Und doch ist dieses 1848 ein grausames, ein tolles Jahr, das mit Witzen
und Lachen über Tausende von Leben und Existenzen hinschreitet, das
ganze junge Saaten von Hoffnungen niedertritt. Das grausige Symbol
des Jahres bleibt doch der »Tod«, der die Menschen in das Verderben
führt, der »_Tod als Barrikadenkämpfer_« (Abb. 39), den uns _Rethel_
geschaffen. Nächst ihm hat nur noch einer diese Tragik des Jahres 1848
voll erfaßt, ein Geistesverwandter, Gigant wie er: Max Klinger in
seinen Dramen.
Wie zahlreich die Mißstände waren, welche zu dieser Krisis führten,
hat wohl niemand knapper und geistvoller dargestellt, als _Theodor
Hosemann_ in dem vorzüglichen »_Zug der Tiere_« (Abb. 44). Alle
Gründe, welche die Revolution schufen, alles, was in dem Jahre 1848
zusammenprallte, ist hier treffend versinnbildlicht, und daß die
Geldaristokratie es ist, welche an der Spitze marschiert -- die
Kornwucherer (mit Nationalkokarde), welche folgen -- das zeigt wohl am
besten, daß es nicht allein der Liberalismus war, der kämpfte, nicht
nur Fragen, wie Preßfreiheit, Versammlungs- und Stimmrecht, um welche
man sich stritt; sondern, daß auch diese Erhebung ihre Wurzeln im
Proletariat, im vierten Stand hatte.
* * * * *
[Illustration: Abb. 58. _Gespräche an der Berliner Börse._
A.: Nu was habe ich Ihnen gesagt, 3 Tage Belagerungszustand und die
Corsche 3 Prozent gestiegen.
B.: Nu was hab ich Ihnen gesagt, wenn ma wärd aufhängen alle
de Nischtthuers, alle de Litteraten, wer'n mer bekommen
Staatsschuldscheine 98½.
A.: 98½? Nu warum hängt man se nich uf?
Kladderadatsch 1848. (A. Hofmann & Comp., Berlin.)]
Wenn wir der Reihe nach vorgehen, so haben wir zuerst München zu
erwähnen, wo Lola Montez und Ludwig I., der Partizipien-Dichter, dem
Spott reichlich Stoff boten. Über Lola Montez in der Karikatur ist
bereits eine Arbeit in der »Zeitschrift für Bücherfreunde« erschienen,
eine größere Publikation mit gegen sechzig Karikaturen auf die »Gräfin
von Kainsfeld« bereitet Eduard Fuchs vor. Sechzig Karikaturen! Ein
Zeichen dafür, welche Macht die bildliche Verspottung in jenen Tagen
hatte. Wir bringen hier den »Engelsturz« (Abb. 46), die künstlerisch
am höchsten stehende Arbeit. Lola, getragen vom Gensdarmeriehauptmann
Bauer, fährt samt dem suspendierten Corps »Allemania (oder Lolamannia«,
wie es genannt wurde) hinab in den flammenden Höllenrachen. Geschart
um den bayerischen Löwen stehen Professoren und Studenten, Michael mit
dem Flammenschwert, mit dem Schild, auf dem Münchens Wahrzeichen in der
Umschrift steht: »Einigkeit macht stark«, stößt sie hinab. Eine zweite
Karikatur stellt Lola auf der Tribüne dar, mit einem bärtigen Gesicht,
eine stofflich interessante, künstlerisch durchaus minderwertige
Arbeit. -- Eine dritte ist eine kleine Verspottung (Abb. 45) in
altertümelnder Holzschnittmanier aus dem »Berliner Krakehler«, Lola als
Hexe auf einem Besen reitend. Viele der Lolablätter befassen sich mit
ihren galanten Abenteuern und sind, wenn auch künstlerisch wertvoll,
inhaltlich nicht gerade salonfähig. Wie man es überhaupt in so erregten
Zeiten nicht allzugenau auf die Goldwage legt, was gemeinlich gesagt
werden darf, und was nach sittlichem Übereinkommen nicht in die Debatte
gezogen werden dürfte.
[Illustration: Abb. 59. _Müller und Schulze._ Kladderadatsch 1848. A.
Hofmann & Comp., Berlin.]
[Illustration: Abb. 60. A. _Achenbach_: Alles besetzt. Düsseldorfer
Monatshefte 1848.]
[Illustration: Abb. 61. _Schröder_. Düsseldorfer Monatshefte 1848.]
Aber außer diesen Einblatt-Drucken hat die Karikatur in München
aus dem Jahre 1848 noch einen dauernden Gewinn gezogen. Ende 1847
erschienen die »_Leuchtkugeln, Randzeichnungen zur Geschichte der
Gegenwart_« (1848 bis 1851); schon vor 1848 waren die »_Fliegenden
Blätter_« hinausgeflattert. Sie sind durch ein halbes Jahrhundert das
führende humoristische Organ Deutschlands gewesen, der Sammelpunkt
für fast alle karikaturistischen Talente Süddeutschlands, der Platz
der Bethätigung von hunderten, bedeutenden, von Künstlern des Wortes
und des Stifts. Ich möchte schon hier ein wenig auf den Humor
eingehen, der in den »Fliegenden« eine Heimstätte fand, und nur
kurz erwähnen, daß sie ihre ersten Triumphe der politischen Satire
verdanken, und daß ihnen die Reise des Barons Eisele und seines
Hofmeisters Dr. Beisele, der Wühlhuber und Heulmayer, Figuren, welche
_Caspar Braun_ erfand, der Staatshämoridarius von _Pocci_ -- sowie
die witzige Kritik der Zustände, welche sich hieran knüpfte, eine
außerordentliche Popularität gaben. Bald aber zogen sie sich völlig
von jeder Kritik -- sei es nun des sozialen Lebens oder der Politik
-- zurück, mit übermäßiger Vorsicht, und sie sind vielfach heute
deshalb für uns antiquiert und nichtssagend. Fred. Walter, der in
der »Kunst unserer Zeit« (Mai-Heft 1898) eine eingehende Studie über
die »Fliegenden« veröffentlicht hat, charakterisiert die Art des
später hier gepflegten Humors zutreffend: Behaglich sehen wir zum
Fenster hinaus, und draußen treibt das Narrenschiff vorbei, mit den
Narren aller Stände, Geschlechter und Kategorien. Sie treiben vorbei
und wissen nicht, daß sie die Schellenkappe tragen, und zeigen ihre
Schwächen in naiver Harmlosigkeit, und wir lachen über sie und erkennen
sie als Kinder ihrer Zeit. Schon recht, nur schauen wir nicht mehr
behaglich zum Fenster hinaus, und haben alle Gründe, nicht mehr an die
naive Harmlosigkeit der anderen zu glauben. So haben sie in letzter
Zeit heftige Angriffe erfahren, auch einmal von dem Verfasser.
Ganz anders aber muß unser Urteil lauten, wenn wir uns fragen, was
die »Fliegenden Blätter« geleistet haben, und was ihre Arbeit von
fünfzig Jahren für Deutschland bedeutet. Sie haben eine Centrale des
süddeutschen und bayerischen Witzes gebildet, die Stelle geboten, wo
Künstler wie Busch und Oberländer und Schwind sich ausgeben konnten.
Die litterarischen Bewegungen haben dort ihr Gegenspiel, wie ihre
Parodie in Bild und Wort gefunden. Der Humor, der zwecklose Humor,
wie ihn nur der Deutsche kennt, hat sich nirgends liebenswürdiger
geäußert. Die Vervielfältigung, der Holzschnitt hat sich bis zu einer
seltenen Höhe entwickelt. Reproduktionen nach Tuschblättern z. B. von
Marold wurden dort geschaffen, gut genug um die Mappen der Sammler zu
zieren. Gewiß, das soll alles anerkannt werden: die »Fliegenden« waren
und sind eine große künstlerische That. Und doch ist selbst der Humor
der »Fliegenden« dem Norddeutschen oft fremd; es ist zu bedauern,
daß kein norddeutsches Blatt ihnen das Gegengewicht halten kann, daß
mit den beginnenden fünfziger Jahren die guten Ansätze des Berliner
Humors durch die stete Umformung der Stadt und ihrer Bewohner nie zur
Entwickelung kommen konnten, und daß wir hier weder die Kräfte, noch
die Schulung und besonders nicht die Stätte und das Entgegenkommen der
Massen besitzen. Gerade der in den »Fliegenden« gepflegte Witz besitzt
oft nur lokales Interesse, hat als Hintergrund Dinge, Zustände, die dem
Norddeutschen fremd und fern; so schätzt man es mehr des zeichnerischen
Inhalts als des geschriebenen wegen. Ebeling, Kinkel, Fr. Th. Vischer
haben schon vordem diese Unzulänglichkeiten empfunden und ausgesprochen.
[Illustration: Abb. 62. _Th. Hosemann._ Düsseldorfer Monatshefte 1848.]
[Illustration: Abb. 63. _Der wirkliche Geheimrat._ Düsseldorfer
Monatshefte 1848.]
Was uns aber immer wieder zu den »Fliegenden« hinzieht, das ist der
Stab zeichnender Mitarbeiter, humoristischer Talente ersten Ranges.
Mehr als die »Fliegenden« hätten uns die so früh verblaßten
»Leuchtkugeln« bringen können, die in witziger und treffender Weise
das Jahr 1848 glossieren. Sie sind es besonders, welche die Zopfträger
verspotten, und mit das Beste an Karikatur des Jahres 1848 wird von
ihnen geboten (Abb. 47 bis 49, 52 u. 53). Ist doch sogar ein Kaulbach
unter ihren Mitarbeitern.
[Illustration: Vergessen.
Von A. _Achenbach_: Aus den Düsseldorfer Monatsheften von 1848.]
Wenden wir uns nun Berlin zu. Hier entsteht 1848 der
»_Kladderadatsch_«, das einzige Blatt, das durch lange Jahrzehnte
der Vertreter der Berliner Kultur war, und zwar wächst es vollkommen
aus dem Milieu heraus, aus kleinen Anfängen: »Organ von Bummlern für
Bummler.« Von Berliner Zeichnern sind nur _Hosemann_ und _Scholz_
namhaft. Ersterer hat sein Bestes in jener Zeit für die »Düsseldorfer
Monatshefte« gearbeitet; es sind noch eine Anzahl anonymer Künstler
thätig, den meisten thäte man aber keinen Dienst, wenn man sie der
Vergessenheit entrisse. Vor allem wäre es nur erfreulich, wenn man
feststellen könnte, wer jener mit ~X~ signierende Zeichner gewesen
ist, von dem, außer den beiden hier vervielfältigten Einzelblättern:
»Alarm der Bürgerwehr« (Abb. 51), »Nach Spandau« (Abb. 54), noch
Eduard Fuchs zwei Karikaturen von hohem, künstlerischem Reiz und
überzeugender Kraft bringt. Ein Künstler mit einer eigenartigen
Vorliebe für spukhafte Verzerrung, der sich technisch an den Zeichnern
des Charivari gebildet hat. Auch Hirschfeld beschäftigte einen nicht
unbegabten Lithographen, den Künstler des »Plakatkampfes« und des
»Verbrüderungsfestes« (Abb. 50). Sonst sind die Dinge, denen wir
begegnen, meist roh, handwerksmäßig, besonders der Berliner Holzschnitt
ist es; er unterscheidet sich durch eine so entsetzliche Nüchternheit
von dem Münchener, daß wir lieber von ihm ganz schweigen. Durch seinen
fetten, langweiligen Strich hat er es vermocht, daß man selbst später
an dem geistreichen, kräftigen Zeichner Wilhelm Scholz, dem einzigen,
der wirklich den Stil der politischen Karikatur erfaßt hatte, keine
Freude haben kann.
Von den Berliner Blättern, welche bald wieder verschwanden, sind »_Der
Berliner Krakehler_« (Ernst Litfaß), und die »_Tante Voß mit dem
Besen_« (Glasbrenner, freie Blätter) witzige Organe, während andere,
wie das »_Berliner Großmaul_«, »_Berliner Charivari_«, »_Teufel in
Berlin_«, »_Ewige Lampe_« weniger von Bedeutung sind. Der illustrative
Schmuck der meisten ist geringfügig. Aus dem »Krakehler«, dem einzigen
Blatt, dessen Kopf in verschiedenen Farben gedruckt wurde, bringen wir
die geistreiche Metamorphose des Marschall »Druff« (Abb. 55), eine
überaus treffende Satire, ein komisches Decrescendo, das seine Wirkung
noch heute ausübt.
[Illustration: Abb. 64. _Adolf Schrödter_: Abenteuer des Abgeordneten
Piepmeyer. Frankfurt 1848. Lithographie. (Kgl. Bibliothek Berlin.)]
Desto ergiebiger und reichhaltiger ist aber der Witz, die Karikatur des
Wortes, welche in den Zeitschriften und den Plakaten die lustigsten
Tänze aufführt. Sie handhabt den Vers mit seltenem Geschick, hat im
Berliner Dialekt und im jüdischen Jargon -- er spielt 1848 eine starke
Rolle -- Mitkämpfer, die wirklich wie geschaffen sind für die Mission
der politischen Satire, Dr. _Cohnfeld_ und _A. Hopf_ sind die Meister
des humoristischen Plakats. »August Buddelmeyer, Tagesschriftsteller
mit'n jroßen Bart«, »Ullo Bohmhammel, Vizegefreiter bei de Börgerwehr«,
»Nante als Nationalversammelter«, »Rede, geredt zu seine Frau
Hannche, von Jakob Leibche Tulpenthal, emanzepierter Israelit aus'n
Großherzogtum Posen« -- wie sie verstehen auf die Massen zu wirken,
Sprache und Vers zu handhaben, volksrednerisch und doch volkstümlich!
Wieviel Schlagfertigkeit und Geist sie besitzen, und wieviel Humor
bei allem Ernst der Sache ihnen immer noch bleibt, das ist zugleich
erstaunlich und erfreulich. Aus diesen Ansätzen hätte z. B. das
Berliner Chanson entstehen können:
Allens is nu wieder jut,
Bloß der Magistrat nich,
Na, denn laß ihn böse sind,
Ludekin, det schad nich!
Es ist lustig zu beobachten, wie die parlamentarischen Formen, welche
die Versammlungswut und Vereinsmeierei gezüchtet, glossiert werden.
Nante zu Brennecke: »Da muß ick Dir aber mit allgemeinem Jelächter
unterbrechen!«
* * * * *
Nante: »Brennecke, gehörst Du einem Klub an?«
Brennecke: »Diese Frage muß ich in verneinendem Sinne beantworten. Det
Abends jeh ick nach de Zelten un lasse mir politisch bilden. Ick helfe
Komiteemitglieder ernennen for de Adressen, hebe bei de Abstimmung
eene Hand auf und helfe demonstrieren. Darauf beschränkt sich meine
politische Wirksamkeit.«
[Illustration: Abb. 65. _Adolf Schrödter_: Abenteuer des Abgeordneten
Piepmeyer auf der zu konstituierenden Nationalversammlung. Frankfurt
1848. (Königl. Bibliothek Berlin.)]
* * * * *
Welche Kritik trotzdem angelegt wurde, und wie der Humor seine
souveräne Stellung behauptet und nach rechts und links Hiebe und
Ermahnungen austeilt, wenn nötig, das zeigt z. B. das Blatt: »_Ihr
sollt euch nicht butzkoppen!_« »Ick begreife man nich, wie ihr so
verbohrt und vernagelt sin könnt, daß ihr jlauben thut, politische
Ideen lassen sich durch viehsische Jewalt fortpflanzen un uffproppen.
Is dazu de Presse freijejeben, daß ihr eure Wünsche mit Eisenstangen
durchfechten sollt? Ick muß mir ja bei meine Bekannten vor euch
schämen. Die sagen mir jradezu: ‚Buddelmeierken‛, sagen se, ‚loof,
loof, mit deine janze Demokraten is es och faul; die Kerls haben och
nischt verjessen un nischt gelernt!«
Bei scheinbarer Oberflächlichkeit, bei salopper Form, steckt in
all diesen Berliner Blättern doch ein gutes Stück Geistesbildung,
politischer Reife und künstlerischen Vermögens. Aus diesem ganzen
Milieu heraus, in dem sich Volkstümlichkeit und reifer, vergeistigter
Humor durchdrangen, ist der »Kladderadatsch« erwachsen, und so will
er verstanden sein (Abb. 57 bis 59). Das einzige Blatt, von dem man
wirklich sagen kann, es hat die Fahne hochgehalten, wenn es auch im
Lauf der Jahre politischen Schwankungen unterworfen war.
[Illustration: Abb. 66. _A. Schrödter_: Piepmeyer. (Königl. Bibliothek
Berlin.)]
Künstlerisch am höchsten stehen Düsseldorf und Frankfurt. Die
»_Düsseldorfer Monatshefte_«, welche in letzter Zeit recht selten
geworden, waren in Ausstattung und nach dem Stab ihrer Mitarbeiter
das vornehmste, je in Deutschland erschienene Witzblatt. Der Text ist
reich mit Holzschnitten illustriert, und außerdem sind dem Jahrgange
an siebzig Lithographien, meist Zweiplattendrucke -- (eine schwarze
Platte und eine Tonplatte -- Gelb oder Braun, Grünlich oder sogar
Rot) beigefügt. Später hat man sogar im Text lithographisch bezw.
autographisch die Werke der Künstler vervielfältigt. Textlich sind
die »Düsseldorfer Monatshefte« weniger bedeutend, doch kommt der
freie, künstlerische Humor manchmal prächtig zu Wort. Glänzend ist
die Reihe der Mitarbeiter: Andreas und Oswald Achenbach, Camphausen,
Clasen, Hasenclever, Hildebrandt, Hosemann, Hübner, Jordan, Lessing,
Henri Ritter, Meyer von Bremen, Sonderland, Wieschebrink, Schröder,
Schroedter: die ganze Düsseldorfer Malerschule, Historienmaler,
Landschafter, Genre- und Anekdotenmaler. Es ist das erste Mal,
daß die Karikatur so sich völlig durchsetzt, so ein gemeinsames
Streben eines ganzen Künstlerkreises wird. Aber man kann ein
sehr fähiger Künstler sein und doch hier vollends versagen. Hier
muß eine eigene Begabung vorliegen, welche sich nur bei wenigen
der Mitarbeiter findet. Außerordentlich überrascht uns die Gabe
des Spottes bei dem Landschafter A. Achenbach, der Arbeiten von
satirischer Schärfe und voll malerischer Reize geschaffen hat, wie
das bekannte »Metternichblatt«. »Vergessen« (Abb. zw. Seite 48/49),
der eingeschneite, einsame Soldat, welchen die Eiszapfen an den Mund
frieren, ist wohl ohne nähere Beziehung und nur als Angriff auf den
Militarismus zu deuten. Auch jenes andere reizende Blättchen ist von
geistreich, prickelnder Mache. Sein Inhalt besagt: Metternich und eine
andere hochgestellte Persönlichkeit landen in England. Aber der dicke
Thorwächter bedeutet ihnen, daß kein Platz mehr, schon alles dicht
besetzt wäre. Unter den Figuren über dem Rand der Festungsmauer erkennt
man den durch die Karikatur weltberühmten Birnenkopf Louis Philipps.
Der Bürgerkönig freut sich, die Ankömmlinge begrüßen zu können
(Abb. 60).
Ein Beitrag _Hosemanns_ gehört zu seinen charakteristischen Zeichnungen
von _Berliner Typen_ (Abb. 62). Eine merkwürdig phantastische Begabung
begegnet uns in _Schröder_, dem wohl die anonymen Rezensenten (Abb. 61)
zuzuschreiben sind. Einer der fleißigsten Mitarbeiter aber ist der
geistreiche _Henri Ritter_, ein loser Spottvogel, voller Humor. Man
sehe nur den kleinen Blut und Wasser schwitzenden Bürgermeister (Abb.
zw. Seite 64/65), die in Ehrfurcht sich neigenden Honoratioren,
Blumenpforte, Ehrenjungfrauen und das belustigte Gesicht des reisenden
Fürsten ob dieser Kleinstädterei. Schon den Frack des Bürgermeisters
möchte man einem Museum übergeben. Auch der Humor des Trinkens, der
Feste und Kirchweihen des leichtlebigen, rheinischen Völkchens kommt
bei den »Düsseldorfer Monatsheften« nicht zu kurz; vor allen bei dem
liebenswürdigen Sonderland und dem feinen Menschenkenner _Hasenclever_.
Das »Lesekabinett« (Berlin, Nationalgalerie) gibt am besten von
allen Schöpfungen der Zeit den politischen Übereifer wieder, mit dem
man sich auf das Lesefutter der Zeitungen stürzte; die traurigen,
eingetrockneten, verstaubten Gestalten, welche diese Bethätigung
schuf, sind hier witzig parodiert. Nebenbei ist das Lesekabinett eines
der wenigen Gemälde rein karikaturistischen Inhalts. Bis auf die
allerneueste Zeit, die eines Th. Th. Heine, hat man es nur ganz selten
in Deutschland gewagt, das edle Material auch zu der subalternen Kunst,
welcher unsere Besprechung gilt, heranzuziehen.
Die »Düsseldorfer Monatshefte« sind ein echtes Künstlerorgan, politisch
ein wenig indifferent, nicht allzu scharf, aber manchmal nicht ohne
Stachel:
[Illustration: Abb. 67. _Henri Ritter_: Politischer Struwelpeter.
Blatt I.]
»Kennzeichen des Deutschen: Man findet ihn fast nur in seinem Land.
Er stirbt, wo er geboren ist, doch hat sich dies seit der Entdeckung
Amerikas geändert, seit welcher Zeit er öfters auf der See verhungert.
(Hessische Auswanderer.)«
* * * * *
Amtmann (zu den Auswanderern): »Drüben werden Euch die gebratenen
Tauben auch nicht in den Mund fliegen, Bauern!«
»Ja, aber wenn sie's thun, dann essen wir sie allein!«
* * * * *
Die vier größten Kunstschöpfungen des Jahres 1848 stammen aus Frankfurt
und Düsseldorf. Die gewaltigste: Rethels »Totentanz«, die witzigste,
Adolf Schroedters »Piepmeyer«. Als Karikatur die bedeutendste:
»Ätzblätter aus dem Frankfurter Parlament« von Friedrich Pecht, und die
volkstümlichste Henri Ritters »politischer Struwelpeter«.
[Illustration: Abb. 68. Aus _Henri Ritters_: »_Politischer
Struwelpeter._« Geschichte von Peter dem Wühler.]
Rethel (Abb. 39) kommt heute wieder mehr und mehr zur Anerkennung;
Gurlitt hat ihm in seiner »Deutschen Kunst im XIX.« eine der
allerersten Stellen eingeräumt, und wirklich ist seit Dürer und Holbein
nichts Wirkungsvolleres, Größeres geschaffen worden, als dieser
Totentanz, dessen fünftes Blatt den grausigen Grundgedanken des Jahres
1848 am packendsten zum Ausdruck bringt. Überwältigend ist noch ein
anderes Blatt, es zeigt den Tod im Heckerhabit, wie er einer Stadt
zureitet; die Cigarre zwischen den Zähnen, die Sense in der Hand, so
stuckert der dürre Geselle daher. Ein Anblick -- fast so grausig, wie
jene Dürersche Zeichnung der Malcolm-Sammlung: der reitende Tod. Und
von Dürer und Holbein ist auch die Technik des großzügigen, kräftigen
Linienschnittes übernommen. Mit ihnen hat er ferner das gemein, was
mit so unheimlicher Wucht zu uns spricht, das »Geisterhafte« -- wie
Vischer sagt -- der Abgrund der Seele, wo Grauen und Fiebertraum
wohnen, Grauen und Fiebertraum, wie in Dürers Apokalypse, die Welt des
Jenseits, des Dämonischen. Von allen Beurteilern erfährt er nur durch
den geistvollen Arsène Alexandre (~l'Art de la Caricature et de Rire~),
eine absprechende Bewertung, doch ist es klar, daß der Franzose vom
Wesen der Revolution eine andere Ansicht hat und für das Herbe, Eckige,
Dornige des am Dürerschen erstarkten Stils kein Nachempfinden besitzt.
[Illustration: Abb. 69. _Burger_: Karikatur auf v. Soiron.]
»Thaten und Meinungen des Herrn Piepmeyer, Abgeordneter zur
konstituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main.« Text von
J. H. D. (_Joh. Herm. Detmold_) und Zeichnungen von A. S. mit dem
Korkenzieher, dem Küferzeichen (_Adolf Schroedter_). Über dieses
köstliche Bändchen könnte man Seiten lang schreiben. Man sehe sich
nur den Herrn Piepmeyer recht genau an (Abb. 64)! Wie prächtig
schon die Unterschrift mit dem Schnörkel voll Aufgeblasenheit und
Selbstüberschätzung, die Haltung, der riesige Mund, die Schleuse für
Phrasen, die Furche von der Nase herab, das Zeichen aller Berufsredner,
die herrische Nase, selbst die ehrfurchtgebietende Glatze dieses
Piepmeyer, in dessen Kopf es so wirr wie in einem Kramladen aussieht,
dem Politik nur ein Geschäft ist, in das ihn sein Ehrgeiz treibt;
der stets die Konjunktur benutzt und von ganz links nach ganz rechts
schwenkt, zum Schluß nach Berlin fährt, um dort Minister zu werden
-- wir verfolgen ihn durch alle Phasen seiner ruhmreichen Laufbahn;
wir sehen ihn begeistert und zweifelnd, redend -- die Paulskirche
entleert sich schleunigst; sehen ihn zu Haus vor seiner Familie, seinen
Wählern -- denen er je nach Bedarf die unwandelbare Festigkeit seiner
monarchischen oder republikanischen Gesinnung versichert; sehen,
wie er erst sich rot gebärdet, sich einen Bart stehen läßt und sich
den Parlamentshut kauft (Abb. 65), sich darin übt, die heldenmütig
entblößte Brust den Spitzen der Bajonette der Soldaten preiszugeben,
und wie er dann Tanzstunde nimmt, sich wieder rasiert und unter Orden
und Epaulettes sich wohl sein läßt (Abb. 66). Die Neugier treibt ihn
sogar einmal in die Registratur der volkswirtschaftlichen Abteilung,
und dort staunt er die Bibliothek an. Ein ganzes Fach voll Werken über
die Verbesserung von Hosenträgern, ein anderes über die Benutzung der
Cigarrenasche als Düngmittel, ein drittes über verschiedene Mittel
gegen Ungeziefer. Nur in einem kleinen Fach ist gar nichts, kein
Blättchen: zur deutschen Reichsverfassung.
Und wie witzig ist das gezeichnet! In einer Technik, die in ihrer
scheinbaren Naivität sich allem anpaßt und schon das Geheimnis der
Wirkung -- den Hauptzug der modernen Karikatur, erfaßt hat: Viel zu
geben mit wenig Mitteln. Die Anordnung des Ganzen, wie die Technik
ist wohl nicht unbeeinflußt von Toepfer, ebenso wie die Art der
Reproduktion die gleiche ist; Federzeichnung autographisch auf den
Stein übertragen.
[Illustration: Abb. 70. _Anträge für die Nationalversammlung._ Aus den
Pfennigsmagazinen. (Sammlung E. Mai.)]
Vom politischen Struwelpeter, einem Buch mit zwölf schön kolorierten
und verständlichen Tafeln für deutsche Kinder unter und über sechs
Jahren, -- eine geistreiche Nachbildung des Hofmannschen -- sind so
reiche Illustrationen beigegeben (Abb. 67, 68), daß hier ein weiteres
Eingehen übrig erscheint. Nur noch die paar Verse zu dem vielköpfigen
Ungeheuer:
Sieh einmal hier steht er,
Der deutsche Struwelpeter,
Viele Köpfe hat er,
Manche Unart that er,
Teils ist er guter Royalist,
Teils mäßig und teils Terrorist,
Bald ist er Preuß', bald Öst'rreichs Kind,
Bald lutherisch, bald röm'sch gesinnt.
Bald ist er Wühler, Heuler bald,
Er trägt ein Röcklein morsch und alt,
Aus sechsunddreißig Flicken
Bedeckt's ihm kaum den Rücken.