»_Leben, Meinungen und Thaten von Hieronymus Jobs, dem Kandidaten._« In

diesem breiten, anspruchsvollen Titel steckt eine ganze Allongeperücke

voll Wichtigkeit und Selbstgefälligkeit, »und wie er sich weiland

viel Ruhm erwarb«, unsere ehrfürchtige Erwartung steigt noch vor der

Gelahrsamkeit dieses Herrn. Und plötzlich -- so ganz beiläufig, aber

wie ein Eselsfußtritt -- auch endlich als Nachtwächter zu Sulzburg

starb.

[Illustration: Abb. 28. _Der Klub der Denker._ Um 1820.]

Die Jobsiade (Münster 1784), deren Titelsilhouette (Abb. 13) wir als

Karikatur auf die deutsche Silhouettomanie, wenn wir es so nennen

dürfen, beigegeben haben, ist -- »vorn und hinten und in der Mitten,

geziert mit schönen Holzschnitten; eine Historia, lustig und fein,

in neumodischen Knittelverselein.« Und die Beherrschung dieses

Knittelverses, der nachhinkt und uns jedesmal wie mit einem Wassersturz

übergießt, die Heranziehung der Komik im Reim hat sich auf Busch

vererbt. So schlecht Kortums Verse scheinen -- als ob ein Wagen über

einen Knüppeldamm führe --, so leicht folgen sie doch jeder Stimmung,

jeder Absicht. Man lese sich nur einmal das prächtige Examen daraufhin

durch, wie vorzüglich hier Stimmen und Charaktere, auch im Klang der

Verse, auseinander gehalten sind.

Ich als zeitlicher ~pro tempore~ Inspektor

Und der hiesigen Geistlichkeit Direktor,

Frage Sie ~quid sit episcopus~.

Alles weist uns auf das sonore, würdige Organ.

Nun folgte Herr Krisch, ohn' Verweilen,

Und fragte: aus wieviel Teilen

Muß eine gute Predigt bestehn,

Wenn sie nach Regeln soll geschehn.

Klingt da nicht schrill das piepsige Stimmchen, und sieht man nicht den

dürren, sanguinischen Herrn? In der Jobsiade gehen meines Erachtens

das erstemal die Mittel mit der Darstellung Hand in Hand, ist für

humoristische Dinge ein eigner Stil des Wortes geschaffen, während in

der Karikatur jener Zeit stets nur der Gegenstand karikaturistisch

aufgefaßt worden ist, aber nie für die Darstellung eine eigne Sprache

der Linie, der Kunstmittel gefunden wurde. Das, was hier Kortum für

den Vers gethan, hat nach achtzig Jahren Wilhelm Busch auch für

die bildliche Darstellung erobert. Er hat bewiesen, daß auch die

Karikatur ihre eigenen Kunstmittel haben muß, daß zu dem _Was_ des

Dargestellten, zu der Auffassung erst noch als Drittes das _Wie_ der

Darstellung kommen muß, um das zu ergeben, was wir unter einer modernen

Karikatur verstehen. Wir haben uns deshalb etwas eingehender mit Kortum

beschäftigt, weil er in der Art seines trocknen Humors, wie in der

Behandlung des Verses ein Vorbild seines späteren Landsmanns Wilhelm

Busch ist, mit dem ihn viel Gemeinsames verbindet: jene Behäbigkeit,

die Freude am Essen und Trinken, und besonders die nicht allzugroße

Freundschaft mit den Menschen, welche beide aus dem ff kennen, und

denen sie beide mit gutem Recht eher das Schlechteste als das Beste

zutrauen. Und, wenn auch Kortum lustig der Zopf wackelt, so ist er

doch der einzige, der als Karikaturist des Wortes aus dem achtzehnten

Jahrhundert für uns heute noch in Betracht kommt. Nicht allein das

sittengeschichtliche Interesse ist es, sondern es steckt in dem Humor

dieses Bändchens etwas, das bleibend und das auch noch heute wertvoll

ist, während andere komische Heldengedichte -- denn, wenn man überhaupt

klassifiziert, muß man die Jobsiade dieser Gattung zuzählen -- längst

jenen Stachel für uns verloren haben, und während humoristische Romane

jener Zeit, wie Nicolais »Sebaldus Nothanker«, uns angähnen.

[Illustration: Abb. 29. _Die Krähwinkler entdecken den Nordpol._ Um

1820.

(Sammlung v. Lipperheide.)]

Wenn wir nun noch einmal das achtzehnte Jahrhundert überschauen, so

ist die Ausbeute in künstlerischer Beziehung keine übermäßig reiche

gewesen. Die politische Karikatur ist in Deutschland fast verschwunden,

und die wenigen Blätter fallen kaum ins Gewicht. Die humoristische

Zeichnung im heutigen Sinne ist auch fast unbekannt, höchstens ist

es die Sittenschilderung, die Mode, welche stärker den Bilderspott

herausfordert, und in welcher Dinge von Wert geschaffen werden; diese

allein können uns hier interessieren. In dem engen Rahmen, den wir für

unser Thema haben, gehen wir durch unser Gebiet wie ein Spaziergänger

durch eine Landschaft; werfen hier einen Blick auf die Baumgruppe, dort

auf das Gebüsch, freuen uns über den murmelnden, schnellfließenden

Bach, aber machen keine geologischen Studien und zählen nicht die

Staubgefäße jeder Blume, die am Weg steht. Bis jetzt sind uns auf

unserm Spaziergang zwei freudige Überraschungen geworden: Chodowiecki

und Kortum ...

[Illustration: Abb. 30. _Der Krähwinkler mit dem Wegweiser._ Um 1820.

(Sammlung v. Lipperheide.)]

* * * * *

Zuckte von der französischen Revolution hin und wieder nur ein heller

Schein wie fernes Wetterleuchten über Deutschland, so zog jetzt das

Unwetter vollends herauf mit grellen Blitzen und erschütterte das

Land in seinen Grundvesten. Heute, wo längst die Wunden vernarbt

sind, kann wohl zugegeben werden, daß die napoleonische Zeit für die

politische und kulturelle Entwickelung und Stärkung Deutschlands von

unendlichem Nutzen war, und daß wir sie eher als Segen, denn als Fluch

ansehen müssen. Die Begeisterung, mit der man in ganz Westdeutschland

und auch in Berlin dem Kaiser zujubelte, hatte -- abgesehen von der

übermächtigen Persönlichkeit des Eroberers -- seine gute Berechtigung;

denn es war nicht allein Preußen, welches vor Frankreich unterlag,

sondern eine neue Zeit, die eine alte besiegte. Und wenn auch später

der Sieg Frankreichs reichlich wettgemacht wurde, der Sieg der

neuen Zeit ließ sich doch nicht vollends ungeschehen machen. In der

napoleonischen Zeit tritt naturgemäß die politische Karikatur in den

Vordergrund, während der feinere Sinn für Humor abhanden kommen muß.

Die politische Karikatur steht in Deutschland ganz und gar unter dem

Einfluß englischer Zeichner. Wie beschaffen diese englische Karikatur

ist, und wie sie so eigentlich gar nichts Deutsches besitzt, das

können wir gut in der Sonderpublikation _Grand-Carterets »Napoleon I.

in der Karikatur«_ (deutsch Leipzig 1899) studieren. Hier wird der

Lebenslauf des Kaisers von dem Ende der neunziger Jahre bis zu seinem

Tode, bis nach St. Helena uns in Spottbildern voll Haß, Hohn und Wut,

teuflischem Lachen und Verzerrung vorgeführt -- die bittersten Satiren

des modernen Léandre scheinen gegen diese Blätter nur wie gutmütige

Vermahnungen. Teufel und Galgen, Verrat und Unzucht, das sind die

mindesten Ingredienzien, mit denen man diese Blätter gewürzt hat.

Welche Summe von Haß und Verachtung muß in diesen Zeichnern Rowlandson,

Cruikshank, Gillray gesteckt haben: man trägt Napoleons Kopf auf der

Mistgabel umher; hetzt ihn als Fuchs mit Hunden zu Tode; zeigt ihn als

Prahler, Feigling und Verräter, in ohnmächtiger Wut sich verzehrend,

hauptsächlich aber als den kleinen armseligen Boney. Die Karikatur von

Volz (Abb. 16), welche sein Antlitz aus Leichen gebildet uns zeigt,

trägt nach Grand-Carteret die Unterschrift:

Napoleon der erste und letzte, durch den Zorn des Himmels Kaiser

der Jakobiner, Beschützer der Confédération der Spitzbuben,

Bevollmächtigter der Höllenliga, Großkreuz der Unehrenlegion,

kommandierender General der Legionen von Skeletten, zurückgelassen

in Moskau, Smolensk, Leipzig etc. Der Schnellste an der Tête

der Ausreißer, After-Priester von Sanhedrin, After-Prophet der

Mohammedaner, hohle Säule des christlichen Bekenntnis.

[Illustration: Abb. 31. _Postillon_: Kommen Sie man ruhig, Madamken,

ick habe Wasserstiebeln an.

Franz Burch. Doerbeck. (Kupferstichkabinett Berlin.)]

Und wie wenig entspricht jene berühmte Karikatur Cruikshanks (Abb. 17)

-- die Nachahmungen und Kopien in der ganzen Welt fand --, wie wenig

entspricht sie der geschichtlichen Wahrheit! Der große Wellington

läßt den kleinen Napoleon auf seinem Daumen reiten und gibt ihm

Nasenstüber. Die deutsche Kopie trägt folgende Unterschrift:

Ein Männlein kam aus Korsika,

Und meinte groß zu werden,

Und zu verschlucken fern und nah

Die Völker all auf Erden.

Allein es war sein Spiritus

Durch eines Mannes Erbsenschuß

Gar jämmerlich getroffen.

Da kam das Männlein wiederum

Aus Elba hergefahren,

Und lockte in sein Kaisertum

Von neuem unsre Scharen,

Da sah ihn gar der große Mann

Für einen Daumenreiter an

Und gab ihm Nasenstüber.

Nun ich meine, hier setzt sich die Karikatur in offenbares Unrecht,

und nur der ärgsten Verblendung kann das Verhältnis zwischen dem

Riesengeist Napoleons und Wellington in so falschem Licht erscheinen.

[Illustration: Abb. 32. _Berliner Redensarten._ Von _F. B. Doerbeck_.

(Kupferstichkabinett Berlin.)]

Von allen politischen Karikaturen dünkt mich das Kapitel der

Napoleonkarikaturen das unerfreulichste, und wenn man sie auch durchaus

nicht alle mit Grässe erbärmlich und geistlos finden möchte, ja selbst

manche der deutschen Blätter wie »der glückliche Jäger« (Abb. 18), mit

der Unterschrift: »da habe ich einen netten Bock geschossen« und dem

Teufel mit Napoleon als Wickelkind (Abb. 19): »das ist mein lieber

Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe«, durch das Kurze und Schlagende

der Pointe uns noch heute in Erstaunen setzen, so erscheint es uns

doch, als ob sich die Gestalt Napoleons nicht zur Karikatur eignete,

als ob es eine Blasphemie wäre. Und dieselbe Empfindung läßt wohl

Grand-Carteret seinem Werk als Schluß eine Reproduktion des Bildes

von Dabos -- eine Apotheose auf Napoleon -- beigeben. Der jugendliche

Kopf des Kaisers schwebt in einer Gloriole über dem Erdball; Adler

tragen den Purpur mit seinem Namen. »Großes, strahlendes Gestirn, es

erhellt, es befruchtet, nach seinem Gefallen leitet es die Geschicke

der Welt.« Besonders aber verstimmt es uns, daß die Menge der deutschen

Karikaturen ins Gewaltige wächst nach Bonapartes Fall. Das ist ein

Zeichen der Unreife.

[Illustration: Abb. 33. _Berliner Witze._ Von _F. B. Doerbeck_.

(Kupferstichkabinett Berlin.)]

Nach dem Sturz Louis Philipps brachte der »Charivari« in Paris, der

mit allen Mitteln des Geistes und Spottes gegen ihn gearbeitet hatte,

keine Karikaturen mehr auf den Entthronten, in voller Erkenntnis, daß

die politische Karikatur nicht gegen Tote, sondern gegen Lebendige zu

kämpfen hat, und daß es unser Gefühl beleidigt, wenn Gefallene verhöhnt

werden.

[Illustration: Abb. 34. _Berliner Witze._ Von _F. B. Doerbeck_.

(Kupferstichkabinett Berlin.)]

Zwei Künstler sind es in jener Zeit, die Erwähnung verdienen:

_Johann Michael Volz_ (1784 bis 1858), _Johann Gottfried Schadow_

(1764-1850). Volz, der Süddeutsche, der für die Kunstanstalten in

Nürnberg, Stuttgart, Regensburg, Frankfurt, für die Schweiz arbeitete;

Schadow, der Berliner. Zu ihnen käme noch _Geisler_, der Leipziger.

Karl Hagen hat (Stuttgart 1863) eine ausführliche Würdigung des

süddeutschen Illustrators geboten. Und wenn er auch die Qualitäten

des Zeichners durchaus überschätzt -- wie man überhaupt bei längerer

Beschäftigung mit einer Künstlerpersönlichkeit gern gewillt ist, sie

höher einzuschätzen, als sie es verdient --, so bietet uns die Arbeit

doch viel kulturell Interessantes über den deutschen Buchhandel und

den Vertrieb der Einzelblätter und berührt hier ein Gebiet, von dem

wir nur wenig Nachricht haben. Fast alle bekannten Napoleonkarikaturen

(zahlreich in der v. Lipperheideschen Sammlung und im Berliner

Kupferstichkabinett) stammen von Volz, und bis in die dreißiger Jahre

hinein hält er den Markt der Karikatur mit Blättern gegen Kornwucher,

mit Krähwinkliaden und anderen unschuldigen Dingen. Die Arbeiten

sind handkolorierte Kupferstiche, mit leichter, nicht unharmonischer

Farbengebung; eine Technik, die zum erstenmal wieder ausgiebig der

Schweizer Aberli (1723-86) anwandte, und die bald in der ganzen Welt

Nachahmung fand. Sie war bis hinein in die Mitte des Jahrhunderts

gang und gäbe, ohne doch sich zu besonderer Höhe und Vollendung zu

entwickeln; ja, bei der wachsenden Größe der Auflagen sank sie mehr

und mehr zu flüchtiger, mechanischer Ausübung herab. Volz ist ein

Volkskünstler, der eine starke Vielseitigkeit, ein Anpassungsvermögen

für jeden von ihm geforderten Stoff besitzt; religiös, historisch,

Schlachten- und Zeitbild, Karikatur, Klassikerillustration, Genrebild,

Trachtenschilderung, Gebräuche, Typen, Bilderbücher, Kartonagen,

Bonbonvignetten, Neujahrswünsche, Porträts und Zeichenvorlagen -- für

alles versteht er die richtige Form zu finden. Ihn zeichnet eine ruhige

Nüchternheit und Leichtverständlichkeit aus. Hagen rühmt von ihm, daß

seine Schlachten keine modernen Gemetzel sind, sondern eher in uns den

Eindruck einer griechischen Ringschule erwecken. Dieses wäre ja nach

der heutigen Auffassung gerade kein Vorteil. Und wenn Hagen ihn als das

nachahmenswerte Vorbild eines Volkskünstlers hinstellt -- so mögen wir

auch dem nicht beistimmen. Seine Kunst nimmt ein so niedriges Niveau

ein, ist so kühl und nüchtern, daß sie dem Geschmack der Menge nur

entgegenkommt, ohne ihn im geringsten zu heben. Und gerade, daß Volz

und seine Schule in Süddeutschland die einzigen Vertreter der Karikatur

sind, zeigt uns die niedere Rolle, welche die Karikatur noch zu spielen

sich genötigt sah, und wie man ihren Wert und ihre Mission kaum höher

anschlug, als den der Jahrmarktsware. Sämtliche Napoleonkarikaturen

sind von Volz für den Campeschen Verlag zu Nürnberg geschaffen worden.

Hagen zählt aus den Jahren 1814/15 deren dreißig Blatt auf. Sie haben

vor den englischen, denen sie an Ausdrucksfähigkeit und künstlerischer

Persönlichkeit so weit nachstehen, doch den Vorzug klarer und

einheitlicher Anordnung voraus. Besonders verfallen sie nicht in den

Fehler, daß die Worte, welche ein jeder ausruft, wie in Hauchwolken

aus dem Munde der Personen ausgehen, und das Blatt mit dem Gewirr

von Buchstaben bedecken, so daß man, anstatt das Bild als Ganzes zu

betrachten, rechts, links, oben und unten die Ausrufe und Inschriften

zu entziffern sich bemüht. Solange eine Karikatur diese Hilfe braucht,

ist sie sich ihrer Mittel noch nicht bewußt. Die Arbeiten von Volz

möchten, wenn sie nicht so ledern und trocken wären, sicherlich in

ihrer Geschlossenheit und in der Prägnanz des Gedankens angethan sein,

uns auch noch heute beachtenswert zu erscheinen, aber der Mangel

jeglicher Handschrift, die handwerksmäßige Flachheit läßt dieses

Interesse nicht zu. Wenn man Napoleon auf St. Helena als wildes Tier

im Käfig darstellt oder ihn im Höllenfeuer jammern läßt -- wenn man,

wie in einer moralischen Kindererzählung, sein Leben in zehn Stufen

vorführt, mit Hirtenknabe beginnend und mit Höllenpein endigend, so

können wir diesen Dingen nur sehr wenig Geschmack abgewinnen. Der

Spott auf den unglücklichen russischen Feldzug aber -- in dem auch

Tausende von Deutschen umkamen vor Kälte und Hunger -- scheint uns

erst recht deplatziert. Wie diese in Lumpen gehüllten Gestalten über

das tote Pferd herfallen (s. Abb. 20), das kann, im Gegensatz zu

ihrem sonstigen Verhalten, nur unser Mitleid wecken; während andere

Blätter, welche Napoleons Flucht von der Armee geißeln, schon eher den

angreifbaren Punkt herausgefunden haben. Einen gewissen seelischen

Takt muß eben selbst die politische Karikatur bewahren, und nur in

Zeiten äußerster Erregung, wie hier, läßt es sich verstehen, wenn auch

nicht entschuldigen, daß dieser letzte Rest von Menschlichkeit über

Bord geworfen wird, und alle unterirdischen Kräfte sich hervorwagen,

die tief in uns gefesselt liegen sollen, letzte tierisch-atavistische

Regungen. Auch wenn Hagen vorschlägt, man sollte Volz in den Kabinetten

als Sittenschilderer sammeln, wie Chodowiecki, so weiß man wohl zur

Genüge, weshalb man es nicht thut. Von den sonstigen Blättern wäre noch

das »Kaffeelisel«, gegen die Kontinentalsperre gerichtet, eine breite,

rohe, aber nicht uncharakteristische Arbeit zu erwähnen. Auch ist es

interessant, daß jetzt wieder die Karikaturen gegen die Juden an Boden

gewinnen; selbst eine Napoleonkarikatur zeigt einen Juden, welcher

der hinter dem Hügel niedergehenden Sonne zuruft: »Au weih! Sonne von

Austerlitz, wie biste gesunken!« Daß gerade in diesem Zeitpunkt sich

das Spottbild von neuem nachdrücklich gegen die Juden wandte, ist darin

begründet, daß Napoleon ihnen als Bürger des Staates die gleichen

Rechte wie den Christen einräumte.

[Illustration: Abb. 35. _Der Totengräber._ Von _F. B. Doerbeck_.

(Kupferstichkabinett Berlin.)]

[Illustration: Abb. 36. _»Wat?! sie will mir?«_ Von _F. B. Doerbeck._

(Kupferstichkabinett Berlin.)]

* * * * *

Künstlerisch auf bedeutend höherer Stufe stehen die Arbeiten

von _Schadow_, dem Berliner Bildhauer; die Akademie der Künste

bewahrt viele von diesen Blättern, desgleichen das Königliche

Kupferstichkabinett und die v. Lipperheidesche Sammlung zu Berlin. Auch

im Handel begegnet man ihnen häufiger. Sie sind entweder im scharfen

Umrißstich gestochen, oder wie die Abb. 21 mit tonigen Flächen in Licht

und Schatten gesetzt. Bezeichnet sind sie »Gilrai à Paris«, während

sich der englische Zeichner James Gillray mit ll schreibt. Zwar kann

man auch in Schadow den englischen Einfluß nicht verkennen, aber die

Dinge sind doch geistreich in der Erfindung, wie in der Behandlung,

und voll Leben. Jedenfalls ist es hier schon ein Spott, der auf einer

scharfen Beobachtung der Schwächen des Gegners beruht und nicht in

jene infernalischen Verzerrungen ausartet, wie bei den Engländern.

Der preußische Grenadier (Abb. 21), der russische Bär und John Bull

haben den Feind aus Berlin herausgejagt und sperren nun mit ihren

drei gewichtigen Gestalten das Hallesche Thor. Draußen empfangen die

Fliehenden die Kanonen vom Windmühlenberg aus, und ein Grenadier mit

erhobenem Kolben schlägt auf sie ein. Die Figuren der französischen

Militärs im Vordergrund, das erstaunte Äffchen mit den langen Armen,

und der lange Gardist mit den kurzen Armen sind von stark komischer

Wirkung. Auch die »Klage der Napoleonsfreunde bei seiner Gefangennahme«

soll Schadow zum Urheber haben (Abb. 22). Sie scheint gut genug, um von

ihm herrühren zu können. Außer dem Interesse, das wir dem Gegenstand

abgewinnen, eint dieses Blatt noch alle damals gebräuchlichen Moden

der Herrenkleidung und ist uns so zugleich kulturell von Wichtigkeit.

(Hier sollen auch die genialen Zeichnungen von Orlowski (Abb. 23 u.

24) (Berlin, Nationalgalerie, Handzeichnungssaal) ihre Stellen finden;

die vorzüglichsten Modekarikaturen jener Zeit, Blätter von einer

Kühnheit und breiten Wucht des Striches, wie sie erst viel späteren

Zeichnern eigen sind.) Außer jener Serie von Napoleonkarikaturen,

auf denen es nicht gerade immer anständig zugeht, hat Schadow noch

manches Humoristische in Einladungen zu Künstlerfesten geschaffen und

einzelne merkwürdige Typen vom Jahrmarkt des Lebens, eigenartige Käuze,

scharf und treffend wiedergegeben. Die Raczynski-Sammlung bewahrt ein

derartiges kleines, in Wasserfarben ausgeführtes, karikaturistisches

Gemälde (Abb. 25). In diesen Dingen spricht sich noch mehr eigner Stil

aus, wie in der politischen Karikatur Schadows.

[Illustration: Abb. 37. _Karikatur_ um 1830.]

* * * * *

Die napoleonische Zeit ist, alles in allem, reichhaltig, aber

unerfreulich an deutschen, politischen Karikaturen. Unerfreulich mit

wenigen Ausnahmen; so erscheint zum Beispiel Abb. 26, welche sächsische

Soldaten, altmodische Herren mit Gamaschen, Zopf und Dreispitz uns

zeigt, die einen kühnen Bajonettangriff gegen ein unschuldiges

Kätzchen richten, witzig und von künstlerischer Eigenart. Und doch

hat die napoleonische Zeit den Vorzug, dem Bedürfnis für Karikatur in

Deutschland einen breiteren Boden gewonnen zu haben. Die politische

Karikatur bleibt von jetzt an in ununterbrochener Thätigkeit, ist ein

Faktor geworden, welcher mitspricht, so sehr er von der Zensur immer

wieder und wieder unterdrückt werden mag. Und als 1848 mit den andern

Fesseln die der Zensur abgeschüttelt werden, da tritt sie plötzlich

hervor, als eine gewaltige Macht im Kampfe, und entwickelt sich zu

früher nie gekannter Höhe. Wir können sie nicht bis zum Jahre 1848

verfolgen und müssen wieder Abschied vom politischen Spottbild nehmen.

Nur zwei Blätter, welche gegen die Reaktion gerichtet sind und der Zeit

der Burschenschaftsbewegung entstammen, sollen hier Platz finden. Hatte

erst die politische Karikatur sich gegen Napoleon gewandt, so wendet

sie sich jetzt gegen die, welche das dem Volk nehmen wollten, was ihm

Napoleon gegeben, welche den Zeiger zurückdrehten und wie Wilhelm von

Hessen-Kassel meinten, »daß sie sieben Jahre geschlafen hätten und nun

noch alles wie einst wäre«. Das eine ist »der Antizeitgeist« von Volz

(Abb. 27). Ein Esel im Staatsrock, mit Allongeperücke, dem Stammbaum

als Steckenpferd, stößt das Licht um und tritt auf die Nachtmütze. Die

Sonne verfinstert sich; Eulen und Fledermäuse haben sich hervorgewagt

und umflattern ihn, Kröten und Molche kriechen am Boden, Giftblumen

öffnen ihre Kelche. Das Ganze ist eine vorzügliche Karikatur im

Gedanken; ein Vorwurf, aus dem vielleicht bei einem Daumier eine

unsterbliche Schöpfung erwachsen wäre, und der doch hier langweilig,

nüchtern, steif, ohne jede persönliche Eigenart wirkt.

[Illustration: Abb. 38. _Doerbeck_: Frauchen, wat kost der Iklei!]

Der »Klub der Denker« (Abb. 28) steht höher und ist in den einzelnen

Typen von zwingender Komik; sie denken, daß der Schädel knackt, jeder

in anderer Stellung, aber wortlos, denn der Maulkorb verschließt den

Mund, und noch Dutzende von Maulkörben hängen oben für Neuankommende.

Auch die Frage der Tagesordnung: »Wie lange mag uns das Denken noch

erlaubt bleiben?« ist treffend und lustig. Überhaupt ist dieses Blatt

eine der witzigsten Verspottungen, die mir bekannt geworden. Besser

und schärfer kann die geistige Bevormundung kaum gegeißelt werden.

Und auch die unschuldigen Krähwinkliaden, welche nun in Mode kamen,

zeigen eigentlich einen politischen Hintergrund; denn sie wenden sich

indirekt gegen den Zopf, die Altertümelei, die Stagnation des Lebens,

sie spotten der deutschen Mittelstadt und des Bureaukratismus. Sie

alle sind wohl stark durch das Lustspiel der Zeit beeinflußt, und

Kotzebues Lustspiel Deutsche Kleinstädter (Leipzig 1803) ist das

Urbild -- geistvoll und unerreicht -- dieser Dinge gewesen. Gerade

durch das bürgerliche Lustspiel sind der Karikatur jener Zeit eine

Unzahl Typen zugeführt worden, und wenn sie auch auf dem Umweg über

das Theater ihr zugeflossen sind, so haben sie doch dazu beigetragen,

die Lebenswahrheit der Blätter zu erhöhen, ein tieferes, schärferes

Eingehen auf die kleinen Eigentümlichkeiten von Menschen, Sitten und

Ständen zu veranlassen. Wenn es auch der Zeit bis 1848 an großen,

namhaften Talenten fehlte, so ist hier doch eine ganz deutliche Linie

der Entwickelung, ein ruhiges Wachsen. Der Witz dieser Krähwinkliaden

ist der, daß irgend eine Redensart wörtlich aufgefaßt wird, ähnlich

wie es Till Eulenspiegel thut -- nur während es dieser aus Klugheit

thut, ist es hier die unverfälschte Beschränktheit. Unter »Krähwinkler«

von Volz finde ich im Hagenschen Verzeichnis das Nordpolblatt nicht

erwähnt (Abb. 29), ebenso den Bürger jener Weltstadt dem man riet,

einen Wegweiser auf die Reise mitzunehmen (Abb. 30). Man sehe, wie er

es befolgt hat! Das Blatt ist außerordentlich geschickt komponiert,

kräftig und frisch in der Bewegung. Es mag wohl vom Schweizer Duncker

stammen. Auch die Nordpolentdeckung ist lustig und, trotz der

übertriebenen Typen, eine erfreuliche Leistung. Für Sitten, Moden und

Trachten der Biedermaierzeit bieten diese Krähwinkliaden ein gutes

Studienfeld, und die hellen Farben, mit denen sie koloriert sind,

lassen uns den Eindruck jener Zeit noch frischer erscheinen.

[Illustration: Abb. 39. Aus Rethels »_Totentanz_«.]

Die deutsche Karikatur im 19. Jahrhundert · 第 2 / 11 段