11. Fam. Cervidae.

Die Hirsche bilden eine in der Gegenwart auf allen Continenten mit

Ausnahme von Australien (und Afrika) reich entwickelte Familie von

Wiederkäuern; es ist eine wesentlich altweltliche Gruppe, wenn sich

auch in Nord- und Südamerika eine Anzahl eigenthümlicher Formen

entwickelt haben.

[Illustration: Fig. 1018. Palaeomeryx furcatus Hens. Obermiocän von

Steinheim. Geweih eines erwachsenen Thieres. r = Rosenstock.]

[Illustration: Fig. 1019. Cervus Matheronis Gerv. Unterpliocän vom Mont

Lébéron. Geweih. r = Rosenstock.]

Die ältesten Arten aus dem untersten Miocän von Europa besitzen noch

keine Geweihe; dafür sind bei ihnen die oberen Eckzähne hauerartig

ausgebildet (Fig. 1022). Die ersten geweihtragenden Formen treten

erst im oberen Miocän auf; doch sind diese Geweihe im Miocän noch

sehr niedrig, dichotomisch (Fig. 1018) oder mit wenigen kurzen Zacken

versehen, und sitzen auf einem langen Rosenstock; auch ist es bei

vielen zweifelhaft, ob sie abgeworfen wurden; erst im unteren Pliocän

werden die Geweihe lang, auf kurzem Rosenstock, haben aber noch selten

mehr als drei Enden jederseits (Fig. 1019, Sechsender). Reicher

verzweigt werden sie erst im oberen Pliocän, und vom obersten Pliocän

an treten die überaus mächtigen, üppig (Fig. 1020) verzweigten, oft

schaufelartigen Geweihe auf (Fig. 1021 D), die auch eine Reihe der

modernen Hirschformen auszeichnen.

[Illustration: Fig. 1020. Cervus Sedgwicki Falc. Oberes Pliocän. Val

d’Arno. Schädel mit Geweih.]

[Illustration: Fig. 1021. Cervus dama L. Recent. Vier Stadien der

Geweihentwickelung. a = Augenspross.]

Aehnlich verläuft auch die ontogenetische Entwickelung der reicher

verzweigten Geweihe, die im ersten Jahre einfach, bei der Neubildung

im nächsten Jahre gablig sind und dann jedes Jahr nicht nur grösser

werden, sondern meist auch immer mehr Enden erhalten (Fig. 1021). Das

Geweih ist während seines Wachsthums von Haut und Haaren bedeckt; hat

es die endgültige Grösse erreicht, so vertrocknet die Haut und wird

vom Hirsche abgefegt. Bei einer sehr extremen Gruppe (Giraffinae)

treten aber kurze plumpe Geweihe auf (Fig. 1026), die nie abgeworfen

werden, mit breiter Basis ohne Rosenstock auf dem Stirnbein festsitzen

und stets (?) mit Haut und Haaren bedeckt sind. Meist trägt nur das

Männchen ein Geweih.

Mittlere Metapodien stets zu einem Canon verwachsen, während die

seitlichen Metapodien nur noch in ihrem oberen oder im unteren

zehentragenden Theile existiren (Fig. 979 C). Metapodien mit

vollständigem distalen Kiel. Gebiss (0 · 1(0) · 3 · 3)/(0 · 1 ·

3(4) · 3). Obere C meist vorhanden, beim Männchen zu langen Hauern

entwickelt, wenn kein Geweih vorhanden ist, rudimentär, wenn dasselbe

mächtig ist. Die M sind meist brachyodont, niemals ganz prismatisch,

obwohl manche Formen verhältnissmässig hohe Kronen besitzen; sie sind

knospenförmig, indem die Krone an der Basis am breitesten ist, selten

verschmelzen die Enden der inneren Halbmonde mit den äusseren; gern

treten Basalwärzchen auf; der Schmelz ist meist auffallend runzlig. Die

oberen P sind kurz und bestehen aus einem äusseren und einem inneren

Halbmonde (einem halben Molar ähnlich), die unteren bestehen aus einer

Aussenwand mit mehreren kräftigen Innenfalten (Fig. 1023). Der Schädel

ist langgestreckt, die Schädelachse gerade. Das Thränenbein ist grubig

vertieft, davor befindet sich eine Gesichtslücke.

Es lassen sich drei Unterfamilien unterscheiden:

1. Ohne Geweih, oder mit kurzem Geweih auf langem Rosenstock; Männchen

mit hauerartigen oberen C (Fig. 1018, 1022).

Cervulinae.

2. Auf kurzem Rosenstock ein langes Geweih, das jährlich abgeworfen wird

(Fig. 1019-1021). Obere C rudimentär oder fehlend.

Cervinae.

3. Auf breiter Basis aufsitzend ein kurzes, plumpes, oft zeitlebens von

Haut und Haaren bedecktes Geweih ohne Rosenstock, das nie abgeworfen

wird (Stirnhöcker, Fig. 1026).

Giraffinae.

a. Cervulinae.

Hierher gehören die ältesten Hirsche aus dem Miocän von Europa und

Nordamerika, die sich in manchen Punkten noch sehr nahe an die

Tragulidae anschliessen. In diese Gruppe gehören auch noch die in Asien

lebenden hornlosen Moschus und Hydropotes (Moschusthiere) sowie der

geweihtragende Cervulus (Muntjakhirsche).

[Illustration: Fig. 1022. Palaeomeryx Feignouxi Geoffr. Miocän von

Allier. Schädel. c = verlängerter Eckzahn.]

Palaeomeryx H. v. Meyer (= Dremotherium Geoffr., Dicrocerus Lartet,

Prox Hensel, Amphitragulus Pomel). Backzähne noch sehr niedrig, mit

dicken Monden, mit Basalwülsten, oft auch mit kleinen Basalwärzchen.

Der erste Aussenmond der unteren Molaren zeigt an seiner Rückseite

einen eigenthümlichen Wulst (Fig. 1023 C, w -- Palaeomeryx-Wülstchen).

Der obere P₂ zeigt oft noch einen unentwickelten inneren Halbmond.

Mitunter finden sich unten noch vier P. Einige Arten besitzen

schon ein ganz primitives Geweih, andere nicht. Von Tragulus- bis

Edelhirsch-Grösse. Miocän von Europa; Siwaliks von Indien. Die Gattung

kann als Stammform der übrigen Cervidae sowie der Bovidae gelten.

P. (Amphitragulus) elegans Pomel, geweihlos, unten mit vier P.

Untermiocän von Allier; Rehgrösse.

P. (Dremotherium) Feignouxi Geoffr. (Fig. 1022), ohne Geweih, unten

mit drei P; kleiner als der vorige. Untermiocän von Allier.

P. (Prox) furcatus Hens. (Fig. 1018, 1023), mit gabligem Geweih und

drei P. Rehgrösse. Miocän von Steinheim und Sansan.

P. (Micromeryx) Flourensi Lartet, unten mit vier P, mit Geweih; von

Tragulus-Grösse. Miocän von Weissenau, Steinheim und Sansan.

P. eminens H. v. M., fast von Elenthiergrösse,? mit Geweih. Miocän

von Süddeutschland und Schweiz.

Blastomeryx borealis Cope, scheint nahe verwandt mit Palaeomeryx.

Ticholeptus-beds. Montana.

Cosoryx necatus Leidy u. a., mit hoher Zahnkrone, ist ähnlich. Loup

Fork-beds. Nordamerika.

[Illustration: Fig. 1023. Palaeomeryx furcatus Hens. Miocän von

Steinheim. A obere Milchbackzähne. B obere Backzähne. C untere

Backzähne. w = Palaeomeryxwülstchen; w’ = Basalwarzen.]

b. Cervinae.

Hierher gehören die typischen Formen der Hirsche, die vereinzelt schon

im obersten Miocän, zahlreich erst seit dem Pliocän in der alten

Welt auftreten, erst mit Geweihen von wenig Enden, seit dem Ende der

Pliocänzeit auch mit mächtigen, reich verästelten Geweihen. Im oberen

Pliocän gelangen sie nach Nord- und Südamerika; daselbst sind sie

heute, wie auch in der alten Welt durch zahlreiche Arten vertreten; in

Afrika finden sie sich nur in den Mittelmeergegenden.

Cervus L. (Fig. 979 C, 1019-1021, 1024, 1025).

C. lunatus H. v. M. Obermiocän von Süddeutschland.

C. (Capreolus) Matheronis Gerv. (Fig. 1019) ist ein Sechsender,

einer der ältesten echten Hirsche, aus dem unteren Pliocän von

Frankreich; Geweih ohne Augenspross.

C. (Axis) Etueriarium Croiz. et Job., Sechsender, Geweih mit rundem

Querschnitt, mit Augenspross. Oberes Pliocän von Frankreich und

Italien.

C. elaphus L., Edelhirsch (Fig. 1024); Geweih reich verzweigt, von

rundem Querschnitt, mit Augenspross. Diluvial und recent in Europa.

C. (Eucladoceros) Sedgwicki Falc. (Fig. 1020). Das Geweih ist so

mächtig und reich verzweigt wie bei keinem anderen Hirsch. Ohne

Augenspross. Oberes Pliocän. England. Italien.

C. (Megaceros) giganteus Blum. (= hibernicus Owen.) Riesenhirsch;

Geweih schaufelförmig, mit Augenspross; ein mächtiges Thier aus dem

europäischen Diluvium, dessen Geweih 3 m spannen kann. Ganze Skelete

finden sich nicht selten in irischen Torfmooren. Nahe verwandt ist

C. (Dama) vulgaris L. (Fig. 1021). Südeuropa.

C. (Alces) palmatus Gray, Elenthier; Geweih schaufelförmig, ohne

Augenspross. Diluvial und lebend. Europa.

C. (Rangifer) tarandus L., Renthier; Geweih reich verzweigt, von

sehr ovalem Querschnitt, fast glatt, mit Augenspross; es ist die

einzige Art mit Geweihen bei beiden Geschlechtern; die noch im Norden

von Europa, Asien und Amerika lebende Art ist eine der häufigsten und

bezeichnendsten Formen des europäischen Diluviums; fand sich bis zu

den Alpen und Pyrenäen.

[Illustration: Fig. 1024. Cervus elaphus L. Recent. A unterer P₄. B

unterer M₁. (⁶⁄₇)]

[Illustration: Fig. 1025. Cervus elaphus L. Diluvium von Vögtlinshofen

(Oberelsass). Oberer Molar. w = Basalwarze.]

c. Giraffinae.

Diese merkwürdigen Cerviden finden sich im unteren Pliocän von Europa

und sind sehr reich vertreten in den Siwaliks von Indien; eine Art lebt

noch in Afrika. Es sind alles Thiere von bedeutender Grösse. Stets

treten sehr umfangreiche Stirnhöhlen auf.

Helladotherium Gaudry; ungehörnt.

H. Duvernoyi Gaudry et Lartet. Unteres Pliocän von Europa, Persien,

Indien.

Camelopardalis Gmel. Mit einfachen kurzen, von Haut bedeckten

Geweihen (Stirnhöcker). Pliocän von Europa und Indien, lebend in

Afrika.

C. attica Gaudry. Pliocän von Pikermi.

[Illustration: Fig. 1026. Sivatherium giganteum Falc. and Cautl.

Siwaliks von Indien. Schädel.]

Sivatherium Falc. and Cautley (Fig. 1026), mit zwei Paaren von

Stirnhöckern, deren Basis getrennt ist; vorderes Paar kegelförmig,

kurz, hinteres gross, verzweigt und schaufelförmig. Siwaliks von Indien.

S. giganteum Falc. and Cautley (Fig. 1026) ist eines der

eigenartigsten Thiere aus den Siwaliks von Indien. Von

Elenthiergrösse.

Bramatherium perimense Falc. u. Cautl.; ähnlich, aber vordere

Stirnhöcker gross, von gemeinsamer Basis entspringend. Siwaliks von

Indien.

Elemente der Paläontologie · 第 543 / 606 题