Friedrich August von Kaulbach ist mit seiner Karikatur nur in engem

Kreis geblieben; er hat die Künstlergesellschaft beim Kegelschieben

parodiert, hat für die Allotria manches Blatt geschaffen. Von

besonderer Komik ist die »Lenbachiade«: der große und lange Porträtist

mit der schlanken Taille, den Haaren des Hauptes und des Bartes,

welche alle in geschwungenen Linien gen unten streben, und der großen,

goldenen Brille mit den kreisrunden Gläsern wird hier hergenommen;

diese Brille begleitet ihn auf allen Lebensphasen, schon als Säugling

-- an den Brüsten der Kunst -- hat er sie auf der Nase, und in Berlin

blickt sie stolz herab auf den Chorus ekstatischer, schwarzäugiger

Bankiersfrauen des Sündenpfuhls, des Tiergartenviertels. Die

Lenbachiade ist nicht von der Größe und Bedeutung der Karikaturen

des Oheims, aber was an ihr auffällt, ist die außergewöhnliche

Anschmiegungsfähigkeit des Striches, welcher mit wenigem viel gibt,

etwas von der Sicherheit eines Wilhelm Busch besitzt; am nächsten mag

sie den Arbeiten des Jugendkarikaturisten Arpad Schmidhammer stehen.

Gerade, daß dem Maler die Karikatur nur ein freies, künstlerisches

Spiel ist, erfunden für einen lustigen Kreis, und daß er sie keinen

Frohndienst für ein Witzblatt leisten läßt, zeigt eigentlich, wie hoch

er sie schätzt, wie persönlich lieb sie ihm ist.

[Illustration: Abb. 83. _Deutsche Karikatur auf die Eisenbahn um_ 1840.]

[Illustration: Abb. 84. _Lithographische Textillustration_.

Düsseldorfer Monatshefte 1852.]

Für die Illustrationen zu den nun folgenden knappen Ausführungen

möchte ich erstens auf die Aufsätze in der ‚Kunst unserer Zeit‛ 1894

Mai, Juni von Fred. Walter »Fliegende Blätter, eine Jubiläumsstudie«,

ferner auf das Essay von Georg Bötticher in der ‚Zeitschrift für

Bücherfreunde‛, November 1898, hinweisen. Walter bespricht eingehend

die Illustrationen, Bötticher den litterarischen Teil des Blattes.

Ebenso mag man die Reihe allbekannter Sonderpublikationen des Braun

und Schneiderschen Verlags zu Rate ziehen. Vorerst die Münchener

Bilderbogen. Der vor mir liegende Katalog zählt nicht weniger wie 1200

auf; die rein humoristischen Inhalts belaufen sich auf 300; Bechstein,

Caspar Braun, Bromberger, Busch, Fröhlich, Gehrts, Graetz, Haider,

Harburger, Hengeler, Horschelt, Ille, Kramer, Meggendorfer, v. Nagel,

Oberländer, Pocci, Reinicke, Schließmann, Schmidhammer, Schwind,

Stauber, Spitzweg, Steub, Vogel, Zopf -- der ganze Künstlerstab der

»Fliegenden« ist hier als Mitarbeiter vereint. Auch sind eine Reihe

humoristischer Kinderbücher aus dem Verlage in die Welt gewandert,

und manch ein ständiges Thema des Witzes, -- wie Tierkarikatur,

Sommerfrische, Humor aus den Kolonien, Kinderstreiche, Kriegs- und

Friedensbilder, -- ist zu Sonderpublikationen zusammengestellt worden;

ebenso wie das Beste des Werkes einzelner Künstler, Harburger, Marold,

v. Nagel, Haider, Meggendorfer, Oberländer seine Buchausgabe gefunden

hat.

[Illustration: Abb. 85. _Münchener Karikatur um_ 1850. »Wenn Dir Mama

nicht die Nase wischt, muß ich es wohl thun.«]

Was uns heute die »Fliegenden« bedeuten, welche Rolle sie in der

deutschen Kultur spielen und gespielt haben, wo ihr künstlerischer Wert

beginnt, und wo ihr geistiger Wert -- mehr oder minder -- aufhört,

darüber ist schon oben gesprochen worden.

Sehen wir einmal die ganze Reihe der Künstler durch, ob sie noch

heute zu uns reden, oder ob sie mit Recht vergessen werden können.

Caspar Braun: ein sehr geschickter, geistreicher Herr, der gut

charakterisiert, aber uns doch jetzt selbst mit seinem Eisele und

Beisele nur noch von historischem Interesse. Anders mit Spitzweg und

Ille; Spitzweg, dieser kleine Böcklin, der auf Cigarrenbrettchen seine

Farbenorgien feierte, der die kleine, alte Stadt, das stille Dahinleben

alter, halbnärrischer Junggesellen so entzückend schilderte, der in

dem »Eremiten« (Berlin, Nationalgalerie) die ganze Poesie einer engen

Waldschlucht noch vor Böcklin erschloß -- hat viel für die »Fliegenden«

geschaffen. Auch sein Humor, besonders wo er Bummlern und Kneipanten

gilt, ist durch das Studium der Holländer beeinflußt, und es scheint

ihm die herrliche Brouwer-Sammlung der Pinakothek angethan zu haben.

Kennst du das wunderbare Bild von Brouwer,

Es zieht dich an wie ein Magnet!

singt Wilhelm Busch in der »Kritik des Herzens«.

[Illustration: Abb. 86. _Drei Tage aus dem Leben eines Vatermörders_.

Düsseldorfer Monatshefte.]

Eduard Ille war bis vor Kurzem der Veteran der »Fliegenden«, und was

uns heute an ihm fesselt, ist der starke Sinn für die Biedermaierzeit,

den er längst vor der Moderne, den ~Fin de siècle~-Künstlern, gehabt

hat, und die stilisierende, karikaturistische Schilderung der

Alten. Er ist nicht der erste Künstler, der jene Zeit geschildert,

aber der erste, der die heutige Distanz zu ihr gewonnen hat. Zu

den Eichrodtschen Gedichten an »Weiland Gottlieb Biedermayer,

Schulmeister in Schwaben«, zu den »Litteraturballaden«, dem

Goethe-Schiller-Engelmann-Trio, den Scherzen Edwin Bormanns, --

hat Ille manches gezeichnet, was uns modern anmutet in der ganzen

Intention, und modern mutet uns sein Verständnis für fremde Stile

an. Ganze Epochen, wie einzelne Künstler -- er weiß das Springende

hervorzuheben und weiß, welche Art der Auffassung, welche kleine

Übertreibung dazu gehört, um es als Manier lächerlich zu machen. Ille

ist noch heute uns interessant; anders Max Haider. Seine komischen

Jagdscenen sagen uns nichts mehr; wir sind erzogen, mit anderen Augen

in die Natur zu sehen, und sind durch die Japaner, Liljefors und andere

moderne Tierschilderer zu verwöhnt, um hieran noch Gefallen finden

zu können. Überhaupt sind mir auch in der Moderne keine deutschen,

guten Humoristen und Karikaturenzeichner der Jagd -- den Sonntagsjäger

der »Fliegenden« rechne ich nicht hierzu -- begegnet. Und hier wäre

ein Bethätigungsfeld; die Jagd, als vornehmes Vergnügen, als nicht

berufliche Bethätigung, muß wie jeder andere Sport in seinen Äußerungen

den Unbeteiligten zum Spott anreizen. Zu Dyck, dem bedeutendsten unter

den ehemaligen Politikern der »Fliegenden«, kann ich keine Stellung

gewinnen, er zeigt ein sicheres Können und Geist, und doch stehe

ich den Arbeiten anteillos gegenüber. Im Jahre 1848 ist Dyck neben

Braun der Revolutions- und Freiheitsmann des Blattes. Von Busch und

Oberländer später. Ludwig Bechstein, Stauber sind heute antiquiert.

Etwas von einem Menzelschen Charakter in der Art der Auffassung von

Volksgewühl und Menge steckt in dem früh verstorbenen Horschelt.

[Illustration: Abb. 87. Aus _Albert Hendschels Skizzenbuch_. (Verlag

von M. Hendschel in Frankfurt a. M.)]

»Ein Pferdekenner, Pferdepsycholog und Pferdehumorist ohne gleichen

ist Ludwig v. Nagel (+ 1898); er ist einer von denen, die an keinem

Pferd, und wäre es der abgetriebenste Sandführergaul, vorübergehen

können, ohne auf irgend etwas aufmerksam zu werden. Er hat darum auch

ein Gedächtnis für hippologische Erscheinungen, das ans Fabelhafte

grenzt. Dabei versteht er vom Reiter soviel wie vom Pferde selbst. Es

genügt ihm nicht, einen Mann leidlich richtig auf das Tier zu setzen,

sondern der Mann kommt bestimmt so aufs Pferd, wie er nach seiner und

des Pferdes Eigenart unter den besonderen Umständen im Sattel sitzen

muß. In gleicher Weise versteht der Künstler auch, dem Verhältnis des

Kutschers zum Wagenpferde Ausdruck zu geben. Er kennt alle Fehler

und alle Unarten, alle Launen und Charaktereigenschaften, Rassen und

Dressurunterschiede und weiß, ohne je zur übertriebenen Karikatur

überzugehen, ihre Empfindung meisterlich mit sicheren Strichen

festzuhalten.«

[Illustration: Abb. 88. Aus _Hendschels_ Skizzenbuch: Kunstmission.

(Verlag von M. Hendschel in Frankfurt a. M.)]

Diese treffliche Charakteristik des Künstlers von Fred. Walter zeigt

deutlich, woran es liegt, daß uns doch Nagel, bei aller Langweiligkeit

der Mache, so außerordentlich modern erscheint; ihm ist nämlich

nicht das Pferd ein Tier mit vier Beinen und einem Schwanz --

geschöpft, wie jenes Kamel, aus der Tiefe des deutschen Gemütes,

ein Fabeltier, das nun je nach Absicht variiert wird -- sondern es

ist seine ganze Liebe, sein ganzes Studium; und dieses Basieren auf

eingehender, künstlerischer Anschauung ist es, was Nagels Pferde- und

Sportkarikaturen den Reiz auch noch heute gibt. Wären die Sachen nur

witzig oder gut gezeichnet, sagten sie uns längst nichts mehr; aber, da

sie die Psychologie eines Tieres enthalten und eines Standes, welcher

mit und für dieses Tier lebt, bleiben sie modern. Wir haben eine ganze

Reihe der Sportkarikaturen beigegeben, weil sie uns fast einzig in

ihrer Art scheinen. Ein Leben so scharf, so ausgesprochen in seiner

Eigenart, dieses Jockeyleben, und von der deutschen Karikatur noch

vollends unerschlossen! Nur Bruno Paul, Feldbauer haben hin und wieder

einige Rennplatztypen und Jockeys gegeben; aber der wirkliche Philosoph

des Pferdes in allen seinen Rollen und Stellungen, der Philosoph des

grünen Rasens und dieser Jockeynaturen (Abb. 97 bis 107), der Menschen,

vertrocknet, dürr, und doch beweglich wie aus Gummi elasticum,

waghalsig und zäh, dieser fremden Gewächse auf unserem Boden -- wie

überhaupt die ganze Welt der Rennplätze für uns etwas Fremdes hat --

der einzige deutsche Karikaturist all dieser Dinge war v. Nagel.

Wilhelm Diez hat viel und lange Jahre für die »Fliegenden« geschaffen;

Dinge, die zeichnerisch sehr wirkungsvoll waren, aber wohl eher dem

Gebiet der Illustration zuzurechnen sind, als daß sie hier Platz

verdienten. Anders müssen wir uns zu Harburger stellen; während man

ihn eine Zeit lang überschätzte, wird er jetzt oft weniger bewertet,

als er es verdient. Seine Mache ist geschickt, aber sie ist in letzter

Zeit freilich zur Manier geworden, ebenso wie seine Typen aus den

letzten Jahren nicht selten an übermäßigen Übertreibungen leiden. Der

ewige Student, das Bierfaß auf zwei Beinen, der Professor mit der

Mommsenmähne und dem eingetrockneten Pergamentgesicht, der plattfüßige

Kommerzienrat und seine Rebekka, die in die Breite gehämmert

worden sind, der dicke Münchener Protz, diese bei Harburger immer

wiederkehrenden Typen, das sind doch Possenfiguren, unglaubwürdige

Petrefakten, die in nichts der Wirklichkeit entsprechen. Es ist

ein so enger Horizont, eine solche Armut an Typen, wie sie bei

einem Karikaturenzeichner selten ist, und es erschöpft nicht einmal

den Stand. Mit dieser Übertreibung harmoniert in keiner Weise die

minutiöse, raffinierte Technik. Würde er noch seine Menschen in

flotten, burlesken Linien hinschreiben! Aber hier hat die Mache nichts

von Karikatur und bleibt sich, wie die Typen, ewig gleich -- geschickt,

aber kalt und reglos. Wenn die Bildergedanken und Unterschriften vom

Künstler selbst stammen -- es geht ein gemeinsamer Zug durch sie -- so

ist das nicht zu unterschätzen; mancher sehr sarkastische und komische

Gedanke, mancher lustige Einfall ist darunter!

[Illustration: Abb. 89. _Ludwig Richter_: Wem solche Thaten nicht

erfreuen. (Verlag von Alphons Dürr in Leipzig.)]

[Illustration: Abb. 90. _Ludwig Richter_: Bürgerstunde. Aus »Für's

Haus.« (Verlag von Alphons Dürr in Leipzig.)]

Professor der Chemie zu München. »H_{2}O, das Wasser, meine Herren,

ist eine hellklare, durchsichtige Flüssigkeit, welche den Menschen

früherer Zeiten zum Getränk diente.«

[Illustration: Abb. 91 u. 92. Aus dem _Moritz von Schwind-Album_: Der

Teufel und die Katz. (Verlag von Braun & Schneider in München.)]

Dichter (bei der Arbeit): »Jetzt plage ich mich schon acht Tage

mit der einen Strophe herum, es ist mir unbegreiflich, wie das

Schicksal einem Dichter so wenig Phantasie hat geben können.«

Lehrer: »Einen Lessing brauchen wir halt wieder in der Litteratur!

Herrgott, wenn ich die Zeit hätt'!« -- --

Bummlerphilosophie: »Nur einmal im Leben möcht' ich mir begegnen,

wenn i a Geld hätt'!«

[Illustration: Abb. 93. _Moritz von Schwind_: Das organische Leben in

der Natur. (Fliegende Blätter.)]

Ganz anders wie Harburger, ist der viel weniger beachtete Steub

zu bewerten. Auch mir war er kaum aufgefallen, höchstens einmal

von ihm eine kernige Bauernprügelei (Abb. 108), ein Jagdgehilfe,

ein Holzschläger, ein Antiquar, der mitten in einem malerischen

Durcheinander von tausend Dingen vor einem altertümlichen Schrank

steht; aber im allgemeinen hätte ich diesen Künstler kaum bemerkt,

bis ich zum erstenmale Originale von ihm sah und ihn in seiner ganzen

Echtheit und künstlerischen Vornehmheit, Sicherheit der Zeichnung

würdigen konnte. Heute, wo die Reproduktionstechnik so vorgeschritten

ist, können wir ihn auch in der Vervielfältigung genießen. Auch bei

Steub ist der Einfluß der Holländer und besonders Brouwers, der das

wilde Leben der Bauern so dramatisch schildert, unverkennbar. Was an

Steub erfreut, ist die impressionistische Zeichnung der Bewegung,

Skizzen im Rembrandtschen Stil, ein kühner Zug, ein dramatisches

Regieren der Massen. Wenn er eine Prügelei schildert, so stürmt alles

auf den einen Punkt zu, konzentriert sich um das Hauptknäuel der

Rädelsführer, und mit Fäusten und Stuhlbeinen und Maßkrügen wird da

aufeinander losgeschlagen, daß man zu hören meint, wie es klatscht und

kracht.

[Illustration: Abb. 94. _Moritz von Schwind_: Der Teufel und der

Kartoffelwucherer. (Fliegende Blätter 1847.)]

Auch Franz Stuck hat für die »Fliegenden« gearbeitet, so »Amors Mission

in den zwölf Monaten des Jahres«, »Der Bauer in der Kunstausstellung«,

sogar eine Sonderpublikation ist von ihm erschienen: »Hans Schreier,

der große Mime«. Sie fand gerechterweise keinen sonderlichen Beifall.

[Illustration: Abb. 95. _Wilhelm v. Kaulbach_: Teil des Titelblattes

zu Reinecke Fuchs. (Verlag der J. G. Cottaschen Buchhandlung, Nachf.,

Stuttgart.)]

Die schon von Löffler in Deutschland angeregte Gesellschaftsschilderung

hat in den »Fliegenden« eine Reihe Vertreter gefunden. Meist sehen

sie, wie Zopf, Mandlick, Flashar, allzu liebenswürdig die Dinge und

Menschen an, und verbinden mit dem Begriff chic eine gewisse Hohlheit

und Oberflächlichkeit der Charakteristik. Eine höhere Stufe nimmt

Schlittgen ein, der aber nicht das gehalten hat, was er versprach,

wenigstens nicht als Zeichner. Als Farbenkünstler ist er mir heute von

größerem Interesse. Seine Art des langen, geistvollen Federstrichs, der

scheinbar so sicher trifft, der an- und abschwillt mit der Bewegung,

sein Verständnis für die Form, den Schnitt eines Militärrocks, den

Faltenwurf eines Beinkleides, für Interimskleidung der Offiziere und

die Balltoilette der Damen, für Strandkostüme, Straßenkleider, mit

einem Wort für allen Chic in der Kleidung der vornehmen Welt, ebenso

wie seine Schilderungen ihrer Vergnügungen, ihres verfeinerten,

geistreichelnden Flirts -- das alles war einst ebenso neu wie

überraschend. Und warum sind wir heute von ihm zurückgekommen? Fred.

Walter sagt von dem Künstler: »Schlittgen generalisiert immer die

Klasse, es ist _die_ Weltdame, _der_ Gardeleutnant, _die_ reiche

Erbin, _der_ Roué, was er uns vorführt; nicht eine unerschöpfliche

Fülle einzelner Gestalten und Charaktere hält er nacheinander fest,

er verdichtet die Eigenheiten eines ganzen Standes zu wenigen, dann

aber außerordentlich kennzeichnenden Erscheinungen«: deshalb haben

wir an ihm, gegenüber anderen Interpreten des gleichen Standes, keine

Freude mehr; wir wissen nun, wie Schlittgens Leutnants, Schlittgens

Weltdame aussehen, und sie erscheinen uns von Tag zu Tag weniger echt.

Wir vermissen in den Typen das Individuelle, und sie sind uns nur

noch hohle Abstraktionen. Auch in René Reinicke ist dieser Chikismus

etwas erstarrt. Die ganze Technik dieser tonigen Gouacheblätter

ist uns heute überhaupt etwas fremd geworden in ihrer überaus

weichen Zierlichkeit und ihrer meist verblasenen Formengebung, der

geistreichelnden Lichtverteilung. Dem Schreiber wenigstens fällt es

schwer, zu dieser Gruppe Stellung zu gewinnen. Der einzige, dessen

Verdienste und Können ihm rückhaltlose Bewunderung abnötigen, ist

L. Marold. Er hat nur wenige Jahre für die »Fliegenden« gearbeitet,

ist jung (1899) in seiner Vaterstadt Prag gestorben. Das Marold-Album

(Braun und Schneider) ist, ganz abgesehen von seinem Inhalt als

Holzschnittwerk, eine Leistung, die den besten amerikanischen und

englischen Arbeiten dieser Technik an die Seite zu stellen ist. Hier

sind Intérieurs von einem Schimmer von Licht durchrieselt, hier

sind Strand, Wiesen in Sonne gebadet, Blütenbüsche und üppiges,

hochgeschossenes Kraut, umflimmert von tausend Strahlen, getaucht in

Licht. Für Stillleben von Kannen, Geschirr, für Palmen und Blumen,

Möbel mit geistvoll-schnörkeligem Schnitzwerk, für Kronen- und

Kerzenglanz, für harmonisch abgestimmte Innenräume, für alles Vornehme

an Pferd und Weib hat Marold Sinn und Verständnis; und wie die Welt,

die er schildert, aristokratisch ist, so sind auch die Mittel, mit

denen er sie schildert, künstlerisch vornehm; manchmal ist er etwas

zu leicht, zu sehr geistvoller Plauderer, man möchte gern ein ernstes

Wort hören, aber er hat doch immer unsere Bewunderung für sich. Seine

Menschen sind hübsch, schlank, ~à quatre épingles~, Pariser Vorbild;

seine Frauen sind ein wenig zu gleichmäßig liebenswürdig, haben in den

Köpfchen noch etwas vom Modejournal. Trotzdem ist Marold als Schilderer

des Highlife von kultureller Bedeutung, er hat es uns in allen seinen

Lebensäußerungen bewahrt, in all seinen fashionablen Bethätigungen --

überall -- nur nicht bei der Arbeit. Im Badeort, am Strand, auf dem

Tennisplatz, im Segelschiff, auf dem Dampfer, im Boudoir, im Garten,

in der Gesellschaft, hauptsächlich aber immer wieder im luxuriös

ausgestatteten Wohnraum, dessen Licht -- abgeblendet durch Gardinen und

Stores -- alles in weichem Helldunkel löst. Was Marold ganz versteht,

das ist die Mode und die Wiedergabe des Stoffes. Nicht, daß er ein

Kleid durchzeichnete, so daß es einer Modistin zum Vorbild dienen

könnte -- wie es Heilemann oft thut -- aber es sitzt, und es sieht echt

in der Form aus, flott, chic.

[Illustration: Abb. 96. _Wilhelm v. Kaulbach_: Aus Reinecke Fuchs.

(Verlag der J. G. Cottaschen Buchhandlung, Nachf., Stuttgart.)]

Auch Marolds Witz halte man ja nicht für so überaus nichtssagend und

unschuldig, es zeigen sich in ihm vielmehr die Anfänge unsrer modernen

Gesellschaftssatire, wie sie heute im Simplicissimus und an anderen

Stellen gepflegt wird; die Moderne verdankt technisch und inhaltlich

Marold mancherlei. Thöny, Heilemann, Recznicek bauen in vielem über ihn

hinaus, verfeinern, vertiefen im Kulturellen; aber in einem bleiben sie

hinter ihm zurück -- nämlich im Künstlerischen.

Ob die witzigen Unterschriften für die Zeichnungen Marolds von ihm

selbst stammen, ob sie auf der Redaktion verfertigt und Marold zur

Illustration überwiesen wurden, weiß ich nicht, jedenfalls geht durch

alle der gleiche charakteristische Zug, der sich in der Zeichnung

findet.

»Sag mir, Adolf, wie gefällt dir denn unser neues Dienstmädchen?«

»Ausgezeichnet!« »So -- deshalb habe ich ihr auch gekündigt.«

* * * * *

»Wie kommt es, daß der Legationsrat drei Orden besitzt?« »Sehr

einfach, den dritten hat er bekommen, weil er die beiden anderen

hatte, den zweiten, weil er den ersten hatte, und den ersten, weil

er noch keinen hatte!«

* * * * *

Reiche Erbin (nach dem Hausball): »Lina, sieh mal nach, ob noch

irgendwo ein Leutnant kniet.«

* * * * *

Diese Proben mögen genügen, um zu zeigen, daß hier eine abwägende, ja

fast tendenziöse Betrachtungsart der Dinge vorherrscht, und daß diese

Gesellschaftskritik im Kern schon das gleiche enthält wie die der ~Fin

de siècle~-Künstler.

[Illustration: Abb. 97. _Nagel_: Reiter-Sprache. (Fliegende Blätter.)]

[Illustration: Abb. 98. _Nagel_: Jockey John.]

[Illustration: Abb. 99. _Nagel_: Wer nimmt so elegant Mauern, wie John.]

[Illustration: Abb. 100. _Nagel_: John beim Sprung.]

[Illustration: Abb. 101. _Nagel_: Ob John die Schanze aufwärts oder

abwärts klimmen soll, ist ihm gleich.]

[Illustration: Abb. 102. _Nagel_: Wie saust John auf flacher Bahn

dahin.]

[Illustration: Abb. 103. _Nagel_: John in der Pace.]

[Illustration: Abb. 104. _Nagel_: John setzt über einen Graben.]

[Illustration: Abb. 105. _Nagel_: John geschlagen.]

[Illustration: Abb. 106 u. 107. _Nagel_: John als Sieger; John bleibt

immer derselbe. (Fliegende Blätter.)]

[Illustration: Abb. 108. _Steub_: Ländliche Prügelei. (Fliegende

Blätter.)]

[Illustration: L. _Marold_: _Junge Ehe_. (Fliegende Blätter.)]

Von den übrigen Künstlern sei noch Hengeler, Reinicke und Graetz

erwähnt, feine Humoristen, die allen Dingen zwischen Himmel und Erde

die komische Seite abgewinnen. Hengeler ist von den dreien der feinste.

Reinicke und Graetz schmecken etwas nach Philister, beide haben sich an

Oberländer gebildet. Vor mir liegen drei Bändchen: »Lustige Bilder aus

unseren Kolonien«, »Humor in der Tierwelt«, »O diese Kinder, lustige

Bubenstreiche.« In die Tierkarikatur teilen sich vornehmlich Hengeler

und Reinicke. Hengeler ist hier überaus putzig und von unerschöpflichem

Witz der Einfälle. Was bei ihm so besonders lustig, ist stets der

Ausdruck der Augen, lachend, schadenfroh, neugierig, verliebt, stolz,

behäbig, stillvergnügt, schreckhaft, sentimental. Bei kleineren,

jüngeren Tieren ist er von der dumm-verträumten Erstauntheit wie bei

einem vegetierenden Baby im Steckkissen. Welcher Art diese Witze und

komischen Bilderfolgen sind, und welche Tiere besonders hergenommen

werden -- Nilpferde, Hühner, Hunde, Giraffen, Schlangen, Flamingos,

Elefanten, alle Wesen mit bizarren Formen --, ist genugsam bekannt.

Zwei Affen und ein Stachelschwein sitzen in der Wüste unter einer Palme

und spielen -- ihr Pfeifchen schmauchend -- Skat. Da ringelt sich von

oben die Riesenschlange herab; entsetzt entfliehen die Affen; das

Stachelschwein wird verschlungen; aber während die Stacheln sich beim

Hineinschlingen niederlegen, richten sie sich alsbald wieder auf und

töten die Mörderin. Die Affen bestaunen -- in würdiger Entfernung --

das Phänomen, die Stachelschlange, und einer hebt, wie docierend, die

Hand gleich Onkel Nolte, als ob er meinte: »Ja, ja, das kommt davon.«

Oder es sind Kinderstubenstreiche, urkomisch ersonnen und voller

Spitzen. Die Mutter kommt heim und sieht, was die Kinder angerichtet

haben; die Sache ist zwar so geistreich und fein ausgeklügelt, wie sie

die Kinder nie ausführen würden, aber das verzeihen wir gern. Auch wie

Hengeler Idyllen der niederen Tierwelt schafft, Frösche, die auf die

Jagd gehen, mit Hummeln als Hunden, und die Treiber anschießen -- jener

ewige Scherz der »Fliegenden« --, wie Hengeler sich aus Grashälmchen

und Farren, mit Bienen und Käfern eine kleine, friedlich-komische Welt

baut, das bringt ihn Hermann Vogel-Plauen nahe. Zu H. Vogel vermag

der Verfasser keine Stellung zu finden; und ihn, wie Fred. Walter,

zwischen Schwind und Richter in seiner Kunst zu stellen, in ihm einen

Ausgleich der beiden zu sehen, dazu mag er sich nun ganz und gar nicht

entscheiden. Mir ist die spitze Kleinlichkeit Vogels unsympathisch,

ich finde es ausgeklügelt, zusammengetragen und zusammengesucht, hier

Wichtelmännchen, dort Eulen, dort Frösche, dort Elfen im Silberschleier

mit Goldkronen, alte Kräuterweiblein, jagende Ritter mit Hifthörnern,

scheue Rehe und krächzende Raben -- aber dabei bleibt es. Der Wald,

in all seinen märchenhaft-traulichen Heimlichkeiten, wird es nie und

nimmer. -- Damit ist der Mitarbeiterkreis der »Fliegenden« erschöpft

bis auf zwei: Kirchner werden wir zu den ~Fin de siècle~-Künstlern

rechnen müssen -- und Oberländer. Oberländer!

Oberländer, Busch und Th. Th. Heine, das ist das Dreigestirn, welches

von unsrer deutschen Karikatur einmal hell leuchten wird, wenn all die

kleinen Sterne verblaßt sind!

[Illustration:

Phot. Ad. Baumann, Hofphotograph in München.

Abb. 109. Oberländer]

Die deutsche Karikatur im 19. Jahrhundert · 第 6 / 11 段