer Leute. Der Franzl hinterm Ofen freut sich der

Wärme um so mehr, wenn er sieht, wie sich draußen der Hansel in seine

rötlichen Hände pustet. Zum Gebrauch in der Öffentlichkeit habe ich

doch nur Phantasiehanseln genommen. Man kann sie sich auch besser

zurichten nach Bedarf und sie eher sagen und thun lassen, was man will.

Gut schien mir oft der Trochäus für biederes Reden, stets praktisch der

Holzschnittstrich für stilvoll, heitere Gestalten. So ein Konturwesen

macht sich leicht frei von dem Gesetze der Schwere und kann besonders

-- wenn es nicht schön ist -- viel aushalten, ehe es uns weh thut. Man

sieht die Sache an und fühlt dabei ein behagliches Selbstgefühl über

den Leiden der Welt, ja über den Künstler, der gar so naiv ist.« So

Wilhelm Busch in »Von mir über mich.«

[Illustration: Abb. 126. Aus _Rudolf Toepfers_ Bilderromanen.]

Und wahrlich, Ungezählte hat Busch über die Leiden der Welt

hinausgehoben, hat ihnen frohe Stunden bereitet durch die wunderbare

Kunst seiner naiven Zeichnung, wie durch die seltene Prägnanz in Geist

und Form seiner leichtflüssigen, musikalischen Knüttelverse. Nichts

ist bei Busch Gemeinplatz, jedes Wort Eigenart, alles blitzblank. Die

überraschende Schlagfertigkeit, die erstaunliche Selbstverständlichkeit

seiner Verschen, ebenso wie die leichte und schnelle Art, mit der sie

sich uns einprägen, haben viele von ihnen schon zu Citaten werden

lassen, die man fast täglich hört. Und sie erscheinen uns wieder und

immer wieder neu. Wir erfreuen uns an der plastischen Wirkung und

an der überraschenden Einfachheit des Bildes, so oft wir sie auch

hören mögen, gerade so, wie uns die Zeichnung stets einen neuen,

staunenswerten Reichtum offenbart. Selbst wenn wir die Dinge vollkommen

in uns verarbeitet haben, kramen wir sie doch gern wieder hervor aus

der Schachtel unseres Gedächtnisses und spielen mit ihnen.

[Illustration: Abb. 127. Aus _Rudolf Toepfers_ Bilderromanen.]

Besonders dort, wo uns Busch seine Lebensanschauung zu besten gibt, wo

sein pessimistischer Humor still-traurig und heiter lächelt -- wie in

der »Kritik des Herzens«, in einzelnen Stücken aus »Dideldum«, auch

in manchen seiner umständlichen Vorreden, Nachworte, Ermahnungen,

Sentenzen --, dort wird er für uns zum Weisen. Das Beste, was

vielleicht humoristisch über das Wesen der Kunst gesagt worden ist,

steht im Vorwort zum »Maler Klecksel«, und jedem, der da heiratet,

möchte man raten, daß er sich vorher erst einmal recht genau mit der

»Knopp-Trilogie« befasse und die tiefen Wahrheiten der Vorreden zu

»Herr und Frau Knopp« und »Julchen« in sich aufnehme. Für Kinder sind

sie nicht geschrieben, jene »verheirateten Geschichten«, in denen Paul

Lindau (Nord und Süd 1878) kurzsichtig und engherzig Buschs Vorliebe

für heikle Stoffe sieht, weil sie die Gegenseite unseres Lebens

humoristisch erläutern; jene Gegenseite unseres Lebens, die sich zwar

der öffentlichen Debatte entzieht, aber von desto einschneidenderer

Bedeutung für unser ganzes Sein ist. Gerade in jenen Betrachtungen über

die Ehe, ihre Pflichten, Freuden und Nachteile zeigt sich Busch als

der große Lebenskenner, hat er eine vereinfachte Formel für unser Sein

gefunden und in das bunte Gewand des Humors gesteckt -- der Schalk,

mit dem vielsagenden Lächeln. Mit einem stillen, vielsagenden Lächeln

sieht er auch den Sensenmann anrücken, hört, wie im Sauseschritt die

Zeit läuft, blickt herab auf die kurze Spanne Zeit der Freuden, die

uns in dieser närrischen Welt gegeben ist, zeigt uns, wie die Menschen

später älter, müder und kälter werden. Und ein leises Ausklingen

mancher seiner lustigen Geschichten stimmt uns ernst und nachdenklich,

läßt uns aber doch auch wieder lächeln über diese lustige und traurige

Welt:

Alles geht zu End' allhier,

Tinte, Feder, Tobak und auch wir.

Zum letztenmal wird eingetunkt,

Dann kommt der große, schwarze ●

So schließt die Kortum-Buschische Jobsiade. Oder in das Geklingel der

Narrenschellen des trinkfreudigen, talentlosen »Malers Klecksel« --

ein hoffnungsvoller, junger Mann gewöhnt sich leicht das Malen an! --

tönen mit einem Mal die ernst bedenklichen Worte, ein ~memento~ der

Vergänglichkeit:

Hartnäckig weiter fließt die Zeit,

Die Zukunft wird Vergangenheit.

Von einem großen Reservoir

Ins andre fließet Jahr für Jahr.

Und aus den Fluten steigt hervor

Der Menschen buntgemischter Chor,

Sie plätschern traurig oder munter

Ein wenig rum, dann gehn sie unter,

Und werden merklich abgekühlt

Für längre Zeit hinweggespült.

[Illustration: Abb. 128. _Rudolf Toepfer_: Monsieur Vieuxbois.]

Aber man muß sich gerade bei Busch vor dem Citieren hüten, denn wenn

man hier einmal beginnt, so ist man nicht so leicht gewillt, wieder

damit aufzuhören, eine solche Fülle von Versen, lustigen Reimereien,

schelmischen Sentenzen drängt sich uns auf. Jedes eine ganze Wahrheit.

Paul Lindau hat versucht zu erklären, worin die Komik und Eigenart

der Buschschen Poesie besteht. Er erwähnt seinen außergewöhnlichen

Reichtum an klangmalenden Worten, seine Findigkeit in der Wahl von

Namen; erwähnt, wie er oft des Reimes wegen der Grammatik Zwang

anthut; er nennt altmodische Wendungen, umständliche Umschreibungen,

-- das alte, schon von Rabelais angewandte Mittel des grotesken

Humors -- die Worthäufung und Aufzählung; er führt Beispiele für das

deplatzierte Pathos an, für überraschend Gegensätzliches, das unter

gleicher Kappe vereint wird, »auf dem Antlitz Seelenruhe, an den

Füßen milde Schuhe«. Er bewundert das Aussinnen und Ausspinnen von

Zufällen, die Steigerung komischer Situationen; allen äußerlichen

Mitteln seines Humors, der Art seiner Komposition geht er nach. Die

Sache im Kern trifft er meines Erachtens nach nicht. Buschs Humor

ist angewandte Philosophie. Er besteht darin, daß er die einfachsten

Äußerungen des Lebens, die alltäglichsten und niedrigsten Bethätigungen

mit den Blicken und Ansprüchen des Philosophen sieht, gerade so, wie

uns heute z. B. ein Jerome-Jerome ein kleines geistvolles Essay über

Theekochen oder das Einschlagen von Nägeln schreibt und in diesem

Kleinsten das gleiche Bild sieht, wie die Künstler des Gedankens

in den größten und tiefsten Verrichtungen der Menschen und des

Menschengeistes. Buschs Humor besteht -- abgesehen von der Komik in den

Fabeln seiner Bildererzählungen -- darin, daß er in dieser kleinen,

lächerlich trivialen Welt Ausblicke auf das große Sein, das große,

rauschende Leben des Kosmos uns öffnet. Daß er bei einer Ohrfeige

materialistisch über Kraftverwandlung, bei einem Maulwurf über Leben

und Tod philosophiert, daß er in Kinderstreichen das Gute und Böse

sieht und bei Hunden Hinweise auf Erziehungsfrage bietet. Buschs Humor

ist die reife Lebensanschauung, übertragen auf den Alltag. Und Buschs

Humor ist pessimistischer Humor, denn Busch ist Schopenhauerianer.

Aber nicht ganz und gar. In ihm kämpfen zwei Weltanschauungen, die

von der großen Lebensverachtung, von der Nichtigkeit des Seins, von

der Vergänglichkeit, von der Zeit, welche nur gebärt, um wieder

zu zertrümmern, und die von der Lebensfreude, von der ruhigen

Seßhaftigkeit, des Sicheinrichtens in dieser Welt, so gut es geht. Aus

dem Widerstreit der Gefühle heraus entsteht der Humor, von dem schon

Heine sagt, daß er die »lachende Thräne« im Wappen führt.

[Illustration: Abb. 129. _Rudolf Toepfer_: Monsieur Vieuxbois.]

[Illustration: Abb. 130. W. _Busch_: Aus »Plisch und Plum.« (Fr.

Bassermannsche Verlagshandlung, München.)]

Busch ist im Jahre 1832 zu Wiedensahl im Hannöverschen geboren und hat

die größte Zeit seines Lebens in seinem Heimatsort zugebracht, wo er

noch heute, unverheiratet, bei seiner Schwester haust, ein stiller,

behäbiger Mann; in Freundschaft mit den guten und besten Werken seiner

Zeit; wenn es ihm einmal zu einsam wird, so bringt ihn die Bahn nach

dem benachbarten Kassel, und dort findet er von neuem Freude und

Anregung an seinen Lieblingen, den Holländern. Trotzdem Busch in den

letzten Jahrzehnten nur wenig geschaffen hat, ist sein Werk doch reich

und umfänglich. Er ist in seinen »Bilderbogen« (Braun & Schneider),

sowie in dem »Humoristischen Hausschatz« (Bassermann, München), ebenso

wie in den Kinderschriften »Max und Moritz«, »Hans Huckebein, der

Unglücksrabe« u. s. f. in aller Händen.

[Illustration: Abb. 131. _Busch_. Gemalt von Lenbach, radiert

von Wilhelm Hecht. Aus »Nord und Süd«, Verlag der Schlesischen

Buchdruckerei und Verlagsanstalt (vorm. S. Schottlaender) Breslau.]

Buschs Humor ist, ich sagte es schon, der des Niederdeutschen. Es geht

bei ihm oft derb zu, sein Lachen ist breit und voll. Seine Menschen

sind äußerlichen, schmerzhaften Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Blut

muß fließen dabei, und wie böse Buben oder das harte Schicksal seinen

Helden mitspielen, das ist oft von einer raffinierten Grausamkeit

und Verzerrung. Was seinen Helden alles zustößt, in welche peinliche

Situationen sie gebracht werden, wie leicht bei ihm Dinge umstürzen,

zerbrechen, Menschen fallen, andere mit sich reißen, ist tragikomisch;

zum Schluß spielt sich oft ein ganzes Feuerwerk von Beziehungen,

ein allgemeines Durcheinander ab. Die Freude an der Verwirrung ist

Busch eigentümlich; sie begleitet ihn von seinen ersten Werken bis

zu seinen letzten. Aber nie wirkt er hierin peinlich. Stets ist der

Humor des Wortes erlösend, man sagt sich: es ist ja doch nur ein

Scherz. »Luft im Laub und Wind im Rohr, und alles ist zerstoben.« In

seinen frühen Werken ist sich Busch noch nicht der ganzen Tragweite

seiner Kunst bewußt. Es sind geistvolle, witzige Bilderfolgen; in

der Zeichnung oft besser wie im Vers. Erst später schreibt er, wenn

ich es so nennen darf, seine philosophischen Abhandlungen: die

Knopp-Trilogie, Maler Klecksel -- während sich in »Balduin Bählamm«

ein ~decrescendo~ bemerkbar macht. Wäre Busch uns nicht so in Fleisch

und Blut übergegangen, es würde wohl Pflicht sein, hier auf diese

Werke einzugehen, es ließe sich hierbei wohl leicht ein Anfang --

schwer aber ein Ende finden; und darum wollen wir hier nur noch seiner

zeichnerischen Bedeutung gerecht werden. Busch ist der Schöpfer der

modernen Karikatur, mit ihm beginnt der Stil, der Humor der Linie.

Wie in kräftig-persönlichen Zügen einer Handschrift, schreibt er für

die Holzschnittmanier fest und sicher die Menschen in ihrer Eigenart

hin. Eine individuelle Technik, nur geeignet zu humoristischer

Darstellung -- eigene, vereinfachte Mittel für den eigenen Zweck.

Und was mit diesen einfachen Mitteln gegeben werden kann, ist

erstaunlich. Wenn ein Junge mit einer Peitsche schlägt, so ist die

ganze Figur Bewegung, jeder Zoll des Körpers schlägt mit -- jede

Linie scheint sich fortzusetzen in die geschwungene Peitschenschnur.

Welch einen unglaublichen Reichtum an Affekten -- wie sich dieselben

in Stellung und Gesicht aussprechen --, zeigt er, wenn er irgend eine

Person handelnd darstellt und diese Handlung nun in eine Fülle von

Einzelheiten zerlegt. So der Brief der frommen Helene an den lieben

Vetter Franz, so die Predigt des Hieronymus Jobs (Abb. 132-139)

(nebenbei in ihren Einzelheiten eine freie Erfindung des Bearbeiters).

In dem ganzen Kreis der Gefühlsäußerungen, vom starrsten Schreck --

welcher Menschen nur in ein Spiel geschwungener Linien verwandelt --

bis herab zum feinen, kaum merklichen Schmunzeln, ist ihm nicht eine

fremd. Er spielt damit wie der Virtuose auf seinem Instrument. Oder

kann man sich eine bessere Charakteristik vorstellen (Abb. 130), wie

die aus »Plisch und Plum«:

Keine Antwort geben sie,

Sondern machen bloß hi, hi!

Während er, der leise pfiff,

Wiederum das Wort ergriff.

[Illustration: Abb. 132-137. _Wilhelm Busch_: Aus »Bilder zur

Jobsiade«. (Fr. Bassermannsche Verlagshandlung, München.)]

[Illustration: Abb. 138 und 139. _Wilhelm Busch_: Aus »Bilder zur

Jobsiade«. (Fr. Bassermannsche Verlagshandlung, München.)]

[Illustration: Abb. 140. _Busch_: Der Virtuos. »Silentium!« (Verlag von

Braun & Schneider in München.)]

[Illustration: Abb. 141. W. _Busch_: Der Virtuos. »Scherzo.« (Verlag

von Braun & Schneider in München.)]

Köstlich ist diese völlige, geistige Überlegenheit des Lehrers -- der

abwartend mit den Fingern trommelt --, und köstlich dies spitzbübische

Lächeln bei den Jungen, in das sich doch schon ein gewisses Gefühl

von Angst vor der Überlegenheit des dicken, pfeifenden Herrn mischt!

Ja, Busch spielt mit seinen Affekten wie der Virtuose auf seinem

Instrument, wir sind die Zuhörer -- und er bringt uns dorthin, wo er

uns haben will. Bei seinem Scherzo (Abb. 141) hüpfen wir -- gleich

jenem -- wie elektrisiert vom Stuhl und lächeln, bei seinem Capriccioso

(Abb. 142) winden wir uns in schnörkeligen Verdrehungen, bei seinem

Adagio schneiden wir mit ihm lächerlich gerührte Gesichter, bei seinem

Fortissimo (Abb. 143) treten uns vor Staunen die Augen aus den Höhlen,

und zum Schluß klatschen auch wir Bravo, Bravissimo (Abb. 144).

Von den Werken der früheren Epoche Buschs ist »Hans Huckebein, der

Unglücksrabe« mir das liebste. »Ein monströses Vieh, wie ein böser

Traum.« Von späteren ziehe ich einzelnes aus den »Haarbeuteln« (der

Undankbare, der Silen), »Plisch und Plum«, »Die Knopp-Trilogie« und den

»Maler Klecksel« den übrigen vor.

[Illustration: Abb. 142. W. _Busch_: Der Virtuos. »Capriccioso.«

(Verlag von Braun & Schneider in München.)]

Busch ist eine Weltberühmtheit, seine Werke sind in viele Sprachen

übersetzt und haben eine große Zahl von Auflagen erlebt. In der

einfachen Ausdrucksfähigkeit seiner Zeichnung findet er in Alt-Europa

nicht seinesgleichen. Nicht einmal bei den -- von ihm so geliebten --

Holländern. Es mag eigentümlich klingen, aber die einzigen Künstler,

welche ich mit Busch vergleichen könnte, sind die japanischen Zeichner.

Keine äußerlichen Merkmale wie bei manchen Modernen -- welche die

Technik übernommen haben -- verbinden sie; aber sie haben bei aller

äußerlichen Verschiedenheit, eine innerliche Verwandtschaft, einen

Impressionismus der Kunst und des Striches. Von allen deutschen

Zeichnern und Humoristen des Jahrhunderts, all denen, welche für unser

Gebiet geschaffen haben, gebührt Busch die erste Stelle, als der

künstlerisch und geistig stärksten Potenz. Auch die hervorragendsten

anderen Künstler haben in der Karikatur nur ihre Zeit mit dem

Brennspiegel beleuchtet. Busch ist der erste und einzige, der uns in

seiner Kunst karikaturistisch die Kommentare gegeben hat -- zum Leben

des ~homo sapiens~, wie er ist, war und sein wird.

[Illustration: Abb. 143. W. _Busch_: Der Virtuos. »Fortissimo

vivacissimo.« (Verlag von Braun & Schneider in München.)]

[Illustration: Abb. 144. W. _Busch_: Der Virtuos. »Bravo, Bravissimo

...« (Verlag von Braun & Schneider in München.)]

* * * * *

Mit dem Beginn der neunziger Jahre regte sich allenthalben Neues in der

Kunst -- und damit auch in der Karikatur. Man war müde des Gebotenen,

denn man empfand, daß es nicht mit der Zeit Schritt gehalten. Es trat

ein Bruch der Generationen ein. Die Jungen fühlten sich verlassen, das

Alte gab ihnen nichts mehr; aber vorerst hatten die Jungen nichts als

ihr Streben und ihre Sehnsucht. Bedrängt von den inneren und äußeren

Werten des Lebens, schrieen sie nach Entlastung. Sie wollten dem

Sein mehr Form und Inhalt geben, wie vordem, sie wollten nicht mehr

oberflächlich spielen mit dem Leben, sondern sich in seine Mysterien

versenken. Das graue, soziale Beieinander und Gegeneinander -- das

zugleich anlockte und abstieß -- fand seinen Gegenpol im Labyrinth der

Brust, in Träumen von junger Farbenschönheit, im Einspinnen in eine

Welt, in der andere Gesetze walteten, andere Wesen wandelten. Sie

wurden sensibel, die Jungen; nach außen wie nach innen wollten sie

vordringen. Alles wollten sie umspannen, alles sollte das Ihre werden,

ihnen den süßen Rausch der Kunst gewähren -- ihre Schmerzen, wie ihre

Wonnen, ihr grauer Alltag, wie ihre hellen Sommernächte. Und doch war

auch etwas von Kampf in den jungen Herzen, und von Selbstüberhebung,

wie sie der Kampf mit sich bringt. Erst fielen Worte, dann Thaten.

[Illustration: Abb. 145. _Th. Th. Heine_: Aus d'Aubecq »Die Barrisons.«]

[Illustration: Abb. 146. _Th. Th. Heine_: Aus d'Aubecq »Die Barrisons.«]

Die deutsche Karikatur im 19. Jahrhundert · 第 8 / 11 段