5. Fam. Equidae.

Die Equidae bilden eine in Europa, ganz besonders aber in

Nordamerika sehr reich entwickelte Familie von Unpaarhufern, deren

lebender Vertreter die Gattung Equus ist, welche allerdings in den

verschiedensten Beziehungen eine ganz extreme Ausbildung erreicht hat.

Die primitivsten Formen aus dem Eocän und Oligocän sind z. Th. kaum

von der Gattung Hyracotherium zu trennen, in der wir auch die Ahnen des

Pferdes zu suchen haben.

Auch bei den Equidae bildet sich an den oberen M eine W-förmige

Aussenwand (Fig. 968 A), die eine kräftige Kante (Fig. 975 c) in

der Mitte trägt. Die beiden Innenhöcker sind etwa gleich gross;

Zwischenhöcker sind wohl entwickelt und bilden schräge oder gebogene

Leisten, die, so lange der Zahn nicht stark abgekaut ist, mit der

Aussenwand nicht in Verbindung treten (Fig. 963). Die Innenhöcker

können mit diesen Leisten in Verbindung treten oder bleiben isolirt.

Die unteren M (Fig. 974 A) bilden zwei halbmondförmige Hälften, deren

vordere gewöhnlich hinten in eine Doppelspitze (β’) endet. Der P₄

und die C werden bei den extremsten Formen rudimentär. Die übrigen

P erreichen z. Th. sehr bald die volle Entwickelung der M (Fig.

969). Der dritte Lobus des unteren M₃ ist oft noch vorhanden. Die

Backzähne werden bei den jüngsten Formen säulenförmig (Fig. 975). Der

Orbitalrand, ursprünglich hinten offen (Fig. 965), wird nur bei den

höchsten Formen vollständig (Fig. 977).

[Illustration: Fig. 963. Pachynolophus siderolithicus Pict. Phosphorite

von Quercy. Oberer Molar. (²⁄₁)]

Die Zehenzahl ist meist 4/3-3/3; beim Pferde bleibt nur die mittlere

Zehe übrig und von den äusseren Zehen nur Rudimente der zweiten und

vierten Metapodien (Griffelbeine, Fig. 972 C, II u. IV); ebenso wird

der untere Theil der Ulna und die Fibula rudimentär. In Nordamerika

haben sich zahlreiche Formen gefunden, die sowohl im Gebiss wie in den

Gliedmassen alle denkbaren Zwischenstufen zwischen Hyracotherium und

Equus darstellen; verschiedene europäische Formen stehen denselben sehr

nahe.

a. Pachynolophinae.

Diese Gruppe vermittelt den Uebergang der Hyracotheriidae zu den

Palaeotheriinae. Eocän und Unteroligocän von Nordamerika und Europa.

Die Arten sind nur unvollständig bekannt.

[Illustration: Fig. 964. Pachynolophus argentonicus Gerv. Eocän von

Argenton. A oberer P₄. B oberer M₁. C unterer M₂ und M₃. (¹⁄₁)]

Pachynolophus Pomel (= Propalaeotherium Gerv., Fig. 963, 964). Gebiss

(3·1·4·3)/(3·1·4·3). Alle Höcker sind noch auffallend dick und nur

in geringem Grade zu Leisten entwickelt. An den unteren M ist die

Doppelspitze β’ meist deutlich. Oberes Eocän und unteres Oligocän von

Europa.

P. (= Hyracotherium) siderolithicus Pictet (Fig. 963). Schweizer

Bohnerze und Phosphorite von Quercy.

P. argentonicus Gerv. (Fig. 964) und P. Duvali Gerv. Eocän von

Frankreich.

Epihippus Marsh. Unten ähnelt P₃ und P₄ den M. Fünfter Finger

vollständig, aber sehr schwach. Verbindet Hyracotherium mit

Mesohippus. Uinta-Epoche.

E. gracilis Marsh. Utah.

b. Palaeotheriinae.

Diese Formen sind sowohl in Nordamerika wie in Europa sehr reich

entwickelt vom Oligocän bis zum oberen Miocän.

[Illustration: Fig. 965. Palaeotherium crassum Cuv. Oligocäner Gyps von

Paris. Schädel. (⅛)]

[Illustration: Fig. 966. Palaeotherium medium Cuv. Oligocäner Gyps

von Paris. l = Lunare; m = Magnum; p = Pyramidale; s = Scaphoid; t =

Trapezoid; II-V = 2. bis 5. Finger.]

[Illustration: Fig. 967. Paloplotherium annectens Owen. Oligocän.

Oberer Molar.]

[Illustration: Fig. 968. Palaeotherium crassum Cuv. Bohnerze von

Frohnstetten. A oberer, B unterer Molar. (¹⁄₁)]

[Illustration: Fig. 969. Palaeotherium curtum Cuv. Phosphorite von

Quercy. A obere, B untere Backzahnreihe. w = Basalwulst. (⅔)]

Palaeotherium Cuv. (Fig. 965, 966, 968, 969). Tapirähnliche Formen

mit 44 Zähnen, deren P den M gleichen. Die Innenhöcker der oberen M

verbinden sich meist mit den Zwischenhöckern zu sehr schrägen oder

gebogenen Leisten. An den unteren M ist statt der Doppelspitze der

übrigen Equidae nur eine einfache Spitze β’ vorhanden (Fig. 968, 969).

Die 3/3 Zehen sind nahezu gleich stark und berühren alle den Boden

(Fig. 966). Die Gattung ist ausserordentlich charakteristisch für das

Unteroligocän von Europa.

P. magnum Cuv., von Pferdegrösse, P. crassum Cuv. (Fig. 968), P.

medium Cuv. (Fig. 966), P. curtum Cuv. (Fig. 969), alle aus dem

Oligocän von Mitteleuropa.

Paloplotherium Owen (Fig. 967) ist ähnlich, doch fehlen die P₁, die

P sind noch etwas einfacher als die M, die Zahnkronen zeigen bereits

Cement und die Aussenzehen sind sehr dünn. Oligocän von Europa.

P. annectens Owen (Fig. 967). Oligocän von Mitteleuropa.

[Illustration: Fig. 970. Anchilophus Desmaresti Gerv. Phosphorite von

Quercy. Oberer Molar, stark abgekaut.]

Anchilophus Gerv. (Fig. 970, 971), unvollständig bekannt, steht

Mesohippus sehr nahe. Die unteren M besitzen die Doppelspitze β’ und

die oberen meist nur eine undeutliche Kante an der Aussenwand. Oligocän

von Europa.

A. radegundensis Gerv. (Fig. 971), A. Desmaresti Gerv. (Fig. 970).

Unteroligocän von Frankreich.

Mesohippus Marsh vermittelt zwischen den amerikanischen Epihippus

und Anchitherium. White-River-Oligocän von Nordamerika.

M. Bairdi Leidy. Häufig. Dakota, Nebraska.

[Illustration: Fig. 971. Anchilophus radegundensis Gerv. von Mauremont.

A oberer, B unterer Molar. (¹⁄₁)]

Anchitherium H. v. Meyer (Fig. 972-975 A, = Miohippus Marsh). J mit

Einstülpung wie bei Equinae, die Mesohippus noch fehlt. P₁ ist nur

noch einwurzelig, der dritte Lobus des unteren M₃ verkleinert. Die

Doppelspitze der unteren M wohl entwickelt. Die Seitenzehen sind schon

beträchtlich kürzer als die Mittelzehe und berühren gerade noch den

Boden. Eine einzige Art im europäischen Miocän; dagegen gehören hierher

zahlreiche Arten aus dem nordamerikanischen Miocän. Von dieser Gattung

dürften die Equinae abzuleiten sein.

A. aurelianense Cav. (Fig. 972-975 A). Sehr häufig im Obermiocän.

Europa.

A. praestans, A. equiceps Cope u. a. John-Day-Miocän von Oregon.

A. ultimum Cope, das »letzte« Anchitherium. Ticholeptus-Epoche.

Oregon.

[Illustration: Fig. 972. Linker Vorderfuss von A Anchitherium

aurelianense Blainv.; B Hippotherium gracile Kaup; C Equus caballus L.

k = Kiel; m = Magnum; t = Trapezoid: u = Unciforme; II-V = Metacarpale

des zweiten bis fünften Fingers.]

c. Equinae.

In diese Gruppe gehören die extremsten Formen der Familie mit

Säulenzähnen, deren Thäler vollständig mit Cement ausgefüllt sind und

die daher eine fast ebene Kaufläche besitzen; J mit Einstülpung; nur

noch die Mittelzehe berührt den Boden. Ulna und Fibula rudimentär;

es sind die einzigen Perissodactyla, bei welchen der Orbitalrand

vollständig ist. Fossil sind sie sehr reich in Nordamerika vertreten,

zuerst in den Ticholeptusbeds; nur einige Arten auch in der alten Welt

und in Südamerika.

[Illustration: Fig. 973. Obere Molaren von A Anchitherium aurelianense

Cuv., stark abgekaut; B Anchitherium aurelianense Cuv., Milchmolar; C

Merychippus mirabilis Leidy, Milchmolar; D Hippotherium gracile Kaup; E

Equus caballus L.]

[Illustration: Fig. 974. Unterer Molar von A Anchitherium aurelianense

Cuv.; B Hippotherium gracile Kaup; C Equus caballus L.]

Merychippus Leidy ist der eigentliche Ausgangspunkt der Equinae. Das

Milchgebiss ist noch das von Anchitherium, während das definitive

Gebiss dem von Protohippus entspricht. Loup Fork-Epoche von Nordamerika.

M. mirabilis Leidy (Fig. 973 C). Pliocän von Dakota, Nebraska, Texas.

Hippotherium Kaup (Fig. 972-977; = Hipparion Christol). An den oberen

M ist der b-Höcker ein cylindrischer Innenpfeiler und vollständig

getrennt von den B-förmig verbundenen übrigen Dentinleisten des Zahnes;

der Schmelz der oberen und unteren Backzähne ist sehr reich gefältelt;

die äusseren Zehen sind sehr schwach und berühren den Boden nicht mehr.

Wenige Arten im Pliocän der alten Welt und zahlreiche in Nordamerika

(Ticholeptus- und Loup-Fork-Epoche). Die Gattung ist nicht in die

direkte Ahnenreihe von Equus zu bringen.

H. gracile Kaup (Fig. 972 B, 973 D, 974 u. 975 B, 976, 977) ist die

einzige europäische Art; sehr häufig im Unterpliocän von Europa,

Persien und Algier.

H. antilopinum Falc. u. Cautl. Pliocän der Siwaliks von Indien.

H. speciosum Leidy. Loup Fork-Pliocän von Nebraska, Dakota.

H. occidentale Leidy. Pliocän von Dakota.

Protohippus Leidy. b- und d-Pfeiler der oberen M verbreitert, etwa

gleich gross, in Verbindung mit den b’- und b’’-Leisten; Füsse noch

3/3zehig, denen von Hippotherium gleichend. Pliocän von Nordamerika.

Von dieser Gattung ist die Gattung Equus direkt abzuleiten.

P. sejunctus Cope. Ticholeptus- und Loup Fork-Epoche.

P. perditus Leidy. Loup Fork-Epoche.

[Illustration: Fig. 975. A Brachyodonter Zahn von Anchitherium. B

Mässig hypselodonter Zahn von Hippotherium. C Stark hypselodonter Zahn

von Equus. c = Kante auf der Aussenwand des Zahnes.]

Equus L. (Fig. 972 C, 973 E, 974 u. 975 C). Der b-Pfeiler der oberen M

viel breiter als der d-Pfeiler, beide mit den b’- und b’’-Leisten in

Verbindung; Schmelz wenig gefältelt; der untere P₁ ist verschwunden,

ebenso die äusseren Zehen bis auf die Griffelbeine (Metapodien).

Zahnsäulen sehr hoch. Zahlreiche Arten der Gattung Equus finden sich

fossil in den »Equus«- und Megalonyx-beds von Nordamerika, einige Arten

auch in Südamerika und im obersten Pliocän und Diluvium der alten Welt.

Wilde Arten der Gattung finden sich noch lebend in Asien und Afrika,

während in Amerika zur Zeit seiner Entdeckung keine Art mehr existirte.

E. occidentalis Leidy, E. excelsus Leidy, E. crenidens Cope.

Equus-beds von Nordamerika.

E. curvidens Owen, E. Andium Wagn. Pampasformation. Südamerika.

E. sivalensis Falc. und Cautl. Obere Siwaliks von Indien.

E. Stenonis Cocchi. Oberstes Pliocän von Südeuropa. Von dieser Form

kann

E. caballus L. abstammen, das während der Diluvialzeit überall in

Europa in grosser Menge lebte (= E. fossilis) und als die Stammform

des Hauspferdes anzusehen ist. Es ist leicht möglich, dass neben

dieser einen Art noch andere Equus-Arten im europäischen Diluvium

lebten, deren Reste sich aber schwer unterscheiden lassen.

[Illustration: Fig. 976. Hippotherium gracile Kaup. Pliocän von

Pikermi. Linker Hinterfuss. a = Astragalus; c = Calcaneus; cb =

Cuboid; n = Naviculare; 2, 3 = 2. u. 3. Cuneiforme; II-IV = 2. bis 4.

Metatarsale.]

[Illustration: Fig. 977. Hippotherium gracile Kaup. Pliocän von

Pikermi. Schädel.]

Hippidium Burm. Backzähne wie Protohippus, aber die oberen gekrümmt:

Nasenbeine verlängert; 1/1 Zehen. Pliocän von Nord- und Südamerika.

H. spectans Cope. Loup-Fork-Epoche von Nordamerika.

H. principale Lund und H. neogaeum Lund. Pampasformation, Südamerika.

Zeitliche und örtliche Verbreitung der Equidae.

+-----------+--------+------------+------------------+----------------+-----------+

| | Afrika | Indien | Europa und Asien | Nordamerika | Südamerika|

| | | | (excl. Indien) | | |

+===========+========+============+==================+================+===========+

|Recent | Equus | | Equus | | |

+-----------+---|----+------------+-----|------------+----------------+-----------+

| | +----|---Equus----|---Equus | Equus----------|---Equus |

|Diluvium | | | | | | | | |

| | | | | | | | Hippidium--|-Hippidium |

+-----------+--------+-----|------+-----|------------+ | | | |

| | | Equus----|---Equus----------|-Equus | | |

| | | | | | | | |

| | |Hippotherium---Hippotherium | Protohippus | |

|Pliocän | | | | | | | |

| | | | +--------|-Hippotherium | | |

| | | | | | | | |

| | | | | Merychippus| |

+-----------+--------+------------+------------------+---------|------+-----------+

|Miocän | | | Anchitherium-----|---Anchitherium | |

+-----------+--------+------------+------------------+------|---------+-----------+

| | | |Paloplotherium | | | |

| | | || Anchilophus| Mesohippus | |

|Oligocän | | || Palaeotherium || | | |

| | | || | Pachynolophus| Epihippus | |

+-----------+--------+------------+|--|------|-------+------|---------+-----------+

|Obereocän | | |Pachynolophus | | | |

|(Bridger) | | | | | | | |

| | | | Hyracotherium-|--Hyracotherium | |

+-----------+--------+------------+----------|-------+------|---------+-----------+

|Mitteleocän| | | Hyracotherium--|--Hyracotherium | |

|(Wasatch) | | | | | | |

| | | | | Phenacodus | |

+-----------+--------+------------+------------------+------|---------+-----------+

|Untereocän | | | | Protogonia | |

|(Puerco) | | | | | | |

| | | | | Periptychidae | |

+-----------+--------+------------+------------------+----------------+-----------+

Elemente der Paläontologie · 第 529 / 606 题