Eine moderne, durchaus auf die alte Welt beschränkte Gruppe von
Paarhufern bilden die Nilpferde, Thiere von sehr bedeutender
Körpergrösse, die sich vielleicht auf Suidae zurückführen lassen; nicht
nur die C, sondern auch die J sind bei ihnen zu gewaltigen wurzellosen
Hauern und Stosszähnen umgewandelt (Fig. 1009). Die vier Höcker der
M sind stark gefaltet, so dass deren Usurflächen kleeblattähnliche
Figuren darstellen (Fig. 1008). Der Schädel ist, wie gewöhnlich bei
wasserbewohnenden Säugern, sehr flach und breit, der Unterkieferwinkel
ist stark nach abwärts gezogen. Die Füsse besitzen vier gleich grosse
Zehen. Die einzige Gattung findet sich seit der Pliocänzeit in der
alten Welt.
[Illustration: Fig. 1008. Hippopotamus major Falc. Pliocän des Val
d’Arno, Letzter oberer Backzahn.]
Hippopotamus L. (Fig. 1008 u. 1009). Gebiss (2-3 · 1 · 4 · 3)/(1-3 ·
1 · 4 · 3). Erscheint zuerst in Indien in den oberen Siwaliks; die
älteste Art
H. (Hexaprotodon) sivalensis Falc. und Cautl. (Fig. 1009) besitzt
noch drei wohlentwickelte stosszahnähnliche obere und untere J.
Pliocän von Indien.
H. (Tetraprotodon) palaeindicus Falc. und Cautl., aus dem indischen
Pleistocän, hat unten nur noch die beiden äusseren J stark entwickelt,
der innerste ist rudimentär. Der sehr ähnliche
H. major Falc. (Fig. 1008) aus dem obersten Pliocän und dem ältesten
Diluvium von Europa zeigt auch den äusseren J beträchtlich
verkleinert; im Oberkiefer sind ebenfalls nur noch zwei J vorhanden.
H. amphibius L. lebt noch in den Flüssen und Seen von Afrika und ist
von der vorigen Art kaum specifisch zu trennen.
H. (Choeropsis) liberiensis Morton, eine kleine lebende Art aus den
Flüssen von Westafrika, besitzt nur noch einen einzigen unteren J.
[Illustration: Fig. 1009. Hippopotamus sivalensis Falc. u. Cautl.
Siwaliks von Indien. Vorderster Theil des Unterkiefers mit den
Schneide- und Eckzähnen.]
Ruminantia.
Als »Wiederkäuer« lassen sich eine Reihe von Familien zusammenfassen,
die durch eigenthümliche Ausbildung ihres Magens zum Wiederkauen ihrer
durchweg aus Pflanzenkost bestehenden Nahrung befähigt sind. Sie
stellen die höchste Entwickelung des Artiodactylentypus dar.
[Illustration: Fig. 1010. A Cervus elaphus L. Recent. Unterer Molar. B
Prodremotherium elongatum Filh. Phosphorite von Quercy. Oberer Molar. w
= Basalwulst; m = Marken.]
Ein Merkmal, das sämmtlichen hierher gehörigen Formen zukommt, ist
der Besitz von M, die im Ober- und Unterkiefer aus vier paarweise
angeordneten Halbmonden bestehen (Fig. 1010). In ihren typischen
Formen (Booidea) kommen den Wiederkäuern ferner noch eine Anzahl von
weiteren höchst bezeichnenden Merkmalen zu: Im Oberkiefer fehlen
alle J (Fig. 1022); im Unterkiefer wird der C schneidezahnähnlich
und bildet mit den echten J eine geschlossene Zahnreihe, die durch
eine weite Lücke von der Backzahnreihe getrennt ist. Im Tarsus und im
Carpus verwachsen einige Knochen miteinander, und ebenso die beiden
mittleren Metapodien unter weitgehender Reduction der äusseren Zehen,
die ganz fehlen können; die Reduction ist stets adaptiv (Fig. 979).
Orbitalrand vollständig. Höchst bemerkenswerth für Wiederkäuer ist
das Auftreten von paarigen Hörnern oder Geweihen auf den Stirnbeinen,
entweder nur beim Männchen oder bei beiden Geschlechtern. (Fehlen
Hörner, so sind oft die oberen C hauerartig verlängert.) Bei den
Hörnern bilden die Stirnbeine lange zapfenartige Auswüchse (Fig. 1027,
Hornzapfen), und das dieselben bedeckende verhornte Hautgewebe wird
zur Hornscheide; solche Hörner enden stets mit einer einzigen Spitze
und werden nie abgeworfen (excl. Antilocapra). Davon zu unterscheiden
sind die Geweihe (Fig. 1018-1021); hier bilden die Stirnbeine meist nur
verhältnissmässig kurze Auswüchse (Rosenstock); darauf erheben sich
die eigentlichen Geweihe, Hautverknöcherungen, die mehr oder weniger
reich verzweigt sein können, jährlich abgeworfen werden und wieder neu
über dem permanenten Rosenstock gebildet werden, mit welchem sie durch
Synostose verbunden sind. Geweihe sind wenigstens bei ihrer Entstehung
von Haut und Haaren bedeckt. Hörner, bez. Geweihe treten erst seit dem
Obermiocän auf.
In den Stirnbeinen entstehen häufig mehr oder weniger umfangreiche
Stirnhöhlen, die die äussere Gestalt des Schädels oft ausserordentlich
beeinflussen; diese Stirnhöhlen können sich in die Hornzapfen
fortsetzen und selbst mit Höhlen in den Geweihen in Verbindung treten.
Wiederkäuer erscheinen zuerst im Oligocän.
Zu den Wiederkäuern müssen auch noch eine Anzahl von Formen gerechnet
werden, die sich näher an die übrigen Artiodactyla anschliessen,
indem sie noch mehr oder weniger alterthümliche Merkmale zeigen, z.
B. unvollständigen Orbitalrand, obere Schneidezähne, lückenloses
Gebiss, keine Verwachsung und Reduction der Fussknochen, keine Hörner
oder Geweihe. Sie stellen zum Theil die Stammformen der höheren
Wiederkäuer dar, zum Theil sind es wiederkäuerartig ausgebildete Formen
anderer Abstammung; als solche sind jedenfalls die beiden Familien zu
betrachten, welche in Nordamerika entstanden sind, die Oreodontidae und
Camelidae.
Die Tragulidae sind in der alten Welt entstanden und nur spärlich
in Nordamerika vertreten; von ihnen dürften die gehörnten und
geweihtragenden echten Wiederkäuer abstammen, die sicher ebenfalls
altweltlichen Ursprunges sind, wenn auch die Cervidae heutigen Tages
zahlreich in Amerika vorkommen; die Bovidae dagegen, die höchste
Entwickelungsstufe der Artiodactyla, welche ihre höchste Blüthezeit
noch kaum hinter sich haben, sind seit jeher fast ganz auf die alte
Welt beschränkt und sandten nur ganz vereinzelte Vertreter nach
Nordamerika.