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Liebhaber-Ausgaben
[Illustration]
Sammlung
Illustrierter Monographien
Herausgegeben in Verbindung mit Anderen
von
Hanns von Zobeltitz
2.
Die deutsche Karikatur
im 19. Jahrhundert
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1901
Die deutsche Karikatur
im 19. Jahrhundert
Von
Georg Hermann
Mit 6 Kunstbeilagen und 177 Abbildungen
[Illustration]
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1901
_Alle Rechte vorbehalten._
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Vorwort.
Es soll in Folgendem der Versuch gemacht werden, einen Überblick zu
geben über die wichtigsten Erscheinungen der deutschen politischen
und sozialen Karikatur, sowie unserer humoristischen Zeichnung im
neunzehnten Jahrhundert.
Und wenn es vielleicht sich ermöglichen ließe, zu erkennen, welche
Bahnen diese Schaffensart technisch, geistig, künstlerisch durchlaufen
hat; wenn es gelingen sollte, hie und da den Kontakt mit der
Zeitgeschichte zu bestimmen; wenn es glücken sollte, einmal die Rolle
zu umschreiben, welche die Karikatur im Leben einer Epoche gespielt
hat, glücken sollte, zu verstehen, wie in ihr die feinen Äußerungen
des gesellschaftlichen Beieinander, der Geistes- und Gemütskultur
Deutschlands Widerhall gefunden haben, und wie in ihr das zu festen
Formen erstarrte, was sonst der rasche Tag hinweggerafft hätte, -- ich
meine all das, was _neben_ der Geschichte ist, und eben zu zart, zu
flüchtig, zu wechselnd, als daß es Klio mit ehernem Griffel in ihre
ehernen Tafeln ritzen könnte ... wenn es glücken sollte, einem oder
dem andern dieser Dinge nur annähernd gerecht zu werden, so will der
Verfasser mehr denn zufrieden sein.
Aber zu guter Stunde sei es gesagt, um den Ruhm, ein brauchbares
Nachschlagebuch zu schaffen, welches nur alles irgendwie wissenswerte
Material enthielte, geizt er nicht. Der nach allen Seiten überquellende
Reichtum des Stoffes ließe sich auch nicht in einem Büchelchen, wie
dem vorliegenden -- und sei es selbst in Gestalt der nüchternsten
Nomenclatur -- bändigen. Es kann sich darin nur um einen flüchtigen
Überblick, einen kleinen Spaziergang durch dieses interessante Gebiet
handeln.
So wird zwar das Werkchen des streng wissenschaftlichen Charakters
entbehren, aber vielleicht wird es dennoch Freunde finden; allein schon
deshalb, weil es sich mit einem Stoff beschäftigt, der in den letzten
Jahren mehr und mehr in den Vordergrund der künstlerischen Anteilnahme
gerückt ist, und der uns heute reizvoller und schätzenswerter, als je,
erscheint.
Ich bin in meinen Arbeiten in freundlicher Weise durch Bibliotheken,
Museen, Verleger, Sammler unterstützt worden und sage hiermit allen --
besonders aber den Herren Braun und Schneider, Bassermann (München),
Herrn A. Hofmann und Emanuel Mai (Berlin) -- meinen Dank.
_Berlin_, im Mai 1900.
$Georg Hermann.$
[Illustration: _Nach einer farbigen Lithographie von L. Baltz_
(mutmaßlich Pseudonym für Löffler). Um 1855.
(Sammlung v. Lipperheide.)]
[Illustration: Abb. 1. _Daniel Chodowiecki_: Leiste mit Karikaturen.
(Originalgröße.)]
Die einzige Arbeit, welche bisher die gesamte deutsche Karikatur
im Zusammenhange darzustellen sich bemüht, hat den französischen
Kenner dieser Materie J. Grand-Carteret zum Verfasser. Sie erschien
in Paris 1885 und beleuchtet infolgedessen noch nicht die letzte,
so interessante Phase der deutschen Karikatur, welche sich fast
wie absichtlich in Gegensatz zu der jeder früheren Epoche setzt.
Das Werk Grand-Carterets hat den großen Vorzug, eine -- wenn auch
noch lückenhafte -- so doch überaus fleißige und dankenswerte
Zusammenstellung des Materials zu liefern und durch die biographischen
Notizen über die Künstler, sowie durch einen gewissenhaften Katalog der
periodisch erscheinenden und erschienenen illustrierten humoristischen
und politisch-satirischen Blätter jedem Späteren viel Mühe und Arbeit
zu ersparen. Während Grand-Carteret die Karikatur -- man fasse hier
diesen Begriff im weitesten Sinne, als Sammelwort für Darstellungen
jeder Art, welche in der Absicht geschaffen sind, unsere Heiterkeit,
unsere lachende Anteilnahme, unseren bitteren Spott, unsere Verachtung
zu erregen; man nehme Sittenschilderung, wie politische Satire in ihm
auf; ja selbst das zwecklose, liebenswürdige Spiel der künstlerischen
Phantasie rechne man zu ihm -- während der Franzose also die deutsche
Karikatur, soweit die deutsche Zunge klingt, in den Rahmen seiner
Besprechung aufnimmt, Deutschland, Oesterreich, Schweiz, wird der
Schreiber nur die Arbeiten Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert
berücksichtigen. Wenn er trotzdem den Schweizer Toepfer in der Debatte
zu Worte kommen lassen wird, so erscheint ihm dieser zuerst als
Künstler von Interesse, und er muß als geistiger Ahne des größten
niederdeutschen Humoristen und Zeichners Wilhelm Busch unserer
doppelten Anteilnahme gewiß sein.
Was man dem Werk Grand-Carterets zum Vorwurf machen könnte, ist einzig
und allein in der Herkunft des Verfassers begründet. Nicht, daß es
irgendwie tendenziös färbte, -- in diesen Fehler verfällt er nur
selten, -- aber wie ist es überhaupt denkbar, daß ein Mensch anderer
Rasse volles, eingehendes Nachempfinden für alle Eigenheiten deutscher
Arbeiten haben könnte; und wie kann es ihm möglich sein, sich in das
einzuleben, was die intimsten Eigenheiten fremder Volksseele offenbart?
Ja, uns, die doch Sprache, Denken, tausend Erscheinungen der Rasse, des
Empfindens unbewußt miteinander verbindet, wie schwer wird es schon
uns, den Witz, den Humor, die Karikatur einer vergangenen Epoche, läge
sie nur fünfzig Jahre zurück, zu verstehen, sich da hineinzufinden;
und wir haben doch schon durch Geburt vor jenen hierin einen Vorsprung
voraus, den selbst das ernsteste Streben nicht wett zu machen vermag.
Alles, was Grand-Carteret durch Arbeit und Gewissenhaftigkeit erreichen
konnte, ist erreicht; und wenn er meines Erachtens trotzdem zum
Verständnis der Bewegung nichts von Belang beigebracht hat, so hat das
seine Begründung in einem Etwas, welches stärker ist als er.
Was in der Arbeit Grand-Carterets besonders vermißt wird, ist das
Eingehen auf künstlerische Eigenart einzelner Zeichner, wie ganzer
Epochen, und der Hinweis auf die fundamentalen Änderungen, welche
die fortschreitende Entwickelung der Vervielfältigungsverfahren mit
sich brachte. Ebenso scheint mir die Entwickelung und Wandlung der
humoristischen und satirischen Momente, die vollkommene Umgestaltung
unserer seelischen Struktur im Laufe eines Jahrhunderts -- das, was
eigentlich der leitende Gedanke sein müßte, -- nirgends hervorgehoben.
[Illustration: Abb. 2. _Neujahrswunsch um_ 1800.
(Sammlung v. Lipperheide.)]
Es wäre also eine ebenso verdienstvolle, wie schwierige Aufgabe, einmal
eine Geschichte der deutschen Karikatur zu schreiben, in der die
Entwickelungslinien deutlich gezeichnet wären. Der Verfasser müßte als
Künstler, als Historiker, als kulturgeschichtlicher Forscher gleich
verständnisvoll dem Thema gegenüberstehen. Dieses Buch fehlt uns, wie
das liebe Brot; aber wer hätte wohl Mut und Fähigkeiten genug, um diese
Herkulesarbeit zu bewältigen?
[Illustration: Abb. 3-5. »_Nürnberger Schimpfwörter._« Um 1790.]
Und daß der leitende Gedanke dieser Entwickelung auch anderwärts
nirgends betont wird, das ist es, was mich davon abhält, der Begründung
und philosophischen Klärung der Begriffe nachzugehen, mit welchen
wir uns hier befassen werden. Mit all den geistvollen, ästhetischen
Erörterungen fördern wir nichts; denn nirgends ist berücksichtigt,
daß der Witz, Humor, die Karikatur Wandlungen unterworfen sind, sich
abnutzen, Neuem Platz machen; daß das, was vor fünfzig Jahren noch
als komisch, humorvoll, karikaturistisch erschien, was die Menschen
in Fröhlichkeit versetzte, uns nicht mehr lachen macht, in uns nicht
mehr _die_ Gefühle auslöst, welche erst den Dingen ihre Tendenz, ihren
Gehalt geben. Ein Messer, mit dem man nicht mehr schneiden kann, ist
und bleibt nur ein Stück Metall, und wenn es auch zehnmal die Gestalt
eines Messers hätte. Und ebensowenig, wie uns diese fernen Dinge
heute noch ergötzen, würde von Früheren unsere heutige Heiterkeit und
ihre Gründe begriffen werden. Was würde ein Jemand von vor hundert
Jahren über uns denken, wenn wir vor einem Th. Th. Heine ihm sagten:
Sieh' einmal: diese Linie erregt schon -- nur als abstrakte Linie --
durch ihre bizarre Bewegung eine Heiterkeit, oder ich finde in dem
absichtlichen Mißklang dieser Farbenzusammenstellung einen Grund zum
Lachen. Und so gut diese Dinge nichts Feststehendes in der Zeit haben,
nur in ewigem Wandel, in steter Veränderung ihr Leben fristen können,
ebenso sehr wird ihre völlige Verschiedenheit bestimmt durch örtliche
Entfernung, ist sie den Unterschieden der Rasse unterworfen. Jedes
Volk hat _seinen_ Witz; überall äußert er sich anders, -- allein schon
der norddeutsche Witz ist dem Süddeutschen oft unverständlich, und
der Norddeutsche möchte heute umgekehrt den des Süddeutschen flach
und nichtssagend finden. Rassenerbteil, Bildungshöhe, Sittlichkeit,
Denkschnelle, geistige Behäbigkeit, alles, alles beeinflußt den Witz,
scheint ihn in seinen Grundfesten umzuwandeln, und ich möchte es
leugnen, daß Humor, Witz, Karikatur überall und stets von den gleichen
Quellen unseres Geistes genährt werden und genährt wurden.
[Illustration: Abb. 6. »_Herr Alt und Frau Jung._« Handkoloriertes
Blatt; um 1810. (Sammlung v. Lipperheide.)]
Gerade, daß sich all diese Deutungen so wenig mit der bildenden Kunst
befassen, nirgends eine Analyse bildlicher Darstellung bieten, stets
das geistige, aber selten das rein ästhetische Moment betonen, macht
es uns desto leichter, über sie hinwegzugehen. Nein, mich dünkt auch
für unser Seelenleben gibt es keine Ewigkeitswerte, und mit dem
Witz des Wortes und des Bildes ändern sich auch seine Ursachen und
Wirkungen; lassen wir diese Frage offen, nur soviel: Weder scheint
mir das Komische in einer Auflösung des Erwarteten begründet, noch
möchte ich mich dem zuwenden, daß das Lustgefühl beim Komischen ein
gemischtes ist, und daß es im Anschwellen, Überheben unseres Ichs
dem Dargestellten gegenüber wurzelt, im Gegensatze zum Erhabenen,
welches ein Verdrängen, Unterdrücken unseres Ichs hervorbringt. Gerade
in der modernen Karikatur sind Momente hinzugetreten, welche meines
Erachtens in keiner Deutung restlos aufgehen, und deren Wirkung auf
mich von keiner der Erklärungen gedeckt wird, nicht von der eines Kant,
Jean Paul, Vischer, noch von der moderner Psychologen, eines Hecker,
Kraepelin, Lipps.
[Illustration: Abb. 7. _Matthieu Oesterreich_: Gesellschaftsstudie
1752. (Verkleinert.)]
* * * * *
Für die Zwitterstellung, welche die Karikatur in der Kunst einnimmt,
indem sie in einer bestimmten Absicht geschaffen wird und vielfach
Dinge gibt, die eigentlich in das Gebiet des gesprochenen Wortes
fallen, die Grenzen der bildlichen Darstellung verschieben und
überschreiten, -- für diese eigentümliche Stellung scheint es mir
nicht ohne Belang, daß viele Schriftsteller -- Künstler des Wortes
-- bis in die modernste Zeit, bis auf Johannes Schlafs »geschundenen
Pegasus«, den Hang zur bildlichen Karikatur gezeigt haben, und daß
wirklich oftmals hier eine starke Begabung mit der litterarischen Hand
in Hand ging. Die Schöpfungen sind meist nicht reif genug, um hier
Raum zu finden; selbst die bekannten Karikaturen Schillers »Abenteuer
des neuen Telemachs« sind zu dilettantisch, um ernst beurteilt zu
werden. Eigenartig, bizarr, von leichter Hand, zeigt sich vor allem
nur Theodor Amadeus Hoffmann, in dem sicherlich das Zeug zu einem
der merkwürdigsten Karikaturenzeichner des beginnenden neunzehnten
Jahrhunderts gesteckt hat. Seine phantastischen Gestalten, -- wie die
des wahnsinnigen Kreislers, -- sind Ausgeburten krankhafter Phantasie,
Bilder eines zweiten Gesichts, grause Spukgestalten von satanischem
Humor, wie sie schreckhaft starre Augen in Fieberträumen zu sehen
wähnen. Gerade diese Note, welche wir z. B. in dem Spanier Goya, bei
Jacques Callot und in dem Belgier Félicien Rops wiederfinden, ist bis
heute der deutschen Karikatur fast vollends fremd geblieben, und doch
möchte auch sie bei uns einer eigenen Entwickelung fähig sein.
[Illustration: Abb. 8. _Spottbild auf die Gallsche Schädellehre._
Um 1800.]
* * * * *
Wir haben zu unterscheiden zwischen humoristischer und
karikaturistischer Zeichnung. Die erste schafft tendenzlos, nur die
eine Absicht kennend, uns ihr Lachen mitzuteilen. Sie will nicht
beleuchten, aufreizen oder beruhigen, wandeln oder bessern, das
Ethische tritt vollends hinter dem Ästhetischen zurück; sie treibt
ein zweckloses, frei-künstlerisches Spiel mit den Dingen und will
uns nur ihre Weltanschauung vermitteln, eben jene, welche man Humor
nennt. Friedrich Theodor Vischer sagt vom Humor: Als poetische
Thätigkeit bringt er ein Ganzes aus sich heraus, ein Kunstwerk, das
von ihm durchdrungen ist, -- und geistvoll trifft Vischer ferner seine
Eigenheiten: »Der unendliche Widerspruch von Höhe und Niedrigkeit in
der Menschenwelt, die rührend-komische Wahrheit, daß der große Mensch
so klein, dieses weisheitsvollste Wesen so kindisch, schildert er
erfinderisch in den individuellsten Kollisionen, aber immer (?) mild
und mit Liebe. Der Humor ist voll Unschuld, aber es ist nicht die
einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere
Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewußtsein hindurchgegangen
ist, und sich wieder mit ihrem Gott versöhnt hat. Diesen Kampf, die
Erfahrung des Abfalls vom Unendlichen, die Erkenntnis des Bösen, die
Zerstörung der jugendlich schönen Illusionen setzt der Humor allerdings
voraus.« Uns muß diese Auslassung um so wichtiger erscheinen, weil
sie aus dem Jahre 1837 von dem Gleichen stammt, der im Jahre 1880 in
Verkennung gerade dieser, hier so scharfsinnig gedeuteten Thatsachen,
Wilhelm Busch Pornographie vorwarf. -- Die humoristische Zeichnung ist
es vorzüglich, welche der steten Wandlung und Umgestaltung unterworfen
ist, und welche am reinsten deutsche Eigenart ausspricht; sie hat
bei uns die höchste künstlerische Form erreicht, im Gegensatz zu
Frankreich, wo sich seit Mitte des Jahrhunderts besonders soziale und
politische Karikatur in unerreichter Kraft und Vollkommenheit auslebt.
[Illustration: Abb. 9. _Daniel Hildebrandt_ (_Daniel Heß_): Der
Scharringelhof, Blatt 5. 1801. (Verkleinert.)]
Die soziale Karikatur, welche erst ganz neuerdings in Deutschland
mit dem klaren Bewußtsein des Klassenkampfes hervortrat, ist ein
Bindeglied zwischen humoristischer Zeichnung und der mit politischer
Tendenz, oder sie ist vielleicht nur als eine neue, vornehmere Form
der letzten zu betrachten. Sie ordnet die agitatorischen Intentionen
den künstlerischen unter, und gerade sie schafft die intimen, für
unsere Zeit eigentümlichen Kunstwerke, während der politischen
Karikatur niemand intime Wirkungen nachsagen kann. Vischer bezeichnet
die politische Karikatur in seiner Arbeit über satirische Zeichnung
als »gemischte Kunst«, und, als fürchte er einen Zusammenstoß seiner
Ästhetik mit dem Leben, setzt er hinzu: »Hat man nur erst gründlich
eingesehen, daß die Kunst mit Tendenz keine reine ist, so kann man
ihr ohne Scheu, mit voller Überzeugung, ihr großes, geschichtliches
Recht wiedergeben«. Die Erörterung, welche sich hieran knüpfen müßte,
ist müßig, manche der beigegebenen Illustrationen werden zeigen, daß
Kunstwert und Tendenz restlos ineinander aufgehen können, und daß
in keiner Weise politische Karikatur, nur weil sie handelnd in das
öffentliche Leben eingreift, eine subalterne Kunstübung ist; so wenig
wie das Schaffen eines Schrankes nun eine niedere Bethätigung wäre,
weil dieser Gegenstand neben ästhetischem Genügen noch praktischen
Zwecken dient. Jedenfalls hat die politische Karikatur so, wie sie
eine eigene Stelle im Leben einnimmt, auch eigene Gesetze in der
künstlerischen Wirkung. Eduard Fuchs versucht in seinem »1848 in
der Karikatur« die Rolle, welche diese in den politischen Wirren
als Kampfmittel gespielt hat, zu schildern: doch ist es schwer und
unmöglich, zahlengemäß die Richtigkeit der Ausführungen zu belegen.
Besser wären diese Untersuchungen bei der Dreyfußaffaire angebracht
gewesen, wo man einmal in Frankreich von Tag zu Tag den Einfluß der
führenden Zeichner: Forain, Caran d'Ache, Ibels, Léandre u. s. f. im
Psst...!, Sifflet, Rire -- auf die Stimmung der Massen hätte erkennen
können. Die neuen Arbeiten Grand-Carterets streifen ähnliche Probleme.
Eine im Wesen des politischen Bildes begründete Eigenheit ist es,
daß sie fast stets auf Seite der Opposition, des Schwächeren, des
Unterliegenden steht. Die deutschen Karikaturen, z. B. im Krieg 1870,
sind geringfügig, in minderer Anzahl und ohne Stachel, während die
Franzosen -- als Besiegte -- ihrer bittersten Spottlust alle Zügel
schießen lassen und eine Unzahl Blätter von gewaltiger, wuchtiger
Kraft geschaffen haben, -- jedes ein aufstachelndes Kriegslied,
flammend, voller Hohn und Verachtung. So wird die politische Karikatur
ihren Höhepunkt stets in den Zeiten politischer Erregtheit haben, in
ruhigeren wird sie dann wieder ebben, verflachen, um plötzlich wie eine
Springwelle von neuem emporzuschnellen. Und schon diese Linie zeigt
ihre Stellung im Streite der Mächte und Meinungen, ihre Wichtigkeit
als Kampfmittel. Man könnte sie die ~Biblia pauperum~ des öffentlichen
Lebens nennen. Wie sich die Armenbibel an die wandte, denen das
geschriebene, gedruckte Wort kein Leben gewann, um zu ihnen mit der
stärkeren Suggestion des bildlichen Eindrucks zu sprechen, so wendet
sich die politische Karikatur -- vorzüglich die frühere, welche mit
sogenannten »fliegenden Blättern«, »Einblattdrucken« oder mit Plakaten
das Land überschwemmte -- agitatorisch an die breitesten Massen derer,
welche nicht scharfsinnig den Bewegungen zu folgen verstehen. Und
selbst denen, welche im politischen Leben stehen, will sie, wie in
einer Anmerkung, einer glossierenden Fußnote zur Zeitgeschichte, noch
einmal in schlagender Weise das vorführen, was hier das Springende
ist. Kurz und klar will sie den Sinn erfassen, knapp und scharf ihn
zum Ausdruck bringen. Sie will nicht mit uns unterhandeln, uns mit
Gründen der Vernunft etwas beweisen, sondern sie will uns blenden,
uns überzeugen, ehe wir nachdenken können. Der große Nutzen dieser
Kunstübung also ist es, daß sie mit scheinbarem Spiel den indifferenten
Massen eine starke Anteilnahme am öffentlichen Leben erhält. Ohne
unsere satirisch-politischen Witzblätter würden sich die Leiter der
Politik kaum heute einer solchen Volkstümlichkeit erfreuen.
[Illustration: Abb. 10. _D. Chodowiecki_: Liberté, Égalité,
Sansculotte.]
[Illustration: Abb. 11. _Daniel Chodowiecki_: Wallfahrt nach
Französisch-Buchholz.]
[Illustration: Abb. 12. _D. Chodowiecki_: Phétion, Marat und das
Fischweib.]
[Illustration: Abb. 13. Silhouette zu _Kortums_ »Jobsiade«.]
Die Beleuchtungsart der politischen Karikatur hat etwas vom
elektrischen Scheinwerfer, welcher hier breite Lichtmassen häuft,
um sie gegen tiefschwarze Schatten noch greller wirken zu lassen.
Diese Art der Beleuchtung zwingt die politische Karikatur in ihren
Angriffen scharf und oft ungerecht zu werden, aber das ist eben in
ihrem Wesen und ihren Zielen begründet, und man kann es ihr nicht
zum Vorwurf machen. Das volle Bewußtsein der Ziele und des Wesens
hat der politischen Karikatur in der letzten Zeit, in einem Jüttner,
Feininger, Brandt, in den Franzosen Léandre, Forain einen ganz eigenen
künstlerischen Stil gegeben. Die Zeichner lernen wie Volksredner
Schlagworte münzen, schaffen Bilder, die sie suggestiv uns einprägen;
sie schreiben Lapidarschrift, weisen monumentale Züge auf, schreiten im
Gegensatz zu aller früheren Karikatur zu einer absichtlichen, kräftigen
Einfachheit, Großzügigkeit fort, welche sich trefflich für die
Wichtigkeit ihrer Aufgaben eignet; und die Zeit, in der die politische
Karikatur, -- wie Fuchs sagt, -- »als Kampfmittel unterschätzt, in
ihren Aufgaben verkannt, als Kunstwerk verachtet wurde«, ist heute
vorüber. Gerade die zum Stil gewordene Großzügigkeit zeigt uns, daß
hier Fragen im Spiele sind, die hoch über dem kleinen Leben, über dem
engen Kreise des Einzelnen stehen. Der Ton der politischen Karikatur
klingt jetzt kräftiger und doch vornehmer, wie früher; man bewahrt
einen gewissen Anstand dem Gegner gegenüber, und so witzlose, wüste
-- bildliche und wörtliche -- Schimpfereien, wie sie die Fehden der
Reformationszeit heraufbeschworen, möchte man heute anderen Gebieten
zurechnen. Die Angriffe gegen einzelne Personen sind auch schon heute
in der politischen Karikatur -- im Verhältnis zu 1848, dem eigentlichen
Geburtsjahr der deutschen satirischen und humoristischen Zeichner --
seltener geworden; und selbst dieses bedeutet einen Fortschritt; denn
man hat nicht mehr das bedrängende Gefühl, daß die Leute in ihren
Privatinteressen geschädigt werden, sondern daß, was man in ihnen dem
Spott preisgibt, das ist das, was sie vertreten; sie sind nur die
Schale, nicht der Kern. Die höchste Form der politischen Karikatur
ist die, welche, ohne Persönlichkeiten hineinzuziehen, die Zustände
geißelt; denn sie scheint ~sub specie aeternitatis~ geschaffen.
[Illustration: Abb. 14. _J. H. Ramberg_: Aus »Till Eulenspiegel«.
(Verkleinert.)]
* * * * *
Humoristische und karikaturistische Zeichnung ist in Deutschland
jüngeren Datums; daß wir zuerst einen eigenen Stil dieser Kunstübung
aufweisen können, liegt kaum fünfzig Jahre zurück. Als verachtet hat
sie lange Männer von echter Begabung von sich fern gehalten, und nur
Talente dritten Grades haben sich in ihr bethätigt. Daß die meisten
Einzelblätter politischer Satire namenlos erschienen sind, ist in
der Lage der Dinge begründet; nur selten werden wir die früheren
Zeichner feststellen können, oft ist es auch unmöglich, die Beziehungen
zu ergründen; doch dann werden es meist Anlässe von geringfügigem
Interesse sein, welche wohl der Spezialforschung von Nutzen, aber hier
für uns in keiner Weise fördernd wären.
* * * * *
In der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts finden wir keine
deutsche Karikatur von irgend welcher Wichtigkeit, weder politisch
noch sittengeschichtlich; es scheint überhaupt das Bedürfnis für sie
bei den gebildeten Ständen vollends geschwunden zu sein, und nur die
niederen Formen der Komik mögen beim Volk ihre Freunde finden. Das
politische Leben leidet an der großen Erschlaffung nach schwerer
Krankheit; dem Deutschen ist die Lust am Lachen gründlich abhanden
gekommen, versiegt mit den Quellen seines Spottes, und bis der
deutsche Humor wieder ein eigenes Gewand bekommt, darüber vergehen
weitere hundert Jahre. Solange leben wir fast nur von Anleihen bei den
Nachbarn oder können uns doch nicht zu einem eigenen Stil ermannen.
Der derbe, alte, deutsche Humor, der in den Steinmetzarbeiten des
romanischen und gotischen Kirchenschmucks in tausend Formen seinen
Ausdruck fand, der selbst im Spiel mit dem Grausigen, wie in Holbeins
Totentanz, seine Überkraft offenbart, der in Fischart, in Sebastian
Brandts Narrenschiff, in bösartigen, monströsen Satiren der Reformation
seine Rechte behauptete, der in der alten Sage vom Reinecke Fuchs so
viel Geist und Laune aufwies -- er ist vollends vergessen, und wie er
sich wieder hervorwagt, da ist aus seiner breiten, totschlagfreudigen
Kraft eine armselige Spießbürgerlichkeit geworden, die nicht fähig
ist, herzhaft zu lachen, noch weniger, herzhaft zu hassen. Jedes Band,
das die politische Zerrissenheit verknüpfen konnte, fehlt, und das,
was heute der deutschen Karikatur ihren Reichtum gibt, die Vielheit
der Stämme, die Summe der Centren, welche sich unter einer Einheit
zusammenfindet, stellt uns, solange diese Einheit fehlt, ihre tiefste
Ohnmacht dar. Frankreich hat im Gegensatz zu Deutschland nur eine
geistige Kraftcentrale: Paris, während sich in Deutschland eine Reihe
von Stätten der Kunst und des Wissens entwickelt hat. Jede zeigt hier
ein eigenes Gesicht, und doch werden alle heute von einem gemeinsamen
Band gehalten. In dieser Vielheit ist die Größe und Zukunft deutscher
Kultur zu sehen.
[Illustration: Abb. 15. _Napoleonskarikatur_ 1813.]
[Illustration: Abb. 16. J. M. _Volz_: Das wahre Porträt des Eroberers.
1813.]
Allen politischen Ereignissen des achtzehnten Jahrhunderts gegenüber
zeigt sich in der Karikatur eine merkwürdige Anteillosigkeit;
selbst die Kriege Friedrichs des Großen finden nur ein geringes
Widerspiel, und sogar noch die französische Revolution erreicht
kaum eine eigene Berücksichtigung. Die Almanache bringen fast nur
Nachbildungen englischer und französischer Arbeiten, und »_London
und Paris_«, eine in Weimar erscheinende Publikation, ist naturgemäß
nur mit fremden Blättern, vorzüglich von Gillray, Cruikshank,
Rowlandson ausgestattet. Die Schweizer _Heß_ und _Duncker_ sind die
Hauptkünstler der politischen Zeichnung der Revolutionszeit. _David
Heß_ (1770-1843) steht im Stil ganz unter dem Einfluß der Engländer
und hat selbst später an der Manier seiner Jugend festgehalten; und
doch muß man ihn zu den befähigtsten deutschen Zeichnern der Epoche
zählen. Die »_Hollandia Regenerata_« (London 1799) befaßt sich mit der
Verspottung der französischen Revolution und ihrer Errungenschaften.
Sie ist von dem giftigen Witz, jener uns abstoßenden Gefühlsroheit,
die auch noch der politischen Karikatur im napoleonischen Zeitalter
eigen ist; aber gerade durch ihre scharfe Gehässigkeit, durch Wut
und Verachtung wirken diese Blätter noch heute auf uns, besonders da
sie auch zeichnerisch nicht uninteressant sind und den Engländern
das manierierte, ausdrucksvolle Mienenspiel, die übertriebene
Bewegung und das Dramatische des Vorganges gut abgelauscht haben.
Diese Blätter sind verkleinert den deutschen Revolutionsalmanachen
in Stichen von _Schubert_ und _Riepenhausen_ beigegeben und hier mit
langen Erklärungen ~ad usum Delphini~ des deutschen Kleinbürgers
zugeschnitten worden. In den Almanachen verstreut finden wir hie und
da Karikaturistisches, doch wie mager diese Ernte ausfällt, zeigen am
besten »Falks Taschenbücher für Freunde des Scherzes und der Satire«,
die alles in allem herzlich matt sind. In Berlin sind es Funke und
Niegelsohn, die hin und wieder ein Blatt gegen die Revolution nach
englischen Vorbildern auf den Markt bringen. Während in der Litteratur
der englische Roman, das französische Lustspiel bald verdrängt wurden,
ist gerade in unserem Feld nur Nachahmung zu finden; oder die eigenen
Erzeugnisse sind von so plumper Form, so handwerksmäßiger Mache,
daß es sich kaum lohnt, auf sie hinzuweisen. Und doch lebt unter
der Jahrmarktsware, den Neujahrswünschen (Abb. 2), den Blättern mit
Ermahnungen, mit symbolischer Darstellung der Laster, der Kleinen wie
der Großen, der Moden wie der Sitten, noch etwas wie ein Rest der alten
Kraft. Künstlerisch bieten sie uns heute nichts mehr, und besonderen
Witz können wir ihnen nicht nachsagen, und doch ist ein Etwas an ihnen,
eine Unbefangenheit, die uns gewinnt. -- Ein häufiges Motiv ist der
arme Podagräer, der schon von Dürer und Hans Sachs her immer wieder
daran glauben muß. Alles verhöhnt den alten Sünder, und gibt er seiner
schlimmen Laune Worte, erscheint er erst recht jämmerlich und willenlos.
[Illustration: Abb. 17. Wellington und Napoleon I. 1814. Nach
_Cruikshank_.]
Mich ärgert jetzt vor Schmerz die Fliege an der Wand,
Und da ich fressen will, bin ich es nicht im Stand'.
[Illustration: Abb. 18. _J. M. Volz_: »Da habe ich einen netten Bock
geschossen.« (Verkleinert.)]
[Illustration: Abb. 19. _Napoleonskarikatur von 1815._]
Einen weiteren Grund zur Heiterkeit geben altmodische Typen von
Ärzten, gelahrten Herren, Bramarbassen, deren Kleidung und Gebaren,
deren originell ernste, aufgeblasene Wichtigkeit den Spott weckt. Man
schafft Gestalten, wie den Horribilescribifax oder den »achtbaren
und übernatürlich studierten Herrn Vergilius Physicgangius von
Grillenberg«, der in sehr »tiefen Spekulationen und Meditationen
wohlbedächtig und gemächlich die Straße betritt«. Diese Blätter stammen
meistenteils aus Augsburger Offizinen. Oder wir bewundern in der
Sammlung »_Nürnberger Schimpfwörter_« (Nürnberg um 1790) den großen
Reichtum an fraglichen Schmeichelworten, mit denen der lebhafte Franke
seinen Mitmenschen zu bedenken liebt. Die Figürchen (Abb. 3, 4, 5)
sind, wenn auch künstlerisch wertlos, so doch ganz lustig und geschickt
ersonnen und geben gut und klar das Gewollte. Ganze Bilderfolgen
erzählen von den Übelständen, die daraus erwachsen, wenn alte Männer
junge Frauen, oder wenn umgekehrt junge Männer sich mit alten Frauen
ehelich verbinden. Wie bescheiden dieser Witz! Bescheiden, wie die
Ansprüche des damaligen Lustspiels, und sicherlich hat das Lustspiel
hier Pate gestanden. Das beigegebene Blatt (Abb. 6) stammt aus dem
Beginn des neunzehnten Jahrhunderts und zeigt deutlich französischen
Einfluß. Es ist farbig, handkoloriert in zarten Tönen, in allem ein
treffliches Charakteristikum der Zeit. Das Verhältnis der Menschen zur
Landschaft -- den Horizont in Höhe der Kniee -- kann nur die Bühne
gegeben haben: Schauspieler, die vor einer Kulisse stehen. Die Köpfe
sind klein, die Körper überschlank und wie zugespitzt nach unten hin.
Jede Stellung hat etwas Bewußtes, Ausgeprobtes, und gar der Amant
mit den zu kurzen Armen und dem Tanzmaîtreschritt ist vollends der
jugendliche Liebhaber jener Zeit. Diese ganze gezierte Theatergrazie
wirkt doch in ihren einfachen, geraden Linien, ihrer steifen Koketterie
ungemein zart und gefällig. Andere Blätter zeigen den Tod des Herrn
Kredit, wieder andere kehren sich gegen die Verderblichkeit des
Lottospiels, aber besonders zahlreich sind doch die, welche sich
gegen die neue Reifrock-Methode und die neue Haarfrisur, die Toupets,
wenden. Allen ist das gemein, daß sie das Bildliche durch langatmige,
eingehende Erklärungen unterstützen, und dadurch wird das Beste den
Blättern genommen: ihre Wirkung durch sich selbst. Auch in Almanachen
werden die Karikaturen mit breiter Geschwätzigkeit übergossen, und da
sie vielfach noch an einer Überlastung mit Figuren leiden, von denen
jede ihre Bedeutung haben soll, wirken sie durch dies Vielzuviel heute
zerrissen und unerfreulich. In _Lavaters_ »_Physiognomik_« findet die
Karikatur reichlich Berücksichtigung. Ja, jene Art, sich aus Tierköpfen
durch langsame Umformung Menschengesichter von bestimmtem Charakter zu
konstruieren, hat sich bis heute in den deutschen Witzblättern als ein
unschuldiges, humorloses Spiel mit den Formen bewahrt. Lavater stellte
Regeln für die Karikatur auf und wandte sich besonders gegen die
Künstler im Sinne Hogarths, welche von _dem_ eine Karikatur schufen,
was in der Natur schon Karikatur war. Ihm scheint die Karikatur als
das Widerspiel des Häßlichen im Schönen, so z. B. sieht er sie in
einer hervorragenden, unförmigen Nase in einem sonst edlen Gesicht;
die Auffassung seiner Zeit mag hierin ausgesprochen sein (stellt
doch François Grose in seinen ~Principes de caricature~ [Leipzig
ohne Jahr] sogar wissenschaftlich in Tafeln auf, wie man Karikaturen
zeichnen müßte, indem er in Kreise, Kreisbogen, Dreiecke Gesichter
mit verdrehten, verdrückten Gesichtsteilen, mit schiefen Augen,
übermäßigern Mäulern einzwängt und so nur eine Deformation erreicht,
die uns mehr peinlich und bedrängend, als lächerlich erscheint) -- mit
unseren heutigen Begriffen deckt sich das keinesfalls. Auch die Fragen
der Wissenschaft regen nur wenig die Spottlust der Zeichner an. Nur
die Lavatersche Physiognomik und später die _Gall_sche _Schädellehre_
sind es, die hier heftige Angriffe erfahren. War es Lichtenberg,
der Lavaters überschätzte Theorien zusammenstürzen ließ, so ist es
vorzüglich zeichnerische Karikatur, welche sich energisch gegen die
schwindelhafte Ausbeutung der Gallschen Lehre auflehnte. Unsere
Abb. 8 zeigt Gall auf der Bühne erklärend; die Eintretenden haben
ihren Eintritt teuer genug an den Schädelkassen erkaufen müssen. Der
Freimütige rührt die Trommel der Reklame, der Harlekin schwingt das
Panier des neuen Jahrhunderts und weist auf den Gelehrten.
[Illustration: Abb. 20. _J. M. Volz_: Spottbild auf den russischen
Feldzug.]
Nicht einmal das so reiche litterarische Leben, welches in
Travestien, Parodien, Litteraturkomödien sein Gegenspiel findet,
erweckt die Karikatur; selbst der Xenienkampf bietet nur ein Blatt
von Bedeutung. Es ist den »_Trogalien zur Verdauung der Xenien von
Christian Fürchtegott Fulda_« beigegeben und stellt einen Zug von
Narren und Gesindel dar, welcher an den Thoren Jenas Einlaß begehrt.
Schiller mit Hetzpeitsche und Flasche klammert sich an den Schwanz
des Satyr-Goethe, der gehörnt, bocksfüßig, einen Ring mit dem Wort
»Tierkreis« in die Höhe hält (s. Flögel »Atlas der grotesken Komik«).
Auch einen anderen Punkt greift die Karikatur jener Zeit häufig an:
es ist das übertriebene, reich und vielfach ausgebildete Ceremoniell
des gesellschaftlichen Umgangs, das sich von Frankreich aus den Höfen,
von den Höfen den bürgerlichen Kreisen mitteilte. Ein Ceremoniell, das
dem Deutschen im Wesen vollends widersprach, und das er doch überaus
gelehrig, wie stets, aufnahm und weiterbildete. Ein Ceremoniell,
welches das Schmeichler- und Schmarotzerwesen förderte, und die
Offenheit zur Lüge umschuf. Der »_Scharringelhof_« (1801) hat den
Schweizer Zeichner _David Heß_ zum Urheber, der sich hier unter dem
Pseudonym Daniel Hildebrandt verbirgt (Abb. 9). Es zeigt den Abschied
zweier ältlicher Herren, die vor Höflichkeit und Unterwürfigkeit
voreinander ersterben. Der Witz, daß der Fortgehende bei der sechsten
Position über die vor ihm liegenden Steine stürzt, ist nicht überaus
geistvoll, aber er erscheint auch nebensächlich gegenüber der feinen
Zeichnung der Typen und der witzigen Schärfe, mit der hier eine
Modethorheit gegeißelt wird. Der Spötter Lichtenberg ist es auch
besonders, der diese Rückenbeuger und Komplimentenmacher aufs Korn
nimmt; und seine aphoristischen Studien »Bemerkungen vermischten
Inhalts« bieten manche Parallele zum Scharringelhof.
[Illustration: Abb. 21. _Gottfr. Schadow_: Spottbild auf die Entsetzung
Berlins. 1813.]
Welch ein Mangel, trotz Chodowiecki, an jeder sittengeschichtlichen
Darstellung war, zeigt uns der Beifall, den _Hogarth_ in Deutschland
fand und der durch die Erklärungen eben jenes kleinen, witzigen
Physikers, des vorzüglichen Kenners englischer Zustände, _Georg
Christoph Lichtenberg_, noch erhöht wurde. Und doch erscheinen uns
diese Ausführungen (Göttingen 1794), so scharf und geistvoll sie
immer sein mögen, von jenem Witz, der ein jonglierendes Spiel mit
Worten und Begriffen treibt und oft Lehren hineingeheimnist, zu
Betrachtungen überleitet, welche sicher dem bildenden Künstler fern
lagen. Aber außerordentlich treffend sind doch manche Bemerkungen, so
z. B. wenn Lichtenberg in der Erklärung des dritten Stiches aus dem
»Wege des Liederlichen«, des Blattes, das das äußerste an Völlerei,
Bezechtheit und Sittenlosigkeit wiedergibt, ganz beiläufig bemerkt:
»Dieses Blatt mögen diejenigen beherzigen, welche das Landleben nur
aus Schäfergedichten kennen.« Und in einen knappen Satz preßt er den
Hauptunterschied zwischen dem hastigen Zusammenströmen in London
und der kleinen deutschen Stadt des achtzehnten Jahrhunderts: »Mit
Geld läßt sich in London aus jedem Zimmer alles machen, Bibliothek,
Bildergalerie, Museum oder Harem -- und das in kurzer Zeit.« Wir
vermögen heute in Hogarth kaum noch das Karikaturistische zu erkennen;
wir bewundern den Sittenschilderer, der eine ganze Zeit mit ihren
Lastern heraufbeschwört, der in starker Charakteristik die Typen
auseinander hält, staunen über seine eingehende Kennerschaft der
menschlichen Unzulänglichkeiten, wenn wir uns auch nicht enthalten
können, die Gesten oder Affekte oft schauspielerisch zu finden; aber
bei Lob oder Tadel scheint uns im letzten Grunde immer wieder und
wieder doch das Moralisierende allzu hervorstehend, und das Gefühl der
Heiterkeit oder der lächelnden Befriedigung wird unser nicht Herr.
[Illustration: Abb. 22. _Gottfr. Schadow_: Klage der Napoleonsfreunde
nach seiner Gefangennahme.]
Aber dieses Gefühl wird unser Herr bei einem deutschen Künstler, der
uns aus dem Leben des Berliner Bürgers des achtzehnten Jahrhunderts --
des Jahrhunderts der Originale, der verschrobenen, verknöcherten Käuze,
der Freigeister und Schwärmer -- feine Züge bewahrt hat, die, ohne
im Sinne oder in der Darstellung gerade karikaturistisch, ja selbst
absichtlich humoristisch zu sein, uns zugleich traulich und lächerlich
erscheinen. Traulich -- weil es etwas in sich birgt, das einmal unser
war, und das uns das brausende Durcheinander der Moderne täglich
mehr und mehr entreißt, so sehr wir es auch zurückerstreben: das
ruhige Leben der Familie, die saubere, würdevolle Wohlanständigkeit,
auch alltags jene seltene Sonntagsnachmittagsstimmung, in deren
feierlich-engem Kreis gemach die lauten Wünsche entschlafen;
lächerlich -- weil es tausend unnötige Gewohnheiten züchtet,
Phlegma, Selbstüberhebung, Beschränktheit, Philistertum, Weißbier
und Kannegießerei fördert, weil es die Frauen zu raffinierter
Bestienfütterung, die Töchter zu Klaviergeklimper und Männerfang
anhält, weil es der Indifferenz in jedem Sinne Vorschub leistet und
oftmals Menschen hervorbringt, von denen man nichts sagen kann, als von
jenem Greis in Gellerts Fabel: »Er lebte, nahm ein Weib und starb.«
[Illustration: Abb. 23. _Alexander Orlowski_: Modekarikatur.
(Handzeichnungskabinett der Berliner Nationalgalerie.)]
[Illustration: Abb. 24. _Alex. Orlowski_: Modekarikatur.]
Ja, und wenn dieses Künstlers Werk auch nicht einmal im eigentlichen
Sinne humoristisch ist, wenn er bei aller Vornehmheit und Delikatesse
doch stets kühl und ein wenig nüchtern bleibt -- nüchtern wie das
verstandesklare Preußentum --, so hat er doch die erste Vorbedingung
des norddeutschen Humors: die Freude am Heim; bei aller Steifheit der
äußeren Form: die seßhafte, verweilende Gemütlichkeit; ein behäbiges
Betrachten, eine angewandte, klare, erkennende Philosophie, welche
das einfache Leben liebt in allen seinen Äußerungen und sich in ihm
einrichtet, so gut es geht. Steif und ruhig, verständig; eine kleine
Freude am Witz, ein wenig spöttisch, wohl auch rührselig, wie es die
Zeit mit sich brachte; im Wesen stark beeinflußt durch die Führer
auf litterarischem Gebiet; begabt mit feinem, scharfem Blick für das
Charakteristische und voll Liebe und Können, voll Geschmack und Anmut;
ausgestattet mit einem außerordentlich malerischen Sinn, der sich in
der Lichtverteilung seiner Kompositionen ausspricht -- das ist _Daniel
Chodowiecki_. Er, der ruhige Realist, ist der einzige, der alle intimen
Dinge seiner Zeit uns bewahrt, in dessen kleinen, winzigen Blättchen
-- er schuf meist Illustrationen zu Almanachen -- sich ein gut Teil
vom Berlin der Fridericianischen Zeit krystallisierte. Trotz seiner
Danziger Herkunft ist Chodowiecki einer der wenigen, spezifisch
berlinischen Künstler, in allem -- auch in seinem unglaublichen Fleiß,
wie in seiner verstandesmäßigen Kälte; und was er versuchte: die
Lebenswerte, das Kolorit der Stadt, ihrer Bewohner, ihr Zusammenleben
in der Familie, wie in öffentlichen Bethätigungen auf der Straße, bei
Volksfesten -- all das künstlerisch mit einem Anflug von Ironie zu
verarbeiten, das zu bewältigen ist immer wieder das Streben einzelner,
bis herab auf Hans Baluschek, gewesen. Und gerade jener Anflug von
Ironie, der sich bei den wachsenden sozialen Gegensätzen jetzt bis
zum bitteren Sarkasmus gesteigert hat, wird auch immer wieder, wie
von selbst, mit in die Betrachtung einfließen müssen; so daß das
Wenige, was wir als typisch berlinische Kunst bezeichnen möchten,
meist mit der Karikatur im engen Zusammenhange steht. Chodowieckis
Wallfahrt nach »Französisch-Buchholz« (Abb. 11) zeigt mit der
übermäßigen Anhäufung eßbarer Gegenstände, mit dem armen, überlasteten
Eselchen, das nach Busch-Manier seinem Mißfallen Ausdruck gibt, mit
den glückseligen, erwartenden Blicken, welche alle Eselreiter auf den
behangenen Bratspieß der Karawanenführerin werfen, deutlich, daß hier
die Futterkobersucht, in die sich die Naturliebe des Berliners schon
damals umgesetzt hatte, zur Zielscheibe des Spottes gemacht ist.
[Illustration: Abb. 25. _Gottfr. Schadow_: Klatschbasen. (Sammlung
Raczinski.)]
Während der Witz meist eine Handlung in sich einschließt, ist der
Humor verweilend, stellt einen Zustand dar. Chodowiecki ist Humorist,
und so sind es vorzüglich Gruppen, Straßentypen, kleine, bespöttelte
Eigenheiten seiner Mitmenschen, die er -- dem didaktischen Zug seiner
Zeit folgend -- aufs Korn nimmt. Eine der reizendsten Schilderungen,
die wir überhaupt vom Bürgerleben des achtzehnten Jahrhunderts
überkommen haben, ist die Reise nach Danzig; Skizzen, welche
Chodowiecki gelegentlich eines Besuches bei seiner Mutter sammelte und
später einer Überarbeitung unterzog. Mit verweilendem, behäbigem Humor
werden uns hier kleine Alltagserlebnisse erzählt, in liebenswürdiger
Redseligkeit. Aber auch in der Travestie des Götterwesens und der
Antike, in den Blättchen, die der Stecher zu Blumauers Änëide
geschaffen, zeigt er sich geistvoll und witzig, mehr als der
Schriftsteller. Wie er den Zeus als alten Herrn mit Schlafhaube,
die anderen je nach Würde in mehr oder minder ehrbaren Alltagstypen
gibt, wie sich, statt der Trojaner, Berliner mit Waffelbäckern und
Schornsteinfegerjungen (sie vertreten die späteren Schusterlehrlinge)
um das große Pferd drängen, das ist noch heute von unmittelbarer
Wirkung, trotzdem wir nun nachgerade genug Travestien in Wort, Bild, ja
sogar in Opern über uns haben ergehen lassen müssen; aber daß selbst
die unsterblichen Götter der Abwandlung und Degeneration unterliegen
können, dieser Gedanke wird immer wieder fruchtbar sein, er gehört mit
zum eisernen Bestand des deutschen Humors. In ihm eint sich Mitleid und
Schadenfreude, in ihm fühlt man sich behaglich; denn der Humor erkennt
nicht gern Dinge an, die über ihm sind.
[Illustration: Abb. 26. _Spottbild auf sächsische Soldaten aus der
Napoleonszeit._ Farbiger Kupferstich.]
Dramatisch Bewegtes zu schaffen, lag nicht in Chodowieckis Naturell,
ebensowenig war ihm der scharfe Spott gegeben, und so ist die
politische Karikatur nur selten und mit wenig Glück von ihm gepflegt
worden. Zwei Blättchen gegen die französische Revolution sind
ohne jeden Stachel, und recht unschuldige Scherze: »Pétion Marat
und das Fischweib« (Abb. 12) und »Liberté, Égalité, Sansculotte«
(Abb. 10). Das erste persifliert nicht ungeschickt die stolzen
Römerattitüden der Revolutionsmänner, das zweite soll die bösen
Früchte der Freiheit und Gleichheit darstellen und zeigt, wie ein
nacktbeiniger Schornsteinfegerjunge mit einem Fräulein der besseren
Gesellschaft schön thut, welche gerade ausholt, um sich thatkräftig
den Zudringlichen vom Leibe zu halten. Weder das eine, noch das
andere trifft den Kern der Sache. Die politische Karikatur konnte
damals nicht in Deutschland, und am wenigsten in der Anschauung und
ruhigen Lebenssphäre dieses Künstlers ihren Boden finden. Gerade
seine Stellung und sein Urteil über Hogarth zeigen, daß er es seiner
Schule -- denn Hogarths Einfluß auf die englischen Karikaturisten ist
unleugbar -- überlassen mußte, dieses Gebiet zu pflegen. Außerdem war
Chodowiecki zur Zeit, als die Ereignisse der Nachbarländer auch für
Deutschland bodenbereitend für die politische Karikatur hätten wirken
müssen, zu alt, um sich in diese neuen Aufgaben schicken zu können. In
wieweit im einzelnen die Litteratur auf die Karikatur im achtzehnten
Jahrhundert Einfluß geübt hat, kann hier nicht berührt werden; gerade
in der Figur des Chodowiecki begegnen sich aber die litterarischen
Strömungen und einen sich.
Ludwig Kaemerer charakterisiert dies Zusammenspiel in der Monographie
des Künstlers (Velhagen & Klasing 1897): »Obzwar Chodowiecki in
manchen Zügen Wahlverwandtschaft mit dem Dichter der Minna von
Barnhelm verbindet, der gleich ihm das deutsche Bürgerleben für die
Kunst entdeckt hat, wäre es doch verwegen, ihn etwa den Lessing
der Malerei zu nennen. Wohl aber spüren wir in seinem Wesen und
seiner Auffassung der Dinge, die um ihn her geschehen, etwas von
der kindlichen Naivität des Wandsbecker Boten Claudius, dem Witz
Hippels, der Innigkeit Pestalozzis, der Satire Lichtenbergs, etwas von
Matthissons Sentimentalität, Ifflands theatralischem Geschick, Nicolais
und Engels Nüchternheit, Seumes männlicher Art -- und all das nicht
in widerspruchsvollem Nebeneinander, wie etwa bei Lavater, sondern in
ausgeglichener Mischung als Ausdruck einer anpassungsfähigen und doch
kernhaften Natur.«
[Illustration: Abb. 27. _J. M. Volz_: Der Antizeitgeist. Nürnberg 1819.]
Es scheint verfrüht, wenn wir hier schon _J. Heinrich Ramberg_ (1763
bis 1840) erwähnen, aber seine Kunst zeigt ihn von solch einer
eklektischen Vielseitigkeit, einer so glatten Rokokoliebenswürdigkeit,
einer so hofmännischen Grazie, daß wir ihn ruhig in das achtzehnte
Jahrhundert hineinzwängen wollen, als einen letzten Ausläufer
eines, wenn auch oberflächlichen, so doch schönheitsfreudigen und
leichtsinnigen Kunstregimes. Ramberg lebte als Hofmaler in Hannover, er
zeigte auch auf dem Gebiet der Karikatur eine fruchtbare Thätigkeit.
Neben politischen Blättern ist ein Reinecke Fuchs zu erwähnen, und
besonders ein »Till Eulenspiegel«. Abb. 14 mit den gedrungenen,
ausdrucksvollen Typen verrät ein fleißiges Studium der Holländer.
Wie wir überhaupt dem Einfluß von Brouwer, Steen, Ostade noch häufig
begegnen werden. Der prächtige derbe Humor der alten Holländer findet
sich in ähnlicher, verwandter Form beim Niederdeutschen wieder.
Ja, weist doch Busch in seiner Selbstbiographie (neue Ausgabe »vor
Pater Filucius«) darauf hin, daß diese Künstler seine Lieblinge und
unerreichbare Vorbilder wären.
Von allen humoristischen Werken hat nur eines seinen Einfluß bis in
unsere Tage erstreckt.
Hier sitz' ich auf dem Meilenstein
Und schaue froh verwundert,
Wie du auf deinem Rößlein fein
Hertrabst durch das Jahrhundert.
So begrüßt Wilhelm Busch _Karl Arnold Kortum_, welcher die Batzen in
Buschs alten Deckel werfen muß. Schon ist er vorüber. --
Es sitzt so stramm der Reiter,
Wie lustig wackelt ihm der Zopf --
Zack, zack, so geht es weiter.