Zu den »Zwergmoschusthieren« gehören die ältesten echten Wiederkäuer
von Europa. Dieselben erscheinen bereits im Oligocän in einer Anzahl
von Gattungen; ihre primitivsten Formen stehen den primitivsten
Camelidae noch sehr nahe; vielleicht sind dieselben auf Dichobunidae
zurückzuführen. Bis zur Pliocänzeit finden sich einzelne Gattungen in
Europa, wie der noch in Westafrika lebende Hyaemoschus, während in den
Siwaliks von Indien der daselbst noch lebende Tragulus erscheint. Auch
in Nordamerika sind einzelne Gattungen aus dem White-River-Oligocän und
John Day-Miocän bekannt. Unter ihnen finden sich die Stammformen der
Cervidae und Bovidae.
[Illustration: Fig. 1013. Gelocus communis Aym. Oligocän von Ronzon. A
obere Backzähne. B untere Backzähne von aussen. C untere Backzähne von
der Kaufläche.]
[Illustration: Fig. 1014. Bachitherium curtum Filh. Phosphorite von
Quercy. Untere Backzähne. A = P₄ und M₁; B = D₄; w = Basalwarzen.]
Die M sind sehr niedrig, die oberen mit einem Basalwulst versehen
(Fig. 1015), die Halbmonde sehr dick und plump, der Schmelz rauh. Der
obere P₄ kann einen inneren Halbmond besitzen (Fig. 1013); die übrigen
P stellen meist nur sehr verlängerte Klingen dar, die oberen zeigen
höchstens einen unbedeutenden Basalwulst, die unteren ganz schwache
Innenfalten. Der obere C ist wenigstens beim Männchen hauerartig
verlängert. Obere J sind mitunter noch vorhanden. Am Carpus ist das
Magnum mit dem Trapezoid verwachsen, am Tarsus das Cuboid mit dem
Naviculare; Ulna und Radius, sowie die mittleren Metapodien sind
oft schon verschmolzen, die Aussenzehen meist vorhanden, aber sehr
reducirt, ihre Metapodien oft unvollständig. Es sind durchgehends
Thiere von geringer Grösse.
Leptomeryx Evansi Leidy. 4/2 Zehen; mittlere Metacarpalia getrennt,
Metatarsalia verschmolzen. White River-Oligocän. Nordamerika.
Gelocus Aym. (Fig. 1013 u. 1017 B). Mittlere Metatarsalia verschmolzen,
Metacarpalia frei, die seitlichen in der Mitte unterbrochen. Gebiss:
(2 · 1 · 3 · 3)/(3 · 1 · 4 · 3). Innenhöcker der unteren M noch sehr
plump, unterer P₁ stiftförmig. Dies ist eine der ältesten echten
Wiederkäuerformen. Oligocän von Europa.
G. communis Aym. (Fig. 1013, 1017 B) ist selten in den Phosphoriten
von Quercy, häufig im Kalk von Ronzon.
Bachitherium Filhol (Fig. 1014) ähnlich Gelocus, aber 3/3 P und
freie Metatarsalia.
B. curtum Filh. (Fig. 1014). Phosphorite von Quercy.
Prodremotherium Filh. (Fig. 1015) ist vermuthlich ein directer
Nachkomme von Gelocus und kann als Stammform der Cervidae und Bovidae
angesehen werden. Gebiss: (0 · 1 · 3 · 3)/(3 · 1 · 3 · 3); oberer P₃
mit innerem Basalwulst, der den inneren Halbmond andeutet, welcher
an diesem Zahn erst bei den echten Cervidae wohl entwickelt ist. Die
mittleren Metapodien sind verschmolzen, die seitlichen noch weiter
reducirt als bei Gelocus. Oligocän von Europa.
P. elongatum Filh. Phosphorite von Quercy.
[Illustration: Fig. 1015. Prodremotherium elongatum Filh. Phosphorite
von Quercy. Oberer Molar. w = Basalwulst. (⁴⁄₃)]
[Illustration: Fig. 1016. Hyaemoschus crassus Lart. Pliocän von
Heggbach. Untere Milchbackzähne und Molaren.]
Hyaemoschus Gray (= Dorcatherium Kaup, Fig. 1016, 1017 A, C). Mit
getrennten mittleren und vollständigen, aber sehr dünnen seitlichen
Metapodien. Gebiss (0 · 1 · 3 · 3)/(3 · 1 · 3-4 · 3). Die unteren M
zeigen an beiden vorderen Monden eine starke, von der Spitze nach
hinten verlaufende Leiste. In Europa vom Obermiocän bis zum unteren
Pliocän, lebend in Westafrika.
H. crassus Lartet (= Naui Kaup, Fig. 1016, 1017 C). Sansan,
Steinheim, Eppelsheim etc.
Tragulus Pallas ist sehr ähnlich, besitzt aber verwachsene mittlere
Metapodien. Gebiss (0 · 1 · 3 · 3)/(3 · 1 · 3 · 3). In den Siwaliks
und lebend in Indien.
T. sivalensis Lyd. Siwaliks vom Bramaputra.
[Illustration: Fig. 1017. A Hyaemoschus aquaticus. Recent. Linker
Vorderfuss. B Gelocus communis Aym. Linker Vorderfuss. C Hyaemoschus
crassus Lart. Linker Hinterfuss.]