19. Ordnung Artiodactyla.

Die Paarhufer treten in sehr primitiven Formen zuerst im Wasatch-Eocän

von Nordamerika auf, erscheinen gegen Ende des Eocän auch in Europa,

sind daselbst im Oligocän schon sehr reich entwickelt, erreichen aber

ihre grösste Mannigfaltigkeit erst im jüngeren Tertiär der alten Welt;

noch heute gehören sie hier zu den blühendsten und hervorragendsten

Säugethiergruppen. In Nordamerika, dem Eldorado der Perissodactyla,

sind Artiodactyla seit dem Oligocän wohl zahlreich an Individuen,

zeigen aber keine so grosse Formenmannigfaltigkeit. Von den zahlreichen

Familien der Artiodactyla sind nur zwei, die Oreodontidae und

Camelidae, daselbst zu einer sehr hohen Blüthe gelangt. Als Mutterland

aller übrigen Paarhufer darf die alte Welt gelten, von der auch Nord-

und Südamerika die Mehrzahl ihrer heutigen Artiodactylenformen erhalten

haben.

[Illustration: Fig. 978. Palaeomeryx furcatus Hensel. Miocän von

Steinheim. Linker Astragalus von vorn gesehen mit oberem (t) und

unterem (n) Rollengelenke.]

[Illustration: Fig. 979. A Hyaemoschus aquaticus, recent; B Gelocus

communis Aym., Oligocän; C Cervus, recent; D Tragoceros amaltheus Roth

u. Wagner, Pliocän.

Illustration: Fig. 980. A Hyopotamus, B Anoplotherium commune Cuv. Gyps

von Paris.

Linker Vorderfuss. l = Lunare; m = Magnum; p = Pyramidale: s =

Scaphoid; t = Trapezoid; tz = Trapez; u = Unciforme; II-V = 2. bis 5.

Metacarpale.]

Der Fuss der Artiodactyla hat mit dem der Perissodactyla im

wesentlichen nur die alternirende Anordnung der Carpalia und Tarsalia,

das proximale Rollengelenk des Astragalus und den unguligraden Bau

gemeinsam. Am Femur tritt kein dritter Trochanter mehr auf; der

Calcaneus besitzt ein Fibulargelenk, der Astragalus auch ein distales

Rollengelenk (Fig. 978); die dritte und vierte Zehe am Vorder- und

Hinterfuss sind stets gleich lang und gleich stark (Fig. 979-983).

Die erste Zehe findet sich nur bei einer Familie (Oreodontidae) noch

erhalten, meist sind nur vier Zehen vorhanden, von denen die beiden

mittleren auf Kosten der äusseren immer länger und stärker werden

können und schliesslich allein übrig bleiben. Alle denkbaren Stufen

von Rückbildung der äusseren Zehen finden sich bei den Artiodactyla.

Die Gruppen, bei welchen die mittleren Metapodien nicht nur länger

und stärker wurden auf Kosten der äusseren, sondern die letzteren

auch von ihren Ansatzstellen verdrängten (das 3. und 4. Metacarpale,

bez. Metatarsale setzt sich an Stelle des 2. und 5. auch mit deren

Carpale, bez. Tarsale in Verbindung), so dass sie eine breitere und

sicherere Stützfläche hatten -- »adaptive Reduction« (Fig. 979 A-D),

waren offenbar dadurch in grossem Vortheile vor den Formen, bei welchen

die 2. und 5. Metapodien wohl kürzer wurden, aber ihren Platz an den

Hand- und Fusswurzelknochen hartnäckig behaupteten -- »inadaptive

Reduction« (Fig. 980 B). Die letzteren Formen waren bereits im Miocän

völlig ausgestorben; die adaptiven sind heute die alleinigen Vertreter

der Artiodactylen. Die Stärke des Fusses wurde bei vielen Artiodactylen

noch dadurch vermehrt, dass, wenn die Verkümmerung der äusseren Zehen

weit gediehen war, auch umfangreiche Verschmelzungen stattfanden; es

verschmolzen vor allem die beiden mittleren Metapodien mit einander zu

dem langen, mit zwei distalen Gelenken versehenen »Canon« (Fig. 979

mc, 983 mt), einem der charakteristischsten Wiederkäuerknochen; es

verschmolzen dann ferner auch (Fig. 979) Magnum und Trapezoid (m + t)

am Carpus, sowie (Fig. 983) Naviculare und Cuboid (n + c) am Tarsus,

mitunter finden noch weitere Verwachsungen statt (Fig. 982 3 + n + c).

[Illustration: Fig. 981. Caenotherium commune Brav. Phosphorite von

Quercy. Linker Hinterfuss.]

[Illustration: Fig. 982. Hyaemoschus crassus Lart. Miocän von

Steinheim. Linker Hinterfuss.

a = Astragalus; c = Cuboid; ca = Calcaneus; n = Naviculare; 2, 3 = 2.

u. 3. Cuneiforme; II, V = 2. u. 5. Metatarsale.]

[Illustration: Fig. 983. Gazella brevicornis Gaudry. Pliocän. Pikermi.

a = Astragalus; ca = Calcaneus; n + c = Naviculare + Cuboid; 3 = 2.

+ 3. Cuneiforme; mt = Canon (3. + 4. Metatarsale; III, IV = 3. u. 4.

Zehe.]

Das Gebiss zeigt ursprünglich 44 Zähne; der P₁ geht fast auf allen

Linien allmählich verloren. Bei einigen Familien wird das Gebiss

vollkommen lückenlos (Fig. 991), während bei den meisten Wiederkäuern

sich zwischen C und P eine sehr weite Lücke bildet. Der C wird

mitunter hauerartig, oft auch rudimentär. Bei den Wiederkäuern

verschwinden die oberen J, meist auch die C, völlig; die unteren C

werden oft schneidezahnartig, mitunter die P₁ eckzahnartig. Die M

sind tetragonodont, nur bei Pantolestes noch trigonodont. Neben den

vier Haupthöckern tritt oben bei vielen der älteren Artiodactyla

in der vorderen (oder hinteren) Zahnhälfte ein gesonderter grosser

Zwischenhöcker b’ (b’’) auf, der als fünfter Haupthöcker bezeichnet

wird (Fig. 994); bei den moderneren Formen scheint derselbe sich

mit dem b- (oder d-)Höcker vereinigt zu haben. Werden die oberen M

lophodont, so geschieht dies, indem einige oder alle Haupthöcker

halbmondförmig werden, die offene Seite nach aussen gerichtet

(selenodont). Die beiden Aussenmonde sind gewöhnlich zu einer

Aussenwand vereinigt, die daher eine mittlere Kante trägt (Fig. 994).

Auch an den unteren M können die beiden Aussenhöcker, oder schliesslich

alle vier Haupthöcker halbmondförmig werden, die offene Seite nach

innen gerichtet. Der untere M₃ hat stets einen dritten Lobus (Fig.

984), der obere M₃ ist nie kleiner, manchmal aber viel grösser als

die übrigen. Die Backzähne sind fast immer heterodont; die oberen P

erscheinen bei den höchsten Selenodonten nur wie halbe M, mit einem

a- und b-Mond (Fig. 1023 B); bei primitiven Formen sind die oberen

und unteren P oft sehr verlängert und bestehen dann nur aus einem

klingenförmigen Aussenhöcker. Dafür sind die Milchbackzähne viel

complicirter gebaut und der D₄ gleicht oben (Fig. 1023 A) wie unten

dem M₃. Die drei Abschnitte des unteren D₄ entsprechen aber keineswegs

denen des M₃, indem beim D₄ der dritte Lobus δ des M₃ fast ganz fehlt,

und dafür der α-Höcker stark ausgebildet ist (Fig. 984). Die Zahnkrone

zeigt sehr verschiedene Höhe, nur einige der modernsten Formen erhalten

ganz prismatische Backzähne. Am Schädel treten öfter Gesichtslücken

auf; häufig wird der Orbitalrand vollständig. Ein grosser Theil

der moderneren Artiodactyla entwickelt paarige Hörner auf den

Stirnbeinen. Die Halswirbel sind meist mehr oder weniger opisthocöl;

der Zahnfortsatz des Epistropheus wird bei den meisten Wiederkäuern

rinnenförmig.

[Illustration: Fig. 984. Dicotyles torquatus. Brasilien.

Unterkieferbackzähne. A drei Milchbackzähne und erster Molar, B letzter

Molar.]

Unter den Artiodactyla können 12 Familien angenommen werden:

A. M trigonodont, oben mit zwei Zwischenhöckern. Pantolestoidea. 4/4

Zehen, die äusseren stark reducirt.

1. Fam. Pantolestidae (p. 788).

B. M tetragonodont, die oberen mit fünf Haupthöckern oder Halbmonden;

J und C stets entwickelt; die zwei (selten drei, bei Anwesenheit des

α-Höckers) Innenhöcker der unteren M mehr oder weniger kegelförmig.

Es treten nie Verwachsungen an den Fussknochen ein. Anoplotherioidea.

I. Die Vorderhälfte der oberen M mit zwei (oder drei), die hintere

mit drei Höckern oder Halbmonden; höchstens kleine Lücken im

Gebiss. 4/4 Zehen.

2. Fam. Dichobunidae (p. 789).

II. Die Vorderhälfte der oberen M mit drei, die hintere mit zwei

Höckern oder Halbmonden. Fuss wird inadaptiv reducirt.

a. Zwei oder vier Zehen; die oberen M mit fünf, die unteren wie

bei den echten Wiederkäuern mit vier Halbmonden; Gebiss zeigt

höchstens kleine Lücken.

3. Fam. Xiphodontidae (p. 790).

b. 2-3/3 Zehen, inadaptiv reducirt. Zahnreihe lückenlos; bei den

unteren M sind meist drei kegelförmige Innenhöcker vorhanden,

und nur die beiden Aussenhöcker werden halbmondförmig.

4. Fam. Anoplotheriidae (p. 790).

c. Vier (selten zwei) Zehen, inadaptiv reducirt. Grosse Lücken in

der Zahnreihe; C gross; an den unteren M sind nur zwei

kegelförmige Innenhöcker da, und nur die beiden Aussenhöcker

können halbmondartig werden.

5. Fam. Anthracotheriidae (p. 792).

C. M tetragonodont; der obere und untere M₁ und M₂ mit vier Haupthöckern

oder vier Halbmonden; Fuss wird adaptiv reducirt.

I. Backzähne mit Höckern (selten Querjochen). Suoidea.

a. J nicht auffallend verlängert, unten in geschlossener Reihe.

4/4-3 Zehen.

6. Fam. Suidae (p. 794).

b. J hauerartig verlängert, nicht in geschlossener Reihe. 4/4

wohlentwickelte Zehen.

7. Fam. Hippopotamidae (p. 796).

II. Molaren oben und unten mit vier Halbmonden. Ruminantia (p. 797).

a. Wenigstens ein oberer J vorhanden. Am Tarsus und Carpus finden

nie Verwachsungen statt; Hörner fehlen stets, und der obere C

ist nie hauerartig verlängert. Unterer C meist den J ähnlich.

Cameloidea.

1. Halswirbel mit Foramen transversarium: vier oder fünf

wohlentwickelte Zehen; Zahnreihen meist vollständig und

lückenlos.

8. Fam. Oreodontidae (p. 799).

2. Halswirbel ohne Foramen transversarium; nur zwei Zehen

wohlentwickelt; Gebiss mit grossen Lücken.

9. Fam. Camelidae (p. 800).

b. Obere J fehlen fast stets vollständig; unterer C

schneidezahnähnlich, den J angeschmiegt, dahinter eine grosse

Lücke. Am Tarsus verschmilzt Naviculare stets mit Cuboid, am

Carpus Magnum mit Trapezoid. Entweder sind Hörner oder ein

hauerartig verlängerter oberer C beim Männchen vorhanden.

Booidea.

1. Nur der letzte obere P kann einen wohlentwickelten Innenmond

besitzen, die übrigen bestehen wesentlich aus einer

verlängerten klingenartigen Aussenwand. Männchen ungehörnt,

aber mit hauerartigen oberen Eckzähnen.

10. Fam. Tragulidae (p. 802).

2. Mittlere Metapodien sind stets verwachsen. Die oberen P₂-P₄

besitzen alle einen wohlentwickelten inneren Halbmond, die

unteren kräftige Innenfalten.

α. Männchen entweder mit Geweih oder mit hauerähnlichen

oberen C.

11. Fam. Cervidae (p. 804).

β. Männchen (meist auch Weibchen) mit Hörnern; obere C

fehlen ganz.

12. Fam. Bovidae (p. 808).

Elemente der Paläontologie · 第 530 / 606 题