gibt es eine große Anzahl, auf die einzelnen Führer, auf wichtige
Ereignisse, Reden, Maßregeln, stehen (Abb. 69-74) -- trotzdem die
drei Radaubrüder der Linken (Abb. 73) witzige und tüchtige Arbeiten
sind -- obenan die Ätzblätter zum Frankfurter Parlament von Pecht
(Abb. 76). Diese Parlamentskarikaturen von trefflicher Zeichnung,
unerbittlicher Charakteristik und einer Satire, wie sie kaum wieder
geboten worden ist, sind, besonders im »Ministerium der Gegenwart«
und dem »Ministerium der Zukunft«, gradezu einzig in Deutschland. Sie
erinnern an die Parlamentskarikaturen Daumiers und des modernen Léandre
in ihren giftigen Verzerrungen. Zu der Parlamentsschaukel besagt eine
Ermahnung im Sinn und der Gestalt der Kapuzinerpredigt, nicht so wild
zu wippen und mehr nach der Mitte zuzurücken, sonst möchte Brett und
Bock zusammenbrechen, und sich mancher in die blaue Luft setzen. Noch
höher als Pecht steht vielleicht Eduard Steinle -- der Madonnenmaler
-- als Karikaturist. Was er für ein feiner, ausdrucksvoller Zeichner
ist, dafür mag das Gesicht des alten, gichtischen Monarchen Zeugnis
ablegen (Abb. 75), in dessen geschwächtem Hirn nur ein matter
Verständnisschimmer aufleuchtet für das, was ihm Jungfrau Germania hier
mitzuteilen hat. Aus Württemberg und Baden sind mir keine künstlerisch
bedeutenden Karikaturen begegnet. Pfau, der geistreiche Ästhetiker, gab
in Stuttgart den »Eulenspiegel« heraus; »Das neue Lied vom Hecker« und
das vom »Struwwelputsch« (auf Struwe) finden sich in den »Musenklängen
aus Deutschlands Leierkasten« (Leipzig, um 1850) einem mit hübschen,
für die Zeit charakteristischen Holzschnitten gezierten Bändchen.
Seht, da steht der große Hecker
Eine Feder auf dem Hut,
Seht, da steht der Volkserwecker,
Lechzend nach Tyrannenblut,
Wasserstiefeln, dicke Sohlen,
Säbel trägt er und Pistolen,
Und zum Peter saget er:
Peter, sei du Statthalter!
Auch Leipzig und Dresden haben manches zur Karikatur beigesteuert, so
ist jenes Blatt, auf dem man den Kanonen so tiefe Reverenz erweist, daß
die Zöpfe nur so fliegen, Leipziger Herkunft (Abb. 77).
[Illustration: Abb. 71. _Parlamentskarikatur._ (Sammlung E. Mai.)]
Das tolle Jahr ist für die Karikatur von großer Bedeutung gewesen, ja,
es ist das eigentliche Geburtsjahr der deutschen Karikatur. Jetzt sind
wir künstlerisch stark genug, um keiner Anleihen mehr zu bedürfen.
Unter Kanonendonner ist die deutsche Karikatur aus der Taufe gehoben
worden, und sie hat kräftig geschrieen. Sehen wir jetzt einmal, wie
sie sich weiter entwickelt hat. Aber wir können ihr nicht mehr Tag für
Tag folgen. Nur hie und da können wir einen raschen Blick auf ihre
Wandlungen werfen, eine knappe Würdigung ihrer vorzüglichsten Vertreter
anstreben.
* * * * *
Mit dem Beginn der fünfziger Jahre tritt die politische Karikatur ein
wenig wieder auf der öffentlichen Schaubühne zurück, aber ganz entwöhnt
man sich ihrer nie mehr. Humoristische Witzblätter entstehen, wenige
halten sich, viele verwelken -- um mit Heine zu reden -- noch ehe sie
geblüht. Es seien erwähnt, mit Ausnahme derer, welche heute noch in
Flor stehen:
Die Berliner illustrierte Montagszeitung von Glasbrenner,
Berliner Dorfbarbier (1879),
Berliner Feuerspritze (1853 bis 1856),
Humoristische Blätter, Berlin (1884),
Der kleine Reaktionär (1862 bis 1864),
Schalk, Stuttgart, Leipzig, Berlin (1878),
Berliner Wespen (Stettenheim, Berlin),
Leipziger Charivari (1858),
Deutsche Reichsbremse, Leipzig (1849-51),
Puck, Leipzig (Konstantin von Grimm. 1876-78),
Cricri, Dresden (1877),
Doktor Eisenbart (Reinhardt, Dresden 1873),
Industrieller Humorist (Hamburg 1868),
Figaro, München,
Hofbräuhauszeitung, München (1880),
Neue fliegende Blätter, München (1881),
Neuer Kikeriki, München (1882-83),
Münchener Punsch (1874-75, Martin Schleich),
Eulenspiegel (Stuttgart, Pfau, 1848 bis 50, 51-52, 62-63),
Krokodilsthräne (1884, Stuttgart),
Die Frankfurter Laterne (Redakteur der Dialekthumorist Stolze,
1860),
Trumpfaß (Düsseldorf 1853-60).
[Illustration: Abb. 72. _Der Parlamentspinsel._ (Sammlung E. Mai.)]
Auch viele Zeitschriften wie »Über Land und Meer«, »Gartenlaube« u. s.
f. hatten ihre humoristischen Ecken; das Bedürfnis für Karikatur
war ein allgemeines geworden. All diese Blätter sind entweder schon
heute eingegangen oder spielen doch nur eine untergeordnete Rolle,
so daß wir nicht weiter auf sie eingehen werden. Von allen sei
nur der Frankfurter Laterne, dem Schalk, den Berliner Wespen, der
Illustrierten Montagszeitung ein rühmliches Andenken gewahrt. Es
soll hier nicht gerechtet werden, wie wenig künstlerisch meist die
Leitung, wie untergeordnet die Stellung, wie ausdruckslos die Art der
Vervielfältigung, -- nicht gerechtet werden, ob diese Blätter nun
wirklich das gegeben, was sie hätten geben können, oder ob nicht an
ihrer Stagnation und ihrer langsamen Auflösung ein völliges Verkennen
der Aufgaben der Karikatur, eine künstlerische Unbildung schuld war.
Oder ob es schwer war, Zeichner von Bedeutung für sie zu gewinnen,
während heute eine bessere Schulung, ein reiferes Können einer ganzen
Künstlergeneration eigen ist. Was der Mehrzahl der Illustratoren --
ich rede hier nur vom breiten Troß der Namenlosen, der Eintagsfliegen
-- fehlt gegenüber selbst denen, welche heute an zweiter und dritter
Stelle stehen, das ist das Zeichnenkönnen, das Naturstudium, der
malerische Sinn, die Glaubhaftigkeit. Phantasie, Gestaltungsgabe, Humor
sind oft entwickelt, aber das »Wie« der Mache hält nicht Schritt mit
ihnen. Die »Fliegenden« haben diesen Hauptzug des deutschen Künstlers
von damals fein verspottet: Einem englischen, einem französischen,
einem deutschen Maler gibt ein Mäcen den Auftrag, ein Kamel zu malen.
Der Franzose geht in den ~jardin des plantes~ und malt es dort, der
Engländer fährt in die Wüste, um das Tier in seiner Umgebung zu
studieren, der Deutsche aber geht in sein stilles Kämmerlein und
schöpft das Kamel aus der Tiefe seines Gemütes. Trefflicher kann das
nicht gesagt werden, und so möchte ich der alten Karikatur -- im
allgemeinen -- nachsagen: sie ist im stillen Kämmerlein ersonnen,
geschöpft, wie das Kamel, aus der Tiefe des Gemütes. Die Moderne aber
ist draußen erlebt, gesehen im Leben und kräftig erfaßt mit malerischer
und zeichnerischer Schulung. Und deswegen beginnt sie auch eine andere
Stelle einzunehmen, eine andere Rolle zu spielen, als vordem.
Neben diesen Witzblättern sind noch viele Zeitschriften zu erwähnen,
welche nur im engeren Kreis der Künstler Verbreitung fanden. So die
Münchener »Allotria«, 1882, und die »Kneipzeitung«, karikaturistische
Blätter des Düsseldorfer Malkastens; überhaupt ist der deutsche Humor
überall da zu seinem Recht gekommen, wo sich unter den Künstlern ein
engerer Zusammenschluß gebildet hat. In Einladungen für Feste ist
manche Perle der Karikatur niedergelegt worden. All diese Dinge drangen
aber kaum in die Öffentlichkeit. Der »Kunst für Alle« verdanken wir
hier manche schätzenswerte Mitteilung; so über Künstlerkarikaturen
von Kaulbach, Stuck, Nagel, des Malkastens u. s. f. Für den Humor der
Berliner Künstlerschaft finden sich in der Akademie der Künste und der
Sammlung Mai reiche Belege.
[Illustration: Abb. 73. _Erste Räumung der Galerie._ »Was wird nun die
arme Linke ohne uns anfangen.« Anonyme Karikatur. Frankfurt a. M.,
Wagner, 1848. (Sammlung E. Mai.)]
Der Berliner Witz, die Berliner Kultur spricht sich am ehesten im
»Kladderadatsch« und seinen Publikationen, Kalendern, Plakaten aus.
Scholz schafft aus dem Milieu heraus Schilderungen des öffentlichen
Lebens. Reinhardt, der feine Bilderhumorist, der vorzüglich für
Leipziger Verleger gearbeitet hat, sei genannt. »Der Löwe kommt« ist
eine noch heute beliebte Bilderhumoreske. Auf einem Jahrmarkt ist
der Löwe aus der Menagerie ausgebrochen und ruft ein belustigendes
Tohuwabohu der Panik, ein wüstes Durcheinander von Menschen, Hunden,
Dingen, einen aufgeschreckten Ameisenhaufen kleiner, wimmelnder Wesen
hervor. Und in all diesem putzigen Hasten und Jagen, Durch- und
Übereinanderfallen, das voller komischer Episoden ist, nur ein ruhiger
Punkt: ein kleines, zitterndes Männchen in einem Rollstuhl; ruhig
und treu harrt der Pudel bei ihm aus, während der Bediente das Weite
gesucht hat. Es ist der Künstler selbst, welcher an den Füßen gelähmt
war und im Stuhl gefahren wurde.
[Illustration: Abb. 74. _Frankfurter Karikatur._ (Sammlung E. Mai.)]
[Illustration: Abb. 75. _Eduard Steinle_. Frankfurt. Dem Ȋltesten
deutschen Monarchen« wird die Kaiserkrone angeboten (Sammlung v.
Lipperheide.)]
Herbert König, der geistvolle Zeichner, von dem in der Montagszeitung
einige treffliche, lithographische Beigaben erschienen sind, so: zum
Jubiläum Gerns; so: David Kalisch auf dem Schoß Thalias, in den Armen
den Kladderadatsch haltend (siehe »Kladderadatsch und seine Leute«),
-- ist zu Unrecht fast vergessen. L. Löffler, der Berliner Gavarni,
der für den »Dorfbarbier« gearbeitet hat, ist ein interessanter
Sittenschilderer; besonders ist es die Frau um 1860, die sich in seinen
Werken spiegelt, nur trägt er zu viel der französischen Grazie in die
doch weniger eleganten Berliner Verhältnisse. Auch der Witz schmeckt
manchmal etwas französisch, und die Untreue und Flatterhaftigkeit der
Saison-Liebsten, wohl auch die Halbwelt und ihre Anschauung spielen
schon ein wenig mit hinein. Die Silhouette erfährt eine Neubelebung,
und hier ist manches Reizvolle, Poetische, Graziöse, Witzige geleistet
worden. Grand-Carteret weist darauf hin, daß hier eine Bethätigung
wäre, die echt deutsch sei und ein spezifisches Ausdrucksmittel unserer
Eigenart bilden könnte. Besonders sind es illustrierte Blätter, welche
die Silhouette pflegen. Als Künstler von Bedeutung sind Schulz und
Ahrendts zu erwähnen und vor allem der leider so früh verstorbene,
graziöse Paul Konewka (1840-71). Das »Faustalbum« (Amsler und
Ruthardt 1864), »Der Sommernachtstraum« (Bassermann, München) sind
allbekannt. Nannte doch selbst Menzel den »Osterspaziergang« die beste
Illustration zu Faust. J. Trojan, der Schwager des Künstlers, hat in
den Velhagen & Klasingschen Monatsheften eine Würdigung von Konewkas
Fähigkeiten gegeben. Und noch heute, wo uns die Silhouettenkunst fremd
geworden ist, und uns die schwarzen, bewegungslosen Schatten, mit
den kleinlichen, prickelnden Umrißlinien, mit den Kunststücken der
Schere nur wie Kuriosa erscheinen, noch heute wirkt Paul Konewka. Auf
der Illustratorenausstellung 1897 im Akademiegebäude trat er in der
historischen Abteilung, -- trotz Richter, trotz Schwind, -- frisch
und unmittelbar vor uns hin, nicht verstaubt noch antiquiert. Sein
vornehmes, ansprechendes Talent wird ihm noch lange Zeit Freunde
schaffen.
[Illustration: Abb. 76. _Pecht_. Die Parlamentsschaukel. (Sammlung v.
Lipperheide.)]
Ein Münchener Silhouettist, der für die »Fliegenden«, ebenso für
Bilderbogen des Braun und Schneiderschen Verlages viel gearbeitet hat,
ist Theodor von Kramer. Er steht aber bedeutend unter Konewka.
Im Anschluß hieran -- wenn auch nicht im Zusammenhang, denn er nimmt
eine Sonderstellung ein, -- möchte ich Albert Hendschel erwähnen. Was
uns heute wieder zu ihm hinzieht, das ist das Zeichnenkönnen -- nicht
im akademischen Sinne --, das aus seinen Werken, seinen Skizzenbüchern
spricht. Dieses Fahrige, Verflatternde der Linie, die wie eine
künstlerische Impression wirkt und doch von feinster, genauester
Beobachtung von Form und Licht zeugt; der Geist, mit dem das alles
gemacht ist, das scharfe Auge, welches es gesehen! Was er gibt, ist
unschuldig: witzige Typen, irgend ein komischer Vorgang aus der großen
Welt oder, lieber noch, aus der kleinen der Kinder; ein Schusterbube;
ein Malerlehrling, der ratlos auf dem Gerüst steht und sich nicht vor-
und rückwärts getraut, da man ihm den Hut über das Gesicht geschoben
hat; mit einem Wort: karikaturistische Anekdoten -- oft treffend in
den Typen. Wir haben für sie ja heute nicht allzuviel mehr übrig, und
doch sehen wir die Werke Hendschels gern an, wir erfreuen uns daran,
wie jemand mit so unschuldigen, ungetrübten Blicken in die Welt sehen,
so harmlos als Mensch und dabei so geistreich als Künstler sein kann.
Wieweit Hendschel für das Frankfurter Leben das Richtige getroffen, wie
weit seine Typen der Zeile der Wirklichkeit entsprechen, vermag ich
nicht zu entscheiden.
[Illustration: Abb. 77. _Leipziger Karikatur von_ 1848.]
Da wir gerade bei dem liebenswürdigen Humor verweilen, so müssen hier
endlich zwei Künstler genannt werden, die eine ganze Welt für sich
bilden. Feine, stille, friedfertige Humoristen, deutsche Poeten in
allem, was sie anfassen mögen. Die wärmende, goldige Sonne des Humors,
das liebevolle _Sich_ versenken, Einspinnen, Hineinträumen, Zauber
in Haus und Stadt, Märchen in Wald und Feld, Lust am Plaudern, am
Fabulieren, ein Hauch von Romantik, und doch kerngesund im Herzen --
wer dächte da nicht an Schwind und Richter?
Schwind und Richter sind in Vielem Vorläufer der Moderne gewesen, und
eine deutliche Linie führt von ihnen herab zu Hans Thoma. Wir hätten
Richter längst erwähnen sollen, seine Thätigkeit hat schon früh in
den dreißiger Jahren ihre Höhe erreicht und bleibt durch Jahrzehnte
unvermindert an Kraft und Schönheit. Niemand hat zu Richters Kunst
geistvollere Kommentare gegeben, uns besser gezeigt, wie sie in ihm
verwachsen, und welche Eindrücke ihn bestimmten, wie das Milieu, in
dem er lebte, ihn erzogen hat, als er selbst. Seine Autobiographie
reicht in manchem an Goethes Wahrheit und Dichtung heran, so klar,
liebenswürdig und anschaulich sind Menschen, Zeitläufe, Verhältnisse,
Umgebung gezeichnet. Es ist eines der wichtigsten Dokumente über die
Kunst der ersten Hälfte des Jahrhunderts und zeigt wiederum, daß es
die Schaffenden sind, welche gleichzeitig das Beste über ihre Kunst zu
sagen vermögen.
In Richter verkörpert sich uns eine schon verstorbene Welt, die
des kleinbürgerlich-deutschen Hauses, wo in traulicher Einfalt, in
schlichter Religiosität die Menschen dahinleben, tagsüber fleißig
ihrer Thätigkeit obliegen, abends mit den Kindern spielen oder still
auf den Bänken vor ihren Hütten sitzen, und in den klaren Himmel
schauen, in den noch scharf die Linien von Bäumen und Büschen,
Giebeln und Türmen hineinschneiden, während fern Wald und Feld schon
verdämmern; wo die Hausfrau kocht, backt, alles blitzblank hält, wo
alte Großväter schmauchend im Sorgenstuhl sitzen und Großmütter am
Ofen den lauschenden Kleinen vor dem Schlafengehen Märchen erzählen
von verwunschenen Prinzessinnen, von Hänsel und Gretel und der bösen
Alten im Knusperhäuschen; einer Welt, die unschuldig lacht und sich
freut über die kleinen Vorkommnisse im Hause. Der Männer Politik
spielt im Wirtshause und gebärdet sich superklug vor abgehobelten
Tischen. Eine Welt der niedlichen, artigen Kinder mit Pausbäckchen
und Batterbeinchen und der keuschen Jungfrauen mit Gretchenzöpfen,
die züchtig und ehrsam ihre Blumen am Fenster gießen, während
Wanderburschen von staubiger Straße die Hüte schwenken und zu ihnen
hinaufgrüßen. Aber auch Originale gab es in jener Welt mehr als genug:
Hagestolze, die den Anschluß verpaßten und nun bei einem Glase Wein
philosophieren; dicke, würdige Bürger mit Cylinder und spanischem Rohr
mit Goldknopf; Nachtwächter mit Tuthörnern und schnurrbärtigen Spitzen.
Und Volksfeste, Jahrmärkte gab es für die kleine Welt und für die große
mit Karussell und Würfelbuden, wo man an Kasperltheatern, Seiltänzern,
Bajazzi sein Kunstbedürfnis befriedigte. Es ist ein liebes, lustiges
Völkchen, frisch, lebhaft. In einem hübschen Landstrich haust es, dort
an der Elbe, wo Hügel zu dem Fluß abfallen, und unten im engen Thal
am Silberband kleine, rote Städtchen liegen mit malerischen Winkeln,
Giebeln, Erkern; wo in den Wäldern von Laub und Nadel, an den Bächen
üppige, breitblätterige Pflanzen stehen, wo die blumigen Wiesen sich
hügelan ziehen in sanften Linien, und jubelnde Kinder durch das Feld
streichen. Jene ganze Welt muß in der Betrachtung einen gewissen
Humor enthalten, eine Liebenswürdigkeit, Frische, etwas Trauliches,
Märchenhaft-Deutsches. Humor im Gegensatz zur Umwertung der Großstadt,
z. B. Berlin, London, Paris, welche stets einen Beigeschmack von Ironie
haben wird.
[Illustration: Abb. 78. _Der deutsche Michel von Fremden bedient_. 28.
Juni 1848.]
Die Poesie der kleinen Elbstadt, ihr Verhältnis zur Landschaft hat uns
heute ein Moderner wieder näher gerückt, der insofern ein Nachfolger
Richters ist: Zwintscher aus Meißen; auch er Humorist, ein fast
unbekannter, aber durchaus eigenartiger Künstler.
Inwieweit man übrigens Richters Werk -- er war hauptsächlich
illustrativ thätig für den Holzschnitt und schuf im Sinne der
Linientechnik -- als karikaturistisch bezeichnen kann, ist schwer zu
entscheiden. Die beiden Illustrationen unseres Bandes tragen jedenfalls
karikaturistisches Gepräge, und auch manches zum Studentenleben, zum
Leben der Trinkstube, Illustrationen zu Musäus, Typen von Volkssängern,
Zeichnungen zu Volksliedern, zu Gedichten von Hebbel oder Klaus Groth
mag mit in unser Gebiet hinüberragen.
[Illustration: Abb. 79. _Karikatur auf die geplante Kaiserkrönung_.
1818.]
Anders wie Richter -- und doch ihm nah verwandt -- ist Moritz von
Schwind (geb. 1804 zu Wien, gest. 1871 zu München). Liegt bei Richter
der Schwerpunkt seines Schaffens eigentlich im deutschen Hause, so
liegt er bei Schwind draußen im deutschen Wald, in der Natur. Im
mittel- und süddeutschen Gebirgswald mit seinen reichen Formen hat er
seine Märchen erlebt, und alles was er anfaßt, wird ihm zum Märchen;
die Freude am Fabulieren, Ausspinnen liegt ihm im Blut. Farne, Moose
und Steine, starre Tannen in engen Waldthälern, Bäche, die über Platten
rieseln und in feinen Strahlen zu kleinen, klaren Becken herabsickern,
Wurzeln, die sich über den Felsen ziehen, geduckte Weiden mit dicken
Knubben, Pilze, die einbeinig Wacht halten, Rehe und Häslein, die
durchs Gebüsch schlüpfen -- alles wird ihm zum Märchentraum. Aber es
ist nie die düstere, bedrängende Macht, nicht die unheimliche Gewalt
zwischen Tag und Nacht, nicht brodelnder Nebel wie im Erlkönig, nicht
Hexenspuk und Geisterbann: es ist die helle, liebe Freude an der Natur,
das Sicheinleben, es ist der Kranz des Dichters auf dem Haupt, und ein
Zauber ist in dem Kranz.
Saß ich am Bache, so tauchten und sprangen
Hervor aus der Flut mit ihrem langen
Silberschleier und flatterndem Haar
Die Wasserbachanten, die Nixenschar.
O schöne Zeit, wo voller Geigen
Der Himmel hing, wo Elfenreigen
Und Nixentanz und Koboldscherz
Umgaukelt mein märchentrunkenes Herz.
So klagt Heine in seiner Matratzengruft um Verlorenes.
[Illustration: Von _Henri Ritter_: Aus den Düsseldorfer Monatsheften
von 1848.]
[Illustration: Abb. 80. _Frankfurter Karikatur_.]
Und was uns so zu Schwind hinzieht, das ist sein märchentrunkenes Herz;
dabei ist der Mann im Leben alles eher wie Romantiker, keiner, der
sich in seinen Träumen verliert und in weichen Tönen des Ungreifbaren
zerschmilzt -- Schwind ist sensibel, aber doch kerngesund; reizend
ist die kleine Aquarelle von ihm (aus der Sammlung Maillinger), die
Grand-Carteret reproduziert hat: Ein kurzer, dicker Philister mit
Münchener Bierbauch, weißer Weste, kurzen Elefantenbeinen, Spießerrock,
Spießercylinder, Spazierstock, -- und diese Selbstkarikatur trägt die
Unterschrift: »Da moane die Leut', wenn oaner g'sund ausschaut, könnt'
er koan g'schickter Künstler sein! Schaut's nur mi an!«
Und geschickt als Künstler ist Schwind noch zu allen seinen
sonstigen Vorzügen, er konnte sogar malen in unserem heutigen Sinne,
man sehe sich nur die beiden Bildchen der Schack-Galerie an »Auf
der Hochzeitsreise« und »Am Fenster«. Wer die Keuschheit einer
Morgenstimmung, den klaren Lichteinfall in ein Zimmer so wiedergeben
kann, ist ein Maler. Und wie wunderbar ist bei ihm die Komposition der
Dinge, wie fügen sich die Figuren zu einander, passen sich in den Raum
ein, wie klar und frisch ist die Bewegung erfaßt, wie viel Geist und
Laune spricht aus jedem Zug; wie ist die Technik, der Linienschnitt
verstanden und zur höchsten Wirkung ausgenutzt! Es gehört mit zu den
ungetrübtesten Freuden, die man an deutscher Kunst haben kann, wenn
man das Schwind-Album von Braun und Schneider durchblättert. Dinge wie
»Der gestiefelte Kater«, »Herr Winter«, »Der Teufel und die Katz'«,
das sind Perlen, blinkend und blitzend von Humor und phantasievoller
Gestaltungskraft.
[Illustration: Abb. 81. W. _Ammon_: Der letzte Censor. Berlin 1848.]
Und wenn ich Schwind und Richter betrachte, wenn ich vor Böcklin und
Thoma stehe, dann muß ich immer daran denken, wie mir einmal ein
sehr guter Rheinwein vorgesetzt wurde, und der Spender in gerechtem
Stolz bemerkte: »Man mag sagen, was man will, aber hinter einem
wirklich guten Rheinwein können sich doch die Franzosen mit all ihren
Rotspöhnern und Champagnern verstecken ...«
Bevor wir uns nun etwas eingehender mit der süddeutschen Karikatur,
dem süddeutschen Humor -- dessen Würdigung in der Geschichte der
Fliegenden Blätter eingeschlossen ist -- befassen, wollen wir auf
_Kaulbach_, Oheim und Neffe, hinweisen. Es ist eigenartig, wie
in diesen beiden Künstlern, deren ganze Begabung nichts weniger
als karikaturistisch genannt werden kann, ein Gegenpol zu ihrer
sonstigen Natur zu stecken scheint. Die karikaturistisch-satirischen
Kompositionen des Älteren sind »Der Verbrecher aus verlorener Ehre«,
»Totentanz«, »Das Narrenhaus« (vergl. Hogarths letztes Bild aus dem
Leben eines Liederlichen), der »Reinecke Fuchs« (Abb. 95) und dann noch
einige, ein wenig kräftige Dinge. Was all diese Sachen auszeichnet,
ist Geist und Größe, ein kühner, kräftiger Zug. Und wenn, -- wir mögen
es zugeben oder nicht, -- uns die Fresken im Neuen Museum belanglos
geworden sind, und es vorzüglich durch Muthersche Publikationen zum
guten Ton gehört, von dem nicht Zeichnen- und Komponieren-können, dem
akademischen Schema ~F.~, der schönen Linie, von langweiliger, steifer,
gemalter Weltgeschichte, didaktisch-philosophischer Afterkunst zu
reden, wenn wir diese ganze Schaffenszeit für Deutschland als verloren
betrachten, wenn jeder Schuljunge Kaulbach Eklektiker nennt, -- --
-- wenn das alles zum künstlerischen Glaubensbekenntnis gehört, so
sollen wir doch lieber, ehe wir aburteilen, auch die andere Seite
seines Schaffens betrachten. Tierkarikaturen, wie die zu Reinecke
Fuchs (Abb. 96) gibt es nicht viele, selbst bei Oberländer. Zugegeben,
daß ein Hokusaï die Tiere besser kennt und zeichnet, ein Heine doch
ganz anders die Hundetypen individualisiert, die Rassen auseinander
hält, aber eine so geistreiche Übertragung menschlicher Eigenschaften
und Gefühlsäußerungen auf Tiere hat noch niemand nach Kaulbach fertig
gebracht. Die Folgen allgemeiner Bezechtheit: Aussöhnung alter Feinde,
Verbrüderung, Zärtlichkeit und Selbstmordgedanken, stumpfsinniges
Insichhineintrinken; äußerste Höflichkeit, äußerste Lustigkeit sind
hier vertreten; eine ganze Gesellschaft ordensbesternter Würdenträger
hat sich gütlich gethan. Der einzig Nüchterne in der ganzen Sippe ist
das untergeordnete Äffchen im Vordergrund. Höhnisch lacht es über den
Knoten, mit dem es die Schwänze seiner königlichen Herrschaft verknüpft
hat. Aber die Betroffenen merken nichts davon, denn sie haben Besseres
zu thun. Was dieses Blatt so auszeichnet, das Restlose der Wiedergabe
der Affekte, im völligen Verschmelzen des Mensch- und Tiercharakters,
-- ist eine bittere, große Satire.
[Illustration: Abb. 82. _März-Errungenschaften_. Schlußbild von 1848.
(K. König?)]