In den Bovidae erreicht die Ordnung der Artiodactyla ihre höchste
Entwickelung. In fast allen Punkten können sie eine extremere
Ausbildung erreichen als die primitiver gebliebenen Cervidae.
Ihre Zahnformel ist (0 · 0 · 3 · 3)/(3 · 1 · 3 · 3). Die Backzähne
sind zwar oft noch brachyodont, werden aber in vielen Gruppen
ausgezeichnet säulenförmig. Ihre Krone ist an der Basis meist nicht
breiter als oben, die Oberfläche des Schmelzes ist gewöhnlich glatt;
Basalwärzchen zeigen sich nur noch selten. Die Halbmonde zeigen
Neigung mit ihren Enden zu verschmelzen. An den oberen P ist stets
ein äusserer und ein innerer Halbmond wohl entwickelt, an den unteren
sehr kräftige Innenfalten. Obere C sind nur ganz ausnahmsweise noch
in rudimentärem Zustande vorhanden. Thränengruben und Gesichtslücken
kommen am Schädel manchmal vor. Stets sind die Männchen mit Hörnern
versehen, meist auch die Weibchen. Die Hornzapfen sind fast stets
einfach, oft hohl und stehen dann mit Stirnhöhlen in Verbindung, die
mitunter eine sehr grosse Ausdehnung haben. Während ursprünglich die
Hörner sehr nahe bei einander, in nächster Nähe der Augenhöhlen, fast
parallel zu einander, aufrecht auf dem Schädeldach stehen, können sie
immer weiter nach hinten und weiter aus einander rücken, bis sie bei
den extremsten Formen (Fig. 1030) weit entfernt von der Mittellinie
sowie von den Augen entspringen, und in fast wagerechter Richtung
aus einander streben. Im Zusammenhange damit vergrössern sich die
Frontalia in ganz ausserordentlichem Masse auf Kosten der Parietalia
und können Dimensionen annehmen, wie sie nicht entfernt in irgend einer
anderen Säugethiergruppe erreicht werden. Die mittleren Metapodien
sind stets verschmolzen, von den äusseren Zehen sind nur selten noch
Rudimente vorhanden. Die ältesten Bovidae sind Antilopen, die sich im
oberen Miocän von Europa und Indien finden. Im unteren Pliocän von
Südeuropa und Indien sind Bovidae sehr reich entwickelt und haben in
der Gegenwart wohl ihre höchste Blüthe erreicht, was Mannigfaltigkeit
der Formen, Zahl der Arten und Individuen, sowie Körpergrösse betrifft.
Weitaus die Mehrzahl der lebenden Hufthiere gehört hierher. Es ist
eine durchaus altweltliche Gruppe, die erst in jüngster Zeit in
ganz vereinzelten Arten nach Nordamerika gelangte, während sie bis
Südamerika niemals kamen.
Unter der ausserordentlichen Fülle mannigfacher Bovidenformen lassen
sich eine Anzahl von natürlichen Gruppen aufstellen, die aber
keineswegs sehr scharf von einander geschieden werden können, sondern
durch mancherlei Uebergangsformen z. Th. aufs innigste mit einander
verknüpft sind. Sie sind hauptsächlich zu unterscheiden durch die
Ausbildung der Frontalia, sowie durch den Bau, die Gestalt und Stellung
der Hornzapfen.
I. Hörner schlank, meist wenig divergirend, steil auf dem Schädeldach
stehend, meist von rundlichem Querschnitt.
Antilopen.
A. Kleine Stirnhöhlen; Hornzapfen dicht, auf dem Orbitalrande
stehend.
a. Hornzapfen nicht spiralig gedreht.
1. Gazellinae.
b. Hornzapfen spiralig gedreht, mit einer Kante.
2. Strepsicerinae.
B. Grosse Stirnhöhlen; Hornzapfen hohl.
a. Hörner von mässiger Grösse, entspringen nahe bei einander,
zwischen oder dicht hinter den Augen.
3. Traginae.
b. Hörner lang, entspringen meist nahe bei einander, dicht hinter
den Augen.
4. Orycinae.
c. Hörner klein, drehrund, weit von einander entfernt, entspringen
mehr oder weniger weit hinter den Augen.
5. Cephalophinae.
II. Hörner (beim ♂) kräftig, oft sehr dick, entspringen nahe der
Mittellinie dicht hinter den Augen, mit kantigen Hornzapfen. Die
grossen Stirnhöhlen setzen sich in die Hornzapfen fort.
Ziegen und Schafe.
a. Hörner steil stehend, meist wenig divergirend, in der
Sagittalebene stark abgeplattet, mit vorderer Kante.
6. Caprinae.
b. Hörner mehr oder weniger stark nach aussen geneigt; Hornzapfen
dreikantig, oft stark abwärts gebogen.
7. Ovinae.
III. Hörner meist kräftig, entspringen weit von einander an den Seiten
der Stirn, hinter den Augen, nach rückwärts oder auswärts
gerichtet, ihre Längsrichtung erhebt sich selten über die
Stirnbeine. Die sehr grossen Stirnhöhlen setzen sich in die
Hornzapfen fort.
Rinder.
a. Stirn stark gewölbt, niedrig und schmal; Hörner und Hornzapfen
mit flachen Seiten, etwas kantig.
8. Bubalinae.
b. Stirn ziemlich flach oder concav, meist sehr breit oder sehr
hoch; Hörner meist mit rundem Querschnitt.
9. Bovinae.
Die gegenseitigen Beziehungen dieser Gruppen zu einander dürften sich
folgendermassen verhalten:
Strepsicerinae
|
{Gazellinae
{-{ | {Caprinae--Ovinae--Ovibos
Palaeomeryx { {Traginae---{
{ | {
{ Orycinae {Cephalophinae {Bubalinae
{ | {
{Antilocapra Portax { {Bison
{Leptobos -- Bibos{
{Bos