bilden sich Kunstzentren, deren Teilhaber bald ihren Anteil mit
zur Karikatur stellen und sie auf ein höheres Niveau heben, ihr
eine bessere Stellung im Kunstleben verschaffen. Bald beginnen nun
auch die _ersten illustrierten, humoristischen Zeitschriften_ zu
erscheinen. Von dem politischen Leben wendet man sich mehr und mehr
der bürgerlichen und Standessatire zu. Daß sich der Wert der Arbeiten
hebt, findet auch seine Begründung in dem Sieg der Lithographie
über den steifen Kupferstich. Die Lithographie -- jene prächtig
ausdrucksvolle Technik, welche die letzten Intentionen des Künstlers
wiedergibt, sich anschmiegt wie Wachs und uns ein klares Abbild
der Handschrift und all ihrer Eigenheiten gibt, die in den Händen
eines Berufenen zum ausdrucksvollsten Mittel werden kann, farbig,
tonig, mit Schlaglichtern, mit Kernschatten, Halbschatten, feinen,
unmerklichen Übergängen. Ist es auch nicht zu leugnen, daß das Weiche,
Verschwimmende des Korns oft eine gewisse Flauheit in das Ganze bringt,
so wird doch trotz dieses Nachteils die Lithographie von keiner der
modernen Vervielfältigungsarten übertroffen, und besonders hält sie
durchaus die Rivalität des malerisch behandelten Holzschnittes aus,
den später in Deutschland die »Fliegenden Blätter« durch Schulung
ihrer Stecher bis zu einer erstaunlichen Ausdrucksfähigkeit entwickelt
haben. Gewiß entsprechen die modernen Verfahren mehr den Anforderungen,
welche die Zeit, der ins Enorme gesteigerte Bedarf stellt, sie sind
billiger, handlicher und leichter, schneller druckfertig. Aber -- bei
allem -- künstlerischer sind sie nicht. Der Lithographie verdanken wir
auch, daß von jetzt ab die Persönlichkeiten mehr hervortreten; bringen
doch die Künstler vielfach ihre Arbeiten selbst auf den Stein, und
geht nicht jede Eigenheit durch schematische Arbeit handwerksmäßiger
Stecher verloren. Wie sehr viel Gutes wir in der Karikatur durch den
Holzschnitt verloren haben, geht unter anderem daraus hervor, daß die
Arbeiten des vorzüglichen Steub und des genialen Oberländer eine Zeit
lang -- als jene Technik im Argen lag -- in den »Fliegenden Blättern«
anonym erschienen, weil die Zeichner die veröffentlichten Werke nicht
für ihre eigenen ansehen mochten. So wenig gelang dem Holzschnitt eine
Wiedergabe der künstlerischen Absichten. Nur die für Linienschnitt
geschaffenen Arbeiten, die eben von vornherein in dieser Technik
gedacht wurden, wie die Arbeiten von Richter, Schwind, Ille bewahrten
auch in der Reproduktion die Eigenart des Zeichners, wenn auch das
Original in seiner ganzen Liebenswürdigkeit selten oder nie erreicht
wurde.
[Illustration: Abb. 40. _Politiker._ Karikatur von 1830.]
[Illustration: Abb. 41. _Karikatur auf die Ehegesetze._ Berlin um 1845.
(Sammlung Mai.)]
Die Lithographie fand besonders in Berlin, Leipzig, München,
Düsseldorf, Frankfurt ihre Stätten, und bis zu welcher farbigen
Delikatesse diese Technik entwickelt wurde, das mag ein wundervolles
Blatt (Titelabb.) aus einer Folge lustiger Männer und Frauenzimmer,
cancantanzender Figuren beweisen, welches so reizvoll und prickelnd in
der Mache ist, so prächtig und dezent in der Farbenwahl, daß es eine
helle Freude ist, es zu betrachten. Der Künstler, über den ich trotz
meiner Bemühung nichts erfahren konnte, hat wohl französische Schulung
genossen. Hier ist dieses Blatt nur beigegeben, um zu zeigen, mit
welcher Meisterschaft (um 1850) auch in Berlin die farbige Lithographie
gepflegt wurde.
[Illustration: Abb. 42. _Karikatur auf Georg Herwegh._ um 1843.
(Sammlung Mai.)]
Derjenige Künstler, welcher uns in Karikaturen die treusten Typen
aus dem Berlin um 1830 bewahrt hat, ist _Franz Burchard Doerbeck_
(1799-1835). Er kam nach 1823 nach Berlin. Nach ihm bethätigt sich
_Theodor Hosemann_ (1807-75) als Schilderer der gleichen Sphäre.
Als Vorgänger der Doerbeckschen Karikatur müssen wir die Folgen von
Ausrufertypen, Figuren der Kleinhändler, wie sie das Straßenleben in
London, Paris und Hamburg mit sich brachte, betrachten. »Berliner
Witze«, »Berliner Redensarten« heißen die bei Gropius erschienenen
Sammlungen Doerbecks. Sie decken sich ungefähr mit den litterarischen
Leistungen _Glasbrenners_, welche später in »Berlin, wie es ißt und
trinkt« uns diese für uns sonst spurlos verschollene Welt mit all
ihren Eigenheiten, ihrem Witz, der vor nichts stillstand, mit ihrer
schnoddrigen Lustigkeit, ihrer Lebenslust und besonders mit ihren
sozialen Gegensätzen auszeichnete. Niemals später mehr hat sich
das Berliner Volksleben karikaturistisch so rein und fast restlos
umgesetzt wie in den dreien: Doerbeck, Hosemann, Glasbrenner, und
wenn wir dazu noch die geistvollen Schilderer des alten Berlins
und seiner Lebensbedingungen, _Lenz_ und _Eichler_, _Dronke_ und
den satirisch scharfen _Hermann Lessing_ (vor und nach dem März)
rechnen, so haben hier Schriftsteller und Zeichner im Vereine eine
künstlerische Umwertung der preußischen Residenz geschaffen, die
sie uns mit allen seinen Zügen heute wieder vor unseren inneren
Augen erstehen läßt. Ein eigentümliches Leben, ein Kampf zwischen
Alt und Neu, Zopf und Stagnation, Aufstreben und Bewegung, Witz und
wieder Witz, Kritik an allem, an den Mitmenschen, am Staat, an der
Regierung, Schlagfertigkeit, stark entwickeltes Volksleben, eine
Fülle charakteristischer Straßentypen, fromme Vereine und Laster
-- -- und alles gleichmäßig bewacht von einer väterlichen Polizei und
einer Zensur, der, wo es angeht, eine Nase gedreht wird. Der Berliner
Volkswitz, der Berliner Jargon nimmt seinen Siegeslauf durch ganz
Deutschland; der König bedient sich seiner, und der Zar von Rußland
versäumt bei keinem Besuch, sich persönlich nach seinem Befinden zu
erkundigen. Die Eckensteher geben ihre eigne Philosophie zum besten,
die Glasbrenner in folgende Reime gebracht hat:
Das beste Leben hab' ick doch,
Ick kann mir nich beklagen,
Pfeift och der Wind durchs Ärmelloch,
Det will ick schonst verdragen.
Des Morgens, wenn mir hungern dhut,
Eß ick 'ne Butterstulle,
Dazu schmeckt mir der Kümmel jut
Aus meine volle Pulle.
Und drag' ick endlich mal was aus,
So dhu' ick Jroschens kneifen,
Hol' wieder meine Pulle raus
Und dhue eenen pfeifen.
Die Hökerfrau wirft uns Freundlichkeiten an den Kopf, der Guckkästner
treibt Politik, der Holzhacker, der Sandjunge aus den Rehbergen, der
Schusterjunge, beginnen eine komische Rolle zu spielen. Über den
Ellenreiter, den Mühlendammer, den Tütendreher macht man sich lustig,
der Stralower Fischzug, die Mottenfeste sind eine bedeutungsvolle
Dokumentierung des Volkslebens. Und überall hat man das Gefühl, hier
brodelt und gärt es, hier ist Leben und Entwickelung, und gerade dieses
Zusammenspiel von Überlebtem und Aufsteigendem gibt jener Zeit den Reiz.
[Illustration: Abb. 43. _Fliegendes Blatt aus dem Jahre 1848._ (Königl.
Bibliothek, Berlin.)]
»Berlin -- was man auch dagegen einwenden mag -- ist eine große Stadt,
und wenn man auch nicht viel darin erleben kann, weil die Verhältnisse
an einer gewissen Ledernheit leiden, so kann man doch nicht leugnen,
daß es alle Elemente zur großstädtischen Entwickelung in sich trägt,
und in fünfzig Jahren ein Weltleben ausgebildet haben wird.« So
prophezeit mit sicherem Blick Eichler bereits im Jahre 1842. Für
die Karikatur wird also hier schon für Deutschland der vierte Stand
entdeckt, wenn auch anders, unschuldig, komisch, friedlich, eher als
ein gemütliches Kuriosum, das uns lachen macht, denn als jene gärenden,
unheimlichen Massen voller Armut, Laster und Häßlichkeit, welche uns
heute so bitter aus Blättern eines Baluschek entgegengrinsen. Die
Beschäftigung mit dem vierten Stand gibt der Karikatur einen neuen
Lebensboden und leitet sie ab von der übermäßigen Anteilnahme an dem
Theater und den litterarischen Dingen, auf welche sie sich aus Mangel
an hinreichender politischer Bethätigung geworfen hatte. Figuren,
die hier viel Gelegenheit zur Verspottung gaben, waren in Berlin und
München Saphir und seine Anhänger. -- Nebenbei bemerkt, eine wenig
sympathische, litterarische Erscheinung.
Die Zeit war friedfertiger, die Gegensätze waren weniger scharf, und
doch soll man ja nicht den sozialen Charakter der Berliner Karikatur
verkennen. Nur weil sie zur Unterhaltung der behäbig-liberalen
Bürgerschaft geschaffen wurde, hat sie auch jenen behäbigen Charakter
bewahrt, der uns heute anheimelt und uns glauben läßt, es wäre alles
eitel Gemütlichkeit und Friedfertigkeit gewesen. In der zweiten Hälfte
der vierziger Jahre kehrt sie die soziale Seite nach außen. In dem
von _Hosemann_ illustrierten Bändchen _Glasbrenners_ »_Verein der
Habenichtse, für sittliche Bildung der höheren Stände_« zeigt das
Titelblatt einen Handwerker, der seinem reichen Bruder droht: »Schämen
Sie sich nich, daß ick in den Wetter so zerlumpt rumlofen muß un nischt
zu essen habe, haben Sie denn vergessen, daß ick Ihr Bruder bin?«
[Illustration: Abb. 44. _Der Zug der Tiere._ Von _Theodor Hosemann_.
1848.
(Sammlung v. Lipperheide.)]
Wir haben absichtlich von Doerbeck etwas mehr Illustrationen beigegeben
(31-36), als von ihm eigentlich in diesem Rahmen gebracht werden
dürften, und damit vielleicht an anderen ein Unrecht begangen; aber
die Dinge sind heute fast vergessen, und doch so außerordentlich
charakteristisch und witzig, daß wir es schon verantworten können.
Gerade die Lebenswerte Berlins haben sich im Gegensatz zu Paris so
wenig in Kunst umgesetzt, daß wir uns freuen müssen, wenn wir ihnen
einmal in so reicher Form begegnen. Man sehe sich nur einmal die
Hökerfrau an: »Wat? sie will mir?« (Abb. 36.) Wie echt der Typus, die
Stellung, wie vorzüglich hier diese ganze giftgeschwollene Impertinenz,
die sich im nächsten Augenblick in einem breit dahinrollenden Strom
gekeifter Schimpfworte ausgeben wird; oder den Totengräber (Abb. 35)
mit dem frömmelnden Himmelsblick und der Armenbüchse, ganz Wehmut,
Amt und Würde. Und wenn Doerbecks Personen auch häufig etwas von
Possenfiguren haben und manchmal der Hintergrund nur als Kulisse
behandelt ist, so stehen dem doch wieder andere Blätter gegenüber von
überraschender Echtheit; die Straße mit den Bänken vor der Thür neben
den Kellerhälsen, die Marktstände, Höfe, die Brunnen -- oder Plumpen,
wie der Berliner sagt -- mit den schweren, eisernen Schwengeln; das
ganze heute vergessene Milieu, von dem hie und da noch ein letzter
Rest in irgend einem kulturverlassenen Winkel zurückgeblieben ist,
steigt wieder vor uns auf; und in ihm bewegen sich Menschen, deren
Trachten, Frisuren, Hüte uns lachen machen; nicht, daß sie uns häßlich
erscheinen, aber sie erscheinen uns altväterlich und komisch. Wir sehen
sie unwillkürlich im Vergleich zu unserer Tracht, denken, wie würden
_wir_ uns darin ausnehmen? Wie wäre es mit geblümter Weste, blauem
Frack mit gelben Messingknöpfen, mit würdevoll erhobenem Haupt und
breiter, steifer Kravatte, in der eine dicke, goldne Lyra als Nadel
prangt? So bieten in der Mode noch nicht zu lang verflossene Epochen
uns Stoff zur Heiterkeit. Bei weiter zurückliegenden fällt der Grad
des Vergleichs fort, und unser Interesse wird kalt und unpersönlich.
Kommende oder eben überwundene Moden geben uns am ehesten Grund zum
Spott, und nichts erscheint uns so komisch, wie die Cylinderform von
vorgestern oder morgen. Es spricht sich in Doerbecks Werken soviel von
der Zeit aus. Die Trachten der einzelnen Stände sind noch schärfer
unterschieden; wir erkennen den Studenten, wie den Kaufmann, den
Litteraten, wie den Gelehrten, die Grisette, wie die Handwerkersfrau,
den wirklichen Geheimrat, wie den Weißbierbürger; während die Mode
heute die Gegensätze nivelliert hat und eine Art Uniform schafft, auch
des Ausdrucks; all die Errungenschaften der Neuzeit beeinträchtigen
eben mehr und mehr die Selbstherrlichkeit des Einzelwesens, machen uns
zu Ziffern, Nullen oder Einsen in den langen Zahlenreihen.
[Illustration: Abb. 45. _Berliner Krakehler._
Karikatur auf Lola Montez.]
[Illustration: Abb. 46. _Anonyme Karikatur auf Lola Montez_ (nach
Rubens' gleichnam. Bild) Erschienen: München 9. Febr. 1848.
(Sammlung Mai.)]
Und wie Doerbeck und Hosemann, von dem wir unter 1848 einiges bringen
werden, das Berlin von ehemals abkonterfeien, so regt es sich auch
in München, Hamburg und Wien. Wird doch Adolf Glasbrenner von dem
Verleger Jakowitz auf acht Monate nach Wien geschickt, um dort analog
dem »_Berlin wie's ißt und trinkt_« humoristische Skizzen des Wiener
Volkslebens aufzunehmen. Wie unschuldig aber man noch damals war, und
wie wenig Stachel manchmal der Witz hatte, das zeigt jenes kleine
Blättchen: »_Die zu enge Straße_« (Abb. 37). Das Mißgeschick, sich an
einem Wagen vorbeidrücken zu müssen, entbehrt für uns jeder Komik,
ist nur eine kleine Eventualität auf unserm Lebensweg, die jenseits
von Ernst oder Heiterkeit liegt. -- Wie es Adolf Glasbrenner gelang,
dem Berliner Witz jene Souveränität zu geben, welchen er später 1848
behauptete, das hat _Fedor Wehl_ in der »Deutschen Schaubühne« launig
und geistvoll dargestellt. »Der Berliner Witz war bis dahin nur ein
Gassenjunge gewesen, ein Element, das auf allen Brunnenschwengeln,
Treppengeländern und Fenstersimsen saß, mit den Beinen schlenkerte und
schnoddrige Redensarten machte, aber von niemandem recht beachtet
wurde -- ausgenommen von denen, welchen er seine Schabernacke spielte.
Adolf Glasbrenner erhob ihn aus dieser etwas unbequemen Situation,
um ihn in eine epochemachende Stellung zu bringen. Er versuchte ihm
begreiflich zu machen, was er eigentlich sei: ‚Berliner Witz, du bist
kein bloßer, dummer Junge‛, sagte er ihm, ‚du bist das Genie Berlins,
der souveräne Geist der Bevölkerung. Wenn du deiner selbst bewußt
wirst, so kannst du es zu etwas bringen, so zu sagen, ein Mann bei
der Spritze werden. Du mußt dich nur gewöhnen, deinen Blick höher und
über die sogenannten Kellerhälse der Häuser hinaus zu richten, du mußt
dich um Gott und die Welt und zuletzt auch ein wenig um Politik und
Geschichte kümmern‛ ...«
[Illustration: Abb. 47. _Ein Heuler._
Aus den »Münchener Leuchtkugeln«.]
[Illustration: Abb. 48. _Der Bureaukrat._
Aus den »Münchener Leuchtkugeln«.]
Und dies that er von nun an in reichlichem Maße. Die Zensur beschnitt
ihn nicht; der alte närrische Dichter Langbein -- weiland Inhaber der
großen Schere -- ließ ihn gewähren, bis alle Maßregeln den sieghaften
Berliner Witz nicht mehr zu unterdrücken vermochten.
[Illustration: Abb. 49. _Ein Wühler._
Aus den »Münchener Leuchtkugeln«.]
In allem bereitete sich der Umschwung der Dinge vor, selbst in den
feuchtfröhlichen Karnevalsblättern des Rheines -- die Deutschen hatten,
so wie sie wieder zur Ruhe kamen, den alten Humor des Trinkens mit
erneuten Kräften aufgenommen. Sie haben ihn bis heute sorgsam gepflegt,
als ein schon von Urvätern her überkommenes Erbe, das in Ehren gehalten
werden muß; selbst in den Düsseldorfer Künstlerkreisen (gerade die
bildenden Künstler sind es, welche sonst in politischen Fragen meist
indifferent sind; hierin liegt auch eine große Schwierigkeit für die
Leiter politischer Witzblätter, geeignete Illustratoren zu erhalten
oder heranzubilden!) -- selbst bis dorthin drang die Unzufriedenheit,
und suchte, mit Wort und Bild sich Geltung zu verschaffen. Im
allgemeinen spricht sich sonst im Karnevalsleben, wie in den
Narrengesellschaften, eine nüchterne Komik aus, die mit rohen Mitteln,
nach dem Schema ~F.~ einer auf Paragraphen gezogenen Spießerlustigkeit
arbeitet, und die wir daher hier kaum zu berühren brauchen. --
[Illustration: Abb. 50. _Fliegendes Blatt aus dem Jahre_ 1848.]
[Illustration: Abb. 51. _Anonyme Karikatur._ Berlin. (Kommißbrot-)
Soldat. Beziehungen unbekannt. Schwarzbrot-Bürgerwehr, vielleicht das
Gerücht betreffend: Leichen gefallener Soldaten wären in Kähnen nach
Spandau geschafft und dort heimlich begraben worden.]
Heine, Börne, Herwegh, Freiligrath waren Vorkämpfer gewesen. Arg waren
die Unterdrückungen der Zensur, unter denen das freie Wort zu leiden
hatte, der Zensur, welche sich in alles mischte und welche, z. B. in
Berlin, die Bestimmung enthielt, daß neue Theaterstücke erst nach der
dritten Aufführung in den Zeitungen besprochen werden durften.
Es blüht der Lenz, es platzen die Schoten,
Wir atmen frei in der freien Natur,
Und wird uns der ganze Druck verboten
So schwindet am Ende auch die Zensur --
singt der unermüdliche Spottvogel Heine.
Es ist eine eigenartige Zeit, dieses 1848, und man mag es beurteilen,
wie man will, das eine ist unleugbar, nie hat die deutsche Karikatur
eine bewegtere und reichere Zeit durchlebt, und kaum ist ein Jahr
befruchtender für jede geistige und künstlerische Thätigkeit gewesen.
Man lachte und spottete so laut und kräftig, wie nie zuvor, und bei
allem Ernst, aller Erbitterung, allem Blutvergießen offenbarte man
einen prächtig lebensfähigen Humor, einen Witz, der ins Schwarze
trifft, ja man verliert selbst im Kugelregen und Kartätschenhagel
nicht die gute Laune. Niemals hat der deutsche Humor wieder so tief
in das öffentliche Leben eingegriffen. Es ist ja wahr, daß diese
Zeit mit ihren unreifen Wünschen, mit ihrem mißverstandenen Wollen,
außerordentlich viel Stoff zu feinerer Komik bot; -- keiner hat das
wohl stärker zum Ausdruck gebracht, wie der alte Burschenschafter Fritz
Reuter in seinem Stavenhagener Reformverein der »Stromtid« -- aber
es ist doch auch in der gröberen Karikatur jener Zeit ein gesunder
Zug gegenüber den Arbeiten unserer westlichen Nachbarn, die unter
gleichen Umständen entstanden sind. Geht hier der Spott sofort bis
zur höllischen Grausamkeit, wirft man im Augenblick alle moralischen
Bedenken über Bord, kämpft mit allen Mitteln, gut oder böse, so
bewahrt sich der Deutsche auch hier sein Bestes, seinen Humor, ohne
deshalb minder scharf oder treffend zu sein. Ihm kommt der Witz von
Herzen, dem Franzosen aus der Galle. Es ist nur ein Gegengewicht, eine
Reaktion der Seele gegen die andrängenden äußeren Übel.
[Illustration: Abb. 52 und 53. _Karikatur._ Aus den »Leuchtkugeln«.]
»Das Leben ist so ernsthaft,« steht 1848 in dem Vorwort der
»Düsseldorfer Monatshefte«, »daß es auch dem ernsthaftesten Menschen
mitunter zu toll wird, dann sehnt er sich nach einer Erholung und
sucht den Dingen eine andere Seite abzugewinnen, indem er nach Laune
mit ihnen spielt. Nicht selten kommt alsdann erst die wahre Seite zum
Vorschein, öfter noch die schwache, faßbare, -- denn alles in der Welt
hat seine schwache Seite ...«
[Illustration: Abb. 54. _Anonyme Karikatur auf die Berliner Bürgerwehr_
1848.]
Und es gab viele Schwächen und Jämmerlichkeiten in jener Zeit, viel
zu weinen und viel bitteres Unrecht, aber es gab auch viel zu lachen.
Zu lachen über den Lärm um nichts, die Kannegießerei und Unreife,
die Kleinlichkeit; zu lachen über die Verwirrung bei Fürsten und
Volksführern, die nicht wußten, was zu thun, und wie Wetterfahnen
hin- und herschwankten; über die roten, langbärtigen Volksführer der
Linken, die, wenn ihnen später das Glück gewogen war, Minister wurden
und dann, wie die Butterbrote, auf die rechte Seite fielen; über die
Dichter, welche glühende Freiheitslieder schrieben und dann, wenn sie
vor dem Fürsten ein freies Wort hätten reden können, vor Verwirrung
nicht wußten, was sie sagen sollten (Abb. 42): Herwegh, die eiserne
Lerche, die in der richtigen Überzeugung, daß der Märtyrer nichts
beweist, endlich den besseren Teil der Tapferkeit ergriff. Zu lachen
gaben Lola Montez und die friedliche Revolution der Bayern -- es ging
nur um die Verfassung, nicht um die Bierpreise. -- Zu lachen gab es in
der Frankfurter Paulskirche, wo man die Siege mit Silben zu Niederlagen
umschuf, und Worte das verdarben, was Hände errungen. Zu lachen gab
es über alles Alte, den Bureaukratismus, den gähnenden, deutschen
Michel mit der Schlafhaube, über den Zopf und über die Bürgerwehr, die
Kuhfüße, die Kokarden in der Größe der Kuchenteller. Zu allem, was
sich ereignete, Woche für Woche, pfiff die Karikatur ihre Spottverse.
Wie wenn ein Wehr aufgezogen wird, das lange einen Wasserlauf staute,
so brechen plötzlich, nach Beseitigung der Zensur, Druckschriften,
Spottblätter in vollen Massen über das Land herein, und man wird stets
von neuem erstaunen über die Unsummen geistiger Kräfte, die plötzlich
geweckt wurden. Die ersten, deutschen Witzblätter entstanden, die Form
der Einzeldrucke wird das letzte Mal in großem Maßstab angewandt. Das
Plakat, der Maueranschlag, ernst oder karikaturistisch, hochdeutsch
oder im Jargon, hat eine ungeheure Macht gewonnen. Wie stark der
Einfluß dieser Anschläge war, und wie mit ihnen alles ausgefochten
wurde, das zeigt das Blatt (Abb. 43): »_Ein Plakatkampf_«, welcher
nebenbei zu den besseren der im allgemeinen ziemlich minderwertigen
Berliner Arbeiten gehört. Im Jahre 1848 kommt das erste Mal der
Tagesschriftsteller, der Litterat zur vollen Geltung; er wird eine
wortführende, anstachelnde, richtende Macht. Die gesamte Presse
nimmt einen ungeheuren Aufschwung, Leute von geistiger Bedeutung und
gewandter Feder, Männer von kaustischem Witz treten in den Kampf ein.
Die Tradition -- gutes Deutsch zu schreiben -- wird noch von Börne,
Menzel, Görres bewahrt und ist ihnen noch nicht, wie den heutigen
Journalisten, zur frommen Sage geworden. Der Zeitungsverkäufer tritt
in die Rolle des Eckenstehers, als volkstümliche Figur. Das Leben
verlegt seinen Schwerpunkt aus dem Innern der Häuser auf die Straßen.
Als gangbarste und schnellste Reproduktionsform wird meist noch die
Lithographie oder der lithographische Umdruck gewählt, aber auch der
Holzschnitt, welcher ohne jede Schwierigkeit in den Druckspiegel
eingefügt werden kann, beginnt wieder an Boden zu gewinnen.
[Illustration: Abb. 55. _Metamorphose des Marschalls Druff._ Karikatur
auf Wrangel 1848. (Berliner Krakehler.)]
Über die Karikatur des Jahres 1848 hat _Eduard Fuchs_ 1898 eine
vorzügliche Sonderpublikation mit reichem Bilderschmuck bei M. Ernst in
München erscheinen lassen. Auch _Hans Blum_ »Die deutsche Revolution
1848« (E. Diederichs, Leipzig 1898) bringt eine Unzahl Nachbildungen
von Spottblättern, belegt Schritt für Schritt seine Ausführungen mit
diesen Dokumenten. _Grand-Carteret_ reproduziert besonders süddeutsche
Karikaturen aus den »Leuchtkugeln« und »Fliegenden Blättern«, und
wir hoffen diese Anzahl von Blättern um manches interessante Stück
bereichert zu haben, so daß sich heute selbst der, welchem Sammlungen
und Archive nicht zugänglich sind, ein ausreichendes Bild der Karikatur
des Jahres 1848 verschaffen kann.
[Illustration: Abb. 56. _Karikatur_ von _W. Scholz_. Aus dem
»Kladderadatsch« 1848. Verlag von A. Hofmann & Comp. in Berlin.]
In »_Der Kladderadatsch und seine Leute_« (Berlin 1898) findet man
eine ziemlich vollständige Übersicht der litterarisch-humoristischen
Erscheinungen der Zeitschriften, Anschläge, Witzblätter jener
Tage, und selbst die wenigen dort angeführten Proben des Inhalts
lassen uns ahnen, welch ein seltener Reichtum, ein Stück deutscher
Kulturgeschichte in diesen Dokumenten niedergelegt ist. Künstlerisch
sind Düsseldorf, Frankfurt, München führend. Litterarisch steht Berlin
obenan. Leider sind uns viele der Künstler, aus erklärlichen Gründen,
unbekannt geblieben, -- bei manchen mag es uns gleichgültig sein, aber
in einigen Fällen möchte es uns doch freuen, wenn wir wüßten, wem diese
charakteristischen Schöpfungen zuzuschreiben sind. -- --
[Illustration: Abb. 57. _Zwei fliegende Buchhändler._
_Lude_: Nu sag mal Fritze, wat machen wir nu, nu Allens verboten ist?
_Fritze_: Dat will ick Dir sagen, mein Junge! Du schreist
Kladderadatsch aus, und ick denuncier' Dir bei Hinkeldeichen. Ich
kriege zwei Thaler und Du eenen Tag Ufhebung der persönlichen Freiheit.
Dann schreie ick wieder Kladderadatsch, und Du denuncierst mir, un uf
die Art können wir'n Belagerungszustand aushalten.