Die Gruppe der Neu-Romantiker mit Eichler, Münzer, Georgi, welche durch

die »Jugend« ihre intimen Schöpfungen uns mitteilte, gehört kaum noch

in unser Gebiet. In ihr setzen sich die künstlerischen Absichten eines

Richter und Schwind fort, wenn auch in anderer Weise, getragen von

einem modernen, verfeinerteren Empfindungsleben. In den Neu-Romantikern

spiegeln sich die junge, neuerwachende Poesie, das innige Sicheinleben

in die Zauber von Wald und Feld, von hellen Mondnächten und stillen

Weihern mit weißen Wasserrosen. Sie haben ihr Gegenspiel in der

jung-deutschen Lyrik, die in einem Eichendorff, Hölderlin, Mörike heute

die ersten Deuter ihres inneren Lebens sieht. Und doch spielt etwas

von einer karikaturistischen Betrachtungsweise mit hinein in die Werke

unserer Zeichner, ein leiser Anflug von Humor, ein leiser Anflug von

Spott über sich selbst, wie ihn stets der Gegensatz im Soll und Haben

unseres Lebens ergibt. Aber mit mehr Recht als die Vorigen gehört

Wilhelm Schulz in unsere Besprechung. Was sich in den Märchenbildern

dieses Künstlers ausspricht, hat vordem noch nicht seinesgleichen

gefunden. Hier tritt mit einemmale eine neue Linie in das Bild unserer

Kunst-Entwickelung. Es ist etwas von dem Volksmärchen, das in Schulz

nach bildlicher Gestalt und nach wörtlichem Ausdruck ringt. Nicht der

süddeutsche Wald, noch die bizarren Linien in Feld und Berg sind es,

nicht Nixen und putzige Kobolde, nicht Dryaden und gute Feen, sondern

es ist die öde, kahle Heide in einfacher, trauriger Schönheit; es ist

das halbreife, schmächtige Prinzeßlein, das sehnsüchtig in die Weite

schaut, es ist der junge, unschuldige, täppisch starke Ritter, der

Parzival, der ausreitet, suchend, in die Welt, nur mit ungestilltem

Sehnen im Herzen. Schulz ist ein Märchenseher. Die einfachen Dinge

des Lebens, ein Mädchen, das seinen Kranz verliert, ein junges

Ding, das einen Alten heiraten muß, ein armer Jüngling, der sein

Bestes bei einem jungen Weib verliert, all das formt sich ihm um zu

Märchenklängen, eint sich mit seiner stillen, großen Naturandacht. Das

alte Lüneburg ist seine Heimat, in der Heide erlebt er seine Träume,

und die altertümliche, eckige Tracht, wie sie uns in den schnurrigen

Holländern der Tulpenzeit begegnet, mit großen Hüten, langen, glockigen

Röcken, mit Aufschlägen an den Ärmeln, mit Mühlsteinkrausen --

verbindet er zu einer eigenartigen Märchenphantastik mit den Trachten

der beginnenden Renaissance. All seine Märchenwesen haben etwas von

Karikatur, etwas Scheues, Eckiges, Winkeliges, und wir möchten lachen,

wenn wir ihnen im Leben begegnen. Und doch sind sie wieder von einer

merkwürdigen Anmut. Jedenfalls ist Schulz eine der eigenartigsten

Erscheinungen der Moderne. Auch er besitzt das starke, zeichnerische

und malerische Können, eine suggestive Kraft des Vortrages. Er hat auch

einige großzügige, soziale Satiren geschaffen, und der »Dreibund wie er

ist und werden wird«, »Der Krieg vertreibt Handel und Gewerbe« gehören

mit zu den gedanklich-größten und ernstesten Schöpfungen der Moderne.

Manches von Schulz wie die »Heidehochzeit«, »Waldmittagszauber«, »Die

Sippe« muß -- so denkt der Verfasser wenigstens -- seinen Wert behalten

(Abb. 159).

[Illustration: Abb. 170. _L. Feininger_: Eingeregnet. (Narrenrad,

Sonderheft des Narrenschiff, Berlin.)]

[Illustration: Abb 171. _L. Feininger_: Großpapa auf dem Rad.

(Narrenrad, Sonderheft des Narrenschiff, Berlin.)]

[Illustration: Abb. 172. _L. Feininger_: Sylvesterspuk. (Narrenschiff,

Berlin.)]

Unter den Karikaturisten der »Jugend« verdienen Kubinyi mit seinen

Variété-Typen und der politische Zeichner Arpad Schmidhammer Erwähnung.

Schmidhammer ist witzig und von kräftiger, persönlicher Handschrift.

Seine Zeichnungen zum »Neuen Plutarch« (Abb. 160 u. 161) machen uns

lachen durch die einfache, energisch-komische Charakteristik. Auch die

»Fliegenden Blätter« verfügen über einen Zeichner, welcher in der Art

seiner Begabung unter den Künstlern dieses Blattes einzig dastehend

ist, und dessen wir erst hier unter den ~Fin de siècle~-Karikaturisten

gedenken wollen. Es ist Eugen Kirchner. Kirchner ist kein Satiriker

großen Schlages. In den »Fliegenden« möchte ihm auch nicht der Raum

für eine solche Bethätigung geboten werden. Aber Kirchner besitzt

einen durchaus persönlichen Stil, die Gabe, Studien nach dem Leben in

eigener Weise zu verarbeiten, und Typen von individueller Zeichnung

bei vorzüglicher Komik der Auffassung zu schaffen. Die beigegebene

Illustration ist von so reifem Verständnis der Rasse, von so sicherem

Blick für das Lächerliche und zugleich Typische in der Kleidung dieser

Mitbürger, ist so voll von der schmunzelnden, witzelnden Behäbigkeit,

welche diesen sonnabendlichen Spaziergängen eigen ist, daß wir das

Bildchen nicht ohne laute Ausbrüche unserer Lustigkeit in Augenschein

nehmen werden. Auch für alle Reize moderner Landschaft ist Kirchner

empfänglich. Bei ihm hat sich der Humor noch nicht zur Satire

verhärtet, und deshalb ist er eine der wohlthuendsten Erscheinungen

unter den modernen Karikaturisten (Abb. 162).

Weniger Beachtung findet das in München erscheinende, sozialistische

Witzblatt, der »Süddeutsche Postillon«, welches von dem vorzüglichen

Karikaturenkenner Eduard Fuchs geleitet wird. Die Zeichner dieses

Blattes bleiben meist anonym. Ganz abgesehen von der Tendenz muß

zugegeben werden, daß dieses Blatt vielleicht das einzige deutsche

Blatt ist, welches in der politischen Karikatur durchweg Stil zeigt,

kräftig und großzügig ist in allem, was es gibt. Wir bringen an

dieser Stelle nur ein Spottbild (Abb. 163), welches der »Süddeutsche

Postillon«, anläßlich eines Ausspruchs einer »Genossin« auf dem

Parteitage, brachte. Eine der kräftigsten und witzigsten bildlichen

Äußerungen über Frauenemanzipation.

[Illustration:

Abb. 173. _Franz Christoph_: Serenissimus auf der Saujagd.

(Narrenschiff, Berlin.)]

»Meggendorfers Humoristische Blätter« mit der Redaktion München und

Wien sind auch farbig ausgestattet. Jedoch wirken das glatte Papier und

der manchmal etwas langweilige Buntdruck süßlich. Unter den Talenten

zweiten Grades, welche in diesem Blatt sich bethätigen, ragen als

moderne Erscheinungen Zwintscher und Margarete Ade hervor. Zwintschers

Eigenart gedachten wir schon anläßlich Ludwig Richters, mit dem ihn

zwar keinerlei äußere Ähnlichkeit, aber doch etwas wie eine innere

Verwandtschaft verbindet. Vor fünfzig Jahren wäre vielleicht Zwintscher

ein Ludwig Richter geworden -- und Richters Kunst hätte nach fünfzig

Jahren etwas vom Gewand Zwintschers erhalten. Willi Pastor hat in einem

Essay die Eigenart Zwintschers gut getroffen, wenn er auch in dem

Werdenden schon einen Gewordenen sieht. Die liebenswürdige, bizarre,

lustige Margarete Ade ist die einzige Dame, der wir in unserem Buch

Erwähnung thun, und es freut uns zugeben zu können, daß ihre Eigenart

etwas durchaus Selbständiges besitzt.

[Illustration: Abb. 174. F. _Jüttner_: Dreyfußkarikatur. (Verlag der

Lustigen Blätter, Berlin.)]

Hat die moderne Münchener Karikatur in den letzten Jahren in

Deutschland, und wohl auch noch außerhalb des Reiches von sich reden

gemacht, so ist die Berliner Karikatur, dank der Indifferenz des

Berliners, kaum an ihrem Geburtsort bekannt geworden. Der Versuch, im

»Narrenschiff« ein Organ zu gründen, welches typisch für das Leben der

Weltstadt am Ende des Jahrhunderts sein sollte, scheiterte, desgleichen

der des »Münchhausens«; heute sehen wir erst, was es uns gegeben hat,

und wünschten wohl in neuerer, reiferer Form eine Fortsetzung des

Unternehmens, mit seinen Vorzügen, aber ohne seine Fehler.

Berlin ist eine Stadt mit ganz eigenem Gepräge, eigener Stimmung,

eigenen Geschehnissen. Die Worte Eichlers sind zur Wahrheit geworden;

das alte, behäbige Berlin mit Eckenstehern und Weißbierstuben, mit

Gardeleutnants, Philosophen und Linden-Stutzern, mit Schauspielerkult

und ästhetischen Thees ist verschwunden. Die alten Werte haben sich

umgeprägt, aber die neuen sind noch künstlerisch unerschlossen. Gewiß,

es erscheinen ja dutzendweise »Berliner« Romane, »Berliner« Skizzen;

aber wie wenig treffen meist gerade diese litterarischen Erzeugnisse

das heutige Lokalkolorit. Wie triefen sie von falscher Sentimentalität,

glauben mit einigen Schlagworten, einem mißverstandenen Jargon alles

gethan zu haben. Entweder sehen sie nur die leuchtende, lustige

Weltstadt, in der sich die Fremden vergnügen, und in der Berlin von

einigen tausend jungen Nichtsthuern und ihrem weiblichen Verkehr

repräsentiert wird, oder sie sehen das Ungeheuer »Weltstadt«, den

schwarzen Sündenpfuhl, in dem die Existenzen versinken. Entweder kennen

sie nur die Welt, in der man ißt, trinkt, protzt und spekuliert, heute

auf Gummirädern und morgen im »grünen Wagen« fährt, oder sie schaffen

eine sozialistisch-tendenziöse Elendskunst, wo der schwere Tritt der

Arbeiterkolonnen hineinschallt in das sich mästende Protzentum der

Fabrikbesitzer, die sich von »Blut und Schweiß« der Lohnsklaven nähren

und in »Völlerei« die Angst vor der Vergeltung zu übertäuben suchen.

Wie wenig ist das unser Berlin, die Stätte des Fleißes und des Kampfes!

Die Dramen unserer Stadt vollziehen sich anders, schöner, bitterer,

oft auch unendlich roher, als diese Herrn sich träumen lassen. Das

Malerische der Steinwüste, die großen, einheitlichen Stimmungen in

den sauberen Straßenzügen, die eigenartige Melancholie der weiten

Armenviertel des Vorstadtringes, das Humoristische, Bitter-Satirische,

das Tragische des dortigen Lebens, es ist schärfer, bestimmter im

Schnitt, als jene Künstler es erkannt haben. In der bildenden Kunst

macht sich fast nur in der Berliner Karikatur eine beginnende Umwertung

bemerkbar. --

Der Maler Skarbina, dem nachgesagt wird, daß er Berliner Lokalkunst

repräsentiere, trägt zuviel von der Lebensanschauung seiner Pariser

Lehrmeister hinein, sieht dort Chic und Grazie, delikate, malerische

Reize, wo Herbheit der Töne, harte knöcherne Formen vorherrschen.

Anders Hans Baluschek. Seine Kunst hat wie jede, die auf Berliner

Milieu, Berliner Boden erwachsen, einen durchaus karikaturistischen

Grundzug. Baluschek ist der eingehendste Schilderer des Vorstadtrings,

der Gegend, in der armselige Zeichen großstädtischer Kultur und

eine magere, früh entblätterte Natur -- mit verstaubten Bäumen und

verbrannten Grasflächen -- zusammenprallten, wo halbfertige Neubauten

stehen, und auf noch unbebauten Grundstücken Arbeiterfrauen am

Nachmittag ihre kleinen, im Sande spielenden Göhren beaufsichtigen.

Baluschek schildert den Arbeiter, aber nicht den, welchen die Arbeit

geadelt hat, wie den Bergmann Meuniers, sondern den, welchen sie müde

und stumpf gemacht hat, hart und roh (Abb. 164). Oder er schildert die

Deklassierten, welche abseits stehen und in Hunger und Laster ihr Leben

dahinbringen, abgejagt, ruhelos, ohne Aussicht auf Zukunft, nur den Tod

vor sich. Und doch liegt es über all diesem Ernst wie der Hauch einer

wehmütigen Poesie. Nichts von einer Romantik, scheinbar kein Mitgefühl,

und -- doch Poesie. Der Typus seines Menschen ist nicht der des

eigentlichen Berliners -- höchstens die Kinder mögen schon hier geboren

sein -- sondern der des in den letzten Jahrzehnten eingewanderten

Ostdeutschen, jener kulturlosen, harten, arbeitsamen Massen, die uns

täglich und täglich mehr zuströmen und der Bewohnerschaft der äußeren

Stadt schon einen anderen Typus, eine veränderte Zusammensetzung geben.

Baluschek schreitet stets fort; er wird einmal einer der wenigen

Berliner Künstler von kulturhistorischer Bedeutung sein.

Mit der Art seiner Darstellung sich zu befreunden, fällt nicht leicht.

Sie ist hart, hölzern, gegensätzlich, bei erster Betrachtung ohne jede

intimen Reize. Und doch muß man zugeben, daß gerade sie für das, was

sie bespiegelt, die einzig wirksamen Mittel enthält.

Eine gewisse Verwandtschaft mit Baluschek zeigt Karl Schnebel

(Abb. 165). Ja, er ist vielleicht noch tendenziöser wie sein Vorgänger,

Schnebel ist technisch interessanter, aber geistig und kulturell nicht

von gleicher Bedeutung für uns. Doch er möchte sich bei geeigneter

Beschäftigung überraschend entwickeln.

Auch Edmund Edel -- der, wie Schnebel, vorzüglich Plakatzeichner

ist -- hat Blätter von echtem Lokalkolorit geschaffen. Er besitzt

eine stark satirische Ader und sieht den rassereinen Emporkömmling

von Berlin W. in treffender Charakteristik, macht sich geschickt

über dessen geheuchelte, künstlerische Interessen, die ihm ebenso

wie die raffinierten Abfütterungen zu schalem Lebensgenuß gehören,

lustig. Auch Edel möchte an geeigneter Stelle sich entwickelungsfähig

zeigen. So brachte er z. B. in den »Lustigen Blättern« einmal eine

Reihe Karikaturen aus dem philharmonischen Konzert, welche zum

ersten Male mit gutem Recht die verschiedensten Arten der Berliner

Musikenthusiasten -- vom Entrepreneur, dem Virtuosen, bis herab zum

gestrengen Fachkritiker, zum Anglo-Amerikaner, dem Wunderkind, der

blond bemähnten Hochschülerin, welche »selbst nichts kann, aber

viel versteht« -- durchhechelten. Drei vorzügliche Zeichnungen des

Dirigenten mit der Künstlerlocke und den schönen Händen, für den

sämtliche Backfische, von den jüngsten Jahren bis in das höchste

Greisenalter schwärmen, haben wir beigegeben. Edels künstlerische

Qualitäten halten nicht vollends mit seinen geistigen Schritt, aber

auch er wird sich -- sobald sich die Berliner Karikatur hebt -- reicher

entwickeln (Abb. 166-168).

[Illustration: Abb. 175. F. _Jüttner_: Miquel als ~Little Titch~.

(Verlag der Lustigen Blätter, Berlin.)]

Der erste von den Berliner Zeichnern ist Lionell Feininger; wenn in ihm

als einem geborenen Deutsch-Amerikaner auch noch etwas von Yankeetum,

Snobbismus, ein Hang zu burlesker Übertreibung steckt, so hat sich

in ihm doch ein eigener typisch-berlinischer Stil herausgebildet.

Feininger ist jeder Aufgabe gewachsen, er schafft politische Blätter

von monumentaler Wirkung in kräftigen Gegensätzen, wie jenes »Hohenlohe

und Chronos« aus dem »Ulk«, er überstreut ebenso ein Blatt mit lustigen

Figürchen, krausen Einfällen einer spielerischen Zeichenkunst, wie

in ihm eine ganz eigene Märchenphantastik von zwingender Komik ruht.

Für alles, was mit dem modernen Maschinenwesen, mit der Technik, der

Schiffahrt in Zusammenhang, hat er ein eingehendes Verständnis; er

belebt wie ein Rudyard Kipling alte, dickhalsige Lokomotiven, die

mit glühenden Augen durch die Nacht schleichen, merkwürdig geformte

Luftschiffe, Tropensegler mit bauschig geschwellter Leinwand und

altmodisch verzwickter Takelage, wie moderne, weißgraue Kriegsschiffe,

eiserne, feuerspeiende Ungeheuer. Aber das Beste, was er geleistet,

hat er doch in der Karikatur des Radfahrers gegeben. Er ist der

Psychologe des Rades und des Sportsmannes, des Berufsfahrers, wie des

Kilometerfressers, überhaupt all derer, die sich auf der Maschine

fortbewegen, er hat diesen modernen Kulturfaktor karikaturistisch

gewertet, ebenso wie Nagel den Pferdesport. »Das Narrenrad«, eine

Sonderpublikation des »Narrenschiffes«, hat zu Unrecht wenig Beachtung

gefunden. Wie hier das Rad verstanden ist! Es ist keine einfache

Maschine aus Stahl, sondern es ist fast wie ein lebendes Wesen gesehen,

mit solcher Liebe und Freude, mit solchem Eindringen in alle seine

Eigenheiten. Feiningers Satiren auf den sportlichen Stumpfsinn, auf

jene eigentlich nutzlose Welt, gehören mit zu den besten Verspottungen

dieses ebenso nützlichen, wie in der Übertreibung unsinnigen Sportes.

In ihm steckt ein außerordentliches zeichnerisches Können, ein

außerordentliches Formenverständnis. Und gerade, daß seine, in allem

so durchaus moderne Begabung nirgends sich in den Dienst irgend einer

Tendenz stellt, stets sich ihre freie, rein künstlerische Anschauung

bewahrt, läßt uns an ihm eine reine Freude haben (Abb. 169-172).

[Illustration: Abb. 176. F. _Czabran_: Typen vom Rennplatz. (Verlag der

Lustigen Blätter, Berlin.)]

In Franz Christoph einen sich außergewöhnlich reiche Gaben. Er

ist als Künstler vollkommen Autodidakt, hat sich nur durch das

Kopieren japanischer Meister gebildet, hat sich einen eigenen Stil

der starren Linie geschaffen. Christoph ist noch härter als Heine,

verfügt über eine noch bitterere, prägnante Charakteristik. Als

früherer Schauspieler kommt ihm ein außerordentliches mimisches

Vorstellungsvermögen zu Gute, ein sich Einlebenkönnen in das innerste

Wesen fremder Charaktere. »Serenissimus auf der Saujagd« ist eine

der besten Karikaturen auf altertümelndes Hofschranzentum, eine der

stilvollsten und zugleich schärfsten Arbeiten der Moderne (Abb. 173).

Christoph verfügt über die schärfste Satire, und in Nebendingen seiner

Zeichnungen verbirgt sich oft die bitterste Kritik moderner Zustände.

Die »Lustigen Blätter« sind im Gebiet der modernen Karikatur für Berlin

ein halbwegs fortschrittliches Organ. Die meisten der oben erwähnten

Zeichner sind in ihnen vertreten. Für die politische Karikatur schaffen

Jüttner (Abb. 174, 175), Czabran (Abb. 176), besonders Jüttner versteht

es, seinen Aufgaben wirkungsvoll und ganz gerecht zu werden. Auch in

Bezug auf die farbige Ausstattung haben in letzter Zeit die »Lustigen

Blätter« gute Fortschritte gemacht.

* * * * *

Wir haben gesehen, wie von schwankenden, zagen Anfängen die deutsche

Karikatur zu echter Eigenart erstarkte, wie der deutsche Humor in

reinen Formen den ganzen Reichtum der deutschen Volksseele bespiegelte.

Und mag nicht vielleicht der Humor, diese angewandte Lebensphilosophie,

ein Grundzug des deutschen Wesens, ja vielleicht der Grundzug des

deutschen Wesens überhaupt sein? Was war unser größter, deutscher

Künstler anders, als Humorist? Ja, ist nicht sogar in seiner Kunst

stark die karikaturistische Seite ausgesprochen? Die Steinmasken am

Museum zu Basel sind fast die einzigen Karikaturen in der Plastik.

Böcklin hat uns gezeigt, daß wir uns an den Dingen der Kunst, wie an

den Werten des Lebens einfach erfreuen sollen, und nichts ist ihm

verhaßter, als der Kritiker, der nüchterne Verstandesmensch, der

auf seine Paragraphenästhetik schwört und ohne Freude, ohne inneren

Zusammenhang, mit scharfer Feder über Kunst und Künstler herfällt.

[Illustration: Abb 177. _Arnold Böcklin_: Kritikermaske. (Basel,

Museum.) (Phot. Verlagsanstalt Bruckmann, München.)]

* * * * *

Man hat lange Zeit der Karikatur eine untergeordnete Stelle im

Kunstleben zugewiesen. Sehr zu Unrecht. Die Karikatur hat den innigsten

Zusammenhang mit dem Leben, folgt jeder Wandlung und Schwankung,

und ihre führenden Vertreter stellen stets das fortschrittliche

Element dar, sind kühne Vorposten in dem Krieg, den die Kunst mit dem

Leben führt; vorwärts dringend eröffnen sie immer neue Gebiete dem

ästhetischen Genießen. Ihr Werk verdient um so größere Beachtung,

hat um so tiefere Bedeutung, da es naturgemäß durch die Art seiner

Verbreitung einer der wirksamsten Faktoren in der allgemeinen

künstlerischen Erziehung ist.

Sach- und Namenregister.

A.

Seite

Aberli (1723-1786) 25

Achenbach, Andreas (1815) 51

Achenbach, Oswald (1827) 51

Ade, Margarete 124

Ahrendts, Konrad (1855) 60

Alexandre, Arsène (französischer Kunstschriftsteller) 54

Allegorie des Krieges (1870, Kladderadatsch. Scholz) 91

Allotria (München 1882) 57

Änëide (Blumauer) 18

Antizeitgeist, der (Karikatur von Volz) 28

Atlas der grotesken Komik 14

B.

Baluschek, Hans (1870) 17

Bayersdorfer, Adolf (Kunstgelehrter, gest. 1901) 81

Beardsley, Aubrey (engl. Stilist von markanter

Eigenart, gest. um 1895) 116

Bechstein, Ludwig (1843, Fliegende Blätter) 68

Berliner Witze von Franz Burchardt Doerbeck,

erschienen bei Gropius 24

Berliner Redensarten von Franz Burchardt

Doerbeck, erschienen bei Gropius 24

Berlin, wie es ißt und trinkt, von Glasbrenner,

erschienen bei Jakowitz, Leipzig 32

Berliner Krakehler (1848) 36

Berliner Großmaul (1848) 49

Berliner Charivari (1848) 49

Berliner Typen von Franz Burchardt Doerbeck,

erschienen bei Gropius 51

Berliner illustrierte Montagszeitung von Glasbrenner 56

Berliner Dorfbarbier (1879) 56

Berliner Feuerspritze (1853-1856) 56

Berliner Wespen (Stettenheim, Berlin) 56

Bilderbogen (Busch) 103

Blätter, Fliegende 8

Blum, Hans (Geschichte der Revolution

1848), Leipzig 1898 43

Blumauer, Aloys (1755-1798, Schriftsteller) 18

Böcklin, Arnold (1827-1901) 128

Börne, Ludwig (1786-1837, Schriftsteller) 40

Bötticher, Georg (Kunstschriftsteller) 68

Brandt (Zeichner des Kladderadatsch) 8

Brandt (Brant), Sebastian (1458-1521) 10

Braun, Caspar (1807-1877) 46

Bromberger (Fliegende Blätter) 68

Brouwer, Adriaen (1605-1638) 19

Bücherfreunde, Zeitschrift für (Leipzig-Bielefeld) 68

Burenkrieg, Karikaturen des (Berlin 1900) 90

Busch, Wilhelm (geb. 1832 zu Wiedensahl in Hannover) 98

C.

Callot, Jacques (1592-1635) 5

Camphausen, Wilhelm (1818-1885) 51

Caran d'Ache (moderner französischer Karikaturist) 7

Caspari, Walter (Jugend) 119

Cazin (französischer Landschaftsmaler) 82

Charivari (politisches französisches Witzblatt

des Bürgerkönigtums) 24

Chodowiecki, Daniel Nicolaus (1726-1801) 14

Christoph, Franz (Narrenschiff) 128

Clasen, Carl 51

Claudius, Matthias (Schriftsteller, 1740 bis 1815) 19

Cohnfeld, Dr. (1848, Berliner Litterat) 50

Courbet, Gustave (1819-1877, französischer Maler) 88

Cri-Cri (1877, Dresden) 56

Cruikshank, Isaac (1756-1810) 10

Czabran (Lustige Blätter) 128

D.

Dabos (französischer Maler) 24

Daumier, Honoré (1810-1879) 29

Detmold, Johann Hermann (1807-1856,

deutscher Politiker) 54

Deutsche Revolution 1848, die (E. Diederichs,

Leipzig 1898) 43

Deutsche Reichsbremse (1849-1851, Leipzig) 56

Diez, Wilhelm (1839, Fliegende Blätter) 72

Doerbeck, Franz Burchardt (1799-1835) 32

Doktor Eisenbart (Reinhardt, Dresden 1873) 56

Dreyfußaffaire, Karikaturen der (Berlin 1899) 90

Dronke (Berlin, vormärzlicher Schriftsteller) 33

Duncker, Balthasar Anton (1746-1807) 10

Dürer, Albrecht (1471-1528) 11

Düsseldorfer Monatshefte (1848-1886) 41

Dyck, Hermann (Fliegende Blätter) 70

E.

Ebeling (Bearbeiter von Flögel, Geschichte

des Grotesk-Komischen) 48

Edel, Edmund (Lustige Blätter) 126

Eichendorff, Johann, Freiherr von (1788 bis

1857, Dichter) 121

Eichler, R. M. (Jugend) 33

Engel, Johann Jakob (1741-1802, philosophischer

Schriftsteller) 19

Eulenspiegel (Stuttgart, Pfau, 1848-1850, 1851-1852,

1862-1863) 57

Ewige Lampe (Berlin 1848) 49

F.

Falk, Johann Daniel (1768-1826, Schriftsteller) 11

Feininger, Lionell (1871), Ulk, Lustige Blätter 127

Feldbauer (Jugend) 72

Figaro (München) 57

Fischart, Johann (1545-1590) 10

Flashar, M. (1855), Fliegende Blätter 76

Flögel, Carl Friedrich (1729-1788, Litterarhistoriker) 14

Forain (bedeutender franz. Karikaturist) 7

Frankfurter Laterne (deren Redakteur der

Dialekthumorist Stolze, 1860) 56

Freiligrath, Ferdinand (1810-1876) 40

Fröhlich (Zeichner der Fliegenden Blätter) 69

Fuchs, Eduard (Kunstschriftsteller, Redakteur, München) 6

Fulda, Christian Fürchtegott (Schriftsteller

im 18. Jahrhundert) 14

Funke (Berliner Stecher, Beginn des 19. Jahrhunderts) 11

G.

Gall, Franz Joseph (1758-1828, Anatom) 13

Gavarni, Pseudonym des franz. Zeichners

Paul Chevalier (1801-1866) 60

Gehrts, Johannes (1854-1899) 69

Genelli, Buonaventura (1798-1868) 88

Genfer Novellen (Toepfer) 94

Georgi, Walter 121

Gern (Schauspieler, Berlin, Mitte des 19. Jahrhunderts) 60

Gillray, James (1757-1815) 10

Gilrai à Paris (Pseudonym der Karikaturen

von Gottfried Schadow) 27

Glasbrenner, Adolf (1810-1876, humoristischer

Schriftsteller) 32

Görres, Joseph von (1776-1848, Publizist) 42

Goya, Francisco de (span. Maler, 1746-1828) 5

Graetz (Fliegende Blätter) 69

Grimm, C. von (Zeichner; Schalk, Puck und

Kladderadatsch) 91

Grose, François 13

Grotjohann, Philipp (1841-1892) 91

Groth, Klaus (1819-1900) 64

Gurlitt, Cornelius (1850, Kunstgelehrter) 52

H.

Hagen, Carl 24

Haider, Max (1807-1843) 69

Hansson, Ola (norwegischer Essayist, lebt in

Deutschland) 81

Harburger, Edmund (geb. 1846) 69

Hasenclever, Johann Peter (1810-1853) 51

Hebel, Johann Peter (1760-1826, Dialektdichter) 64

Hecker, Friedrich Carl Franz (1811-1881,

badischer Volksführer) 4

Heilemann, Ernst (Lustige Blätter, Simplicissimus) 120

Heine, Heinrich (1797-1856) 40

Heine, Thomas Theodor 116

Hendschel, Albert (1804-1883) 61

Hengeler, Adolf 88

Herwegh, Georg (1817-1875) 40

Heß, David (1770-1843) 10

Hildebrandt, Ferdinand Theodor (1804 bis 1874) 51

Hippel, Theodor Gottlieb (1741-1766, Schriftsteller) 19

Hirschfeld (Berliner Verleger, Mitte des

19. Jahrhunderts) 49

Hofbräuhauszeitung (München 1880) 57

Hoffmann, Theodor Amadeus (1776-1822) 5

Hogarth, William (1689-1764) 13

Hokusaï (1760-1849) 95

Holbein, Hans d. J. (1497-1543) 10

Hölderlin, Friedrich (1770-1843) 121

Die deutsche Karikatur im 19. Jahrhundert · 第 10 / 11 段