Vischer in »Altes und Neues 1882«, von Adolf Bayersdorfer in »Kunst für
Alle«, von Ola Hansson in der »Zukunft 19. IX. 96«; auch Muther widmet
ihm eine ausführliche Besprechung in seiner »Geschichte der Malerei des
neunzehnten Jahrhunderts«.
Hansson sieht Oberländer verzerrt, sein feinsinniges Essay bietet nur
eine treffliche Charakteristik, und das ist die Ola Hanssons. »Es
gleicht dem Geist, den du begreifst, nicht mir!« hätte Oberländer von
dieser Studie sagen können. Vischer stimmt mit Hansson überein, der
den Zusammenhang Oberländers mit der Tendenz der »Fliegenden« leugnet
und sagt: »Was haben diese Zeichnungen mit den Witzen zu thun, die
zufällig darunter stehn?« -- Er gibt zu, daß die Freiheit der Regung
dem Zeichner in den »Fliegenden« fehlt, um sich zur einschneidenden
Kraft auf dem Felde der höheren Satire zu entwickeln.
Jedenfalls ist Oberländers Kunst weder so harmlos, wie sie Fred. Walter
in »Kunst unserer Zeit« darstellt, noch so bitter und zersetzend, wie
sie dem geistvollen Ola Hansson erscheint. Bayersdorfer hat das große
Geheimnis ihrer Wirkung scharf in die Worte gekleidet: »Oberländers
Kunst ist eine seherhafte Physiognomik«; und ich meine, in dem Wort
»seherhaft« liegt es schon begründet, daß er nicht der große Spötter,
der Verächter des Heutigen ist, wie ihn Hansson uns schildert, sondern
daß er zuerst und zuletzt Künstler und Humorist ist, der ebenso der
Welt, wie seinen Träumen angehört. Wenn man das ganze Werk Oberländers
durchblättert und diese schwellende Lebensfülle, den Gestaltenreichtum
an sich vorüberziehen läßt, so wird man sich sagen: ein so
nüancenreiches Schauspiel an Dingen und Wesen, Affekten und Stimmungen
bietet das Leben keinem. All das muß im Grunde schon Oberländer in sich
getragen haben von Anfang an, als ein künstlerisches Ahnungsvermögen
für Form und Ausdruck -- eine seherhafte Physiognomik. Und deswegen hat
seine Kunst gerade soviel Kraft und Kritik des Lebens, wie sie braucht,
um ganz auf dem Boden zu bleiben, und soviel Traumhaftes, soviel
künstlerische Einfalt, wie sie bedarf, um nicht zur sachlichen Kritik
herabzusinken.
Nicht allein der Witz des Gedankens, die Komik der Darstellung ist
es, die uns so sehr in den Bann Oberländers zieht, sondern die hohe
Vornehmheit, mit welcher hier alles gegeben ist, die Empfindung des
reifen, abgerundeten Könnens, das zu uns spricht. Bei allen Vorzügen,
bei der schlichten Lieblichkeit des landschaftlichen Ausschnittes
(Muther vergleicht Oberländer mit Cazin); bei dem wunderbaren
Verständnis für Stil in Häusern wie Straßen, in Menschen wie Kleidung,
in Tieren wie Pflanzen, bei der außerordentlichen Glaubhaftigkeit
seiner Bewegungsmotive tritt nie »das Seherhafte« zurück; es ist stets
ein vollkommenes Verarbeitethaben im Werk, eine völlige geistige
Überwindung des Modells.
[Illustration: Abb. 110. _Oberländer_: Ein fideles Gefängnis.
(Fliegende Blätter.)]
So prägnant seine Typen, nie wird man in ihnen volle Realität sehen,
nie wird man sagen: hier ist das und das zum erstenmal erschlossen,
niemand hat es uns vordem künstlerisch nahe gebracht; nie wird man
sagen: sieh, ein echter Landstreicher, ein echter Professor, ein
echter Münchener Partikularist, Bankier, Künstler, sondern immer wird
es heißen: ein echter Oberländer. Und das schließt alles in sich ein.
Nicht wie vor manchen Modernen wird bei uns zuerst das Gefühl der Armut
und Verelendigung, des Spottes, der Bitterkeit wach, und zu zweit
denken wir erst an das künstlerische Erfassen.
Und dieses Durchtränken auch des Kleinsten mit seiner Persönlichkeit
ist das Geheimnis seiner Kunst und bewirkt es, daß Oberländer, selbst
wenn er Bedrängendes gibt, nie bitter wird, stets der Humorist, der
lachende Philosoph bleibt, ohne Haß, ohne Verachtung, aber voll
Verständnis für die lächerlichen Schwächen an Menschen und Dingen.
Und dieses Künstlersein in allem, dieses Darin- und zugleich
Darüberstehen, das völlige sich Durchdringen zweier Welten, ist es,
was uns so zu Oberländer hinzieht -- trotz aller Modernen, wenn diese
auch Wesen und Dinge in den Kreis ihrer Karikatur hineintragen, die uns
vielleicht heute eher bewegen, dem Herzen der Zeit näher stehen.
[Illustration: Abb. 111. _Oberländer_: Wie der kleine Moritz am Ende
des Monats mit seinem Papa Cirkus spielt. (Fliegende Blätter.)]
Wenn Oberländer Geschichten aus dem Hundeleben gibt, so ist er hierin
ein Vorgänger Th. Th. Heines, und gewiß haben seine Bilderscherze
satirischen Sinn, aber Oberländer sagt nicht mit Montaigne: »~Plus
je connais l'homme, plus j'aime le chien~.« Und wenn hier Heine mit
besonderer Vorliebe des Tierischen im Menschen spottet, erkennt
Oberländer das Menschliche im Tier.
Man sehe sich nur die Gefängnis-française an (Abb. 110); was sind das
für gemütliche Vagabunden, und mit welcher komischen Grazie tragen
sie ihre Zerlumptheit! Der Dicke mit dem Plaid um den Schultern, ein
Lebenskenner, ein Philosoph der Flasche; der Schlanke, der Stutzer, mit
dem Taschentüchel aus der Brusttasche -- wie ein Schweineschwänzchen
--, noch ganz gentlemanlike in der etwas knappbemessenen Erbschaft,
die er angetreten, oder dem schäbigen Rest früherer Dandyschaft; der
dritte, zermürbt und zerrieben vom Leben, aber doch ruhig, zufrieden.
Was seinem Nebenmann an Kleidung zu knapp, ist ihm zu reichlich
bemessen, denn alles schlottert an ihm, schlägt breite Falten. Und nun
der Partner, wie unterthänig verbeugt er sich, als danke er demütig für
ein empfangenes Almosen. Hände und Füße schieben sich weit vor aus zu
kurzen Kleidern; und selbst im Hintergrund der ein wenig unheimliche
Bruder mit der Ballonmütze bläst so ruhig und seelensvergnügt seine
Mundharmonika, als wüßte er gar nicht, daß man ein Messer auch zu etwas
anderen Verrichtungen wie zum Brotschneiden brauchen kann. Dieses
Vagabundentum ist in keiner Weise dramatisch, finster wie das moderner
Franzosen oder das eines Heine oder Baluschek, sondern nur komisch.
Alle Insassen der Zelle sagen sich -- wie der bekannte Vogel bei Busch,
der flatternd und fest auf dem Leim sitzt und die Katze mit »Augen
gluh« heranschleichen sieht:
Und weil mich doch der Kater frißt,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.
[Illustration: Abb. 112.]
[Illustration: Abb. 113.
In Sparhausen, wo die Schulverhältnisse wenig günstig sind, muß
eine zweiklassige Schule eingerichtet werden. Die respektable Länge
des Lehrers Bakel kommt der Gemeinde sehr zu statten und macht die
Anstellung eines zweiten Lehrers ganz überflüssig, indem Bakel den
Unterricht für die zwei Klassen zu gleicher Zeit erteilen kann.
(Fliegende Blätter.)]
Diese humoristischen Galgenvögel sind heute seltener als man annimmt,
die Zeit der krassen sozialen Gegensätze, der bittere Lebenskampf, um
nicht ganz zu sinken, ist dieser Abgeklärtheit wenig zuträglich. Ein
mir bekannter, in Berlin lebender, dänischer Maler hat nach genauesten
Lokal- und Menschenstudien das Bild einer Berliner Wärmehalle gemalt,
prächtige, individuelle Typen. In jedem Kopf eine Lebensgeschichte:
Armut, Verelendigung, Roheit, Stumpfsinn -- alle Leiden der hungernden,
frierenden Großstadt bei einander. Nur einer fiel mir darunter auf,
ein roter, versoffener Mensch mit lustigen Zügen. Er blickte mit einer
gewissen Beschaulichkeit vor sich hin. »Den Mann habe ich gern,« sagte
der Maler, »er ist der einzige von allen, in dem ein Stück Philosoph
steckt.« -- Und hier eine ganze Kolonie dieser Lebenskünstler?! --
Th. Th. Heine hat das Schulhaus aus Ostelbien auf der deutschen
Abteilung der Pariser Weltausstellung gezeichnet. Eine baufällige,
strohgedeckte Hütte, auf deren Dach eine Ziege ihr Futter sucht. Am Weg
steht mit bloßen Füßen und zerrissenem Rock der halbverhungerte Lehrer,
um die Vorübergehenden anzubetteln. Wieviel geistvoller ist Oberländers
(Abb. 112, 113) langer Präzeptor, der in zwei Klassen unterrichtet.
Zuerst die prächtig eigenartige Komik des Gedankens, das Unmögliche
und doch überraschend Glaubhafte; der lächerlich unwahre und doch so
echte Typus; der stete Gegensatz zwischen vom Rohrstock beherrschter
Wohlanständigkeit der Rangen und der Rüpelei ~in optima forma~ -- ein
echter Oberländer; und nachdem wir genugsam darüber gelacht, kommt
uns der Gedanke: aha, Schulnot ... Ostelbien, Lehrer, die in mehreren
Klassen zugleich unterrichten müssen ... Räume, so niedrig, daß man
nicht in ihnen aufrecht stehen kann ...
[Illustration: Abb. 114. _Oberländer_: Marterholzes Fingergymnastiken
für die Kraft des Anschlages. (Fliegende Blätter.)]
Oder Oberländer gibt Satiren auf die moderne Erziehung. Wie leicht
und fest prägt sich uns diese Geschichte ein: Ein Entenpaar hat
vier Kinder, zwei Jungen, zwei Mädchen, alles Erdenkliche läßt es
sie erlernen, schickt sie zur Universität, ins Institut. Wie sie
heimkommen, sind sie zwar voller Gelehrsamkeit, aber das Schwimmen
haben sie verlernt. Dies Überwiegen des rein Künstlerischen läßt selbst
in den schärfsten Arbeiten die Tendenz zurücktreten, und dadurch gerade
bleiben sie uns als Ganzes unvergeßlich.
[Illustration: Abb. 115. _Adolf Oberländer_. Titel des
Oberländer-Album. 9. Teil. (Fliegende Blätter, Verlag von Braun &
Schneider in München.)]
Eine der witzigsten und zugleich schärfsten Satiren auf die Gegenwart
ist die bekannte Folge: »Alt-Athen und Isar-Athen.« Die Erziehung des
Jünglings und der Jungfrau von Kindesbeinen bis zur Heirat. Was die
Satire jedem, der die Blätter gesehen, unvergeßlich macht, ist die
wunderbare Beherrschung der griechischen Kontur der Vasenzeichnung,
das Treffliche des Gegensatzes in Wiedergabe und Inhalt: links streng
und edel, gerade und schön, rechts kraus und kleinlich, Unnatur und
Übertreibung. In Alt-Athen die Kinder im Freien an der Mutter Brust,
in Isar-Athen zwei schreiende Würmer, halb vergraben in Bergen von
Bettkissen; ein ganzer Tisch mit Surrogaten, mit Malzextrakt, mit
Nestlés, mit Liebigs und Timpes Präparaten, mit kondensierter Milch
und hundert anderen Flaschen. Und während in Alt-Athen sich die Kinder
an Spiel und Lehre gleichmäßig erfreuen, hocken sie in Isar-Athen
in völlig überfüllten Räumen, in Reihen wie die Krähen, altklug,
kurzsichtig. Und während sie im Gymnasion Diskus werfen, schwitzen
rechts bei der Prüfung ausgemergelte, junge Menschen. Auch das Mädchen
hat einen anderen Bildungsgang, links spinnt und webt sie, rechts
Musikmappen und Mädcheninstitut, altkluge Jüngferchen mit hohen Hacken
von der frechen Koketterie der eingebildeten Überbildung. Und der
Tanz! Links edle Anmut; die Mädchen tanzen allein über Rosen um die
bekränzte Herme zum Klang der Flöte; und rechts ein Tänzerpaar von
burlesker Komik, er mit Storchbeinen und Schnabelschuhen, sie mit
Wespentaille und Lockenbau. So üben sie die »ahnungsreiche Kunst,
die alle schätzen, welche lieben«. (Zur Psychologie des modernen
Tanzes hat überhaupt die Karikatur das Beste gegeben.) Während in
Alt-Athen der Jüngling studierend dem Philosophen lauscht, drückt
er in Isar-Athen in der Trunkenheit armselige Passanten gegen die
Wand. Und während Fackelträger die Neuvermählten leiten, stürzen sie
in Isar-Athen in Sturmschritt nach dem Bahnhof. Das ist wohl eine
der witzigsten Verspottungen der Gegenwart. Gleich witzig ist die
berühmte Folge vom Kuß, die aufgefundene Gemäldesammlung. Bei jedem
der Vorgeführten, Menzel, Max, Makart, Rethel, Tadema, Courbet, dem
fabelhaften Costuminski, Genelli, bei jedem dieser Künstler ist
gezeigt, wie leicht und um ein Kleines ihre treffliche Eigenart doch in
Manier umschlagen könnte. Wie tief ist ein jeder verstanden und überaus
geistvoll ~ad absurdum~ geführt; zeichnerisch ist hier das gegeben, was
Fritz Mauthner in »Nach berühmten Mustern« litterarisch uns gab. Nur
_eine_ wirklich geistvolle Verspottung der modernen Kunst in den Phasen
ihrer Entwickelung ist mir noch begegnet. Die »Jugend« brachte eine
Folge von Selbstporträts aus dem letzten Jahrzehnt, die des Münchener
Malers Manierowitsch, welche ihn nach jeweiliger Mode im Defreggerstil,
Pleinair, Pointillismus u. s. f. zeigten. Solche Stilkarikaturen sind
im allgemeinen sehr heilsam; denn gerade dadurch gehen uns erst die
Vorzüge und Schwächen, die Grenzen der Meister und Richtungen auf --
Anfang und Ende.
Zu den besten Schöpfungen Oberländers zählen »Der Konzertbildhauer«,
»Vegetarier auf dem Lande«, »Der Jahrmarkt in Timbuktu«, »Traum
des Savoyarden« u. s. f. Denken wir nur an seine Satiren auf
jüdischen Spekulationsgeist, auf neue Errungenschaften der Technik,
Riesenventilatoren, denken wir daran, wie er in der Vorstellung eines
Kindes oder Ungebildeten zeichnet; erinnern wir uns einmal: wie
versteht er das verschobene Gesichtsbild eines Trunkenen wiederzugeben,
ebenso komisch wie das in Unordnung geratene stabile Gleichgewicht
des Heimschwankenden. Von unerreichter Feinheit sind die heimlichen
Randzeichnungen aus dem Schreibheft des kleinen Moritz (Abb. 111), das
Genialste was in der einfachen Mache der Kinderzeichnung geschaffen
ist. Wie hier fast mit einem Nichts Ausdruck in den Mienen, ein
kompliziertes Spiel widerstreitender Gefühle gegeben ist, wie hier
in diesen unsicheren Strichen eine Bewegung erfaßt ist, das steht
nächst Busch einzig da. Man sehe sich den kleinen Moritz an, wie in
den Zügen neben der Furcht doch noch eine gewisse Verschmitztheit sich
ausspricht über den wohlgelungenen Streich, durch umgeworfene Stühle
eine Hindernisbahn geschaffen zu haben; die beschwörende Stellung
der Mutter, die Thränen der Rührung auf ihrer Backe, weil das liebe
Söhnchen Prügel bekommen soll; Maxi und Fritzi voller Schadenfreude;
Paula schwachnervig, ängstlich, sie könnte auch etwas abbekommen;
die Amme voller Mitleid; der Herr Hauslehrer in Würde; Poldi mit
rein psychologischer Anteilnahme; das Dienstmädchen in der Thür
erstaunt: was gibt's denn? -- Und dies alles gezeichnet mit kindischer
Unbeholfenheit, aber mit Oberländerscher Reife in der vereinfachten,
psychologischen Darstellung.
Das ganze Spiel seiner reichen Phantasie gibt sich besonders in den
Umschlägen seiner Alben aus. Wie er hier alles in Beziehung bringt, uns
den ganzen Guckkasten seiner komischen Figuren vorüberziehen läßt, ein
buntes, lächerliches Wirrwarr, einen Reichtum an Komik, eine Vielheit
auf einem Blatt, an der andere ein Leben zehren würden, ist einzig
dastehend. Oberländer hat unstreitig auch starken Einfluß auf einzelne
Künstler, wie z. B. Hengeler geübt. Vor allem muß aber bemerkt werden,
daß Caran d'Ache, der weltberühmte französische Karikaturist, am
Studium der Deutschen erstarkt ist.
[Illustration: L. _Marold_: _Backfische_. (Braun & Schneider.)]
Welche Kreise Oberländers Kunst umfaßt, ist nicht zu umschreiben;
nichts Menschliches ist ihm fremd, und doch ist seine Kunst in
allem echt bayerisch, durchtränkt von Rasse. »Auf keinem Gebiet
kehrt sich die allertiefste Eigenart der verschiedenen Stämme und
Rassen so greifbar nach außen, wie auf dem der Komik. Oberländer ist
der bayerische Humorist; unter den Deutern des Bayerischen in der
heutigen Kunst der Erste. Das ganze heutige Bayern lebt in ihm in
der verdoppelten Lebendigkeit der künstlerischen Gestaltung --«, so Ola
Hansson.
Mit Oberländer nehmen wir Abschied von den »Fliegenden«; er ist ihr
Stolz und ihre Größe. Wie weit er ihnen zugehört, will ich nicht
entscheiden. Aber wenn die »Fliegenden« im Humor das Organ für das
bayerische Volk, und Oberländer der echteste bayerische Künstler, so
gehören sie freilich zusammen.
[Illustration: Abb. 116. _Oberländer_: Friseur-Intelligenz. »Wollen der
Herr Assessor heute melancholisch oder sanguinisch frisiert werden?«
(Fliegende Blätter.)]
Was den »Fliegenden« uns heute weniger und weniger Sympathie
entgegenbringen heißt, ist das Vorherrschen des Clichéwitzes, das
Arbeiten mit abgebrauchten Typen, das natürlich auch bei den Künstlern
langsamen Stillstand der Fähigkeiten mit sich bringen muß. Die
»Fliegenden« haben nichts vergessen, aber auch nur wenig zugelernt,
sie sind leider nicht genug bei der Zeit in die Schule gegangen. Sie
sollten an das Wort Ibsens denken: daß eine gute, lebensfähige Wahrheit
fünfzehn, höchstens zwanzig Jahre alt wird, um dann Lüge zu werden.
Was den »Fliegenden« wenig zur Ehre gereicht, sind auch die ewigen,
wirklich oft geistlosen Angriffe auf die moderne Kunst, welche selten
oder nie den Kern treffen. Gerade sie zeigen, wie sehr die »Fliegenden«
zurückgeblieben sind. Oder sollten sie nicht wissen, daß gewissermaßen
nur der Tag lebt, und daß auch wir nur mit dem Tage leben? So sehr und
herzlich wir uns an Altem erfreuen mögen, es entstand für Menschen mit
anderen Sinnen, in anderer Zeit, es erfüllt uns nun einmal nicht mehr
ganz. Es bleibt ein Rest des Neuen, Ungemünzten. Aber alles Werdende,
das unsere halbempfundenen Leiden und Freuden zuerst ausspricht -- und
wenn es auch noch gährend und wild ist und sich selbst kaum kennt --,
ist uns inniger, brüderlicher an das Herz gewachsen, »denn es liebt
allein unserer Kinder Land, das Unentdeckte auf fernen Meeren«. --
[Illustration: Abb. 117. _Oberländer_: Jagd-Automat für Sonntagsjäger.
(Fliegende Blätter.)]
Setzt sich in Süddeutschland die Kunst hauptsächlich im Bilde um,
so in Norddeutschland im Wort; die bildende Kunst kommt ein wenig
knapp dabei fort, man bleibt stets ein wenig kulturlos und steril.
In Norddeutschland aber entsteht dafür der Stil der politischen
Karikatur. Der _Kladderadatsch_ hat hier in _Wilhelm Scholz_ einen
geeigneten Vertreter, herb, knapp, großzügig und wohl befähigt,
eine gute Bilderidee wirkungsvoll zu gestalten. Der Kladderadatsch
ist Bismarck gefolgt, erst spottend, dann anerkennend, schließlich
bewundernd. Scholz ist mit der wachsenden Bedeutung Bismarcks auch in
der künstlerischen Form mehr und mehr seiner Aufgabe gerecht geworden,
und seine Bismarckkarikaturen bilden ein Stück deutscher Geschichte,
sein von ihm erschaffener Typus des Reichskanzlers (Abb. 118) ist
uns in Fleisch und Blut übergegangen mit seinen herben, wie in Erz
geschnittenen Zügen, in dieser herben Manier. Der Kladderadatsch
hat die Bismarckkarikaturen wie die Bismarckgedichte seines Blattes
gesammelt und in chronologischer Folge erscheinen lassen. Auch die
Franckhsche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart hat sich ein Verdienst
damit erworben, daß sie eine Sammlung von 230 Bismarckkarikaturen
aller Länder zusammenstellte, zu denen K. Walter den verbindenden
Text schrieb. Solche Sammlungen geben oft bessere und schneller
verständlichere Kommentare zur Geschichte, wie sie uns das geschriebene
Wort zu geben vermöchte, und Grand-Carterets Sonderpublikationen,
ebenso wie die vom Verlag der »Lustigen Blätter« herausgegebenen
Sammlungen der Karikaturen auf die »Dreyfußaffaire«, auf die
»Abrüstungsfrage«, den »Burenkrieg«, werden manchem Späteren eine gute
Handhabe zum Verständnis der Bewegungen bieten; sie bleiben für die
Stimmungen des Volkes, im Für und Wider, für das, was wir nicht aus den
nüchternen Akten geschichtlicher Darstellung herauslesen können, eine
Quelle der Erkenntnis.
Der deutsch-französische Krieg fand meines Erachtens in der
Karikatur nur ein geringes und künstlerisch nicht sehr bedeutendes
Widerspiel, wenn auch die Figur Napoleon III. viel Gelegenheit zur
Persiflage bot, eine der meist verspotteten dieses Jahrhunderts; sein
Polichinellgesicht mit der grandiosen Nase, der spitze Schnurrbart,
sein Wanst und die dünnen Beine gaben viel her. Man zeichnet ihn als
Hahn, als Nußknacker u. s. f. Die »Allegorie des Krieges« (Abb. 121),
Napoleon, der den Sarg seiner Herrlichkeit mit den Pferden Hunger und
Elend durch sein Land fährt, ist aber doch gegenüber französischen
Arbeiten der Zeit schwächlich und zeigt, daß der kühle, norddeutsche
Zeichner nicht fähig ist, Dinge von satirisch zwingender Kraft zu
erschaffen, während ihm eine ruhige, kühle Größe weit besser liegt.
Ein besonders feiner Zeichner, ein überraschend witziger Künstler ist
Scholz wohl nie gewesen, aber in ihm ist der Zug des aufstrebenden
Preußens, des wachsenden, sich entwickelnden Deutschlands in der
politischen Karikatur zu machtvollem Stil erstarkt. Von den heutigen
Zeichnern des Kladderadatsch seien Stutz und Brandt erwähnt. Brandt von
prächtiger Kühnheit der Handschrift.
Der im Jahre 1870 entstandene »_Ulk_« ist in seinen litterarischen
Leistungen sehr ungleich und oft wenig erfreulich, auch hat er noch
heute ein besonderes Geschick darin, den illustrativen Teil durch
unpersönliche, langweilige Zeichner herstellen zu lassen. Der einzige
_Feininger_ bildet eine Ausnahme. Wir werden später von ihm sprechen.
[Illustration: Abb. 118. W. _Scholz_: Bismarcktypen aus dem
»Kladderadatsch«. (Verlag von A. Hofmann & Comp. in Berlin.)]
Die beiden beigegebenen Illustrationen (Abb. 124, 125) des »_Schalk_«
von Simmler und Wisniewski mögen bezeichnend für die künstlerische
Karikatur der Mitte der achtziger Jahre in Norddeutschland sein,
wirkungsvoll, aber etwas nüchtern, gut gezeichnet, aber ein
wenig humorlos. Von den Mitarbeitern des »Schalks« nenne ich nur
_Schlittgen_, C. _von Grimm_, _Grot-Johann_, _Oskar Pletsch_,
_Simmler_, _Paul Thumann_, _Knaus_, _Werner_, _Skarbina_, _Wellner_,
_Meyerheim_, _Schlitt_ -- gewiß bekannte Namen --, und doch ist es dem
Blatt nicht gelungen, uns das zu geben, was wir fordern. Aber viele
Ansätze, viel Gutes war in ihm. Vieles, das später wieder in anderer
Form auftrat.
* * * * *
[Illustration: Abb. 119. W. _Scholz_: Die Entscheidung naht.
Kladderadatsch 1865. (A. Hofmann & Comp. in Berlin.)]
Zwei Künstler sind es, die sich nicht einer zeitlichen Einteilung
fügen, die in allem eine Sonderstellung einnahmen, und die, wenn auch
voneinander grundverschieden, doch einzig miteinander vergleichbar
sind. Der Genfer: _Rudolph Toepfer_ und der Norddeutsche: _Wilhelm
Busch_.
Rudolph Toepfer, weniger bekannt in Deutschland, in Frankreich sehr
geschätzt; Busch in aller Munde und Herzen, ein echter Volkskünstler.
[Illustration: Abb. 120. W. _Scholz_. Kladderadatsch 1884. (A. Hofmann
& Comp. in Berlin.)]
Toepfer ist ein französischer Schweizer von deutscher Herkunft. Er war
von Beruf Professor der Ästhetik an der Universität zu Genf, Zeichner
und Schriftsteller in einer Person; geboren 1799 in Genf, starb er
daselbst 1846. In Toepfer einen sich die Merkmale beider Rassen, mischt
sich Germanisches und Romanisches.
Seine komischen Bilderromane, lustige Geschichten und Karikaturen des
berühmten Verfassers der »Genfer Novellen« hat in deutscher Übertragung
Paul Neff, Stuttgart, neu herausgegeben -- ein sehr verdienstvolles
Werk. Von Toepfer haben wir eigene Mitteilungen über die Art seiner
Kunst, über die Entstehung dieser komischen Bilderfolgen, wie
er geistvoll mit Dingen und Menschen Fangball spielt, das große
Künstlerkind -- im letzten Grunde aus dem gleichen kindlichen Trieb des
Spielens. Eine eingehende Charakteristik und Analyse seiner Eigenart
versuchte schon i. J. 1846 Fr. Th. Vischer mit Glück zu geben. Auch
das Essay von Johannes Schlaf in der Sonntagsbeilage der Vossischen
Zeitung, 10. September 1899, ist eine gute Arbeit; Schlaf geht mit
feinem Verständnis der Eigenart des Stils, wie der Zeichnung nach.
[Illustration: Abb. 121. _Wilh. Scholz_. Kladderadatsch 31. Juli 1870.
(A. Hofmann & Comp. in Berlin.)]